Die Kinder von Lügde – Alle haben weggesehen

Vierteilige ZDFinfo-Dokureihe

Der "Fall Lügde" war eine jener überregionalen Nachrichten aus den Jahren 2018 und 2019, die sich in das öffentliche Bewusstsein gebrannt haben: Mutmaßlich zwei Haupttäter verübten auf einem Campingplatz in Lügde im Weserbergland über zwanzig Jahre lang ungestört sexuelle Verbrechen an mindestens 32 Kindern. Wieso sah niemand hin? Die Dokureihe versucht in vier Folgen herauszufinden, wie es möglich war, dass so viele Menschen weggesehen haben: auf dem Campingplatz, im Ort, bei den Jugendämtern, bei der Polizei.

  • ZDF info, Freitag, 18. November 2022, ab 20.15 Uhr, vier Folgen
  • ZDF Mediathek, alle Folgen ab Mittwoch, 16. November 2022, 5.00 Uhr, zwei Jahre lang

Texte

Sendetermine und Stab

ZDFinfo: Freitag, 18. November 2022, ab 20.15 Uhr, vier Folgen
ZDFmediathek: alle Folgen ab 16. November 2022, 5.00 Uhr, zwei Jahre lang
Die Kinder von Lügde – Alle haben weggesehen

20.15 Uhr: Der Campingplatz-Animateur (1/4)
21.00 Uhr: Blinde Wächter (2/4)
21.45 Uhr: Kein Freund und Helfer (3/4)
22.30 Uhr: Ein Leben lang (4/4)

Buch/Regie
Lisa-Marie Schnell (1/4), Volker Wasmuth und Tabea Mirbach (2), Patrick Zeilhofer (3)
Kamera
André Götzmann, Michael Haesters, Philip Koepsell, Julian Krätzig, Dennis Mätzig
Illustrationen
Mona Eing, Michael Meißner
Schnitt
Vasco Frontzek, Tobias Adams, Mattin Ott
Executive Producerin
Kirsten Hoehne
Produzent
Robert Wortmann; SPIEGEL TV
Redaktion
Christian Liffers
Sendelänge
4 x 45 Minuten

Über die Dokureihe

Der "Fall Lügde" war eine jener überregionalen Nachrichten aus den Jahren 2018 und 2019, die sich in das öffentliche Bewusstsein gebrannt haben. Mutmaßlich zwei Haupttäter verübten auf einem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen, einem beschaulichen Ort im Weserbergland,  zwanzig Jahre lang ungestört sexuelle Verbrechen an mindestens 32 Kindern. Andere nahmen regelmäßig via Livestream teil. Die Polizei stellt etwa 14 Terabyte an Missbrauchsbildmaterialien sicher. Trotz Hinweisen auf die Täter ans Jugendamt durch eine Angestellte des Jobcenters, Mitarbeiter des Kindergartens, eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes sowie besorgte Bekannte, wurde diesen Hinweisen nicht nachgegangen, die Polizei von den Ämtern nicht eingeschaltet. Die Mutter eines Opfers zeigt den Haupttäter 2018 schließlich wegen wiederholten Missbrauchs ihrer Tochter an und brachte so den Fall ins Rollen. Nach der Verhaftung im Dezember 2018 werden die geständigen Täter im September 2019 zügig verurteilt. Während der Nachforschungen kommt es jedoch zu zahlreichen Ermittlungspannen der Polizei, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind. Die Täter sitzen derzeit ihre langjährigen Haftstrafen ab. Sie erwartet im Anschluss die Sicherheitsverwahrung.

Die Dokureihe "Die Kinder von Lügde – Alle haben weggesehen" versucht in vier Folgen herauszufinden, wie es möglich war, dass so viele Menschen weggesehen haben: auf dem Campingplatz, im Ort, bei den Jugendämtern, bei der Polizei.

Der erste Teil schildert das Umfeld des Haupttäters. Der zweite Film widmet sich den staatlichen Institutionen und Einrichtungen und fragt nach, warum sie seine Taten nicht verhindert haben. Der dritte Teil beleuchtet die Rolle der Polizei und Ermittler, die offenbar schlampig gearbeitet haben. Der vierte Teil begleitet die Urteilsfindung vor Gericht und  den parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Er kehrt zu den Menschen des ersten Teils zurück, zu den Familien der Überlebenden und zum Schauplatz der Taten und fragt, inwieweit die Gesellschaft ihren Teil dazu beigetragen hat, dass dieser Missbrauch Jahrzehnte lang möglich war.

Inhalt

Der Campingplatz-Animateur (1/4)
In der Stadt Lügde in Nordrhein-Westfalen herrscht Fassungslosigkeit, als bekannt wird, dass im Ort seit Jahren zwei Männer mindestens 32 Kindern im großen Stil sexualisierte Geawlt angetan haben sollen. Die Opfer: Kinder zwischen vier und 13 Jahren.
Der Tatort: ein unscheinbarer Campingplatz im Ortsteil Elbrinxen von Lügde.
Dort wohnt der Haupttäter Andreas V. in einem Campingwagen, umbaut mit Holzbaracken. Auf der Parzelle türmt sich Gerümpel, im Inneren stapeln sich Müll, Schrott und dreckige Wäsche. An den Wänden hängen zahlreiche Bilder – gemalt von Kindern.
Tatsächlich ist der Campingplatz für die Kinder äußerlich eine Oase des Glücks. Andreas V. kauft ein Quad, mit dem er mit den Kindern über den Campingplatz braust. Er veranstaltet für die Kinder Lagerfeuer mit Stockbrot, organisiert Ausflüge, besucht mit ihnen das nahe gelegene Schwimmbad.

Blinde Wächter (2/4)
Andreas V. ist glücklich: Das Jugendamt Hameln-Pyrmont hat ihm die Pflegschaft für ein sechsjähriges Mädchen übertragen. Nach neun Monaten Eignungsprüfung ist er nun endlich Papa, verkündet er fröhlich. Auf dem Campingplatz wundert man sich darüber, dass ein 56-jähriger, arbeitsloser Mann, der in einem Campingwagen mit Holzverschlag lebt, von Amtswegen die Fürsorge für ein Kind bekommt. Doch man weiß auch: Das Amt hat alles geprüft, auch die Wohnverhältnisse auf dem Campingplatz. Alles wird seine Richtigkeit haben, vor allem auch, weil die leibliche Mutter des Mädchens Andreas V. als Pflegevater vorgeschlagen hat.
Tatsächlich prüft das Jugendamt Hameln-Pyrmont die Pflegeeigenschaften von Andreas V., schaut in das Leben des 56-jährigen Arbeitslosen. Die vermüllte Behausung auf dem Camping-Platz fällt auf. Doch später wird der Leiter des Jugendamts aussagen, dass das Jugendamt täglich noch schlechtere Wohnbedingungen sieht. Entscheidend sei auch nicht das Wohnumfeld, sondern die Beziehung von Pflegevater und Kind. Das Verhältnis sei sehr gut gewesen. Die Kleine fühlte sich bei Andreas V. sichtlich wohl und nannte ihn ohnehin schon Papa.
Eine Sonderermittlerin bringt im Untersuchungsausschuss auf den Punkt, was die Verantwortlichen von sich weisen: Es gab mindestens vier Hinweise darauf, dass Andreas V. völlig ungeeignet als Pflegevater sei. Vor allem, weil nicht nur aktuell Hinweise auf Pädophilie vorlagen. Beim Jugendamt wusste man nachweislich von der sexuellen Störung von Andreas V. Die Staatsanwaltschaft entdeckt, dass der Verdacht in einem sogenannten Genogramm über Andreas V. beim Jugendamt bereits aufgenommen wurde. Dieses Genogramm wurde gelöscht, als der Missbrauch aufflog. Weitere Akten manipuliert. Das eigene Versagen sollte vertuscht werden.

Kein Freund und Helfer (3/4)
Der Täter Andreas V, ist dingfest gemacht, alle Opfer sind befreit. Wo herkömmliche Kriminalerzählungen enden, beginnt dieser Fall eigentlich erst richtig – und wie in den Folgen zuvor, mit unbegreiflichem Behördenversagen.
Es sind zwar keine Minderjährigen mehr in unmittelbarer Gefahr, doch nun zeigt sich, dass Kindesmissbrauch auch in der Strafermittlung ein blinder Fleck ist. Eine Mischung aus Amateurhaftigkeit, Nachlässigkeit und Kompetenzgerangel hinterlässt den fatalen Eindruck, dass Pädophile wie Andreas V. leichtes Spiel haben. Man hätte Ansätze für viele weitere Ermittlungen gehabt – nur ist eine Behörde, die Beweismittel entweder nicht ernst nimmt, übersieht, verschlampt und möglicherweise auch vorsätzlich wegschafft, augenscheinlich nicht in der Lage, der Pädophilie die Stirn zu bieten.
Die Polizei scheint Hinweise auf Andreas V. auf ganzer Linie zu ignorieren. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul fällt schon im Februar 2019 sein Urteil über die Kreispolizei in Lippe: "Das wäre selbst meiner Oma aufgefallen, dass auf dem Campingplatz was nicht stimmt."
Bereits am Tag der Verhaftung im Dezember 2018 stellt die Polizei bei Andreas V. über 150 Datenträger in einem Aluminiumkoffer sicher. Ein junger Polizeianwärter bei der Kreispolizei Lippe wird beauftragt, die Beweismittel zu sichern. Unklar ist bis heute, wer ihm den Auftrag dazu gegeben hat. Der Student sichtet die 155 DVDs und CDs in wenigen Stunden und kopiert davon ganze drei Datenträger. Danach beachtet er den Koffer nicht mehr.
Bis am 30.Januar 2019, dem Tag der Bekanntgabe des Missbrauchsfalls, plötzlich von dem Koffer jede Spur fehlt. Er ist weder im Büro, wo ihn der Polizeianwärter kurz vor Weihnachten abgestellt hat, noch in der Asservatenkammer, wo er eigentlich hingehört. Der Koffer ist weg und taucht nie wieder auf.

Ein Leben lang (4/4)
Beim Prozess kommen weitere Details aus dem Leben von Andreas V. ans Licht. Welches Versagen jenseits von Behörden und Strafverfolgung hat zu den Taten geführt? Und was bedeutet es für den Rest eines Lebens, wenn die eigene Kindheit geprägt von sexualisierter Gewalt war.
Am 5.September 2019 fällt das Landgericht Detmold das Urteil über Andreas V. und seinen Mittäter Mario S.: 13 und 12 Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung für die Männer, die über viele Jahre systematisch mindestens 32 Kinder missbraucht haben. 400 Taten sind aktenkundig, vermutlich waren es weit mehr. Für die Richterin stellt sich eine weitere Frage, die sie an die Beobachter im Saal richtet: "Warum konnten diese Taten inmitten unserer Gesellschaft so lange unentdeckt bleiben?" Die jüngsten Opfer sind vier und fünf Jahre alt, so klein, dass sie das Geschehen gar nicht einordnen konnten.
Nachts träumen manche der Kinder von Killer-Clowns. Sie haben Schwierigkeiten, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden. Ihre Leistungen in der Schule sacken ab. Am meisten Angst haben sie aber davor, dass die Täter aus dem Gefängnis ausbrechen und ihren Familien etwas antun könnten.

O-Töne aus den Folgen

Andreas V.s Position auf dem Campingplatz vor Aufdeckung der Sexualverbrechen an Kindern:

Erol Kamisli, Lokaljournalist:
"Der war im Grunde der Campingplatz-Animateur für die Kinder und auch für die anderen. Er hat alles gemacht. Er war auch mal Platzwart und hat auch Kleinigkeiten übernommen und er kannte alle. Und alle kannten ihn. Für alle war er halt der Addi."

Janet König, Lokaljournalistin:
"Es gab ein Trampolin direkt neben seiner Parzelle, wo die Kinder drauf spielen konnten. Er hat sogar ein Pferd gekauft und das den Mädchen geschenkt, sodass die immer wieder zu ihm gekommen sind und das natürlich auch gepflegt haben. Es gab also Ponyreiten und es war alles möglich bei Andreas V. Er hat quasi die ganze Aufmerksamkeit, die die Kinder vielleicht zu Hause nicht bekommen haben, ihnen geboten."

Erol Kamisli, Lokaljournalist:
"Also, er hat sich gekümmert und die Eltern haben natürlich gedacht: Okay, wenn so viele Kinder da sind, also wenn Familie A ihm vertraut, warum soll ich ihm dann nicht vertrauen? Und wir haben ja auch mit den Leuten da vor Ort gesprochen, auch mit den Nachbarn. Und die sagten, die Kinder waren glücklich, die waren happy, also die haben viel gelacht und die sind dem gefolgt, die haben den teilweise auch Papabär genannt. Da waren auch Kinder aus Holland und aus Belgien und auch aus anderen Teilen Deutschlands, die halt auch nur während dieser Urlaubszeit da waren, die haben den ganzen Tag mit ihm verbracht und die Eltern haben überhaupt – da war nix, da war kein Verdacht, nichts."

 

Über mangelnde Wachsamkeit der Gesellschaft:

Jens Ruzsitska, Vater – seine Kinder sind nicht betroffen – und Hinweisgeber:
"Die Realität wird ausgeblendet. Es wird ausgeblendet, dass es im Prinzip die Nachbarwohnung sein kann, wo es passiert. Es wird ausgeblendet, dass das überhaupt irgendwo passieren kann."

 

Über Folgen für betroffene Kinder:

Jens Ruzsitska, Vater – seine Kinder sind nicht betroffen – und Hinweisgeber:
"Das Problem bei den meisten ist ja, dass die gar nicht sehen, was das mit den Menschen macht. Weil das meiste machen ja die Opfer mit sich aus. Und viele begehen Suizid, viele verletzen sich selbst. Das sind dann aber die, auf die dann mit dem Finger gezeigt wird. Guck dir die an, das sind doch Kranke! Ja, aber wodurch sind sie dann krank? Sie wurden krank gemacht."

 

Über amtliche Fehler:

Michael Stickeln, Landrat Höxter
"Fehler sind sicherlich passiert. Auch womöglich mit schlimmen Folgen. Warum diese Fehler passieren konnten, das müssen wir herausarbeiten, und zwar sehr differenziert. Und dann daran arbeiten, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass solche Fehler in Zukunft nicht mehr passieren können."

Sabine Meißner, Kreisrätin Hameln-Pyrmont

"Unsere Mitarbeiter waren vor Ort. Sie sind den Hinweisen nachgegangen, aber am Ende hat leider nichts dazu geführt, dass dieses Pflegeverhältnis beendet worden ist. Wir bedauern das sehr. Uns tut das sehr, sehr leid."

Martin Börschel, Vorsitzender Parlamentarischer Untersuchungsausschuss
"Wenn alle einmal zusammengesessen hätten und ihre Informationen ausgetauscht hätten, wären diese schlimmen Dinge früher ans Licht gekommen."

Martin Börschel, Parlamentarischer Untersuchungsausschuss
"Es gehört für mich zu den bedrückenden Erkenntnissen unserer Arbeit, dass genügend Informationen vorhanden waren, um das Leid dieser Kinder viel früher zu beenden. Das Schlimmste, was wir erkannt haben, dass ein Hinweis schon zwei Jahre vor dem eigentlichen Auffliegen einfach nicht verfolgt wurde. Zwei Jahre hätte das Leid vieler Kinder früher beendet werden können und das – schwarz auf weiß mit dem Blick auf die Kinder, auf die Opfer, auf ihre Familien – sich klarzumachen, ist wahnsinnig bedrückend."

 

Fehler bei den Polizeiermittlungen:

Herbert Reul, Innenminister NRW, zu Pannen bei der Kreispolizei Lippe in Detmold
"Am Ende gab es dann auch noch den Entschuldigungsversuch: Man hätte ja zu wenig Personal. Aber das gilt nicht, weil das für alle Behörden gilt. Und da hatte Lippe keinen Sonderstatus.  Wir haben ja seit vielen Jahren zu wenig Polizisten, und das wissen wir auch. Also das Thema gilt als Entschuldigung, nicht…."

Ralf Vetter, Oberstaatsanwalt Detmold
"Es gab eine Vielzahl von Hinweisen, wo Beschuldigungen gegen Polizeibeamte erhoben wurden, in dem Sinne, dass dort alle unter einer Decke stecken. Wir sind diesen Hinweisen allen nachgegangen und es hat sich letztendlich herausgestellt, dass an keinem dieser Hinweise auch nur ansatzweise etwas dran war."

 

Keine Konsequenzen

Lukas Eberle, DER SPIEGEL, Büro Düsseldorf
"Es gab einige Ermittlungen gegen Polizeibeamte und gegen Mitarbeiter von Jugendämtern. Die wurden alle eingestellt. Von den beteiligten Personen, die ja eklatant versagt haben, wurde niemand strafrechtlich belangt. Manche Politiker haben Fehler eingeräumt, zurückgetreten ist deswegen aber niemand."

Chronologie des Falles Lügde

2002: In einer tabellarischen Auflistung der lippischen Polizei wird der Name Andreas V. in Zusammenhang mit möglichen Sexualstraftaten notiert. Das kommt erst im Verlauf der Lügde-Ermittlungen ans Licht. Den Hintergrund können die Ermittler nur schwer konstruieren.

2008: Im Verlauf der Ermittlungen taucht ein Vermerk der lippischen Polizei aus dem Jahr 2008 auf, der auf ein "Sexualdelikt" durch Andreas V. hinweist. V. soll damals einem 13-jährigen Heimkind in Lügde ein Handy geschenkt haben. "Anschließend ist es zu sexuellen Gesprächen gekommen", beschreibt die Staatsanwaltschaft. Das Mädchen soll ihre Erzieher informiert haben, die Anzeige bei der Polizei in Lügde erstatteten. Was dann passiert ist, kann die Staatsanwaltschaft nicht mehr nachvollziehen.

August 2016: Familienvater Jens R. zeigt seinen Verdacht auf Missbrauch gegen Andreas V. an.

September 2016: Eine Kindergartenpsychologin hat ein "ungutes Gefühl" bei dem Dauercamper Andreas V. Sie hält fest, er könnte pädophil sein. Der Vermerk kommt in die Akte des Pflegekindes, wird aber nicht weiterverfolgt.

November 2016: Eine Jobcenter-Mitarbeiterin macht auffällige Beobachtungen bei einem Termin mit Andreas V., zu dem er sein Pflegekind mitnimmt. Die Mitarbeiterin gibt ihre Gesprächsnotiz an die zuständige Polizei und Jugendamt weiter. Zwar habe die Polizei daraufhin den Hinweis ans Jugendamt Lippe weitergegeben und die hätten das zuständige Jugendamt in Hameln informiert, der Verdacht auf sexuellen Missbrauch sei nach einem Besuch vor Ort des Jugendamtes Lippe jedoch wieder fallen gelassen worden. Die Akte wurde geschlossen.

Dezember 2016: Erneute Kontaktaufnahme der Jobcenter-Mitarbeiterin beim Jugendamt Lippe. Diese halten Rücksprache mit dem Jugendamt Hameln, die die Hinweise wieder entkräften.

Januar 2017: Andreas V. wird offizieller Pflegevater.

April 2018: Ein Mitarbeiter der Familienhilfe überwirft sich mit Andreas V. und kündigt. Er gibt an, der Dauercamper sei unbelehrbar und müsse dringend Erziehungsseminare besuchen. Außerdem sieht er eine Kindeswohlgefährdung. Zwei Monate vergehen, bis der Landkreis Hameln-Pyrmont einen neuen Träger findet, der die Betreuung des Pflegekindes übernimmt.

20. Oktober 2018: Eine Mutter zeigt den Missbrauch ihrer Tochter (9) durch Andreas V. bei der Polizei an. Im Zuge der Ermittlungen melden sich zwei weitere Opfer – heute 14 und 15. Sie können sich an Stimmen und vor allem Namen der Männer erinnern, die im Live-Chat Anweisungen zum sexuellen Missbrauch gegeben haben sollen.

13. November 2018: Mitarbeiter des Jugendamts holen das Pflegekind von Andreas V. aus der Behausung auf dem Campingplatz Elbrinxen.

6. Dezember 2018: Andreas V. wird auf dem Campingplatz verhaftet. Die Ermittler stellen eine große Menge Datenträger mit Kinderpornos sicher.

20. Dezember 2018: Ein Polizeianwärter wird mit der Sichtung mehrerer Asservate beauftragt. In der Kreispolizeibehörde Lippe nimmt er sie mit in einen ungesicherten Arbeitsraum, sichtet drei CDs, zieht aber keine Sicherungskopien. Die Polizei sagt später, dass an diesem Tag die 155 CDs in einer Mappe und einem Alukoffer das letzte Mal gesehen wurden.

10./11. Januar 2019: Am 10. Januar wird Heiko V. verhaftet. Er legt später ein Teilgeständnis ab. Am 11. Januar wird Mario S. auf dem Campingplatz festgenommen. Die Polizei beschlagnahmt 14 PCs und weitere Datenträger aus dem Keller seiner Wohnung in Steinheim.

30. Januar 2019: Die Öffentlichkeit wird über den Missbrauchsfall informiert – die Rede ist von 23 Opfern, Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren und von über 1000 Einzeltaten.

1. Februar 2019: Das Innenministerium NRW ordnet an: Die Kreispolizei Lippe muss die gesamten Ermittlungen an die Polizei Bielefeld abgeben.

11. Februar 2019: Der Leiter des Jugendamts Hameln-Pyrmont wird suspendiert. Er hat in einer Akte nachträglich einen Vermerk ergänzt und zurückdatiert. Landrat Bartels gibt zu: Acht Wochen hat sich kein Fachdienst um das Pflegekind gekümmert. Die Zahl der Verdächtigen steigt auf sechs. Eine Person soll für Mario S. Daten gelöscht haben. Gegen zwei Eltern wird wegen Beihilfe ermittelt.

21. Februar 2019: Erst jetzt gibt Innenminister Reul bekannt, dass 155 CDs/DVDs an Beweismitteln bei der Kreispolizei Lippe verschwunden sind. Die Polizei hatte den Verlust bereits am 30. Januar bemerkt, die Staatsanwaltschaft wusste davon seit dem 13. Februar.

22. Februar 2019: Das Auto von Andreas V. wird beschlagnahmt. In seinem Wohnwagen werden weitere 131 CDs, ein Computer und eine Festplatte gefunden. Es werden Bauzäune aufgestellt, um die Parzellen von V. und Mario S. zu sichern. Landrat Axel Lehmann suspendiert als erste Konsequenz Lippes Kripo-Chef.

26. Februar 2019: Innenminister Reul versetzt Lippes Polizeidirektor. Es taucht ein siebter Beschuldigter auf – ein 16-Jähriger aus dem Umfeld des Campingplatzes soll Kinderpornos besitzen. Möglicherweise ist er selbst auch Missbrauchsopfer.

27. Februar 2019: Die bisher größte Durchsuchungsaktion auf dem Campingplatz startet. Ein Team aus 15 Spezialisten räumt drei Tage lang die Parzellen von V. und S. leer. Sie finden neue Beweismittel.

14. Mai 2019: Die Detmolder Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Andreas V. und Heiko V. Mit Verzögerung folgt die Anklage gegen Mario S. am 23. Mai.

27. Juni 2019: Prozessauftakt: Erleichterung unter allen Prozessbeteiligten: Überraschend legen alle drei Angeklagten am ersten Verhandlungstag Geständnisse ab. Damit müssen die Kinder nicht mehr zwangsläufig aussagen. Die Jugendschutzkammer möchte dennoch einige im Saal befragen, um sich einen Eindruck davon zu machen, wie es den Opfern heute geht. Die Kinder können dies aber frei entscheiden.

17. Juli 2019: In einem separaten Termin fällt das Urteil gegen Heiko V. Der 49-Jährige aus Stade wird zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Er kann das Gericht als freier Mann verlassen. Die Nebenklägerin – eine heute 19-jährige Frau – nimmt das Urteil fassungslos im Saal entgegen. Die Staatsanwaltschaft geht einen Tag später in Revision. Das Urteil wird öffentlich heiß diskutiert. Die Meinungen gehen weit auseinander.

21. August 2019: Während der Prozess in vollem Gange ist, hat der Untersuchungsausschuss zum Fall Lügde seine Arbeit aufgenommen. Dieser soll die Rolle der Behörden und der Politik klären.

5. September 2019: Urteilsverkündung: 13 Jahre Haft für Andreas V. und 12 Jahre Haft für Mario S. lautet das Strafmaß des Gerichts. Für beide ordnet die Jugendschutzkammer die anschließende Sicherungsverwahrung an.

Dezember 2019: Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren wegen Strafvereitelung gegen einen pensionierten Polizisten aus Blomberg ein. Dem Ex-Polizisten wurde vorgeworfen, einen Hinweis gegen Andreas V. aus dem Jahr 2016 nicht weitergeleitet zu haben.

Februar 2022: Mehr als zweieinhalb Jahre lang hat der Untersuchungsausschuss den Fall Lügde bearbeitet. Er hat mehr als 120 Zeuginnen und Zeugen vernommen, vor allem aus dem Bereich der Jugendämter, hat sich durch etwa eine Million Seiten Akten gearbeitet. Auf knapp 3.000 Seiten fasst der Zwischenbericht zusammen, wie Jugendämter und Polizei über 20 Jahre hinweg versagt haben, die sexuelle Gewalt gegen Kinder in Lügde zu beenden.

Juni 2022: Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen konstituiert sich der neue parlamentarische Untersuchungsausschuss "Kindesmissbrauch I" im Düsseldorfer Landtag.

August 2022: Im Missbrauchskomplex von Lügde haben insgesamt 48 Opferfamilien Anträge auf Entschädigungszahlungen bei ihren Ländern eingereicht – 32 davon in Nordrhein-Westfalen und 16 im angrenzenden Niedersachsen. Doch erst ein Opfer wird jetzt finanziell entschädigt – drei Jahre nach dem Prozessende.

Die Chronologie (Stand: September 2022) stammt von Patrick Zeilhofer.

"Wie soll man als Filmemacher*in Bilder für das absolut Unvorstellbare finden?" Von Lisa-Marie Schnell

Das Thema "sexueller Missbrauch" – genauer gesagt sexualisierte Gewalt an und Vergewaltigung von Kindern – scheint unverfilmbar. Wie soll man als Filmemacher*in Bilder für das absolut Unvorstellbare finden? Wie wird man dabei den Überlebenden der Taten gerecht, ohne Opfer auszustellen oder zu retraumatisieren? Denn dass jede filmische Aufarbeitung dieses Themas zahlreiche Trigger enthält, ist leider nicht zu vermeiden.

"Die Kinder von Lügde" sollte von Anfang an keine "True Crime"-Reihe werden – bei aller Popularität dieses Genres. Wir wollten keine künstliche Spannung erzeugen, nicht durch Farben oder Soundeffekte dramatisieren, und vor allen Dingen sollte es keinen Kommentartext, keine*n Sprecher*in aus dem Off geben. Alle Gesprächspartner*innen im Film haben eine persönliche oder berufliche Verbindung zu den Fällen in Lügde. Alle erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive. 

Bei der Produktion von "Die Kinder von Lügde" hatten wir den Vorteil, dass wir unsere Erzählung an einem konkreten Ort beziehungsweise an einer Region in Deutschland – nämlich dem Kreis Lippe (Nordrhein-Westfalen) und seiner Umgebung – festmachen konnten. Das bedeutet natürlich nicht – und das gilt es zu unterstreichen – dass diese Region als Epizentrum für Taten rund um sexualisierte Gewalt an Kindern zu verstehen ist. Diese Taten passieren überall in Deutschland, überall auf der Welt, jeden Tag und jede Nacht. Nichtsdestotrotz hatten wir die Möglichkeit, viele Originalschauplätze zu besuchen sowie zum Beispiel Landschaften als Atempausen und Reflexionsflächen für die Filme einzufangen. So mussten wir nicht auf sogenannte "Symbolbilder" ohne jeglichen Bezug zur konkreten Geschichte zurückgreifen.

Schnell war klar, dass wir die betroffenen Kinder nicht abbilden können und möchten. Dafür haben wir uns mit einem Team von Illustrator*innen zusammengetan, um den Kindern wenigstens auf der gezeichneten Ebene – und völlig fiktionalisiert – ein Gesicht und eine Statur zu geben und klarzumachen, um wen es hier eigentlich die ganze Zeit geht: um Mädchen und Jungen im Kindergarten- und Grundschulalter. Auch zum Nacherzählen von Schlüsselsituationen, wie sie zum Beispiel die ersten Hinweisgeber*innen erlebt haben, waren die Illustrationen ein großer Gewinn.

Das Ausmaß rund um das Versagen im Fall der "Kinder von Lügde" ist gigantisch – obwohl die Wege zwischen Campingplatz, Jugendämtern, Polizeibehörden etc. oft kurz waren. Obwohl man sich kannte und obwohl manche Hinweise jahrelang auf der Hand lagen. Das hat auch der parlamentarische Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag nochmals offengelegt. Um die kleinen und großen Zusammenhänge zu veranschaulichen, haben wir in einer Halle in Hamburg die verschiedenen Schauplätze aus dem Komplex "Lügde" nachgebaut – minimalistisch, an Theater-Settings angelehnt. Jugendamtsmitarbeiterinnen, Polizeibedienstete, Familienhelfer*innen etc. haben wir dort in einem – ebenfalls nachgebauten – Untersuchungsausschuss aussagen lassen. Gespielt wurden diese Menschen von Darsteller*innen, ihre Aussagen aber sind alle echt: Originalzitate aus dem veröffentlichten Zwischenbericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, Wort für Wort nachzulesen für jede Zuschauerin und jeden Zuschauer.

Bei der Produktion von "Die Kinder von Lügde" ging es auch darum, sich im Entstehungsprozess immer wieder selbst zu hinterfragen, immer wieder neue Perspektiven und unbeteiligte Augenpaare reinzuholen. Man ist bei diesem Thema niemals frei von blinden Flecken und vermutlich wird auch "Die Kinder von Lügde" nicht alles richtig gemacht haben. Selbst beim Verfassen dieses Textes überprüft man jeden Satz und jedes Wort – und lernt immer noch dazu. Unser Ziel ist es, das Thema rund um sexualisierte Gewalt an Kindern in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Je mehr Filme dazu gemacht werden, umso besser.

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