9/11 - Der lange Schatten des Terrors

Dreiteilige Dokureihe

Die Terroranschläge vor 25 Jahren am 11. September 2001 veränderten alles. Die Dokureihe zeigt, wie 9/11 die Welt bis heute prägt – politisch, gesellschaftlich und für viele auch ganz persönlich.
Die Schicksale ausgewählter Männer und Frauen werden teils unter Einsatz von KI im Stil von Graphic Novels rekonstruiert. Dazu ordnen Expertinnen und Experten die historischen Entwicklungen analytisch ein. Deutlich wird, wie Hass, Verschwörungstheorien und die Reaktionen auf die Anschläge noch heute nachwirken und wie Menschen mit den Folgen fertig werden.

Sendedatum

Ab Samstag, 29. August 2026, 5.00 Uhr zwei Jahre lang im ZDF streamen
ZDFinfo: Freitag, 4. September 2026, ab 21.45 Uhr

Fotos

Texte

Folgentitel, Sendetermine und Stab (Auswahl)

Ab Samstag, 29. August 2026, 5.00 Uhr, zwei Jahre lang im ZDF streamen
ZDFinfo: Freitag, 4. September 2026, ab 21.45 Uhr
9/11 – Der lange Schatten des Terrors
Dreiteilige Dokureihe

ZDFinfo: Freitag, 4. September 2026, 21.45 Uhr
9/11 – Der lange Schatten des Terrors: Wahn (1/3)

ZDFinfo: Freitag, 4. September 2026, 22.30 Uhr
9/11 – Der lange Schatten des Terrors: Jagd (2/3)

ZDFinfo: Freitag, 4. September 2026, 23.15 Uhr
9/11 – Der lange Schatten des Terrors: Spaltung (3/3)

Stab
Buch und Regie    Lisa-Marie Schnell (1), Niklas Kreusch (2+3)
Kamera                 Jonny Müller-Goldenstedt, Ion Casado u.a.
Schnitt                  Hauke Kleinschmidt (1+3), Frank Unsinn (2+3)
Producer               Salome Bader, Diana Frank
Produzent             Thomas Schuhbauer, eco documentaries
Redaktion              Martin Jabs, Michael Scheuch
Sendelänge            3 x circa 45 Minuten

Inhalt

Gab es nach dem Fall der Mauer 1989 eine Hoffnung darauf, dass sich Demokratie und Freiheit universell durchsetzen, so haben der 11. September 2001 und sein "langer Schatten" diese Hoffnung zerstört. Krisen, Überwachung und Hass im Netz prägen das 21. Jahrhundert.
In drei Folgen beleuchtet die Reihe, wie 9/11 unsere Welt seit 25 Jahren prägt. Die Geschichten der Protagonistinnen und Protagonisten in den USA und Deutschland werden teils mit Einsatz künstlicher Intelligenz im Stil von Graphic Novels rekonstruiert. Dazu ordnen Expertinnen und Experten die historischen Entwicklungen analytisch ein.

"Wahn" (1/3)
Die erste Folge zeigt, wie sich nach 9/11 Feindbilder verbreiten und verfestigen – von der "Hamburger Zelle" über rassistische Gewalt in den USA bis zum viralen Erfolg von Verschwörungstheorien, die weltweit zunehmen.
Nach dem Schock der Anschläge wächst in den USA der Ruf nach Vergeltung. Der "War on Terror" beginnt. Sicherheitsgesetze werden verschärft, Überwachung und Kontrolle ausgeweitet. Zugleich trifft der Verdacht viele Menschen, die mit den Tätern nichts zu tun haben. Der aus Bangladesch stammende Einwanderer Rais Bhuiyan wird in Dallas aus nächster Nähe angeschossen – von einem Rechtsradikalen, der seine Tat als Rache für 9/11 versteht. Doch nach seiner Genesung beschließt das Opfer, sich für den Täter einzusetzen, gegen den die Todesstrafe verhängt wurde.
Während die USA nach den Anschlägen nach Antworten suchen und um die richtige Reaktion ringen, formiert sich parallel im Internet Misstrauen gegenüber offiziellen Erklärungen. Der junge Filmemacher Dylan Avery beginnt, mit seinem besten Freund Korey Rowe "Loose Change" zu produzieren, einen Film, der sich rasant verbreitet und 9/11-Verschwörungserzählungen weltweit populär macht. Wie blicken sie heute auf die Auswirkungen des Films?

"Jagd" (2/3)
Was passiert, wenn ein Land im Namen seiner Sicherheit den Rechtsstaat einschränkt? Auf der Jagd nach den Hintermännern der Anschläge von 2001 setzen die USA durch Rechtsverstöße und Folter ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Der zweite Teil zeigt, welchen Stellenwert die US-amerikanischen Geheimdienste nach 9/11 bekommen und wie Drohnen erstmals eine zentrale Rolle in Militäreinsätzen spielen.
Der CIA-Agent John Kiriakou leitet in Pakistan die Jagd nach einem hochrangigen Mitglied von al-Qaida und koordiniert dessen Verhaftung – einer der ersten großen Erfolge im "War on Terror". Als Kiriakou 2007 öffentlich bestätigt, dass die CIA systematisch folterte, wird er selbst verfolgt und muss wegen seiner Aussagen ins Gefängnis. Dabei gibt er an, nie selbst gefoltert zu haben.
Brandon Bryant aus Montana tritt 2006 der Air Force bei und landet im Drohnenprogramm der USA. Aus tausenden Kilometer Entfernung feuert er Raketen auf Menschen, die er nur als Wärmesignatur auf einem Bildschirm sieht. Nach Hunderten von Einsätzen mit mindestens 13 Toten verlässt er die Streitkräfte mit einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung.
Murat Kurnaz, 1982 in Bremen geboren, reist kurz nach 9/11 aus religiöser Neugier nach Pakistan. Er gerät in eine Routinekontrolle, wird verhaftet und landet unter falschem Verdacht in Guantánamo. Vier Jahre lang sitzt er dort als Gefangener 053 – ohne Prozess, ohne Beweis, ohne Rechte. Der Bremer Anwalt Bernhard Docke, der Kurnaz' Geschichte erzählt, macht sich damals für seine Freilassung stark, die schlussendlich gelingt.

"Spaltung" (3/3)
Hat der "War on Terror" letztlich mehr Radikalisierung erzeugt als verhindert? Bilder aus Guantánamo, Bagdad und Kabul untergruben die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Einsätze und verstärkten die Spaltung, die Donald Trump für seinen eigenen Aufstieg nutzen konnte.
Die dritte Folge zeigt, wie sich nach dem anfänglichen Schock von 2001 politische und gesellschaftliche Brüche substanziell vertiefen – vom Aufstieg des Rechtspopulismus über die Erosion des Vertrauens in etablierte Medien bis zum Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan.
Kai Pfaffenbach ist 2001 einer der ersten deutschen Fotografen am Ground Zero und dokumentiert danach als Kriegsreporter Militäreinsätze in Afghanistan, Irak und weiteren gefährlichen Orten. 2014 wird seine enge Kollegin, die preisgekrönte Fotojournalistin Anja Niedringhaus, in Afghanistan ermordet. Wie der Journalist Claus Kleber berichtet Pfaffenbach über die Macht der Bilder im Kontext von 9/11 und danach.
Nicholas Gorki wird nach 9/11 geboren – sein Vater, ein junger Banker aus Iserlohn, starb im World Trade Center, bevor sein Sohn das Licht der Welt erblickte. Nicholas wächst in den USA bei der Mutter auf und beobachtet, wie seine Generation zunehmend politisiert wird.
Irfan Peci radikalisiert sich nach 9/11 im Internet, leitet als Jugendlicher von der Oberpfalz aus die deutschsprachige Propaganda eines al-Qaida-nahen Online-Netzwerks. Nach seiner späteren Verhaftung bricht der Sohn bosnischer Einwanderer mit der Ideologie, wird V-Mann des Verfassungsschutzes. Nach seiner Enttarnung taucht er unter. Heute tritt er als vehementer Islamkritiker auf.

Fragen an die Filmautorin Lisa-Marie Schnell und Filmautor Niklas Kreusch

Was ist aus Ihrer Sicht das Reizvolle an diesem Doku-Projekt?

Lisa-Marie Schnell: Reizvoll war für uns, 9/11 nicht nur als historisches Ereignis zu erzählen, sondern als Ausgangspunkt einer Gegenwart, in der wir bis heute leben. Fast jeder erinnert sich an die Bilder der einstürzenden Türme in New York, aber uns hat interessiert, was danach passiert ist: mit Gesellschaften, mit politischen Entscheidungen, mit Misstrauen, Angst und Radikalisierung. Und für diejenigen, die sich nicht an die Bilder erinnern können, weil sie schlichtweg zu jung sind, war es spannend, die Entwicklungen seit 2001 noch mal einzuordnen und den Schatten von damals im Hier und Jetzt "freizulegen". Der 11. September und seine Nachwehen hat Kriege ausgelöst, Sicherheitsapparate verändert, Musliminnen und Muslime unter Generalverdacht gestellt und Verschwörungserzählungen befeuert. Das Projekt ermöglicht, diese Entwicklungen zusammenzudenken und nicht "nur" als Kausalitätskette, sondern als langen Schatten, der bis heute auf unsere politische Kultur und auf eine globalisierte Welt fällt.

Niklas Kreusch: Das Reizvolle war für mich, dass wir 9/11 nicht als abgeschlossenes historisches Kapitel erzählen, sondern als eine Wunde, die bis heute offen ist. Wir haben bewusst Protagonisten gesucht, deren Leben unmittelbar mit dem 11. September verknüpft sind – nicht nur als Zeitzeugen von damals, sondern als Menschen, die auch 25 Jahre später noch mit den Konsequenzen leben. Diese Gegenwartsebene macht den Stoff für mich so reizvoll: Wir erzählen keine reine Rückschau, sondern zeigen, wie eine einzige Entscheidung im Jahr 2001 – Folter zu legitimieren, einen Krieg gegen ein Land zu beginnen, das nichts mit den Anschlägen zu tun hatte – bis in die politische Gegenwart der USA und Europas hineinwirkt.

Was waren die Herausforderungen?

Lisa-Marie Schnell: Die größte Herausforderung war die Balance. Wir wollten zeigen, dass es vor und nach 9/11 reales Behördenversagen, politische Fehlentscheidungen und berechtigte Kritik gab, allerdings ohne damit Verschwörungserzählungen aufzuwerten. Gerade bei 9/11 verschwimmen im öffentlichen Diskurs bis heute Fakten, Zweifel, Projektionen und ideologische Erzählungen. Eine weitere Herausforderung war der Umgang mit sehr unterschiedlichen Tonlagen: persönliche Traumata, geopolitische Entscheidungen, islamistischer Terror, Online-Milieus.

Niklas Kreusch: "Not just another 9/11 Documentary" war mein Ziel. Die größte Herausforderung war, dabei die Balance zu finden zwischen der persönlichen, emotionalen Ebene unserer Protagonisten und der komplexen politischen Einordnung, die dieses Thema verlangt. 9/11 ist ein Ereignis, zu dem es unzählige Perspektiven, Kontroversen und bis heute ungeklärte Fragen gibt. Hinzu kam die Aktualität: Während der Produktion haben sich politische Ereignisse überschlagen. Zum Beispiel begann während unserer Dreharbeiten in den USA ein neuer Krieg im Nahen Osten. Von neuen militärischen Eskalationen bis zu innenpolitischen Entwicklungen in den USA, die wir immer wieder in die laufende Erzählung einarbeiten mussten, ohne den historischen Kern der Geschichte zu verlieren.

Was waren Kriterien für die Auswahl der Protagonisten? War es schwer sie zu finden? Wie haben Sie sie gefunden?

Lisa-Marie Schnell: Menschen mit interessanten Biographien zu finden, deren Lebensweg mit 9/11 und den Nachwehen verknüpft ist, war durch das Internet, Zeitungsartikel, Filme und Archive erstmal kein Problem. Uns war dabei wichtig, Menschen zu finden, deren Biografien verschiedene Folgen von 9/11 sichtbar machen. Rais Bhuiyan steht für die unmittelbare Erfahrung von Hass und Islamfeindlichkeit nach den Anschlägen. Dylan Avery und Korey Rowe erzählen, wie aus Kriegserfahrung, Misstrauen und Wut ein Film wird, der die 9/11-Verschwörungsszene stark geprägt hat und B-Lash nimmt den Faden auf und zeigt, wie diese Erzählungen auch in Deutschland ankamen und weiterwirkten. Diese Geschichten zu finden, bedeutet aber nicht, dass die Menschen bereitwillig Teil unseres Projekts werden wollten. Einige der Geschichten liegen lange zurück und andere wiederum sind bis heute politisch aufgeladen oder die angefragten Menschen haben mit "ihrer Geschichte" abgeschlossen und wollten sich – auch um z.B. die eigene Familie zu schützen – nicht in einer Dokumentation wiederfinden. Das aktuelle gesellschaftliche und politische Klima in Deutschland (aber auch weltweit) macht es beispielsweise Menschen muslimischen Glaubens schwer, sich offen zu ihren Erfahrungen zu äußern.

Niklas Kreusch: Uns war wichtig, Menschen zu finden, die unterschiedliche Facetten verkörpern – nicht nur Opfer oder nur Täter, sondern auch die Grauzonen dazwischen: einen CIA-Insider, der zum Whistleblower wurde; einen unschuldig Inhaftierten; einen radikalisierten jungen Mann, der die Seiten wechselte; einen Journalisten, der das Geschehen von Anfang an begleitet hat; und die nachfolgende Generation, die den Tag selbst nie erlebt hat, aber ihr ganzes Leben in seinem Schatten steht. Die Recherche nach diesen Geschichten und Menschen hat mir den meisten Spaß gemacht. Nicht immer war es einfach, die Personen davon zu überzeugen, uns ihre Geschichte zu erzählen. Da wurden viele Mails geschrieben, viel mitten in der Nacht mit Menschen in den USA telefoniert. Immer wieder gab es Absagen, über die man sich im ersten Moment geärgert hat, aber auch motiviert wurde, weiter zu suchen, weil selbst bei den Absagen hatte man das Gefühl: Dieser Film ist es wert, erzählt zu werden.

Warum haben Sie sich für die Machart mit KI-Reenactments entschieden?

Niklas Kreusch: Bei einem Ereignis wie 9/11 gibt es zwar enorm viel historisches Bildmaterial, aber viele der persönlichen, intimen Momente unserer Protagonisten existieren naturgemäß nicht als Aufnahme. KI-gestützte Reenactments erlauben uns, diese Momente behutsam und ohne reißerische Nachstellung sichtbar zu machen, ohne auf klassische Schauspiel-Inszenierungen zurückzugreifen, die oft aus dem Ton einer Dokumentation herausfallen. Uns war dabei wichtig, transparent zu bleiben: Es geht nicht darum, Fakten zu verfälschen, sondern emotionale Zugänge zu schaffen, wo reines Archivmaterial an seine Grenzen stößt.

Gibt es Erkenntnisse durch dieses Doku-Projekt, die Sie überrascht haben?

Lisa-Marie Schnell: Überraschend war, wie gegenwärtig 9/11 noch immer ist, nicht nur in Form von Erinnerungskultur, sondern auch als Deutungsmuster. Für mich gab es viele "Aha"-Momente. Ich war am 11. September 2001 zehn Jahre alt. Die Bilder von damals kannte ich natürlich, ich habe auch noch präzise Erinnerungen an diesen Tag, aber vieles von dem, was danach kam, habe ich erst durch die Recherche wirklich verstanden. Ebenfalls spannend finde ich: Viele Erzählungen, die heute in der verschwörungsideologischen Szene funktionieren (Misstrauen gegen Medien, der Verdacht einer Existenz geheimer Mächte, die Idee einer verborgenen Wahrheit) lassen sich an 9/11 sehr früh beobachten, auch wenn der 11. September nicht als Ausgangspunkt für den Erfolg von Verschwörungserzählungen verstanden werden darf. Die sind so alt wie die Menschheit und reichen bis ins Mittelalter zurück. Ich war auch überrascht, wie stark sich politische Erzählungen verschieben können. Was in den 2000er Jahren teilweise aus linker Kriegskritik kam, ist heute in vielen Fällen Teil rechter Mobilisierung geworden.

Niklas Kreusch: Was mich bei der Arbeit an diesem Projekt am meisten beschäftigt hat: Fast jeder, der heute über 30 Jahre alt ist, hat eine ganz persönliche 9/11-Geschichte – man weiß noch genau, wo man war, was man gerade tat, als die ersten Bilder liefen. Das ist mir während der Recherche immer wieder begegnet, auch bei Menschen, die mit dem Ereignis selbst gar nichts zu tun hatten. Für diese Generation ist 9/11 vergleichbar mit der Mondlandung, dem Attentat auf John F. Kennedy oder dem Fall der Berliner Mauer – Momente, die sich so tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, dass jeder Einzelne noch heute seine eigene, sehr präzise Erinnerung daran abrufen kann. Diese Intensität hat mich überrascht: 9/11 ist eines der ganz wenigen Ereignisse, das sich unabhängig davon, ob man in New York, Bremen oder München lebte, so tief in eine ganze Generation eingeschrieben hat. Gleichzeitig zeigt unser Film, wie unterschiedlich diese eine gemeinsame Erinnerung sich seitdem ausdifferenziert hat – vom nationalen Trauma zu ganz individuellen, teils gegensätzlichen politischen Lehren, die daraus gezogen wurden.

Zitate von Protagonisten (Auswahl)

Aus "Wahn" (1/3)

Rais Bhuiyan, Überlebender eines Hassverbrechens, zur weltweiten Ausbreitung von Hass:
"Hass betrifft nicht nur Menschen in Texas oder in den USA. Hass betrifft Menschen überall auf der Welt. Doch unsere verpassten Chancen auf Frieden bedeuten nicht, dass wir es künftig nicht besser machen können."

Dylan Avery, Regisseur von "Loose Change", zum unerwarteten Erfolg der Verschwörungsdokumentation:
"Wir waren auf den Erfolg von 'Loose Change' nicht vorbereitet. Wir hatten einfach einen Film gemacht."

Korey Rowe, Filmproduzent von "Loose Change", zum ideologischen Wandel in der verschwörungstheoretischen Szene:
"Als wir „Loose Change“ produzierten, waren wir Teil einer linksgerichteten Antikriegsbewegung. Im Laufe der Jahre, besonders unter Trump, wurde diese dann zu einer rechten Idee, die seine Basis mobilisierte."

Aus "Jagd" (2/3)

John Kiriakou, ehemaliger Mitarbeiter der CIA und Whistleblower
…über die Folterlogik:

"Schon 2002 war klar, dass Folter einfach nicht funktioniert. Sie war nicht nur illegal, unmoralisch und unethisch – sie brachte auch keine Ergebnisse. Doch es gab dieses tiefe Bedürfnis nach Rache an den Menschen, die an einem einzigen Tag 3.000 Amerikaner getötet hatten. Deshalb war es ihnen egal, ob es funktionierte oder nicht. Sie wollten sich einfach Genugtuung verschaffen. Und sie wollten, dass diese Muslime leiden."

…über die Ironie seiner eigenen Bestrafung:
"Von allen, die in irgendeiner Weise mit dem Folterprogramm zu tun hatten, war ich der Einzige, der ins Gefängnis kam. Dabei war ich der Einzige, der selbst nie gefoltert hat. In meinem Herzen wusste ich, dass ich recht hatte und sie unrecht hatten."

Brandon Bryant, ehemaliger Drohnenpilot über seinen Selbstmordversuch:
"Ich habe versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich hatte ein Erlebnis, das ich als Nahtoderfahrung beschreiben würde. Ich blickte durch eine Art Schleier ins Jenseits, zu Geistern, wie auch immer man es nennen will. Ich sah jeden Menschen, den ich getötet hatte, um mein Bett stehen."

Aus "Spaltung" (3/3):

Kai Pfaffenbach, Fotojournalist, über seine Arbeit in New York direkt nach den Anschlägen:
"Wenn man in solchen Ausnahmemomenten fotografiert, wird man oft, wenn man eine Kamera in die Hand nimmt, fast ein bisschen feindselig angeschaut oder auch behandelt. Das war in New York überhaupt nicht der Fall. Da war einem überhaupt niemand böse oder ungehalten darüber, dass man da fotografiert hat oder versucht hat, als Journalist zu arbeiten."

Nicholas Gorki, Sohn eines Opfers von 9/11, über Hass und den "War on Terror":
"Beim Krieg gegen den Terror sehe ich all das Leid, das daraus entstanden ist. Für Menschen wie mich, für Kinder, für Eltern. Für Menschen, die unter den Folgen unseres Hasses besonders viel gelitten haben. So sehr ich die auch verurteile, die für die Anschläge verantwortlich sind – es fällt mir schwer, reinen Hass zu empfinden.  Denn so viele Menschen haben als Folge dieses Hasses gelitten und ihr Leben verloren.

Zitate von Expertinnen und Experten (Auswahl)

Jaron Harambam (PhD), Soziologe, über das Gruppengefühl in der Verschwörungsszene:
"Menschen mit alternativen Vorstellungen der Wirklichkeit treffen auf eine Gemeinschaft. Das ist ein wichtiger Antrieb für Verschwörungsdenken. Das wird oft übersehen, weil man sie für Einzelgänger hält.“

Katharina Nocun, Autorin von "Fake Facts", über die Austauschbarkeit von Themen bei Verschwörungserzählungen:
"Innerhalb der verschwörungsideologischen Szene gibt es eine sehr große Remix-Kultur. Das sieht man eben auch bei Telegram-Gruppen, die während der Corona-Pandemie gegründet wurden, wo dann ein paar Monate später plötzlich über Agrardiesel diskutiert wurde und ein paar Monate später wieder über Walrettung. Die Themen sind austauschbar, Hauptsache die Feindbilder bleiben gleich."

Prof. Dr. Peter R. Neumann, Politikwissenschaftler, über die Vertrauenskrise nach 9/11:
"Verschwörungstheorien (…) finden dann immer besonders Zuspruch, wenn Leute kein Vertrauen mehr in Institutionen haben, kein Vertrauen in Politik haben und wenn krisenhafte Entwicklungen unerklärbar sind. Und genau das hat im Falle vom 11. September 2001 perfekt funktioniert. Viele Leute, die sowieso schon skeptisch gegenüber Amerika waren, die nicht glauben wollte, dass diese übermächtige Militärmacht sowas nicht verhindern kann, bei denen hat es leicht verfangen."

Prof. Dr. Christiane Lemke, Politikwissenschaftlerin, über die Wirkung von 9/11 für das US-Selbstverständnis:
"Für das amerikanische Selbstverständnis hatte New York eine enorme Symbolwirkung. Hier angegriffen zu werden, spielte auch eine wichtige Rolle bei diesem Gefühl: 'Wir sind einfach alle hier sehr verwundbar.'”

Dr. Guido Steinberg, Islamwissenschaftler, über den Drohnenkrieg der USA:
"Selbst wenn man der Meinung war, dass der Drohnenkrieg gegen al-Qaida  effektiv und notwendig war, musste man damit rechnen, dass diese Technik irgendwann von anderen Mächten übernommen wird – wie das dann ja auch geschehen wird."

Prof. Dr. Peter R. Neumann, Politikwissenschaftler, über die Wahl von Donald Trump
"Der 11. September hat einen Präsidenten wie Donald Trump möglich gemacht, weil natürlich durch den 11. September Amerika in die Kriege im Nahen Osten reingezogen wurde und sich das im Nachhinein auch in Amerika als großer Fehler erwiesen hat."

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