Neue Komödien im Sommer

"Alles gelogen" / "Überväter" / "Alle nicht ganz dicht" / "Merz gegen Merz - Geheimnisse"

Ab Donnerstag, 4. Juli 2024, präsentiert die ZDFmediathek drei neue Komödien: "Alles gelogen" mit Bastian Pastewka und Katrin Wichmann, "Überväter" mit Fritz Karl und Anselm Bresgott sowie "Alle nicht ganz dicht" mit Ulrike Kriener und Tim Oliver Schultz. "Merz gegen Merz – Geheimnisse" mit Annette Frier und Christoph Maria Herbst ist voraussichtlich ab Mitte August in der ZDFmediathek abrufbar.

Alle vier Komödien werden im September 2024, donnerstags in der Primetime im ZDF gesendet.

  • ZDF, 5., 12., 19. und 26. September 2024, jeweils donnerstags, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, "Alles gelogen", "Überväter" und "Alle nicht ganz dicht" ab Donnerstag, 4. Juli 2024, für ein Jahr. "Merz gegen Merz - Geheimnisse" voraussichtlich ab Mitte August 2024

Texte

Alles gelogen: Stab, Besetzung, Inhalt, Interviews

ZDFmediathek: ab Donnerstag, 4. Juli 2024, 10.00 Uhr, ein Jahr lang

ZDF: Donnerstag, 5. September 2024, 20.15 Uhr

 

Stab

Regie                                 Erik Haffner   

Buch                                  Ralf Husmann

Kamera                              Tom Holzhauser

Musik                                 Andreas Lenz 

Editor                                 Kai Schröter  

Ton                                    Philipp Sehling

Szenenbild                        Olaf Rehahn  

Kostümbild                        Melanie Young-Mi Dittberner

Produktion                         MadeFor Film GmbH, Berlin

Produzent                          Ralf Husmann

Producerin                         Emina Smajić

Herstellungsleitung            Peter Dittberner   

Produktionsleitung             Solveig Jork

Redaktion                           Heike Lagé

Länge                                90 Minuten

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Hajo Siewers                     Bastian Pastewka

Vera Siewers                     Katrin Wichmann

Marvin Siewers                  Arthur Gropp

Birgit Köhlmeier                 Lina Beckmann

Alexander Ludwig              Holger Stockhaus

Kirsten Ludwig                   Pina Kühr

Esma Haile                         Benita Sarah Bailey

Frau Möllmann                   Heike Reichenwallner

Maik Hölte                          Niels Bruno Schmidt

Kommissar Friedländer      Tim Seyfi

Roswitha Köhlmeier            Birgit Berthold

und andere

 

Inhalt

Lügen gehören für Hajo Siewers zum Alltag. Schließlich arbeitet er in einem Autohaus. Seit Jahren gibt es für Hajo auch privat keine Bredouille, aus der er sich nicht mit einer mehr oder weniger charmanten Unwahrheit herausgewunden hätte. Die Wahrheit ist für ihn wie ein Fondue-Set, etwas, das man nur zu besonderen Anlässen benutzt. Eine Taktik, die jetzt offenbar auch Hajos pubertierender Sohn Marvin in der Schule und gegenüber der Polizei übernimmt, als er in den Verdacht gerät, Schulcomputer gestohlen zu haben. Sehr zum Ärger von Hajos Frau Vera. Als Hajo plötzlich auch noch auf die Abschussliste seiner Chefin gerät, merkt er, dass er mit seinen üblichen Ausreden nicht mehr weiterkommt. Jetzt braucht er eine "Champions-League-Lüge". Und so erzählt er spontan, dass Vera Opfer eines tödlichen Autounfalls geworden ist. Eine Notlüge mit weitreichenden Folgen. Zeitgleich merkt nämlich auch Marvin, dass man sich im Leben nicht immer nur durchmogeln kann und als Vera schließlich mitbekommt, dass Hajo sie spontan für tot erklärt hat, beschließt sie, dass sie jetzt ja genau so gut ein neues Leben anfangen kann. Vielleicht sogar das Leben, dass sie immer führen wollte.

 

Interview mit Bastian Pastewka

Was ist Hajo Siewers für ein Typ?

Hajo Siewers ist um die 50, hat eine Familie mit Frau Vera und Sohn Marvin, ein schmuckes Häuschen in der Vorstadt und ein flottes Auto. Hajo ist ein Spaßvogel, aber sein Job im Autohaus ist nicht die Erfüllung seiner Träume. Er wünscht sich das Leben erfolgreicher Männer und lebt längst über seine Verhältnisse.  

Wie würden sie den inneren Konflikt ihrer Figur beschreiben?

Hajo hat die Bodenhaftung verloren und stellt sich überall besser da, als er ist. Ein Hochstapler, der keine Verantwortung mehr übernimmt, sondern sich von Tag zu Tag um seine Pflichten herumschummelt. Seine Frau kriegt das mit, und sein Sohn übernimmt langsam dieses fragwürdige Verhalten.

"Lügen haben kurze Beine" versus "Die Wahrheit ist nicht immer der Königsweg"…

Eine gut ausgeschmückte Geschichte kann besser sein als die Wirklichkeit; das weiß jede/r Comedian/enne. Doch sobald man Wunsch und Wahrheit nicht mehr unterscheiden kann, wird es eng. Ich persönlich, der Schauspieler Bastian Pastewka, schummele permanent vor der Kamera, beispielsweise um die Rolle Hajo wahrhaftig werden zu lassen. Und um zu vertuschen, dass ich gar kein Schauspieler bin.

Was hat Sie gereizt, in diesem Film zu spielen?

"Alles gelogen" ist eine groß angelegte Verwechselungskomödie, in der alle stets aneinander vorbeiflunkern. Ich mag dieses Genre. Und als ich hörte, dass Katrin Wichmann, Holger Stockhaus, Birgit Berthold, Tim Seyfi, Arthur Gropp und Pina Kühr die ganze Zeit an meiner Seite sein werden, war ich schon fast entsetzt vor Freude. 

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Autor Ralf Husmann?

 Ralf und ich kennen uns seit vielen Jahren, haben aber noch nie zusammengearbeitet. Ich glaube, in den späten 70ern hat er mal einen Sketch für mich geschrieben, aber der wurde dann von Bill Ramsey gespielt, weiß nicht mehr genau. Es ist relativ unmöglich, mit Ralf zusammenzuarbeiten, weil er ein absoluter Solist ist. Und das ist prima, denn Ralfs Drehbücher kommen allen Darsteller/innen maximal entgegen. Und die obszöne Menge an Gags und Überraschungen lässt auch keine Wünsche offen.   

Wie gehen Sie persönlich mit der Frage nach Wahrheit und Lüge um?

Eine gute Lüge fällt spät oder nie auf. Interessanter finde ich die Frage, warum jemand lügt. Ist es aus Not, aus Scham, aus Berechnung und so weiter? Ich lüge zum Beispiel immer so überzogen, dass mein Gegenüber sofort irritiert aufgibt. Ein Kumpel von mir aus der Schule wurde damals vom Lehrer gefragt, warum er zu spät kommt. Und der antwortete sofort: "Ich musste noch Kastanien sammeln". Nichts daran kann glaubwürdig sein, zumal es Januar war, aber das Wort "musste" suggeriert eine Dringlichkeit, die das Gegenüber sofort einsieht. Das ist große Kunst.

 

Vier Fragen an Katrin Wichmann

Vera ist die Frau an Hajos Seite. Wie würden Sie sie beschreiben?

Vera ist warmherzig und hat einen Hang zum Pragmatismus. Beides wichtige Attribute, um mit jemandem wie Hajo zusammenzuleben.

"Alles gelogen" ist auch eine Familiengeschichte, vielleicht auch eine Liebesgeschichte. Wie sind Hajo und Vera miteinander verbunden?

Ich glaube, Vera liebt Hajo trotz all seiner nervigen Schummeleien sehr und fühlt sich auch zurückgeliebt. Er bringt sie zum Lachen, es ist nie langweilig mit ihm. Ich würde sagen, dass beide ein Grundvertrauen verbindet, was zum ersten Mal auf eine wirklich harte Probe gestellt wird.

Wie würden Sie die Dreharbeiten zum Film beschreiben, was hat am meisten Spaß gemacht?

Ich habe mich auf jeden Drehtag gefreut und hätte am liebsten noch zwei Fortsetzungen drangehängt. Erik Haffner und Tom Holzhauser haben eine geduldige Effizienz verströmt, was sehr angenehm war. Wir haben viel gelacht, was natürlich auch an dem Buch von Ralf Husmann lag.

Wie war das Zusammenspiel mit Bastian Pastewka?

Mit Bastian zu spielen hat sich, obwohl wir so unterschiedlich ticken, völlig selbstverständlich angefühlt. Er ist ein so freundlicher, feinfühliger Mensch, dass man sich in seiner Nähe nur wohlfühlen kann. Mit unserem "Sohn" Arthur Gropp hatten wir am letzten Drehtag bei der Abschlussszene des Films Momente, die mir wirklich wie echte Familie vorkamen.

 

Interview mit Autor und Produzent Ralf Husmann

Ist der Film mehr Humor oder mehr Ernst?

Waren "Dick & Doof" mehr dick oder mehr doof? Gibt es bei "GZSZ" mehr gute oder mehr schlechte Zeiten? Sind bei den Stones die Balladen besser als die schnellen Songs? Idealerweise hat man immer beides. Lustig und ernst. Und zwar gleichzeitig.

War Bastian Pastewka Ihre Wunschbesetzung für Hajo?

Wie Bastian sagt: "Wir kennen uns schon lange, haben aber noch nie zusammengearbeitet" (und "der Sketch mit Bill Ramsey" war eine Dankesrede für den Prix Pantheon, den Bastian vor Jahren völlig zurecht bekommen hat, und an der der alte Perfektionist Pastewka natürlich auch wieder stundelang rumgefeilt hat). Deswegen war ich tatsächlich gespannt, ob er zusagt, und wie's dann wird. Beim Casting der anderen Rollen hat Bastian seinen Text ohne mit der Wimper zu zucken 20-, 30-mal gespielt, mit den verschiedenen Kandidat*innen für Frau und Sohn, und zwar mit der größtmöglichen Präzision und jedes einzelne Mal lustig. Ich caste sehr viel und schon sehr lange, aber das hab ich in dieser Form noch nie gesehen. Sehr, sehr beeindruckend.

Psychologisch gesehen: Macht Lügen in manchen Situationen Sinn? Wann wird aus Flunkern lügen?

Ehrlich sein ist sinnvoll, bis du einen guten Grund hast zu lügen. Wir alle kämen mit der reinen Wahrheit nicht weit, weil die reine Wahrheit keiner lange aushält. Je älter ich werde, umso mehr stelle ich fest, wie unglaublich schwer es uns allen fällt, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Nein, es liegt nicht an den anderen, dass du nicht erfolgreicher, besser oder mutiger bist. Es liegt an dir. Puhh! Wir alle lügen uns tagtäglich sehr viel in die eigene Tasche und dann natürlich auch in fremde Taschen, einfach weil's leichter, bequemer und angenehmer ist. Meistens für uns, manchmal auch für andere. Im Zeitalter von Trump, Social Media und Alternativen Fakten ist flunkern, glaube ich, ein bisschen aus der Mode gekommen. Heute wird gleich losgelogen, dass sich die Balken biegen.

Sind Familien ein unermesslicher Nährboden, manchmal, immer öfter, nicht die Wahrheit zu sagen?

Die Familie kennt uns meist am besten oder zumindest am längsten. Das ist oft schwer auszuhalten, weil wir alle ja ungern daran erinnert werden wollen, wie wir früher waren, und was wir schon auf dem Kerbholz haben. Familie ist wie Internet. Die vergisst nichts, aber man kann sie nicht mal löschen oder ghosten. Meistens bleibt sie. Deswegen lügt man da ähnlich oft wie im Internet. Nur, dass man die Leute aus der Familie - im Gegensatz zu den Leuten aus dem Internet – mitunter sogar in echt sieht. Live. Da hilft dann ja nur noch die Lüge. Oder die Liebe. Je nachdem.

Lügenbaron Münchhausen – Lüge oder einfach zu viel Phantasie?

Vor allem, wenn ich's noch richtig weiß, ein Literaturunfall, mit dem er selbst gar nicht so richtig was zu tun hatte. Jemand hat die ganzen Lügengeschichten über ihn erlogen, um damit Geld zu machen. Praktisch wie die Heftchen, die beim Frisör ausliegen oder eben weite Teile des Internets. Aber in der Tat, die Grenzen zwischen Phantasie und Lüge sind fließend. Bei Karl May genauso wie bei Käpt'n Blaubär. Und vom Ritt auf der Kanonenkugel ist Hajo Siewers dann doch noch ein ganzes Stück entfernt.

Überväter: Stab, Besetzung, Inhalt, Interviews

ZDFmediathek: ab Donnerstag, 4. Juli 2024, 10.00 Uhr, ein Jahr lang

ZDF: Donnerstag, 19. September 2024, 20.15 Uhr

 

Stab

Regie                                 Janosch Chávez-Kreft    

Buch                                  Florian Vey und Dominik Moser

Bildgestaltung                    Timm Lange  

Musik                                 Michael Geldreich, Tobias Felix Kuhn, Markus Perner

Montage                             Anton Korndörfer 

Ton                                    Christian Hermanns

Szenenbild                         Ina Timmerberg

Kostümbild                         Susa Sasserath

Produktion                         Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH, Köln

Produzent                          Wolfgang Cimera           

Producerin                         Catrin Kauffmann 

Herstellungsleitung            Heinz-Georg Voskort     

Produktionsleitung              Philipp von Brockhausen

Redaktion                          Thorsten Ritsch

Länge                                90 Minuten

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Luca                                  Anselm Bresgott

Mathi                                 Fritz Karl

Steffi                                  Cynthia Micas

Jule                                   Cristina do Rego

Gion                                  Denis Moschitto

Jochen                               Moritz Vierboom

Ben                                    Tristan Seith

Noah                                  Slavko Popadić

Karsten                              Helge Mark Lodder

Samir                                 Navid Navid

als Gast                             Annette Frier

und andere

 

Inhalt

Das Verhältnis zwischen dem feinfühligen und in Bezug auf Rollenbilder modernen Luca und seinem Vater Mathi, einem Mann alter Schule mit klassischem Rollenverständnis, ist kompliziert. Die meiste Zeit hat Mathi in seinen Mittelstandsbetrieb gesteckt, und wenn er zuhause war, hat er versucht, den Jungen auf die Härten des Lebens vorzubereiten. Da wurde der kleine Luca schon mal kurzerhand ins tiefe Becken geschmissen, um Schwimmen zu lernen.

Luca liegt in den letzten Zügen seiner bereits dritten Ausbildung, dieses Mal zum Kraniosakral-Therapeuten, worüber Mathi nur den Kopf schütteln kann. Sowieso macht Luca in den Augen seines Vaters alles falsch. Verständlich, dass der Kontakt beinahe zum Erliegen gekommen ist.

Jetzt erwarten Vater und Sohn zur gleichen Zeit Nachwuchs. Während Mathi und seine junge Freundin Jule im geräumigen Einfamilienhaus im Kölner Speckgürtel wohnen und Lucas altes Kinderzimmer zum Babyzimmer umgestaltet haben, fällt Luca und Steffi in der klitzekleinen Zweizimmer-Stadtwohnung die Decke auf den Kopf. Eine größere Wohnung kriegen sie nur mit einer Bürgschaft und um die soll Luca nun seinen Vater bei einem gemeinsamen Grillabend bitten. Doch anstatt sich auszusöhnen, bricht das ganze emotionale Gepäck aus den beiden heraus und entlädt sich in einem Riesenstreit.

Luca will sich in einem Väter-Seminar auf seine Vaterrolle vorbereiten. Ein paar Tage isoliert im Wald unter gleichgesinnten Männern, um ihm seine Ängste zu nehmen. Nicht ganz zufällig nimmt auch Mathi an dem Seminar teil, weil er hofft, dadurch einen potentiellen Kunden um den Finger wickeln zu können. Seminarleiter Gion bemerkt schnell, dass das Problem von Vater und Sohn ihre Beziehung zueinander ist und knöpft sich die beiden vor. Doch auch er kann die beiden Streithähne nicht bändigen, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als Mathi und Luca schon am zweiten Tag aus dem Seminar zu schmeißen. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz verirren sich die beiden heillos im Wald und müssen die Nacht im Freien verbringen. Sie flüchten vor einem wildgewordenen Rudel Wildschweine, schlagen einen Wolf in die Flucht und entkommen nur knapp einem selbst verursachten Waldbrand. Das schweißt Vater und Sohn doch noch zusammen. Aus dem Wald heraus finden sie trotzdem nicht allein, da müssen erst ihre beiden toughen, hochschwangeren Frauen auftauchen.

 

Interview mit Fritz Karl und Anselm Bresgott

In "Überväter" dreht sich alles um das neue (Selbst-)Verständnis von "Papas in spe". Haben es Männer heutzutage schwerer, ihre Rolle als Väter zu finden?

Fritz Karl: Zu Zeiten meines Vaters war das Familienbild eindeutiger als heute. Damals mussten sich Frauen um die Kinder kümmern. Der Mann musste dafür Sorge tragen, dass die Familie etwas zu essen auf dem Tisch hat. Seine Aufgabe war es, arbeiten zu gehen. In seiner Selbstwahrnehmung war der Mann schon immer ein Leidender. Er musste körperlich harte Aufgaben verrichten und trug die größte Verantwortung. Heute ist diese klar vorgegebene Rollenverteilung zum Glück ein Stück weit aufgebrochen. Sie kann wesentlich gerechter sein. Männer und Frauen können sich die Verantwortung aufteilen.

Anselm Bresgott: Sicherlich gibt es heutzutage andere Herausforderungen für Väter als früher. Sie müssen ihre Rolle neu finden. Allerdings steckt in dem Aufbruch alter, schwer verkrusteter Muster ein schönes Potential für eine neue Art, Vater zu sein – so, wie man es in Liebe sein kann. Dabei hilft kein verklärter Blick in die Vergangenheit, schon gar nicht der Vergleich, ob etwas leichter oder schwerer ist. Das Jetzt zählt – und mit einer liebevollen Art kann man das, glaube ich, gut angehen.

Was ist das Besondere an dem Vater-Sohn-Verhältnis von Mathi und Luca? Was macht die beiden zu "Übervätern"?

Fritz Karl: Mit Mathi und Luca stoßen zwei unterschiedliche Charaktere aufeinander. Mathi hat den Eindruck, dass Luca nicht unbedingt auf die Art und Weise sein Leben führt, wie er sich das vorstellt. Es ist ein zeitunabhängiger Generationenkonflikt. Man hat sich mit der Zeit auseinandergelebt. Mathi ist ein traditioneller Typ. Er weiß meistens alles besser und möchte seine Mitmenschen bevormunden. Luca wird zum "Übervater", weil er unbedingt alles besser machen will – und sich damit total unter Druck setzt.

Anselm Bresgott: Luca und Matthi können nicht anders, als immer mehr zu spüren, mein Gegenüber ist genauso ein Mensch wie ich – und in diesem wachsenden Verständnis liegt die Chance zur Vergebung, sich selbst und dem Anderen. Auch wenn es für beide eine Herausforderung ist, lassen sie sich darauf ein. Indem sie aufgeben, fangen sie an, sich in ihrer Beziehung zu öffnen und Stück für Stück zu begegnen. Das macht sie auf schöne Weise zu “Übervätern”.

Was macht Ihrer Meinung nach einen "Übervater" aus?

Anselm Bresgott: Einen "Übervater" macht aus, dass er Fragen stellt, sich mitteilt und beginnt, gemeinsam Dinge anzugehen, anstatt sich zu überschätzen und sich mit einem trügerischen Selbstbild als Held darzustellen. Einen "Übervater" macht aus, dass er sich als Teil von etwas versteht und darin seine Verantwortung übernimmt. Gemeinsam, im Austausch.

Stichwort "antiquierte Methoden": Wie wichtig ist es, mit der Zeit zu gehen? Ist neu immer besser?

Fritz Karl: Hierbei ist es entscheidend, von welchem Standpunkt man die Situation betrachtet. Es gibt natürlich Methoden, die absolut aus der Zeit gefallen sind. Allerdings sollte man nicht jedem Trend hinterherlaufen. Das Wichtigste ist, dass man sich selbst treu bleibt – und das macht, was einen interessiert.

Vor welcher Herausforderung stehen junge Väter?

Anselm Bresgott: Ich glaube, die Herausforderung besteht in der Frage: Welche Rolle nehme ich ein? Was ist meine Aufgabe? Damit verbindet sich immer und ewig die Frage des Genügens. Genug zu sein für ein Kind und genug zu sein für die Herausforderungen, die aus der neuen Rolle erwachsen. Der Feminismus hat viele schöne Formen hervorgebracht, die sich diesen Herausforderungen kollektiv stellen und Räume für Beobachtung von Erfahrungen öffnen. In der klassisch männlichen Welt sehe ich so etwas noch nicht in gleicher Qualität. Allerdings sehe ich auch hier den Wunsch, sich kollektiv näher und zusammen zu kommen. Werdende, junge Väter stehen vor der Chance, menschlich sein zu dürfen.

Herr Bresgott, Ihre Rolle hat große Angst, als Vater zu versagen, der Sache nicht gerecht werden zu können. Haben diese Gedanken eventuell auch mit seiner eigenen Jugend zu tun?

Lucas Vergangenheit ist geprägt von einer elterlichen Beziehung, der Zusammenhalt und Harmonie gefehlt hat, und der Angst seines Vaters, nicht genug zu sein. Aber diese Familienangst stiftet auch Familienmut. Denn diese Angst stellt Fragen, und Fragen sind mutig.

Herr Karl, Sie sind selbst mehrfacher Vater. Was für Qualitäten braucht man, um seine Kinder zu tollen Menschen zu machen?

Fritz Karl: Je mehr Kinder man hat, desto weniger weiß man es. Man kann nur versuchen, ihnen in jeder Lebenslage mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dennoch müssen sie ihre eigenen Erfahrungen machen. Der beste Plan scheitert mit dem ersten Feindkontakt. Genauso ist es mit Kindern auch. Es gibt leider keine goldene Regel.

Was braucht ein Kind von seinen Eltern, um glücklich zu sein?

Fritz Karl: Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Jedes Kind ist individuell. Zum Glück! Dementsprechend braucht jedes Kind eine unterschiedliche Art der Aufmerksamkeit. Was aber wirklich jedes Kind braucht, ist eine gewisse Grundsicherheit. Sie müssen auch nach einem schlimmen Streit oder Konflikt das Gefühl haben, zurückkommen zu können – vor allem auch zu dürfen. Es ist wie ein unsichtbares Band, das immer besteht.

Welche Werte hat man Ihnen als Kind vermittelt?

Anselm Bresgott: Komprimiert sind es drei Dinge, die meine Eltern mir mitgegeben haben. Einerseits die Sinnlichkeit – die Fähigkeit, eine Ewigkeit im Geschmack oder einem Ton wahrzunehmen; die Freude an Klängen und Worten, das Lesen und Hören der Natur. Das zweite ist, immer wieder die Frage der Wesentlichkeit zu stellen, sein Auge für Wahrhaftigkeit zu schulen und immer wieder danach zu fragen und zu suchen. Das dritte ist die Verbindung von allem mit einer ordentlichen Portion Pragmatismus und Liebe.

Fritz Karl: Ich komme aus einer Großfamilie. Uns war und ist der Zusammenhalt immer sehr wichtig. Wir können uns alle aufeinander verlassen. Bis heute sitzen wir mit 30 Leuten um den Christbaum herum. Das Familienband ist sehr stark.

Welche Werte, welche charakterlichen Merkmale sollte ein Kind von seinem Vater vermittelt bekommen?

Anselm Bresgott: Jeder Vater, jeder Mensch, trägt Liebe in sich. Wenn sich diese Liebe zeigen darf und nicht in Ängsten gefangen und von patriarchalen Machofrequenzen übertönt wird, dann hat jeder Vater alles und weiß genau, was er schenken und weitergeben kann. Keiner kann mehr, als er ist, und wenn der Mensch genug ist, dann hat er für sein Kind alles, was es braucht.

Können Programme wie das Bootcamp im Film tatsächlich hilfreich sein, sich auf das Vaterwerden vorzubereiten? Kann es ratsam sein, sich externe Hilfe zu holen?

Anselm Bresgott: Absolut. Ob es genau so ein Camp sein muss, ist eine andere Frage. Aber ich finde es wunderschön, dass sich auch bei angehenden Vätern der Wunsch zeigt, sich öffnen und austauschen zu wollen – und sich gemeinsam ihre Fragen zu stellen, um herauszufinden, wer und wie sie als Vater sein wollen. Externe, gemeinschaftliche Hilfe – wie schön!  

Stichwort Bootcamp: Herr Karl, gehen Sie privat auch gerne mal campen oder wickeln Sie sich nur unter Protest in einen Schlafsack ein?

Fritz Karl: Einen Urlaub würde ich nicht auf dem Campingplatz verbringen, das mag ich einfach nicht. Da ich aber Fliegenfischer bin, bin ich häufig in der Wildnis unterwegs. Ich komme vom Land und habe überhaupt kein Problem damit, mal in der Natur zu übernachten.

Das war schon ziemlich skurril: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie im Film durch eine Vulva klettern mussten?

Fritz Karl: Wir fanden es alle lustig. Das Problem war eher: Wie komme ich da jetzt halbwegs durch? Nach der ersten Begutachtung des Objekts habe ich mich dann aber voll auf meine schauspielerische Aufgabe konzentriert. Stichwort "skurril". Als wir alle nackt in der Schwitzhütte saßen und plötzlich anfingen zu ringen, da dachte ich mir dann, ein bisschen schräg ist es ja.

Was waren die lustigsten Momente während der Dreharbeiten?

Fritz Karl: Während der Dreharbeiten hat es stark geregnet. Wir sind dort fast im Schlamm versunken. In Sachen Witterungsbedingungen war es ein körperlich sehr anstrengender Film. Aber es hat sich gelohnt, das Resultat spricht für sich.

Anselm Bresgott: Der ganze Dreh war ein Feuerwerk. Es gab keinen Tag, wo nicht eine Szene unterbrochen werden musste, weil jemand vor Lachen fast vom Stuhl fiel. Es gibt eine Szene, wo der gesamte "Väterverein" in einer Schwitzhütte sitzt und ein Kampf beginnt. Das war unglaublich lustig. Gemeinsam mit Kollegen nackt im Wald – auch das war witzig. Gemeinsam mit Fritz Karl war ich in einem Waldsee, der arktisch anmutete – so eiskalt war es – und zugleich sehr, sehr lustig. Zeitweise hatten wir Wildschweine am Set, eigentlich zwei, aber nach 5 Minuten waren es plötzlich drei. Fritz mischte sich unter sie und es war ein Heidenspaß. Und zu guter Letzt: So traurig die Szene mit Loretta ist, ich musste immer unheimlich lachen, wenn die Axt fiel und die Stimmung scheinbar im Eimer war. Die echte Loretta musste übrigens während des Drehs regelmäßig aufs Klo, hatte aber keinerlei Ambition, das Ende des Drehs abzuwarten … in meinen Händen.

Ein zusätzliches Audio-Interview mit Fritz Karl finden Sie hier: Pressemappe: O-Töne für Radiosender und Audio-Medien: ZDF-Presseportal

Alle nicht ganz dicht: Stab, Besetzung, Inhalt, Interviews

ZDFmediathek: ab Donnerstag, 4. Juli 2024, 10.00 Uhr, ein Jahr lang

ZDF: Donnerstag, 26. September 2024, 20.15 Uhr

 

Stab

Regie                                 Lars Jessen

Buch                                  Andreas Altenburg

Kamera                              Peter Drittenpreis

Musik                                 Anna Katharina Bauer    

Schnitt                               Nikolai Hartmann 

Ton                                    Joern Martens

Szenenbild                         Pouya Mirzaei

Kostümbild                         Anette Schröder  

Produktion                         Florida Film GmbH, Berlin

Produzentin/Produzent      Maren Knieling, Lars Jessen    

Producerin                         Cecile Heisler-Zigulla

Herstellungsleitung            Christian Scheerer         

Redaktion                          Silvia Hubrich

Länge                                 90 Minuten

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Barbara Lucke                  Ulrike Kriener

Bastian Lucke                   Tim Oliver Schultz

Yasemin                            Sevda Polat

Marion                               Irene Rindje

Dr. Jürgen Sander jun.      Oliver Wnuk

Amelie                               Klara Lange

Bernd                                 Ulrich Bähnk

Dr. Jürgen Sander sen.      Michael Prelle

Olli                                     Sebastian Jakob Doppelbauer

Roland Schmoll                 Hendrik von Bültzingslöwen

Mike                                   Mad Jazz Morales

Bottie Alex                         Niclas G. Icewood

Mutter Yasemin                 Lilay Huser

und andere

 

Inhalt

Barbara Lucke war Jahrzehnte lang die "Jeanne d‘Arc" des Betriebsrats im berühmten Versandhaus Sander. Jetzt wird "die rote Barbara" kurz vor der Rente nach 30 Jahren überraschend abgewählt, ist ihre Freistellung los und muss als Sachbearbeiterin an den Shared Desk – ausgerechnet in die Abteilung "Wäsche-Bade" ihres karriereorientierten Sohnes Bastian. Der will und muss als aufstrebender Abteilungsleiter mit moderner Führung beeindrucken und möchte die renitente MmL – Mitarbeiterin mit Lebenserfahrung – einfach nur wieder loswerden.

Die übergriffige und zu divenhaften Auftritten neigende Barbara ist mit Video-Meetings, E-Learnings und Changemanagement komplett überfordert und versucht die Strippen nach den alten Regeln zu ziehen. Deshalb spannt Barbara als erstes Marion, mit der sie damals die Lehre gemacht hat, und Bernd, für den sie einiges im Betriebsrat durchgesetzt hat, für sich ein und lässt die beiden die Arbeit für sie erledigen. Aber auch die junge Dauerpraktikantin Amelie und Mike, der Gabelstaplerfahrer aus der Logistik, der mal in die Abteilung reinschnuppert, finden immer mehr Gefallen an Barbara und ihren schillernden Geschichten aus dem Sander-Versand. Das ist vor allem Yasemin, der rechten Hand von Barbaras Sohn Bastian, ein Dorn im Auge. Sie will, dass Barbara endlich die Herausforderungen des modernen Arbeitslebens annimmt und in die Nachschulungen geht. Bastian gerät zwischen die Fronten der beiden Frauen und will es irgendwie allen recht machen.

Außerdem naht der "Call for papers", bei dem Bastian den Vorstand des Sander-Versands mit einem Konzept aus seiner Abteilung überzeugen will. Aber die Firmenleitung rund um den allglatten Sander- Junior hat hinter verschlossener Tür längst beschlossen, dass die "Wäsche-Bade" dicht gemacht wird. Als Barbara und Bastian herausfinden, dass der Sander-Versand im großen Stil Arbeitsplätze streichen will, müssen sich Mutter und Sohn zusammenraufen.

 

Interview mit Autor Andreas Altenburg und Regisseur Lars Jessen

Herr Altenburg, wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Andreas Altenburg: Spätestens seit Corona haben die Verheißungen von "New Work" ja in das miefigste Großraumbüro Einzug gehalten, und selbst ich habe schon mit Kollegen an Videokonferenzen teilgenommen, die mit mir im selben Raum saßen. Changemanagement. Noch mehr absurde Angliszismen. Co-Working-Tools. Der ganze heiße Scheiß und dann  noch die neue Kuscheligkeit mit Sitzsäcken und flachen Hierarchien. Hab ich alles selbst mitgemacht. Und es ist ja so schon echt anstrengend, zuweilen nervig und überfordernd. Und dann ist einer Bekannten ein ähnliches Schicksal widerfahren wie das von Barbara Lucke. Und Nachfragen haben dann auch tatsächlich ergeben, dass freigestellte Mitarbeitende auch nach manchmal jahrzehntelanger Tätigkeit für den Betriebsrat durch Abwahl diese Freistellung verlieren können und, schlicht ausgedrückt, zurück an den Schalter müssen. Was für ein vermeintlicher Abstieg von Verantwortlichkeit und Stehempfängen zurück ins Glied. Und dann auch noch gleich in diese neue Arbeitswelt. Na herzlichen Glückwunsch.

Nach der preisgekrönten und in Norddeutschland zu Kult avancierten Radio-Comedy "Frühstück bei Stefanie" und "Die Freeses" von Ihnen, Herr Altenburg – wie war der Weg zum ZDF und der Entwicklung von "Alle nicht ganz dicht"?

Andreas Altenburg: Soweit ich mich erinnere, hatte die Florida Film mit dem ZDF einen Termin zum allgemeinen Austausch über Fernsehstoffe und fragte mich, ob ich nicht auch noch etwas in die  Runde geben möchte. Ich hatte dieses Ideenpapier über "Frau Lucke" noch im Rechner. Die Redakteurin Silvia Hubrich kannte schon meine Radio-Sitcoms und wir spürten gleich, dass das eine ganz, ganz schöne Zusammenarbeit werden könnte. Und das war’s ja auch.

Wie ist Ihnen dieser Besetzungscoup gelungen?

Lars Jessen: Ulrike Kriener und ich kennen uns seit unserem Film "Butter bei die Fische", der ja immer noch gelegentlich im Programm des ZDF zu sehen ist. Aber ich bin schon seit "Männer" ein Riesenfan von ihr und schätze ihren trockenen unerschrockenen Ruhrpott-Humor, der sich sehr gut mit unserem norddeutschen Aroma verbinden lässt. Wir hatten im Vorfeld viele inspirierende Treffen mit Ulrike und haben Andreas stilsicheren Dialoge gemeinsam feinjustiert.

Andreas Altenburg: Nachdem ich mich mit Ulrike und Lars das erste Mal zu einem gemeinsamen Austausch über die Rolle getroffen hatte, was im Übrigen schon damals sehr herzlich war, habe ich im weiteren Verlauf der üblichen Überarbeitungen natürlich Ulrikes Persönlichkeit und ihre Ansätze für die Barbara berücksichtigt.

Wie oft haben Ihre Eltern jeweils in Katalogen bestellt? Was war das Beste, was mit Versand kam? 

Andreas Altenburg: Man kann sich ja heute kaum noch vorstellen, wie besonders es damals war, überhaupt etwas aus dem Versand zu bestellen. So ein Paket wurde ja aufgeregt erwartet, als würde der Papst zu Besuch kommen. Also vielleicht ein bis zwei Male im Jahr. Trotzdem lagen sämtliche Kataloge der großen Häuser bei uns im Wohnzimmer, und der kleine Andi machte benebelt vom Papiergeruch überall seine Kreuze – vergebens. Der unerreichbare Traum war ein 6km/h schnelles Gokart mit Elektromotor. Und Cocker Spaniel-Welpen…, wie absurd.

Was war Ihnen wichtig an der Mutter-Sohn-Beziehung zu zeigen?

Andreas Altenburg: Lars und ich haben ja beide immer enge Beziehungen zu unseren Müttern gehabt. Gewisse Übergriffigkeiten und Spannungen, aber auch bedingungslose Zuneigung, sind uns nicht fremd.

Lars Jessen: Tatsächlich sind Andreas Altenburg und ich beide mit unseren Müttern und Schwestern weitgehend vaterlos aufgewachsen und kennen daher die Nuancen solcher symbiotischen Beziehungen und den damit verbundenen Ablösungsprozessen. Mir war wichtig, dass bei aller Übergriffigkeit und gegenseitigem Unverständnis, eine unverbrüchliche Liebe durchscheint.

Sie setzen mit der Figur der Barbara Lucke alleinerziehenden, emanzipierten Müttern 47+ ein Denkmal. War das Absicht? Wieso werden diese starken Frauen so wenig gesehen in der deutschen Gesellschaft?

Andreas Altenburg: Ich mag einfach starke Frauenfiguren mit Ecken und Kanten und offenen Flanken und habe schon immer solche Charaktere für meine Stoffe entwickelt. Wenn es in diesem Fall sogar wie ein Denkmal gesehen wird, vielen Dank, aber das war weniger Vorsatz als eine ganz natürliche Selbstverständlichkeit. Ich glaube übrigens, dass solche starke Frauen durchaus in der Gesellschaft wahrgenommen werden, nur werden sie medial häufig halt sehr eindimensional wiedergegeben. Die Abgründe werden einfach ausgeblendet. Die Stärke der Figur der Barbara Lucke ist ja aber deshalb so bemerkenswert, weil Ulrike Kriener in ihrer Rolle auch die dazugehörigen menschlichen Schwächen, die Verfehlungen, das Hadern mit der Moral und die Scheißegalhaltung gegenüber dem vermeintlichen Zeitgeist voll ausspielen darf. Wir lieben sie dafür. Und ja, männlichen Heldenfiguren gesteht man eine solche Ambivalenz viel eher zu. Wie bescheuert.

Lars Jessen: Gerade in dieser Generation herrscht ja immer noch ein großes Ungleichgewicht in Führungspositionen. Männer dominieren in diesen Etagen immer noch die Hierarchien. Sich in so einem Umfeld durchzusetzen und dann auch noch offen für die nächste Welle an Veränderungen zu sein und dabei den Humor nicht zu verlieren, ist eine große Qualität. Genau diese Eigenschaften zeichnen Frauen wie Barbara Lucke aus. In diesem Sinne ein Appell: Mehr Barbara wagen!

Die Komödie kann als Gesellschaftssatire bezeichnet werden – warum?

Andreas Altenburg: Das hoffe ich doch. Im Groben geht es doch in "Alle nicht ganz dicht" um die Auswüchse von Wokeness-Blasen und Fortschrittshörigkeit auf der einen Seite sowie Transformationsverweigerung aus Prinzip auf der anderen in einer globalisierten Arbeitswelt. Und das ist doch genau das, womit wir uns derzeit in Deutschland rumschlagen. Also ja.

Ihr Blick in die Zukunft von "New Work" und KI – für Ü50 ohne Demütigung möglich?

Lars Jessen: Ja, natürlich. Das ist jetzt halt die Gegenwart. Jede Form von Fortschritt birgt auch Absurditäten und Herausforderungen. Meistens ist das Neue unerprobt und fehlerhaft. Der Status Quo muss sich immer viel weniger rechtfertigen. Aber deswegen alles so lassen, wie es ist? Das wäre doch gesellschaftliche Kapitulation vor der Realität.

Andreas Altenburg: Ich fühl' mich bei den Themen alt und müde. Ich spüre keine Demütigung, aber schon, dass man mich milde belächelt.

Haben Sie schon mal an einem Shared Desk gearbeitet? Was hat Ihnen da am meisten gefehlt?

Andreas Altenburg: Ich arbeite seit über 30 Jahren als Autor und Sprecher am Schreibtisch und habe alle möglichen Bürotrends schon mitgemacht. Shared Desks sind für mich so wie das Buchen von Tennisplätzen. Der, den ich haben will, ist immer besetzt. Deshalb spiel ich auch kein Tennis. Was spricht eigentlich für Shared Desks außer dem Einsparungspotential für den Arbeitgeber? Ich brauch' für meine Arbeit feste Zeiten, feste Strukturen und die Möglichkeit, mein Umfeld zuzumüllen. Alles andere schockt doch nicht.

Die einen sagen, die Gen Z arbeitet zu wenig, die anderen haben vor lauter Überstunden keine Zeit für Beziehungen mehr. Wieso gelingt den Deutschen nicht die gute Mitte wie in anderen Ländern?

Andreas Altenburg: Ist das so, dass in anderen Ländern die gute Mitte erreicht wird? Als 18-Jähriger hätte ich ein System bevorzugt, in dem man erst Rente bekommt und den ganzen Tag in der Badehose durch die Gegend läuft, bis etwa 40 – danach Arbeiten bis man tot umfällt. Heute seh' ich das natürlich etwas anders. Dass ich meinen Beruf zum Hobby machen konnte, ist wie ein Sechser im Lotto, und daher kann ich das Drängen der Jungen auf eine gute Work-Life-Balance gut nachvollziehen. Arbeit als Broterwerb und Sicherheit war mal ein Zukunftsversprechen. Dann doch lieber gleich nur kleine Marschfahrt und ein gemütliches Leben in der Kissenlandschaft. Bei wem man allerdings Bock und Leidenschaft für die Aufgabe hervorrufen kann, mit welchen Mitteln auch immer, der wird auch in Zukunft in jungen Jahren voll reinhauen. Nämlich dann, wenn Work auch wieder ein bisschen zum Life gehört und andersrum.

Lars Jessen: Wir sind halt die Gesellschaft der Fleißigen und Pünktlichen. Reste von preußischem Pflichtgefühl sind sich auch noch dabei. Und das ist ja auch alles nicht zu verdammen. Mehr auf sich und seine Kräfte zu achten, das können wir über 50-Jährigen sicher von der Gen Z lernen. Aus der Forschung wissen wir, dass ein langes gesundes Leben in erster Linie von stabilen sozialen Beziehungen abhängt. Und davon habe ich an meinem Arbeitsplatz zum Glück jede Menge.

Herr Altenburg, wer war Ihr "Fachberater" in Sachen "New Work"-Sprache? Stichwort: "Props", "Botties" et cetera?

Nun ja. Ich bin ja immer auch noch sowas wie ein Journalist und recherchiere…hallo?

Und die Rolle der Gewerkschaften in dem Ganzen? Was würde aktuell bei denen den "Fuck up Slam" gewinnen?

Nur 2,5 Prozent Lohnerhöhung, aber dafür Fortbildungsgutscheine… - FUCK UP!

Herr Altenburg, war das Ihr erster Cameo?

Nein, das habe ich mir schon öfters gegönnt. Aber dieses Mal durfte ich halbwegs wie ich selbst aussehen.

 

Interview mit Ulrike Kriener

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Drehbuch gelesen hatten?

Mein erster Gedanke war: super Idee, tolle Rolle und eine sehr witzige Sprache. Mir hat gefallen, dass es sich um ein außergewöhnliches Sujet handelt und um einen Ensemblefilm. Und ich hatte mit dem Regisseur Lars Jessen schon einmal zusammengearbeitet. So war schnell klar, das will ich spielen.

Wir bekommen es alle mit: Es gibt einen Generationswechsel und der ist nicht so leise, wie vielleicht früher. Vielleicht bin ich dafür auch sensibler, weil ich selbst davon betroffen bin. Die Arbeitswelt hat sich total verändert. Digitalisierung, Klimawandel, das jahrzehntelange Verhältnis der Staaten… Alles ist in Bewegung geraten. Und das hat Auswirkungen auf unser Leben und unsere Arbeitswelt. Ich finde es toll, dass unser Film genau diese Themen berührt.

Wer ist die "rote Barbara" und was zeichnet sie aus?

Barbara zeichnet ihre Kampflust und ihr Stolz aus. Sie ist seit vielen Jahren Betriebsrätin und hat sich vehement für die Rechte der Belegschaft eingesetzt. Als ehemals alleinerziehende Mutter bringt sie die Bereitschaft zur Verteidigung der Schwachen quasi mit. Und wenn sie darin nicht erfolgreich gewesen wäre, hätte man sie sicher nicht so viele Jahre gewählt. Aber wenn man einen Job und seine Privilegien sehr lange ausübt, besteht auch die Gefahr, selbstgefällig und bequem zu werden. Und genau an diesem Punkt steht die "rote Barbara". Lars Jessen und ich haben uns auf die Figur einer "Alt-SPDlerin" verständigt.

Wie haben Sie sich mit Tim Oliver Schultz auf die Mutter-Sohn-Beziehung vorbereitet? Wie kommt man zum richtigen Comedy-Timing in den Dialogen?

Na ja… es steht ja alles im Buch. Und ich bin selbst Mutter. Es gibt eine Leseprobe und da prallt man aufeinander, und das Spiel geht los. So ein Kennenlernen ist im besten Fall eine große, inspirierende Freude, und wir haben mit Tim, Sevda Polat, Klara Lange und den anderen eine großartige Besetzung. Ich glaube, dass man Timing hat als Schauspieler – oder nicht. Komik hat viel mit Tempo zu tun und mit innerer Spannung. Ich denke, dass man dafür einen Instinkt braucht. Was man mitbringt, entwickelt sich dann weiter. Und man muss unbedingt bereit sein, der Verlierer zu sein – als Frau, wie als Mann. Menschen, die um etwas ringen und daran scheitern, sind komisch – also sind es eher nicht die klassischen Helden. Barbara Lucke hält sich für unbesiegbar und scheitert daran, als sie versucht mitzukommen und sich nicht abhängen zu lassen: Aus dieser Not kann ich Komik ziehen.  

Komödie oder Krimi – was ist schwieriger?

Die Komödie ist schwieriger. Es ist die anspruchsvollere Form. Mich interessiert es mehr, mit diesem Genre die Herzen zu öffnen, und dann Botschaften beim Publikum anzubringen. Das ist freundlicher, eleganter. Das kann die Komödie exzellent.

Wenn man all die Preise sieht, die Sie gewonnen haben und Ihre Filmographie aufruft, wird einem ganz schwindelig. Sichtbarkeit – sprich Rollen für Frauen 47+: War das zwischendurch auch mal Thema?

Es gab Einbrüche, natürlich. Ich habe ein Kind nach der Schwangerschaft verloren, und als dann später mein Sohn auf die Welt kam, habe ich weniger gearbeitet. Es gibt in meinem Beruf keine Sicherheit, und es gibt keine Garantie auf Erfolg. Von Anfang an, also von der Schauspielschule an, gibt es immer mehr Schauspielerinnen als Schauspieler. Und es gibt immer weniger Rollen für Frauen als für Männer. Dieses Missverhältnis begleitet uns unser ganzes Berufsleben. Und wenn man älter wird, fällt es den Frauen irgendwann auf die Füße. Ich hatte großes Glück, dass ich mit Ende 40 angefangen habe, die Kommissarin Lucas zu spielen. Das hat mich sicher auch über die schwierigen Jahre getragen. Trotzdem: Natürlich wünscht man sich sein Leben lang schöne Rollen zu spielen, auf der anderen Seite muss auch die Generation, die nachrückt, ihre Geschichten erzählen können. Das ist ihr Recht. So ist das Leben. 

"New Work" am Set: Wie hat sich die Arbeitskultur am Set in den letzten 30 Jahren geändert?

In der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit hat sich wenig geändert, allerdings gibt es die "Brüllköppe" nicht mehr. Die Technik jedoch hat sich sehr stark geändert: Der gesamte Herstellungsprozess hat sich immens verschnellert. In meinen Anfängerjahren hatte man für einen Film ca. 35 Tage! Heute sind 21 Tage super, und der Druck ist hoch, noch schneller zu drehen. Licht, Ton, Kamera… wird alles heute anders gemacht. Es wäre schön, wenn die Verschnellerung dazu dienen würde, günstiger zu arbeiten. Aber das Thema Geld ist riesig und belastet doch den gesamten Prozess. Manchmal wundere ich mich, dass man bei diesem Tempo immer noch kreativ sein kann. Eine große Veränderung ist das "grüne Drehen". Das ist Lars Jessen besonders wichtig, und ich schätze das sehr. Es spiegelt sich in allen Arbeitsbereichen wider.

Haben Sie eigentlich mal in einem Büroteam gearbeitet?

Ganz kurz, als ich eine Lehre zur Sprechstundenhilfe angefangen habe. Und später als Telefonistin ums Abi herum – das ist hundert Jahre her, das zählt nicht. Sonst nie. Aber wenn ich in den Produktionsbüros bin, sehe ich die Teams, die auf dem gleichen Gang arbeiten und sich Mails schicken. Ist das nicht eigentlich bescheuert? Wir erzählen im Film einen alten Familienbetrieb, der sich sehr stark verändert. Barbara und der Seniorchef sind die beiden, die die Änderungen nicht wirklich verstehen und auch nicht wollen. Ok, in einer Großstadt wie Hamburg ist "new work" schon normal, aber auf dem Land hast du ja oft noch nicht mal Internet. Dieser Prozess braucht viel Zeit.

Was heißt für Sie "in Würde altern"?

Mir macht das Altwerden bis heute keine Sorgen. Ich bin immer gern älter geworden. Natürlich habe ich Sehnsüchte: Ich möchte nützlich sein für andere, ich möchte angezapft werden, mein Wissen weitergeben, verbunden bleiben. Ich möchte nach meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten respektiert werden und mich nicht jünger und toller darstellen müssen. Selbstständig sein, eigene Entscheidungen treffen – das ist mir wichtig.

Ein zusätzliches Audio-Interview mit Ulrike Kriener finden Sie hier: Pressemappe: O-Töne für Radiosender und Audio-Medien: ZDF-Presseportal

 

Interview mit Tim Oliver Schultz

Sie spielen seit Ihrem 11. Lebensjahr und haben es mal so ähnlich formuliert: "Schauspielerei ist der härteste Job der Welt…". Haben Sie Ihre Meinung geändert, nachdem Sie den Content-Manager Bastian Lucke kennengelernt haben? Wie lief es mit "New Work"?

Das muss ich wohl gesagt haben, als ich in der Vorbereitung zu einer Rolle intensiv involviert war. Natürlich weiß ich, dass es sehr viel härtere Jobs gibt, als meinen. In die Welt des "New Work" abzutauchen, war sehr abgefahren. Ich habe mich viel damit beschäftigt und hab' auch vom Regisseur Lars Jessen interessante Praktiken zum Thema Unternehmensführung gelernt. Ich liebe meinen Job dafür, dass man in fremde Welten eintauchen kann, mit denen man vorher nichts zu tun hatte. Die "New Work"-Sprache zu lernen, die Denkmuster zu übernehmen, war total aufregend. Bestimmte Vorgehensweisen, mit Alltagssituationen umzugehen – Stichwort Optimierung – habe ich dann tatsächlich auch für mich übernommen.

Wer ist Bastian, und was zeichnet ihn aus?

Bastian ist ein Typ, der sich klare Ziele setzt und alles dafür tut, sie zu erreichen. Sie sind allerdings meistens berufsbedingt und weniger privat. Er arbeitet mit seiner Traumfrau schon seit einiger Zeit zusammen und hat überhaupt keine Augen dafür. Er will im Job ernstgenommen werden und muss sich im Laufe des Films gegen seine Mutter durchsetzen. Für Bastian ist dies eine Mammutaufgabe, denn Barbara arbeitet seit 25 Jahren im selben Haus, und er schafft es bisher gar nicht, sich von ihr zu emanzipieren. Er kommt einmal die Woche zur ihr zum Essen und lässt sich von ihr seine Klamotten zurechtrücken, obwohl er das überhaupt nicht mag. Er sieht gar nicht, wie sehr er unter dem Pantoffel seiner dominanten und selbstbewussten Mutter steht. Und natürlich genießt er es auch insgeheim, wenn sie ihn umsorgt. Sebastian verlässt seine Komfortzone sehr ungern, aber man kann sich auf ihn verlassen: Wenn er etwas verspricht, dann hält er es auch. Er setzt sich für seine Leute ein und kämpft für Dinge, von denen er überzeugt ist. Im Laufe des Films schafft er es – von seiner Mutter hardcore provoziert – über sich hinauszuwachsen, aus sich herauszukommen und sein Leben eigenständig in die Hand zu nehmen.

Wieviel Humor und für was braucht man ihn in Deutschlands Büros?

Humor ist etwas, wovon wir in Deutschland mehr gebrauchen könnten. Nicht, dass wir nicht tolle Eigenschaften hätten – Stichwort Pünktlichkeit – aber Humor, Lockerheit, Optimismus und Selbstironie sind etwas, dass wir – übrigens nicht nur in Büros – etwas ausbauen könnten. Die Tristesse in manchen Büros fordert das Entgegensetzen von Humor. Ich als Schauspieler stell' mir Büros immer so vor wie bei "Stromberg" oder "The Office", und tatsächlich finde ich den schwarzen Humor, den die Briten haben, knackiger und erstrebenswerter als den deutschen.

Wenn Sie die Figur, die Ulrike Kriener spielt, als femme fatale bezeichnen, was meinen Sie damit?

Die Figur von Ulrike Kriener, die meine Mutter spielt, ist eine femme fatale, weil sie eine Kämpferin ist. Sie setzt sich für ihre Überzeugung ein, für ihre Kolleginnen UND nimmt sich immer schön das, was sie möchte, auch wenn das überhaupt nicht den Konventionen entspricht.

Hängen Söhne heute länger bei Muttern fest als früher?

Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass man länger zu Hause wohnt, da die Mieten immer teurer werden. Aber dass das Verhältnis von Söhnen und Töchtern zu ihren Müttern offen, ehrlich und durchweg gesund sein sollte, geht uns alle etwas an und beschäftigt auch mich in letzter Zeit immer mehr. Wenn der Film dazu beitragen kann, dass wir mit Gnade und Liebe etwas mehr an unsere Mütter denken, dann würde mich das sehr freuen. Es würde uns allen guttun.

Was unterscheidet die Generation Kriener von der Generation Passmann, mit der Sie ebenfalls gedreht haben?

Die Unterschiede sind immens: Unsere jüngere Generation wächst mit sehr viel mehr Einflüssen von außen auf. Wir sehen, was Gleichaltrige überall auf der Welt tun und können unser Handeln damit in einen globalen Kontext setzen. Die Generation unserer Eltern zieht vielleicht eher ihren Schuh durch und hat ein besseres Bauchgefühl, was sie für richtig und was sie für falsch hält. Das sorgt dafür, dass die Generation Kriener vielleicht nicht immer politisch korrekt ist, aber dafür überzeugt davon ist, das etwas richtig ist. Und die Generation Passmann eher unsicherer ist, aber dafür verantwortungsvoller mit der Umwelt umgeht, um damit möglichst wenig Menschen zu verletzen.

Was ist Ihnen besonders wichtig, Kindern mitzugeben?

Besonders wichtig ist mir, Kindern mitzugeben, mutig zu sein: Den Mut zu haben, daran zu glauben, etwas verändern zu können. Mut zu haben, zuversichtlich zu sein in einer Welt, die nicht viel Anschein macht, zuversichtlich sein zu können. Mut zu haben, sich zu öffnen und zu lieben. Aus der Komfortzone rauszugehen und seinen Eltern zu widersprechen, wenn es mal dazu kommen sollte, dass die Eltern so übergriffig sind wie Barbara Lucke mit Bastian. Und den Mut zu haben, in einer Welt ständigen Vergleichens, zufrieden mit sich selbst zu sein!

 

Drei Fragen an Oliver Wnuk

Sie spielen den aalglatten Juniorchef des Versandhauses. Was hat Ihnen an der Figur am meisten Spaß gemacht?

Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lars Jessen. In unregelmäßigen Abständen, dafür seit über 20 Jahren, engagiert er mich immer wieder. Wenn Lars anruft, sage ich blind zu, da ich darauf vertrauen kann, dass er dann ganz genau weiß, warum ich die ein oder andere Rolle spielen sollte. Ich mag seine pragmatische Art, sein Gespür für Komik und das Gespräch im Allgemeinen mit ihm sehr.  

Sie sind durch "Stromberg" Spezialist in Sachen Büro-Komik geworden und haben mal gesagt, dass Komik nur über Leid entsteht. Um welche Tragik-Komik geht es bei "Alle nicht ganz dicht" für Sie? 

Für mich persönlich wäre hier das Leid im ganzen Kosmos Büro zu suchen. Ein Ort, an dem Menschen gezwungen sind, im Interesse eines Produkts mit Leidensgenossen und deren Befindlichkeiten klarzukommen. Das ist natürlich in fast allen abhängigen Arbeitsverhältnissen so, aber manchmal fällt die Identifizierung mit einem Unternehmen und dem Produkt leichter und manchmal nicht. In dem Film geht es viel um den Versuch des sich Identifizierens, die Sinnsuche in der Beschäftigung. Die einen identifizieren sich mit ihrer Rolle im Betriebsrat, die anderen wollen ihre Rechte gestärkt wissen, andere wiederum sehen den Sinn ihres beruflichen Daseins im Wettbewerb. Das hat für mich schon per se viel Realsatirisches, viel Verirrtes und Tragisches, was Potenzial für Komik bietet. 

"New Work" wird in dieser Komödie aufs Korn genommen, dabei könnte doch eine positive Feedback-Kultur und ein freundlicherer Umgang ganz schön sein, oder? Hat sich Ihrer Meinung nach etwas Grundsätzliches seit "Strombergs" Zeiten geändert?

In der Arbeitskultur? Das kann ich nicht beurteilen. Gesellschaftlich? Einiges. Ich weiß aber nicht, ob es sich zwangsläufig zum Besseren verändert hat. Vom Gefühl her würde ich sagen, leben wir eine "Zeigefinger-Kultur". Die Menschen grenzen sich und ihre Art zu leben sehr ab, tragen sie paradoxerweise jedoch gleichzeitig sichtbar und vermeintlich selbstbewusst nach außen, um sie gleichzeitig vor jeder Art Angriff, auch wenn es sich dabei um Komik handelt, zu verteidigen. Wenn unsere Figuren bei "Stromberg" Randgruppen aufs Korn genommen haben und sich damit aber eigentlich selbst degradierten, habe ich das Gefühl, dass es dafür heutzutage mehr Protest geben würde. Bei all dem digitalen Wandel, der schnelllebigen Informationsgesellschaft, den vielen verschiedenen Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, könnte es sein, dass Persönlichkeitsentwicklung im Allgemeinen schwieriger geworden ist, und so besteht vielleicht eher das Bedürfnis, sich mehr zu schützen. Das macht es der Komik und denen, die davon leben mögen, schwerer dazwischen zu grätschen.  

 

Produktionsnotiz

Schrullige Charaktere, feine kleine Alltagsbeobachtungen und herrlich-schräge Dialoge: "Alle nicht ganz dicht" ist neben einer turbulenten und am Ende rührenden Mutter-Sohn-Geschichte auch eine satirische Zustandsbeschreibung deutschen Arbeitnehmertums. Büroalltag im rauen Wind der Globalisierung, der nun auch noch von KI gefrühstückt wird. Die Komödie nimmt die absurden Auswüchse der "New Work" genauso aufs Korn wie die Verweigerungstaktiken einiger Best Ager auf der Zielgeraden zur Rente. Wo Anglizismen gegen den profan daherkommenden Stellenabbau eben auch nicht helfen, muss die gute alte Bauernschläue her – und davon hat die Hauptfigur Barbara Lucke reichlich. Altersdiskriminierung wird leichtfüßig und ohne Zeigefinger miterzählt: Diese Frau hat als Alleinerziehende ihr Leben lang hohen Kampfgeist mit Pragmatik gepaart, ist zäh und mit allen Wassern gewaschen. Eine Liebeserklärung an Frauen 47+. Ulrike Kriener in ihrem Element. Zwischen all den Konfliktlinien von alt und überversorgt bis jung und unkritisch, von überehrgeizig bis trutschig devot, von altfeministisch bis jungfeministisch, von hechelnd neo-liberal bis unbeweglich sozialdemokratisch, von zukunftsorientiert bis festhaltend am Gestern dürfen am Ende alle Protagonisten zeigen, dass sie das Herz am rechten Fleck haben.

Merz gegen Merz - Geheimnisse: Stab, Besetzung, Inhalt, Interviews

ZDFmediathek: voraussichtlich ab Mitte August 2024

ZDF: Donnerstag, 12. September 2024, 20.15 Uhr

 

Stab

Regie                               Felix Stienz   

Buch                                Ralf Husmann

Kamera                            Brendan Uffelmann

Musik                               Rheingold Studios GmbH

Editor                               Martin Mayntz      

Ton                                   Marko Vinokic

Szenenbild                       Stephanie Schulz

Kostümbild                       Stephanie Fürst  

Produktion                        MadeFor Film GmbH, Berlin

Produzenten                     Ralf Husmann, Gunnar Juncken

Producer                           Henning Wagner 

Produktionsleitung            Hendrik Lahm

Redaktion                         Corinna Marx

Länge                               90 Minuten

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Erik                                  Christoph Maria Herbst

Anne                                Annette Frier

Leon                                Philip Noah Schwarz

Ludwig                             Michael Wittenborn

Maria                               Claudia Rieschel

Günter                             Bernd Stegemann

Renate                            Carmen-Maja Antoni

Soraya                             Süheyla Ünlü

Jonas                               Nikolaus Benda

Anne II                             Anne Weinknecht

Heiko                               Moritz Netenjakob

Rico                                 David Hürten

Frehse                             Robin Sondermann

und andere

 

Inhalt

Im letzten Film "Merz gegen Merz – Hochzeiten" hat Anne Merz einen Mann lieben gelernt, der jünger ist als sie. Jonas ist das Gegenteil von ihrem Ex-Mann Erik: Er findet sie attraktiv und unterstützt ihre Idee, ein neues Leben anzufangen. Sohn Leon hat geheiratet, ist aber bei seiner Frau quasi auf Bewährung, nachdem er alle über sein vermeintliches Studium angelogen hat. Sogar bei Renate und Günter hat es kurzzeitig gerappelt, aber letztlich sind die beiden unerschütterlich. Ludwig lebt seit geraumer Zeit im betreuten Wohnen, während seine Frau Maria lernen muss, auf eigenen Füßen zu stehen. Da stehen die Merzens zu Beginn des neuen Films.

Anne Merz möchte mit ihrem neuen Lover Jonas in einer Eventagentur durchstarten. Da leider das Geld fehlt, soll ihr vorzeitiges Erbe bei einem Notartermin mit ihrem demenzkranken Vater Ludwig beschlossen werden. Der ist erstaunlich fit und lässt beim Termin eine Bombe platzen: Es gibt eine uneheliche Tochter, lustigerweise auch mit Namen Anne, die ebenfalls ein Anrecht auf das Erbe hat. Das lässt Anne natürlich nicht auf sich sitzen. Sie steigt in den Ring – für ihr Geld und für die Liebe ihres Vaters.

 

Interview mit Annette Frier und Christoph Maria Herbst

Wenn Christoph Maria Herbst/Annette Frier ans Set kommt, macht er/sie als Erstes…

Annette Frier: …Blödsinn in der Maske, wobei ich ihn gern unterstütze. Das ist stets ein schönes gemeinsames Startritual In den Tag. 

Christoph Maria Herbst: …ein freundliches Gesicht und begrüßt alle. Dann sieht sie mich und ist trotzdem freundlich.

"Zwei wie wir, die können sich nie verlier'n", singt ein Udo Lindenberg-Imitator im Film über Anne und Erik. Welcher Song charakterisiert Christoph Maria Herbst/Annette Frier am besten?

Annette Frier: Spontan fällt mir da "Mein Ding" von Udo Lindenberg für Christoph ein!

Christoph Maria Herbst: Marlene Dietrich "Nimm dich in acht vor blonden Frauen"!

Wenn Christoph Maria Herbst/Annette Frier ein Cocktail wäre, dann wäre er/sie…

Annette Frier: …ein Espresso Martini. Könnte man mal bei 'nem Nachtdreh drüber nachdenken.

Christoph Maria Herbst: …ein White Angel.

Beschreiben Sie Christoph Maria Herbst/Annette Frier bitte anhand der Buchstaben seines/ihres Namens.

Annette Frier:

C hrist

H eiter

R astlos

I rre (die gute Art!)

S auteuer

T reu

O ha!

P enibel

H umorbegabt, sollte er beruflich drüber nachdenken …

Christoph Maria Herbst:

A lbern

N ett

N atürlich

E inzigartig

T ough

T olerant

E infallsreich

Sie kennen sich schon viele Jahre. Als Sie Christoph Maria Herbst/Annette Frier das allererste Mal begegnet sind, dachten Sie…

Annette Frier: …oh verdammt, er ist schnell! Sehr, sehr schnell.

Christoph Maria Herbst: …warum wir uns erst jetzt kennenlernen.

Welches gemeinsame Erlebnis würden Sie niemals vergessen wollen?

Annette Frier: Unsere Lesung im Aachener Dom "Lebenslieder!"

Christoph Maria Herbst: Unsere schöne Lesereise mit dem Titel "Die Kunst, recht zu behalten oder: Du mich auch!"

Christoph Maria Herbsts/Annette Friers Superkraft ist …

Annette Frier: …Spontaneität und Anarchie.

Christoph Maria Herbst: …ihre Gelassenheit.

Welches Geheimnis weiß noch niemand über Christoph Maria Herbst/Annette Frier?

Annette Frier: Unter vielen echten Pflanzen hat er zuhause aus Lichtmangel zwei Fakes platziert. Pssst! Darf NIEMAND wissen!

Christoph Maria Herbst: Annette macht die besten Tteokbokki (Anmerkung der Redaktion: Gebratene Reiskuchen, ein beliebtes Gericht aus der koreanischen Küche).

Mein eigenes größtes Geheimnis ist…

Annette Frier: …, dass ich eine Hochstaplerin bin. Irgendwann wird die Polizei klingeln und sagen: "Aber Frau Frier, Sie haben das ja alles nur gespielt?!" "Ja, ich weiß." "Jetzt müssen wir Sie festnehmen!" "Na gut. Geht in Ordnung. Hat sich gelohnt."

Christoph Maria Herbst: …ein Geheimnis.

Streiten ist für mich…

Annette Frier: …seelische Reinigung von Unrat.

Christoph Maria Herbst: …eine Entladung, eine Reinigung, ein Doppelpunkt: die Versöhnung ist umso schöner.

In meiner Heimatstadt Köln zu drehen…

Annette Frier: …heißt zuhause zu schlafen, ich liebe es!

Christoph Maria Herbst: …ist zuhause sein. Als Heimschläfer ist man fitter, weil man weiß, wo man hingehört.

Mit Ralf Husmann zu arbeiten, bedeutet immer wieder aufs Neue…

Annette Frier: … vom Blatt zu spielen.

Christoph Maria Herbst: …sich von einem Altbekannten überraschen zu lassen.

 

Statement von Autor und Produzent Ralf Husmann

Keiner kann einem das Herz so auf links ziehen wie die eigene Familie. Ausgerechnet die Leute, die man am längsten kennt, entpuppen sich oft als charakterliche Wundertüten. Meist mit unschönen Überraschungen. Die Merzens sind mir im Laufe der Jahre so familiär vertraut geworden, dass ich bei denen jetzt nach verborgenen Seiten suche, nach den Geheimnissen. Wir balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Drama und Komödie, zwischen Schenkelklopfer und Nackenschlägen. Wie das Leben selbst. Beim Merz-Ensemble kann ich mit diesem Experiment sehr weit gehen. Die können einem alle puppenlustig mitten in die Seele treffen – weil alle ihr Handwerk können, vor und hinter der Kamera. Und wie in jedem Handwerk, ist das längst nicht mehr selbstverständlich. Für mich ist es immer wieder eine große Freude. Ich hoffe auch für die, die zusehen.

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