Nichts wie weg
Der Fernsehfilm der Woche
Krankenschwester Anke hat angeblich einen Patienten auf dem Gewissen. Sie flüchtet vor dem Zugriff der Polizei und kidnappt dabei aus Versehen die sterbewillige Luise Dobertin. Aus der Flucht der beiden Frauen wird ein Roadtrip der besonderen Art.
Fotos
Texte
Stab
Buch Elke Schuch
Regie Sophie Averkamp
Bildgestaltung Jana Lämmerer
Schnitt Janina Gerkens
Szenenbild Stephanie Schober
Kostümbild Kati Ostermann
Ton Detlef Fiebig
Musik Gudrun Lehmann
Produktionsleitung Sandra Böttger
Herstellungsleitung Askild Stielow
Produktion Nordfilm GmbH, Kiel
Produzentinnen Wiebke Andresen, Kerstin Ramcke
Redaktion Anja Helmling-Grob
Länge 88 Minuten
Die Rollen und ihre Darstellerinnen und Darsteller
Luise Dobertin Ulrike Kriener
Anke Bende Tamara Romera Ginés
Niklas Fenchel Anton von Lucke
Ina Schnittke Idil Üner
Hannah Dobertin Katrin Röver
Beatrice „Trixi“ Krüger Katrin Pollitt
Elmar Bär Simon Pearce
Dr. Stefan Dierks Christoph Letkowski
Olga Kovalenko Katya Molchanova
Yusuf Demirel Tanju Bilir
Martin Block Albrecht Ganskopf
Sonja Dobertin Anna von Haebler
Tom Dobertin Linus Gehriger
Josi Dobertin Luka Zühlke
und andere
Inhalt
Krankenschwester Anke hat angeblich einen Patienten auf dem Gewissen. Sie flüchtet vor dem Zugriff der Polizei und kidnappt dabei aus Versehen die sterbewillige Luise Dobertin.
Ausgerechnet Anke, die hilfsbereiteste aller Krankenschwestern, soll den Hamburger Gesundheitssenator mit einer falsch eingestellten Infusion auf dem Gewissen haben? Die "Geisel", Frau Dobertin, bietet ihre Hilfe an. Mit ihrem alten Pkw will die offenbar etwas demente Luise von Anke zur Sterbehilfe in die Schweiz gefahren werden. Dass die erfolgreiche Pianistin sich das Leben nehmen will, obwohl sie Familie hat, stößt bei Anke auf Unverständnis. Und so entscheidet sie, statt wie besprochen in die Schweiz, Frau Dobertin nach Kiel zu ihrer Tochter Hanna und deren Familie zu fahren.
Aus der Flucht der beiden Frauen wird ein Roadtrip der besonderen Art. Sie treffen auf nette Menschen, den entlaufenen Esel Rosi und überraschend freundliche Verwandte. Dabei lernen sie sich selbst und einander besser kennen. Wären da nicht der Polizist Fenchel und seine humorlose Chefin Ina Schnittke, die Anke und Frau Dobertin auf den Fersen sind, hätte es eine schöne Reise werden können. Doch beide Frauen müssen sich früher oder später ihren Ängsten und ihren Verfolgern stellen.
Der Film ist ein Roadmovie mit den klassischen Roadmovie-Elementen: Die innere und äußere Reise der Figuren, die Suche nach Identität und Freiheit, die Bedeutung von Musik und Landschaft. Ich habe ein bisschen zu oft "Thelma & Louise" gesehen, das hat wohl auf die Geschichte abgefärbt. Außerdem habe ich mich damals sehr über die Arbeitsbedingungen in der Pflege aufgeregt. Mir gefiel die Idee, eine überlastete Krankenschwester mit einer gealterten Konzertpianistin zusammenzubringen. Zwei von der Gesellschaft unterschätzte Frauen, die sich gegen den Rest der Welt verbünden. Beim Schreiben habe ich dann herausgefunden, wie gut die beiden sich ergänzen und wie dringend sie einander brauchen. Dass es am Ende nicht nur um ein selbstbestimmtes Leben, sondern auch um selbstbestimmtes Sterben geht, war die konsequente Fortführung des Wegs.
"Nichts wie weg" ist ein ungewöhnlicher Roadtrip. Ein Film, in dem sich zwei Frauen verschiedener Generationen begegnen und notgedrungen zusammenhalten müssen. Die eine, Pianistin, möchte sterben, weil sie dement ist und ihr die Musik – ihr Lebenselixier – entschwindet. Die andere, Krankenpflegerin, trauert um ihren Partner, der sich das Leben nahm, und lernt durch die Begegnung mit der lebensmüden Pianistin, den Tod zu akzeptieren und wieder in ihre Kraft zu kommen.
Das Drehbuch von Elke Schuch besticht durch seine Präzision: In feinen Dialogen und genauen Beobachtungen erhält jede Figur einen eigenen Entwicklungsbogen, einen eigenen Humor und eine eigene Haltung. Gerade die Lakonie, mit der die Figuren der Schwere der Themen begegnen, war für mich der eigentliche Reiz der Inszenierung – dafür eine Bildsprache zu finden, die diese Haltung trägt, die Spiellust der Darstellerinnen zu fördern, um einen Rahmen zu schaffen, in dem wir uns dem Abschied, der Demenzerkrankung und dem Zulassen von Lebensfreude gemeinsam annähern und in dem, wie im Leben, das Komische im Tragischen nie zu kurz kommt.
Der Film mündet in einem Abschied von solcher Größe, dass kein Auge trocken bleibt. Weder am Set noch beim Zuschauen. So ist ein Film entstanden, der stille, fast intime Momente in sich birgt und im nächsten Augenblick mit rasanten Verfolgungsjagden überrascht.
Interview mit Ulrike Kriener
Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?
Luise Dobertin ist eine alleinstehende Frau – ihr Mann lebt nicht mehr – und eine erfolgreiche Pianistin. Ihr Beruf beziehungsweise die Musik machen sie als Menschen aus. Musik ist ihr Halt, ihre Liebe, ihre Art, sich zu äußern. Ihre Tochter Hanna und ihre Enkelkinder sind ihr wichtig, aber die Verbindung zur Musik scheint elementarer.
Frau Dobertin hat Veränderungen an sich festgestellt. Sie ist vergesslich geworden, fühlt sich oft nicht am richtigen Platz, spürt ungewohnte Unsicherheiten. Ob sie genau weiß, was mit ihr los ist? Auf jeden Fall weiß sie, dass diese Veränderungen unumkehrbar sind.
Welcher Aspekt der Geschichte hat Sie am meisten beschäftigt?
Das Thema Demenz beziehungsweise Alzheimer und die Themen Verlust und Abschied haben mich am meisten beschäftigt. Den Abschied von der Tochter und den Enkeln fand ich besonders schmerzhaft.
Wie haben Sie sich in das Thema eingefühlt bzw. wie sich auch sachlich-thematisch darauf vorbereitet?
Ich war in München bei der Alzheimer-Gesellschaft München, die ungemein hilfsbereit war. Ich habe einen Nachmittag dort beim gemeinsamen Pizzabacken und -essen verbracht. Gespräche mit Ehrenamtlichen geführt, Literatur zum Thema gelesen. Mit Musikern gesprochen. Außerdem ist mir das Thema auch aus dem privaten Umfeld nicht fremd. Und außerdem habe ich mir Probeaufgaben mithilfe von KI gestellt. Was erstaunlich interessant war und Spaß gemacht hat.
Was fällt Ihnen leichter: tragische oder komische Szenen?
Das frage ich mich nicht. Das Heitere und das Tragische sind oft nah beieinander. Es kann auch beides in einer Szene stattfinden. Die Dosierung ist wichtig. Und darüber entscheidet am besten die Regie. Ich kann jedenfalls beides anbieten.
Können Sie nachvollziehen, dass Luise sich für Sterbehilfe entscheidet, vielleicht auch, weil sie niemandem zur Last fallen will?
Ich denke nicht, dass Luise sich für den Freitod entscheidet, weil sie niemanden zur Last fallen will. Das mag auch ein Aspekt sein. Aber wichtiger finde ich, ihre unendliche Einsamkeit, als sie spürt, sie verliert die Musik. Denn die Musik ist ihre Art zu sprechen, zu lieben, sich zu verbinden mit der Welt. Wenn das wegfällt, was bleibt dann noch?
Haben Sie persönlich Verständnis für den Wunsch, selbstbestimmt zu sterben?
Natürlich habe ich dafür Verständnis. Ganz sicher kann das Leben für den Einzelnen so schrecklich, so bedrückend und aussichtslos sein, dass der Tod eine Erlösung, ein Ausweg ist. Wer will das von außen beurteilen? Das kann nur der betroffene Mensch selbst. Man kann nur hoffen, selbst nicht in so eine Situation zu kommen.
Interview mit Tamara Romera Ginés
Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?
Anke ist ein unglaublich warmer, liebender, mutiger und umsorgender Mensch, der vor einem schmerzhaften Ereignis im eigenen Leben wegrennt und glaubt, durch den Versuch, Frau Dobertin zu retten, etwas in sich retten zu können. Sie findet die Balance zwischen Umsorgen und Sich-selbst-aufgeben oft nicht. Sie hat eine wahnsinnige Kraft in sich, die sie noch zu Teilen erschließen und nutzen lernen muss. Ein bisschen mehr Egoismus und Liebe sich selbst gegenüber würde ihr gut tun – sie arbeitet dran.
Konnten Sie sich gut in Anke hineinversetzen?
Ich hatte auf jeden Fall von Anfang an eine Verbindung zu Anke. Ihre Entschlossenheit, Frau Dobertin zu retten, konnte ich gut nachvollziehen und spielerisch für sie als starken Antrieb nutzen. Ich mochte die Herausforderung, ihre Überforderung und das Klinikchaos zu spielen, aber umso konzentrierter und präzisier im Spiel sein zu müssen, damit das funktioniert. Die Achterbahn an Emotionen, durch die Anke auf dieser Reise geht, war gleichsam anspruchsvoll und auch ein großes spielerisches Geschenk für mich. Dass sie so oft nicht wirklich aus ihrer Haut kommt, bis weit in den Film hinein eher bewegt wird, als sich selbst zu bewegen, ist mir fremd und war ein interessantes Spielgefühl.
Wie ist es Ihnen gelungen, sich in die Verantwortung und den Alltag einer Krankenschwester einzufühlen?
Ich durfte in den Alexianer St. Hedwig-Kliniken in Berlin ein Praktikum sowohl in der Geriatrie als auch in der Notaufnahme machen. Wir wissen wahrscheinlich mittlerweile alle, dass es immer schlechter um unser Gesundheitssystem steht, allerdings habe ich es zu Teilen als noch heftiger empfunden, als ich dachte, und konnte aber gleichzeitig sehen, mit wie viel Hingabe und Wärme die Pflegekräfte ihren Job so gut wie möglich unter den gegebenen Umständen ausführen. Wir müssen wirklich dringend aufpassen, dass wir dieses Segment nicht noch weiter kaputtsparen und die Menschen, die dort arbeiten, nicht komplett ausbrennen lassen. Krankenhäuser sollten nicht gewinnbringend sein müssen. Früher oder später muss jeder von uns, oder jemand, den oder die wir lieben, ins Krankenhaus und ist auf diese Menschen und dieses System angewiesen.
Abgesehen vom Praktikum habe ich Interviews geführt, viel zum Thema gelesen und auch Filme und Dokus geschaut. Mit dem Thema Demenz hatte ich privat schon Kontakt.
Anke gerät in ein moralisches Dilemma: Haben Sie persönlich Verständnis für den Wunsch, selbstbestimmt zu sterben?
Ich glaube daran, dass jeder Mensch absolut selbst über seinen Körper bestimmen dürfen sollte. Also ja, ich habe Verständnis und großes Mitgefühl. Ich wünschte aber, dass wir es Menschen einfacher machen würden, medizinische oder psychologische Unterstützung zu bekommen, damit es vielleicht gar nicht erst zu diesem Wunsch kommt oder das Gefühl doch leben zu können oder zu wollen wieder denkbar wird. In manchen Fällen gibt es aber keine Lösung.
Welche Aspekte an der Geschichte haben Sie persönlich am meisten beschäftigt?
Der Tod, die Demenz, die Überlastung unseres Pflegesystems. Das Problem mit dem Loslassen aber auch das Gute am Loslassen. Allgemein das Thema Akzeptanz und aber auch die Schönheit dessen, dass zwei Frauen aus komplett unterschiedlichen Generationen mit zwei konträren Meinungen und Energien dennoch so zueinander finden und voneinander lernen können. Am Ende ist es auch eine Geschichte über ungleiche Freundinnen.
Welche Botschaft nehmen Sie persönlich aus der Geschichte mit?
Das Gute zu sehen und die Hoffnung zu wahren, ist ein Talent und ein fantastischer Antrieb. Jemanden bei etwas ihm Wichtigen zu begleiten und nicht allein zu lassen, ist eines der größten Geschenke, die man jemandem machen kann – und vielleicht auch sich selbst. Manchmal muss man loslassen.
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