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Leben über Kreuz

Der Fernsehfilm der Woche

Zwei Paare, die versuchen, beim Segeln eine Freundschaft aufzubauen: Sebastian (Benjamin Sadler) und Caren Blumberg (Christina Hecke) mit Jan (André Szymanski) und Birthe Kempe (Annette Frier) – von links.  Nur dann wird eine Nierentransplantation "über Kreuz" genehmigt – die Handlung eines tragikomischen "Fernsehfilms der Woche" zum aktuellen gesellschaftspolitischen Thema Organspende.

  • ZDF, Montag, 9. Mai 2022, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Samstag, 30. April 2022, 10.00 Uhr

Texte

Stab

Buch      Annika Tepelmann, Dagmar Seume
RegieDagmar Seume
KameraFriederike Heß
Schnitt Ingo Recker, Benjamin Ikes
Musik   Fabian Römer, Steffen Kaltschmid
TonHank Trede, Matthias Haeb
SzenenbildIna Timmerberg
KostümbildBrigitte Nierhaus
ProducerinKatrin Kuhn
Produzenten Till Derenbach, Michael Souvignier
RedaktionPetra Tilger

Eine ZDF-/ARTE-Auftragsproduktion der Zeitsprung Pictures GmbH, Köln

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Caren Blumberg    Christina Hecke
Sebi BlumbergBenjamin Sadler
Birthe Kempe Annette Frier
Jan Kempe  André Szymanski
Torben Blumberg Philip Noah Schwarz
Sten BlumbergLewis Köhl
Livia KempeAva Montgomery
Dr. VollhardJohannes Ahn
Dr. Maya Schulz  Ilknur Boyraz
Dr. Elisa LangAlexandra von Schwerin
Prof. Dr. Peter WannerRainer Laupichler
Großmutter Blumberg   Ursula Michelis
und andere

Inhalt

Caren Blumberg ist krank und braucht eine neue Niere. Die Wartezeit auf ein Spenderorgan beträgt in der Regel acht Jahre. Die Mutter zweier Söhne (Torben, 14 Jahre, und Sten, 10 Jahre) hat nicht mehr so viel Zeit und sucht nach einer anderen Lösung. Sebi, ihr liebenswerter, manchmal cholerischer Ehemann würde ihr gerne eine Niere spenden. Aber die Werte passen nicht, Carens Körper würde sein Organ abstoßen. Jan Kempe ist ebenfalls krank, auch er braucht eine neue Niere. Ehefrau Birthe würde ihm gerne eine Niere spenden, aber wie bei den Blumbergs passen ihre Werte nicht.

Der Nierenspezialist Dr. Vollhard weist die Paare auf eine Möglichkeit hin: Über Kreuz würden die Werte passen und eine Organspende funktionieren. Allerdings gelten in Deutschland strenge Gesetze, um Organhandel auszuschließen. Die Paare müssen vor einer Ethikkommission beweisen, dass die Organspende aus freien Stücken geschieht, motiviert durch eine besondere persönliche Verbundenheit. Mit anderen Worten: Sie müssen Freunde werden. Der Versuch des ungleichen Spenderquartetts, sich anzufreunden, führt zu einer tragikomischen Tours de Force mit ungeahnten Folgen. Denn begeistert von der unerwarteten Hoffnung auf Leben, lernen sich die Familien Blumberg und Kempe kennen und merken schnell: Sie mögen sich nicht besonders. Sebi und Caren, stilbewusst, gutverdienend, mit der unbewussten Überheblichkeit der kulturellen Elite, schauen auf die kleinbürgerlichen Kempes herab. Darüber hinaus leidet Jan Kempe seit seiner Erkrankung an Depressionen und spielt ernsthaft mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Caren hingegen überlegt trotz Risiken und hoher Kosten, sich im Ausland eine Spenderniere zu besorgen, was wiederum ihrem Mann widerstrebt. Und Sebi, als erfolgreicher Unternehmer gewohnt, seinen Willen durchzusetzen, gerät mit den Kempes an seine persönliche Grenze. Die Nerven liegen blank. Beide Paare verstricken sich immer mehr in Streitereien, untereinander und gegeneinander. Die Familien drohen zu zerreißen.

Ihre Kinder bleiben dabei auf der Strecke. Sie fühlen sich übergangen und in ihren Ängsten allein gelassen. Hinter dem Rücken der Eltern schmiedet Livia, die 15-jährige rebellische Tochter der Kempes, Fluchtpläne mit Torben, dem pubertären Sohn der Blumbergs. Zu spät bemerken die Eltern, dass die Jugendlichen gemeinsam abgehauen sind und sich ernsthaft in Gefahr gebracht haben. Bei der gemeinsamen Rettungsaktion auf dem Ijsselmeer kommen sich die Blumbergs und die Kempes zum ersten Mal menschlich näher. Doch reicht das für die Prüfung vor der Ethikkommission?

Statement von ZDF-Redakteurin Petra Tilger

Kaum vorstellbar, was es bedeutet, wenn ein Organ versagt und auf ein neues gewartet werden muss. Aber was, wenn plötzlich die einzige Chance aufs Weiterleben davon abhängt, ob man sich mit einem fremden Menschen anfreundet?

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Im März 2022 tritt das Gesetz zur "Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende" in Kraft. Am 4. Juni ist "Tag der Organspende". Das ZDF widmet dem Thema in diesem Zeitraum einen "Fernsehfilm der Woche".

Das Thema Organspende ist eines, mit dem sich wahrscheinlich die meisten Menschen nicht auf Anhieb gerne beschäftigen. Wir haben uns deshalb gemeinsam mit Dagmar Seume (Buch und Regie) und Annika Tepelmann (Buch) sehr bewusst entschieden, den Film nicht als deprimierendes Melodram zu realisieren. Ziel war es, ganz im Gegenteil, eine im besten Sinne unterhaltsame Geschichte in tragikomischer Tonalität zu erzählen, die eher nebenbei für das Thema sensibilisiert.

Als uns der Pitch von der Produktionsfirma Zeitsprung vorgelegt wurde, hat uns sofort die erzwungene Freundschaft darin fasziniert. In Deutschland ist eine Lebendspende nur dann erlaubt, wenn sich die spendende und die empfangende Person persönlich sehr nahestehen. Diese Verbundenheit wird von einer Ethikkommission geprüft.

Was macht es mit vier Menschen, wenn ihre Schicksale aneinandergeknüpft werden, sie eine Freundschaft beweisen müssen, obwohl sie sich eigentlich überhaupt nicht ausstehen können? Mit Annette Frier, Christina Hecke, Benjamin Sadler und André Szymanski haben wir ein Quartett gefunden, dass mit großer Spielfreude und ebenso komödiantischem wie dramatischem Gespür echte Charaktere zum Leben erweckt, die in ihren Spleens und Temperamenten aufeinanderprallen.

Dass die vier sich finden, ist Glück im Unglück. Nötig wird die seltene Über-Kreuz-Spende überhaupt nur aus einem Grund, dem leider viele reale Schicksale zugrunde liegen: Noch immer gibt es viel zu wenige postmortale Spenderorgane im Verhältnis zu den langen Wartelisten. Ein Thema, das nicht jeden direkt betrifft, aber trotzdem jeden angeht. 

Statement von Produzent Michael Souvignier

Unsere Produktionsfirma "Zeitsprung" steht für Filme nach wahren Gegebenheiten und für Projekte mit gesellschaftlicher Relevanz. Für das ZDF produzierten wir "Blutgeld" (über einen wirklichen Fall um verseuchte Konserven) und "Gefangen - Der Fall Sebastian K.", das Schicksal des bayerischen Justizopfers Gustl Mollath mit Jan Josef Liefers und Julia Koschitz in den Hauptrollen, inszeniert von Hans Steinbichler.

Vor mehr als zehn Jahren kam die Drehbuchautorin und erfahrene "Tatort"-Regisseurin Dagmar Seume auf mich zu. Denn ihre neue Projektidee passte zu unserem Firmenprofil wie die Faust aufs Auge. Durch einen Zeitungsartikel war sie auf das Thema Organspende aufmerksam geworden: den tatsächlichen Fall einer Über-Kreuz-Aktion eines deutschen und Schweizer Paares 1999. Ab 2005 wurde diese Praxis vermehrt angewandt; die Unikliniken Köln-Merheim, Düsseldorf und Essen bauten ein gemeinsames Über-Kreuz-Nierenspenden-Programm auf: Nach medizinischen Gesichtspunkten wurden passende Paare ausgewählt und intensiv auf ihrem Weg begleitet. Aufgabe war, über gesundheitliche Risiken aufzuklären, sowie die Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit der Spende sicherzustellen, auch die psychische Stabilität aller Beteiligten. Erster Schritt und Voraussetzung für das Verfahren ist, dass der Patient auf der Warteliste für ein postmortales Spenderorgan steht. Oft müssen diese viele Jahre lang warten, wenn die Blutwerte von Verwandten und Partnern nicht passen. Bei Über-Kreuz-Spenden müssen die spendenden Paare sich kennen – und eine persönliche Verbundenheit muss bestehen. All diese Voraussetzungspunkte werden von einer Kommission streng überprüft – unabhängige Ärzte, Juristen und Psychologen.

2020 gab es mehr als 3.500 Organspenden insgesamt. Dem gegenüber standen 9.463 Patienten auf der Warteliste: 7300 für eine neue Niere, 891 für eine Leber und 700 für ein Herz. Menschen zwischen Hoffen und Bangen im Wettlauf gegen die Zeit. Und das alles nur, weil in Deutschland viel zu wenige potenzielle Spender bereit sind zu helfen: Nur jeder Dritte hat einen Organspendeausweis – damit stehen wir weit hinten im europäischen Durchschnitt. Die Politik versucht zu handeln mit einem neuen "Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft". Es soll möglichen Spendern die Hemmschwelle, sich zu dieser sinnvollen Sache durchzuringen, erleichtern, und ist vor wenigen Wochen in Kraft getreten. Damit ist unser Film topaktuell.

Mit "Leben über Kreuz" nehmen wir die Zuschauer*innen mit auf eine emotionale Reise zweier betroffener Paare. Wenn wir mit diesem Projekt für diese Notsituation sensibilisieren und sich mehr Menschen zu einer Organspende bereiterklären würden, hätte sich unsere Arbeit für den Film gelohnt. 

Statement von Autorin und Regisseurin Dagmar Seume

Von der Idee bis zur Umsetzung des Filmes vergingen zehn Jahre voller Recherchen, unendlich viel Lesestoff und Begegnungen mit Experten und Betroffenen. Ein langer Weg, aber ich blieb an dem Thema dran und war besonders motiviert durch mein privates Umfeld: Eine Freundin hatte selbst einen Partner, der dringend eine Niere brauchte. Ich habe versucht, mich in ihre Lage hineinzuversetzen: Wie frei kann man sich entscheiden, wenn ein geliebter Mensch ein Organ zum Überleben braucht? Wie selbstlos ist man dann?

Bei meinen Recherchen habe ich mit dem Arzt, der diese Transplantation durchgeführt hat, sprechen können. Er war auch in der gesamten Zeit ein sehr guter Fachberater und hat mich unterstützt. Unter anderem habe ich mich mit einem der beiden Paare getroffen. Das war eine heikle Angelegenheit, da in diesem Fall deren Freundschaft nicht gehalten hat, aber trotzdem waren beide Paare froh, die Möglichkeit gehabt zu haben. Auch ein Professor der Charité, der Direktor der Deutschen Stiftung Organtransplantation und Leiter von Dialysezentren standen mir mit ihrem großen Fachwissen und Erfahrungsschatz zur Verfügung. Ich habe selbst Dialyse-Zentren besucht, sprach dort mit Betroffenen. Und ich habe Mitglieder einer Ethikkommission getroffen – Mediziner, Psychologen und ein Rechtsbeistand, die alle Beteiligte an einer geplanten Cross-Over Spende befragen und genau unter die Lupe nehmen, um eine Entscheidungsempfehlung an die Krankenhäuser zu geben. Denn schließlich geht es darum, Organhandel auf jeden Fall auszuschließen.

Es gibt Menschen, die warten schon sehr lange auf eine Niere. Monate, Jahre zwischen Hoffen und Bangen. Durch eine größere Öffnung hin zur Cross-Over Spende würden all diesen Patienten eine viel größere Chance haben, endlich einen Spender zu finden. Unser Film regt zu neuen Lösungen an – und das soll er auch. Es war mir bewusst: Hier geht es um ein komplexes Thema. Dies in 90 Minuten zu erzählen, noch dazu auf eine humorvolle Weise mit einer dramaturgischen Leichtigkeit – das war keine leichte Herausforderung, aber sie hat sich gelohnt:  … „Leben über Kreuz“ ist ein Film für Menschen, die sich für die Möglichkeiten zum Leben interessieren – denn jeder von uns kann schneller in die Lage des verzweifelt auf ein Spenderorgan wartenden Patienten kommen als er denkt.

Interview mit den Hauptdarsteller*innen

Was macht für Sie den Reiz an diesem Filmprojekt aus?  

Annette Frier: Für mich war es die Mischung aus dem hochemotionalen und gesellschaftlich relevanten Thema des Films, plus die Neugier auf die kammerspielartige Inszenierung von Dagmar Seume plus die Freude auf die fantastischen Kolleg*innen Szymanski, Hecke und Sadler! Ein traumhaftes Paket!

Christina Hecke: "Leben über Kreuz" basiert auf einer wahren Begebenheit, die Dagmar Seume, die das Buch mitgeschrieben und die Regie geführt hat, bis ins Detail recherchiert und über Jahre entwickelt hat. Das hatte von Anfang an eine ganz eigene Kraft. Und dazu haben wir alle vier, Annette Frier, Benjamin Sadler, André Szymanski und ich, ja gesagt. Das macht die Kraft des Films aus.

Benjamin Sadler: Der Konflikt der beiden Familien mit dem eigenen Schicksal und der Andersartigkeit der anderen bot einen spannenden Ansatz, sich diesem Thema vor allem menschlich und humorvoll zu nähern. 

 

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Ihrer Rolle?

André Szymanski: Auch wenn ich versuche, meine Figuren so persönlich wie möglich anzulegen, gibt es hier eigentlich keine Überschneidungen zwischen uns. Aber Jan Kempe ist jemand, der für etwas kämpft und dann an die Grenze kommt und nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll und dabei schwere Entscheidungen für sich und seine Familie zu treffen hat. Dieses Spannungsfeld macht diese Rolle aus.

Benjamin Sadler: Sebastian ist beruflich ehrgeizig, liebt seine Familie und ist immer häufiger emotional überfordert von der Situation. Die Eigenschaft, mir manchmal etwas impulsiv Luft zu machen, ist mir nicht fremd.

Annette Frier: Birthe steckt in einer echten Sinnkrise. Eigentlich selbstbewusst, stets diszipliniert und mit einer Tendenz zum Kontrollwahn hat sie ihren eigenen roten Faden verloren, vertraut ihren Gefühlen nicht mehr und kann die Sorgen nicht loslassen. Sie wünscht sich nichts mehr als Leichtigkeit und natürlich das Ende dieser Krankheit. Gleichzeitig plagen sie Schuldgefühle: Liebt sie diesen Mann noch? Warum ist die eigentlich liebevolle Verbindung zu ihrer Tochter plötzlich so mühsam und feindselig? Darf man sowas überhaupt denken in solch einer Situation? Dieses Spannungsfeld zu bespielen, war eine feine, herausfordernde Aufgabe. 

Christina Hecke: Caren Blumberg ist eine Frau, die nach langer Krankheit erkannt hat, dass diese zu bekämpfen sinnlos ist. Die Dinge sind wie sie sind. Sie sieht sich nicht als Opfer. Sie hat eine große Klarheit und Weichheit. Das teile ich durchaus. Aber was sie nicht akzeptieren will: dass die Folgen für Kinder und Mann von ihr nicht abgewendet werden können. Das macht sie hilflos, lässt sie kämpfen. Da stehe ich tatsächlich an einem anderen Punkt. Wenn ich sterbe, dann sterbe ich. Ich kann dafür sorgen, dass niemand mit meinem Erbe belastet ist. Aber was das für den Einzelnen bedeutet, kann ich nicht lösen oder tragen. Das muss jeder selbst.

 

Haben Sie sich auch schon vor diesem Film mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt?

André Szymanski: Es gab einmal eine Organisation, die nannte sich "Junge Helden". Die wurde auch von vielen Schauspieler*innen und Künstler*innen unterstützt. In unserem Freundeskreis ging es auch darum, solche Institutionen zu unterstützen und darüber nachzudenken, wie man zu dem Thema steht, was man von sich weitergeben möchte und was nicht.

Benjamin Sadler: Nicht mehr als notwendig, um sich für das Tragen eines Organspende Ausweises zu entscheiden.

Annette Frier: Ja. Sehr intensiv bereits vor einigen Jahren, als ich eine Transplantationsärztin gespielt habe. Seitdem besitze ich übrigens den Organspende-Ausweis. 

 

Erfordert das Thema eine persönlichere Herangehensweise als für Themen anderer Filme?

Christina Hecke: Alle Geschichten, die wir erzählen, sind schließlich Geschichten aus dem Leben. Nichts, was wir uns ausdenken können, hat es nicht schon mal irgendwie, irgendwo gegeben. In diesem Fall war nur besonders: verstehen zu lernen, was es heißt, fast täglich auf eine Dialyse angewiesen zu sein. Wie das den Alltag eines Menschen beeinflusst – und auch dessen Umfeld. Ich bin dankbar für die medizinische Beratung und Unterstützung eines Berliner Dialysezentrums, den Patienten vor Ort, die mir und Benjamin Rede und Antwort gestanden haben. Ich hätte sonst mehr behaupten müssen als verstehen können. So ist ein würdevoller Umgang mit dem Thema von Seiten der Regie und der Produktion zuarbeitend möglich gemacht worden.

André Szymanski:  Zu Anfang war es mir wichtig, das Thema zu recherchieren, insbesondere wie es den Leuten damit geht, wie es sich auf die Psyche auswirkt, was die Umstände sind und die Lebensaussichten. Und ich habe versucht, mir vorzustellen, wie sich das auf ein alltägliches Leben auswirkt. Beim Dreh sind wir auch in Kontakt gekommen mit Menschen auf der Dialysestation, wo Betroffene als Statisten mitgespielt haben. Da merkt man dann sofort, welche Verantwortung man diesen Menschen gegenüber hat, dass die Rollen auch realistisch sind.

 

Welche Spuren hat" Leben über Kreuz" bei Ihnen ganz persönlich hinterlassen?

Benjamin Sadler: Keine, außer, dass ich jetzt noch klarer weiß, warum ich einen Organspende Ausweis habe. 

Christina Hecke: Ich sehe, welche Dringlichkeit es für manche Menschen hat, ihr Leben nicht verlieren zu wollen, Lebensqualität wiederzuerlangen. Ich habe einen tieferen Einblick genommen. Die Erkenntnis bleibt: Es liegt bei einem jeden selbst, was Priorität hat.

André Szymanski: Mein Blick ist extrem geschärft worden. Wenn das Thema in der Familie oder im Freundeskreis nicht existiert, denkt man darüber in der Regel nicht viel nach. In der Beschäftigung mit dem Thema kommt es einem selbst natürlich ganz nah und wird extrem dringend. Die Problematik wird einfach viel bewusster.

 

Welche Parallelen, welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Familien Kempe und Blumberg?

Annette Frier: Deren Lifestyle-Konzepte könnten unterschiedlicher nicht sein. Diese beiden Familien würden sich daher im echten Leben nicht begegnen oder nicht erkennen. 

Benjamin Sadler: Die Unterschiede liegen aufgrund ihrer Lebensumstände, aber vor allem der Charaktere auf der Hand. Der Versuch, mit ihrem Schicksal so gut wie möglich umzugehen, eint sie essenziell. Der Weg dahin ist halt schwer. Wie immer…

 

Welche tragikomischen Momente gibt es in der Geschichte?

André Szymanski: Die gibt es allein durch die Grundsetzung des Films: eben die Aufgabe, sich zu befreunden. Denn eigentlich befreundet man sich ja mit Menschen, die man sympathisch findet. Die beiden Familien finden sich aber gar nicht sympathisch, sind nur beauftragt, sich zu befreunden. Das ist der große tragikomische Überbau, der sich in vielen einzelnen Momenten zeigt.

Christina Hecke: In der Tragik liegt oft schon die Komik. Da sitzen vier in einem Boot. Im wahrsten Sinne. Alle teilen das gleiche Schicksal. Und vor lauter Schönrederei, Höflichkeitsbekundung und schließlich gipfelnder Rechthaberei bekommt eine schließlich das Kotzen, und ein anderer geht über Bord. Auf unsere Gesellschaft übertragen ein wahres Sinnbild. Wir finden immer noch Spaß an allem, während es schon längst nicht mehr lustig ist, wie wir miteinander umgehen. Bis einer über Bord geht.

Annette Frier: Unsere Regisseurin Dagmar Seume hat das Kunststück hingekriegt, dem ganzen Film eine tragisch-komische Note zu verpassen. Ich mag das sehr. Erinnert mich ans echte Leben. 

 

Das Interview führte Anna Nisch.

Audio-Interview mit Annette Frier*

*mp3-Datei, auch auszugsweise nur zur freien Veröffentlichung mit Sendebezug

Transkription:

 

1. In dem ZDF-Film "Leben über Kreuz" spielen Sie Birthe Kempe, deren Mann Jan dringend eine neue Niere braucht. Nachdem seine Frau nicht als Spenderin in Frage kommt, schlägt der Arzt eine sogenannte Überkreuzspende mit einem anderen Ehepaar vor. Birthe könnte ihre Niere an die Frau spenden und Jan eine Niere von deren Mann bekommen. Was macht das mit Birthe?

Für mich war das kleine Geheimnis beim Spielen, dass diese Frau eigentlich ein ganz, ganz schlechtes Gewissen hat, weil sie gar nicht weiß, ob sie den Mann noch liebt. Man redet die ganze Zeit über diese Krankheit. Und das sehe ich auch oft im Umfeld oder in meinem Leben, dass man immer über die großen Dramen spricht. Das ist ja auch richtig. Weil das sind die, die akut anstehen. Aber darunter sind noch so viele kleine Sachen begraben. (0:22)

 

2. Der "Fernsehfilm der Woche" setzt sich auf tragikomische Art mit dem Thema Organspende auseinander. Wie wichtig ist dieses Thema?

Organspende ist für viele Leute ein Tabuthema. Weil das direkt mit dem Thema Tod zusammenhängt. Ich hatte natürlich das Glück, – dafür liebe ich meinen Beruf so sehr –, dass ich mich mit dem Thema auseinandersetzen musste. Ich habe gelernt, dass das eine sehr intime Angelegenheit ist. Ich akzeptiere jede Antwort, ich akzeptiere auch total, wenn sich jemand gegen Organspende entscheidet oder gegen einen Organspende-Ausweis. Ein paar Sachen müssen wir in der Gesellschaft miteinander besprechen. Und das Thema gehört dazu. (0:26)

 

3. Was spricht für einen Organspendeausweis?

Das ist eine ganz einfache Antwort. Ich würde mir wünschen, wenn es mich, meine Kinder oder meine Familie betrifft, dass es das gibt. Und das bedeutet im Umkehrschluss natürlich das Gleiche. Also wenn ich mir von anderen Menschen Hilfe erhoffe, muss ich auch bereit sein sie zu geben. Und deswegen habe ich mich für einen Organspendeausweis entschieden und nicht dagegen. (0:19)

 

(Abmoderation: Annette Frier im Interview. Sie ist mit den letzten Folgen "Ella Schön" und dem Spielfilm "Leben über Kreuz" gleich vier Mal im ZDF zu sehen. "Ella Schön" läuft an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen (24. April, 1. und 8. Mai) um jeweils 20 Uhr 15. Am Montag, 9. Mai um 20 Uhr 15 sendet das ZDF den Organspende-Film "Leben über Kreuz". Natürlich sind alle Filme auch in der ZDFmediathek verfügbar: Die "Ella Schön"-Filme ab dem 16. April und "Leben über Kreuz" ab dem 2. Mai.)

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