Amerika – Traum und Wirklichkeit

Dreiteilige Dokureihe

Dieses Jahr feiern die USA ihr 250-jähriges Bestehen. Wie steht es um die Kernwerte der Nation "Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness " – "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück", das die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 verspricht? Wie viel vom "American Dream" ist geblieben in einem Land, das tief gespalten ist, wie selten zuvor? Persönliche Erfahrungen verschiedenster Menschen und Analysen von Expertinnen und Experten zeichnen ein vielstimmiges Porträt der USA.

Sendedatum

Ab Dienstag, 9. Juni 2026, 5.00 Uhr im ZDF streamen
Dienstag, 9. Juni 2026, 20.15 Uhr (1/3)

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Texte

Titel und Termine

Ab Dienstag, 9. Juni 2026, 5.00 Uhr im ZDF streamen
ZDF: Dienstag, 9. Juni 2026, 20.15 Uhr
Amerika – Traum und Wirklichkeit: Freiheit (1/3)
Dreiteilige Dokureihe von Jan Tenhaven und Jens Strohschnieder

Ab Dienstag, 9. Juni 2026, 5.00 Uhr im ZDF streamen
Amerika – Traum und Wirklichkeit: Spaltung (2/3)
Dreiteilige Dokureihe von Jan Tenhaven und Jens Strohschnieder

Ab Dienstag, 9. Juni 2026, 5.00 Uhr im ZDF streamen
Amerika – Traum und Wirklichkeit: Macht (3/3)
Dreiteilige Dokureihe von Jan Tenhaven und Jens Strohschnieder

Stab (Auswahl)

Buch und Regie                    Jan Tenhaven, Jens Strohschnieder
Kamera                                 Alex Foster, Alexander Gheorgiu, Sam Shinn, Thomas Eirich-Schneider
Schnitt                                  Oliver Szyza, Stefan Eggers, Jörg Kuchenbecker
Archive Producer                   Florian Tropp, Eva Diet, Masha Chelova
Mitarbeit                               Klaus Brinkbäumer
Produzent                              Reinhardt Beetz
Redaktion                              Eva Fouquet, Nele Thumser (Beetz Brothers)
                                              Martin Jabs, Martina Schindelka (ZDF)
Leitung der Sendung              Caroline Reiher
Sendelänge                            3 x 43.30 Minuten

Eine Produktion von beetz brothers im Auftrag des ZDF

Inhalte der Folgen

Amerika – Traum und Wirklichkeit: Freiheit (1/3)

Die USA feiern ihren 250. Geburtstag und ihren "American Dream". Doch was ist vom Freiheitsversprechen seit der Unabhängigkeit geblieben? Was bedeutete Freiheit damals und bedeutet sie heute?
Die Gründerväter der USA propagierten Gleichheit für alle. Doch People of Color kämpfen immer noch um ihren Platz in der Gesellschaft. Und wie steht es um den Zusammenhalt der US-Amerikaner, wenn die Freiheitsrechte immer weiter eingeschränkt werden?
Dr. Sheila Nazarian hat ihren persönlichen "American Dream" tatsächlich verwirklicht: Die jüdische Iranerin ist erfolgreiche Schönheitschirurgin in Los Angeles mit eigener Netflix-Serie. Als stolze US-Amerikanerin und überzeugte Trump-Unterstützerin verkörpert sie die migrantische Erfolgsgeschichte in der Doku-Reihe.
Was bedeutet es hingegen, Amerikaner oder Amerikanerin zu sein, wenn die eigenen Vorfahren in Ketten ins Land gebracht wurden, wie bei Joycelyn "Joy" Davis, Nachfahrin der Versklavten des letzten bekannten Sklavenschiffs "Clotilda"?
Oder wenn die Vorfahren schon da waren, lange bevor es die USA gab? Celestine Stadnick gehört zur indigenen Minderheit der Lakota und lebt im Pine‑Ridge‑Reservat in South Dakota – der ärmsten Gegend der USA. Sie nimmt das Filmteam mit nach Wounded Knee, wo 1890 das Massaker an ihrem Volk stattfand.
In Arkansas legt Eric Orwoll das Fundament für eine Siedlung, in der nur weiße, christliche, heterosexuelle Amerikaner willkommen sind. Für ihn gibt es zu viele Einwanderer aus "fremden Kulturen" – Amerika müsse zu seinen Wurzeln zurück. Eric sieht sich in der Tradition der europäischen Siedler, die das Land seit dem 17. Jahrhundert kolonisierten. Sie fanden ihr Glück in der Neuen Welt und erkämpften sich 1776 die Unabhängigkeit von der damaligen Supermacht England.
Politikwissenschaftlerin Sudha David-Wilp sieht in Menschen wie Eric eine neue Welle alten Denkens: "Die Idee, Amerika gehöre einer weißen Mehrheit, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte – sie verschwindet nie ganz, sondern taucht in neuen Formen wieder auf."
Ganz anders zeigt sich Amerika in New Yorks Chinatown. Paul Eng führt den Tofu-Laden seines Großvaters weiter. Der kam in den 1930er Jahren über den Umweg Kuba nach Amerika, weil der "Chinese Exclusion Act" Chinesen damals die Einwanderung verbot. Paul, erfolgreich und integriert, sieht sich heute als erster echter Amerikaner seiner Familie.
Experten und Expertinnen wie die Historikerin Jill Lepore und die renommierte Journalistin Rieke Havertz ordnen ein: Das Freiheitsversprechen war von Anfang an umkämpft.

Amerika – Traum und Wirklichkeit: Spaltung (2/3)

"Wir, das Volk" – mit diesen Worten beginnt die amerikanische Verfassung. Der zweite Teil der Doku-Reihe fragt: Wer gehörte im Land der Einwanderer von Beginn an dazu und wer nicht? War das Versprechen "We the People" nach der Unabhängigkeitserklärung vor 250 Jahren jemals für alle gedacht? Oder war die Nation der Einwanderer auch immer schon eine Nation der Ausgrenzung? Schafft Einwanderung Vielfalt, aber gleichzeitig auch soziale Konflikte?
Pamela Hemphill war am 6. Januar 2021 dabei, als das Kapitol gestürmt wurde. Heute bereut die "MAGA-Granny" ihre Teilnahme zutiefst. Was trieb sie damals an? Und was hat sich seitdem für sie verändert? Die ZDF-Dokumentation begleitet sie bei ihrer Rückkehr nach Washington – fünf Jahre nach jenem Tag, der Amerika erschütterte.
In Portland stehen sich Demonstranten Nacht für Nacht gegenüber. Die einen protestieren gegen die Abschiebepraxis des US-Präsidenten und der Einwanderungsbehörde ICE und kämpfen für die Rechte von Einwanderern. Die anderen sehen in ihnen "Terroristen", die Amerika zerstören wollen.  
Seit jeher empfinden es die Amerikaner als ihr gutes Recht, Waffen zu besitzen. Um sich notfalls selbst zu verteidigen und sie betrachten es nicht zuletzt als Symbol der Freiheit – verankert in Bibel und Verfassung. In Virginia gehen sie auf die Straße, um Schnellfeuergewehre zu verteidigen. Und längst greifen auch jene zur Waffe, die früher nie eine angerührt hätten.
"All men are created equal" – auf diesem Ideal gründete vor 250 Jahren die Unabhängigkeitserklärung. Doch für wen galt es wirklich? Die Gründerväter, die von Gleichheit schrieben, besaßen selbst Sklaven. Historikerin Keisha N. Blain betont, dass schwarze Amerikanerinnen und Amerikaner die Gründungsdokumente immer wieder beim Wort genommen haben: "Schwarze Communities haben dieses Ideal ernst genommen, auch wenn der Staat sie ausschloss." In Boston zeigt Sozialarbeiter Abrigal Forrester, wie die Spuren dieser Geschichte bis heute nachwirken und junge Menschen prägen. Politikwissenschaftler Yuval Levin erinnert daran, dass die Unabhängigkeitserklärung "eine Verpflichtung zur Gleichheit" formulierte, die bis heute als Messlatte dient.
Morris Pearl ist mehrfacher Millionär und ehemals BlackRock-Manager. Er hat einst dafür gesorgt, dass Banken aus Krisen gerettet wurden. Seine Erkenntnis seitdem: "Das von den USA geprägte Finanzsystem rettet die Großen und lässt die Kleinen im Regen stehen." Heute kämpft Pearl für höhere Steuern auf Reichtum. Weil er glaubt, dass das System sonst zu Unruhen führt. Seine Geschichte führt vor Augen, dass die USA nicht nur mit gesellschaftspolitischer Spaltung zu kämpfen haben, sondern auch mit den ökonomischen Gräben zwischen Arm und Reich.
Experten wie Keisha N. Blain, der frühere Nationale Sicherheitsberater John Bolton, Yuval Levin, Rachel Tausendfreund und ZDF‑Korrespondent Elmar Theveßen ordnen ein, wie aus dem großen Versprechen der Unabhängigkeit ein Land wurde, das so tief gespalten ist wie selten zuvor.

Amerika – Traum und Wirklichkeit: Macht (3/3)

Die Supermacht USA wurde zugleich zum Vorbild wie zum Feindbild. Die dritte Folge der Doku-Reihe fragt: Welche Verantwortung erwächst aus dieser Macht? Werden die USA ihr gerecht?
Amerika hat weltweit Politik, Wirtschaft und Kultur geprägt. Die United States of America verstanden sich als Vorreiter der Demokratie. Aber was bleibt vom "American Dream", wenn das Land mit innerer Spaltung, Vertrauensverlust und globalem Gegenwind ringt? 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung bröckelt das moralische Fundament. Die ZDF-Doku erzählt aufschlussreiche Geschichten aus den USA und schlägt den Bogen in die Vergangenheit. Expertinnen und Experten liefern tiefergehende Analysen.
Wie gelingt der Spagat zwischen Interessen und Idealen, wenn Präsident Trump Millionen Menschen im Iran mit dem Tod droht? Zum ersten Mal scheinen nicht Sicherheit und Demokratie im Vordergrund zu stehen, sondern reine Dominanz. Die Doku spürt der Frage nach, inwieweit auch in der Vergangenheit, sei es im Vietnamkrieg, im Irak-Krieg oder auch im "Krieg gegen den Terror" in Afghanistan, militärische und machtpolitische Überlegenheit als treibende Kraft wirkte.
Dave Guerra war als Soldat in den 1980ern in Deutschland stationiert. In seiner Familie gibt es viele Soldaten: Beide Großväter waren im Zweiten Weltkrieg, ein Onkel in Vietnam, ein anderer in Korea. Hunderttausende US-amerikanische Soldaten vertreten bis heute US‑Interessen im Ausland. Was heißt es, diese Macht in die Welt zu tragen? Und was verändert sich, wenn Soldaten nicht mehr heimkehren, weil sie im Krieg gefallen sind? Gerät die Supermacht da an ihre Grenzen? Inwiefern hat sich das positive Bild über Amerika ins Negative gekehrt?
Mit dem Aufstieg der "America First"-Bewegung verschieben sich auch die Machtverhältnisse im Inneren. Big Tech ist aus den USA nicht mehr wegzudenken, die Digitalisierung wird zum wichtigsten Schlachtfeld der Supermacht. Im Silicon Valley sitzen die neuen Generäle.
Der ehemalige Vize-CEO von Google, Sebastian Thrun, war Teil dieser immens erfolgreichen Entwicklung. Die Geschichte der von ihm mitentwickelten, autonom fahrenden Taxis in San Francisco steht stellvertretend für das technologische Know-how und die wirtschaftliche Macht, auf denen die Vereinigten Staaten ihren Wohlstand gründen und mit denen sie ihre Dominanz festigen.
Über Jahrzehnte stärken die USA ihre weltweite Präsenz auch mit Hilfsprogrammen. Unter Trump kippte dieses Gleichgewicht. In der Hauptstadt von Ecuador werden Zuschüsse für ein Schutzhaus für Mädchen gestrichen. Zur gleichen Zeit lässt US-Präsident Donald Trump seinen Amtskollegen von Venezuela, Nicolás Maduro, festnehmen. Jose Antonio Colina ist Ex-Militär und wurde von der venezolanischen Regierung mit dem Tod bedroht. Er sieht in Trump einen Befreier. Die alte Monroe-Doktrin lebt – Amerika als Weltpolizist. Aber greift das Land ein, wo es um Menschenrechte geht – oder wo es ökonomische Interessen verfolgt?
Die Historikerin Jill Lepore beschreibt die amerikanische Außenpolitik als ständigen Balanceakt zwischen Idealismus und Interessenspolitik. Der Historiker Volker Depkat weist darauf hin, dass US‑Interventionen immer auch von innenpolitischen Konflikten geprägt waren. ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen beobachtet von Washington aus, wie sich Amerika verändert. Die ZDF-Dokumentation begleitet ihn bei seiner Arbeit in der Hauptstadt der USA. Theveßen warnt: Wenn Amerika seine eigenen Werte verrate und sich in ein autoritäres System verwandele, "verliert es seine Strahlkraft als Leuchtfeuer der Freiheit".

Zitate aus der Dokureihe

Aus: "Amerika – Traum und Wirklichkeit: Freiheit" (1/3)

Keisha N. Blain, Historikerin für afroamerikanische Geschichte und politische Bewegungen, über Freiheit:
"Für schwarze Amerikaner war es schon immer schwierig, ihre Freiheit zu wahren. Ehrlich gesagt war das immer ein Ziel, das kontinuierlich verfolgt werden musste."

Yuval Levin, Politikwissenschaftler, über den Satz "All men are created equal" in der Unabhängigkeitserklärung:
"Sie sagten: 'Alle'. Und 'alle' ist ein mächtiges Wort. In der amerikanischen Geschichte gab es immer wieder Leute, die sagten: 'Diese Leute nicht'. Und in jedem dieser Momente stand in der Unabhängigkeitserklärung: 'Alle'."

 

Aus: "Amerika – Traum und Wirklichkeit: Spaltung" (2/3)

Sheila Nazarian, iranische Einwanderin, plastische Chirurgin in Beverly Hills, über die vielen Möglichkeiten, die die USA bieten:
"Es gibt immer Luft nach oben. Das stimmt. Aber zeig mir ein Land, das besser ist. Man kann an die USA nicht den Maßstab einer Utopie anlegen. Also zeig mir ein Land, das in der Realität besser ist. Zeig mir eines, das weniger rassistisch ist, das einen schwarzen Präsidenten hatte, das Frauen in allen Lebensbereichen hat, die genauso viel verdienen können wie Männer. Sag mir, welches Land besser ist. Sag es mir!"

Eric Orwoll, Gründer einer Siedlung nur für Weiße in Arkansas:
"In der Vergangenheit war die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten als etwas definiert, das freien weißen Personen mit gutem Charakter vorbehalten war. Das wurde 1790 gesetzlich festgeschrieben, als unsere Verfassung verabschiedet wurde. Das wurde als Voraussetzung festgelegt, um Amerikaner zu sein."

Paul Eng, Betreiber eines Tofu-Ladens in dritter Generation in Chinatown, New York City, über sein Lebensgefühl und das seines Großvaters und Vaters:
"Er fühlte sich immer noch als Chinese, der in einem fremden Land lebt. Ehrlich gesagt: Selbst als ich aufgewachsen bin, habe ich mich als Chinese gefühlt, der in einem fremden Land lebt. (…) Meine Eltern oder mein Großvater haben sich nie als Amerikaner gefühlt. Sie fühlten sich immer ausgeschlossen."

Joycelyn "Joy" Davis, Nachfahrin von Sklaven in Mobile, Alabama, über Gleichheit:
"Alle Menschen sind gleich geschaffen –das ist nicht die Wahrheit. Das ist nur die Tinte auf dem Papier. Das schloss Menschen, die so aussehen wie ich, nicht mit ein. (…) Eigentlich sollten wir dieses Gespräch gar nicht mehr führen müssen. Es ist 2026."

 

Aus: Amerika – Traum und Wirklichkeit: Macht (3/3)

John Bolton, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater, über die Interessen der USA:
"Wir sind das einzige Land mit wirklich weltweiten Interessen. Und deshalb verfügen wir über eine militärische Fähigkeit mit globaler Reichweite."

Sebastian Thrun, Tech-Unternehmer in San Francisco, Miterfinder des Robotertaxis Waymo, über seine Begeisterung für die USA:
"Meine Geschichte ist ein amerikanischer Traum gewesen. Ich bin in meinem Leben von null auf hundert gekommen. (…) Die USA sind im Moment der weltweit führende Produzent von Ideen. (…) Infolgedessen haben wir einige der klügsten Menschen der Welt aufgenommen, die nicht in den Vereinigten Staaten geboren wurden, aber die wie ich eingebürgert worden sind. Dieser Zustrom kluger Menschen hat die Vereinigten Staaten wirklich vorangebracht." 

Fragen an die Filmautoren Jens Strohschnieder und Jan Tenhaven.

Was hat Sie gereizt, sich dem Thema "250 Jahre USA" zu widmen?

Jan Tenhaven: Die USA sind für mich ein Land der Erzählungen. Mit ihrer Unabhängigkeitserklärung von 1776 haben sie berühmte erste Sätze geschrieben wie "All men are created equal", alle Menschen sind gleich geschaffen – damals ein revolutionärer Gedanke. Dieser legte auch den Grundstein für weitere Erzählungen, wie zum Beispiel für die Geschichte vom Tellerwäscher, der es allein durch harte Arbeit zum Millionär bringt. Alle sind gleich! Jeder kann es schaffen! Aber mich hat interessiert, wie viel davon ist Mythos und wie viel Wahrheit ist. Diese Frage zieht sich durch alle unsere drei Folgen. Spoiler: Es gibt da keine einfachen Antworten.

Jens Strohschnieder: Die USA haben mich immer fasziniert, ich bin dort zur Schule gegangen, mein Sohn ist Amerikaner und Deutscher. Und wie viele Menschen, gerade in Deutschland, stelle auch ich mir die Frage: "Wie geht das jetzt weiter dort?" Kann man vielleicht aus der Geschichte des Landes besser verstehen, was dort passiert? Und ich glaube: Ja!

Was waren die größten Herausforderungen bei diesem Projekt?

Jens Strohschnieder: Erst einmal ist es unmöglich, 250 Jahre in drei Mal 45 Minuten zu erzählen. Was sind also die ganz entscheidenden Punkte in der amerikanischen Geschichte, die das Land zu dem gemacht haben, das es heute ist? Die haben wir versucht zu finden.

Jan Tenhaven: Die Geschichte der USA ist zwar relativ kurz, aber voller Ambivalenzen und Widersprüchen. Dieses Land hat Großartiges hervorgebracht, hat uns Europäer von der Naziherrschaft befreit, aber es steht auch für furchtbare Verbrechen an den Indigenen, den Sklaven oder in Vietnam und anderswo. Außerdem gibt es nicht die Vereinigten Staaten, sondern 50 sehr verschiedene Bundesstaaten. Wie wird man so einem Land und seiner Geschichte also gerecht, ohne allzu sehr zu verkürzen oder gar zu verfälschen? Darüber haben wir uns bei der Konzeption und im Schnitt sicherlich am meisten den Kopf zerbrochen.

Wie waren die Dreharbeiten? Gibt es Bemerkenswertes zu berichten?

Jan Tenhaven: Wir haben sechs Wochen lang in zwölf verschiedenen Bundesstaaten gedreht, hatten mit Schneestürmen, verlorenem Gepäck und kurzfristigen Absagen zu kämpfen. Das Bemerkenswerte ist eigentlich, dass am Ende trotzdem alles gut gegangen ist, wir überall interessante Menschen getroffen haben, immer wieder spontan improvisieren konnten und dass wir vielleicht gerade deshalb viele spannende Geschichten mit nach Hause bringen konnten.

Jens Strohschnieder: Wenn wir von den USA sprechen, dann sagen wir oft: Die Amerikaner und Amerikanerinnen sind so und so. Das Bemerkenswerte war, wieder einmal festzustellen: Das Land ist so groß, so bunt und so vielfältig und das Leben in Los Angeles hat mit dem Leben im Mittleren Westen nicht viele Gemeinsamkeiten und doch existiert alles nebeneinander und irgendwie funktioniert es ja auch seit 250 Jahren sehr gut – trotz vieler Krisen, die das Land erlebt hat.

Wie offen sind Ihnen Ihre Interviewpartner begegnet?

Jan Tenhaven: Das war schwierig. Die Recherche von Deutschland aus verlief extrem zäh und es hagelte Absagen. Die Leute sind vorsichtiger geworden, wenn sie einen nicht kennen. Potenzielle Interviewpartner aus dem MAGA-Lager misstrauen den Medien. Immerhin spricht ihr Präsident ständig von "Fake Media", wann immer eine Berichterstattung nicht in seinem Sinne ausfällt. Das hinterlässt Spuren bei seinen Anhängern. Und im liberalen, demokratischen Lager haben die Leute inzwischen oft Angst, sich öffentlich zu äußern. Selbst eine Anwältin, die Migranten vertritt, wollte nicht vor die Kamera, weil sie schon jetzt Repressalien der Regierung erfährt. Allerdings: Als wir dann vor Ort waren, mit den Leuten persönlich geredet und sie uns kennengelernt haben, war es deutlich einfacher. Dann war da oft wieder diese berühmte amerikanische Offenheit – auf allen Seiten des politischen Spektrums. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, die Menschen waren froh, dass sie ihre Geschichte erzählen durften. In ihrer polarisierten Gesellschaft wird ansonsten viel geschrien, aber wenig einander zugehört.

Jens Strohschnieder: Im Gegensatz zu früheren Drehs merkt man doch, dass viele Leute nicht mehr so gerne über Politik sprechen möchten. Sei es, weil sie Angst haben, aber vielleicht noch mehr, weil sie müde sind, sich ständig mit den Andersdenkenden zu streiten. Im Privaten dann sind die Amerikanerinnen und Amerikaner immer noch überwiegend unfassbar freundliche, positive Menschen, und zwar Trump-Anhänger wie Gegner.

Gibt es Begegnungen, die Sie besonders beeindruckt haben? 

Jens Strohschnieder: Ein Dreh hat mich tatsächlich sehr bewegt. Wir haben im Pine Ridge gedreht, einem Reservat, wo die Lakota leben. Dort liegt die Lebenserwartung der Männer bei ungefähr 48 Jahren und die der Frauen bei etwa 53. Und das in einem der reichsten Länder der Erde. Das hat mich schon geschockt.

Welche Aspekte der USA haben Sie durch Ihre Arbeit an diesem Dreiteiler kennengelernt, die Ihnen vorher nicht so präsent waren?

Jan Tenhaven: So richtig neu war mir nach vielen früheren Reisen nichts, aber es ist immer etwas Anderes, wenn man über Dinge nur liest oder sie vor Ort erlebt. Zum Beispiel hatte ich mich vorher nur theoretisch mit dem Thema Sklaverei beschäftigt, aber nun in Alabama intensiv mit Joy Davis gedreht. Sie stammt in direkter Linie von zwei Insassen der "Clotilda" ab, dem letzten bekannten Sklavenschiff, das die USA erreichte. Zu spüren, wie wahnsinnig tief der Schmerz heute noch sitzt, wie ungebrochen die damaligen Sklavenhalter immer noch größten wirtschaftlichen Einfluss besitzen, wie sehr die furchtbare Geschichte den Ort prägt, und wie wenig sie aufgearbeitet wurde, das hat mich tief bewegt und war mir in dieser Dimension vorher nicht klar gewesen. 

Jens Strohschnieder: Also ich habe vorher nur einmal kurz das indigene Amerika kennengelernt, die unfassbare Armut und dann ist man am nächsten Tag in Hollywood und sieht das ganze Bling-Bling. Das muss man im Kopf erst einmal verarbeiten.

Wie war die Arbeitsteilung zwischen Ihnen beiden?

Jan Tenhaven: Wir arbeiten seit mehr als 20 Jahren zusammen und wissen, wie wir ticken. Jens und ich haben uns eng über die Themen ausgetauscht, aber unabhängig voneinander in den USA gedreht und die Geschichten später zusammengeworfen. So sind schon mal zumindest zwei unterschiedliche Perspektiven auf das Land in die Filme eingeflossen. Teilweise haben wir die Geschichten des jeweils anderen geschnitten, was den Vorteil hat, dass man mit frischem Blick oft noch Juwelen im Drehmaterial entdeckt, die der Andere vielleicht übersehen hätte.

Jens Strohschnieder: Jan und ich kennen uns sehr lange. Das hilft, weil wir wissen, der andere tickt ähnlich. Jan ist ein unfassbar guter Autor und hat ein feines Gespür für Geschichten und einen ganz tollen, sensiblen und respektvollen Umgang mit Menschen. Wir arbeiten jetzt schon sehr lange zusammen und es ist sehr wertvoll, sich auszutauschen und jemanden zu haben, den man mal fragen kann, wie er das sieht.

Zum Schluss: Was fasziniert Sie persönlich an den USA – und hat sich da etwas seit der zweiten Trump-Regierung verändert?

Jens Strohschnieder: Durch meine persönlichen Kontakte merkt man, dass seit Trump ein Riss durch die Gesellschaft geht und teilweise auch durch Familien. Menschen reden nicht mehr miteinander, weil sie anderer politischer Meinung sind. Aber ich habe auch das Gefühl, so langsam sind die Amerikaner Trump überdrüssig. Sie brauchen jetzt mal wieder etwas Neues. Vielleicht mal eine Präsidentin! Und sie sind unerschütterlich optimistisch!

Jan Tenhaven: Trotz aller aktuellen Probleme: Die Herzlichkeit der Menschen im Alltag, die Weite der Landschaft, die Macher-Mentalität und der in unseren Augen fast schon surreal anmutende, unerschütterliche Optimismus. Auch heute noch! Selbst Migranten oder Sklavennachfahren, mit denen ich gedreht habe, betonen immer wieder, dass es auch viele positive Entwicklungen gebe, und dass sie überzeugt sind, dass am Ende alles besser wird. Als ständig hinterfragende, zweifelnde Deutsche könnten wir uns davon zumindest eine halbe Scheibe abschneiden. Gleichzeitig spüre ich durchaus eine gewisse Schwere. Die Amerikaner leiden sehr darunter, dass sie so zerstritten sind. Die Unbeschwertheit ist teilweise verloren gegangen, aber nicht so sehr, wie es von außen den Anschein hat. Es ist kompliziert. Und gerade deshalb so spannend.

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