Aufbruchsjahre – Deutschland nach dem Krieg

"Terra X History"-Dokumentation mit Mirko Drotschmann

Mirko Drotschmann besucht im Rahmen der Dokumentation unter anderem Wesel, eine Stadt am Niederrhein.

Copyright: ZDF/Paul's Boutique
Mirko Drotschmann besucht im Rahmen der Dokumentation unter anderem Wesel, eine Stadt am Niederrhein. Copyright: ZDF/Paul's Boutique

Deutschland zwischen 1945 und 1948. Es ist die Zeit zwischen Kriegsende und Währungsreform, zwischen Trümmerlandschaft und erstem Wiederaufbau. Wie haben die Menschen diese Jahre empfunden? Wie wurde ihr Leben dadurch geprägt?
"Mr Wissen 2go" Mirko Drotschmann sucht Geschichten von Aufbruch und Neuanfang im Nachkriegsdeutschland. Er stellt bewegende Schicksale vor – auch aus seiner eigenen Familie. Sie machen die Umwälzungen der damaligen Zeit greifbar.

Sendedatum

Ab Montag, 5. Oktober 2026, 5.00 Uhr im ZDF streamen
Dienstag, 6. Oktober 2026, 20.15 Uhr

Fotos

Texte

Stab, Darsteller und Interviewpartner

Buch und Regie                        Elias von Salomon
Szenische Regie                       Saskia Weisheit
Presenter                                  Mirko Drotschmann
Wissenschaftliche Beratung      Dietmar Pieper
Kamera                                     Florian Lengert, Torbjörn Karvang,
                                                 Jonny Müller-Goldenstedt, Ion Casado
Schnitt                                      Rainer Wolf
Grafik                                        Paul’s Boutique
Produktion                                 Philipp Müller (ZDF) Eva Hirschmann (eco.doc)
Herstellungsleitung                   Jan Holtz (eco.doc)
Producerin                                 Marta Schröer (eco.doc)
Produzent                                  Thomas Schuhbauer (eco.doc)
Redaktion                                  Stefan Mausbach, Ursula Nellessen
Leitung                                      Stefan Brauburger
Sendelänge                               circa 90 Minuten

Darstellerinnen und Darsteller 
Stephanie Kämmer (Hadassah Rosensaft)
Béla Kampschulte (Wolfgang Leonhard)
Arne Löber (Wilhelm Gross)
Anna Paula Muth (Gerda Tenbruck)
Imke Siebert (Beate Uhse)
Daniel Wiemer (Sigfried Uiberreither

Interviewpartnerinnen und -partner
Prof. Dr. Stefan Karner, Autor: "Gauleiter Uiberreither. Zwei Leben"
Heike Kemper, Expertin für die Geschichte des Wiederaufbaus der Stadt Wesel
Marc Leonhard, Sohn des Historikers und Publizisten Wolfgang Leonhard
Prof. Dr. Andrea Löw, Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien, IfZ München
Dietmar Pieper, Autor: "Trümmertänze: Deutschland 1946–1955"
Katrin Rönicke, Biografin von Beate Uhse
Menachem Rosensaft, Sohn der Holocaust-Überlebenden Hadassah Rosensaft

Inhalt

Deutschland zwischen Kriegsende und Währungsreform: "Mr Wissen 2go" und ZDF-Presenter Mirko Drotschmann begibt auf eine Zeitreise in die Jahre 1945 bis 1948. Seine Spurensuche führt ihn zu Menschen, deren Geschichten die Umbrüche und Extreme dieser Zeit vor Augen führen. Für ihn wird es auch eine Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie.
So entsteht in der Rückschau ein Bild der Nachkriegsjahre zwischen Zerstörung und Aufbruch, Angst und Hoffnung, Schuld und Verdrängung.
In Wesel blickt Drotschmann auf die Geschichte von Gerda Groos und ihrem Vater Wilhelm, der 1945 zum Bürgermeister der nahezu vollständig zerstörten Stadt wird. Vor ihm liegt die gewaltige Aufgabe, aus Trümmern neues Leben entstehen zu lassen.
"Mr Wissen 2go" folgt auch den Spuren seiner eigenen Familie: Wie Millionen andere Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten erlebt sie eine Odyssee durch Nachkriegsdeutschland, bevor sie 1947 in Eschede eine neue Heimat findet.
In der Gedenkstätte Bergen-Belsen trifft Drotschmann Menachem Rosensaft. Er ist 1948 im dortigen Camp für jüdische "Displaced Persons" geboren, die als Befreite ausgerechnet in Lagern im Land der Täter auf ein neues Leben außerhalb von Deutschland hoffen. Seine Mutter Hadassah, Überlebende des Holocausts, kümmert sich dort um Waisenkinder und wird zur Symbolfigur eines Neuanfangs.
Der Film wirft auch einen Blick auf die Täterseite: Wie kann einer der mächtigsten Nationalsozialisten Österreichs, Gauleiter Sigfried Uiberreither, dem Gewahrsam der Amerikaner entkommen und danach bis zu seinem Tod unbehelligt in der Bundesrepublik Deutschland weiterleben?
In Berlin trifft Mirko Drotschmann Marc Leonhard. Sein Vater Wolfgang will nach dem Krieg helfen, ein neues, sozialistisches Deutschland aufzubauen – bis er zunehmend an der stalinistischen Umsetzung in der Sowjetzone zweifelt.
Ein wechselvolles Nachkriegsschicksal erlebt auch Beate Uhse. Als alleinerziehende Mutter und spätere Unternehmerin steht sie für den unbedingten Überlebenswillen dieser Jahre und für gesellschaftliche Veränderungen, die bis heute nachwirken.
Neben Interviews mit Nachfahren sowie Expertinnen und Experten rekonstruieren KI-unterstützte Visulisierungen im Stil von Graphic Novels die Schlüsselmomente der Protagonisten.
So entsteht aus sehr verschiedenen Perspektiven, Lebenserfahrungen und -entscheidungen ein Bild der frühen Nachkriegsjahre in Deutschland.

Über die Protagonistinnen und Protagonisten

Familie Groos
Am Morgen des 24. März 1945 erobern britische Truppen das in Trümmern liegende Wesel. Das Zentrum der strategisch wichtigen Stadt am Rhein ist zu 97 Prozent zerstört, ein Großteil der Bevölkerung geflohen, viele Bewohner starben im Bombenhagel. Familie Groos gehört zu den wenigen, die bis zuletzt geblieben sind – und damit zu denen, die den Wiederaufbau stemmen müssen. Die britischen Besatzer übertragen Wilhelm Groos als politisch unbelastetem Bürger die Verantwortung. Inmitten von Chaos, Hunger und völlig zerstörter Infrastruktur organisiert er gemeinsam mit seiner 19-jährigen Tochter Gerda die notdürftige Verwaltung Wesels – improvisiert, mit kaum mehr als etwas Papier, Tinte und dem Willen, das Überleben zu sichern. Die Herausforderungen sind enorm: Wasser, Strom und medizinische Versorgung fehlen, Wohnraum existiert praktisch nicht mehr. Gleichzeitig strömen schon Rückkehrer in die zerstörte Stadt. Raub und Plünderungen prägen den Alltag. Wilhelm und Gerda Groos versuchen, Ordnung zu schaffen, eine Verwaltung aufzubauen und eine elementare Versorgung sicherzustellen – oft am Rand der Überforderung. Trotz der katastrophalen Ausgangslage beginnt in Wesel ein langsamer Neuanfang.
Die Infrastruktur wird notdürftig instandgesetzt, schon bald werden erste Gottesdienste gefeiert und noch im Sommer 1945 eine Postverbindung wiederhergestellt. Die Trümmer werden zu Baumaterial. Anfangs steht noch die bange Frage im Raum: Wiederaufbau am bisherigen Ort oder Neuanfang anderswo? Die Entscheidung fällt für den Wiederaufbau an alter Stelle, und Wilhelm Groos und seine Helfer stehen vor der Mammutaufgabe, eine nahezu ausgelöschte Stadt neu zu denken und wieder zum Leben zu erwecken – mit enormer Anstrengung und gegen viele Widerstände.

Mirko Drotschmans Familie
Zu Beginn seiner Spurensuche weiß Mirko Drotschmann: Seine Großmutter Sigrid ist bei Kriegsende nicht mal zwei Jahre alt, als ihre Großeltern, Mutter und Schwester im Januar 1945 mit ihr vor der anrückenden Roten Armee aus der Heimatstadt Landsberg an der Warthe, heute Gorzów Wielkopolski in Polen, fliehen. Sigrids Vater kämpft zu dieser Zeit noch als Soldat an der Ostfront, bei Kriegsende gerät er in russische Gefangenschaft.
Nach dem Krieg, so erinnert sich Drotschmanns Großmutter, habe die Familie in Eschede gelebt. Alte Meldekarten weisen jedoch auf eine dramatische Vorgeschichte hin: Wie viele Vertriebene und Flüchtlinge jener Zeit hat auch Drotschmanns Familie eine lange Odyssee hinter sich, bis sie 1947 in Eschede endlich wieder sesshaft wird.
Die Schwester von Mirkos Großmutter erlebt das nicht mehr. Sie stirbt in Celle an den Folgen einer Diphterie. Drotschmanns Urgroßvater, der laut Recherche in den NSDAP-Karteien kein Parteimitglied war, kehrt 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie zurück. Drotschmanns Großmutter Sigrid war zu klein und hat keine Erinnerung an die alte Heimat, keine emotionale Bindung an ihren Geburtsort. Für den Rest der Familie und Millionen andere Deutsche im Nachkriegsdeutschland gilt das nicht. Sie fühlen sich völlig entwurzelt.

Hadassah Rosensaft
Am 15. April 1945 betreten britische Soldaten das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die Kameras der Alliierten halten fest, was kaum begreifbar ist. Und eine Überlebende beginnt zu sprechen: Hadassah Bimko, 32 Jahre alt, jüdische Zahnärztin aus Polen. Sie erzählt von unvorstellbarem Hunger, von medizinischen Experimenten, Zwangssterilisationen, vom täglichen Sterben. Auch die Befreiung selbst bedeutet für Hadassah kein Ende des Leids, sondern die Gewissheit des Verlustes. Familie, Freunde, Heimat – alles ausgelöscht.
Ihre Erzählung beginnt Jahre zuvor, am 4. August 1943, in Auschwitz. An diesem Tag sieht sie ihre Eltern, ihren Ehemann und ihren fünfjährigen Sohn Benjamin zum letzten Mal. Sie werden alle in der Gaskammer ermordet. Hadassah überlebt Auschwitz-Birkenau mehr als ein Jahr, dann wird sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht. Hier, inmitten der Hölle, nimmt sie sich dem Schicksal von 149 jüdischen Kindern an, viele davon sind Waisen. Sie schützt und versorgt sie, hält sie am Leben bis zur Befreiung. Danach errichten die Briten in unmittelbarer Nähe ein Camp für jüdische "Displaced Persons", die auf ein neues Leben außerhalb von Deutschland hoffen.
Hadassah übernimmt eine führende Rolle in der Selbstverwaltung, kämpft für bessere Chancen zur Ausreise, vor allem für "ihre" Waisen. Gemeinsam mit Yossel Rosensaft, auch ein Lager-Überlebender, setzt sie durch, dass die Kinder nach Palästina gebracht werden können, obwohl die Briten den Zustrom stark begrenzen. 1947 heiratet sie Yossel, ein Jahr später kommt ihr gemeinsamer Sohn Menachem zur Welt – in Bergen-Belsen. Hadassah und Yossel bleiben im Lager, bis jeder dort lebende Jude eine Perspektive für eine neue Heimat hat, bis zur Schließung 1950. Nach einer Zeit in der Schweiz emigriert Hadassah Rosensaft mit ihrer Familie in die USA, wo sie 1997 stirbt.

Sigfried Uiberreither
Sigfried Uiberreither war als ehemaliger Gauleiter der Steiermark einer der mächtigsten Nazis in Österreich. Sein Name steht ganz oben auf den Fahndungslisten. Nach wochenlanger Flucht geht er am 9. Juni 1945 in den österreichischen Bergen den Briten ins Netz. Sie internieren und verhören ihn, überwachen jeden Schritt. Ihm droht die Auslieferung an Jugoslawien – und damit die Todesstrafe, denn ihm werden schwere Kriegsverbrechen angelastet.
Im Oktober überstellen die Briten ihren Gefangenen nach Nürnberg. Doch zu seiner Überraschung landet Uiberreither nicht auf der Anklagebank, sondern im Zeugenflügel. Dort beginnt er seine Rolle systematisch herunterzuspielen. Bei späteren Verlegungen knüpft er Kontakte zu einem geheimen Netz ehemaliger Nationalsozialisten. Deren Strukturen reichen bis in die Internierungslager der Alliierten hinein.
Als sich im US-Lager Dachau Hinweise auf die mögliche Auslieferung verdichten, entscheidet Uiberreither zu handeln: Er täuscht eine Krankheit vor, stiehlt eine Pflegeruniform und mischt sich unter das Personal. Die Kontrollen sind lax, Uiberreither entkommt. Draußen erwartet ihn Unterstützung. Über ein organisiertes Netzwerk gelangt er nach Sindelfingen und beginnt unter falschem Namen ein neues Leben. 1948 folgen seine Frau Käthe und die Söhne mithilfe desselben Netzwerks. Jahrzehntelang lebt Sigfried Uiberreither unbehelligt in der Bundesrepublik Deutschland. Er stirbt am 29. Dezember 1984 im Alter von 76 Jahren, ohne jemals gerichtlich zur Verantwortung gezogen zu werden.

Wolfgang Leonhard
Noch bevor der Zweite Weltkrieg endet, kehrt der junge Kommunist Wolfgang Leonhard aus dem sowjetischen Exil nach Deutschland zurück. In Berlin gehört er zur sogenannten "Gruppe Ulbricht", die im Auftrag der sowjetischen Besatzungsmacht eine neue Verwaltung aufbauen soll. Leonhard träumt von einem sozialistischen Deutschland, das sich von der NS-Vergangenheit abgrenzt. Doch schon früh erkennt er: Dieser Neubeginn wird von Moskau kontrolliert, ein unabhängiger deutscher Sozialismus ist nicht gewollt. Für Leonhard wird dies zur Zäsur: Er bricht mit dem System, setzt sich nach Belgrad ab, ehe er 1950 in die Bundesrepublik übersiedelt und sich als Historiker und Publizist einen Namen macht.

Beate Uhse
Beate Uhse ist 25, als der Krieg endet. Als Pilotin der Luftwaffe mit Berufsverbot belegt, schlägt sie sich unter anderem als Landarbeiterin in Norddeutschland durch. Aber der Lohn reicht kaum aus, um sie und ihren zweijährigen Sohn Klaus durchzubringen.
Beate Uhse sucht nach Alternativen. Auf dem Schwarzmarkt, der in den Nachkriegsjahren blüht, entdeckt sie ihr unternehmerisches Talent. "Wir brannten heimlich Schnaps, wir kochten Rübensirup und schlachteten schwarz, um die kargen Rationen der Lebensmittelkarten aufzubessern. Ich handelte den damaligen Marktgesetzen entsprechend: Ich wurde ein kleiner Schieber", erinnert sie sich später. Gleichzeitig findet ihre Karriere als erfolgreiche Unternehmerin ihren – damals noch ungeahnten – Anfang. Die Frauen ihres kleinen Wohnorts Braderup vertrauen sich Beate Uhse an, die schon immer einen offenen Umgang mit dem Thema Sexualität gepflegt hat. Viele Männer kommen in jenen Tagen zurück nach Hause, und nach dem frohen Wiedersehen folgt wenig später allzu oft eine ungewollte Schwangerschaft. Wie man sich in Zukunft schützen könne, wollen die Frauen wissen.
Beate Uhse kommt eine Idee: Eine Broschüre zur Aufklärung. Mit einem kleinen Versand vertreibt sie die sogenannte "Schrift X". Die Nachfrage ist enorm. Beate Uhse kommt mit den Bestellungen kaum hinterher. Es ist der Beginn des Erotik-Imperiums, das ihren Namen trägt.

Zitate von Interviewpartnerinnen und -partnern aus dem Film

Heike Kemper, Expertin für die Geschichte des Wiederaufbaus der Stadt Wesel

Über die zerstörte Stadt Wesel:
"Wesel erzählt deshalb eine besondere Geschichte, weil der Zerstörungsgrad so groß gewesen ist. 97 Prozent der Innenstadt waren zerstört. Wesel erzählt deshalb auch eine Hoffnungsgeschichte, weil die Menschen trotz dieser Zerstörung, trotz der Trümmerberge aus Nichts etwas gemacht haben, ihr Leben in die Hand genommen haben und Wesel zu dem gemacht haben, was es jetzt ist: eine Mittelstadt mit gut 60.000 Einwohnern."

Warum wurde Wesel am selben Ort wiederaufgebaut?
"Es ging um die übergeordnete, städtebauliche Ebene und um die emotionale Ebene. Es ging darum, dass ein Wiederaufbau immer finanziell günstiger ist als ein Neubau. Das traf insbesondere auf Wesel zu, weil es dort noch ein funktionierendes oder halbwegs funktionierendes Kanalnetz gab. Die zweite Ebene, die emotionale Ebene kenne ich aus den Gesprächen mit Zeitzeugen. Es gab viele Menschen, die an dem alten Wesel gehangen haben. Das Wesel war das mittelalterliche Wesel der Blütezeit, als man eine ganz, ganz bedeutende Stadt war. (…) Diese emotionale Verbindung mit diesem alten Wesel, die hat sicherlich auch dazu geführt, dass die Menschen (…) tatsächlich an der alten Stätte auch wieder aufbauen wollten."

Über den Aufbauwillen nach Kriegsende:
"Tatendrang gab es auf jeden Fall, es gab Engagement. Ich glaube, was sehr wichtig war, war der Zusammenhalt der Menschen untereinander – und ja, was heute aus der Mode gekommen ist: Gottvertrauen. (…) Es kommt hinzu, dass man so eine Fähigkeit entwickelt hatte, aus Nichts etwas zu machen. Das heißt, man fing erstmal im eigenen Umfeld an. Man guckte, dass die Pumpe wieder lief, man guckte, dass man Korn bekam und die Oma dann in der Kaffeemühle daraus Mehl machte, dass man Brot bekam. Da unterscheiden sich die Menschen in Wesel nicht von den Menschen in Münster, in Dresden oder anderswo."

 

Prof. Dr. Andrea Löw, Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien, IfZ München:

Über die Situation in Camps für jüdische "Displaced Persons":
"Das war eine ganz schwierige psychologische Situation für die Überlebenden in diesen Lagern. Zunächst einmal nach allem, was sie durchlebt hatten, wieder in einer Art Lager zu leben. Dann auch noch ausgerechnet in Deutschland, ausgerechnet in dem Land, von dem ihre Verfolgung, ihr Leiden und der Mord an großen Teilen ihrer Familie ausgegangen war. Dem haben die Menschen in den DP-Camps versucht entgegenzuwirken, indem sie wirklich in ganz hohem Maße eine Selbstverwaltung, aber vor allem auch ein kulturelles Leben, ein jiddisch-sprachiges kulturelles Leben erschaffen haben. (…) Es war einerseits der lebendige Beweis dafür, dass es den Nationalsozialisten nicht gelungen war, mit, wie man sagen muss, großen, großen Teilen der europäischen, jüdischen Bevölkerung auch die jüdische Kultur und vor allem auch die Erinnerung an jüdisches Leben auszurotten."  

Über jüdische Kinder, die den Holocaust überlebt haben:
"Die wenigen Kinder, die überlebt haben, die kannten ja nur Gettos und Lager. Ich habe Überlebenden-Berichte gefunden, darin erzählen Mütter, dass im Ghetto ihr Sohn sie fragt, in welchem Ghetto warst du denn als Kind, Mama? Diese Kinder kannten keine andere Realität als die von Verfolgung, von Mord, von Terror, von Ghetto und von Konzentrationslagern und diesen Kindern jetzt eine andere Welt zu eröffnen, ihnen Dinge beizubringen, die nichts mit Verfolgung zu tun haben, sondern mit Humanität, das war ganz wichtig, also Schulen aufzubauen in diesen DP-Camps."

 

Dietmar Pieper, Autor: "Trümmertänze: Deutschland 1946–1955"

Über die Herausforderungen für die Alliierten nach 1945:
"Die Herausforderungen für die Alliierten waren enorm groß, und sie waren viel größer, als sie sich das vorgestellt hatten. Ein besiegtes Land zu übernehmen in der Größe Deutschlands, das ist eine ungeheure Aufgabe. Millionen, Abermillionen Menschen zu versorgen, dann kamen noch die ganzen Flüchtlinge dazu. Es gab die sogenannten 'Displaced Persons', das waren die Freigelassenen aus den Konzentrationslagern, die Zwangsarbeiter, all das waren ungeheure Menschenströme und die zu organisieren, war sehr schwierig."

Über die Versorgung:
"Der Schwarzmarkt war ungeheuer wichtig. Ohne den Schwarzmarkt wäre wahrscheinlich die Versorgung vollständig zusammengebrochen. (…) Wer dort Erfolg haben wollte, der musste über einige kriminelle Energie verfügen, um sich durchzusetzen, denn das Ganze war illegal."

Über die Stimmung der Deutschen:
"Es gab keine allgemeine Depressivität. Man könnte ja denken: Die Leute fallen in sich zusammen, sie sind besiegt worden, sie haben schlechte Lebensumstände. Aber das Gegenteil war der Fall. Man hat alles versucht, um da wieder rauszukommen. (…)
Das war richtig eine Lebensgier, ein Lebensmut, was man jetzt nicht unbedingt erwarten würde in einem Land, das ja doch völlig am Boden lag. Die Kehrseite des Ganzen war allerdings dann, dass die Menschen sich überhaupt nicht mit der Vergangenheit beschäftigen wollten. (…) Die Deutschen waren da in gewisser Weise verstockt. Sie wollten mit dem Geschehenen nichts mehr zu tun haben. Die fühlten sich selber als Opfer. Es gab einen eigenen deutschen Opfermythos in der Nachkriegszeit, nämlich wir sind die Opfer der Alliierten."

Über die Trümmerstädte:
"Die Städte waren zum großen Teil sehr zerstört. Aber Deutschland ist ja viel mehr als nur Stadt, viele kleine und mittlere Städten waren praktisch unzerstört. Und deswegen ist das auch irreführend, wenn man, um die Zeit von 1945 und folgende zu verstehen, immer auf diese berühmten Städte guckt. Tatsächlich ist es durchaus erstaunlich, wie schnell dann doch wieder Schneisen durch die Trümmerwüsten geschlagen worden sind. Trotzdem hat es lange gedauert (…) bis die letzten Trümmergrundstücke bereinigt waren. (…), das ging bis in die 70er-Jahre hinein letzten Endes."

Drei Fragen an Mirko Drotschmann

Welche Aspekte der deutschen Nachkriegsgeschichte finden Sie besonders bemerkenswert?

"Mich beeindruckt die Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Die deutschen Gebiete mussten politisch komplett neu geordnet werden. Gleichzeitig ging es darum, den Menschen in den Trümmern eine Perspektive zu bieten, auch wirtschaftlich. Zudem galt es, bis zu 14 Millionen Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ein Ankommen in einer neuen Heimat zu ermöglichen, genauso wie den zahllosen 'Displaced Persons' nach Kriegsende. Auch die Hunderttausenden deutschen Kriegsgefangenen waren ein Thema. Und als wäre das nicht schon Mammutaufgabe genug, musste Deutschland geistig vom Nationalsozialismus befreit und Unrecht aufgearbeitet werden. Vor den Verantwortlichen lagen unvorstellbar große Herausforderungen, und alles musste gefühlt auf einmal gelöst werden – inmitten eines sich anbahnenden Konflikts zwischen dem Westen und der Sowjetunion. Wenn man das alles betrachtet, scheint es einem Wunder zu gleichen, dass schon 1948 wieder an einem demokratischen Staat gearbeitet worden ist."

Könnten wir – aus Ihrer Sicht – etwas aus der deutschen Nachkriegszeit für unsere Gegenwart lernen?

"Diese Zeit hat gezeigt, wozu wir Menschen fähig sind, wenn wir wollen und alle zusammen anpacken. Deutschland wurde einerseits mit der Hilfe der Alliierten, vor allem aber auch mit Millionen tatkräftiger Hände, wieder aufgebaut. Jede und jeder hat versucht, einen Teil dazu beizutragen. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten ist es dann auch gelungen, die Millionen Heimatvertriebenen in die Gesellschaft zu integrieren. Auch hier haben Engagement und Fleiß eine Rolle gespielt."

Hat dieses Filmprojekt Ihren Blick auf Ihre eigene Familiengeschichte verändert?

"Mir hat dieses Projekt geholfen, Klarheit zu bekommen. Zu vielem gab es in unserer Familie zwar Erinnerungen und Erzählungen, aber kaum etwas Handfestes, das die Berichte hätte stützen können. Das, was wir herausgefunden haben, hat meinen Respekt vor der Resilienz meiner Vorfahren noch einmal gesteigert, und für mich greifbar gemacht, was es heißt, seine Heimat für immer weggenommen zu bekommen und den Neuanfang bewältigen zu müssen."

Fotohinweis

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