AIDS – In Zeiten der Liebe

Eine Dokuserie von aspekte

Heiko (Evangelos Tsarkowistas, l.) und Dirk (Benjamin Viziotis, r.) gelten als unzertrennliches Paar / Nutzung des Bildes in Zusammenhang mit der Sendung inkl. Social Media.
Heiko (Evangelos Tsarkowistas, l.) und Dirk (Benjamin Viziotis, r.) gelten als unzertrennliches Paar / Nutzung des Bildes in Zusammenhang mit der Sendung inkl. Social Media.

Die dreiteilige Dokuserie von "aspekte" erzählt eine wahre Geschichte über Liebe, Krankheit und Kunst im geteilten Deutschland – und darüber, wie Aids Menschen trennte und am Ende zwei verfeindete Systeme zusammenarbeiten ließ. Zudem entdeckt "AIDS – In Zeiten der Liebe" zwei vergessene Künstler wieder: den Bühnenbildner und Maler Heiko Zolchow sowie den Schauspieler Dirk Nawrocki. 

Sendedatum

Ab Donnerstag, 14. Mai 2026 im ZDF streamen
ab Freitag, 22. Mai 2026, jeweils 23.30 Uhr

Fotos

Texte

Über die Dokuserie

Der Filmemacher und Autor Johannes Nichelmann ("Nachwendekinder", 2019) erzählt in "AIDS – In Zeiten der Liebe" mit Interviews und vielschichtigem Archivmaterial die Aids-Krise erstmals als deutsch-deutsche Geschichte. Mit Hilfe sensibel gedrehter Reenactments zeichnet er die Biografien zweier vergessener Künstler nach: Heiko Zolchow (1955-1987) und Dirk Nawrocki (1958-1994). Zu Wort kommen unter anderen Sabine Zolchow, die ehemalige Ehefrau von Heiko Zolchow, Regisseur Frank Castorf, der Szenenbildner Karl-Hermann Reith, der Schauspieler Bernd Stegemann, Regisseur und Autor Jean-Claude Kuner sowie der Historiker Henning Tümmers. 

Stab

Darsteller: Evangelos Tsarkowistas, Benjamin Viziotis, Konrad Damer, Clemens Bobke, Antonia Jungwirth u. a. 

Buch und Regie: Johannes Nichelmann 

Kamera: Tobias Winkel 

Montage: Pablo Ben Yakov 

Redaktion ZDF: Daniel Fiedler, Bettina Petry 

  

Eine Produktion von nb Studios im Auftrag vom ZDF/aspekte

Folge 1 "Frühlingserwachen"

Die erste Folge von "AIDS – In Zeiten der Liebe" beginnt in Ost-Berlin, Anfang der 1980er Jahre. Während in Westdeutschland bereits die Angst vor Aids grassiert, wird die neue rätselhafte Krankheit in der DDR totgeschwiegen. Der junge Künstler Heiko Zolchow hat sein Coming-out und macht als Bühnenbildner Karriere, bis ihm die Arbeit verboten wird. Die Aufführungen scheinen der Obrigkeit zu unangepasst. 

1984 darf er mit seiner großen Liebe, dem Theater- und Filmschauspieler Dirk Nawrocki, die DDR erstaunlich schnell verlassen. Die Berliner Mauer trennt Heiko fortan von seinen zwei Kindern und seiner Ex-Frau Sabine.  

Folge 2 "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig"

Neu im Westen leben Heiko und Dirk ihren Traum: am Theater, in der Liebe und im Exzess. Die beiden begegnen dem Studenten Nikolaus Heveker, der in West-Berlin Biologie studiert. Es entwickelt sich eine Ménage-à-trois. Als Heiko kurz davorsteht, seinen größten beruflichen Erfolg zu feiern, bringt die Diagnose Aids sein Leben zum Stillstand. Zeitgleich wird in der Bundesrepublik über den richtigen Umgang mit HIV und Aids gestritten: Wie weit darf der Staat ins Privatleben eingreifen?

Folge 3 "Verlernte Zukunft"

Nach Heikos Tod leben seine Freunde in Angst: Haben auch sie sich mit dem Virus infiziert? Über den engen Freundeskreis hinaus soll zunächst niemand von Heikos Todesursache erfahren, zu groß ist das Stigma – auf beiden Seiten der Mauer. Ab 1987 verlangt die DDR von Einreisenden aus Risikoländern einen negativen HIV-Test; es gilt zeitweise eine namentliche Meldepflicht für infizierte DDR-Bürger. Auch im Westen fordern Politiker, ähnlich strikte Maßnahmen einzuführen. Doch es kommt zu massivem Widerstand. 

Noch an Heikos Sterbebett hatte Dirk den Assistenzarzt Bernhard Hoestermann kennengelernt. Die beiden verlieben sich ineinander. Nach dem Mauerfall wird Hoestermann Schauspielagent. Er vertritt nicht nur Dirk, sondern viele große Namen der deutschen Schauspiellandschaft. Dann bricht die Krankheit plötzlich auch bei ihm aus. 

Interview mit dem Historiker Prof. Dr. Henning Tümmers

Prof. Dr. Henning Tümmers, Historiker an der Universität Tübingen, hat unter anderem zu dem gesellschaftlichen Umgang mit Aids geforscht und das Buch „AIDS – Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland“ (Wallstein Verlag 2017) veröffentlicht.  

 

Herr Tümmers, die Geschichte, die der Dreiteiler erzählt, beginnt in der DDR. War offen schwules Leben in der DDR möglich?  

Henning Tümmers: Homosexualität stand für die DDR-Spitze im Widerspruch zu der Idee einer sozialistischen Familie als Kernelement des Staates. Darüber hinaus verband man sie mit Dekadenz, also westlichem Kapitalismus. Trotzdem hat die DDR bereits 1968 den § 175 gekippt und so die Homosexualität offiziell entkriminalisiert. Aber erst knapp 20 Jahre später erklärte das Oberste Gericht der DDR, dass Homosexualität eine sexuelle Variante neben anderen ist. Bis dahin, muss man sagen, wurden Homosexuelle in der DDR oft diskriminiert. Öffentlich zeigen konnte man sich allenfalls in größeren Städten, das heißt, in Dresden, Leipzig und Berlin.  

Die ZDF-Dokuserie beginnt Anfang der 80er Jahre. Können Sie uns die Situation damals in Bezug auf Aids beschreiben? 

Henning Tümmers: Anfang der 80er Jahre kursierten in den USA die ersten Berichte über eine unbekannte Krankheit in medizinischen Fachzeitschriften. Man konnte diese Krankheit nicht einordnen. Man stellte fest, dass vor allem junge homosexuelle Männer betroffen waren. Sie bildeten eine spezifische Lungenentzündung aus und eine spezifische Form von Krebs. Das Ganze schien aber vollkommen atypisch. Es war etwas nie Dagewesenes. Und da diese jungen Männer sehr qualvoll starben, begann man, die unbekannte Erkrankung in einen Katastrophen-Diskurs zu verorten. Es wurden Vergleiche gezogen mit der Cholera, mit der Pest und so weiter.  Dadurch wurde ein großes Schreckensbild gezeichnet.  

Hat man das in Amerika gezeichnete Bild in Deutschland so übernommen? 

Henning Tümmers: Der bekannteste Artikel stammt aus dem "Spiegel" im Sommer 1983. Der "Spiegel" titelte "Tödliche Seuche AIDS". In der Rückschau gilt das tatsächlich als der Artikel, der Aids in das Bewusstsein der Bundesrepublik rückte. Gleichzeitig, das ist ganz spannend zu sehen, wird auch die Staatssicherheit im Osten durch die Westpresse, also über diesen "Spiegel"-Artikel, auf Aids aufmerksam. Die wissenschaftliche Fachwelt in der DDR kannte zwar die internationalen Berichte, aber es gibt interne Verweise der Stasi genau auf diesen "Spiegel"-Artikel mit dem Hinweis, da gibt es im Westen offensichtlich eine neue Krankheit, da ist etwas im Kommen.  

Wie ist die Tonalität generell in der Westpresse?  

Henning Tümmers: Die Westpresse zeichnet tatsächlich das Bild einer großen Katastrophe, einer Bedrohung, einer Apokalypse. Es werden Vergleiche gezogen, es werden Untergangsszenarien gezeichnet. Das Ganze wird begleitet von einem Schulddiskurs. Man sucht nach Sündenböcken. Und sehr schnell wird klar, dass die Homosexuellen dafür verantwortlich sein sollen. Es zirkulierte der Begriff der "Schwulenseuche", in den USA ist die Rede von "Gay Cancer". Das hängt damit zusammen, dass die medizinische Welt versucht, die wenigen Informationen zu ordnen, zu analysieren.  

Und wie reagierte die Führung der DDR auf die herannahende Epidemie?  

Die DDR präsentierte sich erst einmal relativ gelassen. Aids wurde zunächst totgeschwiegen. Es gab eine Order, die besagte, vorerst keine Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Gleichzeitig passierte aber Einiges im Hintergrund, man entwarf ein Katastrophenschutzprogramm. Man gründete schon 1983 eine Aids-Beratergruppe und entwarf einen Plan für den Fall, dass Aids auch über die Mauer gelangt und in die DDR eindringt. Aids galt vor allem als eine Krankheit des westlichen Kapitalismus. Man verfolgte aber die internationalen Medien sehr genau. Ab 1985 gab es – wie für andere übertragbare Krankheiten – auch für Aids/HIV in der DDR eine namentliche Meldepflicht, ganz im Gegensatz zum anonymen Meldewesen in der Bundesrepublik.  

Die beiden Protagonisten im Film stellen einen Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR und schreiben dort auch, dass sie als homosexuelles Paar zusammenleben. Welche Rolle, denken Sie, hat Aids bei der Entscheidung gespielt, schwulen Männern den Antrag zu genehmigen?  

Der Ausreiseantrag der beiden wurde ungewöhnlich schnell genehmigt. Aber die beiden waren ja nicht erkrankt. Es existiert aber ein früheres Beispiel: 1983 erkrankte ein Messebesucher aus der BRD in Leipzig und der wurde unmittelbar außer Landes geschafft, um jegliche Ansteckung zu vermeiden. In den Archiven finden sich weitere Fälle, die zeigen, dass das tatsächlich so Praxis war. Vor allem sogenannte Vertragsarbeiter, die infiziert waren, aber auch andere Bürger, die vermeintlich HIV-positiv waren, hat man versucht, so schnell wie möglich außer Landes zu bringen.  

Wie entwickelt sich die Situation dann im Laufe der 80er Jahre in Bezug auf Aids? 

Henning Tümmers: Mitte der 80er Jahre erreichte die politische Diskussion um Aids in der BRD ihren Höhepunkt. Es stand immer das Konzept der Aufklärung gegen das Ergreifen sogenannter "seuchenpolizeilicher Maßnahmen", sprich Anwendung von Zwang. Schließlich entschied dann das Parlament, im Grunde den Weg der Aufklärung zu gehen. 1987 startete die Kampagne "Gib Aids keine Chance!" und appellierte an Freiwilligkeit, Eigenverantwortung und Kooperationsbereitschaft. Gleichzeitig folgte aber nur wenig später schon wieder der Ruf nach Zwangsmaßnahmen.  

Sehen Sie in der Debatte damals – zwischen Freiheit und Eigenverantwortung des Einzelnen und verordnetem Schutz der Allgemeinheit – auch Parallelen zu den Debatten, die wir bei Corona erlebt haben? 

Henning Tümmers: Was man sehen kann, ist, dass in Phasen der Unwissenheit schnell die Suche nach Sündenböcken startet. Das ist als paralleles Funktionsmuster deutlich erkennbar. Und dass eine Infektionskrankheit auch immer mit Machtkämpfen einhergeht. Dass verschiedene Gruppen versuchen, sich zu positionieren. Und dass es eine Zeit lang dauert, bis ein gewisser Konsens erreicht wird und ein Maßnahmenkatalog greift. 

Wieso haben die Aufklärungskampagnen zu Aids damals in der Bundesrepublik für Streit gesorgt?  

Henning Tümmers: Die haben für Streit gesorgt, weil es natürlich um eine krasse Enttabuisierung von Sexualität ging. Man überließ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Aufklärung der sogenannten Allgemeinbevölkerung, während die Deutsche AIDS-Hilfe gezielt die Aufklärung für die Gay-Community übernahm. Und was insgesamt in den Fokus rückte, war das Kondom. Man sah es auf Litfaßsäulen, auf Werbung im Bus, im öffentlichen Nahverkehr. Es wurde im Fernsehen beworben.  

Und dagegen gab es Protest?  

Henning Tümmers: Einer der heftigsten Kritiker der Aufklärungsstrategie war Peter Gauweiler, Politiker in Bayern, der immer wieder gesagt hat: Safer Sex sei nicht sicher, es reiche nicht, sich ein Kondom überzustülpen. Man müsse vielmehr mit dem Rotlichtmilieu aufräumen und Ordnung schaffen. Ein bayerischer Maßnahmenkatalog umfasste Zwangstests, unter anderem von Prostituierten, und weitere Eingriffe, wie zum Beispiel infizierte Ausländer außer Landes zu schaffen, also eine Politik, die auf Zwang und Zwangsmaßnahmen setzte. Innerhalb der Gay-Community zirkulierte der Begriff eines "Aids-Staates", den Gauweiler da erschaffen wollte.  

Aber Peter Gauweiler konnte sich mit seinen Forderungen in der BRD nicht durchsetzen, oder? 

Henning Tümmers: Die CDU-Politikerin Rita Süssmuth, ab 1985 Bundesgesundheitsministerin, war die heftigste Gegenspielerin von Peter Gauweiler. Sie setzte schon relativ früh auf das Konzept der Eigenverantwortung und Aufklärung. Dabei spielte vor allem die deutsche Vergangenheit für sie eine wichtige Rolle, also die Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgung von Homosexuellen. Das wollte sie verhindern. Es waren aber auch ganz pragmatische Überlegungen, die sie leiteten, nämlich die Frage: Wenn wir testen, wie oft sollen wir testen? Wenn wir dann Menschen isolieren, wo sollen wir sie isolieren? Für wie lange? Es schien ihr alles nicht zielführend, nicht sinnvoll, und sie setzte eher auf die Eigenverantwortung des Bürgers und der Bürgerin. Rita Süssmuth hat sich innerhalb ihrer Partei nicht gerade Freunde gemacht damals.  

Wo hat sie den Mut hergenommen, sich so gegen ihre eigene Partei, gegen Kohl, gegen Gauweiler, gegen die ganzen Männer durchzusetzen?  

Henning Tümmers: Ich würde sagen, die Zeit gab Rita Süssmuth recht. Sie holte sehr schnell die Deutsche Aidshilfe mit an den runden Tisch und man sah, dass diese Aufklärungsarbeit Früchte trug und dass die etwas brachte.   

Ab wann gab es denn Aids-Tests, die halfen, eine Ausbreitung zu verhindern? 

Henning Tümmers: 1985 kam in West-Deutschland der HIV-Test auf den Markt. Allerdings muss man sagen, dass er ja nicht so sensitiv war, wie es heute der Fall ist. Es gab auch falsche Ergebnisse. Je nach Art und Weise einer möglichen Infektion dauerte es mehrere Wochen bis Monate, bis man Antikörper im Blut nachweisen konnte. Das heißt, man konnte negativ getestet und trotzdem positiv sein. Dazu lösten HIV-Tests große Ängste aus. Gerade innerhalb der Gay-Community stellte man sich die Frage: Was passiert, wenn ich mich testen lasse? Was macht der Staat mit meinem Ergebnis? Das führte dazu, dass anfangs beispielsweise auch die Deutsche Aidshilfe riet, sich nicht testen zu lassen. Die Erinnerungen an das Dritte Reich, die Verfolgung Homosexueller, die Angst vor rosa Listen waren in der BRD noch sehr präsent. 

Und wie war das in der DDR?  

Henning Tümmers: In der DDR war Aids auch ein Problem Heterosexueller. Laut Experten war Aids durch Vertragsarbeiter aus den sogenannten sozialistischen Brüderländern eingeschleppt worden, die dann Liebesbeziehungen mit DDR-Bürgern und -Bürgerinnen eingingen. Es gab Feststellungen, wonach Gruppen zum Teil bis zu 30 Prozent mit HIV durchseucht waren. Dazu kam gleichzeitig die Information, dass nur acht Prozent der Männer in der DDR jemals ein Kondom in der Hand gehabt hatten. Man rechnete sich aus, dass Aids, wenn es sich unter Heterosexuellen verbreitet, sehr schnell ein großes Problem für die DDR darstellen würde. Deshalb begann man mit dem Bekanntwerden des ersten Aids-Toten auf westliche Konzepte zu setzen, das heißt, die Aufklärung spielte ab Mitte der 80er dann auch in der DDR eine immer größere Rolle. Die Zahl der Erkrankungen war aber deutlich geringer als im Westen. Allein durch die Mauer war die Zahl der Infizierten in der DDR vergleichsweise niedrig.  

Gab es auch in der DDR eine zentrale Figur für die Aufklärungsarbeit, so wie es Rita Süssmuth im Westen war?  

Henning Tümmers: Die zentrale Figur in der DDR, wenn es um Aids ging, war mit Sicherheit Niels Sönnichsen, ein Dermatologe an der Charité, den die Westpresse auch ganz gerne "Professor Aids" nannte. Aids bot der DDR die Möglichkeit, sich als das bessere Deutschland zu präsentieren. Aber auch, wenn die Fallzahlen geringer waren als im Westen, stellte Aids für die DDR ein Problem dar, weil sie es wirtschaftlich nicht schaffte, entsprechende Verhütungsmittel zu produzieren. Es gibt wütende Schreiben von DDR-Bürgern, die beklagen, dass man unter anderem in Leipzig keine Kondome mehr erwerben kann. Es gibt Dokumente, die zeigen, dass man Einwegmaterial in der Charité gleich mehrfach verwenden musste. Es gab auch Probleme, Merkblätter zu finanzieren. Die wirtschaftliche Rückständigkeit spielte in der DDR eine große Rolle, was die Aufklärungsarbeit betraf.  

Und wie kam es dann zu der bemerkenswerten Zusammenarbeit von BRD und DDR? 

Henning Tümmers: Mitte der 80er Jahre merkte die DDR aufgrund der steigenden Fallzahlen, dass man aus eigener Kraft der Krankheit nicht Herr werden könne. Und so suchte man Hilfe und Anschluss an den Westen. Es kam 1987 zu einem Gespräch zwischen Erich Honecker und Helmut Kohl. 1988 reiste Rita Süssmuth mehrere Tage in die DDR. Auch Ludwig Mecklinger, der Gesundheitsminister der DDR, reiste nach Bonn und man vereinbarte Kooperationen auf dem Feld der Aids-Forschung und der Aufklärungsarbeit. Auch der Slogan "Gib AIDS keine Chance!" aus dem Westen wurde von der DDR übernommen. 

War eine solche Zusammenarbeit historisch gesehen nicht sehr ungewöhnlich? 

Ich würde schon sagen, dass das außergewöhnlich war. Es zeigt, dass die Aids-Krise ein Aufeinanderzugehen ermöglicht hat. Rita Süssmuth hat auch betont, es ginge hier um Kooperationen, nicht um Konfrontation. Honecker äußerte 1987, man solle unabhängig von der Gesellschaftsordnung an allen Forschungen teilnehmen. Also die DDR öffnete sich da dem westlichen System.  

Unser zweiter Protagonist im Film, der Schauspieler Dirk Nawrocki, stirbt 1994. Ab wann war Aids nicht mehr zwangsläufig eine tödliche Krankheit? 

Henning Tümmers: Um 1994 beginnt in der Medizin eine neue Entwicklung. In den Folgejahren kommt die sogenannte Kombinationstherapie auf den Markt, die dazu führt, dass Infizierte im Grunde ein normales Leben führen können. Menschen, die in den 80er Jahren in permanenter Todesangst gelebt haben, haben jetzt neue Perspektiven, können ihr Leben neu ausrichten. Aber die meisten haben viele Freunde sterben sehen und fragen sich: Wieso sie und nicht ich? 

Wofür steht die Aids-Krise rückblickend in beiden Teilen Deutschlands?  

Henning Tümmers: Aids hat vor allem in den 80er Jahren die Defizite der betroffenen Staaten sichtbar gemacht, also beispielsweise in Westdeutschland die Frage aufgeworfen, wie tolerant man eigentlich mit Homosexuellen umgeht. In der DDR zeigte sich, wie wenig wirtschaftlich solvent der Staat war. Letztlich markierte Aids aber auch die Möglichkeit für einen sozialen Wandel, für eine Öffnung auf unterschiedlichen Ebenen. Aids-Experten in Gestalt der Homosexuellen saßen nun mit der Politik an einem runden Tisch. Und es gab die Möglichkeit, sich im deutsch-deutschen System-Wettstreit zu begegnen und Kooperationspläne zu schmieden. Da sah man, dass Aids nicht nur eine Bedrohung dargestellt hat, sondern auch eine Chance bot, um Entwicklungsprozesse anzustoßen.  

Kontakt

Dr. Katharina Rudolph
Programmkommunikation
rudolph.k@zdf.de
030-20991081
Maja Tripkovic
Zentrale Aufgaben
tripkovic.m@zdf.de
06131-7018543