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Retroreihe – Eine Hommage an Eckart Stein

Drei Spielfilme

In der Retroreihe präsentiert Das kleine Fernsehspiel als Würdigung an den ehemaligen Leiter des Kleinen Fernsehspiels, Eckart Stein, drei von ihm betreute Produktionen. Eckhardt Stein war für das Filmschaffen in Deutschland und weit darüber hinaus sowie für das ZDF eine bedeutende Persönlichkeit. Im September 2021 ist er gestorben, am 29. April 2022 wäre Eckart Stein 85 Jahre alt geworden.

  • ZDF, Montag, 2. Mai 2022, 0.00 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Freitag, 29. April 2022, in der ZDFmediathek

Texte

Gegen die Konventionen – Eine Hommage an Eckart Stein
Statement der Redaktion

Der im vergangenen September verstorbene ehemalige Leiter des Kleinen Fernsehspiels Eckart Stein war für das Filmschaffen in Deutschland und weit darüber hinaus ein wichtiger Mann. Er war Mentor und Bündnispartner von Regisseur*innen wie Herbert Achternbusch, Stephen Dwoskin, Rainer Werner Fassbinder, Harun Farocki, Derek Jarman, Peter Krieg, Ulrike Ottinger, Werner Schröter, Eyal Sivan, Elia Suleiman oder Agnès Varda – um nur einige zu nennen.

Die von ihm verantworteten Produktionen waren oft formal anspruchsvoll und vielfach unbequem. Leidenschaftlich vertrat er das Unkonventionelle und setzte es fast immer, geschickt und mitunter listenreich, durch. Sein von den Rändern der Gesellschaft her gedachtes Programm forderte dabei auch die Zuschauer*innen heraus. Allein dies galt ihm als respektvoll gegenüber einem mündigen, aktiven Publikum, auf das er setzte. Dass für ihn eine eigenständige Regiehandschrift mehr zählte als eine Schönschrift, war da nur logisch. Und sich mit Neugier stets Neuem zuzuwenden war notwendig, weil das "Qualitätsvolle nicht mit dem Bekannten, dem Eingeführten, dem Akzeptierten" zu verwechseln sei.

Am 29. April 2022 – an diesem Tag wäre Eckart Stein 85 Jahre alt geworden – stellt das ZDF als Würdigung und posthumes Geburtstagsgeschenk drei von ihm betreute Produktionen in der ZDFmediathek online und sendet sie an den darauffolgenden Montagen im ZDF-Hauptprogramm.

Die Schwerpunkte von Steins redaktionellem Engagement umfassten unter anderem die filmische Aufarbeitung von Erinnerung und Schuld, das Kino der Dekolonialisierung oder die Auseinandersetzung mit Subkulturen. Wir haben drei Filme aus den 70erJahren ausgewählt, die zeigen, wie Stein sich – zusammen mit ersten weiblichen Redakteurinnen im deutschen Fernsehen wie Anne Even oder Ursula Stein – dafür einsetzte, dass Frauen endlich die Möglichkeit erhielten, Filme zu machen, und wie die Beschäftigung mit Gleichberechtigung, Geschlechterrollen und Diversität damals einen Diskurs vorwegnahm, der uns heute weiter intensiv beschäftigt.

Jutta Brückners semi-dokumentarischer Film "Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen" aus dem Jahr 1977 folgt einer jungen Frau, die sich zwischen Rebellion und Resignation den Glücksvorstellungen von Eltern und Gesellschaft nicht fügen will.
Die wie Eckart Stein 2021 verstorbene Helga Reidemeister drehte 1979 ihren schonungslosen Dokumentarfilm "Von wegen Schicksal". Ihr Portrait einer geschiedenen Frau und Mutter zeigt die Folgen von mangelnder Gleichberechtigung, sozialer Benachteiligung und häuslicher Gewalt mit schmerzlicher Gegenwärtigkeit.
Und Rosa von Praunheims früher Kultfilm "Die Bettwurst" trieb bereits 1971 die bürgerlichen Träume von Ehe und Glück auf eine grotesk-absurde Spitze.

Jutta Brückner schrieb einmal über Eckart Stein und die Redakteur*innen des Kleinen Fernsehspiels: "… statt zu entmutigen, ermutigen sie. Sie trauten sich den Leuten das zuzutrauen, was sie sich selbst zutrauten. Eine weiße Pädagogik…" Dem sind wir weiterhin verpflichtet.

Burkhard Althoff, ZDF-Redaktionsleiter Das kleine Fernsehspiel

Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen

Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen
Halbdokumentarischer Film, Deutschland 1977

Freitag, 29. April 2022, zwei Jahre lang in der ZDFmediathek
Montag, 2. Mai 2022, 0.00 Uhr, im ZDF

Stab

Buch – Jutta Brückner
Regie – Jutta Brückner
Schnitt – Eva Schlensag
Kamera – Eduard Windhager
Szenenbild – Hayo von Zündt
Produktionsleitung – Karl Peter Helmer
Produzentin – Jutta Brückner
Produktion – Jutta Brückner Filmproduktion im Auftrag von ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Redaktion – Eckart Stein, Annegret Even, ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Länge – circa 78 Minuten 

Mit: Rita Rischak, Manfred Fischer, Christian Bausch, Bertha Zenglein, Barbara Betram, Peter Wortmann, Peter Helmer, Clara von Zündt, Sita Fischer, Leo Bardischewski, Jürgen Jung und andere

Inhalt

In dem halbdokumentarischen Film über Rita Rischak veranschaulicht die ledige Mutter eines fünfjährigen Kindes in Interviews und Spielszenen ihre Probleme, ihre Lebenserfahrungen und ihre Wunschträume.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag in Ritas Leben: Früh morgens verlässt der Liebhaber der vergangenen Nacht eilig ihre Wohnung, Rita begräbt jede Hoffnung jemals wieder von ihm zu hören. Zur Arbeit ins Büro traut sich Rita nicht, weil sie Geld aus der Telefonkasse gestohlen hat. Um das vor ihrer Mutter zu verheimlichen, frühstückt sie wie gewohnt zusammen mit ihr und ihrem fünfjährigen unehelichen Sohn, der von ihren Eltern versorgt wird. Danach gibt sie vor, ins Büro zu gehen, begibt sich aber stattdessen auf die Suche nach einem neuen Job und nach Leuten, bei denen sie sich Geld borgen kann. Beides verläuft ergebnislos. Gegen Mittag trifft sie sich zwar mit einem älteren wohlhabenden Liebhaber, den sie plant anzupumpen, schafft es dann aber nicht, sich selbst als erotische Ware gegen Geld einzutauschen. Rita beschließt die Suche nach Geld und Job pragmatischer zu betreiben und erklärt sich bereit, für das unseriöse Kreditunternehmen eines Freundes zu arbeiten. Doch als ein unerfahrenes junges Ehepaar vor ihr sitzt, warnt sie die beiden vor ihrem Freund und schmeißt den Job. Vorher bedient sie sich aber aus seiner Kasse, um sich umgehend ein neues Kleid zu kaufen, das ihr nicht steht, so dass sie es direkt an eine Freundin verschenkt, die Soziologin ist. Diese soll Ritas kompliziertes Leben klären und durch ein Gespräch wird ihr alter Wunsch wieder wach, Schauspielerin zu werden. Auch hier kommt Rita nicht weiter. Die Schauspielerinnen und Schauspieler eines politisch engagierten Kellertheaters begreifen ihrer Meinung nach nicht, dass man aus Gründen der Selbstverwirklichung Schauspielerin werden will. Schließlich bittet Rita ihre Eltern um Geld, das sie zwar bekommt, aber wie immer mit den ihr längst bekannten Vorhaltungen. Als sie am Abend von einem Mann auf der Straße angesprochen wird und sich einladen lässt, flackert in ihr die Hoffnung auf, dass dieser Tag mit Glück enden könnte.

"Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen" ist ein Film über kleinbürgerlichen Hass und den Alltag einer Revolte, die ständig in die Leere geht, weil Rita nicht weiß, was sie will, sondern nur, was sie nicht will. Sie sieht, was falsch ist, aber nicht, woran das liegt, und ist deshalb nicht in der Lage etwas zu ändern. Mit ihrer abgebrochenen Realschulbildung hat Rita nicht die Möglichkeit sich durch berufliche Fähigkeiten das Selbstwertgefühl zu holen, das sie von sich hat, aber genau dieses lässt sie glauben, dass ihr etwas zusteht, dass ihr im Leben verweigert wird. Denn wer ist wem etwas schuldig – sie der Gesellschaft oder die Gesellschaft ihr? Und so revoltiert sie gegen die Realität und pendelt hin und her zwischen zwei Träumen: dem Traum von Freiheit und dem Traum von Geld. Doch es gibt einen Punkt, wo sich Geld-Freiheit-Liebe-Kaufen in ihrem Kopf verwischen zu einer Vorstellung von Glück, das einem geschenkt wird und welches das ganze Leben verändert: das Glück erwählt und geliebt zu werden, allein weil man diejenige ist, die man ist. Das Glück, eine Person sein zu dürfen, aber nicht verantwortlich sein zu müssen. Das Glück einer Ehefrau in einer Ehe, die nur in Fotoromanen existiert.

Bio Jutta Brückner (Buch und Regie)

Jutta Brückner wurde 1941 in Düsseldorf geboren und lebt in Berlin. Nach dem Abitur 1959 studierte sie in Köln, Berlin, Paris und München Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie. 1973 promovierte sie mit ihrer Doktorarbeit "Staatswissenschaften, Kameralismus und Naturrecht" über die Geschichte der Politischen Wissenschaft. Bereits ab 1970 wandte sich Brückner der Filmwelt zu und schrieb Seriendrehbücher für die Bavaria, das Drehbuch für Ula Stöckls Film "Eine Frau mit Verantwortung" und Volker Schlöndorffs Film "Der Fangschuss". Ihr erster eigener Film als Autorin, Regisseurin und Produzentin "Tue recht und scheue niemand" wurde 1975 gemeinsam mit der Redaktion ZDF/Das kleine Fernsehspiel realisiert. Nach diesem Debüt war "Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen" (1977) die nächste Zusammenarbeit mit der Redaktion, es folgten "Hungerjahre" (1980), die Episoden "Luftwurzeln" aus "Die Erbtöchter" (1983) und "Kolossale Liebe" (1984). Für "Ein Blick und die Liebe bricht aus" (1988) erhielt sie den Preis der Deutschen Filmkritik. Spätere Werke von Brückner sind unter anderem "Lieben sie Brecht?", "Bertolt Brecht - Liebe, Revolution und andere gefährliche Sachen" (1998) oder "Hitlerkantante" (2004).

Von wegen 'Schicksal'

Von wegen 'Schicksal'
Dokumentarfilm, Deutschland (BRD) 1979

Ab Freitag, 29. April 2022, zwei Jahre lang in der ZDFmediathek
Montag, 9. Mai 2022, 0.00 Uhr, im ZDF

Stab

Buch – Helga Reidemeister
Regie – Helga Reidemeister
Kamera – Axel Brandt, Susanne Beyerle, Thomas Tanner
Schnitt – Elisabeth Förster
Ton – Katharina Geinitz
Trick – Herbert Schramm
Ton-Mischung – Gerhard Jensen
Negativ-Schnitt – Elke Granke
Regie-Assistenz – Katharina Geinitz
Mitarbeit – Regine Heuser, Helga Schnurre, Helma Sanders
Aufnahmeleitung – Jürgen Günther
Produktionsleitung – Ursula Ludwig
Produzentin – Ursula Ludwig
Produktion – Eine Koproduktion Literarisches Colloquium Berlin, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin im Auftrag von ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Redaktion – Eckart Stein, Ursula Stein
Länge – Circa 116 Minuten

Mit: Irene Rakowitz und ihrer Familie                                

Inhalt                      

Die Arbeiterfrau Irene Rakowitz verlässt ihren Mann, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. 

Irene ist 48 Jahre alt und lässt sich nach 20 Jahren scheiden. Sie lebt mit ihren Kindern in einem der Hochhäuser im Berliner Märkischen Viertel. Ihr Ehemann lebt seit der Scheidung im selben Haus. Obwohl sie von der Unterstützung des Sozialamtes lebt, möchte sie, anders als ihr geschiedener Ehemann, die Alltagszwänge nicht als schicksalhaft betrachten und resignieren. Sie möchte neben ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau ihren Bedürfnissen nachgehen. Nicht zuletzt, um ihren Kindern zu zeigen, dass man den Mut haben sollte, bessere Lebensverhältnisse für sich selbst zu erkämpfen. 

Festivals und Preise – eine Auswahl

Deutscher Filmpreis 1979
Beste Nachwuchsregie

Adolf-Grimme-Preis 1980
Ehrende Anerkennung

Bio Helga Reidemeister (Buch und Regie)

Helga Reidemeister wurde am 4. Februar 1940 in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) geboren. Sie studierte von 1961 bis 1965 Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin. In den 1970er-Jahren lebte sie unter anderem mit Rudi Dutschke gemeinsam in einer Berliner Wohngemeinschaft. Ab 1968 war sie für einige Jahre in der Sozialarbeit tätig, bevor sie von 1973 bis 1978 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) studierte. "Der gekaufte Traum" (1974–1977) und "Von wegen 'Schicksal'" (1978/79) entstanden während ihres Studiums. Im Anschluss arbeitete sie als Regisseurin, Produzentin, Drehbuchautorin und Darstellerin. Bereits ab 1988 hatte sie Lehraufträge im In- und Ausland wahrgenommen, ab 1994 war sie Dozentin an der Filmakademie Baden-Württemberg. Sie war außerdem Mitglied der Deutschen Filmakademie und der Niedersächsischen Filmkommission sowie ab 2001 Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Am 29. November 2021 starb sie im Alter von 81 Jahren in Berlin.

Die Bettwurst

Die Bettwurst
Liebeskomödie, Deutschland 1971

Ab Freitag, 29. April 2022, 90 Tage lang in der ZDFmediathek
Montag, 16. Mai 2022, 0.25 Uhr im ZDF:

Stab                  

Buch – Rosa von Praunheim
Regie – Rosa von Praunheim
Kamera – Rosa von Praunheim, Bernd Upnmoor
Schnitt – Rosa von Praunheim, Gisela Bienert, Bernd Upnmoor
Produzent – Rosa von Praunheim
Produktion – Rosa von Praunheim im Auftrag von ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Redaktion – Eckart Stein
Länge – circa 77 Minuten 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Luzi – Luzi Kryn
Dietmar – Dietmar Kracht
und andere

Inhalt 

Rosa von Praunheims provozierend liebevoller Film über die Wonnen der kleinbürgerlichen Existenz.

An der Kieler Förde lernt Sekretärin Luzi den Berliner Hilfsarbeiter Dietmar kennen. Sie ist eine ältere, kleinbürgerliche Sekretärin, er ist jung, hat aber schon eine kriminelle Vorgeschichte. Die beiden werden ein Paar. Die Bettwurst, eine Nackenrolle fürs Bett, die Luzi ihrem Dietmar zum ersten gemeinsamen Weihnachtsfest schenkt, wird zum Symbol ihrer leidenschaftlichen Liebe und führt sie in ihrer kleinbürgerlichen Welt zusammen. Doch dann wird Dietmar von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt. Seine früheren kriminellen Freunde entführen Luzi, um Dietmar zu zwingen, wieder mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.

"Die Bettwurst", Ende der 1960er-Jahre entstanden und 1971 im ZDF uraufgeführt, ist eines von Rosa von Praunheims frühen Werken. In den Hauptrollen der Ehe- und Paarparodie sind die damaligen Laiendarsteller*innen Luzi Kryn und Dietmar Kracht zu sehen, die Abenteuer- und Liebesgeschichten populärer Hollywoodfilme nachspielen. Ein filmisches Zeitdokument, das das Publikum immer wieder polarisiert.

Bio Rosa von Praunheim (Buch und Regie)

Rosa von Praunheim wurde 1942 in Riga in Lettland geboren und ist einer der bekanntesten und produktivsten Film- und Theaterregisseure Deutschlands sowie ein bedeutender Pionier und Aktivist der LGBTQ-Bewegung. Zu seinen mehr als 140 Filmen gehören unter anderem "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971), "Ein Virus kennt keine Moral" (1986) oder "Der Einstein des Sex" (1999). Seit 2009 ist Praunheim Mitglied der Akademie der Künste, Sektion Film- und Medienkunst, der er drei Jahre als Direktor vorstand. Praunheim lehrt darüber hinaus an mehreren Filmhochschulen.

Weitere Informationen

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/Retroreihe

Weitere Informationen "Das kleine Fernsehspiel": https://www.zdf.de/filme/das-kleine-fernsehspiel 

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