37°Leben

Glaubt mir! Missbrauch in der Therapie

Der 26-jährige Max Leon erzählt seine Geschichte zum ersten Mal öffentlich: Als 7-Jähriger wurde er von seinem Therapeuten mehrfach schwer sexuell missbraucht. Nach fünf Jahren des Schweigens erstattete Max Leon Anzeige und es dauerte zehn Jahre, bis sein Peiniger verurteilt wurde.

Die Autorin der 37°Leben-Reportage, Stephanie Schmidt, steht für Interviews zur Verfügung.

 

Mediathek First

  • ZDF Mediathek, ut Ab Freitag, 10. November 2023, 08.00 Uhr, fünf Jahre lang verfügbar
  • ZDF, ut Sonntag, 12. November 2023, 09.03 Uhr

Texte

Stab

Buch und Regie: Stephanie Schmidt

Kamera/Ton: Frank Gollenbeck       

Schnitt: Steffen Dreyer

Redaktion: Katrin Müller-Walde

Redaktionsleiter: Jürgen Erbacher

Inhalt

Was als Glücksfall erschien, entpuppt sich als Katastrophe. Ein angesehener Therapeut missbraucht seinen 7-jährigen Patienten mehrfach schwer sexuell. Erst zehn Jahre später wird er verurteilt. Vor dem Hintergrund der Haftentlassung des Täters 2024, erzählt Max Leon zum ersten Mal öffentlich seine Geschichte. Er will verhindern, dass anderen geschieht, was ihm widerfahren ist, will aufklären: bei der Freiwilligen Feuerwehr, bei der Polizei und im ZDF. Der Film zeigt, wie sich das Leben von Max Leon, 26, verändert hat, wie er mit dem Erlebten in seiner Partnerschaft heute zurechtkommt und wie er verhindern will, dass sein Peiniger wieder therapieren kann. Als kleiner Junge hatte Max Leon Probleme beim Lesen und Schreiben. Nichts hilft und so denkt die Mutter, dass ein Psychologe vielleicht helfen könne. Als Max Leon sich im Verlaufe der "therapeutischen Sitzungen" veränderte, schöpfte sie Verdacht, konfrontierte den Kinder- und Jugendtherapeuten. Der bot ihr Geld.

Scham macht stumm

Von Stephanie Schmidt (ZDF-Redakteurin)

Der geschützte Rahmen einer Psychotherapie: Ein Ort, dem wir absolut vertrauen, und genau deshalb ist er so anfällig für Machtmissbrauch. Anne, Max Leons Mutter, hat schon hundertfach den Tag verflucht, als sie ihren Sohn zum Kinderpsychologen brachte, mit dem dankbaren Gefühl, dass sie einen Platz ergattert hat und ihr Sohn Hilfe bekommt. Max Leon hatte seit der Einschulung Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Ergotherapie, Logopädie und Üben hatten dem Siebenjährigen nicht geholfen. Damals rät auch die Schulpädagogin zu einer professionellen Unterstützung beim Kinderpsychologen. Dass damit der Albtraum beginnt, konnte niemand ahnen.

Der Kinderpsychologe Herr Heinz (Name von der Redaktion geändert), ein erfahrener Therapeut, auf seiner Internetseite präsentiert er sich mit lächelndem, fast großväterlichem Gesicht, hat Zeit für Max Leon und so kann er regelmäßig zur Therapie gehen. Das Lesen und Schreiben verbessert sich nicht, aber Max Leon verändert sich. Er ist verschlossener, will nicht über das reden, was in der Therapie passiert. Der Psychologe erklärt der Mutter, "dass es Zeit sei, sich abzunabeln, Max Leon müsse seinen eigenen Rahmen für Erfahrungen haben, sein Schweigen sei völlig normal." Es vergeht ein Jahr – Max Leon zieht sich immer mehr zurück.  Im Hausmüll entdeckt Anne plötzlich eingekotete Unterhosen. Sie ist entsetzt und macht sich Sorgen. Ihr Sohn hatte nie Probleme mit Einnässen oder Ähnlichem. Anne befürchtet, die Therapie tue Max Leon nicht gut, doch der Kinderpsychologe beruhigt: "Max Leon würde es sehr gut gehen. Er habe wohl gerade seine anale Phase." Dabei lächelt er süffisant. Einen Gesichtsausdruck, den Anne niemals vergessen wird, und wenn sie von dieser Zeit erzählt, kommen ihr immer wieder die Tränen. Hin und hergerissen zwischen der Intuition, dass etwas nicht stimmt, und der Angst, dass sie tatsächlich zu sehr klammern würde, eine Helikopter-Mutter sei, wie Herr Heinz ihr immer wieder ermahnend sagt. Die Warnlampen, wie sie selber beschreibt, seien erst angegangen, als Herr Heinz bei einem Besuch sagte: "Heute baden wir wieder." "Warum soll ein Kinderpsychologe ein Kind baden? Ich wusste plötzlich, hier kann etwas nicht stimmen. Dein Gefühl täuscht dich nicht." Anne bricht von heute auf morgen den Kontakt ab. Max Leon muss nicht mehr zur Therapie gehen – aber Max Leon schweigt. Wenn sie fragt, ob mehr als nur das Baden gewesen sei, wird er aggressiv und schreit sie an. Es dauert fünf Jahre bis Max Leon an dem Gefühl von Scham und Schuld fast zerbricht und sich seiner Mutter endlich anvertraut. In den fünf Jahren hat er sich verändert, er ist 13 Jahre alt, und er hat im Wald ein Versteck für Waffen gebaut, wechselte die Straßenseite, wenn ältere Männer ihm entgegenkommen und wird in der Schule immer schlechter. Sein Leben, wie er heute sagt, bestand aus Angst. Angst, dass Herr Heinz zurückkommt.

Max Leon kann sich an diese Zeit noch erinnern, aber nur in Fragmenten. Eine erfolgreiche Traumatherapie hat ihm viele Jahre später geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Fast nüchtern schildert er den Moment, als er in der Therapie bei Herrn Heinz erkennt, dass etwas nicht stimmt. "Ich durfte immer Videospiele spielen, die Zuhause verboten waren. Dabei musste ich mich auf den Schoß des Therapeuten setzen. Eines Tages spürte ich am Rücken etwas Feuchtes und drehte mich um. Herr Heinz hatte sein Genital in der Hand und rieb es an mir." Als Max Leon später Herrn Heinz bat, damit aufzuhören, sagte der Kinderpsychologe, dass die Römer und die alten Griechen solche Dinge auch gemacht hätten. Dass es völlig normal sei. Ein konfuses Gefühl von Scham und Überforderung entsteht in Max Leon. Zu der Zeit liebte er alles, was mit Schwertern und Schildern zu tun hatte. Die Römer, das sind seine großen Vorbilder. Aber das, was Herr Heinz zwei Jahre mit ihm macht, hat so gar nichts mit dem zu tun, was er sich darunter vorgestellt hat. Max Leon fängt an, sich zu wehren. Herr Heinz weiß sich durchzusetzen – auch mit Gewalt. Sprechen kann und will Max Leon mit keinem darüber. Er kann nicht in Worte fassen, was er erlebt. Später im Prozess werden Abläufe deutlich. Eine Badewanne, in der Max Leon den Kinderpsychologen befriedigen musste und dabei Sexspielzeug in den After geschoben bekam. Ein grauer Teppich, an den Max Leon sich immer noch erinnert, weil er, beim Missbrauch auf dem Boden, notgedrungen darauf schauen musste – immer wieder. 

Als Max Leon endlich sein Schweigen bricht und mit dem Kinderschutznotdienst über das Erlebte spricht, geht alles recht schnell. 2010 erfolgt eine Anzeige, und es kommt zum Prozess. Alles scheint ganz klar. Herr Heinz hatte Max Leons Mutter, nachdem sie ihn zur Rede gestellt hatte, schriftlich Geld angeboten. 200 Euro monatlich. Er hätte Max Leon niemals weh tun wollen. Für die Staatsanwaltschaft und den Richter eine klare Sache – so klar, dass sie auf die Glaubwürdigkeitsbegutachtung von Max Leon verzichten und Herrn Heinz 2012 verurteilen. Doch der juristische Albtraum geht weiter: Herr Heinz klagt vor dem BGH und bekommt Recht. Max Leon hätte in seiner Glaubwürdigkeit begutachtet werden müssen. Das Urteil geht zurück an das zuständige Landgericht in Saarbrücken und der Prozess beginnt erneut.

Zehn Jahre vergehen. Der Kinderpsychologe zieht das Verfahren in die Länge und erscheint nicht bei Gericht, lässt sich Verhandlungsunfähigkeit attestieren oder hält sich in einer Privatklinik auf. Seine Gutachten werden von namhaften saarländischen Psychotherapeuten ausgestellt. Eine Überprüfung der Atteste erfolgt lange Zeit nicht. Währenddessen bedeuten die Verhandlungstage für Max Leon eine weitere Traumatisierung. "Ich habe mich tagelang auf den Moment vorbereitet, dass ich über diesen Albtraum reden muss. Und auch noch vielleicht demjenigen gegenüberstehe, der ihn ausgelöst hat". Immer wieder erscheint Max Leon vor Gericht, zitternd, mit den Nerven am Ende, um erst im Gerichtssaal zu erfahren, dass der Täter wieder nicht erschienen ist. Max Leon fühlt sich in dieser Zeit wie der Täter und nicht wie das Opfer. "Ich durfte lange keine Therapie machen, um das Trauma zu verarbeiten, damit meine Aussage nicht verfälscht wird. In dieser Zeit habe ich meine Pubertät durchlebt. Von mir wurde verlässliches Erscheinen gefordert und gleichzeitig musste ich erleben, wie der Täter sich einfach aus der Verantwortung zieht und währenddessen noch weiter auf freiem Fuß ist und wahrscheinlich arbeitet." Das Verfahren zieht sich weiter. Mit allem, was dazu gehört. "Ich musste in der lokalen Zeitung lesen, dass ich schizophren sei, vor Gericht wurde von der Verteidigung behauptet, dass meine Mutter ein Verhältnis mit Herrn Heinz eingehen wollte und weitere schlimme Sachen. Es war ein zweiter Missbrauch." 2020 hat die Zermürbung ihren Höhepunkt erreicht, Anne ist kurz davor aufzugeben. Max Leon hat zuvor Selbstmordgedanken geäußert, und seine Mutter Anne befürchtet, dieser Spirale niemals entkommen zu können und sogar Prozesskosten tragen zu müssen. Finanziell ist sie am Ende und nervlich auch. Von Max Leons neuer Therapeutin erfährt sie vom Ethikverein, der einzigen Anlaufstelle, die sich in Deutschland um Opfer von Missbrauch in der Therapie kümmert. Dr. Andrea Schleu hat ihn vor vielen Jahren gegründet. Damals ist sie Ombudsfrau in der kassenärztlichen Vereinigung  nd stellt fest, dass es in der Psychotherapie eine Leerstelle in der Betreuung von Missbrauchsfällen gibt. Wer in Deutschland in einer Psychotherapie "Grenzverletzungen" erlebt, hat keine Anlaufstelle. Es sind keine Einzelfälle, aber sie fallen bis dahin durchs Raster. "Das einzige Forschungsgutachten zu dem Thema stammt von 1995, und wenn man die Zahlen von damals hochrechnet, kommen wir inzwischen auf ca. 1.400 Fälle pro Jahr. Doch diese Fälle sind mit sehr viel Scham verbunden, und Scham macht stumm. Die juristische Aufarbeitung ist schwierig. Nur vier Fälle schaffen es jährlich, vor Gericht verhandelt zu werden – die meisten Fälle werden wegen mangelndem öffentlichen Interesses eingestellt", so Dr. Andrea Schleu.

Der Fall von Max Leon erhält durch die Unterstützung vom Ethikverein eine neue Wendung. Der gemeinnütze Verein berät kostenlos und anonym. Seit vielen Jahren engagiert sich auch Prof. Christian Laue dort. Der Rechtsanwalt lehrt außerdem am Heidelberger Institut für Kriminologie und kümmert sich oft strafrechtlich um die Vertretung von Missbrauchsopfern in der Therapie. Für Anne und Max Leon beginnt sich die Geschichte zu drehen: "Wir würden heute noch vor Gericht stehen, und vielleicht klingt es pathetisch, aber Herr Laue war eine Art Held für uns." Anne erinnert sich noch gut an die ersten Telefonate mit dem Ethikverein und die Erleichterung, dass ihre Gesprächspartner verstehen, was ihr Sohn durchgemacht hat und, dass es anderen Menschen vor Gericht anscheinend ähnlich ergeht. Missbrauch in einem geschützten Raum, der Vertrauen voraussetzt, immer zu zweit stattfindet, ist schwer zu beweisen. Andrea Schleu kennt viele Beispiele: "Es steht immer Aussage gegen Aussage. Wie will jemand einen Missbrauch beweisen? Der Täter behauptet, sein Patient sei krank, bilde sich das ein. So war es auch bei Max Leon."

Dass Schizophrenie erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden kann und Max Leon wegen Schulproblemen in Behandlung war, interessiert vor Gericht niemanden. Doch Prof. Christian Laue lässt die Urteilsunfähigkeit von Herrn Heinz überprüfen.  Sie hält gleich der ersten Überprüfung nicht stand. Herr Heinz muss sich dem Verfahren stellen und wird aus einer Privatklinik heraus in Polizeigewahrsam genommen. Zusätzlich meldet sich ein weiteres Opfer. Ein Junge, der bereits 30 Jahre zuvor Opfer von Herrn Heinz wurde. Die Mutter war damals zu einer Beratungsstelle gegangen und man hatte ihr gesagt: "So ein angesehener Kinderpsychologe, der vergeht sich doch nicht an Kindern." Als sie in der Zeitung von Max Leons Geschichte liest, weiß sie, dass sie dieses Mal nicht schweigen wird und meldet sich als Zeugin.

Wie sicher sich Herr Heinz gefühlt haben muss, ist daran erkennbar, dass er 2019 ein Buch im Eigenverlag veröffentlicht. Zu einem Zeitpunkt, als ihm namhafte Gutachter eine Verhandlungsunfähigkeit attestierten und das Bild eines völlig instabilen Mannes zeichneten. Anne entdeckt eines Abends dieses Buch im Internet. Es ist eine Streitschrift für die Pädophilie, die Kindesmissbrauch gutheißt und sogar als Ablösungshilfe von der Mutter beschrieben wird. Prof. Laue ist sich sicher: "Dieses Buch war eine große Hilfe. Damit konnte die Staatsanwaltschaft endgültig belegen, dass Herr Heinz ein überzeugter Pädophiler ist."

Im Dezember 2020 wird in Saarbrücken das Urteil gefällt. Herr Heinz wird wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Für Anne ein unglaublicher Moment. "Wir waren dankbar. Auch wenn uns das Strafmaß als zu niedrig erschien, aber es war ein Riesenbrocken, der von unseren Schultern fiel." Auch für Max Leon hatte der Schuldspruch etwas Befreiendes. "Ich hatte bis dahin nie etwas in der Hand, denn in Deutschland heißt es 'Im Zweifel für den Angeklagten'. Und bis dahin hatte ich in meinem privaten Umfeld kaum über diesen Missbrauch geredet, weil immer die Angst mitschwang, dass man mir nicht glaubt."

Doch die Geschichte hört hier nicht auf. Ein Gedanke lässt Max Leon keine Ruhe: Hat Herr Heinz seine Approbation verloren oder darf er weiter therapieren? Im Urteil steht nur etwas von einem Berufsverbot von fünf Jahren. Laut Ethikverein und wissenschaftlicher Literatur werden 80 Prozent der Täter zu Wiederholungstätern. Dieser Gedanke lässt Max Leon keine Ruhe. Er schreibt Briefe an das Landesamt für Soziales und die saarländische Psychotherapeutenkammer. Sie bleiben weitestgehend unbeantwortet. Manchmal wird ihm geschrieben, dass der Datenschutz eine Auskunft verhindere. Für Max Leon eine kaum auszuhaltende Vorstellung, dass der Täter bald wieder therapieren könnte. 2024 hat er seine Strafe abgesessen.

Missbrauch in der Therapie ist ein Tabu. Das erkennt auch das ZDF. Die Redaktion beginnt im Februar 2023 mit der Recherche zu Max Leons Geschichte. Schnell ist klar, dass er mit diesem Film die Flucht nach vorne antreten muss. Max Leon ist inzwischen 26 Jahre alt, macht eine Ausbildung zum IT-Fachmann, engagiert sich in der freiwilligen Feuerwehr und hat seit zwei Jahren eine feste Freundin. Seinen Missbrauch hat er, bis zu den Dreharbeiten, in seinem privaten Umfeld nicht thematisiert. Der Film "Glaubt mir! Missbrauch in der Therapie" erzählt von seiner Geschichte und begleitet ihn in den Momenten der Offenlegung.

Interview mit der Autorin Stephanie Schmidt

Wie sind Sie auf das Thema gekommen? 

Bei einem Filmdreh über "Gewalt an Frauen" hatte ich Kontakt zu einem Verein in Saarbrücken, dem Max Mutter angehörte. Während eines Gesprächs fragte ich sie, warum sie sich dort im Verein engagiere. Sie sagte: "Das erzähle ich mal in Ruhe". Als mein Film fertiggestellt war und im ZDF gezeigt wurde, habe ich sie angerufen. Im ersten Moment war ich sprachlos, als ich von Max Schicksal erfuhr und wusste gleichzeitig, dass ich diesen Fall unbedingt erzählen muss. 
 

Wie schwierig war die Recherche? 

Allgemein herrscht beim Thema Missbrauch großes Schweigen. Das war eine enorme Herausforderung. Die Recherche war anspruchsvoll, da Max seinen Missbrauch in seinem eigenen Umfeld noch nicht öffentlich gemacht hatte. Die Fallhöhe war hoch; die Angst, ihn zu überfordern auch. So kam es zu den sehr emotionalen Szenen. Seine Kameraden bei der Feuerwehr wussten bislang nichts von der Vergangenheit, und ich wollte zunächst nur Porträtbilder mit ihm drehen. Aber es war klar, das Fragen kommen würden, warum wir den Film machen. Max selbst war bereit, sein Schweigen zu brechen. Mir war klar, dass ich diesen Moment authentisch begleiten möchte und hatte dazu sein Einverständnis. 
 

Welche Herausforderungen haben sich in diesem konkreten Fall gestellt?  

Ich musste mit Max an einen Ort zurückkehren, den er durch seine erfolgreiche Traumatherapie hinter sich gelassen hatte. Das heißt: Es war immer eine Gratwanderung, wie tief ich bei den Fragen einsteige, denn ich wollte Max auf gar keinen Fall retraumatisieren. Ich habe deshalb ein langes Vorbereitungsgespräch mit seiner Therapeutin geführt. Dabei ging es zunächst darum, sie von dem Projekt zu überzeugen. Therapie ist ein geschützter Raum, die Schweigepflicht muss gewahrt werden, und trotzdem konnte ich durch das Gespräch ein Gefühl dafür bekommen, was "Trigger-Momente" sein könnten. All die inneren Ansprüche, die ich sonst bei Interviews habe, besonders nah zu kommen oder tief zu gehen, musste ich in Balance halten. Mein Eindruck ist aber, dass Max sich in unseren Gesprächen sicher gefühlt hat. 
 

Wie haben Sie Zugang zum Protagonisten gefunden?  

Wir haben viele Telefongespräche geführt, dabei war mir Transparenz wichtig. Ich habe ihn bei jedem meiner Gedankengänge "mitgenommen" – von Gestaltungselementen bis zur Musik – da ich weiß, dass Missbrauchsopfer massiven Kontrollverlust erlebt haben und ihnen deshalb das Gefühl von Kontrolle besonders wichtig ist. Zu Beginn des Drehs hat Max mir noch nicht vollständig vertraut. Irgendwann fragte er mich, ob ich für so ein Projekt eine Provision bekomme oder warum ich das mache. Und ich antworte: "Ich bekomme immer das gleiche Gehalt. Ich mache diesen Film, weil mir das Thema am Herzen liegt und es im ZDF noch nie einen Film über Missbrauch in der Therapie gab." Danach habe ich eine andere Nähe gespürt. 
 

Welche Herausforderungen brachte die Realisierung des Filmes mit sich? 

Missbrauch in der Therapie ist ein Tabu. Es galt herauszuarbeiten, dass der geschützte Rahmen einer Therapie auch die Gefahr einer Grenzverletzung in sich trägt, Psychotherapeuten in der Regel aber einen guten Job machen. Trotzdem gibt es pro Jahr ca. 1000 Fälle in Deutschland, die von Hilfsorganisationen gezählt werden. Max zeigt durch seine Geschichte genau diese beiden Seiten. Er hat durch seinen Kinderpsychologen schwere sexuelle Gewalt erlebt, konnte diesen Missbrauch aber durch seine Traumatherapie erfolgreich hinter sich lassen. Zusätzlich hat er ein juristisches Debakel erlebt, seine gesamte Kindheit "vor Gericht" verbracht. Aber Max ist kein gebrochener Mensch, sondern glaubt an den Rechtsstaat und engagiert sich ehrenamtlich in der Feuerwehr. 
 

Welche juristischen Einschränkungen waren im Vorfeld der Dreharbeiten zu berücksichtigen? 

Wir haben eng mit dem ZDF-Justitiariat zusammengearbeitet. Hier wurde schnell klar, dass die Entlassung des Täters aus dem Gefängnis eine Rolle spielt, da der Rechtstaat dem Täter Anspruch auf Resozialisierung zugesteht. Die Besonderheit war also, die Geschichte in aller Schonungslosigkeit zu erzählen und dennoch daran zu denken, dass auch Täter Anspruch auf Rehabilitierung haben. Da der Kinderpsychologe aber Bücher über Pädophilie geschrieben hat, in denen er Missbrauch mit Kindern gutheißt, erscheint mir persönlich eine Resozialisierung fraglich.  
 

Was ist Ihre eindrücklichste Erkenntnis, die Sie aus der Arbeit an dem Film gezogen haben? Was haben Sie gelernt?  

Nichts ist für Opfer schlimmer als der wiederkehrende Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Und dennoch handelt die Gesellschaft oft genau in diesem Reflex. Im Zweifel für den Angeklagten. Max musste über zehn Jahre lang immer wieder vor Gericht erscheinen und hat dort erfahren, dass mutmaßliche Täter sich verhandlungsunfähig schreiben lassen können, Gutachten nicht angezweifelt werden. Von Max wurde dagegen erwartet, dass er keine Therapie macht, damit seine Aussage nicht beeinflusst wird. Diese Ungerechtigkeit erscheint mir als Fehler im System.  

Was mich auch sehr berührt hat, war eine Szene im Interview mit der Mutter, die sich bei vielen Antworten immer nur verteidigt hat. Dies veranlasste mich zu der Frage, warum sie das macht, ob sie sich schuldig fühlt. Mir war dieser Gedanke vorab nicht gekommen, da für mich nur der Täter schuldig ist. Frau Buder ist bei dieser Nachfrage zusammengebrochen. Schuld spielt bei diesem Thema eine große Rolle, fatalerweise eher auf der Opferseite. Auch in diesem Fall: Der Kinderpsychologe zeigt bislang kein Zeichen der Reue oder Einsicht, sondern sieht sich selbst als Opfer. Das ging aus seiner schriftlichen Stellungnahme hervor, die er auf Anfrage, schickte. 
 

Inwiefern hat die Arbeit an diesem Film Sie verändert? 

Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig. Täter können sich vernetzen und Strategien entwickeln, um Opfer juristisch zu zermürben. Diese Erkenntnis hat mein grundsätzliches Vertrauen in die Aufklärungsfähigkeit unseres Justizsystems erschüttert. Jeder, der Missbrauch erlebt, sollte sich genau überlegen, ob er den Kampf der Aufklärung übersteht, ob er genügend Menschen an der Seite hat, die ihm glauben, ob er die finanziellen und inneren Ressourcen dafür hat.  
 

Was, glauben Sie, ist das wichtigste Ergebnis Ihrer Arbeit an dem Film? 

Max konnte sich in diesem Film vom Opfer zum Ankläger entwickeln. Er hat sein Schweigen gebrochen und zeigt sich sogar vor der Kamera. Prof. Dr. Christian Laue vom Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg sagte: "Max kann sich durch diesen Film emanzipieren und endlich aus der Opferrolle befreien. Er gibt dem Thema ein Gesicht." Gleichzeitig wirke er nicht verbittert, sondern gehe seinen Weg, engagiere sich für unsere Gesellschaft, obwohl sie ihn zum Teil im Stich gelassen habe. Diese besondere Art des Vergebens halte ich für ein wichtiges Signal. Es gibt anderen hoffentlich den Mut, einen Kampf durchzustehen im Wissen, nicht allein zu sein. Max weiß jetzt endlich, dass man ihm glaubt. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis. 

 

Die Fragen stellte ZDF-Redakteurin Katrin Müller-Walde 

Hintergrundinformationen

Warum ist der Film "Glaubt mir! Missbrauch in der Therapie" entstanden? 

Immer wieder erleben wir, dass Missbrauchsopfer in ihren Aussagen hinterfragt werden. Dabei ist bekannt, dass die meisten lange schweigen oder gar nicht zur Polizei gehen. Die Glaubwürdigkeit von Opfern wird bei Gericht oft mit einer "Begutachtung" überprüft. Dies nutzen Täter und ihre Anwälte aus. Die psychische Erkrankung ist ein nicht selten gewähltes Mittel, um die Glaubwürdigkeit der Opfer in Frage zu stellen. Beide Mütter im Film haben diese Erfahrung gemacht. Max musste als 13-Jähriger in der örtlichen Presse lesen, dass er angeblich wegen einer schizophrenen Erkrankung in Behandlung war und von der Verteidigung des Täters hören, dass seine Mutter ein Verhältnis mit dem Therapeuten eingehen wolle. Er selbst sagt, dass er durch das Verfahren einen weiteren Missbrauch erlebt habe. Seit er sieben Jahre alt war, lebte er in einer Art Sprachlosigkeit. Sein Schweigen hat er erst mit dem Film gebrochen. Seine eindringlichste Bitte – stellvertretend für viele andere: "Glaubt mir!" 

 

Handelt es sich um einen Einzelfall? 

Wir stolpern über Artikel wie: "Kinderpsychologe in Heidelberg verurteilt.", "JVA Therapeutin hatte Sex mit Inhaftierten.", "Psychiater bekommt Kinder mit ehemaliger Patientin." – ohne das gemeinsame Thema dieser einzelnen Geschichten zu erkennen. All diese Fälle sind Grenzverletzungen in der Psychotherapie, und es sind nur die spektakulären. Gerade weil es ein Machtgefälle in jeder "Patient-Therapeut-Konstellation" gibt, gilt das Ausnutzen dieses Gefälles als Grenzverletzung, als Berufspflichtverletzung. Damit wird der "geschützte Therapie-Raum" verletzt und zerstört. Aber die Situation zu zweit bietet dem Täter die Möglichkeit des Missbrauchs. Das Wissen um eingeschränkte Transparenz und eine geringe juristische Aufarbeitungsquote erleichtert Tätern das Handeln. Dabei ist besonders eklatant, dass es im Zweifel berufspolitisch kaum Konsequenzen gibt. Täter wechseln den Wohnort oder bieten nur noch privat Therapien für Selbstzahler an. So wie in der Geschichte von Max. Der Täter, aktuell noch in Haft, wirbt nach wie vor für sich im Netz. Hinzu kommt: Patienten und Patientinnen haben wenig Möglichkeiten, die Qualität von Therapeuten zu überprüfen. Schon die vielen unterschiedlichen Berufsbezeichnungen sorgen für Verwirrung und generell herrscht der Irrglaube, Psychotherapeuten, Dipl. Psychologen, Heilpraktiker in Psychotherapie würden nach professionellen Standards überprüft. Das ist aber oft nicht der Fall.   

 

Was Missbrauch in der Therapie für ein Leben bedeutet … 

Der Ethikverein schätzt, dass 80 Prozent der in der Therapie geschädigten Patienten und Patientinnen eine Folgetherapie suchen. 10 Prozent werden durch die Schädigung stationär behandlungsbedürftig. Nicht mitgerechnet: der Ausfall von Lebensarbeitszeit, Ausgaben für Sozialleistungen, verminderte Rentenzahlungen wegen Frühverrentung, Schädigung des sozialen Umfelds der Patienten und Patientinnen. Die Kosten für eine Folgetherapie liegen fast doppelt so hoch wie die der ersten missbräuchlichen Therapie, die Zweittherapien dauern in der Regel doppelt so lang. Betroffene berichten häufig von Schuld- und Schamgefühlen. 

 

Wie viele Fälle gibt es? 

Der Ethikverein, die einzige Anlaufstelle in Deutschland für Missbrauchsopfer in der Psychotherapie, geht 2022 von 1.400 geschädigten Patienten und Patientinnen aus. Die Anzahl der Beratungsanfragen nehme zu. 28 Prozent betreffen sexuellen Missbrauch in der Psychotherapie. Die Dunkelziffer gerade im Bereich Kinder- und Jugendtherapie dürfte aber deutlich höher angesetzt werden. Hier spricht die Vorsitzende des Ethikvereins, Dr. Andrea Schleu, von einem Verhältnis 1:10. 

Die Folgekosten von sexuellem Missbrauch in der Therapie wurden vom Verein 2021 mit ca. 115 Millionen Euro beziffert. 

 

Was sagt der Fall über deutsche Gesetze…? 

Seit 1998 ist sexueller Missbrauch in Therapie und Beratung in Deutschland unter Strafe gestellt. Ausgangspunkt war ein Forschungsgutachten, das 1995 von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde. Derzeit landen laut Ethikverein durchschnittlich vier Fälle pro Jahr vor Gericht. Die meisten Fälle, so Dr. Andrea Schleu, werden nach § 153 a Strafprozessordnung eingestellt – wegen "Geringfügigkeit oder mangelndem öffentlichen Interesse".  

Vor Gericht erleben Opfer nicht selten eine Opfer-Täter-Umkehr, gefühlt wird den Tätern und Täterinnen mehr Schutz durch Gesetze geboten als den Geschädigten. Auch Max fühlte sich wie ein Täter. Er durfte lange Zeit keine Traumatherapie machen, damit seine Aussage vor Gericht nicht verfälscht werde, so die Argumentation der Strafverteidiger. Gleichzeitig erlebte er, dass der Täter sich mit Gefälligkeitsgutachten krankschreiben lassen konnte und vor Gericht nicht erschien. Für Geschädigte bedeutet das erneut eine große Ohnmacht, denn von ihnen wird über Jahre Ausdauer, pünktliches Erscheinen und Glaubwürdigkeit gefordert.  

 

Quellen/ Literatur:  
Umgang mit Grenzverletzungen, Professionelle Standards und ethische Fragen in der Psychotherapie, Springer Verlag, 2021 
Ethikverein 

Zitate

Max Leon (26)

 "Unterschwellig hab ich meiner Mutter teilweise die Schuld gegeben, und das tut mir bis heute leid. Denn meine Mutter hat so viel geopfert für mich. Kein normaler Mensch würde sein Kind in die Arme so eines Monsters geben. Er hat als Psychologe ganz klar gewusst, welche  Folgen das für mich hat. Aber er hat es trotzdem gemacht"

"Er hat auch darauf abgezielt, dass meine Familie unter diesem Rechtsstreit zerbricht. Jedes Mal im Gerichtssaal, habe ich gezittert, und ich wollte mich natürlich nicht mehr daran erinnern, und ich wollte auch nicht mehr da rein. Aber ich musste natürlich, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Als Kind und Pubertierender in der Verfahrenszeit habe ich mich wie ein Täter gefüllt."

 

Anne (Max Leons Mutter)

"Ich habe die Schuld bei mir gesucht –  warum ich das nicht verhindern konnte. Ich hätte es meinem Kind gerne erspart. Aber ich habe nicht gedacht, dass so etwas passieren kann. Ja, bis heute trage ich diese Schuldfrage in mir.“

 

Prof. Christian Laue (Uni Heidelberg für Strafrecht und Kriminologie):

"Als ich Max zum ersten Mal begegnet bin, war mir schon klar dass das ein besonders schwieriger Fall sein wird. Ihm wurde besonders massive Gewalt angetan, und er wurde noch mal extrem belastet durch diese lange Verfahrensdauer."

 

Dr. Andrea Schleu (Ethikverein e.V. – Ethik in der Psychotherapie, Essen)

"Es kann sich niemand vorstellen, dass gerade an der Stelle, wo man Hilfe sucht, das Gegenteil passiert, nämlich Machtmissbrauch. Das, was Max Leon passiert ist, ist leider wirklich kein Einzelfall."

 

Weiteres Opfer des Kinderpsychologen

"In dieser Situation habe ich mich dann irgendwann überwunden., auf meine Mutter zuzugehen und ihr zu sagen, ich möchte nicht, dass Herr Heinz (Name von der Redaktion geändert) seinen Penis in meinen Popo steckt. Ich möchte das nicht mehr. In diesem Moment hat mich meine Mutter angeschaut und Gott sei Dank hat sie mir geglaubt. Sie hat sofort den Kontakt abgebrochen, und ab diesem Tag musste ich nicht mehr zurück in diese Hölle

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