EXODUS?

Zweiteilige Dokumentation mit Christopher Clark

Die zweiteilige Dokumentation "EXODUS?" widmet sich der Ge­schichte der Juden in Europa und setzt sich mit den Traditionen des Antisemitismus auseinander. Warum werden Juden immer wieder Opfer von Diskriminierung und Angriffen? Welche Traditionen hat das Judentum geprägt, welche Werte, die aus Europa nicht mehr wegzudenken sind, geschaffen? Zum Gedenk­tag 80 Jahre nach den Novemberpogromen 1938 und mit Blick auf aktuelle antisemitische Vorfälle im In- und Ausland geht der renommierte Cambridge-Historiker Prof. Christopher Clark diesen Fragen nach.

  • ZDF, Sonntag, 4. November 2018, 19.30 Uhr / Dienstag, 6. November 2018, 20.15 Uhr
  • 3sat, Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20.15 Uhr (89-minütige Fassung)

Texte

Der Rückfall
Vorwort von ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler

Der Antisemitismus greift wieder stärker um sich, drängt von den politischen Rändern in die Mitte der Gesellschaft, entfaltet in der Schnittmenge von radikalen Gruppen und rechtspopulistischen Parteien besondere Brisanz. Neue Medien dienen dabei auch als Plattform der Diskriminierung und Hetze. Die Zahl antisemitischer Übergriffe ist gestiegen. Wenn Juden in Ländern Europas heute wieder das Gefühl haben, in ihrer Heimat keine Zukunft mehr zu haben, keine Perspektive, dann ist das ein Armutszeugnis unse­rer Wertegemeinschaft.

Vor diesem Hintergrund ist die zweiteilige Dokumentation "EXODUS?" entstanden. Zum einen geht es uns um eine Momentaufnahme des Antisemitismus in Europa und um die Darstellung seiner Traditionen. Doch ist die Geschichte der Juden nicht nur eine der Ausgrenzung  und Verfolgung. Immer gab und gibt es auch das Verbindende, das Gemeinsame, das selbstver­ständliche Zusammenleben und –wirken, davon künden auch besondere Errungenschaften, ob in der Kunst, der Literatur, der Wissenschaft oder Wirtschaft.

Prof. Christopher Clark, der als Moderator der "Deutschland-Saga" und der "Europa-Saga" schon mehrmals für das ZDF auf Zeitreise ging, will auch mit diesem Projekt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannen. Auch diesmal führt seine Route zu historischen Schauplätzen, ob in Israel, Frankreich, Deutschland, Tschechien oder Ungarn. Er sucht Orte jüdischen Lebens auf, darunter auch Brennpunkte, an denen anti­semitische Parolen laut werden und Übergriffe stattfanden.

Clark besucht aber auch kulturelle Zentren, Erinnerungsorte und berühmte Synagogen, spricht mit Angehörigen jüdischer Gemein­den, die sich um Verständigung bemühen. Sie berichten von Momenten der Bedrohung, aber auch von der Hoffnung auf mehr Gemeinsamkeit.

Die Mitwirkenden am Projekt, die ZDF-Redaktionen Terra X und Zeitgeschichte, Moderator Prof. Christopher Clark, Produzent Gero von Boehm und seine Mitautoren wollen besonders eins vor Augen führen: Die Entfaltung jüdischen Lebens hängt auch künf­tig davon ab, ob die Mehrheit in den Gesellschaften Europas anti­semitischen Tendenzen, die sich immer auch gegen Grundlagen unserer demokratischen Kultur richten, die Stirn bieten wird.

Verachtung von Menschen und Werten
Vorwort von Prof. Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft, und Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte

Es sind beklemmende Erfahrungen, bei denen man glaubte und hoffte, sie gehören der Vergangenheit an: Dass wieder Angst umgeht unter jüdischen Mitbürgern in Europa. Dass sich viele auf den Straßen ihrer Heimatstädte nicht mehr sicher fühlen, ver­höhnt und angegriffen werden, dass Hass-Parolen im Internet kursieren, radikalisierte Extremisten Anschläge verüben. Zwar hat der Antisemitismus in Europa verschiedene Ursprünge und Aus­prägungen, laut Umfragen neigen ihm eher Minderheiten und nicht Mehrheiten innerhalb der Gesellschaften zu, doch fühlen sich jüdische Mitbürger in einigen Ländern zunehmend bedroht, vermeiden es mancherorts gar, sich äußerlich als Jüdin oder Jude zu erkennen zu geben.

Was ist da geblieben von der Erinnerung an Zeiten schlimmster Diskriminierung und Verfolgung, an das Menschheitsverbrechen, den Holocaust, an seine Vorgeschichte? Ist es Unkenntnis, Ver­gessen, oder eben bewusstes Verdrängen, gar Leugnen, das dem zerstörerischen Denken wieder Raum gibt?

Die Suche nach den Ursachen für den Hass auf Juden ist so alt wie der damit verbundene Verlust von Mitmenschlichkeit selbst. Die Vielfalt der Begriffe spiegelt das Spektrum der Deutungsver­suche: von religiösem, völkischem, rassistischem, wirtschaftlich-sozialem, importiertem islamischen, antizionistischem, primärem und sekundärem Antisemitismus ist die Rede. Und doch verbindet all diese früheren und neu kursierenden Aversionen ein Stereo­typ: Die Juden sind schuld, ohne sie ginge es uns besser!

Es erscheint symptomatisch, dass der Antisemitismus offenbar nicht einmal einer objektiven Rechtfertigung oder Begründung bedarf, immer wieder erweisen sich übliche Vorhaltungen als haltlos, sobald man sie an der Realität misst. Dabei zeigt sich ein tradiertes Verhaltensmuster: Teile der Gesellschaft führen das, was sie ablehnen, nicht bewältigen können oder als Krise empfin­den auf fremden Einfluss zurück, auf das Einwirken "Dritter". Diese werden dann zur Zielscheibe, oft sind es Minderheiten und seit vielen Epochen vor allem Juden.

Wie sich dies in der Geschichte wiederholte, zeigen unsere Filme, macht der Historiker Prof. Christopher Clark an den Stationen, die er für uns aufsucht, deutlich. Zehntausende jüdische Europäer haben dem Kontinent in den letzten Jahren den Rücken gekehrt, sind von dort, wo die Gewalt besonders eskalierte, ausgewandert. Manche sprechen von einem "neuen Exodus", wenngleich die weitaus meisten in ihrer Heimat bleiben wollen und manche auch wieder zurückkehren. Doch bleibt jede Auswanderung in Folge antisemitischer Vorfälle zugleich Sinnbild für den Verlust von tragenden Werten Europas.

Über den Doku-Zweiteiler "EXODUS?"

Die zweiteilige Dokumentation "EXODUS?" widmet sich der Ge­schichte der Juden in Europa und setzt sich mit den Traditionen des Antisemitismus auseinander. Warum werden Juden immer wieder Opfer von Diskriminierung und Angriffen? Wo ist jüdisches Leben unangefochten und unbehelligt? Welche Traditionen hat das Judentum geprägt, welche Werte, die aus Europa nicht mehr wegzudenken sind, geschaffen? Welche wissenschaftlichen, reli­giösen und kulturellen Fundamente hat es gelegt? Zum Gedenk­tag 80 Jahre nach den Novemberpogromen 1938 und mit Blick auf aktuelle antisemitische Vorfälle im In- und Ausland geht der renommierte Cambridge-Historiker Prof. Christopher Clark diesen Fragen nach.

Der gebürtige Australier macht sich für den Doku-Zweiteiler "EXODUS?" auf den Weg zu bedeutenden Schauplätzen in Europa und im Nahen Osten, sucht nach Zeugnissen und Spuren jüdischer Geschichte und antisemitischer Verfolgung. Christopher Clark, der in der Vergangenheit bereits erfolgreiche historische Doku-Reihen wie "Die Deutschland-Saga" und "Die Europa-Saga" im ZDF präsentierte, spricht mit Historikern, Angehörigen jüdi­scher Gemeinden, Zeitzeugen sowie mit gesellschaftlichen und politischen Akteuren, auch an antisemitischen Brennpunkten.

Die zweiteilige Dokumentation ist eine ZDF/3sat-Auftragsproduk­tion der Interscience Film. Produzent und Regisseur ist Gero von Boehm. Die Redaktion haben Stefan Brauburger, Georg Graffe und Anja Greulich, die Leitung Prof. Peter Arens.

Fachberater der Dokumentationen sind die Historikerin und Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Prof. Stefanie Schüler-Springorum und Prof. Andreas Nachama, Historiker, Rabbiner und jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Neben der Dokumentation "EXODUS?" ist zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome am 9. November im ZDF ein Beitrag im Geschichtsmagazin "ZDF-History" geplant. ZDFinfo sendet an diesem Tag von 18.45 bis 5.30 Uhr eine lange Themenstrecke mit den Dokumentationen "Schindlers Liste – Eine wahre Geschichte" und "Jerusalem – ewiger Kampf um die Heilige Stadt", mit acht Folgen der Reihe "Die Wahrheit über den Holocaust" sowie den beiden Folgen "EXODUS?".

Der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands erstellt zur Dokumentation "EXODUS?" begleitende Unterrichtsmaterialien.

Sendetermine, Stab

Sonntag, 4. November 2018, 19.30 Uhr, ZDF
Dienstag, 6. November 2018, 20.15 Uhr, ZDF

3sat zeigt eine 89-minütige Fassung am Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20.15 Uhr.

EXODUS?

Zweiteilige Dokumentation mit Christopher Clark

Folge 1: EXODUS? Eine Geschichte der Juden in Europa

Folge 2: EXODUS? Antisemitismus in Europa

 

Buch Gero von Boehm, Susanne Utzt (Folge 1), Peter Hartl (Folge 2)
Regie Gero von Boehm
Kamera (Doku)Alexander Hein
Wiss. BeratungProf. Stefanie Schüler-Springorum, Prof. Andreas Nachama
Kamera (Szene)   Jiří Vágner
Schnitt Andreas Tiletzek
GrafikOliver Peters, Sven Zuege
SzenenbildVladimír Hruška
Ausstattung Jan Rovinský
KostümRenata Janoušková
Maske Ivana Němcová
ProduktionsleitungChristiane von Boehm (Interscience Film), Roman Kašparovský (Szenen), Cora Szielasko-Schulz (ZDF)
Produzent  Gero von Boehm, Interscience Film
RedaktionStefan Brauburger, Georg Graffe, Anja Greulich
LeitungProf. Peter Arens
Länge2 x 43'30'' (ZDF), 1 x 89' (3sat)

                    

Folge 1: EXODUS? Eine Geschichte der Juden in Europa

Sonntag, 4. November 2018, 19.30 Uhr, ZDF

Folge 1: EXODUS? Eine Geschichte der Juden in Europa

Zu Beginn der ersten Folge begibt sich Prof. Christopher Clark auf Spurensuche in Israel. Mit dem Tempel Jahwes in Jerusalem, dessen bekanntester Rest die berühmte Klagemauer ist, entstand in der Antike das religiöse und politische Zentrum der Juden. Die vor Jahrzehnten bei Qumran am Toten Meer gefundenen Schrift­rollen sind ein weiterer Schlüssel zum Verständnis jüdischer Kultur. Israelische Archäologen und Restauratoren erläutern Clark die uralte, tiefgreifende Beziehung zwischen diesen Texten und der Geschichte der Juden. Die Tora wurde zum Kern jüdischer Identität, vor allem nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Zerstörung des Tempels. Seitdem bildet die Heilige Schrift die große Klammer, die das jüdische Volk in der Diaspora zusammenhält, sie wurde zum "portativen Vaterland", wie der Dichter Heinrich Heine bemerkte, einer Heimat zum Mit­nehmen. Sie hat die Wanderschaft der Juden über alle Zeiten und Kontinente hinweg bis heute begleitet.

Christopher Clark reist auch zu den Zentren jüdischen Lebens in Europa. Als das römische Reich im vierten Jahrhundert christlich wurde, siedelten Juden schon überall auf dem Kontinent. Vor allem in Sepharad, der iberischen Halbinsel, in Südfrankreich und in Aschkenas – hebräisch für die deutschsprachigen Länder. Die drei Gemeinden Speyer, Worms und Mainz galten im frühen Mittelalter als "Jerusalem am Rhein". Viele Herrscher, auch Karl der Große, stellten jüdische Bewohner als gleichwertige Bürger unter ihren Schutz. Die schriftkundigen, vielsprachigen Juden mit ihren Handelskontakten waren willkommene Entwicklungshelfer in den aufblühenden Städten, auch wenn sie ein für Christen rätselhaftes, durchritualisiertes Leben führten.

Zwei Faktoren trugen dazu bei, dass diese Haltung im Verlauf des Mittelalters in offene Feindseligkeit umschlug. Zum einen das Entstehen von christlichen Handwerkszünften, zu denen Juden nicht zugelassen waren. Zum anderen das Zinsverbot für Chris­ten, das es untersagte, anderen Christen gegen Zinsen Geld zu verleihen. Aus den meisten Berufen per Gesetz verdrängt, nutz­ten Juden häufig diese Nische und wurden Geldverleiher. So kam das Feindbild vom "geldgierigen Juden" in die Welt. Zur großen Zäsur für die Juden Europas wurden die Kreuzzüge. Beim Durch­zug der Kreuzfahrerheere kam es zu schweren Judenverfol­gungen in Frankreich und Deutschland. Es waren die ersten großen Pogrome des Abendlandes.

Trotz aller Schutzbemühungen der Kaiser verschlimmerte sich die Lage der Juden in Zentraleuropa. Gründe, die Juden zu verfolgen, gab es aus christlicher Perspektive genug: Die Juden galten als Christus-Mörder. Sie assimilierten sich nicht, hielten stattdessen an ihrer Religion fest. Immer häufiger mussten sie als Blitzableiter für Krisensituationen herhalten. Vor allem als 1347 die Pest aus­brach, die in knapp zehn Jahren ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinraffte. Angeblich hätten Juden die Brunnen vergiftet – ein folgenschweres Gerücht, das die größte Verfol­gungs- und Vernichtungsaktion in der Geschichte der Juden vor der Schoah zur Folge hatte.

1492 wurden die sephardischen Juden aus Spanien vertrieben. Sie zogen unter anderem in den Maghreb und das Osmanische Reich. Die meisten Aschkenasim hatten zuvor in Polen Schutz gesucht, wo bald mehr als zwei Drittel aller europäischen Juden lebten. In Krakau, Lublin, Lemberg und Vilnius gründeten sie ihre Gemeinden, für die der Begriff Schtetl sinnbildlich steht.

Prof. Clark sieht sich in einem weiteren Zentrum jüdischer Kultur um: in Prag. Hier erlebten Juden in der frühen Neuzeit ein "Goldenes Zeitalter". Im 17. Jahrhundert gewannen sie als Kreditgeber und Hoffaktoren, als Kaufmänner an Europas Fürstenhöfen, enormen Einfluss. Das zeigt das Beispiel von Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738). Der Finanzminister des Herzogs von Württemberg führte effektive, aber unbeliebte Reformen durch. Nach dem Tod seines Herrn wurde er verhaftet, zu Unrecht verurteilt und öffentlich hingerichtet. Der Nazi-Propa­gandastreifen "Jud Süß", der zur ideologischen Vorbereitung des Holocaust diente, stilisierte ihn später zum Inbegriff des geldgie­rigen Juden. 

Die Rothschilds aus dem Frankfurter Ghetto dagegen machten sich nicht von einem Herrscher abhängig. Gründervater Mayer Amschel Rothschild, geboren 1744, begann mit einfachen Wech­selgeschäften und verteilte seine fünf Söhne strategisch über den ganzen Kontinent. Bald zählten die Herrscher Europas zu ihren Kunden – das Haus Rothschild wurde zu einer der erfolgreichsten Bankdynastien und existiert noch heute.

Aber die Mehrheit der Juden wurde im 18. Jahrhundert arm. Die Ghettos waren überfüllt. Heimatlos irrten immer mehr besitzlose Juden von Stadt zu Stadt. Hoffnung auf Besserung für die Lage der jüdischen Mehrheit brachte die Französische Revolution mit ihren Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Einfluss der Kirche auf den Staat wurde geringer. Die alte Feu­dalgesellschaft und ihre Zunftzwänge lösten sich auf. Der große Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, wagte es 1783 zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Theaters, die Figur eines "edlen Juden" auf die Bühne zu bringen: Nathan den Weisen.

Auch das Judentum selbst wurde von den Idealen der Aufklärung erfasst, wie das Beispiel des Philosophen Moses Mendelssohn zeigt. Den einen gilt er als Vorreiter einer jüdischen Emanzipa­tion, den anderen als Verräter an der Religion und traditionellen Lebensweise. Eine berühmte Vertreterin eines aufgeklärten Judentums ist auch Rahel Varnhagen, die Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin einen berühmten Salon führte. Sie sagte sich mehr und mehr von ihren jüdischen Wurzeln los, eignete sich die Bildung an, die ihr als Frau versagt geblieben war, und empfing in ihrer Berliner Wohnung jeden, der Rang und Namen hatte. Damals kam es zu einer Aufspaltung des Judentums. In Abgrenzung zu den "Reformjuden" lebten Orthodoxe weiter ein Leben, in dessen Zentrum die Tora steht. Sie hielten den Sabbat heilig, aßen koscher, für sie war das ganze Leben ein Gottesdienst. Bis heute leben auf der ganzen Welt Nachkommen dieser auf Tradition und die Ursprünge hin orientierten, nun orthodox genannten Juden.

Die Emanzipation der Juden, das heißt die Abschaffung antijüdi­scher Gesetze, die sich nach den napoleonischen Kriegen auch in Deutschland langsam durchsetzte, erzeugte neue Konflikte. Viele Bürger fürchteten die Konkurrenz durch Juden, die jetzt erstmals Zugang zu allen Berufen und Ämtern hatten. Zudem förderte der aufkeimende Nationalismus antisemitische Tendenzen. Die Zuge­hörigkeit zur Nation wurde weniger kulturell als völkisch interpre­tiert, als eine Sache des "Blutes". Dadurch wurden Juden aufs Neue ausgegrenzt.

Das musste auch der junge Theodor Herzl, Sohn einer säkulari­sierten jüdischen Familie aus Ungarn, erfahren. 1894 bis 1895 berichtete er als Korrespondent einer Wiener Zeitung über den Prozess gegen den jüdischen Hauptmann Dreyfus, der unschuldig wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die antisemitische Hetze und die Ausschreitungen gegen Juden, die den Prozess begleiteten, ließen Herzl zu dem Schluss kommen, dass Vernunft und Assimilation gegen Judenhass wirkungslos seien. Sein Traum vom "Judenstaat", der allein wirklichen Schutz bieten könne, begründete den Zionismus.

Die Mehrzahl der deutschen Juden stand dem Zionismus skep­tisch gegenüber. Sie wollten lieber in ihrem Deutschland bleiben. Sie waren der festen Überzeugung, dass es möglich ist, Deut­scher zu sein und Jude. Ein Traum, der für sie im deutschen Kaiserreich nahezu in Erfüllung zu gehen schien.

Folge 2: EXODUS? Antisemitismus in Europa

Dienstag, 6. November 2018, 20.15 Uhr, ZDF

Folge 2: EXODUS? Antisemitismus in Europa

Auf seiner Spurensuche stößt Prof. Christopher Clark im zweiten Teil der Doku-Reihe zunächst auf eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Nach Jahrhunderten der Ächtung und Aus­grenzung schienen Juden, gerade im deutschen Kaiserreich, erstmals in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Der wirtschaftliche Aufschwung der Gründerjahre Ende des 19. Jahr­hunderts brachte auch für jüdische Kaufleute, Verleger und Industrielle Anerkennung und Aufstieg mit sich. So stand das KaDeWe, das Kaufhaus des Westens, in Berlin wie ein Sinnbild für diese Periode des Erfolgs. 1907 wurde der Einkaufstempel, der bis heute jedes Jahr Millionen Besucher anzieht, eröffnet und krönte den gesellschaftlichen Aufstieg seines Gründers Abraham Adolf Jandorf vom armen jüdischen Bauern- und Metzgerssohn zu einem der bedeutendsten Warenhausunternehmer seiner Zeit. Selbstbewusst demonstrierten damals einige zu Wohlstand und Ansehen gelangten Juden ihre neue gesellschaftliche Stellung durch großbürgerliche Anwesen. Die Villenkolonie Berlin-Grune­wald zeugt bis heute davon.

Im Ersten Weltkrieg kämpften jüdische Soldaten ganz selbstver­ständlich für ihre Vaterländer. Etwa 100.000 von ihnen zogen für Deutschland an die Front – auch wenn ihre Aufstiegsmöglichkeit begrenzt war und nur bis zum Reserveoffizier reichte. Das gemeinsame Kriegserlebnis schien zunächst, so die Hoffnung, gesellschaftliche Vorbehalte endgültig einzuebnen, während sich am Ende des Krieges der Antisemitismus radikalisierte.

Dennoch: Niemals zuvor konnten sich Juden so frei und gleich­berechtigt fühlen wie nach dem Krieg in der Republik, die sich in Weimar eine demokratische Verfassung gab. Sie besaßen alle Rechte, standen unter dem gleichen staatlichen Schutz wie ihre Nachbarn und genossen Religionsfreiheit. Die 20er Jahre verhie­ßen den Aufbruch in eine neue, moderne Epoche. Beinahe über­all, wo es um Innovationen ging, waren jüdische Erfinder mit dabei: Fünf von neun Nobelpreisen für Deutschland gingen an jüdische Forscher, wie Albert Einstein, Fritz Haber und Paul Ehrlich.

Das nationalsozialistische Gewaltregime vernichtete all dies. Antisemitismus wurde zur staatlichen Politik, konsequent um­gesetzt in Propaganda und Gesetzen. Im November 1938, vor 80 Jahren, offenbarte sich der Judenhass in inszenierten Ausschrei­tungen, die der Auftakt für systematische Vertreibung und Aus­plünderung waren. Die staatlich organisierte Hetze fiel damals auf fruchtbaren Boden, griff verbreitete Vorurteile und Stereotype auf.

Der staatlich verordnete Judenhass endete im Massenmord. Über sechs Millionen Menschen wurden erschossen, vergast, erschlagen – über ein Drittel aller Juden weltweit. Die meisten Opfer haben nicht einmal eine Begräbnisstätte. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wahrt die Erinnerung an die vielen Toten. Christopher Clark reist an diesen Ort und fragt, was die Lehre aus der Schoah ist und welche Folgen sie bis heute für uns in Europa hat.  

Für Überlebende des Völkermords wurde Israel nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zum Zufluchtsort, der ihnen Schutz vor Verfolgung und Anfeindungen gewährte. Theodor Herzls Vision von der jüdischen Heimstätte im gelobten Land schien Wirklich­keit geworden.

Heute, 80 Jahre nach den nationalsozialistischen Pogromen, treibt ein zunehmend feindseliges Klima immer mehr betroffene Juden zur Auswanderung. 5000 französische Juden waren es allein im vergangenen Jahr. So auch Familie Benzaquen aus Paris, die künftig nicht mehr in Frankreich, sondern in Israel leben möchte. Christopher Clark spricht mit ihr und anderen Betroffenen über die Ursachen und Folgen des zunehmenden Antisemitismus in Europa. Zu seinen Gesprächspartnern zählt auch Daniel Knoll, Sohn der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll, die im März 2018 Opfer eines grausamen Mordes mit antisemitischem Hinter­grund wurde.

Die Häufung der Vorfälle in jüngerer Zeit ist beklemmend. Ist das "schleichende Gift" des Antisemitismus nie zu tilgen? Welchen Einfluss haben Migration, mangelndes Geschichtswissen und soziale Medien auf das Meinungsbild? Worauf gründen verbrei­tete Zerrbilder? Dazu befragt Christopher Clark auch die Kogniti­onswissenschaftlerin Prof. Monika Schwarz-Friesel, die jüngst eine vielbeachtete Studie über Antisemitismus im Internet präsentiert hat.

In Gesprächen mit den Historikern Prof. Stefanie Schüler-Springorum und Prof. Andreas Nachama, der Pariser Rabbinerin Delphine Horvilleur und Ádam Schönberger, Initiator des alterna­tiven jüdischen Gemeindezentrums in Budapest, geht Clark der Frage nach, welcher Gefahr der gesellschaftliche Frieden ausge­setzt ist und welche Wege es gibt, dem grassierenden Antisemi­tismus wirksam zu begegnen.

Zum Schicksal der Juden in Europa
Interview mit Prof. Christopher Clark

In jüngster Zeit haben in vielen Ländern Europas vermehrt Angriffe auf jüdische Einrichtungen und auf Juden stattge­funden. War das der Grund für Sie, sich nach der "Deutsch­land-Saga" und der "Europa-Saga" nun intensiv mit der Geschichte der Juden in Europa zu beschäftigen?

Ja, das Wiederaufkommen des Antisemitismus in den letzten zehn Jahren war mit ein Grund für mich, diesen Zweiteiler zu machen. Aber ich habe mich eigentlich schon immer für die Geschichte der Juden und des Antisemitismus interessiert. Nichts in der Weltgeschichte ist vergleichbar mit dem langen Weg der Juden aus dem biblischen Altertum über das Mittelalter bis in die Moderne. Allein die Tatsache, dass sie trotz allem, was ihnen entgegengeschleudert wurde, noch da sind, ist erstaunlich. Das Band der Tradition wurde nie ganz durchtrennt und der – in George Steiners Worten – unauslöschliche Pakt mit dem Leben blieb bestehen. Und auch der Antisemitismus, dieser hartnäckige Hass, der sich über die Generationen hinweg nicht nur an alten Feindbildern festhielt, sondern sich immer wieder mit neuen Ar­gumenten und Vorurteilen gerüstet hat, ist im Grunde auch etwas Unbegreifliches. Aber gerade deshalb wollen wir versuchen, ihn aus der Geschichte herzuleiten und zu analysieren.

Sie haben auf Ihrer Spurensuche nach den Ursachen und Folgen des Antisemitismus mit vielen Betroffenen gespro­chen. Wie stellt sich nach diesen Gesprächen für Sie die aktuelle Lage vieler Juden in Europa dar?

Unterschiedlich. Am schlimmsten ist die Lage wohl in Frankreich. Das sieht man nicht nur an der Zahl jener, die sich entscheiden, aus Frankreich auszuwandern, sondern auch in den Worten der Gesprächspartner. Wir sprachen mit dem Sohn einer Holocaust-Überlebenden, die mit 85 Jahren in Paris in ihrer Wohnung von einem jungen Moslem niedergestochen wurde. Und auch mit einer Familie, die nach einigen Vorfällen in ihrem Viertel nun vorhat, nach Israel auszuwandern. Sie erzählten uns, dass sie sich von der französischen Republik im Stich gelassen fühlten. Die Lage in Deutschland ist nicht so extrem, aber auch hierzulande spürt man eine gewisse Nervosität. Dasselbe gilt für Ungarn, wo der Natio­nalismus zunehmend zum Problem wird. Intensiviert wird das Unbehagen durch die Tatsache, dass durch den neu aufkeimen­den Antisemitismus Erinnerungen an eine katastrophale Vergan­genheit wachgerufen werden – egal ob man sie persönlich erlebt hat oder aus den Erzählungen von Eltern und Verwandten kennt.

Was hat Sie in diesen Gesprächen mit Betroffenen besonders berührt, was ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Die Intelligenz und Klarheit der Aussagen, der Versuch, nicht wütend oder missgünstig zu werden, das leidenschaftliche Bekenntnis zu einem kollektiven Etwas, nicht unbedingt die Reli­gion, aber die Kontinuität mit einer langen, tiefen Geschichte; in manchen Fällen die seltsame Kombination von Würde und Trauer.

Was, glauben Sie, ist der Grund für den zunehmenden Antisemitismus in Europa?

Angesichts der vielen Versuche, den Antisemitismus zu erklären, muss man diese Frage ganz bescheiden angehen. Antisemitismus ist ein komplexes und vielfältiges Phänomen, er hat sich im Laufe der Zeit in seiner gedanklichen Substanz stark verändert. Der religiös motivierte Antisemitismus des Mittelalters ist heute in den meisten Milieus nur noch als Echo vorhanden. Wichtiger ist in unserer Zeit der wirtschaftlich motivierte Antisemitismus, der etwa besagt, "die Juden" würden als Banker und Investoren die Welt­wirtschaft in den Händen haben und diese für ihre eigenen, finste­ren – allerdings auch vollkommen unklaren – Zwecke instrumen­talisieren. Dazu kommt in den letzten Jahren der Antisemitismus vieler jungen Muslime, der sich vom Israel-Palästina-Konflikt ernährt.

Welche Rolle spielen Ihres Erachtens das Internet und die sozialen Medien für den zunehmenden Antisemitismus?

Das Internet hat unser Leben tausendfach bereichert. Aber die neue Öffentlichkeit, die es hervorgebracht hat, hat auch ihre Schattenseiten. Sie kann zwar große, übergreifende Bewegungen zustande bringen, ist aber auch von einer starken Tendenz zur Zersplitterung geprägt. Diese Öffentlichkeit ist nur für eine kleine Minderheit aktiv und partizipatorisch, für die meisten führt sie in die Passivität des Zuschauers. Sie ist – jedenfalls in weiten Teilen – nicht kritisch und dialogisch, im Sinne der von Jürgen Habermas konzipierten bürgerlichen Öffentlichkeit. Und sie liegt außerhalb der Normvorstellungen und sozialen Disziplinierungs­prozesse, die seit dem 18. Jahrhundert die Öffentlichkeit mitge­prägt haben. In diesem undisziplinierten Raum kann der Antise­mitismus florieren. Denn in einem Umfeld, in dem das Vertrau­enskapital der alten Medien und der Respekt vor dem Experten­wissen radikal schrumpfen, und die Trennlinie zwischen "Truth" und "Truthiness" – um das schöne Wort des amerikanischen Sati­rikers Stephen Colbert aufzugreifen – alles andere als scharf ist, gibt es gegen die im Internet kursierenden Verschwörungstheo­rien und die damit einhergehende rhetorische Verrohung kein wirksames Gegengewicht mehr.

Der Doku-Zweiteiler trägt den Titel "EXODUS?" Warum das Fragezeichen – steht etwa wieder ein Exodus in Europa bevor?

Die Geschichte der Juden ist in großem Maße eine Geschichte der Vertreibung, der Umsiedlung, der Verschiebung und damit auch des Exils. Eine jüdische Heimat im politischen Sinne hat es nur ganz am Anfang und dann wieder ganz am Ende dieser langen Geschichte gegeben. Das Wort Exodus bezieht sich natürlich in erster Linie auf den im Alten Testament geschilderten Auszug der Israeliten aus Ägypten, es kann aber auch eine zent­rale Dimension der jüdischen Vergangenheit erfassen.

Das Fragezeichen hinter dem Begriff soll uns alle in der Tat zur Wachsamkeit gemahnen. Wir alle in Europa können dazu beitra­gen, dass die Juden sich auf diesem Kontinent zuhause und sicher fühlen. Wir wollen nicht, dass sie gehen, wir wollen, dass sie kommen! Aber in Frankreich zum Beispiel hat in der Tat schon ein neuer kleiner Exodus begonnen. Das ist schade. Europa braucht die Juden und ihre Kultur.

Oft wird die Geschichte der Juden in Europa als Geschichte der Verfolgung erzählt. Ist das in dieser Dokumentation auch so?

Nein. Verfolgung ist ohne Zweifel ein wichtiges Thema dieser Geschichte. Aber die Geschichte der Juden hat auch andere Dimensionen: einen ungeheuren kulturellen Reichtum, eine atemberaubende Kontinuität der Erinnerung und des Denkens, die Anpassung an ungünstige Umstände, den Einsatz für Tole­ranz, Menschenrechte und universale Werte. Man denke an den unglaublich beeindruckenden Anteil jüdischer Künstler, Musiker, Schriftsteller, Forscher und Philosophen. Wir wollen in dieser Dokumentation nicht nur beklagen, sondern auch feiern.

Sie haben für die Dokumentationen auch mit Historikern wie Prof. Nachama oder der Pariser Rabbinerin Delphine Horvilleur gesprochen. Welche Chancen sehen sie, dem zunehmenden Antisemitismus wirksam zu begegnen?

Sie waren eher zuversichtlich. Man darf vor allem nicht schweigen angesichts der Verleumdungen. Man darf nie müde werden, sie ruhig und sachlich zu widerlegen. Diese eloquenten und men­schenfreundlichen Gelehrten kennenzulernen, war für mich eines der großen Highlights der Dreharbeiten für diese Dokumentation.

Die Fragen stellte Anja Greulich, ZDF-Redaktion Zeitgeschichte.

Auf den Spuren einer Weltkultur. Unsere Reise zu den Wurzeln des Judentums und des Antisemitismus
Von Gero von Boehm, Produzent, Autor und Regisseur

Als wir uns auf die Reise machen, wissen wir: Es werden Wochen und Monate des Lernens sein. Wir werden tief in die Geschichte einer Weltkultur eintauchen, wollen verstehen, was sie ausmacht – und wo die Wurzeln der immer wieder aufkeimenden Gewalt gegen Juden liegen.

Die Odyssee der Juden ist bis heute eng mit unser aller Weg durch die Zeiten verbunden – auf wunderbare und auf tragische Weise. Die Schriften der Juden und ihre Kultur haben vor allem Europa tief geprägt. Und alles begann im Heiligen Land. Dort beginnt auch unsere Spurensuche.

Ein Morgen im März an der Kotel, der Klagemauer. Es ist ein besonderer Tag, denn an der Klagemauer finden zu gleicher Zeit mehrere Bar-Mitzvah-Zeremonien statt. Gefeiert wird die Religi­onsmündigkeit, die männliche Juden mit 13 Jahren erreichen. Es wird gebetet, Tora-Rollen werden hin- und hergetragen, alles oszilliert zwischen Andacht, ja sogar Versenkung und Fröhlich­keit. Tief beeindruckt spricht Prof. Christopher Clark spontan einen Kommentar in die Kamera. An der Klagemauer erfahren wir hautnah, wie wichtig ihre Schriften für die Juden sind. Sie sind das kulturelle Herz ihres Volkes und immer auch eine innere Ver­bindung nach Jerusalem – wo die Juden auf der Welt auch sein mögen.

Die Reise geht weiter nach Qumran, nicht weit vom Toten Meer. Dort wurden in Felsenhöhlen die ältesten bekannten Bibel-Hand­schriften aus dem antiken Judentum entdeckt. Sie sind mehr als 2000 Jahre alt und umfassen die fünf Bücher Mose, in denen der Bund mit Gott besiegelt wird. Es ist ein besonderer Moment, als im Forschungsinstitut des Israel-Museums ein Original-Fragment der Qumran-Rollen vor uns ausgebreitet wird. Denn es wird uns noch einmal bewusst, dass es sich bei dieser Chronik um das handelt, was die Christen "Altes Testament" nennen. Ihre Bibel ist zu einem Großteil ein jüdischer Text. Der christliche Glaube basiert auf der Tradition des Judentums: Insofern ist jüdische Geschichte auch die Geschichte der Christen. Und doch haben gerade Christen den Juden über Jahrhunderte das schlimmste Leid zugefügt.

Unsere Reise führt uns weiter an Orte der Diaspora, nach Europa. Hunderte jüdischer Gemeinden entstanden, als die Juden nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels ihr Land verlie­ßen. In Spanien und Nordost-Europa entstand eine wahre Blüte. Die Juden missionierten nicht, strebten nicht nach Macht. Nach außen ordneten sie sich den jeweils geltenden Gesetzen des Landes unter. Nach innen, in ihren Gemeinden, galten die Gesetze der Tora. Sie arbeiteten als Händler, Handwerker, Viehzüchter, Zollbeamte, Ärzte, Münzmeister. Sie waren inte­griert. Aber dann wurden sie aus Handwerkszünften und Han­delsgilden ausgeschlossen, durften kein Land mehr besitzen. Es hieß, sie könnten keinen christlichen Eid schwören. Schließlich galten sie als "Christusmörder". Waren schon damals Neid und Missgunst im Spiel, war es die Fremdheit, die antijüdische Akte förderte?

Christopher Clark sagt in Prag, das in verschiedenen Epochen Hochburg jüdischen Lebens war: "Immer wurden die Juden in Nischen gedrängt. Und wenn sie dort erfolgreich waren, wie beim Geldverleih, wurden sie dafür bestraft." Es wird uns klar, dass die Geschichte der Juden von Anfang an auch eine Chronik der Ju­denfeindlichkeit war. Sie hat die Zeitläufe, vor allem in Europa, immer begleitet. Dieses Phänomen reicht von Verfolgung und Vertreibung bis zur Shoah, dem Völkermord an etwa sechs Millio­nen europäischen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus.

Und heute gibt es wieder zunehmend antisemitische Parolen auf Straßen und Plätzen, in Klassenzimmern und vor allem im Inter­net. Im Netz finden wir infame Hasstiraden und die abstrusesten Verschwörungstheorien. Dieser Schmutz wird den Juden sowohl von ultralinken als auch rechtsextremen Gruppierungen entge­gengeschleudert. Es trifft Menschen wie den jungen Restaurant­besitzer Yorai Feinberg aus Berlin-Schöneberg. Wir können kaum glauben, was wir da in einem Handyvideo hören und sehen: Ein durchaus bürgerlich wirkender Mann beschimpft Feinberg wild. Von Geldgier und Gaskammern ist da die Rede. Und inzwischen bekommt Feinberg fast täglich Hassmails.

In Paris treffen wir unter starken Sicherheitsvorkehrungen in einer Synagoge im elften Arrondissement eine jüdische Familie, die in ein paar Monaten nach Israel auswandern wird, weil sie Angst hat. Angst vor antisemitischen Gewalttaten, wie sie in Frankreich immer wieder vorkommen. Angriffe auf Rabbiner, Anschläge auf jüdische Geschäfte. Christopher Clark führt auch ein sehr bewe­gendes Gespräch mit dem Sohn von Mireille Knoll, einer 85-jähri­gen Holocaust-Überlebenden, die im März 2018 in ihrer Wohnung von einem muslimischen Täter ermordet wurde. Auch Daniel Knoll will Frankreich verlassen. "In Europa sind die Juden nicht mehr sicher", sagt er. Eine erschreckende Aussage, die uns noch lange beschäftigt. Eine der Gefahren liegt im sogenannten "importierten Judenhass", der aus dem Milieu muslimisch-arabischer Zuwande­rer kommt. Da spielen diffuse religiöse Vorurteile und Hass auf Israel eine Rolle. Aber der "traditionelle" Antisemitismus, der in verschiedenen Abstufungen in ganz Europa existiert und "rassi­sche" Wurzeln hat, ist ebenso ernst zu nehmen. In Budapest spüren wir bei einer Demonstration nationalistischer Gruppen auf dem Heldenplatz, wie diese unheilvolle "Tradition" immer noch gepflegt und in Ungarn sogar von höchster Stelle toleriert wird. Eine Begegnungsstätte für junge jüdische Bürger und andere Minderheiten wird ein paar Wochen, nachdem wir dort gedreht haben, einfach von staatlicher Seite geschlossen.

Zurück in Berlin zieht Christopher Clark vor der Kamera sein Resümee: "Die Verfassungen der freien Welt haben Liberalität und Menschenrechte zum Fundament des Zusammenlebens gemacht. Dieses Fundament darf nicht ins Wanken geraten. Wer meint, der Antisemitismus sei nur für Juden eine Gefahr, verkennt seine zersetzende Wirkung. Was mit dem Antisemitismus beginnt, endet mit einem Brachialangriff auf die freiheitliche Gesell­schaftsordnung überhaupt und damit auf uns alle. Judenfeindlich­keit abzuwehren muss deshalb unser aller Anliegen sein."

Biografie Prof. Christopher Clark

Prof. Christopher Clark, geboren 1960 in Sydney, lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catherine's College an der University of Cambridge. Von 1985 bis 1987 studierte er in Berlin an der Freien Universität.

Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf die Ge­schichte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und Kontinental­europa. Er ist Autor einer vielbeachteten Biografie Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers. Für sein Buch "Preußen" erhielt er 2007 den renommierten Wolfson Prize sowie 2010 als erster Historiker aus dem nicht-deutschsprachigen Raum den Preis des Historischen Kollegs.

Mit seinem Buch "Die Schlafwandler" (2013) erregte der gebürtige Australier weltweit Aufmerksamkeit. Er analysiert darin die Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und stellt die alleinige Kriegsschuld der Deutschen in Frage, die über Jahr­zehnte die Geschichtsschreibung dominiert hatte.

Als Moderator und Erzähler stand Clark 2014/2015 für die erfolg­reiche sechsteilige ZDF-Dokumentation "Die Deutschland-Saga" vor der Kamera, die fast fünf Millionen Zuschauer erreichte. Weitere Doku-Reihen im ZDF folgten, wie "Auf den Spuren der Einheit" (2015) und die "Australien-Saga" (2016). 2017 präsen­tierte Clark die sechsteilige Doku-Reihe "Die Europa-Saga".

Seit 2015 darf sich der Historiker "Sir Prof. Christopher Clark" nennen. Die Queen erhob ihn in Anerkennung der "Verdienste um die britisch-deutschen Beziehungen" in den Ritterstand. 

Weitere Informationen

Sendetermin ZDF / 3sat:
3sat: Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20.15 Uhr (89-minütige Fassung)
ZDF: Sonntag, 4. November 2018, 19.30 Uhr (43'30'', Folge 1) / Dienstag, 6. November 2018, 20.15 Uhr (43'30'', Folge 2)

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