25 Jahre "heute journal"-Moderation

Jubiläum für Marietta Slomka

"Ich danke fürs Daumendrücken" war zum Abschluss des "heute journals" am 29. Januar 2001 der einzige Hinweis darauf, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer damals eine Premiere mit Langzeitwirkung erlebt hatten: die erste "heute journal"-Moderation von Marietta Slomka, die nun seit 25 Jahren dem erfolgreichsten täglichen Nachrichtenmagazin im deutschen Fernsehen nachhaltig Profil verleiht. Ein Vierteljahrhundert als Hauptmoderatorin des "heute journal" – ein Spitzenwert im Dienste ebenso aktueller wie hintergründiger Informationen und Interviews.

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"Wahrhaftig und seriös sein" – Interview mit Marietta Slomka

Am 29. Januar 2001 moderierte sie zum ersten Mal das "heute journal" – nun runden sich die 25. Jahre. Anlässlich ihres Jubiläum ein Gespräch mit Marietta Slomka über unabhängigen Journalismus.

Brand-Unglück in Crans Montana, US-Angriff auf Venezuela, Stromausfall in Berlin: Auch 2026 ging gleich mit hoher Nachrichtenintensität los. Ein ruhiger Start ins neue Jahr ist wohl nicht mehr möglich?

Katastrophen zum Jahreswechsel gab es tatsächlich schon einige Male. Aber dass die Weltpolitik jetzt auch noch vermehrt dazu beiträgt, verstärkt den Eindruck, dass wir in Zeiten sich auflösender Gewissheiten leben, in denen an jedem Tag Dinge geschehen können, die man nicht für möglich gehalten hat.

Was bedeuten die aktuellen instabilen Zeiten für die Arbeit im Nachrichtenjournalismus – macht es sie aufregender, herausfordernder, gefährlicher, desillusionierender?

Die ganze Welt ist durch diese Instabilitäten gefährdeter geworden, auch dadurch, dass man sich auf Allianzen nicht mehr verlassen kann wie bisher. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine führt uns diese Gefahren seit bald vier Jahren vor Augen. Für unsere Arbeit bedeutet das: Wir müssen Informationen über Ereignisse aufnehmen, verstehen und einordnen, die ungeheuerlich sind. Eine der größten Herausforderungen dabei: die massive Zunahme von Desinformationskampagnen im digitalen Raum. Wir müssen ständig verifizieren, ob das, was wir als Informationen erhalten, überhaupt stimmt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie 2014, als Russland auf die Krim und die Ostukraine übergriff, unsere Kommentarspalten voll waren mit empörter Kritik, dass wir Journalisten einseitig und antirussisch berichten würden. Das war insofern merkwürdig, als in Deutschland damals das Interesse für diesen Konflikt noch gar nicht so groß war. Ein Redaktionskollege sagte irgendwann: Ich glaube, das ist organisiert. Wenige Wochen später kam die Enthüllung über die Petersburger Trolle. Die Arbeit mit Informationen hat sich verändert, seit diese Propaganda auch in Deutschland bewusst oder unbewusst weitergetragen wird.

Geradezu ein Thema für den "heute journal"-Podcast: Wie checken wir unsere Informationen?

Das wäre mal ein spannendes Thema, ja. Zum Jahreswechsel haben wir auch einen Podcast gemacht, der Zuschauerfragen beantwortet. Das Format eröffnet also viele Möglichkeiten. Aber in erster Linie nehmen wir uns dort die großen aktuellen Themen vor, die wir in Gesprächen mit Kollegen und Experten so vertiefen, wie es in den "heute journal"-Interviews oder in den kürzeren Korrespondenten-Schalten nicht möglich ist. Und auch umfänglicher erklären, wie wir die jeweiligen Themen gewichten und einschätzen. Für Blicke hinter die Kulissen gibt es außerdem online ja auch Backstage-Filme, die Einblicke in unseren Redaktionsalltag liefern und wie wir arbeiten. 

Sie erleben den Redaktionsalltag des "heute journal" seit einem Vierteljahrhundert – mit einer Vielzahl an Themen und Schlagzeilen. Sind  Ihnen noch Themen Ihrer Premierensendung am 29. Januar 2001 präsent? 

Ich erinnere mich, dass mein erstes Interview in meiner ersten "heute journal"-Woche mit Friedrich Merz war – 25 Jahre später ist er Kanzler. In der ersten Sendung ging es, wenn ich mich richtig erinnere, um die Bundeswehrreform. Aber die weiteren Themen – da erinnere ich mich eher daran, wie aufgeregt ich damals war.

Und mit welchen persönlichen Gedanken blicken Sie auf diesen beachtlichen Zeitraum zurück: Wie toll, dass ich diesen Job schon so lange machen darf. Oder: Unfassbar, wie schnell ein Vierteljahrhundert vorbeigeht?

Eine Mischung daraus. Es ist auf jeden Fall großartig, dass ich diesen Job bereits über einen so langen Zeitraum machen darf – ich empfinde ihn auch als eine große Verantwortung. Das "heute journal" ist eine der letzten informativen "Lagerfeuersendungen" im Live-TV mit einer regelmäßig hohen Zuschauerzahl. Und gerade bei Großereignissen oder etwa während der Corona-Pandemie spürt man diesen Informationsbedarf unseres Publikums. Dann keine Fehler zu machen und die richtige Tonlage zu finden – das ist für mich jeden Tag aufs Neue eine große Verantwortung und Verpflichtung. Doch ich mache das auch wirklich gerne – es wird nie langweilig. Das Weltgeschehen sorgt dafür, dass jeder Tag neu ist. Und ja: Die Jahre sind wahnsinnig schnell vergangen.

Das Weltgeschehen hält auch viele belastende Ereignisse bereit. Wie gehen Sie damit um?

Bei unserer Berichterstattung über den Brand in Crans-Montana hatte ich zuletzt wieder diesen Moment, dass mir dieses Ereignis besonders unter die Haut ging: eine Silvester-Feier mit vielen jungen Menschen, deren Eltern davon ausgehen konnten, dass sie sich um ihre Kinder dort keine Sorgen machen müssen, ein idyllischer Ski-Ort, eine bekannte Bar – und dann eine solche Katastrophe. Aber zur Professionalität bei solchen Ereignissen oder gar in einer Breaking-News-Situation gehört es, sein Entsetzen im Griff zu haben. Die Konzentration auf die Arbeit trägt dazu bei. 

Angesichts der vielen Nachrichten über Katastrophen und andere negative Ereignisse wird dem Journalismus immer mal wieder geraten, stärker über Gelingendes zu berichten. Wie blicken Sie auf diese Debatte?

Dazu hat mal ein Kollege gesagt: Das ist so ähnlich wie sich beim Klempner zu beschweren, dass er nur kommt, wenn das Rohr kaputt ist. Unsere Aufgabe im Journalismus ist es, Dinge, die schieflaufen, darzustellen – aber sie auch nicht größer zu machen als sie sind. Nicht jede Diskussion ist ein "Mega-Zoff". In einer Demokratie wird nun mal gestritten. Eine Koalition zwischen Schwarz und Rot ist keine Kuschelromanze – aber man muss auch nicht jedes Mal mehr draus machen als es ist. Seit Menschengedenken gilt aber auch: Der Überbringer der Nachricht kommt nicht angaloppiert, um zu sagen, es ist alles normal im Königreich. Vielleicht sagt er mal, ein Königssohn wurde geboren, hurra! Aber häufiger lautet die Botschaft: Da kommen welche, die euch überfallen wollen. Es ist keine Nachricht, dass heute wieder zehntausend Flugzeuge erfolgreich gestartet und gelandet sind. Aber das Flugzeug, das nicht erfolgreich gestartet und gelandet ist, hat schon deshalb Nachrichtenwert, weil die Menschen wissen wollen, was Besonderes passiert ist auf der Welt, und nicht, was normal läuft. Auch um sich vor Gefahren zu wappnen oder um aus Fehlern zu lernen. Trotzdem kann ich dem konstruktiven Journalismus auch einiges abgewinnen. Wir haben in unserer Sendung zum Beispiel regelmäßig Beiträge über Kulturereignisse oder berichten über bemerkenswerte, ehrenamtliche Initiativen, die von Bürgern gestartet wurden.

Ein wichtiges Element in jeder "heute journal"-Ausgabe sind die Interviews. Eine wiederkehrende Rückmeldung von Zuschauerinnen und Zuschauer dazu: Warum werden die Gesprächspartner so häufig unterbrochen? Was sagen Sie?

Ich versuche eigentlich Unterbrechungen zu vermeiden. Nur wenn ich merke, dass jemand in der begrenzten Zeit, die zur Verfügung steht, davongaloppiert, vielleicht auch um die nächste Frage zu vermeiden, hake ich ein. Oder wenn jemand etwas sagt, bei dem sofort klar wird, dass er zu einem anderen Thema ausweichen will. Ich weiß, dass Unterbrechungen von Zuschauerinnen und Zuschauern nicht gerne gesehen werden und bin auch wirklich froh, wenn ich ein politisches Gegenüber habe, das in der Lage ist, sich kurz zu fassen und Fragen zuzulassen.

Sie gelten als hartnäckige Fragestellerin, was sich auch in der Wortschöpfung "geslomkat" niedergeschlagen hat. Bleiben Interviews über die Tagesaktualität hinaus in Erinnerung, wenn es hart zur Sache ging?

Ein Interview bleibt vor allem in Erinnerung, wenn es eine politische Wirkung erzielt hat, was nicht alltäglich ist. Ich entsinne mich an Interviews zu Stuttgart 21 mit Ministerpräsident und Innenminister, die damals Wellen geschlagen haben. Oder an ein Interview mit Thüringens Kurzzeit-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich, aus dem herauszuhören war, dass er eventuell einkalkuliert hatte, mit Stimmen der AfD gewählt zu werden. Auch an die Interviews, als damals die Sondierungen zu einer Jamaika-Koalition unter Angela Merkel platzten und der Begriff "lindnern" entstand, nachdem der damalige FDP-Chef Christian Lindner die Gespräche abrupt abbrach. Nach einem Interview, das ich mit ihm dazu geführt hatte, tauchte der Begriff "geslomkat" auf. 

Tatsächlich wird der Begriff schon in Lehrtexten zur Interviewführung erwähnt. Welche Tipps haben Sie für den journalistischen Nachwuchs parat?

In Interviews klar formulieren, gesprochene Sprache verwenden, alles Verquaste vermeiden. Dann lässt sich auch der klassische Politikersprech besser aufbohren. Doch das Wichtigste ist, zuzuhören und auf das einzugehen, was der andere sagt. Ich überlege natürlich vorher, wo ich in dem Gespräch hin will, habe auch einen Zettel mit Informationen, Zitaten und Zahlen parat, schreibe mir aber die Fragen nicht in den Autocue. Ich frage und reagiere spontan. Man sollte auch keine Angst davor haben, am Ende nicht alle denkbaren Fragen gestellt zu haben: Besser ist es, an einem Thema dranzubleiben, anstatt durch fünf Themen zu jagen. Es ist noch kein gutes Interview dadurch zustande gekommen, dass man möglichst alles mal angesprochen hat.

Was macht denn guten Journalismus für Sie aus?

Wahrhaftig zu sein, so gut es einem die verfügbaren Fakten erlauben. Seriös zu sein, Fachwissen zu haben oder bei den richtigen Fachleuten nachzufragen, sich selbst zu hinterfragen, Selbstkorrektur zu leisten, unabhängig und nicht aktivistisch zu sein. Als Journalistinnen und Journalisten in einem öffentlich-rechtlichen Medium stehen wir zudem für bestimmte Werte ein. So gibt es angesichts von Rassismus oder Antisemitismus keine "Neutralität". Und einen Angriffskrieg nennen wir einen Angriffskrieg und nicht einen "Konflikt". Wie wichtig Unabhängigkeit ist, kann man aktuell sehen, wenn man in die USA schaut: wie schnell dort einige Medien in Privatbesitz einknicken und zum Beispiel den Golf von Mexiko brav "Golf von Amerika" nennen, nur weil sich Donald Trump das so wünscht. Wie dort auch finanzieller Druck auf die journalistische Arbeit ausgeübt wird, führt doch vor Augen, wie wichtig es ist, einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben. Es ist nicht die schlechteste Konstruktion, um unabhängigen Journalismus zu bewahren.

Mit Marietta Slomka sprach Thomas Hagedorn

Infos zum "heute journal"

Das "heute journal" im ZDF bietet seit dem 2. Januar 1978 politische Berichte, scharfsinnige Analysen, verständliche Erklärungen, farbige Reportagen und Inter­views, in denen Klartext geredet wird. Das erfolgreichste tägliche Nachrichtenmagazin im deutschen Fernsehen steht ganz im Dienste aktueller, hintergründiger, glaubwürdiger Informationen.

Als Hauptmoderatoren des "heute journal" sind im wöchentlichen Wechsel Marietta Slomka und Christian Sievers im Einsatz. Zudem präsentieren Dunja Hayali und ZDF-Nachrichtenchefin Anne Gellinek einige Wochen im Jahr das "heute journal".

Seit dem 28. Februar 2025 gibt es das "heute journal" zudem auf die Ohren! Für alle, die erfahren wollen, was hinter dem Nachrichtenthema der Woche steckt, gibt es "heute journal – der Podcast“. Nach dem Motto "die News, dein Durchblick" spricht Journalistin Helene Reiner im wöchentlichen Wechsel mit Marietta Slomka, Dunja Hayali und Christian Sievers über relevante Schlagzeilen und über das, was im Nachrichtenalltag unerzählt geblieben ist.

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