9/11 - Der lange Schatten des Terrors
Dreiteilige Dokureihe
Texte
Gab es nach dem Fall der Mauer 1989 eine Hoffnung darauf, dass sich Demokratie und Freiheit universell durchsetzen, so haben der 11. September 2001 und sein "langer Schatten" diese Hoffnung zerstört. Krisen, Überwachung und Hass im Netz prägen das 21. Jahrhundert.
In drei Folgen beleuchtet die Reihe, wie 9/11 unsere Welt seit 25 Jahren prägt. Die Geschichten der Protagonistinnen und Protagonisten in den USA und Deutschland werden teils mit Einsatz künstlicher Intelligenz im Stil von Graphic Novels rekonstruiert. Dazu ordnen Expertinnen und Experten die historischen Entwicklungen analytisch ein.
"Wahn" (1/3)
Die erste Folge zeigt, wie sich nach 9/11 Feindbilder verbreiten und verfestigen – von der "Hamburger Zelle" über rassistische Gewalt in den USA bis zum viralen Erfolg von Verschwörungstheorien, die weltweit zunehmen.
Nach dem Schock der Anschläge wächst in den USA der Ruf nach Vergeltung. Der "War on Terror" beginnt. Sicherheitsgesetze werden verschärft, Überwachung und Kontrolle ausgeweitet. Zugleich trifft der Verdacht viele Menschen, die mit den Tätern nichts zu tun haben. Der aus Bangladesch stammende Einwanderer Rais Bhuiyan wird in Dallas aus nächster Nähe angeschossen – von einem Rechtsradikalen, der seine Tat als Rache für 9/11 versteht. Doch nach seiner Genesung beschließt das Opfer, sich für den Täter einzusetzen, gegen den die Todesstrafe verhängt wurde.
Während die USA nach den Anschlägen nach Antworten suchen und um die richtige Reaktion ringen, formiert sich parallel im Internet Misstrauen gegenüber offiziellen Erklärungen. Der junge Filmemacher Dylan Avery beginnt, mit seinem besten Freund Korey Rowe "Loose Change" zu produzieren, einen Film, der sich rasant verbreitet und 9/11-Verschwörungserzählungen weltweit populär macht. Wie blicken sie heute auf die Auswirkungen des Films?
"Jagd" (2/3)
Was passiert, wenn ein Land im Namen seiner Sicherheit den Rechtsstaat einschränkt? Auf der Jagd nach den Hintermännern der Anschläge von 2001 setzen die USA durch Rechtsverstöße und Folter ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Der zweite Teil zeigt, welchen Stellenwert die US-amerikanischen Geheimdienste nach 9/11 bekommen und wie Drohnen erstmals eine zentrale Rolle in Militäreinsätzen spielen.
Der CIA-Agent John Kiriakou leitet in Pakistan die Jagd nach einem hochrangigen Mitglied von al-Qaida und koordiniert dessen Verhaftung – einer der ersten großen Erfolge im "War on Terror". Als Kiriakou 2007 öffentlich bestätigt, dass die CIA systematisch folterte, wird er selbst verfolgt und muss wegen seiner Aussagen ins Gefängnis. Dabei gibt er an, nie selbst gefoltert zu haben.
Brandon Bryant aus Montana tritt 2006 der Air Force bei und landet im Drohnenprogramm der USA. Aus tausenden Kilometer Entfernung feuert er Raketen auf Menschen, die er nur als Wärmesignatur auf einem Bildschirm sieht. Nach Hunderten von Einsätzen mit mindestens 13 Toten verlässt er die Streitkräfte mit einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung.
Murat Kurnaz, 1982 in Bremen geboren, reist kurz nach 9/11 aus religiöser Neugier nach Pakistan. Er gerät in eine Routinekontrolle, wird verhaftet und landet unter falschem Verdacht in Guantánamo. Vier Jahre lang sitzt er dort als Gefangener 053 – ohne Prozess, ohne Beweis, ohne Rechte. Der Bremer Anwalt Bernhard Docke, der Kurnaz' Geschichte erzählt, macht sich damals für seine Freilassung stark, die schlussendlich gelingt.
"Spaltung" (3/3)
Hat der "War on Terror" letztlich mehr Radikalisierung erzeugt als verhindert? Bilder aus Guantánamo, Bagdad und Kabul untergruben die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Einsätze und verstärkten die Spaltung, die Donald Trump für seinen eigenen Aufstieg nutzen konnte.
Die dritte Folge zeigt, wie sich nach dem anfänglichen Schock von 2001 politische und gesellschaftliche Brüche substanziell vertiefen – vom Aufstieg des Rechtspopulismus über die Erosion des Vertrauens in etablierte Medien bis zum Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan.
Kai Pfaffenbach ist 2001 einer der ersten deutschen Fotografen am Ground Zero und dokumentiert danach als Kriegsreporter Militäreinsätze in Afghanistan, Irak und weiteren gefährlichen Orten. 2014 wird seine enge Kollegin, die preisgekrönte Fotojournalistin Anja Niedringhaus, in Afghanistan ermordet. Wie der Journalist Claus Kleber berichtet Pfaffenbach über die Macht der Bilder im Kontext von 9/11 und danach.
Nicholas Gorki wird nach 9/11 geboren – sein Vater, ein junger Banker aus Iserlohn, starb im World Trade Center, bevor sein Sohn das Licht der Welt erblickte. Nicholas wächst in den USA bei der Mutter auf und beobachtet, wie seine Generation zunehmend politisiert wird.
Irfan Peci radikalisiert sich nach 9/11 im Internet, leitet als Jugendlicher von der Oberpfalz aus die deutschsprachige Propaganda eines al-Qaida-nahen Online-Netzwerks. Nach seiner späteren Verhaftung bricht der Sohn bosnischer Einwanderer mit der Ideologie, wird V-Mann des Verfassungsschutzes. Nach seiner Enttarnung taucht er unter. Heute tritt er als vehementer Islamkritiker auf.