Terra X: Die ersten Menschen

Zweiteilige Dokumentation

Der Stammbaum des Menschen füllt sich: Immer neue Überreste bisher unbekannter Wesen wurden in den letzten Jahren entdeckt - einige mit menschlichen andere mit tierischen Merkmalen. Der wissenschaftliche Diskurs darüber, wer noch Affe, wer schon Mensch gewesen ist, ist in vollem Gange. In aufwändigen Inszenierungen entführt die "Terra X-Doku "Die ersten Menschen" auf eine Zeitreise zu unseren Wurzeln vor 25 Millionen Jahren. Damals war die Erde ein Planet der Affen. Neueste Forschungen zeigen, dass sich die Ursprünge menschlicher Verhaltensweisen bereits viel früher entwickelt haben, als bisher gedacht. Wer waren die ersten Menschen?

  • ZDF, Sonntag, 20. und 27. August 2017, 19.30 Uhr

Texte

Sendedatum, Stab

Sonntag, 20. und 27. August 2017, 19.30 Uhr

Terra X: Die ersten Menschen
Zweiteilige Dokumentation

Teil 1: Vom Wald in die Savanne

Teil 2: Aus Afrika in die ganze Welt

BuchFrédéric Fougea, Alain Michel Blanc, Stéphanie Valloatto
Regie
Jérôme Guiot, Frédéric Fougea,
KameraLionel Jan Kerguistel, Quentin Devillers, Michael Habermehl
Schnitt Andreas Lupczyk, Laurence Guzzo,
Tonmischung Günter-Ulrich Haas
KoproduktionNilaya Productions, Boréales, AT Productions,
ZDF
CCTV9, RTBF Télévision Belge und Winds
in Zusammenarbeit mit SND, SVT, NRK,
B Media 2014 und Cofinova 13
ProduzentPatricia Boutinard Rouelle
Produktion Nilaya   Nelly Mabilat
Produktion ZDFCora Szielasko-Schulz, Claudia Comprix
RedaktionRuth Omphalius
Länge2 x 43'30''

Teil 1: Vom Wald in die Savanne

Sonntag, 20. August 2017, 19.30 Uhr

Terra X: Die ersten Menschen
Zweiteilige Dokumentation

Teil 1: Vom Wald in die Savanne

Pierolapithecus heißt ein früher Waldbewohner, der zwar noch kein Mensch, aber trotzdem ein entfernter Vorfahr gewesen sein könnte. Das Wesen lebte als Schwinghangler in tropischen Regenwäldern auf dem Gebiet des heutigen Spanien. Einige Wissenschaftler trauen dem Pierolapithecus zu, schon ähnlich versiert im Werkzeuggebrauch gewesen zu sein, wie heute lebende Menschenaffen. Als erstes Werkzeug überhaupt gilt der Stock. Mit ihm konnten die frühen Affen bereits Insekten wie Ameisen und Termiten aus ihren Bauten angeln. Sogar für die Entstehung des aufrechten Gangs waren vermutlich Wesen wie Pierolapithecus ausschlaggebend. Er war ein vergleichsweise schwerer Primat ohne Greifschwanz, der schon auf zwei Beinen über die größeren Äste der Urwaldbäume balanciert sein soll.

Noch einen Schritt weiter auf dem Weg zur Menschenähnlichkeit war ein aufrechtgehender Menschenaffe, den man heute als Sahelanthropus oder Toumai bezeichnet. Er lebte vor sechs bis sieben Millionen Jahren in der Region des heutigen Tschad und hatte sich offenbar bereits an ein Leben auf dem Waldboden gewöhnt. Sein aufrechter Gang war noch etwas ungelenk, könnte aber trotzdem ein Evolutionsvorteil gewesen sein, weil Toumai als Zweibeiner die Hände frei hatte. Sein Werkzeuggebrauch soll im Vergleich zu dem anderer Affen  weiterentwickelt gewesen sein. Nüsse knacken mit Steinen könnte wie bei den Schimpansen der Gegenwart von Generation zu Generation weitergegeben worden sein.

Ein weiterer Wendepunkt wird für die Zeit vor zwei Millionen Jahren angenommen. Die große Gruppe der Australopithecinen besiedelte schon seit längerem große Teile Afrikas. Der wohl berühmteste Vertreter dieser Art, Lucy, galt lange als Urmutter der Menschheit. Mittlerweile halten viele Forscher ihre Linie jedoch für ausgestorben und trauen stattdessen dem Australopithecus sediba zu, ein direkter Vorfahr des Menschen gewesen zu sein. Sein Körperbau zeigt so viele moderne Anteile, dass einzelne Wissenschaftler ihn als frühen, vielleicht sogar ersten Vertreter der Gattung "Homo" sehen. Immer neue Wesen mit teilweise menschlichen, teilweise tierischen Merkmalen wurden in den letzten Jahren entdeckt. Der wissenschaftliche Diskurs über die Frage, welches von ihnen noch Affe oder schon Mensch gewesen ist, erscheint symptomatisch für die Tatsache, dass die Grenzen immer stärker verwischen.

Für die Pariser Primatologin Sabrina Krief steht schon heute fest, dass die strikte Trennung zwischen Mensch und Menschenaffe wissenschaftlich nicht zu begründen ist: "Heute existieren offiziell sechs Affenarten. Menschen sind einfach die siebte Art unter den anderen großen Affen. Die alte Hierarchie mit dem Menschen an der Spitze der Pyramide über all den anderen Primaten, ist überholt."

Teil 2: Aus Afrika in die ganze Welt

Sonntag, 27. August 2017, 19.30 Uhr

Terra X: Die ersten Menschen
Zweiteilige Dokumentation

Teil 2: Aus Afrika in die ganze Welt

Wie und warum entwickelten sich vor zweieinhalb Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung Homo? Und wie schafften sie die erstaunliche Metamorphose zum modernen Menschen?  Vor allem die Fähigkeit zur Zusammenarbeit unterscheidet die Menschen von ihren haarigen Vettern. Nur durch Teamgeist gelang es, in einer feindlichen Umwelt zu überleben.

Als eines der frühesten Anzeichen für ein friedlicheres Miteinander wird nach dem aktuellen Forschungsstand der langsame Verlust der riesigen Eckzähne der Primatenvorfahren gedeutet. Diese Entwicklung soll bereits vor sieben Millionen Jahren begonnen haben, also ungefähr zu der Zeit, als sich die Wege des Menschen und des Schimpansen trennten. Eckzähne dienen in Affengesellschaften vor allem dazu, Konkurrenten der eigenen Art zu bekämpfen oder abzuschrecken. Wissenschaftler schließen aus dem Verlust der Riesenzähne auf eine Verhaltensänderung bei unseren frühen Ahnen. Innerhalb der eigenen Art gingen sie offenbar schon lange vor dem Auftauchen des ersten Menschen immer freundlicher miteinander um. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Da der einzelne nicht besonders wehrhaft war oder schnell flüchten konnte, brauchte er das Team, um sich gegen überlegene Feinde wie zum Beispiel große Raubkatzen verteidigen zu können.

Zunehmend nicht nur für sich selbst sondern für die Gruppe zu denken, könnte die Gehirnaktivität überhaupt beflügelt haben und Kommunikation wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger. "Was den Menschen heute ausmacht, ist eine symbolhafte Sprache. Das können Menschenaffen nicht," erläutert der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk. "Menschen haben eine symbolhafte Sprache, die mit Kunst und Kultur verknüpft ist. Sprache dient zur Weitergabe von kultureller Information und ist abhängig vom vorausschauenden Bewusstsein."

In diesem Teil des Zweiteilers "Die ersten Menschen" sucht "Terra X" nach den Ursprüngen dieses vorausschauenden Bewusstseins und nach seinen Folgen. Wer stellte die ersten Werkzeuge her? Wie kam jemand auf die Idee, das Feuer zu zähmen? Wieso wurden aus unseren vegetarisch lebenden Vorfahren Fleischesser? Und warum wurden die Auseinandersetzungen unter Menschen im Laufe der Zeit immer blutiger, obwohl doch gerade Zusammenarbeit und das Denken an andere als typisch für unsere Art gilt.

Was ist typisch menschlich?
Interview mit
Paläoanthropologe Friedemann Schrenk

Der aufrechte Gang auf zwei Beinen galt lange als Merkmal für den Menschen. Früher glaubte man, dass diese besondere Art der Fortbewegung in den Weiten der afrikanischen Savanne entstanden sei. Heute nehmen viele Wissenschaftler an, dass der Zweibeinergang viel ältere Wurzeln hat und entstanden sein muss, als unsere Vorfahren noch Baumbewohner waren. Wie müssen wir uns diese Wesen vorstellen, die die ersten Schritte in Richtung Menschlichkeit gingen? Und wann könnten sie gelebt haben?

Es gab schon vor 13 Millionen Jahren eine Körperkonstruktion bei den Menschenaffen, die zur Aufrichtung befähigt. Diese Affen sind nicht unbedingt auf zwei Beinen gegangen, aber sie konnten sich aufrichten. Und das war die Voraussetzung für die Entstehung des aufrechten Gangs vor ungefähr sieben Millionen Jahren.

Nach wie vor wird diskutiert, ob diese ersten "Fußgänger", wie beispielsweise Sahelanthropus, eher zu den Menschen oder zu den Menschenaffen zu rechnen sind. Was macht diese Wesen außer dem aufrechten Gang so besonders?

Lange vor dem Auftreten der Gattung Mensch, schon vor sieben Millionen Jahren, wurden auch die Eckzähne kleiner. Diese werden für innerartliche Drohgebärden eingesetzt. Daraus können wir eine zunehmende soziale Kooperation in der Gruppe ableiten.

Wenn der aufrechte Gang und eine zunehmende Kooperationsbereitschaft Entwicklungen sind, die sich offenbar schon in Menschenaffengemeinschaften herausgebildet haben, woran können wir erkennen, ab wann es Vertreter unserer eigenen Gattung gab?

Vor 2, 6 Millionen Jahren tauchen zum ersten Mal flächendeckend Werkzeuge auf, die vom Menschen hergestellt wurden. Es werden die ersten Angehörigen der Gattung Mensch gewesen sein – also Homo rudolfensis, Homo habilis, die mit der Werkzeugherstellung, mit der Werkzeugbenutzung und vor allem mit dem Informationsaustausch begonnen haben.

Wir wissen vor allem von Schimpansen, dass auch sie Werkzeuge gebrauchen. Inwiefern unterscheidet sich der Werkzeuggebrauch des frühen Menschen von dem anderer Primaten?

Ein wichtiger Faktor beim Menschen ist das vorausschauende Bewusstsein, was auch zu einem gezielten Lernen beiträgt. Es geht nicht nur um additives Lernen, sondern auch darum, Verknüpfungen herzustellen. Verknüpftes Lernen kann der Mensch in seiner Kindheitsphase, die sehr stark verlängert ist. Das Wachstum ist beim Menschen sehr verlangsamt, was dabei hilft, das Lernen sehr viel effektiver zu gestalten.

Wie kommt hier die Sprache ins Spiel?

Die Anfänge von Sprache gehen sehr weit zurück. Auch Äffchen im Urwald teilen sich bestimmte Dinge mit: Gefahr zum Beispiel - ob da eine Schlange ist oder ein Adler. Entsprechend machen sie unterschiedliche Geräusche. Aber es stellt sich immer die Frage, ob einfach Information transportiert wird oder ob eine symbolhafte Sprache Inhalte auch neu zusammensetzt und dann auch neu verknüpft. Und genau das ist es, was den Menschen ausmacht: eine symbolhafte Sprache. Das können Menschenaffen nicht. Sie denken eher additiv. Menschliche Sprache ist dagegen verknüpft mit Kunst und Kultur. Sie dient zur Weitergabe von kultureller Information und ist abhängig vom vorausschauenden Bewusstsein.

Dieses vorausschauende Bewusstsein lässt sich aber nicht nur am allgemeinen Werkzeuggebrauch festmachen, sondern vor allem auch an der Nutzung des Feuers.

Genau. Am Anfang gab es vielleicht ein Buschfeuer, das möglicherweise rein zufällig irgendwelche Knollen geröstet hat. Und diejenigen, die solche gerösteten Knollen zu sich genommen haben, stellten fest: Da kriege ich sehr viel schneller Energie. Das ist dann sozusagen die Voraussetzung für das Kochen gewesen. Denn wenn pflanzliche Nahrung gekocht ist, steht die Energie sehr viel schneller zur Verfügung. Das ist aber nur ein Aspekt. Ein zweiter ist der soziale und ein dritter der Schutzaspekt. Heutige Primaten gehen beispielsweise nie in Höhlen hinein, das machen nur Menschen, die Feuer haben. Auch sonst hat Abwehr von Beutegreifern mit Feuer zu tun. Und die Nutzung des Feuers beruht darauf, dass man ein vorausschauendes Bewusstsein hat, um das Feuer auch am Laufen zu halten.

Die Beherrschung des Feuers und die Möglichkeit, Nahrung zu kochen, ermöglichten ja auch den Fleischverzehr in größerem Umfang. Wann wurde der Mensch zum Jäger?

Früher gab es eine Hypothese, dass schon die Vormenschen Jäger waren, aber in Wirklichkeit waren sie die Gejagten – und zwar sehr lange Zeit. Noch die Gattung Mensch gehörte zu den Gejagten, bis sie Werkzeuge erfand, um selbst zu jagen. Die ersten erhaltenen Speere sind zum Beispiel vor einer halben Million Jahre  entstanden, aber schon vorher war es natürlich möglich, einen Beutegreifer zum Beispiel mit Steinen abzuwehren und möglicherweise auch kleine Beute zu jagen.

Was ist die wichtigste Erkenntnis der jüngeren Forschung zum Thema Menschwerdung?

Was zurzeit immer klarer wird ist, dass es zu allen Zeiten nebeneinander unterschiedliche Menschenarten auf der Welt gegeben hat. Auch in Europa: Es gab Neandertaler, es gab Denisova-Menschen und es gab moderne Menschen. Es gab lokale Populationen auch in Afrika. Immer lebten viele verschiedene Menschenarten nebeneinander, bis vor ungefähr 30.000 Jahren. Heute gibt es nur noch eine Art, den Homo sapiens, der die ganze Welt beherrscht.

Das Interview führte Ruth Omphalius.                                                                                                 

Kollaboration oder Konfrontation
Interview mit Psychologe Daniel Hanus

Der Werkzeuggebrauch galt lange Zeit als typisch menschlich. Als man herausfand, dass auch Schimpansen Werkzeuge verwenden, wurden die Herstellung und der Transport von Werkzeugen zu den Alleinstellungsmerkmalen für den Menschen. Nun scheint nach neuerer Forschung auch diese Unterscheidung nicht mehr tragfähig zu sein. Über wieviel handwerkliches Können verfügen Schimpansen tatsächlich?

Wir wissen von Schimpansen, dass sie ausgesprochen kompetente Werkzeugbenutzer sind. Schimpansen nutzen zum Beispiel kleine Stöcke oder Halme, um Termiten oder Ameisen zu angeln. Was hierbei besonders interessant ist, dass sie etwas über die funktionalen Eigenschaften dieser Werkzeuge zu verstehen scheinen. Wir wissen nämlich auch, dass sie in Abhängigkeit beispielsweise, ob es sich um aggressive Ameisen handelt oder nicht, unterschiedliche Arten von Stöcken benutzen. Also bei besonders aggressiven Arten werden eher längere Stöcke verwendet und sie verwenden andere Techniken, um diese Ameisen dann in den Mund zu bekommen, zum Beispiel die Durchziehtechnik, bei der der Halm oder Zweig direkt durch den Mund gezogen wird. Bei weniger aggressiven Arten streifen sie die Ameisen auch mit der Hand ab. Darüber hinaus transportieren sie ihre Werkzeuge auch, an Orte, an denen sie gebraucht werden: Sie besorgen sich beispielsweise Steinhämmer und bringen sie zu weit entfernten Nussbäumen, wo es diese Steinwerkzeuge nicht gibt. Das ist ganz bemerkenswert.

Das klingt allerdings schon sehr nach präziser Planung. Wie unterscheiden sich dann aber Mensch und Schimpanse in ihrer Art, mit Werkzeugen umzugehen?

Was den menschlichen Werkzeuggebrauch tatsächlich davon zu unterscheiden scheint, ist zum einen die Art und Weise, wie wir voneinander lernen, solche Werkzeuge zu benutzen. Wir finden zwar im Freiland die Situation vor, dass in Schimpansenpopulationen Kinder von nussknackkompetenten Müttern auch bessere Nussknacker werden als andere. Das wurde oft als aktives Lehren beschrieben. Aber es scheint bei Schimpansen vor allem so zu sein, dass Schimpansenjunge sehen: Man kann erfolgreich Nüsse knacken. Sie sind motiviert, weil sie Nüsse haben wollen. Die Schimpansenjungen sehen vor allem, dass es geht, während menschliche Kinder sehr früh den Fokus darauf legen, wie genau etwas geht. Sie beobachten, wie das kompetente Modell, also der Erwachsene, etwas vormacht und kopieren es eins zu eins. Das ist bereits bei sehr kleinen Kindern schon sehr auffällig, dass sie erstaunlich exakt kopieren können. Dieses klassische "Nachäffen" ist also eher etwas Menschliches, das finden wir in dieser Form bei keiner anderen Art. Und das ist schon sehr interessant. Wir lernen nicht in einer Generation etwas, das dann in der nächsten wieder verloren geht, sondern wir häufen Wissen über Generationen hinweg an und bauen darauf auf. Das scheint uns von allen anderen Affenarten zu unterscheiden.

Wie gelingt uns Menschen das? Sind wir die besseren Lehrer oder die besseren Schüler?

Das ist ein sehr kontroverses Thema. Wir glauben, dass menschliches Lehren sich dadurch auszeichnet, dass vor allen Dingen der Lehrende ein direktes Interesse daran hat, seinen Schülern etwas zu vermitteln. Das heißt, er passt sein Lehrverhalten dem Wissensstand seiner Schüler an. Es gibt Freilandbeobachtungen, die das auch bei Schimpansen nahelegen. Ich persönlich glaube aber, dass es keine besonders belastbaren Hinweise dafür gibt, dass Schimpansenmütter beispielsweise Nussknackverhalten dem Wissensstand des Kindes in einer Weise anpassen, wie wir es bei menschlichen Lehrern finden. Hinzu kommt, dass auf der Schülerseite menschliche Kinder mit einem ganz anderen Verständnis in eine Lehrsituation gehen. Kinder erwarten bereits von einem sehr frühen Alter an, Wissen vermittelt zu bekommen. Sie gehen in die Welt mit der Erwartung: Mir wird hier etwas Sinnvolles beigebracht.

Eine Hypothese besagt, dass der Mensch auch dadurch, dass er irgendwann länger und tiefer schlafen konnte, seine Lernfähigkeiten verbesserte. Lernen auch Schimpansen im Schlaf?

Wir wissen aus Studien, dass auch bei Menschenaffen neu erworbenes Wissen im Schlaf gefestigt wird. Schimpansen sind beispielsweise besser darin, sich an Verstecke, Futterverstecke oder andere Dinge zu erinnern, wenn sie eine Nacht darüber geschlafen haben. Sie haben dann eine höhere Treffsicherheit als wenn sie sich nach zwei oder nach vier Stunden erinnern sollen. Nach einer Nacht, nach zwölf oder vierzehn Stunden, erreichen sie ungefähr wieder das Niveau, das sie unmittelbar eine Minute nach dem Erlernen einer neuen Sache hatten, zwischendurch ist ihre Leistung deutlich schlechter.

Wir lernen also schneller und offenbar auch zielgerichteter. Das könnte ein grundsätzlicher Unterschied zwischen uns und den Schimpansen sein – oder auch nur ein Ergebnis der Zeit. Mit anderen Worten: Werden Schimpansen in 10.000 oder 100.000 Jahren ähnlich schnell und gezielt lernen wie wir, oder zeichnet diese Fähigkeit tatsächlich allein den Menschen aus? Oder ist ein ganz bestimmter Auslöser nötig, der Arten eine bestimmte Entwicklungsrichtung vorgibt? 

Ja, das sind gute Fragen, vor allem nach dem entscheidenden Auslöser für die Entwicklung des Menschen. Es gibt eine Menge Arten, die den Überlebenswettstreit über die Jahrmillionen nicht gewonnen haben. Wir sind jetzt in der glücklichen Situation, dass wir zurückschauen und sagen können: Wir haben uns offensichtlich in einer Weise entwickelt, die dafür gesorgt hat, dass wir jetzt noch da sind. Eigentlich war das nicht zu vermuten. Wir waren in allen Aspekten unserer Umgebung unterlegen. Wir hatten keine spitzen Zähne, keine scharfen Klauen und konnten nicht besonders schnell rennen. In so einem Fall gibt es nur eine Möglichkeit: den Schritt hin zu einer Nische, die noch nicht besetzt ist. Bei unseren Vorfahren war das der Schritt hin zu einer kollaborativen, hochsozialen Gemeinschaft. Wenn das nicht passiert wäre, könnten wir dieses Gespräch nicht führen. Dann gäbe es uns nämlich nicht.

Das Alleinstellungsmerkmal, das uns Menschen zu Menschen macht, ist also unsere Fähigkeit zur Kooperation?

Ja, unbedingt. Da unterscheiden wir uns auch deutlich von den großen Menschenaffen. Es fällt auf, dass ein Großteil der Nahrungssuche bei Schimpansen, Gorillas und Orang Utans überhaupt nicht kollaborativ abläuft. Wenn sie eine Futterstelle entdecken, isst einfach jeder, so viel er kann. Da denkt jeder nur an sich. Die einzige Ausnahme ist die Jagd.

Genau. Um eine solche Jagd erfolgreich durchzuführen, muss die Aktion doch koordiniert werden.

Wir glauben, dass der Unterschied zur menschlichen Jagd in der Motivation und in der Repräsentation besteht. Schimpansenjagden sind auch bis zu einem gewissen Grad kollaborativ, aber wenn man die Gedankeninhalte eines Schimpansen sichtbar machen könnte – wie in einer Gedankenblase aus dem Comic – dann würde man bei einem Schimpansen so etwas sehen wie: "Ich will die Beute als Motivation." Und: "Ich jage diese Beute und alle anderen sind auch dabei." Mitglieder einer menschlichen Jagdgemeinschaft haben nach unserem Verständnis dagegen eine Vorstellung, dass sie zusammen jagen. Die Repräsentation wäre also eher: "Ich sehe mich als Teil dieser Jagdgemeinschaft." Und das beinhaltet auch, dass die Rollen austauschbar sind. Ich könnte mich genauso gut an irgendeiner anderen Stelle sehen und diese Rolle einnehmen, wenn es erforderlich ist. Diese andere Sicht bleibt nicht ohne Folgen, es entstehen Verbindlichkeiten. Wenn Sie und ich gemeinsam eine Handlung planen, stimmen wir zu, diese Verabredung auch einzuhalten. Wir können nicht zusammen auf die Jagd gehen und dann gehen Sie einfach weg und ich bleibe allein zurück. Dann bricht die Jagdsituation nämlich zusammen und ein zweites Mal geht niemand wieder dieses Risiko ein.

Wenn uns Menschen nun aber die Zusammenarbeit quasi in den Genen mitgegeben ist, warum gelingt es uns dann so schlecht, Frieden zu bewahren oder auch nur faire Abkommen und Verträge zu gestalten. Müssten wir nicht kompromissbereiter sein?

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich diese prosozialen, kooperativen Motive in erster Linie auf die eigene Gruppe beziehen. Das heißt, ich bin demjenigen gegenüber besonders kooperativ, von dem ich unmittelbar abhängig bin. In früheren Zeiten waren das für gewöhnlich einfach nur Kleingruppen. An irgendeiner Stelle komme ich dann allerdings an den Punkt, wo die eine Gruppe mit anderen konkurriert und das findet man leider auch in großen, anonymen Gesellschaften. Bis heute zeigt sich das in kriegerischen Auseinandersetzungen. Und genau betrachtet ist eine Armee eine hochkooperative Unternehmung. Es sind ja nicht einzelne Individuen, die da losrennen und wild zu kämpfen anfangen. Ein Heer ist eine stark hierarchisch organisierte, kooperative Gemeinschaft, die versucht, eine andere Gruppe zu bekämpfen. Insofern ist das eine sehr traurige Ausprägung unserer hohen Kooperationsbereitschaft, aber es steht nicht im Widerspruch zu dieser.

Das klingt ja nicht gerade ermutigend. Haben wir denn irgendeine Möglichkeit dieses Konkurrenzverhalten verschiedener Gruppen zu vermeiden?

Die große Herausforderung heutzutage besteht natürlich darin, dass wir die Gruppe, gegenüber der wir uns kooperativ und prosozial verhalten, ausweiten müssen. Wir befinden uns jetzt in einer globalisierten Welt und es ist offensichtlich, dass wir nicht besonders weit kommen, wenn wir nur als Einzelgruppen funktionieren. Wir müssen es irgendwie schaffen, größere Gemeinschaften, vielleicht sogar die größte Gemeinschaft, die es gibt, nämlich die Weltgemeinschaft, als eine Gruppe zu sehen und mit den anderen in dieser Gruppe kooperieren, denn ansonsten führt das zu nichts.

Das Interview führte Ruth Omphalius.

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