Copyright: ZDF / Oliver Halmburger
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Ziemlich beste Nachbarn - mit Michael Kessler: Wir und die Briten

ZDFzeit-Doku

Gepflegte Spleens und schwarzer Humor: Schauspieler und Comedian Michael Kessler macht sich auf in das Land des Fünf-Uhr-Tees und prüft, was dran ist an den England-Klischees der Deutschen.

  • ZDF, Dienstag, 19. März 2019, 20.15 Uhr

    Texte

    Wir und die Russen / Stab und Inhalt

    Dienstag, 5. März 2019, 20.15 Uhr
    Ziemlich beste Nachbarn - mit Michael Kessler: Wir und die Russen
    Film von Oliver Halmburger

    Buch und Regie_____Oliver Halmburger
    Kamera_____Tobias Corts, Anthony R. Miller
    Schnitt_____J.P. Stahl und Florian Fessel
    Grafik_____Kawom!
    Ausstattung_____Katharina von der Linden
    Kostümbild_____Anja Ruprecht
    Maske_____Laura Bertoldi
    Produktionsleitung_____Verena Späth (Loopfilm), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
    Produzent_____Oliver Halmburger/Loopfilm
    Redaktion_____Stefan Mausbach, Ursula Nellessen
    Leitung_____Stefan Brauburger

    Die Russen seien trinkfest, großzügig, rau, aber auch gemütvoll, heißt es. Sie hätten immer wieder unter starken Machthabern zu leiden, die sie sich aber auch selbst wünschten. Das Land sei so unendlich weit wie die russische Seele tiefgründig. Die Klischees über das riesige Reich im Osten haben sich über Jahrhunderte entwickelt und prägen noch heute das Russlandbild vieler Deutscher. "Die Russen kommen", hieß eine wirkungsmächtige Angstparole des 20. Jahrhunderts. Nachdem Hitlers Wehrmacht Teile der Sowjetunion verwüstet hatte, folgte der Einmarsch der Roten Armee, im Kalten Krieg hielt die Furcht – zumindest im Westen – über Jahrzehnte an. Bis Gorbatschow endgültig davon befreite und nicht nur das Ende des Kalten Krieges, sondern auch die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte.
    Aktuell scheint das Verhältnis eher ernüchtert zu sein: Die Willkür mancher Oligarchen, die lautstarke Reiselust der Neureichen, schließlich die Muskelspiele Putins tragen dazu bei.

    Schauspieler und Comedian Michael Kessler reist mit einer Menge Fragen im Gepäck ins größte Land der Erde und geht diversen Stereotypen auf den Grund. Am eisigen Baikalsee erfährt er, was Gastfreundschaft auf Russisch heißt und beginnt zu begreifen, wie das weite und zum Teil sehr karge Land die Menschen prägt. In Moskau diskutiert er mit Studenten die These, dass die Russen angeblich mächtige Herrscher brauchen. Er erfährt in einer Brennerei von der historischen Bedeutung des Wodka-Konsums und dessen tragischen Folgen, spürt der viel zitierten russischen Seele nach und hört in St. Petersburg so manches über Glaube und Aberglaube.
    Mit Witz und Neugier sucht Kessler Orte, Menschen und Landschaften auf, führt Gewohnheiten vor Augen, die zeigen, dass es "die Russen" genauso wenig gibt wie "die Deutschen" und dass manche Klischees mit der Realität längst nichts mehr zu tun haben. Warum sie sich im Laufe der Geschichte dennoch einprägten, erläutern neben anderen die Historiker Jörg Baberowski und Matthias Stadelmann sowie die Russland-Expertin Katja Gloger. Kessler trifft auch den Schriftsteller Wladimir Kaminer, der seine ganz eigene Formel für das Verhältnis zwischen Deutschen und Russen vorstellt.

    Wir und die Italiener / Stab und Inhalt

    Dienstag, 12. März 2019, 20.15 Uhr
    Ziemlich beste Nachbarn - mit Michael Kessler: Wir und die Italiener
    Film von Annette Koehler und Oliver Halmburger

    Buch/Regie_____Annette Koehler und Oliver Halmburger
    Kamera_____Tobias Corts, Anthony R. Miller, Michele Parente
    Schnitt_____Walter Freund
    Recherche_____Cecilia Pití
    Grafik_____Kawom!
    Ausstattung_____Marika Antesberger
    Kostümbild_____Anja Ruprecht
    Maske_____Christiane Kochendörfer
    Produktionsleitung_____Verena Späth (Loopfilm), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
    Produzent_____ZDF
    Redaktion_____Stefan Mausbach, Ursula Nellessen
    Leitung_____Stefan Brauburger

    Die Beziehung zwischen Deutschen und Italienern ist widersprüchlich, sie schwankt zwischen Schmeichelei und Polemik, Schwärmerei und Herablassung. Reisen nach Rom und Florenz zählen zum Bildungskanon der Deutschen, die sich als Angehörige einer "Kulturnation" aber auch schon mal überlegen fühlen. Italien war das Traumreise-Ziel der Deutschen in den Wirtschaftswunderjahren. Pizza und Spaghetti Bolognese sind seit Jahrzehnten unverzichtbare Gerichte auf dem deutschen Speiseplan.

    Als "Gastarbeiter" trugen die Südländer zum deutschen Aufschwung bei, mussten sich aber wegen angeblich zu guter Laune an der Werkbank so manche Predigt über Arbeitsmoral anhören. Zugewanderte aus Italien zählen zu den am besten integrierten Mitbürgern – und doch fühlen sich viele von ihnen immer noch von oben herab behandelt. Um die Klischees zu bemühen: Die ordnungsversessenen Deutschen halten wenig von den Kapriolen italienischer Politik und Wirtschaft, wenngleich das Dolce Vita des Südens immer wieder Bewunderung hervorruft. Auch das Theatralische, Elegante, Familiäre wird zu den bemerkenswerten Attributen Italiens gezählt; Effizienz, Ordnung und Disziplin gelten hingegen als Kennzeichen der Deutschen.

    Michael Kessler begibt sich auf die Reise nach "Bella Italia", spürt den Beziehungen der ungleichen "Nachbarn" nach und findet Indizien, dass manche der Vorurteile offenbar stimmen – zum gegenseitigen Glück! In Neapel spricht er mit Giovanni Zarrella über Familie, Essen und natürlich Fußball, taucht ein in das ganz normale Leben einer italienischen Großfamilie und plaudert beim Picknick mit Ex-Pornostar und Ex-Parlamentarierin Cicciolina über Politik und das Klischee des Latin Lovers. Jan Weiler, der mit "Maria, ihm schmeckt's nicht!" über die Lebensgeschichte seines italienischen Schwiegervaters einen Bestseller landete, kommt ebenso zu Wort wie Journalist und ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der Italien als ein Land zwischen Wunder und Wahnsinn sieht. Schauspieler Mario Adorf erinnert sich an die schönste Zeit seines Lebens, als er in Rom die Landsleute seines Vaters kennen- und lieben lernte. Historiker Oliver Janz, Anthropologe Maurizio Bettini und Kultursoziologin Lia Fassari ordnen die Klischees zeit- und kulturgeschichtlich ein.

    Wir und die Briten / Stab und Inhalt

    Dienstag, 19. März 2019, 20.15 Uhr
    Ziemlich beste Nachbarn - mit Michael Kessler: Wir und die Briten
    Film von Friedrich Scherer und Oliver Halmburger

    Buch/Regie_____Friedrich Scherer und Oliver Halmburger
    Regie_____Oliver Halmburger
    Kamera_____Tobias Corts, Anthony R. Miller, Christian Baumann
    Schnitt_____Christoph Schuhmacher
    Grafik_____Kawom!
    Ausstattung_____Marika Antesberger
    Kostümbild_____Anja Ruprecht
    Maske_____Christiane Kochendörfer
    Produktionsleitung_____Verena Späth (Loopfilm), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
    Produzent_____ZDF
    Redaktion_____Stefan Mausbach, Ursula Nellessen
    Leitung_____Stefan Brauburger

    Deutschland und Großbritannien, das ist ein historisches Wechselbad der Stimmungen, zwischen Partnerschaft und Rivalität, begleitet von mal mehr, mal weniger leidenschaftlichen Respektbezeugungen. Briten sind aus deutscher Sicht eher höflich und geduldig, haben einen sprichwörtlichen schwarzen Humor, gepflegte Spleens und einen Nationalstolz, der "zweifellos" aus der Zeit des britischen Empire herrühren muss. Großbritannien ist die Heimat der Beatles und der Stones, der Queen und von James Bond, aber auch des Brexit. Der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU scheint die historische Prägung durch die Insellage spektakulär zu bestätigen.

    Nicht nur beim Fußball oder bei Aufkäufen britischer Marken durch deutsche Konzerne schlägt der britische Boulevard "Teutonen-Alarm". Die Bildsprache erinnert zuweilen an Weltkriegspropaganda – auch dann, wenn Berlin mal wieder den Verdacht erregt, Europa seinen Stempel aufdrücken zu wollen. Alles nur Show?

    Michael Kessler macht sich auf in das Land des Fünf-Uhr-Tees, um zu ergründen, warum sich gerade zwischen Deutschland und Großbritannien die Klischees so hartnäckig halten und wie viel Wahrheit in diesen steckt. Fernsehkoch Tim Mälzer, der jahrelang in London arbeitete, vermag jedenfalls zu überzeugen, dass Essen in England nicht nur fettig und frittiert ist. Auf Belvoir Castle, dem Schloss des "kleinen Lords", erfährt Kessler, dass es gar nicht die Briten sind, die am meisten Tee trinken, und dass das Klischee der dauerverregneten Insel so auch nicht stimmt. Im Örtchen Pickering katapultiert ihn eine Zeitreise ins Jahr 1941 mitten in den Krieg gegen Deutschland. Kessler trifft auch den Komiker Christian Schulte-Loh, der das für Deutsche angeblich Unmögliche geschafft hat: Er verdient in England sein Geld mit Humor. Auch Archäologe Jon Hart und Schlaf-Forscher Prof. Russell Foster warten mit Erkenntnissen auf, die so manche der gegenseitigen Zuschreibungen überdenken lassen.

    "Sind unsere europäischen Nachbarn wirklich so, wie wir denken?"
    Interview mit Michael Kessler

    In "Ziemlich beste Nachbarn" geht es um Klischees, Stereotypen und Vorurteile. Welche Klischees haften uns Deutschen an?

    Die deutsche Pünktlichkeit und unsere Zuverlässigkeit werden von unseren Nachbarn sehr geschätzt. Außerdem imponiert Italienern – aber auch Briten und Russen – die gute Infrastruktur in Deutschland sowie die Akribie, mit der geplant und organisiert wird. Wir wissen ja, dass das vielleicht im Prinzip nicht ganz falsch ist, aber dass es auch bei uns manchmal anders zugeht.

    Wie gut kannten Sie Russland, Italien und Großbritannien, bevor es mit den Dreharbeiten losging?

    Tatsächlich kannte ich die drei Länder vor den Dreharbeiten kaum. In Italien und England hatte ich nur die Hauptstädte besucht, die Länder aber nicht wirklich bereist, in Russland war ich für die TV-Reihe zum ersten Mal. Insofern konnte ich mich, stellvertretend für die Zuschauer, neugierig und abenteuerlustig auf den Weg machen – mit dem Ziel, unsere Nachbarn besser kennenzulernen und die Bilder und Klischees, die wir alle im Kopf haben, zu überprüfen. Sind unsere europäischen Nachbarn wirklich so, wie wir denken? Das ist die Frage, die mich in dieser Reihe antreibt.

    Welche Vorstellung hatten Sie vor Ihrer Reise von Russland?

    Das Bild vom amerikanischen Freund und russischen Feind sitzt immer noch tief in uns. Man hört immer wieder, die Russen würden ganz Berlin aufkaufen und sich im Urlaub daneben benehmen. Russen seien laut, tränken viel, seien ganz anders als wir – Klischees dieser Art hatte auch ich im Kopf.

    Und wie haben Sie Russland erlebt?

    Ich war und bin noch immer fasziniert von diesem Land. Die Menschen sind herzlich, offen, zumeist sehr gebildet und uns in vielem ähnlicher, als ich dachte.

    Und was war oder ist für Sie typisch britisch?

    Typisch britisch – das ist die Höflichkeit, die guten Umgangsformen, der Humor, der große Stolz auf Geschichte und Tradition und natürlich das geliebte Königshaus.

    Und stimmt das Klischee?

    Allerdings. Der berühmte britische Humor ist unübertroffen und schwärzer als das Klischee. Wahr ist auch die Tatsache, dass Großbritannien gern seine Extrawürste brät, wie auch jetzt wieder mit dem Brexit. Der geplante Austritt aus der EU ist keine Überraschung, aber sehr schade, wie ich finde. Europa ist ein toller Gedanke, wir brauchen gemeinsame Lösungen und keine Einzelgänger.

    Und wie haben Sie Italien erlebt?

    Das gute Essen, la Dolce Vita, der Genuss. Bei Italien, das wir Deutsche wahrscheinlich am besten kennen, neigen wir zum Romantisieren. Wir sind versucht, das Leben in Bella Italia zu verklären. Tatsächlich hat unser europäischer Nachbar aber große Probleme, und das Chaos im politischen und täglichen Leben kann niemandem verborgen bleiben, der das Land besucht. Dennoch das genussvolle Leben im hier und jetzt ist kein Klischee und, wie ich finde, durchaus bewundernswert.

    Was hat Sie auf Ihren drei Reisen besonders überrascht?

    Besonders überrascht war ich von Russland und den Russen. Die Russen sind uns nämlich sehr ähnlich: Erst einmal ernst und distanziert, vielleicht ein bisschen schlecht gelaunt. Das kennen wir ja auch aus Deutschland. Doch wenn das Eis gebrochen ist, gibt es einen intensiven, sehr herzlichen Austausch. Russland ist ein faszinierendes Land, Moskau hat mich begeistert. Land und Leute waren mir am Ende der Reise gar nicht mehr fremd.

     Welche allgemeinen Erkenntnisse haben Sie von Ihren Reisen mitgebracht?

    Wichtig ist für mich die Erkenntnis, dass uns Klischees oft im Weg stehen. Sie verhindern den offenen Blick und die Neugierde. Besser ist es über die "Klischee-Hürden" zu springen, sie hinter sich zu lassen und sich ein eigenes Bild zu machen. Das ist ein Abenteuer und macht großen Spaß. Unsere Filme sind eine Einladung, die eigenen Klischees und Vorurteile zu überprüfen und vielleicht einen neuen Blick auf die Nachbarn zu werfen.

    Was meinen Sie, bemühen wir uns hierzulande genug, unsere europäischen Nachbarn kennenzulernen?

    Leider nein. Wir reisen zwar gern, aber bleiben oftmals zu sehr unter uns. Etwas mehr Neugierde und Lust auf Land und Leute täten vielen gut. "All inclusive" im Urlaubsressort kann man ein Land nicht kennenlernen.

    Und zum Abschluss in Anlehnung an Ihre Sendung "Kessler ist ...": Welche Frage würden Sie sich selbst stellen?

    Herr Kessler, überprüfen Sie selbst Ihre Bilder im Kopf regelmäßig? Neugierig bleiben, Augen und Ohren offen zu halten, ist nämlich verdammt wichtig – für uns alle.

     

    Das Interview führte Barbara Gauer.

    Zitate aus den Filmen (Auswahl)

    "Wir und die Russen"

    "Die russische Gastfreundlichkeit ist kein Klischee. Sie existiert wirklich. Sie ist ein gern gesehenes und weit verbreitetes Mittel, um den Beschwernissen, Härten und Anstrengungen des Lebens auf eine angemessene, würdige und erfreuliche Weise zu begegnen." Matthias Stadelmann, Historiker, Universität Nürnberg-Erlangen

    "Unter der russischen Seele verstehen wir etwas Spezifisches, das jedem Deutschen sofort klar ist: Tiefgründigkeit, Frömmigkeit, Melancholie, Gefühl. Und wahrscheinlich ist das, was wir uns darunter vorstellen, das Ergebnis unserer Lektüre und unserer Hörgewohnheiten: Tschaikowski, Rachmaninows melancholische und traurige Symphonien und Klavierkonzerte. Die Schwere, die von Dostojewski ausgeht, seine Beschreibung von frommen und ergriffenen Menschen." Jörg Baberowski, Historiker, Humboldt-Universität Berlin

    "Die unermessliche Weite des Landes ist faktisch einer der wichtigsten Bestandteile der russischen Selbstwahrnehmung. Es gibt keine Grenze, an der sich das Auge festhalten kann. Wenn Russen nach Europa kommen, dann empfinden sie das als kleinräumig und eng und wundern sich, dass alle 50 Kilometer quasi eine neue Sprache, ein neuer Dialekt gesprochen wird." Jörg Baberowski, Historiker, Humboldt-Universität Berlin

    "Es gibt einen russischen Begriff für Staatlichkeit, der ganz schwer zu übersetzen ist. Sinngemäß bedeutet er: Der mächtige, zentralisierte Staat steht über allem, und die Menschen haben diesem Staat und dem System zu dienen und Opfer zu bringen." Katja Gloger, Russland-Expertin

    "Wir und die Italiener"

    "Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie schätzen sie nicht, und die Italiener schätzen die Deutschen, aber sie lieben sie nicht." Jan Weiler, Autor von "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

    "Es gibt ein Klischee, das mich immer amüsiert hat, nämlich das, dass Italiener und italienische Männer besonders romantisch seien. Ich kenne kein Volk, das pragmatischer und weniger romantisch ist als die Italiener, die den Charme manchmal sehr zweckgebunden einsetzen. Ich kenne dafür ein unfassbar romantisches Volk, und das sind die Deutschen." Giovanni di Lorenzo, Journalist

    "Es stimmt, dass die Italiener keine Regeln respektieren. Sie fahren zu schnell, parken da, wo sie nicht sollten. Das ist in Italien wirklich weit verbreitet. Alle pfeifen auf die Regeln, gleichzeitig akzeptieren aber alle, dass es die anderen auch tun. Deshalb streitet man sich auch nicht. Man steht geduldig in diesen absurden Staus, weil man dieses Prinzip akzeptiert." Maurizio Bettini, Anthropologe

    "Es gibt in Italien keinen Wohlfahrtsstaat, der mit Deutschland vergleichbar wäre. Das heißt, in Krisen, bei Arbeitslosigkeit, im Alter und so weiter sind die Italiener stärker auf die Familie angewiesen. Deswegen investieren sie von vornherein auch mehr in die Familie." Oliver Janz, Historiker

    "Wir reden den ganzen Tag übers Essen, Essen bestimmt das Miteinander, Essen ist Tradition, aber auch Innovation. Essen ist zutiefst in der Kultur Italiens verankert. Gutes Essen mit Freunden ist das größte Glück der Italiener." Lia Fassari, italienische Kultursoziologin

    "Wir und die Briten"

    "Es gibt ja diesen schönen Satz, die Briten seien zu höflich, um ehrlich zu sein, und die Deutschen seien zu ehrlich, um höflich zu sein. Das merkt man schon im Alltag." Christian Schulte-Loh, deutscher Komiker in England

    "Wir Engländer behalten gern unsere Gewohnheiten. Vielleicht weil wir vom Meer umgeben sind und uns als verschieden vom Rest der Welt empfinden." Jon Hart, Archäologe

    "Ein Unterschied zwischen Briten und Deutschen ist ihr Verhältnis zur Zeit. Die Briten denken eher in der Art: Das ist die nächste Sache, die wir tun müssen, aber es muss für sie nicht unbedingt um 8.00 Uhr oder 9.00 Uhr sein, wie es Deutsche gern planen. Die Zeit ist für sie eher eine Abfolge von Ereignissen als ein genauer Stundenplan, der vom Wecker diktiert wird. Die Engländer gehen entspannter mit der Zeit um." Prof. Russell Foster, Schlafforscher, Oxford

    "Typisch englischer Humor ist, dass man sich selbst erniedrigt, und alle das lustig finden. Wenn in England jemand auftritt und sagt, was ist denn das für ein Drecksloch diese Stadt, dann jubelt der ganze Saal. Wenn das in Deutschland einer sagt, wird er eher ausgebuht. Und hier sagt man, es ist alles wirklich schlimm, aber es ist doch lustig, dass es schlimm ist. Komm wir treten mal aus der EU aus, wird irgendwie lustig, auch wenn es schief läuft." Christian Schulte-Loh, deutscher Komiker in England 

     "Wir Engländer sind irgendwie weniger auftrumpfend als Deutsche. Wenn wir da sind, gehört die Sonnenliege uns, aber wenn wir nicht da sind, lassen wir andere drauf." Prof. Russell Foster, Schlafforscher, Oxford

    Einheit in Vielfalt. Nachbarschaften in Europa
    Von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

    Die große Politik prägt die Schlagzeilen: Brexit, Eurokrise, Flüchtlingsfrage, neuer Nationalismus. Sind es nur noch Probleme, die das Verhältnis der Europäer untereinander bestimmen? Dabei gab es laut Umfragen unter den EU-Bürgern selten so viel Zustimmung zur Europäischen Einigung wie heute. Doch das Trennende scheint das Verbindende immer wieder zu verdrängen, mitunter rücken wieder alte Klischees und Vorurteile in den Vordergrund.

    Was halten wir voneinander? Wie stehen die Völker Europas zueinander? Wie sehen wir andere und wie die anderen uns? Die Reihe "Ziemlich beste Nachbarn mit Michael Kessler" geht diesen Fragen auf den Grund. Der für unermüdliche Neugier und ambitionierte Rollenspiele ausgewiesene Comedian begibt sich auf eine spannende Erkundungsreise. 
    Europa bietet ein Sammelsurium von Selbst- und Fremdbildern, die gern auch mal dann mobilisiert werden, wenn es wieder Streit gibt. Da ist schnell vom alten Streben der Deutschen nach europäischer Dominanz die Rede, von angeblich typisch südländischer Misswirtschaft oder imaginären Gefahren aus dem scheinbar immer wieder bedrohlichen Osten.

    Doch es gibt auch viel Bewunderung: Schätzt man doch insgeheim beim anderen oft jene Charakterzüge, die man bei sich selbst vermisst. So beneiden nicht wenige Zeitgenossen im Norden Bewohner der südlichen Gefilde um ihre Leichtigkeit, während man von dort aus wiederum nördlicher Effizienz und Ordnungsliebe Respekt zollt. Dem Westen spricht man gewöhnlich mehr Rationalität zu, dem Osten dafür mehr Raum für die Seele und große Gefühle. Kessler erforscht vor Ort, wie es zu solchen mitunter liebgewonnenen Klischees kommen konnte, stellt dabei gängige Vorurteile auf den Prüfstand.

    "Wir und die Russen", "Wir und die Italiener", "Wir und die Briten" sind anders erzählte Beziehungsgeschichten zwischen Deutschland und seinen näheren und ferneren Nachbarn in Europa, ein Blick über den Zaun, nicht ohne ironisches Augenzwinkern. Kessler gibt den Gutachter vor Ort. Historiker, Politik- und Kulturwissenschaftler ordnen zum Teil jahrhundertealte Stereotype ein, erläutern, welche Bilder in den Köpfen noch Bezug zur Gegenwart haben und welche nicht. Giovanni di Lorenzo, Jan Weiler und Wladimir Kaminer berichten von ihren ganz persönlichen Erfahrungen, auch Giovanni Zarrella und Mario Adorf, der, wie er sagt, jahrelang daran arbeitete, so italienisch wie möglich zu wirken, was dann vor allem das typisch Deutsche an ihm hervorgebracht habe.

    Radio-O-Töne von Michael Kessler

    Die Radio-O-Töne finden Sie<<HIER>>

     Anmoderation: Die Russen sind trinkfest, die Briten haben Humor und in Italien herrscht Dolce Vita. Das sind nur ein paar der gängigen Klischees, die wir über andere Länder haben. Doch was steckt dahinter und was stimmt? Diesen Fragen geht Michael Kessler in der dreiteiligen Reihe "Ziemlich beste Nachbarn", die ab dem 5. März immer dienstags um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen sein wird, auf den Grund. In den Folgen "Wir und die Russen", "Wir und die Italiener" und "Wir und die Briten" macht er sich auf den Weg in diese Länder und stellt fest, wie unterschiedlich oder wie ähnlich wir uns manchmal sind. Im Vorfeld haben wir uns mit Michael Kessler über seine Reisen, alte Klischees und spannende Erkenntnisse unterhalten:

    1. Frage: Herr Kessler, woher kam die Idee, dieses Format zu machen?

    [lacht] Ich bin ja gar nicht auf die Idee gekommen. Oliver Halmburger, ein Dokumentarfilmer aus München, sprach mich eines Tages an und hat mir von dem Projekt und von der Idee erzählt. Und da ich ein großer Europa-Fan bin, war ich eigentlich gleich begeistert davon, einmal auf die Reise zu gehen und zu gucken, wie die Menschen um uns herum so sind. Was denken wir über sie? Sind sie wirklich so? Ich glaube, das ist in der heutigen Zeit ein wichtiges Thema. (0:26)

    2. Frage: Es geht um Vorurteile, die wir innerhalb Europas übereinander haben. Warum halten sich diese Vorurteile so hartnäckig?

    Ich glaube, es ist eine große persönliche Bequemlichkeit. Es ist natürlich viel einfacher die Klischees nachzuplappern, als sich auf die Reise zu begeben. Gerade in so einem Fall wie Russland. Es ist jetzt nicht das Urlaubsland Nummer Eins der Deutschen, was schade ist, weil es dort so viel zu entdecken gibt. Und wie man dann eben merkt, wenn man vor Ort ist - und es ging mir wirklich so, ich bin auch mit vielen Klischees im Kopf dorthin gereist - wie anders die Dinge doch so sind und wie anders die Menschen sind. Dazu kann ich jetzt immer nur ermuntern und ermutigen, einmal doch dann den eigenen Hintern hochzubekommen und sich auf die Reise zu machen und Menschen vor Ort kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen, ihr Essen zu essen, ihre Kultur anzuschauen. Wir können viel voneinander lernen. (0:45)

    3. Frage: Wie haben Sie entschieden, welche Klischees sich lohnen filmisch hinterfragt zu werden?

    Also wir haben uns schon auf die Hauptklischees geeinigt. Die, die Menschen auch kennen und die, die dann am meisten kommen. Ist das jetzt in Italien eben die Frage: Sind die Männer die Machos oder die Muttersöhnchen? Oder wo kommt die Pasta am Ende her? Wie sieht der britische Humor zum Beispiel im Vergleich zum deutschen Humor aus? Oder in Russland: Brauchen die Russen immer starke Führer oder auch nicht? Das sind jetzt nur Beispiele, aber die gängigen Klischees haben wir eigentlich überprüft. (0:30)

    4. Frage: Haben Sie diese Länder eigentlich beim Dreh neu entdeckt?

    Ich kannte alle drei Länder nicht sonderlich gut, muss ich sagen. Ich war noch nie in Russland. In Italien kenne ich eigentlich nur Rom ein bisschen und in England London. Und ich war sehr überrascht, weil ich glaube, dass die Russen und die Deutschen sich eigentlich sehr ähnlich sind. Erst einmal sehr distanziert und unterkühlt. Das ist ja bei uns auch so. Wenn das Eis dann bricht, dann Herzlichkeit, Nähe, intensiver Austausch, sehr gebildete, sehr reflektierte Menschen, die teilweise auch sehr unglücklich sind über das, was in ihrem Land passiert. In England hat mich der Humor fasziniert, wie viel Humor die Engländer wirklich haben und wie toll die über sich selber lachen können. Und in Italien natürlich das im Hier und Jetzt leben, dieses Genießen. Nicht planen, wie wir Deutschen, wenn ich einmal in Rente bin, dann mache ich das und das, sondern im Hier und Jetzt sein. Das ist mir noch einmal so klar geworden, wie diese Menschen ticken und leben. (0:58)

    5. Frage: Dann haben Sie sicherlich auch für sich persönlich viel mitgenommen?

    Definitiv. Also das im Hier und Jetzt leben, da muss ich mir als Deutscher schon eine Scheibe abschneiden. Was jetzt nicht heißt, dass ich mir am alltäglichen Leben in Italien eine Scheibe abschneiden kann. Da muss ich wieder sagen, bin ich froh, dass ich in Deutschland lebe und dass wir stabilere politische Verhältnisse haben. Oder dass ich hier eine freie Meinungsäußerung habe im Gegensatz zu Russland, wo das im Moment wieder von vielen Russen als schwierig empfunden wird, dass sie sagen: 'Ich weiß jetzt gar nicht, welche Konsequenz das haben wird, wenn ich das jetzt sage. Oder ob es eine Konsequenz hat.' Gut, von der englischen Küche muss ich mir jetzt nicht wirklich etwas abschneiden. Da muss ich sagen, das Klischee, sie arbeiten daran, aber Fish and Chips ist weiterhin eine große Realität in England und so ganz überzeugt hat es mich nicht. (0:44)

    6. Frage: Verstehen Sie sich eigentlich als Deutscher oder als Europäer?

    Wir haben in dem Land, wo wir geboren sind, immer unsere Wurzeln. Das ist unsere Kultur, unsere Gesellschaft, wie wir aufwachsen und so weiter, das beeinflusst uns, aber ich sehe mich definitiv auch als Europäer. Und ich liebe das. Ich reise wahnsinnig gerne in Europa. Ich finde, das ist ein so toller Kontinent mit so vielfältigen unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Geschichten. Und ich plädiere für ein starkes Europa und ich hoffe, dass wir eine Gemeinschaft bleiben, weil wir die Probleme von heute und auch von morgen nur in der Gemeinschaft lösen können, da bin ich mir ganz sicher. Das funktioniert nicht, wenn jeder anfängt, da sein Süppchen zu kochen. Wenn man in der Geschichte zurückguckt, gab es das ja auch schon. Ich glaube, es funktioniert nur zusammen. Da muss man natürlich auch Kompromisse machen und bereit sein zu geben und zu nehmen, aber gute Nachbarschaft heißt, einander helfen und füreinander da sein. (0:50)

    7. Frage: Wo reisen Sie eigentlich am liebsten hin?

    Ich würde gern viel mehr reisen, ich habe leider nicht die Zeit dazu. Wenn man beruflich viel unterwegs ist, ist man dann gerne auch einmal zu Hause. Aber ich war fasziniert von Amerika. Ich habe viel in Amerika gesehen. Ich bin da wahnsinnig gerne gereist. Ich bin, wie gesagt, ein großer Europa-Fan. Ich bin aber auch ein großer Fan zum Beispiel, ich sage jetzt einmal, von ganz anderen Welten, wie Marokko oder Istanbul, eine faszinierende Stadt. Ich war einmal in Thailand. Das hat mich fasziniert. Es ist einfach toll zu sehen, wie andere Menschen denken, wie sie fühlen, wie sie ihren Alltag bestreiten, wie sie essen. Das ist in jedem Land ein Erlebnis und ein Abenteuer. Reisen bildet, das ist einfach so. Ich glaube, es gibt ein chinesisches Sprichwort, das heißt: 'Wer sein Kind liebt, schickt es auf die Reise.' Sollte man tun. (0:43)

    Das Interview führte Lydia Bautze

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