Terra Xplore: Wie viel Tod gehört zum Leben? Mit Leon Windscheid

Drei Folgen, die sich mit dem Tabu-Thema Tod auseinandersetzen

Wie normal kann der Tod sein? Wie kann man einen besseren Umgang mit dem Thema Tod und Sterben finden? In drei neuen Folgen "Terra Xplore" befasst sich Psychologe Leon Windscheid mit "gutem Sterben" und dem Tabu-Thema Suizid. Die drei Folgen "Wie viel Tod gehört zum Leben?" sind sonntags am 13. April, 20. und 27. April 2025, jeweils um 18.30 Uhr im ZDF zu sehen und alle drei Folgen ab Montag, 24. März 2025, 10.00 Uhr auf zdf.de.

  • ZDF-Streaming, alle drei Folgen ab Montag, 24. März 2025, 10 Uhr
  • ZDF, ab Sonntag, 13. April 2025, 18.30 Uhr

Texte

Über die Staffel

Wir alle müssen irgendwann sterben. Egal, wie wir aussehen, wo wir herkommen, ob wir arm oder reich, glücklich oder unglücklich sind. Rund eine Million Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr, 3.000 pro Tag. Doch meist wird der Gedanke an den Tod verdrängt. Warum ist das so? Wie kann man einen besseren Umgang mit dem Thema Tod und Sterben finden? Und wie gehen Menschen damit um, wenn der eigene Tod unmittelbar bevorsteht? Diesen und anderen Fragen geht Psychologe Leon Windscheid in der dreiteiligen "Terra Xplore"-Staffel "Wie viel Tod gehört zum Leben?" wissenschaftlich auf den Grund.

Sendetermine

ZDFmediathek: alle drei Folgen ab 24. März 2025, 10.00 Uhr
ZDF: sonntags, ab 13. April 2025,  jeweils um 18.30 Uhr

Stablisten

Totgeschwiegen – Warum Suizid uns alle angeht (1/3)

Buch und Regie: Anja Kollruß

Kamera: Florian Kössl, Axel Thiede (Studio)

Montage: Udo Zühlsdorf

Produktion Doclights: Ulrike Römhild, Zoe Wingenfelder, Paul B. Müller

Produktion ZDF: Antje Galonske, Moritz Bömicke, Yvonne Kalinowski

Redaktion Doclights: Martina Sprengel

Redaktion ZDF: Veronica Pieper, Philipp Gölter

Leitung der Sendung: Swea Schilling 

 

Gibt es gutes Sterben? (2/3)

Buch und Regie: Melanie Poetter

Kamera: Florian Kössl, Axel Thiede (Studio)

Montage: Udo Zühlsdorf

Produktion Doclights: Ulrike Römhild, Zoe Wingenfelder, Paul B. Müller

Produktion ZDF: Antje Galonske, Moritz Bömicke, Yvonne Kalinowski

Redaktion Doclights: Martina Sprengel

Redaktion ZDF: Veronica Pieper, Philipp Gölter

Leitung der Sendung: Swea Schilling 

 

Der Tod ist mein Job (3/3)

Buch und Regie: Melanie Poetter

Kamera: Gidon Lasch

Montage: Udo Zühlsdorf

Produktion Doclights: Ulrike Römhild, Zoe Wingenfelder, Paul B. Müller

Produktion ZDF: Antje Galonske, Moritz Bömicke, Yvonne Kalinowski

Redaktion Doclights: Martina Sprengel

Redaktion ZDF: Philipp Gölter, Veronica Pieper

Leitung der Sendung: Swea Schilling 

Totgeschwiegen – Warum Suizid uns alle angeht (1/3)

Das Sprechen über Suizid gilt immer noch als gesellschaftliches Tabu. Damit will Familie Kelter brechen. Vor zehn Jahren verliert sie ihren damals 19-jährigen Sohn Nico.  Psychologe Leon Windscheid spricht in der ersten Folge der Staffel "Wie viel Tod gehört zum Leben?" mit den Kelters über den schmerzhaften Verlust und die Folgen bis heute. Und er geht der Frage nach, welche Warnsignale und Risikofaktoren es für Suizid gibt.

Seit dem Suizid ihres ältesten Sohnes Nico setzen sich die Eltern Sandra und Mario Kelter für mehr Aufklärung ein. Sie wollen Suizid und Depressionen das gesellschaftliche Stigma nehmen, um anderen Familien das Erlebte zu ersparen. Auch ihr jüngerer Sohn Emil hofft, dass sich mehr Menschen trauen, über ihre traurigen Gedanken offen zu sprechen. Laut Schätzungen hinterlässt jeder Verstorbene nach einem Suizid etwa fünf bis zehn trauernde Hinterbliebene. Leon Windscheid trifft Menschen, die zum ersten Mal öffentlich über ihre Trauer sprechen und dabei merken, wie gut der Austausch untereinander tut. Denn auch sie leiden unter der anhaltenden Tabuisierung von Suizid.

In Deutschland sterben laut statistischem Bundesamt jährlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Der Suizid und seine Folgen betrifft also viele – und bleibt dennoch ein gesellschaftliches Tabu. Doch wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit diesem Thema aus wissenschaftlicher Sicht aus? Auf der Suche nach Antworten trifft Leon Windscheid Prof. Ute Lewitzka, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Sie weiß: "Das Ansprechen suizidaler Gedanken kann Leben retten." Viele Betroffene erfahren eine Entlastung, weil jemand das Tabuthema offen anspricht und zuhört. Von der Expertin erfährt er auch, welche Warnsignale es bei Menschen mit suizidalen Gedanken gibt, und welche Risikofaktoren den Forschenden bekannt sind. Dabei macht Prof. Lewitzka klar: Wer an Depressionen leidet, gilt nicht gleich als suizidal. Denn den einen Grund, sich das Leben nehmen zu wollen, gibt es nicht.

Gibt es gutes Sterben? (2/3)

Der Tod wird von den meisten Menschen verdrängt. Doch was ist, wenn man ihm nicht mehr ausweichen kann? Wie leben Menschen mit ihrem nahenden Tod? Und gibt es gutes Sterben? Um diese Fragen zu beantworten trifft Psychologe Leon Windscheid in der zweiten Folge die todkranke Nadja Seipel und begleitet Palliativpflegerin Michaela Bayer bei ihrer Arbeit.

Nadja Seipel ist Palliativpatientin. Nach einer Brustkrebsdiagnose lebt sie mit Metastasen in Lunge, Leber, Lymphen und Knochen. Ihre Tochter Annabelle ist 14 und seit neun Jahren damit konfrontiert, dass ihre Mutter jeden Tag sterben kann. Leon Windscheid spricht mit beiden über die besonderen Herausforderungen und Strategien im Umgang mit dieser belastenden Situation. Angesichts der kurzen Zeit, die ihr noch bleibt, sagt Nadja: "Für mich ist gutes Sterben, dass ich aus dem, was ich jetzt noch habe, das Beste heraushole."

Kann man sich auf das eigene Sterben vorbereiten? Wie erleben Sterbende ihre letzten Wochen – und wie geht gutes Sterben? Antworten auf diese Fragen sucht Leon Windscheid im Münchner Klinikum Großhadern. Dort begleitet er Palliativpflegerin Michaela Bayer einen Tag lang bei ihrer Arbeit. Aus den Begegnungen mit Sterbenden erfährt Leon, dass es beim Sterben helfen kann, positiv auf das eigene Leben zurückzublicken. Das bestätigen auch verschiedene wissenschaftliche Studien. Von der Palliativmedizinerin Prof. Claudia Bausewein erfährt Leon Windscheid, dass das Gehör das letzte Sinnesorgan ist, das seine Funktion aufgibt. Daher sind vertraute Stimmen für die Sterbenden bis zuletzt besonders wichtig.

In einem Sozialexperiment fragt Leon Windscheid ganz unterschiedliche Menschen, was sie unbedingt noch erleben möchten, bevor sie sterben. Und er geht der Frage nach, ob am Ende ein gutes Leben die beste Voraussetzung für ein möglichst gutes Sterben ist.

Der Tod ist mein Job (3/3)

Wie kann man einen natürlicheren Umgang mit dem Tod lernen? Und welche Rituale helfen, um Trauer besser bewältigen zu können? Psychologe Leon Windscheid geht diesen Fragen in der letzten Folge der Staffel "Wie viel Tod gehört zum Leben?" nach.

Im Gegensatz zu den meisten Menschen hat er keine Berührungsängste mit dem Tod: Luis Bauer, Jahrgang 2005, gehört zu den jüngsten Bestattern Deutschlands. Er ist in einer Bestatterfamilie aufgewachsen und hat schon als Vierjähriger neben seinem Vater im Leichenwagen gesessen. Über seinen beruflichen Alltag berichtet er ohne Tabus unter anderem auch auf seinem TikTok-Kanal. Leon Windscheid begleitet ihn einen Tag lang bei der Arbeit und hilft ihm, eine Verstorbene für ihren letzten Weg vorzubereiten. Eine ungewohnte Rolle, die ihm anfangs schwerfällt. Aber er erfährt: Je näher er der Verstorbenen kommt, umso mehr geht seine anfängliche Angst in Respekt vor dem Tod über.

Im Jahr 2023 starben in Deutschland laut statistischem Bundesamt mehr als eine Million Menschen. Aber kaum jemand in unserer Gesellschaft möchte sich mit dem eigenen oder dem Sterben nahestehender Menschen auseinandersetzen. Warum fällt uns das so schwer? Für die beiden Soziologen Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler  liegt das vor allem an unserer Sozialisation. Wir wachsen in einer Kultur auf, in der der Tod weitgehend ausgeblendet wird. Gleichzeitig gelten in Deutschland strenge Regeln für Trauerrituale. Dabei wäre es für die beiden Forscher wichtig, neue Rituale finden, auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung.

Ute Lewitzka, Professorin für Suizidologie und Suizidprävention, im Interview

Ute Lewitzka, Professorin für Suizidologie und Suizidprävention an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat die erste Professur für Suizidologie bundesweit inne und ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Warum ist das Thema Suizid noch immer ein Tabu?

Ich finde, dass Suizid nicht mehr unbedingt ein Tabu ist. Bei einem durchschnittlichen Medienkonsum begegnet einem das Thema mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar täglich. Es ist nicht das Problem, dass wir NICHT darüber reden, sondern WIE wir darüber reden. Eine Ausnahme erleben manchmal Hinterbliebene in eher kleineren Gemeinden – dort kann es durchaus sein, dass nicht über den Suizid gesprochen wird, also ein echtes Tabu ist. Immer dann, wenn nicht darüber gesprochen wird geht es häufig um Ängste und Unsicherheiten. Was sage ich jemanden, dessen Angehöriger durch Suizid gestorben ist? Für einen Tod durch Erkrankung oder Unfall fallen uns Worte ein – für einen Suizid nicht. Die Gesellschaft hat über Jahrzehnte das Thema Tod und Sterben verdrängt, es gehörte nicht in den Alltag. Und Suizid ist in einigen Ländern immer noch eine strafbare Handlung – über Jahrhunderte wurde er von der Kirche sanktioniert. Auch diese Geschichte trägt zu vielen Mythen und Vorurteilen bei.

 

Welche Warnsignale könnten darauf hinweisen, dass eine Person Suizidgedanken hegt?

Immer dann, wenn eine Person ihr übliches Verhalten ändert, zum Beispiel wenn ein Mensch, der gern erzählt, auf einmal schweigsam wird. Wenn eine Person, die sozial sehr aktiv ist, sich zurückzieht, niemanden mehr treffen möchte. Wenn ein Mensch, der sich um sein Äußeres gekümmert hat, dies auf einmal nicht mehr tut. Wenn Schlafstörungen auftreten oder der Appetit sich ändert. Aber auch, wenn jemand reizbarer, dünnhäutiger ist oder sich eher risikoreicher verhält. All das kann ein Hinweis sein –  muss es aber nicht. Darüber hinaus gibt es nicht wenige Menschen, bei denen im Vorfeld eines Suizides gar keine Veränderungen sichtbar wurden. Was bei diesen Menschen passiert – darüber wissen wir noch nicht gut genug.

 

Wie regiert man richtig, wenn man bemerkt, dass eine Person Suizidabsichten hat?

Die erste Botschaft ist hier: Man darf, kann, sollte es sogar ansprechen! Ich bringe niemanden auf die Idee, sich das Leben zu nehmen. Die Gedanken sind vorher da. Das Ansprechen führt bei den Betroffenen oft zu einer Erleichterung. Natürlich sollte dafür auch die Situation passen. Das ist sicherlich kein Gespräch, das man so nebenbei führen sollte.

Die zweite Botschaft dabei ist, es nicht zu bewerten. Welche Gründe ein Mensch dafür aufzählt – es steht uns nicht zu, diese zu bewerten oder mit gut gemeinten Ratschlägen zu begegnen. Es geht um das wertfreie Annehmen und Aushalten. 

Und die dritte Botschaft wäre: da sein. Niemand muss Angst haben, dass man sofort professionell reagieren muss; dafür gibt es Fachleute. Es geht schlicht um das menschliche Begleiten, das ist eine der wichtigsten Maßnahme. Natürlich ist es auch gut, einer betroffenen Person zu helfen, ins Hilfesystem zu kommen, wenn es notwendig ist. Viele Angebote sind immer noch nicht gut genug bekannt, und Betroffene haben oft nicht die Kraft, einen Termin beim Hausarzt oder Therapeuten zu organisieren. Hier können Angehörige oder Freunde helfen.

Wichtig ist aber auch: eigene Grenzen kennen. Wenn es mir selbst gerade nicht gut geht, darf ich das auch sagen. Und dann dafür sorgen, dass es eine andere Person gibt, die begleiten kann.

 

Sie haben die erste deutsche Professur für Suizidologie und Suizidprävention inne. Wie wichtig ist eine solche Institutionalisierung?

Zunächst freut es mich erst mal riesig, dass es für so ein wichtiges Thema nun auch eine Professur gibt: Die Verankerung der Suizidologie als wissenschaftliche Disziplin in einer universitären Struktur demonstriert die Bedeutsamkeit. Die Verankerung der Suizidologie als wissenschaftliche Disziplin in einer universitären Struktur demonstriert die Bedeutsamkeit, und das freut mich sehr. Darüber hinaus glaube ich, dass eine solche Professur auch dazu führen kann, eine stärkere Stimme bei Entscheidungsträgern zu haben oder auch eher Gehör zu finden. Dies kann wichtig sein, um Anliegen der Suizidprävention zu fördern.

 

Was braucht eine gute Präventionsarbeit beim Thema Suizid?

Eine gute Präventionsarbeit sollte immer alle Ebenen der Prävention umfassen und Fachleute, die Betroffenen und die Angehörigen miteinschließen. Wir wissen, dass Prävention sowohl auf der universellen, selektiven und indizierten Ebene wirksam ist. Sie sollte die Grundlagen- und klinische Forschung fördern und deren Ergebnisse in die Praxis überführen. Sie muss auch verschiedene Risikogruppen adressieren und vor allem stetig evaluieren, welche Präventionsmaßnahme welche Effekte hat. Sie sollte vor allem dafür sorgen, dass valide Daten verfügbar sind und für die Konzeption von Präventionsmaßnahmen genutzt werden können.

 

Berichte über Suizid sind eine schwierige Gratwanderung. Warum ist Berichterstattung wichtig und was ist dabei zu beachten?

Es gibt sehr gute Medien-Guidelines wie vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm oder der WHO. Darin ist beschrieben, was wichtig ist. Zum Beispiel keine Nennung der Methode, keine simple Erklärung – es ist nie eine Ursache! –  und vor allem keine Details, die die Handlung romantisieren oder heroisieren. Stattdessen kurz ohne Fotos oder weitere Hinweise. Medienschaffende können sogar schützend berichten: Indem sie Menschen zeigen, die suizidale Krisen erlebt haben und beschreiben, was ihnen geholfen hat und damit Hilfesuchverhalten stärken. Das kann sogar Suizidalität verringern. Dieser sogenannte Papageno-Effekt ist mittlerweile recht gut untersucht.

Die Fragen stellte Veronica Pieper, ZDF-Redaktion Wissen ("Terra Xplore").

Adressen für Hilfsangebote

Hilfe bei Suizid-Gedanken:

Telefonseelsorge: 0800/1110111 oder 0800/1110222, online.telefonseelsorge.de

Krisendienste vor Ort kontaktieren

Hilfe für Jugendliche (zusätzlich):

Nummer gegen Kummer: 116 111

www.u25.de

www.nethelp4u.de

jugendnotmail.de

Hilfe für Hinterbliebene:

AGUS – Angehörige um Suizid e.V.
0921/150 03 80
www.agus-selbsthilfe.de

Fotos

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/terraxplore

Weitere Informationen

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