Die geheime Welt des Adels – mit Jochen Breyer
Seit der Abschaffung der Monarchie 1919 ist der Adelsstand rechtlich bedeutungslos. Und doch prägen adelige Familien bis heute Teile des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland. Der Film von Jochen Breyer und Julia Friedrichs beobachtet diesen Spagat zwischen Tradition und Moderne.
Fotos
Texte
Moderation Jochen Breyer
Regie Julia Friedrichs, Christoph Eder
Recherche Steffi Unsleber
Kamera Sebastian Klatt, Nicolai Mehring, Theresa Maué
Schnitt Filip Pampuch, Dirk Hergenhahn, Annie Wieser, Nikita Kohlhaas
Darsteller Katja Riemann und andere
Producer Till Gerstenberger, tell me why
Junior Producer Luisa-Marie Kauzmann
Redaktion Christian Wilk
Leitung der Sendung Caroline Reiher
Jochen Breyer recherchiert in einer Welt, die es offiziell seit über hundert Jahren nicht mehr gibt – und dennoch erstaunlich lebendig ist: die Welt des deutschen Adels. Seit der Abschaffung der Monarchie 1919 ist der Stand rechtlich bedeutungslos. Und doch prägen adelige Familien bis heute Teile des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland. Der Film beobachtet diesen Spagat zwischen Tradition und Moderne.
Jochen Breyer besucht Schlösser, Jagden und Adelsbälle. Er trifft Baron Nikolaus von Gayling-Westphal, den 26. Herrn von Schloss Ebnet bei Freiburg, und begleitet Günther Graf von der Schulenburg durch seine Wälder und Familienarchive.
Gayling-Westphal lebt in einem 276 Jahre alten Schloss, das nie richtig warm wird und monatlich rund 10.000 Euro Nebenkosten verursacht. Trotz eines Sturzes empfängt er Breyer zum Interview im Himmelbett. "Die alten Traditionen, die Merkmale vom Adel, die konnte man ja nicht verbieten", sagt der Baron. "Ich erkenne, wer adlig ist und wer nicht." Seinen Stammbaum könne er bis ins Jahr 1080 zurückverfolgen. Auch das mache den Adel aus.
Dass Schlösser und Burgen bis heute im Besitz adeliger Familien sind, überrascht kaum. Weniger bekannt ist, dass Adelige auch unter den Vermögenden deutlich häufiger vertreten sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ein Beispiel ist der Wald: Große Flächen des deutschen Waldes gehören bis heute adeligen Familien.
Günther Graf von der Schulenburg bewirtschaftet 5000 Hektar Wald – eine Fläche von etwa 7000 Fußballfeldern. Für ihn ist der Besitz Privileg und Verpflichtung zugleich. "Ich profitiere wirtschaftlich von Bäumen, die mein Großvater gepflanzt hat. Und wenn ich heute Bäume pflanze, profitieren mein Sohn oder mein Enkel davon", sagt er. "Wir sind der Meinung, man muss den Besitz zusammenhalten."
Der Film zeigt: Adel bedeutet heute weniger Glanz als Verpflichtung. Besitz wird nicht verbraucht, sondern bewahrt – im Bewusstsein, Teil einer langen Kette zu sein. Gleichzeitig erlebt Breyer, wie auf Bällen bereits die nächste Generation junger Adeliger Netzwerke knüpft und wie der Fortbestand einer Familie nach den Regeln des historischen Adels noch immer von männlichen Stammhaltern abhängt. "Es gab Momente zwischen Polo-Turnier und Hut-Wettbewerb, in denen ich dachte: Das kann nicht real sein", sagt Breyer. "Ich hatte das Gefühl, in einer Adels-Serie gelandet zu sein. Aber alles war echt."
Orientierung und Einordnung erhält der Film auch durch eine besondere, zusätzliche Erzählebene: Schauspielerin Katja Riemann schlüpft in die Rolle einer Hausdame, die die Zuschauerinnen und Zuschauer durch die Geschichte und Gegenwart des deutschen Adels führt.
Wie ist die Idee für "Die geheime Welt des Adels" entstanden?
Relativ spontan. Wir hatten davon gehört, dass es eine Art Netzwerk-Event für junge Adelige gibt, eine Fahrradtour, bei der sie im Sommer von Schloss zu Schloss radeln. Womöglich auch mit dem Hintergedanken der Eltern, dass die Kinder einen standesgemäßen Partner finden. "Adel auf dem Radel", heißt die Tour.
Ein Netzwerk junger Adeliger? 100 Jahre, nachdem der Stand eigentlich abgeschafft ist? Das fanden wir spannend. Wir wollten mehr über diese ganz besondere, aber doch relativ verschlossene Welt wissen.
Was hat Sie an der relativ verschlossenen Welt des Adels gereizt?
Wenn eine Welt verschlossen ist, aber durch Geld, Besitz und Netzwerke dann doch relativ einflussreich, ist das aus journalistischer Sicht extrem interessant. Außerdem mag ich den neugierigen Blick durchs Schlüsselloch. Meist sieht es dahinter ganz anders und viel spannender aus als man vorher denkt. Das war natürlich auch bei den Dreharbeiten zu dieser Doku so. Denn die Schlüssellöcher, durch die wir schauen konnten, waren ja die von Schlössern, Rittergütern oder Ballsälen.
Welche Dinge und Erkenntnisse haben Sie am meisten überrascht?
Wir haben so viel gesehen und erfahren und gelernt, dass das Schwierigste am Ende war, alles in 45 Minuten zu erzählen.
Mir war zum Beispiel nicht klar, dass Männer und Frauen nach den Regeln des historischen Adels längst nicht gleichgestellt sind. Namen und Titel kann eigentlich nur der Mann weitergeben. Überrascht hat mich, dass dagegen so wenig jüngere Adelige protestieren.
Mir war aber auch nicht klar, wie sehr es das Leben des Einzelnen prägt, wenn er sich immer auch als Teil einer dynastischen Kette sieht.
Wir haben für unsere Dokumentation einen Baron besucht, der im Schloss seiner Familie lebt. Er hat das Schloss übernommen und viele Millionen investiert, um es zu erhalten. Im Winter ist es oft bitterkalt, einmal sind ihm sogar die Fische im Aquarium eingefroren. Er empfindet es als Auftrag, diesen Familienbesitz zu bewahren. Ein Auftrag, der wichtiger ist als das persönliche Glück.
Ein anderes Beispiel war Prinz Reuß. Mit seinem Fall haben wir uns intensiv beschäftigt. Der Prinz steht ja gerade in Frankfurt vor Gericht, weil ihm vorgeworfen wird, Teil einer Terrorgruppe gewesen zu sein, die den deutschen Staat mit Gewalt habe stürzen wollen. Auch Prinz Reuß hat von seiner Familie einen Auftrag bekommen, etwas, wozu ihn das Adelig-Sein verpflichtet: Er sollte die Besitztümer zurückerlangen, die der Familie nach dem Zweiten Weltkrieg in dem Gebiet der heutigen DDR genommen wurden. 180 Verfahren hat Prinz Reuß gegen die Bundesrepublik geführt. Vergeblich. Darüber ist er verbittert und sitzt jetzt im Gefängnis, angeklagt, einen Umsturz geplant zu haben.
Wie schätzen Sie aktuell nach ihren Recherchen den politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Adels in Deutschland ein?
Der Adel verfügt noch immer über funktionierende Netzwerke, in die man sehr früh hineinwächst. Junge Adelige haben uns von Bällen, von Internaten, von Jagden erzählt, auf denen sie sich ganz selbstverständlich vernetzen. Klar ist aber auch: Der Adel, den es ja eigentlich gar nicht mehr gibt, ist ein Stand, der einiges einsetzen muss, um bestehen zu bleiben. Es gibt nur noch geschätzte 80.000 Nachfahren des historischen Adels, die natürlich in ganz unterschiedlichen Verhältnissen leben. Unseren Recherchen zufolge ist der Adel noch immer wohlhabender als der Durchschnittsdeutsche. Es sind mehr Adlige auf der Liste der reichsten Deutschen zu finden. Dem Adel gehört noch immer einiges: Burgen, Schlösser, Ländereien, vor allem aber auch Wald, viele, viele Hektar Wald.
Die Biografie von Jochen Breyer finden Sie <<HIER>>
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