ZDF/Albert Bauer Companies/Tobias Schult
ZDF/Albert Bauer Companies/Tobias Schult

Honigfrauen

Der Event-Dreiteiler

Sommer, Sonne und die Sehnsucht nach Freiheit im Jahr 1986: Voller Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben fernab des heimischen DDR-Regimes und unbeobachtet von ihren Eltern machen sich die  Schwestern Maja und Catrin auf den Weg an den Balaton. Doch schon bald geraten die beiden unter Beobachtung der so genannten Balaton-Brigade.
 

  • ZDF, Sonntag, 23. April 2017, 20.15 Uhr, Sonntag, 30. April 2017, 20.15 Uhr, Sonntag, 7. Mai 2017, 20.15 Uhr

Texte

"Familien-Ost-West-Drama in Badehose und Bikini" - Statement von Heike Hempel

Mit "Honigfrauen" erzählen wir die Ost-West-Geschichte einmal anders: als gemeinsamen Camping-Urlaub am ungarischen Plattensee im Jahr 1986.

Natalie Scharf entwirft die Geschichte zweier ungleicher Schwestern aus Erfurt (genial Sonja Gerhardt und Cornelia Gröschel), die jenseits der real existierenden DDR, den Sommer ihres Lebens erleben.

"Honigfrauen" ist ein Familien-Ost-West-Drama in Badehose und Bikini! Unser Anspruch ist auch hier, Zeitgeschichte zeitgemäß und unterhaltsam zu erzählen.

Heike Hempel
Hauptredaktionsleiterin Fernsehfilm/Serie II

"Der süßlich-unschuldige Duft von Sonnencreme"- Vorwort von Alexander Bickel und Corinna Marx

Im Sommerurlaub endlich tun und lassen, was man will. Für uns ist das heute eine Selbstverständlichkeit. Natürlich setzt die Urlaubskasse der Freiheit ihre Grenzen, der Chef ruft auf dem Handy an, weil's gerade brennt – oder der Rest der Familie mault, will lieber Strand, gerade keinen Strand oder überhaupt endlich nach Hause! Urlaub ist doch immer beides: das Versprechen auf Unbeschwertheit und gute Laune, wie die Gewissheit, dass die Umstände den schönsten Urlaubsplänen einen Strich durch die Rechnung machen können.

Von dieser spannungsvollen Ambivalenz erzählt der dreiteilige Fernsehfilm "Honigfrauen" mit Cornelia Gröschel, Sonja Gerhardt und Anja Kling. Die Geschichte zweier Schwestern aus der DDR, Maja und Catrin, die sich im Sommer 1986 voller Vorfreude und Erwartungen, auf den Weg machen zum ungarischen Plattensee. Dorthin, wo bereits vor der Wende Ost- und Westdeutsche Seite an Seite den Sommer genießen. Und die Geschichte ihrer Mutter, die ein dunkles Geheimnis dazu bewegt, ihren Töchtern hinterher zu reisen, um das Ärgste zu verhindern. Nicht ahnend, dass es noch viel schlimmer kommen soll.

Denn die Einsätze sind hoch. Schon allein, weil die DDR-Staatssicherheit mit ihrer "Balaton-Brigade" vor Ort mit Spitzeln in Badehose aufpasst, dass die Fluchtversuche in den Westen nicht überhandnehmen. Für Maja und Catrin, hinreißend dargestellt von Cornelia Gröschel und Sonja Gerhardt, wird das beste Haus am Platz, ein Hotel für Westler, schon bald zum verbotenen Sehnsuchtsort mit magischer Anziehungskraft. Was mit zwei unschuldigen Urlaubsflirts beginnt, wird zu einer Zerreißprobe für die Schwestern. Und am Ende zu einer Entscheidung, auf welcher Seite sie stehen – politisch wie emotional.

Die originäre Grundidee dieses Dreiteilers ist das Bild des Plattensees als Bühne einer hochemotionalen Familiengeschichte, in deren Verwerfungen sich deutsch-deutsche Zeitgeschichte einmal anders spiegelt – in Bikini und Badehose. Autorin und Produzentin Natalie Scharf schildert lustvoll und mit allen Mitteln des fiktionalen Erzählens eine Familie, die sich in Frage stellen muss: ihre Zugehörigkeit, ihre Liebe füreinander und ihre gemeinsame Vergangenheit.

In einem Darstellerensemble von außerordentlicher Klasse bestechen neben Cornelia Gröschel und Sonja Gerhardt vor allem Anja Kling mit dem sehr berührenden Porträt einer Frau, die unter ihrer zupackenden Lebenslust ein dunkles Geheimnis trägt, und Götz Schubert, der ihren vor lauter Lebenslügen gestellten Mann spielt, hochpräzise und bisweilen hochkomisch. Franz Dinda fasziniert als schillernd-undurchsichtiger Camping-Freund, Stipe Erceg als Hotelchef mit Doppelleben und Dominik Raacke als Kirstens Jugendliebe, die im Westen zwar Freiheit gewonnen hat, aber kein Glück.

Mit der Farbenpracht der 80er-Jahre und dem bei aller Verheißung leicht abblätternden Charme eines Urlaubsziels, das für die Westdeutschen nach Italien und Spanien allenfalls zweite Wahl war, ist "Honigfrauen" ein Kostüm- und Ausstattungsfilm ersten Ranges (großartig: Maria Schicker, Kostüm, und Frank Godt, Szenenbild). Regisseur Ben Verbong hält in dieser facettenreichen Erzählung über 270 Minuten die Zügel fest in Händen und führt uns mit Leichtigkeit und großer Neugier für die feinen und auch groben Risse im Alltäglichen durch die komplexen Bewegungen der Charaktere – auch dahin, wo es schmerzhaft wird.

Für einen langen Sommerurlaub und für drei Sonntage sind die "Honigfrauen" eine große, horizontale Erzählung mit einer Perspektive für den zeitgeschichtlichen Kontext, aber selbstbewusst fiktional und auf Augenhöhe mit den Figuren erzählt. Kurz: ein Stoff in der Tradition anderer Mehrteiler im ZDF und doch mit einer wesentlichen Besonderheit: dem süßlich-unschuldigen Duft von Sonnencreme.

Alexander Bickel und Corinna Marx
Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie II

Stab und Besetzung

Stab

Buch Natalie Scharf, Christoph Silber
Regie    Ben Verbong
Kamera    Mathias Neumann
SzenenbildFrank Godt
SchnittRonny Mattas
Kostüm Maria Schicker
Maske   Jeanette Latzelsberger
Ton    Eckhard Kuchenbecker
MusikDominik Giesriegl, Johannes Brandt
Produktionsleitung    Frank Nitz
Herstellungsleitung   Frank W. Mähr
Produktion   Seven Dogs Filmproduktion
Produzentin    Natalie Scharf
Producer   Daniel Mann, Leif Alexis
Redaktion    Alexander Bickel, Corinna Marx
Länge    jeweils ca. 89 Minuten



Die Rollen und ihre Darsteller

Catrin Streesemann    Cornelia Gröschel
Maja Streesemann    Sonja Gerhardt
Kirsten Streesemann    Anja Kling
Karl Streesemann    Götz Schubert
Rudi Hartwig    Franz Dinda
Tamás Szabo   Stipe Erceg
Erik Waller    Dominic Raacke
Timo    Sebastian Urzendowsky
Lilian    Alice Dwyer
Lara-Fee    Isolda Dychauk
und andere

Inhalt

Der Sommer 1986 beginnt für die Erfurter Schwestern Catrin und Maja Streesemann verheißungsvoll: Endlich halten sie die Reiseerlaubnis für ihren ersten Urlaub am Balaton in den Händen. Bepackt mit zwei Rucksäcken, Proviant von Mutter Kirsten und den guten Ratschlägen ihres Vaters Karl machen sich die beiden jungen DDR-Bürgerinnen per Auto-Stopp auf in den Süden. Die Verheißung auf grenzenlose Freiheit fernab der DDR und  die Aussicht auf das ein oder andere romantische Abenteuer beflügeln ihre Fantasie. Am Balaton angekommen, lassen sie den Blick über die weite Wasserfläche schweifen, auf der Sportboote mit West-Touristen kreuzen, und sind sich sicher: Das wird der schönste Urlaub ihres Lebens.

Doch die beiden ahnen nicht, dass sie schon bald unter Beobachtung der Stasi stehen. Denn um Fluchtversuche von DDR-Bürgern zu unterbinden, betreibt die so genannte "Balaton-Brigade" im Ferienparadies Ausspähung in Badehosen. Während Catrin auf dem Campingplatz rasch neue Freunde findet – und mit dem sympathischen Rudi aus Mühlhausen auch einen Mann, der sich ganz offenbar näher für sie interessiert – ist die jüngere Maja magisch angezogen vom Glanz des schicken Luxushotels "Balaton-Residenz", in dem ausschließlich Westtouristen wohnen. Ab 80 D-Mark für eine Übernachtung – unvorstellbar für die jungen Frauen.

Doch das Schicksal hilft  und verschafft ihnen nicht nur Eintritt in die "Balaton-Residenz", sondern auch die Bekanntschaft des ungarischen Hotelchefs Tamás. Catrin verliebt sich gleich in den charmanten Ungarn, aber Maja ist es, die ihm bei der ersten Gelegenheit einen Kuss abnötigt. Ein erster Schatten auf dem innigen Verhältnis der beiden Schwestern. Unterdessen rollt aber längst weiteres Unheil an: Mutter Kirsten hat nach einem omi¬nösen Anruf aus Ungarn allen Anlass zur Sorge, dass die Reise ihrer Töchter die komplette Familie ins Verderben stürzen könnte. Unter einem Vorwand bringt sie ihren Mann Karl dazu, den Trabi anzulassen, um Maja und Catrin hinterherzufahren.

Kirsten sorgt sich weniger um den verderblichen Einfluss des Westens auf ihre Töchter, als um ein altes Geheimnis, das an den sonnigen Ufern des Plattensees an die Oberfläche zu gelangen scheint. Denn was außer Kirsten keiner weiß: Karl ist nicht der leibliche Vater von Catrin. Und Kirstens alte Liebe  Erik, der vor Jahrzehnten aus der DDR geflohen ist, macht selbst Urlaub auf dem Campingplatz, um endlich seine Tochter zu sehen. Kirsten will alles unternehmen, um ihren jahrelang gelebten emotionalen Drahtseil-Akt nicht aus dem Gleichgewicht geraten zu lassen. Doch plötzlich steht sie ihrer Jugendliebe mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber und begreift, dass dieses Wiedersehen ihr Leben erst recht aus der Bahn zu werfen droht.

Maja und Catrin haben derweil ihren Herzen Flügel verliehen: Catrin gibt dem Werben ihres Zelt-Nachbarn Rudi nach und Maja umgarnt den ungarischen Hotelbesitzer Tamás. Aber auch diese beiden Männer haben ihre Geheimnisse: Tamás organisiert unter der Hand Fluchthilfe in den Westen, und Rudi, nicht nur treuherzig, sondern maximal linientreu, ist ein heimlicher Angehöriger der Balaton-Brigade und sieht endlich die Chance, dem sauberen Hotelier Tamás das Handwerk zu legen.

Als der Fluchtversuch eines Freundes auf dem Campingplatz tragisch endet und die Stasi-Spitzel sich auf die Lauer legen, um den nächsten Staatsfeind abzupassen, hat der für die Mädchen so unbeschwert begonnene Urlaub endgültig seine Leichtigkeit verloren.  Langsam aber sicher gerät die traute Welt der Erfurter Familie vor der idyllischen Kulisse des Plattensees aus den Fugen. Am Balaton fallen die Masken, eine nach der anderen…

"Jungs nannten die DDR-Mädchen 'Honigfrauen' – weil sie süßer waren"- Statement von Natalie Scharf

Obwohl ich in München aufgewachsen bin, hatte ich schon als Kind Bezug zur DDR. Denn meine Tante und meine Großmutter lebten in Thüringen. So verbrachten wir die Ferien und Weihnachten immer in der DDR. Ich bekam hautnah mit, was es bedeutete, als Familie durch die Mauer getrennt zu sein. 1975 überlegte meine Familie, ob sie die Treffen im Sommer ab sofort an den Plattensee verlagern sollte. Doch wir entschieden uns dagegen – weil meine Großmutter von der Balaton-Brigade in Ungarn gehört hatte. Nur wenige wussten damals, dass die Stasi jedes Jahr eine Truppe von Spitzeln an den Balaton schickte, um herauszufinden, welcher Bürger sich in den Ferien ein bisschen zu gut mit dem Klassenfeind verstand, welche getrennten Familien sich heimlich trafen oder ob Fluchten in den Westen versucht wurden.

Spitzel in Badehosen, durch die Mauer getrennte Menschen, die sich im Sommer fernab der Heimat am Balaton treffen – das empfand ich schon damals als spannendes Thema. Ich wollte diese Geschichten auch mal in bunten sommerlichen Farben erzählen, um zu zeigen, dass sich das Böse und Bedrohliche nicht nur in finsteren Räumen versteckt, an deren Wände Honecker-Bilder hängen.

Den Begriff "Honigfrauen" hörte ich mit 17 oder 18 Jahren zum ersten Mal: So nannten die Jungs aus meiner damaligen Clique die DDR-Mädchen, die sie in Ungarn trafen. Weil die Mädels aus dem Osten einfach witziger und süßer waren. Wir westdeutschen Mädchen fanden das natürlich gar nicht lustig.

Vor dreieinhalb Jahren entschied ich mich dann gemeinsam mit Christoph Silber, die "Honigfrauen" zu entwickeln. Christoph ist in der DDR aufgewachsen, hat bei Projekten wie "Goodbye Lenin" mitgewirkt. Schnell merkten wir, wie besonders dieser Stoff ist und dass wir durch unsere eigenen Erfahrungen beide Welten einbringen konnten. Auch im Team sollte eine Mischung aus ehemaligen DDR- und BRD-Bürgern vertreten sein. So gab es im Vorfeld viele hitzige Diskussionen, die ich aber als sehr wichtig empfand. Denn natürlich hat jeder seine individuelle Wahrnehmung. Doch trotz der Fakten und Geschichte war uns wichtig, dass kein dunkler, anklagender Dreiteiler produziert wird. Die Leichtigkeit, Sommerfrische und der Esprit dieses ungewöhnlichen Ortes sollten miterzählt werden. Der Zuschauer reist zusammen mit Familie Streesemann an den See und erlebt, welcher Wahnsinn sich zu Zeiten des Eisernen Vorhangs hier abspielte – im positiven wie im negativen Sinne.

Natalie Scharf
Produzentin, Seven Dogs Filmproduktion

"Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist schmal" - Interview mit Sonja Gerhardt und Cornelia Gröschel

Sie spielen Catrin und Maja, zwei Schwestern, die sich aufmachen, um einen Sommer am Balaton zu erleben. Warum wollen die beiden unbedingt zum Plattensee und nicht an die Ostsee?

Sonja Gerhardt: Da Catrin und Maja im Osten aufgewachsen sind, ist es für die beiden das Größte, zum Plattensee fahren zu dürfen! Um Urlaub am Balaton machen zu können, musste man sich die Reise damals nämlich genehmigen lassen. Maja möchte so viel wie möglich erleben und probiert gerne neue Dinge aus. Doch irgendwann geraten die Schwestern an ihre Grenzen.

Cornelia Gröschel: Der Plattensee ist für Catrin und Maja völlig neues Terrain – und Ungarn außerdem erstmalig ein Ort außerhalb der DDR-Landesgrenzen. An der Ostsee waren sie ja schon gefühlte 100 Mal. Jetzt lautet das Ziel "weit weg". Wobei zumindest für Catrin die vermeintliche Nähe zu den Westdeutschen zunächst noch keine Rolle spielt. Wichtiger ist vielmehr, dass die beiden Schwestern zum ersten Mal alleine ohne die Eltern verreisen dürfen! Obwohl Catrin ihre Familie und ihr Land liebt, schlummert doch tief in ihr drinnen der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Die beiden Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein. Wie würden Sie Ihre Rollen beschreiben?

Sonja Gerhardt: Maja ist ein Freigeist, sie liebt das Leben und träumt von der Karibik. Wenn irgendwo etwas los ist, ist Maja immer ganz vorne dabei. Sie möchte leben und frei sein, die Welt erobern und meistens bekommt sie das, was sie will.

Cornelia Gröschel: Linientreu – so wird Catrin von außen gesehen und so sieht sie sich auch selbst. Obwohl sie vieles im System richtig findet, kommen ihr in Ungarn erstmals Zweifel. Ihre Angst, etwas falsch zu machen ist zu groß, als dass sie etwas "Unerlaubtes" tun würde. Lange hält sie an den anerzogenen Regeln fest. Aber irgendwann siegen die Neugier, die Menschlichkeit und auch die Vernunft.

Frau Gröschel, Sie sind zwei Jahre vor dem Mauerfall geboren. Frau Gerhardt, Sie sind 1989 geboren, im Jahr als die Mauer fiel. Sie haben nicht mehr viel von der Zeit damals miterlebt. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Cornelia Gröschel: Früher wurde in meiner Familie noch deutlich mehr über die DDR gesprochen oder aus der Zeit vor dem Mauerfall erzählt. Das ist weniger geworden. Dennoch fragte ich meine Eltern und andere Familienmitglieder vor dem Dreh: "Kannte man damals wirklich keine Westler? Wie viel wusstet ihr über die Stasi? Wer wollte ausreisen? Seid ihr auch am Balaton gewesen?" Meiner Mutter gab ich sogar die Drehbücher zu Lesen. Allerdings konnte sie nicht mit allen Aspekten der Geschichte mitgehen. Wir haben viel über meine Rolle gesprochen.

Die Grenze zwischen Realität und ausschmückender Fiktion ist schmal. Und letztlich erlebte ja auch jeder seine eigene DDR. Unsere Geschichte ist eine Erzählung und keine Dokumentation. Das musste auch ich mir im Laufe der Dreharbeiten immer wieder sagen. Aber zur Vorbereitung schaute ich viele Filme von "Solo Sunny" über "Sieben Sommersprossen" bis "Das Leben der Anderen". Und ich las einige Bücher über die DDR. Außerdem bin ich in Dresden geboren und aufgewachsen, also denke ich, es schlummert auch in mir noch genügend Ostmentalität, sodass ich mich manchmal einfach auf mein Bauchgefühl verlassen habe!

Sonja Gerhardt: Ich habe vor den Dreharbeiten ganz intensiv mit meinen Eltern über ihre Erlebnisse gesprochen. Es war sehr spannend, die Geschichten aus ihrer Zeit zu hören! Außerdem habe ich mich mit unserem Regisseur Ben Verbong ausgetauscht. Von meinen Kollegen Anja Kling und Götz Schubert, die beide in der DDR groß geworden sind, konnte ich auch viel lernen.

"Honigfrauen" riecht nach Sommer und Sonnencreme. Und trotzdem geht es in dem Dreiteiler auch um ernsthafte Themen, um Stasi und Spionage. Was macht den Film in Ihren Augen so besonders?

Sonja Gerhardt: Die Vielfältigkeit! Es ist eine lockere, schöne Geschichte zweier Schwestern, die aber nicht nur den Sonnenschein, sondern auch die Schattenseiten der Zeit thematisiert. Ich denke, dieser besondere Mix und das tolle Schauspiel-Ensemble machen es so besonders.

Cornelia Gröschel: Immer wieder hört man von Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, dass nicht alles schlecht war. Vielleicht spiegeln die "Honigfrauen" genau das wider. Auch in der DDR konnte man, ohne an dieser Stelle (n)ostalgisch zu werden, einfach den Sommer genießen, in den Urlaub fahren und die große Liebe finden. Dass es die dunkle Seite der DDR gab, das weiß jeder und sie gehört zu unserem Film von Anfang an dazu. Vielleicht will der Film sagen: "Schaut her, so ähnlich hätte es damals sein können: Liebe und Verrat gingen sehr oft Hand in Hand".

Der Balaton war schon vor der Wende der "See der Deut-schen Einheit", hier verbrachten "Ossis" und "Wessis" Seite an Seite ihren Urlaub. Vor allem für die DDR-Bürger waren diese Ferientage ein ganz besonderes Erlebnis. Was ist Ihr persönliches Sehnsuchtsziel?

Cornelia Gröschel: Meine Abifahrt ging 2007 tatsächlich an den Balaton und war einer der coolsten Urlaube meines Lebens. Im vergangenen Jahr erfüllte ich mir den Traum eines dreimonatigen Aufenthalts in Los Angeles. Und mein nächstes Sehnsuchtsreise-ziel ist Neuseeland.
Sonja Gerhardt: Ich würde gerne mal in die Karibik reisen. Mal schauen, wann ich da hinkomme (lacht).

Erzählen Sie uns vom Kostüm und der Ausstattung: Wie war es, in die Kleidung der 80er-Jahre zu schlüpfen?

Sonja Gerhardt: Es ist immer wieder spannend und lustig zugleich, Sachen aus einer früheren Zeit zu tragen und sich darin zu sehen. Das ist wie eine Zeitreise. Ich finde die Mode der 80er-Jahre toll, deshalb habe ich mich in den Kostümen sehr wohl gefühlt. Nur die Badeanzüge von damals waren etwas gewöhnungsbedürftig (lacht).

Cornelia Gröschel: Schon seit einer Weile bin ich großer Fan von 80er-Jahre-Klamotten in Filmen. Ich fühlte mich in fast allem wohl, was unsere Kostümbildnerin Maria Schicker aus dem Fundus zauberte. Und manchmal wünschte ich, ich würde modetechnisch in den Achtzigern leben. Nach drei Monaten Drehzeit war ich dann aber doch irgendwann froh, wieder meine eigene Kleidung tragen zu können. Ich hatte Catrins Kleiderschrank genügend ausgeschöpft!

"Wir sollten uns nicht wie Menschen zweiter Klasse fühlen" - Interview mit Anja Kling

Welche Sehnsüchte hatten Sie im Jahr 1986?

1986 war ich 16 Jahre alt. Ich lebte auf dem Land bei Potsdam, war gerade mit der 10. Klasse fertig und begann ein Studium an der staatlichen Ballettschule in Ost-Berlin. Diese Stadt war für mich die große weite Welt. Ich wohnte in einem Internat und jeder Tag war ein Abenteuer. Dass die Welt weitaus größer und für mich unerreichbar war, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht ge¬spürt. Was man nicht kennt, vermisst man eben auch nicht.

Wie waren Ihre Begegnungen mit Westdeutschen vor der Wende?

Hin und wieder besuchten uns entfernte Verwandte aus dem Westen. Diese Begegnungen habe ich in sehr schöner Erinnerung, herzlich und unkompliziert.

Sie waren als Kind nie am Balaton. Warum hat sich das nie ergeben und wie war es, jetzt dorthin zu reisen?

Meine Eltern fuhren jedes Jahr mit uns Kindern zum Zelten an die Ostsee, in großer Runde. Mehrere befreundete Familien, viele Kinder. Ich fand das herrlich. Im Winter sind wir in der Hohen Tatra Ski gefahren. Mehr war im Budget nicht drin. Außerdem mochten meine Eltern den sicht- und spürbaren Unterschied nicht, der am Balaton zwischen Ost- und Westdeutschen gemacht wurde. Sie wollten nicht, dass wir uns wie Menschen zweiter Klasse fühlen müssen. Ich war also nun zum ersten Mal am Balaton und fand es dort sehr, sehr schön. Gerade für Familien mit Kindern ist der See herrlich, denn er bleibt kilometerlang flach.

Welche Momente waren besonders schön beim Dreh?

Ich hatte tolle Kollegen, ein hervorragendes Ensemble. Es hat Spaß gemacht, mit ihnen zu spielen, zu diskutieren und an den Szenen zu arbeiten. Unser großes Team bestand zur Hälfte aus Deutschen und zur anderen Hälfte aus Ungarn. Die Set-Sprache war Englisch, aber ich habe mich sehr bemüht, ein wenig Ungarisch zu lernen und habe keine Gelegenheit ausgelassen, um es am Set auch anzuwenden. Sehr zur allgemeinen Erheiterung… (lacht)

"Die Gastfreundschaft am Balaton ist ungebrochen" - Götz Schubert

Ende der Siebziger Jahre war ich als Jugendlicher zusammen mit meinem Cousin das erste Mal in Ungarn. Wir sind die ganze Strecke von der tschechischen Grenze über Prag nach Budapest per Anhalter unterwegs gewesen. Er und ich haben in einem kleinen Zweimannzelt geschlafen, was wir an allen möglichen und unmöglichen Orten aufgeschlagen haben. Wir hatten uns das Geld für die Reise selbst erarbeitet. Dann alle Reisevorbereitungen selbst getroffen, Visa besorgt und fühlten uns zu Beginn der Reise völlig frei und ungebunden. Es war eine tolle Zeit.

Anfang und Mitte der 80er-Jahre war ich noch zweimal in Ungarn, auch als Student. Die Abgrenzung als Ostler gegenüber den Westlern, die mit der D-Mark als Zahlungsmittel aufwarten konnten, war zu dem Zeitpunkt deutlich spürbar. Mich traf das aber nicht wirklich. Ich habe nichts vermisst und mir auch sonst nichts versagen müssen.

Ende der 80er-Jahre spitzte sich die Lage zu und Ungarn wurde immer mehr zum Ersatzschauplatz für die Konflikte zwischen den Bürgern und der Regierung in der DDR. Das Freiheitsgefühl und die Unbefangenheit stellten sich für mich auch nicht mehr ein, als ich Jahre später zu Dreharbeiten wieder in Budapest und am Balaton war. Die Stadt hat mich dennoch sehr beeindruckt. Ich habe Orte aufgesucht, die mir aus unterschiedlichen Gründen in Erinnerung geblieben sind: Die Margareteninsel zum Beispiel oder das Rudas Bad, das wohl älteste türkische Bad der Stadt. Und ich habe für mich neue eindrucksvolle Orte entdeckt, wie unter anderem "Die Große Synagoge".

Am Balaton haben mir vor allem die Restaurants und Weinlokale gefallen. Sie haben sich mittlerweile als Orte der Gastfreundschaft etabliert und sind sehr einladend. Die Gastfreundschaft ist ungebrochen. Anstehen muss man nicht mehr und Westgeld haben wir jetzt alle. Es gibt nichts Schöneres als zusammen in einer Weinstube zu sitzen mit Blick auf den Balaton und mit der Chefin des Hauses, die deutsch spricht und den Laden schon sehr lange führt, über die verschiedenen Zeiten zu sprechen.

"Die DDR war ein anderer Planet für uns" - Dominic Raacke

Ich bin in Ulm und Hanau aufgewachsen. In den 60er und 70er-Jahren gab es ja mit Willy Brandts Ostpolitik erste Annäherungen an die DDR, aber in meinem Alltag war davon wenig zu spüren. Die DDR war ein anderer Planet für uns Kinder und Jugendliche und Lichtjahre entfernt.

Als echter Fernsehjunkie bin ich ab und zu auf unser Hausdach geklettert, hab an der Antenne gewackelt und versucht andere Sender reinzukriegen. Je nach Wetter kam dann auch mal ein krisseliges Ostfernsehbild zu uns nach Hause. Aber ehrlich gesagt, war das Programm keine Konkurrenz für die bunte weite Welt, die es bei uns zu sehen gab.

Der Plattensee, Ungarn, Polen, die Tschechoslowakei – das war in meiner Wahrnehmung alles hinter dem Eisernen Vorhang und dahinter war alles grau und trübe. In den Urlaub fuhr man nach Italien oder Frankreich, allenfalls noch nach Jugoslawien. Der weite Blick in die Welt ging sowieso nur Richtung Westen, nach Amerika. Da lagen die Träume, das Abenteuer, die schönen Frauen, die unbegrenzten Möglichkeiten.

Meine Begegnungen mit Ostdeutschen waren spärlich. Meine Chemielehrerin war aus der DDR und ich erinnere mich, dass wir Schüler sie gemobbt und ihr das Leben schwer gemacht haben. Ansonsten waren es die Fernsehbilder, die uns die DDR erzählten: die emsigen Sportler  bei den Olympischen Spielen und immer wieder Honecker, der wie die Karikatur eines Onkels aus dem Osten aussah, in seinem Popeline-Mantel und dem beigen Hütchen auf dem Kopf, irgendwo zwischen spießig und lustig.

Als die Mauer dann fiel, bin ich den Menschen von hinter dem Vorhang zum ersten Mal richtig begegnet und habe sie kennen gelernt, bei der Arbeit und auch in der Liebe. Das war ganz wich¬tig, weil ich jetzt erst fähig war, mir ein eigenes Bild vom Osten zu machen und das war natürlich wesentlich vielfältiger und bunter, als die Klischees des kalten Krieges.

Beim Drehen hatten wir eine schöne Zeit. Gemeinsam im Ausland auf einem Fleck zusammen, das ist schon eine besondere Situation. Nicht immer konfliktfrei, aber familiär. Projekt Landschulheim. Das mag ich sehr – also befristet! Weil ja Schauspieler wie Anja Kling und Götz Schubert aus erster Hand ihre Erfahrungen mit ostdeutscher Realität einbringen konnten, gab es schon einige Diskussionen. Einerseits will man historisch korrekt sein, andererseits geht es um die Glaubwürdigkeit der Figuren und immer um den Anspruch, spannende Unterhaltung zu produzieren. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Für mich war die interessanteste Erfahrung bei den "Honigfrauen, eine Figur zu spielen, die sich anders verhält, als ich es tun würde. Das erfordert eine ganz andere Bereitschaft und man muss sich öffnen. Denn natürlich kann man sagen, dass Erik einen großen Fehler begangen hat, als er Kirsten schwanger sitzen gelassen hat und in den Westen abgehauen ist. Aber er hat es nun mal gemacht und 25 Jahre später hat er nun das Bedürfnis, seine Tochter endlich einmal zu sehen, ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Auch das mag sehr egoistisch sein, aber ich kann ihn da verstehen. Menschen sind nun mal nicht edel und gut, sondern eigennützig und unberechenbar.

"Seine Gefühle werden für Rudi zur Zerreißprobe" - Franz Dinda

Rudi ist Überzeugungstäter. Er glaubt an die DDR und an das sozialistische System. Er ist aber keiner von denen, die sich aktiv für die Stasi beworben haben, sondern gehört zu jenen, die nicht Nein gesagt haben, als sie gefragt wurden. In meiner Vorstellung waren bereits seine Eltern neben ihrer Tätigkeit als Zahnärzte für das Ministerium für Staatssicherheit aktiv.

Wenn man ihn nach dem Umgang mit dem Verrat von Freunden fragen würde, dann sähe Rudi das mit Sicherheit anders: Er empfände es eher als Freundschaftsdienst, Menschen wie Timo daran zu hindern, aus der DDR zu fliehen. Er würde sogar davon ausgehen, dass ihm dieser später dafür dankbar wäre, ihn vor der eigenen Verführbarkeit beschützt zu haben.

Abgesehen von Catrins Schwester Maja, ist aus Rudis Sicht die Entwicklung seines Lebens nahezu perfekt. Mit Catrin hat er völlig überraschend eine Frau getroffen, in die er sich Hals über Kopf verliebt hat. Doch Maja bringt ihn durch ihre Unberechenbarkeit und ihre Verbindung zu einem Fluchthelfer in ein gefährliches Dilemma: Deckt er ihre Aktivitäten seiner Liebe zu Catrin halber, verrät er sein Land. Meldet er ihre Vergehen, riskiert er hingegen sein privates Glück, indem er das Leben der Stresemanns zerstört und damit auch seine Beziehung. Seine privaten Gefühle hinter seine beruflichen Pflichten zu stellen, wird  für ihn somit zur großen Zerreißprobe.

"Tamás ist kein selbstloser Gutmensch" - Stipe Erceg

Tamás ist ein Mensch, der es versteht, sich die Vorteile, die das Leben ihm bietet, zu Nutze zu machen. Er schafft es, sich mit dem System zu arrangieren, gewisse Freiheiten zu genießen, ohne dabei aber seine eigenen Werte zu verraten. Er ist bereit, ein gewisses Risiko im Leben einzugehen.

Tamás beteiligt sich an Fluchthilfen – nicht weil er ein selbstloser Gutmensch ist. Schließlich lässt er sich auch dafür bezahlen. Trotzdem bereichert er sich nicht, denn für ihn wiegt der Thrill, den er selbst bei seinen riskanten Aktionen erfährt mehr als alles Geld.

"Liebe und Verrat in einer Urlaubskulisse" - Regisseur Ben Verbong

Wie mutig sind wir? Warum ordnet sich ein Mensch einem autoritären Regime unter, während der andere für sein Recht auf Freiheit kämpft? Das sind für mich allgemein menschliche Fragen, die sich nicht auf die DDR beschränken. Die deutsch-deutsche Geschichte spielt bei den "Honigfrauen" für mich als Niederländer nur als Hintergrund eine Rolle – wenn auch eine nicht unwichtige.

Die größte Herausforderung für mich als Regisseur war es, eine dramatische Erzählung mit so vielen Figuren und Beziehungen, sowohl realistisch als auch mit Leichtigkeit zu erzählen. Liebe und Verrat in einer Urlaubskulisse, wobei Tiefe und Ironie sich ständig abwechseln. Das über drei Filmen hinweg stringent in der Inszenierung und im Stil umzusetzen, war schon ein Balanceakt.

"Die Tischdecke wurde zum Rock, der Wohnzimmervorhang zum Bikini" -  Kostümbildnerin Maria Schicker

Als junges Mädchen bin ich selbst zum Balaton getrampt. Habe mich mit Freunden auf dem Campingplatz getroffen und über die Pullover auf dem Siófok-Markt gestaunt – nicht gekauft, das war zu teuer. Für uns aus der DDR war Ungarn das Tor zum Westen. Farbig, aufregend anders und fast unerschwinglich.

Es war mir ein großes Bedürfnis, die Kostüme so authentisch wie möglich zu designen, aber die Sehgewohnheiten haben sich komplett geändert: Es ist immer ein Abwägen zwischen dokumentieren und der Frage, wie weit kann ich gehen, ohne dass es für uns heute lächerlich wirkt. Deshalb habe ich das Ensemble in Kostüme gekleidet, die ihre Rolle unterstützen, sodass der Zuschauer für die Charaktere Empathie empfindet und sich in der Story fallen lassen kann.
Im Osten wurde eigentlich alles selbst genäht und gestrickt, das wollte ich auch bei der Erfurter Familie Stresemann zeigen. Ich habe unser Familienalbum studiert. Die aus Ost und West mit Schnittmusterbögen dienten mir ebenso als Orientierung.

Soweit möglich, wurde die West-Mode damals eins zu eins kopiert. Die Stoffe der DDR-Webereien gingen meist in den Westen. Kreativität war also gefragt – selbst aus "nichts" wurde noch etwas gemacht. Die Tischdecke musste herhalten und wurde zum Rock, oder der Wohnzimmervorhang zum Bikini. Jedes Stück wurde gehegt und gepflegt, die Wolle wieder verwendet, das Bettlaken blau gefärbt, um daraus eine Hose zu nähen.

Im Film tragen beide Frauen kleine "grenzüberfliegende" Symbole: Die Tasche mit der aufgestickten Möve, die Halskette mit einem Schwalbenanhänger, oder die kleine Libelle. Mutter Kirsten hat für die beiden genäht: den farbigen Hosenanzug für Catrin, den Pulli mit Schleifen auf dem Rücken für Maja. Catrin hat sich eine Jacke aus melierter Wolle gestrickt, das war einmal ein Pulli vom Vater. Maja ist die Romantische und kauft sich eine ungarische Bluse auf dem Markt, passend zur roten Hotpants.
Es gab natürlich auch Rollen, bei denen ich das ganze Spektrum von Farbe, Schulterpolstern, enger Taille und kiloweise "Bling-Deko" zeigen konnte. Da habe ich mit Freude tief in die Zauberkkiste gegriffen. So entstand ein sehr persönlicher und einmaliger Look für die Honigfrauen.

"Detailgetreu bis hin zu den Wäscheklammern" - Szenenbildner Frank Godt

Für mich als Szenenbildner war dieses Projekt eine besonders schöne Gedankenreise zurück in die Vergangenheit des ehemaligen Ostens im Jahre 1986. Der Balaton, diese Bezeichnung des ungarischen Sees, hatte im Vorfeld schon eine magische Wirkung und es reizte mich sehr, dort tätig zu werden. Zur Vorbereitung habe ich mir viele Bücher bestellt – vor allem viele Bildbände.

Wir haben den Campingplatz, der in unserer Geschichte eines der Hauptmotive ist und damit eine wichtige Rolle spielt, mit Hilfe von Zeitzeugen und Buchband-Recherchen auf einer leeren Wiese direkt am See wieder aufleben lassen. Die Zelte haben wir zum Teil im Original wiederfinden können, aber viele mussten wir tat¬sächlich nach Vorlage neu nähen lassen. Die Wege auf der Wiese sind von uns neu angelegt und mit Laternenmasten bestückt worden.

Die kleinen Requisiten in und vor den Zelten haben wir in Deutschland und auch in Ungarn detailgetreu gefunden. Die "Klappfix"-Wohnwagenzelte haben wir nach langem Suchen tat-sächlich alle in Ungarn erhalten. Dazu natürlich die Ostdeutschen Fahrzeuge – das ergab ein tolles Bild! Mein Team und ich haben wirklich liebevoll jedem Zelt und jedem Wohnwagen seine eigene individuelle Note und Einrichtung gegeben. Bis hin zu den histori¬schen Wäscheklammern, haben wir alles detailliert ausgesucht und damit das Campingdasein im Sommer 1986 wieder bunt und originalgetreu aufleben lassen.

"Eine trügerische Idylle" - Geschichtliche Einordnung von Roland Jahn

Sommer-Urlaub in Ungarn, das war für viele DDR-Bürger ein Stück Freiheit auf Zeit. Dort konnten sie nicht nur unbeschwerte Sommertage genießen, sondern oft auch endlich wieder die Verwandten aus dem Westen treffen – trotz des Eisernen Vorhangs. Am Balaton, dem ungarischen Plattensee, fühlten sie sich fernab von neugierigen Nachbarn, misstrauischen Parteigenossen und den wachsamen Augen des Ministeriums für Staatssicherheit. Eine Konstellation, die scharenweise DDR-Bürger an den ungarischen See lockte. So bot der Balaton schon weit vor dem Mauerfall im Jahr 1989 einen Vorgeschmack auf die deutsche Einheit.

Doch die Idylle war eine trügerische, denn seit Mitte der 60er-Jahre urlaubten am größten See Mitteleuropas nicht nur erho-lungssuchende Ostdeutsche, sondern auch die Stasi im aktiven Dienst. Als normale Touristen getarnt, tummelte sich die so ge-nannte Balaton-Brigade unter anderem auf Campingplätzen und an Touristen-Attraktionen. Ein großes Netzwerk, bestehend aus hauptamtlichen Agenten und einem verzweigten System aus inoffiziellen Mitarbeitern spähte die DDR-Bürger im Ferienparadies aus: Wer pflegte am Balaton Kontakt zu Westdeutschen? Wer verhielt sich nicht linientreu? Und vor allem: Wer bereitete seine Flucht aus dem sozialistischen System vor?

Die "Balaton-Brigade", Teil der Operativgruppe Volksrepublik (VR) Ungarn wie es in den Stasi-Akten heißt, begnügte sich nicht nur mit dem Ausspähen und Überwachen – in Kooperation mit dem ungarischen Geheimdienst setzten die Stasi-Mitarbeiter in Ungarn alles daran, Republikfluchten zu verhindern. In welch beachtlichem Ausmaß die Touristen am Balaton über Jahrzehnte hinweg observiert und bespitzelt wurden, konnte mit Öffnung der Stasi-Unterlagen ab Anfang 1992 ganz konkret nachvollzogen und erforscht werden.

Roland Jahn
Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (BStU)

Leben in der DDR - ZDFinfo-Schwerpunkt am Donnerstag, 20. April 2017

11:30 Uhr: "Immer bereit - Junge Pioniere in der DDR"

Nach Ende des Krieges wurde Ideologie nie wieder so massiv in deutsche Kinderköpfe gehämmert wie bei den Jungen Pionieren in der DDR. Aus ihnen sollten die neuen, besseren Menschen werden.

Fleißig, diszipliniert und hilfsbereit, sauber und gesund sollten sie sein. Und vor allem: mit den Kindern der sozialistischen Sowjetunion in Freundschaft verbunden. In den Propagandafilmen der DDR erscheint diese Vision bereits als gelebte Wirklichkeit.

 

12:15 Uhr: "ZDF-History: Putsch gegen die deutsche Einheit"

Am 9. September 1990 erhalten russische Fallschirmjäger den Befehl zur Eilverlegung nach Moskau - in voller Kampfausrüstung und mit scharfer Munition. Gorbatschow ist nicht informiert.

Sinn und Auftraggeber des geheimen Aufmarschs blieben lange im Dunkeln. Es handelte sich um ein Manöver hochrangiger Gorbatschow-Gegner aus Militär und Geheimdienst. Sie hielten das sowjetische Ja zur deutschen Wiedervereinigung für falsch.

 

12:45 Uhr: "Ich will nur raus: Der letzte Sommer am Eisernen Vorhang"

Wolf-Christian Ulrich erzählt die Geschichte von vier jungen Menschen, die im Sommer 1989 aus der DDR flüchten. Durch den löchrigen Eisernen Vorhang geht es von Ungarn aus nach Österreich. Ein ungarischer Grenzmajor weist den Flüchtenden den Weg.

Außerdem: die Geschichte von Miklos Nemeth, damals junger Staatschef in Ungarn, der den Eisernen Vorhang einrollen ließ. Er stieß die ersten Dominosteine an, was am Ende zum Fall der Mauer führte.

 

ab 13:30 Uhr: "Mauerjahre: Leben im geteilten Berlin" -  sieben Folgen

Mehr als 50 Jahre nach dem Mauerbau zeichnet die Doku-Reihe die Geschichte der geteilten Stadt Berlin nach. Anhand von Archivbildern und Zeitzeugenberichten werden die wichtigsten Ereignisse der Jahre 1970 - 1990 sowie Alltag und Lebensgefühl im Schatten der Mauer wiedergegeben.

 

18:45 Uhr: "ZDF-History: Das Wunder von Berlin - Die Dokumentation"

Tilo Koch war ein Punk. Ende der Achtziger kam er zu den Grenztruppen der DDR. Dort verwandelte er sich in einen überzeugten Verteidiger des DDR-Systems. Doch dann kam der November 1989. Koch und seine Kameraden waren im Wendeherbst bereit, gegen den "Mob", wie sie es von ihren Vorgesetzten eingepeitscht bekamen, vorzugehen. Dass er und seine Kameraden nicht geschossen haben, ist vielleicht das wahre Wunder von Berlin.

 

19:30 Uhr: "Die letzte Truppe und der Fall der Mauer"

Grenzsoldaten: In der schicksalhaften Nacht des 9. November 1989 hatten sie Dienst. Wie empfanden sie die dramatischen Stunden der Maueröffnung? Die Doku erzählt die Geschichte der Soldaten.


20:15 Uhr: "Stunde Null: Berlin im Sommer 1945"

Der 8. Mai 1945: das Ende des "totalen Krieges". Die Gefühle der Besiegten
schwankten - Niederlage oder Befreiung? Im Film prallen unterschiedlichste Erinnerungen an diesen Tag aufeinander.

 

21:00 Uhr: "Berlin Berlin: Der Untergrund"

Im Kalten Krieg rüstet sich West-Berlin für den Ernstfall mit Notunterkünften und Atombunkern, unterirdischen Operationssälen und riesigen Lagern mit Notverpflegung. Während der Mauer-Jahre versuchen Ost-Berliner, durch selbstgebaute Tunnel in die Freiheit zu kommen.

Reste von Spionage- und Fluchttunneln werden immer wieder beim Straßenbau entdeckt. Doch auch ein Gang durch die Kanalisation, durch Brauereikeller und Sockel von Denkmälern und Trümmerbergen verströmen eine geheimnisvolle und magische Atmosphäre. Heute machen spektakuläre Banküberfälle mit Tunnel-Bohrungen Schlagzeilen.

 

21:45 Uhr: "Krieg der Bauten: Der Wettkampf der Architekten im geteilten Berlin"

Im Kalten Krieg standen sich nicht nur Politiker, Propagandisten und Militärs gegenüber, auch Architekten waren Teil des Wettkampfes der Systeme - vor allem in Berlin.

Im Osten und Westen der "einstigen Frontstadt" Berlin lieferten sich Sozialismus und Marktwirtschaft einen baulichen Wettlauf um die eindrucksvollste Architektur. Dabei waren die Städtebauer weit weniger voneinander entfernt, als sie zugaben.

 

22:30 Uhr: "DDR mobil - Trabi, Wartburg und Ostrennwagen"

"Vorwärts immer, rückwärts nimmer!" - dieser markante Ausspruch von Erich Honecker war richtungsweisend, auch für die Fahrzeugflotte in der DDR. Die Doku zeigt deren gesamte Bandbreite.

 

23.15 Uhr: "DDR mobil - Zwischen Reichsbahn und Rasendem Roland"

Der Film zeigt 40 Jahre Staatsbahn im Osten. Geschichten über die Deutsche Reichsbahn werden erzählt von Zeitzeugen, Betroffenen und ehemaligen Bahnern.

 

24:00 Uhr: "Ballermann oder Balaton"

Ab Mitte der 50er Jahre zog es die Westdeutschen an die Nordsee und in die Berge. Käfer und Isetta machten es möglich. Mit Einführung des gesetzlichen Mindesturlaubs ging die Reiselust dann richtig los, zumal die D-Mark überall willkommen war. Traumziel war Italien. Wer es sich leisten konnte, ließ das Auto stehen und düste mit dem Flieger auch mal nach Mallorca.

Freie Wahl des Urlaubsziels - das gab es in der DDR nur innerhalb des Landes. Oft ging es auch in die "sozialistischen Bruderstaaten". Der Westen war tabu - offiziell auch in Sachen Lebensstil und Mode. Wer im Osten cool sein wollte, musste sich mit Nähmaschine und Schnittmustern behelfen. Mit dem Verbot vom "hektischen Modewechsel" wollte der Staat Ruhe auf dem Modemarkt verordnen - doch die privaten Nähmaschinen ratterten weiter.

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