Der Fall Marianne Voss

Der Fernsehfilm der Woche

Griesenow, 2013: Die Friseurin Marianne Voss wird von ihrer Tochter Heike tot im Wald gefunden. Kurz darauf gerät Ehemann Karsten unter Mordverdacht. Doch er beteuert seine Unschuld.

  • ZDF, ad ut Montag, 25. März 2024, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ad ut ab Samstag, 23. März 2024, 10.00 Uhr, ein Jahr lang
  • ARTE, ad ut Freitag, 22. März 2024, 20.15 Uhr, und ab Freitag, 22. März 2024, 10.00 Uhr, in der ARTE-Mediathek

Texte

"Bis dass der Tod sie scheidet"

Eine Frau wird ermordet. Ihr Mann wird angeklagt, versichert aber, es nicht gewesen zu sein. Wie verführerisch, daraus einen Film zu machen, der fragt, ob er es wirklich war. Diese Grundspannung tritt jedoch mit jeder Minute immer weiter in den Hintergrund, während das Drama einer Ehe mehr und mehr Raum einnimmt. "Der Fall Marianne Voss" erzählt eine Geschichte, die über den Einzelfall hinausweist. In einer weiteren von unzähligen Variationen scheint ein Ehekonzept durch, das verheerende Wirkung zeigen wird: "Bis dass der Tod sie scheidet." Hier treffen anfangs zwei Menschen aufeinander, die einander brauchen und sich gegenseitig beflügeln. Die Ehe gibt beiden Halt und Kontrolle über ein Leben, das ihnen schon früh schwere Wunden geschlagen hat. Es ist, als hätten sich hier zwei verbündet ‒ die umschwärmte, unfreiwillig schwangere Marianne und der junge, ehrgeizige Karsten. Er bewundert sie und würde alles für sie tun. "Der Fall Marianne Voss" zeichnet über Jahrzehnte nach, wie sie die Fassade des Vorzeigepaars bis zum tödlichen Ende eisern wahren. Dahinter gerät die Ehe aber aus der Balance und wird für beide zu einem klaustrophobischen Gefängnis. Der Film nähert sich dem tödlichen Geheimnis um Mariannes Tod in einem tastenden Suchprozess. Das Gericht wird am Ende ein Urteil fällen, aber die Zuschauerinnen und Zuschauer sind frei, sich eigene Fragen zu stellen.

Solveig Cornelisen, Redaktion Fernsehspiel 1

Stab und Besetzung

Stab

Regie                               Uljana Havemann

Drehbuch                         Karin Kaçi

Bildgestaltung                  Stephan Wagner 

Musik                               Johannes Repka 

Schnitt                             Friederike Hohmuth

Ton                                  Oliver Grafe

Szenenbild                       Juliane Friedrich 

Kostümbild                       Judith Holste 

Produktion                        Eine ZDF-Auftragsproduktion der Senator Film Produktion in Zusammenarbeit mit ARTE

Produzentin/Produzent     Barbara Mientus, Ulf Israel      

Ausführender Produzent   Reik Möller

Produktionsleitung            Cornelia Schmidt-Matthiesen

Redaktion                          Solveig Cornelisen (ZDF), Julius Windhorst (ZDF/ARTE)

Länge                                90 Minuten

 

Die Rollen und ihre Darsteller*innen

Karsten Voss                     Jörg Schüttauf

Marianne Voss                   Valerie Koch

Fritz Malowski                    Thorsten Merten

Heike Voss                         Hannah Ehrlichmann

Hilde Wagner                     Steffi Kühnert

Ralf Wagner                       Bernhard Schütz

Therapeutin Dr. Rashan     Marie-Lou Sellem

Mayari Padilla                    Ponny Distakul

Staatsanwalt Hildebrand    Pierre Besson

Verteidigerin Thiessen       Helene Grass

Nebenkläger Anwalt           Atheer Adel

Richterin                            Doreen Fietz

Nachbar Ulrich                  Matthias Freihof

und andere

Inhalt

Griesenow, 2013: Die Friseurin Marianne Voss wird von ihrer Tochter Heike tot im Wald gefunden. Kurz darauf gerät Ehemann Karsten unter Mordverdacht. Doch er beteuert seine Unschuld.

Marianne und Karsten Voss führten über nahezu 50 Jahre eine harmonische Ehe. Als Karsten wegen Mordes angeklagt wird, steht die Kleinstadt unter Schock. Der Indizienprozess bringt erschütternde Einsichten in die Ehe des scheinbaren Vorzeigepaars. Die Zeugenaussagen vor Gericht lassen die Geschichte der Familie Voss ab 1990 wieder aufleben.

Nachdem Karsten zum Bürgermeister der brandenburgischen Kleinstadt gewählt wird, beschert er dem Ort einen unvergleichlichen Aufschwung. Er ist als charismatischer, tatkräftiger und sympathischer Macher bekannt und beliebt. Und auch nachdem er in Rente geht, sind Karsten und Marianne Voss ein gern gesehenes, perfektes Paar. Und jetzt soll er seine Frau ermordet haben?

Interview mit Jörg Schüttauf

Was hat Sie besonders an der Rolle Karsten Voss gereizt?

Zuerst ist da das Buch, welches mich mit der Geschichte schnell begeistert hat. Dann die Rolle des Voss mit seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit.

Von Außenstehenden wird Karsten Voss als Macher beschrieben – einer, der das Aufbauwunder "Ost" verkörpert. Dies steht in starkem Kontrast zu seinem Privatleben, in dem er augenscheinlich von seiner Ehefrau Marianne dominiert wird. Wie haben Sie sich diesem charakterlichen Spannungsfeld genähert?

Also eigentlich alles andere als eine Typbesetzung. Ich bin weder planvoll noch besonders unterwürfig. Aber sich dieser Art, diesem Charakter zu nähern, ihn zu verkörpern und auch ein Stück weit zu begreifen, macht a) Spaß und b) steht ja fast alles im Drehbuch. Dann tut man eben so, als ob man das wäre, und wenn die Kamera am richtigen Ort steht, der Text sitzt und die anderen für ihre Figuren ähnlich ticken, wird es am Ende des Tages eine stimmige Rolle.

Worüber definiert sich Ihre Figur Karsten Voss?

Ich denke, dass er, sobald er sein Zuhause verlässt, ein anderer wird. Endlich kann er sich dem widmen, was er am liebsten macht. Organisieren, Problemlösungen austüfteln und umsetzen und für seine Stadt und deren Bewohner eine Zukunft planen, die durchaus lebenswert erscheint. Das ist sein Motor, sein wahres Lebenselixier.

Was, denken Sie, bewegt Menschen dazu, lieber miteinander unglücklich zu werden, als sich zu trennen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Vielleicht ist es die Konstante, die es aus Sicht von Voss wert ist, beibehalten zu werden. Der sich immer wiederholende Rhythmus; aufwachen, Aufgaben entgegennehmen und nach getaner Arbeit nach Hause kommen. Vielleicht ist das Alleinsein nicht so sein Ding, und da sind ja auch noch die Tochter, das Haus und die Leute in der Nachbarschaft. Was sollen die wohl denken, wenn er plötzlich nicht mehr dort wohnt?

Am Ende wird Karsten Voss ein Indizienprozess gemacht und obwohl er stets seine Unschuld beteuert, wird er am Ende wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Wie haben Sie diesen Widerspruch in Ihre Schauspielarbeit übersetzt?

Das ist ja gerade das Spannende. War er's, oder war er's nicht? Nur er selbst weiß es. Aber "mein Vossi" wird es keinem verraten.

Interview mit Valerie Koch

In einem früheren Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie zuerst immer versuchen, Ihre Figuren von allen Ecken zu umzingeln. Wie haben Sie Marianne Voss umzingelt?

Zuerst kommt die Schreibtischtäterschaft. Es gibt einen Fragenkatalog, den ich mir über die Jahre angelegt habe, den es zu beantworten gilt. Daraus kann ich mir eine Biographie für die Figur schreiben. Aus der Biographie ergeben sich Antworten auf ihre grundlegenden Werte, auf ihre Handlungen und ihre Entscheidungen. Dann frage ich mich, welches Tier die Figur wäre, wäre sie in Tiergestalt geboren. Das erzählt mir viel über ihre Körperlichkeit. Zu Drehbeginn muss ich wissen, was sie tut. Ob sie eine hohe oder tiefe Stimme hat, ob sie an Horoskope glaubt, ob sie sich über Geschenke freuen kann oder ob sie lieber die obere oder die untere Seite vom Brötchen isst.

Was hat Sie besonders an der Rolle Marianne Voss gereizt?

Marianne Voss würde in einem Aqua Fit-Kurs nicht auffallen. Sie wäre die, die jede Übung korrekt und im Takt der Musik ausführen würde und bei den Mitturnerinnen beliebt wäre. Eine brave CDU-Wählerin, bei der sich ihre Altersgenossinnen wohl fühlen würden – eine, vor der man sich nicht fürchten muss. Was aber, wenn man hinter die Fassade schaut und sieht, dass da alles faul und einsturzgefährdet ist? Und was, wenn die Figur das von sich weiß, aber alles dafür tut, sich dessen nicht in Gänze bewusst zu werden, weil es keine Alternative zu diesem Leben gibt? Dieses Spannungsfeld zu erkunden und die Möglichkeit, eine Frau im Alter meiner Elterngeneration spielen zu dürfen, haben mich am meisten gereizt.

Obwohl die Ehe der Voss' anscheinend nur noch auf dem Papier besteht, reagiert Marianne zutiefst verletzt, als sie erfährt, dass ihr Mann Karsten eine Geliebte hat. Wie interpretieren Sie diese Reaktion?

Die Gefahr, die sich aus der Konstellationsverschiebung ergibt, löst Panik aus. In der Ehe hatte Marianne den Status 1, ihre Tochter den Status 2, ihr Hund Arnulf den Status 3 und ihr Mann den Status 4. Auf ihn, das letzte Glied der Kette, wurde also alles abgewälzt, was sich in einem Familienalltag an Lebensunrat ansammelt. Würde man ein Molekülmodell mit diesen Bausteinen bauen, würde deutlich, wie die Struktur zerbricht, sobald ein weiteres Element hinzukommt. Die Geliebte sprengt die Verbindung und verschiebt den Status, indem sie mit ihm ein neues Modell außerhalb Mariannes Wirkungsraum aufbaut. Es geht nicht um Liebeskummer, es geht um Angst, um Machterhalt.

Auf alten Aufnahmen schienen die beiden sich sehr gut zu verstehen, hatten einen großen Freundeskreis und Spaß am gemeinsamen Feiern. Wo sehen Sie den Kipppunkt in der Voss'schen Ehe?

Beide waren jung. Marianne hatte Affären, vielleicht auch ihr Mann. Wer weiß? Aber sicher gab es bei beiden noch Hoffnung auf ein Leben, das größer und besser als das der Eltern sein würde. Marianne war schön und Vossi erfolgreich. Sie durfte Bürgermeistergattin spielen und er Bürgermeister. Sie waren junge Eltern, nicht eines gemeinsamen Kindes, aber im Verständnis einer gemeinsamen Verantwortung und wurden wohlhabend. Da lenkt das Leben von Problemen ab, da besteht die größte Gefahr, sich in einer Lebenslüge einzurichten. Ihre Ehe war von Beginn an ein Arrangement. Er wollte sie, weil er einen Sieg erringen wollte. Sie wollte ihn nie, war aber dankbar, dass einer sie heiratete und sie so, trotz ungewollter Schwangerschaft, "ohne Schande" leben durfte. Ich glaube, ihr Scheitern war ein schleichendes. Die Schönheit schwindet, der Erfolg bleibt aus, der Zenit wird überschritten. Bei den Voss' gab es keinen Kipppunkt, sondern ein langsames, quälendes gegenseitiges Zermürben.

Was, denken Sie, bewegt Menschen dazu, lieber miteinander unglücklich zu werden, als sich zu trennen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Das müsste man sicher individuell beurteilen. Aber es gibt schon Faktoren, die das durchaus nachvollziehbar machen. In der Angst vor Veränderung findet sich wahrscheinlich die größte Schnittmenge wieder. Wie es in einem Song heißt: "If you can't be with the one you love, love the one you're with." Dann die emotionale und vor allem finanzielle Abhängigkeit. Herr Voss hatte sich ja sogar eine schriftliche Rechnung gemacht, bei der er zu dem Schluss kam, dass er nach einer Scheidung zu wenig Geld für ein angenehmes Leben haben würde. In Marianne Voss' Fall zusätzlich die panische Angst vor dem Geschwätz der Leute, die Angst vor Gesichtsverlust. Die sadistische Lust am Quälen, respektive die masochistische Lust am Gequältwerden könnte auch selbst, oder gerade bei den Voss' eine Rolle gespielt haben.

Gibt es eine Szene im Film, die Ihnen nachhaltig in Erinnerung geblieben ist?

Das Weihnachtsgedicht "Kleine Kerze, heller Schein". Die Demütigung, die Marianne hier ihrem Mann zufügt, könnte, wenn er sie denn umgebracht hat, der Moment seiner Entscheidung zur Tat gewesen sein. Und, ja, das zu spielen, hat unheimlich Spaß gemacht.

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