"Das kleine Fernsehspiel": vier neue Filme mit dokumentarischem Blick
Drei neue Dokumentarfilme und ein dokumentarischer Spielfilm aus der Redaktion "Das kleine Fernsehspiel" sind ab Oktober 2026 im ZDF-Streaming-Portal und im linearen Programm zu sehen. Die Filme erzählen eindrücklich von persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Fragen: von Erschöpfungszuständen, von Heilung nach Gewalt, von Care-Arbeit und von den Folgen der "Kinderverschickung".
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Dokumentarischer Spielfilm, Deutschland 2025
Ab 10. Oktober 2026 im ZDF-Streaming
Montag, 2. November 2026, 0.15 Uhr im ZDF
Zwei Menschen, beide in der Mitte ihres Lebens und erschöpft vom Alltag, begegnen sich bei ihrer Therapie in einem traditionsreichen Sanatorium. Schon Generationen von Menschen, die unter Überlastung und Schwermut litten, haben hier Hilfe gesucht. In seinem Film bewegt sich Sascha Hilpert zwischen fiktionalen und dokumentarischen Elementen – und fängt den Mikrokosmos einer außergewöhnlichen psychosomatischen Klinik ein. Zu sehen im ZDF anlässlich des Welttags für psychische Gesundheit am 10. Oktober.
Stab
Buch: Sascha Hilpert, Martin Rosefeldt
Regie: Sascha Hilpert
Kamera: Dirk Lütter
Schnitt: Janina Herhoffer
Produzenten: Erik Winker, Martin Roelly, Ümit Uludağ
Produktion: Corso Film- und Fernsehproduktion in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel
gefördert von: Film- und Medienstiftung NRW, Nordmedia, DFFF
Redaktion: Christian Cloos (ZDF/Das kleine Fernsehspiel)
Länge: 112 Minuten
Mit Birgit Unterweger, Rafael Stachowiak, Wolf List, Sarah Bernhardt u. a.
Inhalt
Im vielleicht letzten Sanatorium seiner Art begegnen sich Nina und Henri, zwei erschöpfte Menschen. Zwischen Liegekur und Therapiegesprächen wollen sie wieder zu sich selbst finden. In ihrem Kampf gegen den Burnout kommen sie sich näher, während sie nach Hoffnung und einem Neuanfang suchen. Ihre fiktionale Geschichte wird mit der dokumentarischen Realität im traditionsreichen Sanatorium Barner in Braunlage im Harz verflochten. Seit der Gründung im Jahr 1900 hat sich in dem Jugendstilhaus kaum etwas verändert. Zahlreiche Prominente waren hier zu Gast, und die heutigen Heilmethoden sind zum Teil noch dieselben wie vor 125 Jahren, als die Menschen von der aufkommenden Elektrifizierung und den neuen Geschwindigkeiten des motorisierten Verkehrs gestresst waren. Heute kämpfen viele mit den Folgen der Digitalisierung und einer allzeitigen Online-Verfügbarkeit. Mehr Menschen denn je werden wegen psychischer Erkrankungen behandelt. Anhand von Briefen einstiger Patientinnen und Patienten sowie anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Fundstücken aus dem Archiv des Hauses entwickelt sich eine Reise in die Vergangenheit und ein Panoptikum der Gäste und ihrer Symptome. Das Sanatorium wird Schauplatz für eine Recherche zur Erschöpfung in der Moderne, die unter anderem der Frage nachgeht, welche Gesellschaft welche Art von Erschöpfung hervorbringt.
Regiestatement von Sascha Hilpert
Ich wollte schon lange einen Film machen, in dem sich das "erschöpfte Individuum" an einem Ort jenseits aller Orte wiederfindet und in dem es um diese rätselhafte Schwäche geht. Und bald war der einzig wahre Schauplatz dafür gefunden: ein altes Sanatorium mitten im Harz, das nun zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte wird.
Hier ist alles echt. Das ist nie Kulisse. Das ist ein Raum, in dem seit über hundert Jahren gebadet und geruht und geheilt wird. Modediagnosen kamen und gingen und hatten schöne Namen – wie die Neurasthenie, diese seltsame Nervenschwäche des Fin de Siècle, die nervöse Erschöpfung oder der Burnout. Die Beschwerden waren weniger wechselhaft. Symptome wie Schwindel, Angst und Schlaflosigkeit zogen sich durch alle Zeiten und Befunde, die Heilmittel aber hatten sich den Erschöpfungsphänomenen anzupassen: frühe Experimente mit Hypnose, Luft- und Sonnenbäder, die Moorbäder – lange Zeit wurde viel gebadet.
Über historische und heutige Figuren wollte ich widerspiegeln, mit welcher Behandlung man zu unterschiedlichen Zeiten auf die fast immer gleichen Symptome reagierte.
Die große Zäsur trat ein, als in den 1960er-Jahren psychiatrische Behandlungsmethoden im Sanatorium Einlass fanden, während sich die Psychotherapie in vielen Schulen stetig weiterentwickelte. Die Klassifikationssysteme führten nun auch psychische Störungen auf und wurden ausdifferenzierter. Eine Diagnose ist längst das Rüstzeug der Moderne, fast alle haben eine.
Festivals & Preise
Hofer Filmtage 2024 (Premiere)
achtung berlin Filmfestival 2025: Bestes Schauspiel: Birgit Unterweger und Lobende Erwähnung in der Kategorie Bester Spielfilm
Biografie Sascha Hilpert
Sascha Hilpert wurde in Köln geboren. Nach Studienstationen in München (Hochschule für Fernsehen und Film) und Kassel (Kunsthochschule Kassel) lebt er seit 1998 in Berlin und ist seit 2000 als Regisseur und Autor für Kulturmagazine tätig. Mit Beiträgen zum Kino und weiteren Kulturthemen hat er für rbb, ARTE und 3sat gearbeitet. 2007 entstand der Kinodokumentarfilm "Sportsfreund Lötzsch" über das Leben des DDR-Dissidenten Wolfgang Lötzsch, in Zusammenarbeit mit Bayerischer Rundfunk, ARTE und Telepool (Publikumspreis DOK Leipzig). Zwischen 2010 und 2019 war er Mitglied des Haliflor-Komitees. Nach "Formen moderner Erschöpfung" arbeitet er derzeit an dem essayistischen Filmprojekt "Formen innerer Landnahme".
Zitate aus dem Film "Formen moderner Erschöpfung"
"Tag 14. Ein guter Tag, heute. Kaum gegrübelt. Dafür ausgiebig ein Pferd gestreichelt – unter therapeutischer Aufsicht. Erst kam ich mir lächerlich vor, und dann kamen mir die Tränen. So hat mich schon länger keiner mehr angesehen. Aber da bist du eben auch selber dran schuld, denkt ein Teil von mir. Und ein anderer denkt: Halt doch einfach die Fresse.“
"Juni 1903
Mein allerliebster Ernst. Es geht mir immer noch nicht gut. Jetzt sind meine Nächte sehr fatal, und besonders nach dem Aufwachen aus unruhigem Schlaf bekomme ich große Beängstigungen." (Im Film zitierter Auszug aus einem Brief von Frida von Uslar-Gleichen an den Naturforscher Ernst Haeckel)
Dokumentarfilm, Deutschland 2026
Ab 16. Oktober 2026 im ZDF-Streaming
Montag, 19. Oktober 2026, 0.05 Uhr im ZDF
Vierzehn Jahre nachdem sie als Schülerin einen versuchten Femizid überlebt hat, widmet sich Filmemacherin Daniela Magnani Hüller den Ereignissen, die dieser Tat vorangingen und spricht mit Menschen, die sie bei der Aufarbeitung begleitet haben. Aus einer beeindruckenden Distanz heraus befragt sie unter anderem eine Mitschülerin, eine Lehrerin und die Kommissarin, die damals ermittelte. Unerschrocken und humorvoll beschreibt die Filmemacherin, wie das Trauma ihr Leben noch heute begleitet.
Statement der Redaktion
Femizide bleiben in der medialen Berichterstattung häufig auf einzelne Fälle reduziert, selten stehen strukturelle Ursachen geschlechtsspezifischer Gewalt im Vordergrund. Genau hier setzt der Dokumentarfilm "Was an Empfindsamkeit bleibt" an und eröffnet einen außergewöhnlich persönlichen und zugleich sachlichen Blick. Regisseurin Daniela Magnani Hüller setzt sich anhand der individuellen Folgen eines versuchten Femizids in ihrer Schulzeit mit grundlegenden Fragen nach Verantwortung und gesellschaftlichem Umgang mit Gewalt gegen Frauen auseinander. Welche Strukturen, welches Handeln oder Nicht-Handeln führen dazu – im Schulsystem, innerhalb der Justiz und im gemeinsamen Umgang? Die Suche nach Antworten, aber auch nach einer eigenen Sprache für das Erlebte machen die filmische Annäherung in "Was an Empfindsamkeit bleibt" aus.
Melvina Kotios, Redakteurin ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Stab
Buch und Regie: Daniela Magnani Hüller
Bildgestaltung: Noah Böhm
Ton: Nadja Ißler, Diego Oliva Tejeda
Montage: Melanie Jilg
Dramaturgische Beratung: Amparo Mejías
Sounddesign: Andrew Mottl
Colorist: Johan Nurmilehto
Produzentin: Birgit Schulz
Produktion: Bildersturm Filmproduktion in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Fernsehen und Film München
Förderer: FilmFernsehFonds Bayern
Redaktion: Melvina Kotios (ZDF/Das kleine Fernsehspiel)
Länge: 91 Minuten
Mit Daniela Magnani Hüller, Marion Inhuber, Andreas Bayer, Dr. Mark Malota, Gabriela Magnani Peixoto, Letícia Karen Brandão da Silva u. a.
Inhalt
Als Jugendliche überlebte Daniela Magnani Hüller den versuchten Femizid eines Mitschülers. Schon in den Monaten vor der Tat verhielt er sich übergriffig und bedrohte sie. In ihrem Dokumentarfilm begegnet Magnani Hüller dem Erlebten aufs Neue und spricht mit Menschen, die damals eine wichtige Rolle spielten. Die Gespräche mit einer Kommissarin, einem behandelnden Arzt, einem Staatsanwalt, einer Lehrerin, einer ehemaligen Mitschülerin, ihrer Halbschwester und einer Freundin in Brasilien geben Einblicke in die Tatnacht und in die persönlichen Reaktionen auf dieses Ereignis. In den Erinnerungen werden die Brutalität und Kälte der Tat deutlich, aber auch jene Momente nachgezeichnet, die der Filmemacherin geholfen haben, wieder Zuversicht zu gewinnen. Magnani Hüllers Film beleuchtet, wie Schule, Gesellschaft und Justiz mit ihr als Opfer umgingen und stellt Fragen, die sie seitdem beschäftigen.
Regiestatement von Daniela Magnani Hüller
Ein Erlebnis wie dieses verändert ein Leben tief und unumkehrbar. Lange habe ich gezögert, ob ich dieses Thema noch einmal aufrollen möchte. Als ich 2022 die Akten zu meinem Fall las, wusste ich: Ich muss etwas daraus machen. Denn meine Geschichte erzählt nicht nur von mir, sondern auch von der Lebensrealität vieler Frauen und Mädchen. Solche Taten sind keine Einzelschicksale. Wir wissen um die Gewalt, der Frauen täglich ausgesetzt sind. Diese Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem sozialen Umfeld, das sie ermöglicht oder zumindest wahrnimmt. Mich hat interessiert, wer diese Strukturen formt. Sind es nicht auch Einzelne, die eine Kultur prägen, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen – oder sich entziehen? Deshalb wollte ich den Fokus auf das richten, was Einzelne bewirken können. Manchmal braucht es nicht viel: Ein richtiger Satz im richtigen Moment kann viel bewegen – oder zerstören.
Festivals und Preise (Auswahl)
Friedenspreis des Deutschen Films 2026 – Debütfilmpreis
Dok.fest München 2026 – "megaherz Student Award"
Berlinale 2026 – Forum (Weltpremiere)
Berlinale 2026 – Lobende Erwähnung
Berlinale 2026 – Nominierung Dokumentarfilmpreis
Prix Europa 2026 – Nominierung Video Documentary
Biografie Daniela Magnani Hüller
Daniela Magnani Hüller wurde 1995 in München geboren und studierte von 2019 bis 2025 Dokumentarfilm-Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Ihre Kurzfilme "Driving Force" sowie "Rauswachsen" wurden auf verschiedenen Festivals gezeigt und prämiert. "Was an Empfindsamkeit bleibt" ist ihr Abschlussfilm.
Zitate aus dem Film "Was an Empfindsamkeit bleibt"
"Als ich aufwache, spüre ich, dass meine Augen angeschwollen sind. Schlieren durchziehen mein Gesicht und lassen mich erst nach und nach die Umgebung erkennen. Ein Mann steht links von mir am Klinikbett. Er kommt einen Schritt näher und legt seine Hände vorsichtig an der Bettkante ab. Ich glaube zu erkennen, dass seine Augen nass glänzen, und wundere mich darüber. Der Mann sagt, er sei von der Kriminalpolizei. Er würde nicht lange bleiben, ich solle jetzt erstmal wieder gesund werden. Er sagt: 'Ich weiß, du hast heute etwas Furchtbares erlebt, etwas zutiefst Ungerechtes, und trotzdem möchte ich dich um eines bitten: Dass du den Glauben an die Menschen nicht verlierst.' Sein Blick, fast flehend, wartet lange auf eine Regung in meinem Gesicht, die ihm bestätigt, dass ich verstanden habe. Mit einem Nicken gebe ich ihm dieses wortlose Versprechen, dass ich nie wieder vergessen werde."
"Fast täglich lese ich Berichte, die mich an damals erinnern. Immer vergleiche ich das Alter der Frauen und Mädchen mit meinem. Ich rechne aus, wie viele Jahre uns trennen. Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe und sie nicht. Manchmal, da stelle ich mir vor, wie sie alle auf einer Party sind, sie haben die beste Zeit, erzählen sich von ihren Leidenschaften, was sie noch alles vorhaben. Ich bin im selben Raum, obwohl ich mich mit ihnen verbunden fühle, bleibe ich seltsam außen vor. Ich versuche mit ihnen zu sprechen, aber sie hören mich nicht. Ich kann nur zuhören. Ich höre genau hin und versuche so zu leben, wie sie es nicht mehr können."
Dokumentarfilm, Deutschland 2026
Ab Freitag, 6. November 2026, im ZDF-Streaming
Montag, 9. November 2026, 0.05 Uhr im ZDF
Der Dokumentarfilm "Schwarze Häuser" beschäftigt sich mit den traumatischen Folgen der Kinderverschickung – einer über Jahrzehnte gängigen Praxis, bei der Millionen Kinder aus Deutschland für Wochen oder Monate in Erholungsheime geschickt wurden. Statt Fürsorge erwarteten viele von ihnen dort strenge Disziplin, Gewalt und Isolation.
Stab
Buch und Regie: Katrin Sikora
Kamera: Janis Brod
Montage: Mona Velz
Ton: Pepe Müller
Sounddesign: Larissa Kischk
Musik: Marcus Sander
Produktion: Tondowski Films in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel und der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, gefördert vom Medienboard Berlin-Brandenburg
Produzentin: Ira Tondowski
Produzent: Alex Tondowski
Redaktion: Burkhard Althoff (ZDF/Das kleine Fernsehspiel)
Länge: 84 Minuten
Inhalt
Zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren wurden in Deutschland Millionen Kinder und Jugendliche meist für mehrere Wochen in sogenannte Kurheime verschickt. Das Ziel war Heilung und Erholung, viele Kinder erlebten jedoch Demütigung, Zwangsmedikation und systematische Gewalt. Die Folgen wirken bis heute nach: Zahlreiche Menschen leiden auch Jahrzehnte später noch unter den ihnen zugefügten Traumata.
Ausgehend von der Geschichte ihrer Mutter und den Berichten weiterer Betroffener erzählt Filmemacherin Katrin Sikora vom Schicksal sogenannter Verschickungskinder – und damit von einem lang verdrängten Kapitel deutscher Geschichte. Der Dokumentarfilm "Schwarze Häuser" macht die strukturelle Gewalt dieses vermeintlichen Heilsystems sichtbar. Intime Zeitzeugenberichte, Archivmaterial und die Familiengeschichte der Regisseurin verbinden sich zu einem eindringlichen Blick auf das Thema. Zu Wort kommen unter anderen die Bestsellerautorin und Schriftstellerin Sabine Ludwig sowie der Aktivist Detlef Lichtrauter, Vorsitzender des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickungen-NRW e.V. und Landeskoordinator Nordrhein-Westfalen der Bundesinitiative Verschickungskinder.
Parallel dazu begleitet der Film das Jugendensemble des Jungen Deutschen Theaters Berlin bei der Entwicklung eines Theaterstücks, das auf Originaldokumenten und Erinnerungen ehemaliger Verschickungskinder basiert. Die künstlerische Auseinandersetzung eröffnet ein generationsübergreifendes Nachdenken über Macht, Schweigen und institutionalisierte Gewalt.
Regiestatement von Katrin Sikora
Meine Mutter ist ein sogenanntes Verschickungskind. Weihnachten 2019 erzählte sie mir zum ersten Mal von der körperlichen und seelischen Gewalt, die sie als Kind im Kurort Bad Rothenfelde erlitten hatte. Wie konnte es sein, dass ich davon erst so viele Jahre später erfuhr? Ich begann zu recherchieren, sprach mit weiteren Betroffenen und dokumentierte alles mit der Kamera. Bald wurde klar: Es handelt sich nicht um ein Einzelschicksal, sondern um ein verdrängtes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Viele der Betroffenen schweigen bis heute. Mit "Schwarze Häuser" möchte ich dieses Schweigen brechen. Und zeigen, wie sich Traumata und verinnerlichte Erziehungsmuster über Generationen fortsetzen. Seit ich 2022 selbst Mutter geworden bin, frage ich mich umso mehr, wie sich Geschichte in Familien weiterträgt – und wie man diesen Kreislauf durchbrechen kann.
Festivals und Preise (Auswahl)
achtung berlin Filmfestival 2026 / Lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury, Nominierung "Bester Dokumentarfilm"
DOK.fest München 2026 / Nominierungen "megaherz Student Award", "Deutscher Dokumentarfilm-Musikpreis"
Internationales Filmfest Emden-Norderney 2026, Sektion "Neue Deutsche Filme"
Biografie Katrin Sikora
Katrin Sikora (Buch und Regie) ist freie Autorin und Regisseurin. Sie lebt in Berlin. 2012 schloss sie ihr Magisterstudium in Germanistik, Filmwissenschaft und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ab. Es folgten ein Volontariat bei der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und eine Ausbildung zur Script Consultant an der DEKRA Skriptakademie Berlin. Im Anschluss war sie mehrere Jahre in einer Medienagentur in Stuttgart tätig und als Drehbuchlektorin für die MFG Filmförderung. Seit 2017 ist sie freiberuflich tätig. Im Jahr 2022 begann sie ein Masterstudium für Dokumentarfilmregie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. "Schwarze Häuser" ist ihr Abschlussfilm.
Zitate aus dem Film "Schwarze Häuser"
"Das heißt, um diesen möglichst reibungslosen Tagesablauf innerhalb eines Verschickungsheims mit möglichst wenig Personal gewährleisten zu können, war es notwendig, die Kinder extrem zu disziplinieren. Es war üblich, unruhige Kinder beim Mittagsschlaf zu fixieren oder sogar zu sedieren. Bei den Liegekuren gab es nicht wenige Heime, wo die Kinder prinzipiell ans Bett gefesselt wurden."
Detlef Lichtrauter
"Forscherinnen und Forscher der Humboldt-Universität Berlin haben herausgefunden, dass es nahezu 2000 Verschickungsheime bundesweit gegeben haben soll. Das heißt, wir reden von bis zu 12 Millionen Kinder in Westdeutschland. Wenn man ganz Deutschland nimmt, können es bis zu 15 Millionen Verschickte gewesen sein.
Die Erfahrungen unserer Recherchen zeigt, dass es in fast jeder Familie mindestens eine verschickte Person gegeben hat. Wie kann es aber sein, dass darüber Jahrzehnte nicht gesprochen wurde? Dass es Jahrzehnte totgeschwiegen wurde?"
Detlef Lichtrauter
Die ehemalige Kinderheilstätte Aprath: Der Initiative der Verschickungskinder ist es gelungen, eine Begehung des Geländes durchzusetzen. Doch an diesem Tag geht es noch um mehr. Aus dem Staatsarchiv ist bekannt, dass im Verwaltungsrat des Trägervereins eine Vorgängerfirma der Bayer AG saß. Zwischen dem Medikamentenkonzern und der Heilstätte bestand eine enge Zusammenarbeit. "Erste Hinweise auf Medikamententestung in Aprath in der Nachkriegszeit finden wir im Jahresbericht der Klinik von 1947. Konkret können mehrere Versuchsreihen mit Bayer-Präparaten in Aprath belegt werden. Und wir wissen, dass Thalidomid getestet worden ist. Das ist der Wirkstoff in Contergan. Dieses Präparat ist 1956 an keuchhustenkranken Kindern in der Einrichtung getestet worden. Und es kam ungefähr ein Jahr später auf den Markt. Das kann langfristig zu Nervenschäden und Organschäden führen. Interessant ist bei den ganzen Versuchen, dass wir in keinem Fall darauf gestoßen sind, dass es überhaupt eine Thematisierung der Frage der Einwilligung gegeben hat."
Sylvia Wagner
"Es gab einen Satz, der quasi über allem schwebte: Wenn du nicht gehorchst, wenn du nicht artig bist, kommst du nie wieder nach Hause."
Detlef Lichtrauter
"Wir konnten uns nicht wehren, wir waren zu klein dazu."
Anonyme Betroffene
Dokumentarfilm, Deutschland 2025
Ab Freitag, 4. Dezember 2026, im ZDF-Streaming
Montag, 7. Dezember 2026, 0.10 Uhr, im ZDF
Während ihrer Recherche-Reise zum Thema Fürsorge erhält die Regisseurin Annelie Boroș die Nachricht vom Suizid ihrer Mitbewohnerin. Danach steht das Leben erst einmal still. Fragen um die prekäre Pflegesituation in Deutschland werden drängender. Wie kann es sein, dass Menschen nicht die Hilfe erhalten, die sie brauchen, und dass denen, die Hilfe leisten, so wenig Unterstützung geboten wird? In ihrem Dokumentarfilm lässt die Filmemacherin behinderte und pflegende Menschen zu Wort kommen, die von den Hürden und Hoffnungen ihres Alltags erzählen.
Stab
Buch und Regie: Annelie Boroș
Kamera: Lenn Lamster
Schnitt: Nina Ergang
Ton: Felicitas Sonvilla
Georg Lewark
Marina Hufnagel
Tizian Stromp
Lisa Marie Stojcev
Lara Brose
Sounddesign: Andrew Mottl
Musik: Lindsey Wang
Dramaturgie: Isabel Gatzke
Ausführende Produzentin: Janina Sara Hennemann
Produzent: Matthias Greving
Produzentin: Kirsten Lukaczik
Koproduzent: Viktor Schimpf
Junior-Producerin: Lara Dittmers
Produktion: Kinescope Film in Kooperation mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel und Viktor Schimpf Filmproduktion
gefördert von: FilmFörderFonds Bayern und Deutscher FilmFörderFonds
Redaktion: Jakob Zimmermann (ZDF/Das kleine Fernsehspiel)
Länge: 91 Minuten
Mit Arnold Schnittger, Nico Schnittger, Samuel Flach, Leida Amanda Luna Tacunan, Bożena Domańska
Inhalt
"Die zärtliche Revolution" richtet den Blick auf eine Reihe von Menschen in der Care-Arbeit. Bożena arbeitet als 24-Stunden-Pflegekraft, um ihre Familie in Polen finanziell unterstützen zu können. Arnold kümmert sich rund um die Uhr um seinen schwerbehinderten Sohn Nico. Samuel, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, erzählt von seinem Leben als Pflegebedürftiger. Die Klimaaktivistin Amanda berichtet von dem Einfluss der Klimakatastrophe, deren Gefahren sie schon in ihrer Kindheit in Peru ausgesetzt war und die sie heute in Europa wieder erlebt. Auch sie leistet in ihren Bemühungen um den Klimaschutz Care-Arbeit. Sie alle sprechen von der mangelnden Wertschätzung, die denjenigen, die Fürsorge leisten, entgegengebracht wird, vom fehlenden Verständnis für Hilfsbedürftige und der politischen Ignoranz, die es zum Wohle der Wirtschaft und der Konsumgesellschaft versäumt, diese Strukturen zu ändern. Das Kümmern verlangt ihnen allen einiges ab, doch ein Lohn dafür ist nicht in Sicht. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit und Initiativen steht der Wunsch nach Solidarität und die Frage, wie das Leben in einer Gesellschaft aussähe, die Care-Arbeit und Gemeinsamkeit wichtig nimmt.
Regiestatement von Annelie Boroș
Wir alle brauchen ständig Fürsorge: von unserer Geburt bis zu unserem letzten Atemzug. Und dazwischen, ganz alltäglich: jemanden, der zuhört, eine Umarmung schenkt oder bei Krankheit für uns sorgt. Care-Arbeit ist lebensnotwendig – doch gesellschaftlich abgewertet, ausgenutzt und schlecht oder gar nicht bezahlt.
Seit ich den Film gemacht habe, sehe ich mein Umfeld durch eine "Care-Brille". Überall in der Welt mangelt es an Fürsorge. Und während die deutsche Pflegepolitik die Verantwortung dafür zunehmend auf private Haushalte verschiebt, fällt es vielen Menschen neben steigenden ökonomischen Sorgen schwer, Ressourcen für unbezahlte Care-Arbeit aufzubringen.
Durch diesen Film traf ich auf viele Menschen, die – oft außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung – seit Jahren daran arbeiten, das zu verändern. Ihre Perspektiven zeigen Probleme auf und machen gleichzeitig deutlich, wie schön Fürsorgearbeit sein kann.
Festivals und Preise (Auswahl)
International Film Festival and Forum on Human Rights Geneva 2025 – Nominierung Sektion "Focus"
Nordische Filmtage Lübeck 2024 – Sektion "Filmforum"
Copenhagen International Documentary Film Festival 2025 – Sektion "Urgent Matters"
Filmfest Bremen 2025
Internationales Studierendenfilmfestival Sehsüchte 2025
London Women Film Festival 2025
Biografie Annelie Boroș
Annelie Boroș, 1991 in München geboren, studierte Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Ihre Filme "Mars Closer" und "Fuck White Tears" wurden auf internationalen Festivals (u. a. Visions du Réel, DOK Leipzig) gezeigt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (u. a. Starter Filmpreis, FFF-Förderpreis). Ihr Film "F32.2" war 2018 für den Student Academy Award nominiert und gewann beim DOK Leipzig den Young Eyes Film Award. 2020 feierte ihr fiktionaler Abschlussfilm "Kräfte" Premiere bei den Nordischen Filmtagen und gewann 2021 den Publikumspreis beim Studierendenfestival Sehsüchte Potsdam. Ihr Dokumentarfilm "Die Gewichtheberin" lief auf den Hofer Filmtagen und wurde in der 3sat-Reihe "Ab 18!" gezeigt.
Zitate aus dem Film "Die zärtliche Revolution"
"Ich lerne es, mein Leben über ein von mir selbst angestelltes Assistenzteam zu organisieren. Die Assistenzis unterstützen mich und übernehmen alles, was ich nicht alleine kann. Das Problem daran: In dieser Welt gibt es nur wenige Menschen, die so einen Job machen wollen. Wer gibt schon gern auf einer Party damit an, dass er jemand anderen den Hintern abwischt? Pflege ist scheiße bezahlt und überhaupt nicht gewertschätzt."
Samuel Flach
"Wir pflegen nicht nur, wir sind für alles zuständig. Wir putzen Fenster, pflegen Gärten, misten Keller und Garage aus. Wir bedienen die Familie und die Kinder der Patienten, obwohl die Pflege von einem Menschen an sich schon harte körperliche Arbeit ist. Es gibt Patienten, die schreien uns an, aber ich muss mich immer beherrschen können. Wir sind Therapeutinnen, psychische Stütze und Pädagoginnen. (...) Und während wir einen anderen Körper pflegen, leidet unser eigener Körper."
Bożena Domańska, Pflegerin
"Ich rolle durch die Straßen der Stadt, entlang der Kästen und Planquadrate, vorbei an Zäunen und Beschilderungen. Wieso müssen wir alles – uns selbst, unseren Besitz, unsere Sehnsüchte – in fein säuberlich getrennte und beschriftete Schubladen stecken? Hier Zutritt nur für Kinder. Da wohnen die Alten und dort die Behinderten. Die Geflüchteten da drüben. Wir stecken sie in Heime, in Lager, in Mangelschutzreservate. Aber schaden die Alten den Kindern, die Behinderten den Nicht-Behinderten? Woher kommt die Angst, diese Welten zu vermischen?"
Samuel Flach
"Manchmal glaube ich, die Welt ist nicht interessiert an einem Jungen, der nichts konsumieren oder beitragen kann. Und gleichzeitig ist das ein großes Missverständnis, denn Nico leistet so viel. Wie viele Menschen hat er schon zum Lachen gebracht? Was er mir an Lebensfreude geschenkt hat. Nico sagt mir ohne Worte: Das Leben ist doch herrlich, oder? Ihm einen Platz im Hier und Jetzt zu sichern und seine Würde zu bewahren, das ist es, was ich will."
Arnold Schnittger