Lauren (Anja Knauer) und Anthony (Lucas Reiber). Fotocredit: ZDF/Rick Friedman
Lauren (Anja Knauer) und Anthony (Lucas Reiber). Fotocredit: ZDF/Rick Friedman

Katie Fforde: Bruderherz

Als Laurens Vater bei einem Unfall ums Leben kommt, ist sie plötzlich für ihren jüngeren Bruder verantwortlich. Doch das Zusammenleben mit dem autistischen Anthony bringt sie schnell an ihre Grenzen...

  • ZDF, Sonntag, 10. September 2017, 20.15 Uhr

Texte

"Kluges und berührendes 'Herzkino'" - Statement der Redakteurin Verena von Heereman

"Bruderherz" macht den Auftakt der "Katie Fforde"-Verfilmungen in der neuen "Herzkino"-Saison: Arndt Stüwe schrieb das komödiantische Drehbuch, das von einem besonderen Geschwisterpaar erzählt. Unter der Regie von Sebastian Grobler spielt Anja Knauer die hinreißende Bostoner Fotografin Lauren Cahill, die sich mit Auftragsarbeiten über Wasser hält und alles daransetzt, den vom Starfotografen Jacob Abrahams (Peter Sattmann) ausgeschriebenen Wettbewerb zu gewinnen. Doch der Tod ihres Vaters (Paul Kandarian) durchkreuzt Laurens Pläne: Ihr autistisch veranlagter Bruder Anthony, fantastisch gespielt von Lucas Reiber, muss sein großzügiges Heim verlassen und zu Lauren ziehen. Das ungewohnte Zusammenleben katapultiert die Geschwister in viele komische und kritische Situationen, denn Anthonys Eigenheiten sind eine Herausforderung für die Umwelt. Nur Cafébesitzer Stephen Great (Bernd-Christian Althoff) tut Lauren liebend gern einen Gefallen und hat ein Auge auf Anthony, damit Lauren ihre Karriere als Fotografin verfolgen kann. Aber vielleicht muss Lauren erst noch erkennen, dass sie ihr Ziel nicht trotz ihres Bruders, sondern nur mit ihm erreichen kann? Die von Jutta Lieck-Klenke und Sabine Jaspers von Network Movie Hamburg an wunderschönen Schauplätzen in Boston und Umgebung produzierte Katie Fforde-Verfilmung punktet als kluges und berührendes "Herzkino".

Verena von Heereman
HR Fernsehfilm / Serie II

Stab

Buch:            Arndt Stüwe
Regie:            Sebastian Grobler
Kamera:            Meinolf Schmitz
Musik:            Ingo Ludwig Frenzel
Music Supervision:    Hansjörg Kohli
Schnitt:      Angelika Sengbusch
Szenenbild:        Lars Brockmann
Kostüm:            Carola Neutze
Maske:            Marcus Michael, Erica Pearce
Aufnahmeleitung:    Anja Becker, Lars Buscher
Produktionsleitung:    Christa Lassen
Herstellungsleitung:    Roger Daute
Produzenten:        Jutta Lieck-Klenke, Sabine Jaspers
Redaktion:        Verena von Heereman
Länge:            ca. 90 Minuten

Besetzung

Lauren Cahill                         Anja Knauer
Anthony Cahill             Lucas Reiber
Stephan Great              Bernd-Christian Althoff
Jacob Abrahams           Peter Sattmann
Galina Aitmatova         Tara Marie Linke
Beardless Bob            Tyron Ricketts
Yong Lim                    Jan Liem
George Cahill            Paul Kandarian
Frank Fernandez         Tony Morales
Susan Jenings              Marybeth Paul
Museumsangestellte    Belen Cusi
Ms. Brightman            Cindy Karr
Sozialarbeiterin          Zele Avradopoulos
Vince                           Kevin Peterson
und andere

Inhalt

Als Lauren Cahill unerwartet ihren Bruder Anthony in ihrem Mini-Apartment in Boston einquartieren muss, prallen zwei Welten aufeinander: Der Ordnungsfanatiker mit Asperger-Syndrom und seine liebenswerte, eher chaotische Schwester haben sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Schnell gerät Lebenskünstlerin Lauren an ihre Grenzen, aber zum Glück kann sie auf die Unterstützung des charmanten Coffee-Shop-Besitzers Stephen zählen und durch eine Reise in ihre Vergangenheit Frieden mit ihrer Familiengeschichte schließen.

Lauren hält sich mit Gelegenheitsjobs als Fotografin bei Hochzeiten und Kindergeburtstagen über Wasser, träumt aber insgeheim davon, dass ihre Fotografien einmal in den großen Galerien ausgestellt werden. Als ihr Vater stirbt, ändert sich ihr Leben schlagartig: Ab sofort muss sie ihren autistisch veranlagten Bruder Anthony in ihrem kleinen Apartment einquartieren, denn das Heim, in dem er bisher betreut wurde, kann sich Lauren nicht leisten.

Das Zusammenleben stellt die Geschwister auf eine harte Probe. Die chaotische Lauren bringt Anthony, der nichts so sehr liebt wie Routine, Rituale und im 90°-Winkel ausgerichtete Zeitschriftenstapel, völlig durcheinander. Anthony hingegen stapft mit seinen Versuchen, Ordnung in Laurens Leben zu bringen, von einem Fettnäpfchen ins nächste. Weil Anthony keine Minute allein gelassen werden kann, ist Lauren schon bald überfordert. Sogar ihr großer Traum – den Wettbewerb des renommierten Fotografen Jacob Abrahams zu gewinnen – droht zu zerbrechen.

Doch als Anthony nach einem Streit einfach im Bostoner Straßengewirr verschwindet, plagen sie plötzlich ganz andere Sorgen. Zum Glück hilft ihr Café-Besitzer Stephen bei der Suche nach ihrem Bruder. Inspiriert von Anthonys besonderer Sicht auf die Welt, eröffnen sich für Lauren auch beruflich neue Perspektiven.

"Mein Bruder ist einer meiner besten Freunde" - Interview mit Anja Knauer

Sie sind das erste Mal bei der Reihe "Katie Fforde" dabei. Was hat Ihnen an der Geschichte der Fotografin Lauren und ihrem Bruder Anthony gefallen?

Ich mochte die starke Familiengeschichte. Ich finde spannend, wie erwachsene Menschen oft immer noch stark durch ihre Kindheit, ihre Eltern, die Beziehungsgeflechte ihrer Familie bestimmt sind. Wie man sich darüber definiert und wie einen schmerzhafte Erlebnisse und Erfahrungen bis ins hohe Alter den ganzen Lebensweg prägen. Auch wenn der Kontakt zur Familie längst abgebrochen ist, formt der Mensch daraus einen großen Teil seiner Identität. Ich fand spannend zu erzählen, welche Chance man bekommt, wenn man gezwungen wird, eine Tür zu dieser Vergangenheit wieder zu öffnen und sich dadurch noch einmal neu erzählen kann.

Wie erzählt man so eine Geschichte im "Herzkino"?

Ohne Angst vor großem Gefühl, mit Witz und an einem sehr schönen Ort.

Haben Sie sich vorbereitend mit Autismus beschäftigt?

Ja, ich habe einiges dazu gelesen und mehrere Tage mit einer Bekannten und ihrem autistischen Sohn verbracht.

Haben Sie Geschwister und mussten sich schon mal kümmern?

Ich habe einen (mittlerweile sehr großen) kleinen Bruder. Niemand musste sich einmal wirklich um den anderen kümmern, aber wir tun das trotzdem sehr gerne wechselseitig. Wir sehen uns sehr oft und sind uns sehr nah. Ich habe das Glück, dass mein Bruder einer meiner besten Freunde ist.

Interessieren Sie sich für Fotokunst?
Ja, ich fotografiere auch selbst gerne. Aber eher privat und digital. Ein analoges Foto hatte ich vor unserem Dreh noch nicht selbst entwickelt.

Haben Sie Insider-Tipps für Boston?

Im Herbst zum Indian Summer kommen und raus fahren in die Wälder. Ich habe selten sowas Schönes gesehen. Halloween in und um Salem ist auch sehr lustig. Gar nicht mal in erster Linie die Partys und Veranstaltungen, sondern der Brauch, sich ein Kostüm zusammenzustellen und dann bis zu einer Woche mit großer Selbstverständlichkeit seinen gesamten Alltag darin zu bestreiten.

Schweden, Mauritius, USA: Sie arbeiten, wo andere Urlaub machen. Haben Sie eher Heimweh oder Fernweh?

Ich kann mich mittlerweile so gut wie überall zu Hause fühlen. Nach langen Drehs oder Reisen freue ich mich sehr auf mein Zuhause in Berlin. Wenn ich lange in der Stadt bin, dann zieht es mich aber auch ziemlich bald wieder raus. Im Winter muss ich mindestens einmal meine Koffer packen und eine Zeit lang auswandern, dahin wo ein bisschen was blüht und zirpt und die Sonne scheint.

Die Fragen stellte Claudia Maxelon

"Autismus ist ganz einfach eine andere Art, die Welt zu sehen" - Interview mit Lucas Reiber

Es ist nicht Ihre erste Rolle, in der Sie einen Menschen mit Special Needs spielen: Für Ihre Darstellung im ZDF-Film "Die Mutter des Mörders" erhielten Sie den "New Faces Award", die meisten kennen Sie sicherlich aus "Fack ju Göhte 2". Wie bereiten Sie sich auf diese Rollen vor?

Es geht mir besonders um die Gedanken und innere Welt meiner Figuren. Insofern wird ein Charakter von mir immer so vorbereitet, dass ich ihn beim Spielen spüre: Was denkt er in diesem Moment? Was fühlt er? Wie sehe ich in der Rolle die Dinge in diesem Augenblick? Äußerlichkeiten oder bestimmte Gesten entstehen oder stehen explizit im Drehbuch und werden dann von mir mit dem Inneren des Charakters abgestimmt. Haha - hört sich an wie 'ne Bauanleitung (lacht).

Wie haben Sie es geschafft, so überzeugend einen Autisten zu spielen?

Ich habe mich vorher intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und habe mit den Institutionen "Autismus Deutschland Landesverband Berlin" und "Kooperationsverbund Autismus" zusammengearbeitet, die mir große Einblicke und einen direkten Zugang zu dem Thema Autismus ermöglichen konnten. Ich habe mich mit einigen Autisten getroffen und konnte die zarten Unterschiede im Verhalten von Autisten und mir wahrnehmen und als Inspiration in die weitere Vorbereitung mitnehmen. Wir hatten tolle Gespräche und ich war wahnsinnig dankbar über die Offenheit mir gegenüber. 

Können Sie den Unterschied zwischen Asperger und anderen Formen des Autismus erklären?

Autismus kann nicht pauschalisiert werden, das ist das Erste, was ich erkannt habe. Früher hat man zwischen frühkindlichem, atypischem und Asperger-Autismus unterschieden, wobei letzterer erst später erkannt und diagnostiziert wird, da er schwächer ausgeprägt ist. Ich habe einige Asperger-Autisten getroffen, die erst mit 40 und älter diese Diagnose bekommen haben. Heutzutage wird nicht mehr kategorisiert und eingeteilt, man spricht von der Autismus-Spektrum-Störung und jede/r Autist/in findet sich irgendwo in diesem Spektrum wieder. Grundsätzlich sollte Autismus nicht als Behinderung gesehen werden, es ist tatsächlich ganz einfach eine andere Art, die Welt zu sehen und wahrzunehmen.

Wie wichtig sind Ihnen ein fester Bezugspunkt und Ihr Zuhause?

Beim Drehen ist man ja ständig in verschiedenen Städten, Ländern und Hotels unterwegs, aber so richtig zur Ruhe kommen kann ich nur zu Hause. Ich bin auch ein absoluter Familienmensch: Bei Freunden und Familie kann ich nach langen Drehs immer wieder in Ruhe auftanken.

Wie war es in den USA/Boston? Was hat Ihnen am besten gefallen?

Ich liebe es, andere Kulturen kennenzulernen und würde am liebsten sofort die ganze Welt bereisen. Boston war eine tolle Erfahrung, vor allem, weil ich zwei unfassbar tolle Kollegen um mich hatte. Sobald wir drehfrei hatten, haben wir besonders die Weite und Landschaft genossen.

Die Fragen stellte Claudia Maxelon

Hintergrund: Autismus-Spektrums-Störung

Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich in ihrer Symptomatik als Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung zeigt. Reize und Sinneseindrücke, denen Menschen täglich ausgesetzt sind, können nicht in ihrer Stärke unterschieden werden, schnell kann es zu einer Überladung kommen. Es kann also passieren, dass beispielsweise ein vorbeifliegender Vogel in der visuellen, sowie akustischen Reizverarbeitung mit der gleichen Priorität und Stärke bemessen wird, wie ein nahendes Auto, das eine Gefahr darstellen könnte.

Autismus ist ein Spektrum. Das bedeutet, dass zwar alle autistischen Menschen bestimmte Merkmale teilen, aber keiner ist wie der andere - deshalb spricht man von einer Autismus-Spektrums-Störung.

Autisten haben häufig stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Mit "einfachen" Dingen können manche große Schwierigkeiten haben, während sie "schwierige" Herausforderungen hingegen spielend bewältigen. Beschäftigungen, beispielsweise mit Daten und Fahrplänen, oder motorische Stereotypien, wie Schaukeln, Wedeln, Kreiseln von Dingen, sind typisch.

Menschen mit Autismus können große Probleme mit Veränderungen haben und reagieren teils sehr stark darauf. Sie haben Probleme mit Spontanität, Initiative und Kreativität und Schwierigkeiten mit Entscheidungsfindungen. Sind sie in einer Situation verunsichert, kann dies verstärkt zu untypischen Geräuschen, Lauten oder Handlungen führen. Manche Menschen im Autismus-Spektrum leben ein relativ unabhängiges Leben, andere dagegen brauchen Unterstützung, um ein erfülltes Leben leben zu können.

Menschen mit Asperger-Syndrom haben oft eine durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz und weniger Probleme mit Sprache. Aber auch ihnen bereiten soziale Aspekte oft Probleme: Ihre oftmals untypischen Reaktionen auf andere Menschen können auch als Provokation oder Missverständnis wahrgenommen werden. Meist machen die atypischen, repetitiven Bewegungen das Gegenüber unsicher.

Autismus ist kein neues Phänomen. Zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt gab und gibt es autistische Kinder und Erwachsene in allen Altersstufen. Bis heute hat sich kein umfassendes Erklärungsmodell herausgebildet, das schlüssig die Entstehungsursachen autistischer Störungen belegen kann.

 

Claudia Maxelon und Dirk Gronau

Die Produktion dankt Herrn Gronau und dem Team der Außenwohngruppen Lebensraum Herzbergstraße vom EJF gemeinnützige AG und dem Kooperationsverbund Autismus (KVA BERLIN)

Fotohinweis

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über  https://presseportal.zdf.de/presse/katiefforde

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