Feindbild Queer
Zweiteilige Dokumentation
Der Christopher Street Day steht seit Jahrzehnten für einen zentralen Erfolg der queeren Emanzipationsbewegung: den Schritt aus der Unsichtbarkeit in die Öffentlichkeit. Der Terroranschlag am 25. Juli 2026 in Berlin hat die queere Community und die gesamte Gesellschaft erschüttert. Warum werden queere Menschen zunehmend zum Feindbild? Und was sagt ihr Schutz über den Zustand einer offenen Gesellschaft aus? Die Doku begleitet queere Menschen, zeigt ihren Alltag und auch wie sie Anfeindungen und Gewalt erleben.
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Ab Mo, 21. September 2026, 5.00 Uhr, im ZDF streamen
ZDFinfo: Montag, 28. September 2026, ab 20.15 Uhr
Feindbild Queer
Zweiteilige Doku von Manuel Gogos, Timm Giesbers und Susanne Gerecke
ZDFinfo: Montag, 28. September 2026, 20.15 Uhr
Feindbild Queer: Kampf für die Vielfalt
ZDFinfo: Montag, 28. September 2026, 21.00 Uhr
Feindbild Queer: Woher kommt der Hass?
Stab (Auswahl)
Buch und Regie Manuel Gogos, Timm Giesbers, Susanne Gerecke
Kamera diverse
Schnitt Sven Voß
Executive Producerin Kirsten Hoehne (Spiegel TV)
Producerin Nanje Teuscher (Spiegel TV)
Redaktion Christian Liffers (ZDFinfo)
Sendelänge 2x45 Minuten
Am 25. Juli 2026 lenkt ein Mann beim Christopher Street Day in Berlin einen Transporter in die Menschenmenge und greift anschließend Umstehende mit einer Machete an. Eine Frau wird getötet, zahlreiche Menschen werden schwer verletzt. Der Angriff erschüttert die queere Community und die gesamte Gesellschaft.
Die Zahl der Angriffe auf queere Menschen ist seit Jahren gestiegen. Die Gefahr war immer real. Jetzt ist das vage Gefühl, in relativer Toleranz glücklich werden zu können, mit dem 25. Juli zerbrochen. Zurück bleiben Trauer, Verunsicherung und die Frage, wie wehrhaft eine offene Gesellschaft gegenüber Hass und Gewalt ist.
Für viele schien die deutsche Gesellschaft auf dem Weg zu immer größerer Offenheit: Eine Mehrheit akzeptiert homosexuelle Lebensweisen, queere Menschen sind in Politik, Kultur und Öffentlichkeit so sichtbar wie nie zuvor. Gleichzeitig nehmen queerfeindliche Gewalttaten zu, politische Debatten werden schärfer geführt, religiös-fundamentalistische und rechte Bewegungen mobilisieren gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. War die wachsende Toleranz weniger belastbar als angenommen?
Diese Frage stellt sich auch angesichts politischer Auseinandersetzungen: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner lässt 2025 zum Christopher Street Day keine Regenbogenfahne mehr am Reichstagsgebäude hissen. Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigt die Entscheidung mit den Worten: "Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt." Familienministerin Karin Prien streicht einem queeren Jugendnetzwerk staatliche Fördermittel. Die Dokumentation fragt, ob solche Entscheidungen auf eine zunehmende Distanz der gesellschaftlichen Mitte zu queeren Anliegen hindeuten. Findet eine Entsolidarisierung statt?
Der Christopher Street Day steht seit Jahrzehnten für einen zentralen Erfolg der queeren Emanzipationsbewegung: den Schritt aus der Unsichtbarkeit in die Öffentlichkeit. Menschen zeigen sich ohne Scham und Angst und treten mit Stolz für Freiheit und gleiche Rechte ein. Der Angriff auf den Berliner CSD wird für viele zum Wendepunkt. Der Schock reicht weit über die queere Community hinaus.
Die zweiteilige ZDFinfo-Dokumentation "Feindbild Queer" zeigt, wie queere Menschen Anfeindungen und Gewalt in ihrem Alltag erleben. Sie begleitet Menschen in den Spannungsfeldern von Familie und Politik, Kirche und Moschee. Ihr Leben wird dabei zum Brennglas für gesellschaftliche Konflikte um Freiheit, Minderheitenrechte und Demokratie. Warum werden queere Menschen zunehmend zum Feindbild? Und was sagt ihr Schutz über den Zustand einer offenen Gesellschaft aus?
"Feindbild Queer: Kampf für die Vielfalt" (1/2)
Eine Woche nach dem Attentat in Berlin demonstrieren beim CSD in Hamburg 300.000 Menschen für Vielfalt und gleiche Rechte. Viele wollen sich nicht einschüchtern lassen. Zugleich zeigt sich die Bedrohung im Alltag: Manche queeren Paare vermeiden es aus Angst vor Anfeindungen, ihre Liebe öffentlich zu zeigen.
Wie Sichtbarkeit Akzeptanz fördern kann, zeigt der Handball-Bundesligaspieler Lucas Krzikalla. Nach Jahren des Versteckens bekannte er sich im Oktober 2022 öffentlich zu seiner Homosexualität. Statt eines Shitstorms erlebte er breite Unterstützung.
Die Berliner Dragqueen Barbie Breakout engagiert sich seit Jahrzehnten für queere Rechte. Sie nimmt einen gesellschaftlichen Backlash wahr: Freiheitsrechte würden zunehmend infrage gestellt, Stereotype gezielt für Kampagnen gegen Minderheiten genutzt.
Auch Stephan und Mathias sorgen sich um ihre Zukunft. Das schwule Paar lebt mit seinen Zwillingen in der Nähe von Regensburg und ist seit 2025 verheiratet. Beide berichten von großer Offenheit in ihren Familien und ihrem Umfeld. Zugleich fragen sie sich, ob rechtskonservative Kräfte ihre Rechte wieder einschränken könnten – bis hin zu der Sorge, ihre Kinder zu verlieren.
"Feindbild Queer: Woher kommt der Hass?" (2/2)
Der zweite Teil fragt nach den Ursachen von Queerfeindlichkeit. Er zeigt, wie insbesondere Transmenschen zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte um Identität, Familie und Geschlechterrollen werden. Paul Ninus Naujoks erlebt die Folgen dieser Auseinandersetzungen unmittelbar.
Die Dokumentation blickt in christliche Milieus, in denen Homosexualität lange als Sünde galt. Zugleich begleitet sie die Pastorinnen Steffi und Ellen Radke, die innerhalb der Kirche einen geschützten Raum für queere Menschen geschaffen haben. In der von der Frauenrechtlerin Seyran Ateş mitbegründeten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin sind queere Musliminnen und Muslime ausdrücklich willkommen. Tugay Saraç bewegte sich nach eigener Aussage lange im Umfeld von Islamisten. Heute lebt er als queerer Muslim und erhält Morddrohungen.
Carlos dos Reis floh aus Venezuela. Er berichtet, dass seine Homosexualität selbst in seiner Familie als Krankheit angesehen worden sei und seine Mutter ihn einer Konversionstherapie habe unterziehen wollen. In Deutschland lebt er offen queer und nimmt mit einer Gruppe queerer Migrantinnen und Migranten am CSD in Dresden teil. Dort erlebt er den politischen Konflikt um den Versammlungsstatus der CSD-Parade. Erst eine erfolgreiche Klage der Veranstalter ermöglicht die Demonstration.
Beim CSD in Berlin erleben mehrere Protagonistinnen und Protagonisten den Angriff unmittelbar mit, darunter Carlos dos Reis und Barbie Breakout. Wenige Tage später geht Paul Ninus Naujoks beim CSD in Hamburg erneut auf die Straße: "Jetzt erst recht!"
"Feindbild Queer" erzählt von Menschen, die sich ihre Sichtbarkeit nicht nehmen lassen wollen. Die beiden Dokumentationen zeigen, wie aus Angst Entschlossenheit entstehen kann, und fragt, ob sich eine offene Gesellschaft einschüchtern lässt oder ihre Freiheit selbstbewusst verteidigt.
Katharina Mosene, Politikwissenschaftlerin, Medienwissenschaftlerin:
"Wir sehen, dass an ganz, ganz vielen Standorten im letzten Jahr gegen Christopher-Street-Days mobilisiert wurde von rechten Gruppen, von faschistoiden und identitären Gruppen. Auch da sehen wir die Verschränkung von Antifeminismus, Transfeindlichkeit und Rechtsextremismus, rassistischem Denken, auch antisemitischem Denken. Wir wissen, dass jeder Zweite in Europa, der sich als queer empfindet, Diskriminierung erlebt hat."
Bertold Meyer, Sozialpsychologe, Autor:
"Ich erlebe ein mediales Dauerfeuer, vor allem auf den sozialen Medien, das wieder anfängt, Homosexualität mit Pädophilie gleichzusetzen und zu verknüpfen. Man will uns als Gefahr darstellen, damit man auch Gewalt gegen uns legitimieren kann. Natürlich sind wir heute im Jahr 2026 weiter als 1996, aber gleichzeitig erlebe ich in den letzten Jahren, dass man auf den CSD geht und da gibt es rechtsradikale Gegendemonstranten, die eine Straße weiter stehen und brüllen: deutsch, normal und heterosexuell."
Michael Hunklinger, Politikwissenschaftler, Experte für "Queer Politics":
"Wenn man immer die Macht hatte und auf einmal einen Teil davon abgeben muss, dann fühlt sich das bedrohlich an. Das ist eine dieser Logiken, warum es immer heißt: 'Ihr wollt zu viel, ihr seid zu sichtbar, ihr möchtet einfach jetzt alles bestimmen.' Es geht ja nicht darum, eine neue Meinungsdiktatur zu errichten, sondern es geht darum, einfach auch am Tisch zu sitzen und auch in der Öffentlichkeit vorzukommen."
Bertold Meyer, Sozialpsychologe, Autor:
"Wir sind als Menschen wirklich nicht gut in der Lage, mit Komplexität umzugehen. (…) Die Realität ist in der Regel komplexer als die Schubladen in unserem Kopf. Das heißt, Menschen, die trans sind, stellen unser Ordnungssystem der Welt, unsere Vorstellung von Geschlechtlichkeit, von Binarität massiv in Frage. Im Grunde genommen sind sie auch ein Symbol für die Ambiguität und für die Uneindeutigkeit der Welt, die nicht so gut zu unseren manchmal doch sehr einfachen Köpfen passt."
Eren Güvercin, Publizist, Islamexperte:
"Wir kommen als muslimische Community nicht weiter, wenn wir nach jedem islamistischen Anschlag sagen, das hat nichts mit dem Islam zu tun. Homophobie und Queerfeindlichkeit sind sehr weit verbreitete Feindbilder, die nicht nur in islamischen Milieus eine große Rolle spielen, sondern auch im konservativen muslimischen Milieu, weil es religiöse Narrative gibt, weil es theologische Positionen innerhalb der muslimischen Community gibt, die homosexuelle und queere Menschen abwerten und entmenschlichen."
Katharina Mosene, Politikwissenschaftlerin, Medienwissenschaftlerin:
"Es macht einen Unterschied, ob ich in der Kneipe an der Theke angeschrien werde und übel beschimpft, beleidigt werde oder ob das im Internet passiert, denn die Reichweite ist eine ganz andere. Alles auf der Bandbreite lässt sich strafverfolgen. Die Frage ist, wie fallen dann die Urteile aus? Haben Staatsanwaltschaften für sowas Zeit, das zu priorisieren? Wenn es nur um eine Beleidigung geht, dann ist man mal relativ schnell wieder bei Ressourcenfragen."
Barbie Breakout, Drag Queen:
"Ich habe mich ganz lange für trans gehalten, weil ich keinen anderen Begriff kannte, weil es keine andere Definition gab. Es gab damals heterosexuell, homosexuell, bisexuell. Es gab "normal" und es gab "trans". Als Drag in mein Leben kam, war das das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ich kann diese Teile irgendwo hin tun. Insofern war Drag für mich ein Rettungsschirm. Ich durfte mal ich selbst sein, ein paar Stunden."
Barbie Breakout ist eines der bekanntesten Gesichter der queeren Community und ist als Drag Queen immer wieder auch selbst Ziel von Hassnachrichten und Bedrohungen.
Paul Ninus Naujoks, Trans*Aktivist:
"Ich war hoch suizidal. Und was mich am Leben gehalten hat, war der Ausblick, irgendwann mal auch eine Brustabnahme zu haben. Wenn es für mich keinen Weg Richtung Transitionieren gegeben hätte, dann wäre ich gestorben an diesem Leidensdruck."
Es war seine Transition zum Mann, die Paul Ninus Naujoks Leben gerettet hat. Heute begleitet er selbst junge Menschen als Peer-Berater durch ihre Transition.
Pierre Sanoussi Bliss, Schauspieler:
"Ich denke schon, dass es eigentlich immer mehr vorwärts geht. Bei den Leuten hat es auch etwas mit Bildung zu tun. Es kommt ja eine Generation nach, die eigentlich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit im Umgang mit Homosexualität aufwächst."
Pierre Sanoussi-Bliss (63) Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor lebte offen schwul in der DDR und beobachtet den Kampf um queere Reche seit mehr als vier Jahrzehnten.
Laura van Oirschot, Politikerin:
"Die CDU war vielleicht in der Vergangenheit nicht die fortschrittlichste Partei, man war vielleicht nicht immer an der Speerspitze der Bewegung – muss man aber auch nicht sein. Ich glaube, das, was man aber bei uns definitiv sagen kann, ist, dass wir jeden Menschen so nehmen, wie er ist und von dort abholen, wo er gerade im Leben steht. Und da ist es unabhängig, ob der jetzt nun schwul, trans, lesbisch oder sonst was ist."
Laura an Oirschot (25), Transfrau, verheiratet und Studentin der "Sozialen Arbeit". Sie engagiert sich politisch im CDU-Kreisverband Krefeld und ist als Fußballschiedsrichterin aktiv.
Ellen Radtke, queere Pastorin:
"Das ist prinzipiell so, dass sich jede Demokratie daran messen lassen muss, wie sie mit Minderheiten umgeht. Demokratie bedeutet ja nicht gnadenlose Herrschaft der Mehrheit über den Rest. Demokratie bedeutet gemeinsame Herrschaft aller. Und das wird halt oft mit missverstanden. Und wo Minderheitenschutz wegfällt, da steht das schlecht um die Demokratie."
"25 bis 30 Prozent der Wählerinnen hier wählen die AfD. Und wir merken immer wieder, dass eben auch hier Stimmung gemacht wird. Auch hier im Stadtteil, bin ich dann nicht mehr sicher. Wir erleben es jetzt schon, dass Menschen verprügelt werden, dass Menschen angespuckt werden. Einfach so durch die Stadt laufen, queer sein und denken: 'Mir wird schon nichts passieren' – die Zeit ist jetzt schon vorbei."
Ellen (und Steffi Radke) sind queere Pastorinnen, die innerhalb der Evangelischen Kirche einen "Safe Space" für queere Menschen eröffnet haben. In ihrem YouTube-Kanal "anders amen" thematisieren sie viele queersensible Themen.
Wann und wie ist die Idee zu diesem Filmprojekt entstanden?
Manuel Gogos: Die Idee dazu hatten der ZDFinfo Redakteur Christian Liffers und Spiegel TV Producerin Kirsten Hoehne schon 2025. Als ich dann im Februar 2026 angefragt wurde, interessierte mich besonders der Aspekt der politischen Instrumentalisierung: Queeres Leben wird von Rechten und Rechtsextremen zum Feindbild gemacht, zum Symbol einer angeblich allzu offenen, allzu schamlosen Gesellschaft. Unser Film zeigt dann ja auch beides: viele verschiedene Lebenswelten queeren Lebens. Und zugleich auch diesen Kulturkampf, der von islamistischer, rechtsextremer und rechts-konservativer Seite darüber geführt wird.
Susanne Gerecke: Wir wollten keinen Film über Opfer machen und auch keine reine Feel-Good-Doku über Fortschritt, sondern Konfliktlinien nachzeichnen und die zunehmende Verschärfung des Diskurses einfangen. Am 25. Juli bekam dieses Thema dann durch den Anschlag auf den Berliner CSD eine ganz neue Dimension.
Der Doku-Zweiteiler war schon fast fertig, als am 25. Juli 2026 der Terroranschlag auf den Christopher Street Day in Berlin stattfand. Haben Sie lange darüber diskutiert, dieses schreckliche Ereignis mit zu berücksichtigen?
Timm Giesbers: Ehrlich gesagt überhaupt nicht: Als ich die Pushnachrichten auf mein Handy bekam, war mir sofort klar: Das verändert sehr vieles, das ist groß – und ich habe umgehend in unseren internen Gruppen-Chat des Autor*innen- und Producerinnen-Teams geschrieben. Und uns war allen klar, dass wir den Stoff weiterentwickeln müssen. Das haben wir dann sehr konzentriert getan.
Susanne Gerecke: Einen fast abgedrehten Film in der Schnittphase noch einmal zu öffnen, ist sicher keine leichte Entscheidung: redaktionell, emotional und auch zeitlich. Aber dieses entscheidende Ereignis nicht einzuordnen, stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. Da waren wir uns alle einig.
Manuel Gogos: Andererseits waren wir inhaltlich erschreckend gut aufgestellt: Die neue Gewalt gegen queeres Leben haben wir schon von Anfang an zum Leitmotiv unseres Films gemacht. Diese Gewalt und Verletzungen haben viele Formen, unterschwellige, verbal diskriminierende, körperliche oder sogar mörderische. Das hat der Anschlag nur auf eine schreckliche Weise bestätigt.
In welcher Weise hat sich der Zweiteiler durch den Anschlag verändert?
Manuel Gogos: Die Filme haben nochmal eine andere politische Brisanz bekommen. Und auch dramaturgisch eine andere "Fallhöhe". Aber mal abgesehen von dieser journalistischen Perspektive: Die Community steht noch immer unter Schock. Es wird getrauert. Ich habe es auf dem CSD in Hamburg selbst gesehen, wo einer unserer Protagonisten ein "Die-In" veranstaltet hat. Das mussten wir abbilden, diese Erschütterung, diese Trauer, diese Angst vor der unmittelbaren Bedrohung. Und gleichzeitig den mutigen Widerstand dagegen, nach dem Motto: "Jetzt erst recht!"
Timm Giesbers: Gleichzeitig hat der Anschlag und seine Folgen die Grundstimmung der Dokumentation extrem verdüstert. Hatten vorher viele Protagonist*innen aus individuellen Empfindungen heraus immer noch einen Funken Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft, so ist über diesen Traum von Vielfalt ein schwerer Schatten gefallen, den nun alle spüren. Parallel ist aber auch ein gewisser Kampfgeist spürbar, der vor dem Anschlag weniger laut zu hören war – das wiederum gibt den Geschichten in unseren Filmen eine enorme Kraft.
Susanne Gerecke: Die ursprüngliche Erzählung – innere Debatten, unterschiedliche Perspektiven auf Demokratie und Zusammenleben – bleibt der Kern. Hinzugekommen ist eine Ebene, auf der sichtbar wird, wie sich diese Auseinandersetzungen, Diskurse und auch Reaktionen bis hin zu Instrumentalisierungen angesichts einer äußeren sehr radikalen und realen Bedrohung neu ordnen. Wovon wir in den Interviews vor dem Anschlag hypothetisch sprachen, wurde plötzlich wahr. Das hatte ich so nicht erwartet.
Wie leicht oder schwierig war es queere Menschen für dieses Filmprojekt zu gewinnen?
Manuel Gogos: Wir haben wirklich viele Menschen in den Blick genommen und angefragt. Die Rückläufe waren sehr unterschiedlich. Manche Protagonist*innen haben sich einfach gefreut wie die Schneekönig*innen, sich zeigen zu können, Einblick in ihr Leben zu geben. Andere wollten schon gebeten und überzeugt werden. Wollten genau wissen, was der Film erzählen will, aus wessen Perspektive; wer noch im Film ist, ob auch queere Menschen im Produktionsprozess beteiligt sind, und so weiter. Es gab also große Begeisterung, aber uns wurden auch viele Fragen gestellt.
Timm Giesbers: Man muss verstehen, dass viele queere Menschen eine nachvollziehbare Skepsis gegenüber Medien haben. Denn die Erinnerung daran sitzt bei vielen tief, dass queere Menschen viele Jahre ausschließlich als Objekt der Belustigung ausgestellt wurden: Man hat über Queere gelacht, ihre Nöte nicht ernst genommen, sie ausgegrenzt und viele Medien haben über Jahrzehnte sehr mit ihnen gefremdelt.
Susanne Gerecke: Man darf nicht vergessen, wir haben queere Menschen gebeten vor der Kamera über intimste Dinge zu sprechen: Ängste, Gewalterfahrungen und auch Sexualität. Da gab es auch Absagen, klar. Aber die Protagonist*innen, die sich für eine Mitwirkung entschieden haben, wollten ganz bewusst Teil der Debatte sein.
Was war Ihnen bei der Auswahl der Protagonistinnen und Protagonisten des Films wichtig? Nach welchen Kriterien habe Sie sich für sie entschieden?
Susanne Gerecke: Im Mittelpunkt für uns stand immer die persönliche Geschichte der Menschen, die sie mit uns geteilt haben und die Frage: Was erzählt diese Geschichte über das "große Ganze". Dabei haben wir uns bemüht eine gewisse Bandbreite abzubilden. Jeder unserer Protagonisten und Protagonistinnen steht für eine bestimmte Facette der queeren Community. Wir sprachen mit queeren Menschen aus der Stadt, vom Land, aus unterschiedlichen Altersgruppen und mit verschiedenen familiären Hintergründen zwischen Bayern und Hamburg. Klar, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Timm Giesbers: Gleichzeitig ist die Lebensrealität queerer Menschen in Berlin-Kreuzberg eine gänzlich andere als im Umland von Regensburg oder in der Uckermark. Also war auch das für uns ein entscheidendes Kriterium: Deutschland nicht nur in seinen urbanen Zentren zu besuchen, sondern auch auf die Pferdekoppel und ins Gemeindezentrum zu blicken.
Und dann kommt dazu noch ein Punkt, der mir als eher jüngerer Person wichtig ist: Allen Generationen zuzuhören. Queere Menschen sind die einzige Minderheit, die größer wird, je jünger die jeweilige Kohorte ist, die man sich ansieht. Das hat damit zu tun, dass heute 80-Jährige noch Zeiten kennen, in denen Sex zwischen Männern per Strafgesetzparagraph verboten war und auch gesellschaftlich geächtet. Zudem kennen viele die heute eher älteren, queeren Menschen unzählige Biographien, die im Zuge der AIDS-Krise in den 1980er und 90er Jahren tragisch jung endeten. Einige sprechen gar davon, dass eine ganze Generation insbesondere schwuler Männer gestorben ist.
Gab es besondere Erlebnisse bei Recherche oder Dreharbeiten, die Sie beeindruckt haben?
Timm Giesbers: Journalistinnen und Journalisten kritisieren in erste Linie, das ist auch unser Job: Aufmerksamkeit dahin lenken, wo es Missstände gibt. Ich würde hier aber gern über ein durchweg positives Erlebnis beim Dreh berichten. Als ich Lucas Krzikalla, den ersten queeren Bundesliga-Handballer zum letzten Spiel für seinen Verein in Leipzig begleiten durfte, hat er mir berichten können, wie stark er von seinem Team, dem Verein, seinem Umfeld aber auch den Fans getragen wurde, durch die aufregende und unabsehbare Zeit seines Coming-outs. Vorher hatte er große Sorge, wie die Menschen im Spitzensport-Milieu reagieren würde, aber er hat die positive Erfahrung gemacht, dass er für seinen Mut bejubelt wurde und er im Gegenteil sehr viel Zuspruch für den Schritt erhalten hat. Ich finde, das sollte uns auch ein Stück Mut dafür geben, den extremen Stimmen in der Debatte zu widersprechen und es zeigt, dass in der Mitte der Gesellschaft viel Offenheit und Liebe für queere Menschen da ist.
Susanne Gerecke: Zu sehen, wie souverän Transfrau Laura van Oirschot (25) als Fußball-Schiedsrichterin in der Kreis-Liga C auf dem Rasen 22 Männern in Schach hält, fand ich schon bemerkenswert.
Welche Erkenntnisse haben Sie durch Recherche und Drehs gewonnen, die sie so nicht unbedingt erwartet hätten?
Manuel Gogos: Im zweiten Teil stellen wir ja die Frage: "Woher kommt der Hass?", und wir versuchen dort tiefer gehende Antworten zu geben, indem wir Wurzeln der Queerfeindlichkeit auch im Christentum und im Islam freilegen. Das hat mich als gelernten Religionswissenschaftler besonders interessiert: Queerfeindlichkeit im Christentum, der Religion der Liebe, in evangelikalen Kreisen in den USA oder auch bei rechtsreligiösen in Deutschland. Und wie halten zum Beispiel zwei lesbische Pastorinnen dagegen. Die Kirche hat eine lange Geschichte der Queerfeindlichkeit. Und auch im Islam gibt es so etwas. Der sogenannte Islamische Staat hat Homosexuelle von Hochhäusern zu Tode gestürzt. Es ist genau dieser Gruppenbezogene Menschenhass, der auch Abdul B. dazu brachte, auf dem CSD in Berlin in die Menschen hineinzufahren.
Susanne Gerecke: Zu Beginn der Recherche war mit nicht wirklich klar, wie tief auch die Gräben innerhalb der queeren Community sind. Ich habe sie immer als eine eher homogene und in sich geschlossene Gemeinschaft wahrgenommen. Das ist nicht so.
Timm Giesbers: Was mich nachhaltig beschäftigt ist, wie stark die queere Community den Backlash wahrnimmt, wie groß die Sorge ist, dass sich das Fenster der Toleranz gerade wieder schließt und eine deutlich dunklere, sorgenvollere Zukunft ansteht. Und mit dieser Sorge wirkt die queere Community doch recht allein, allzu groß war die Anteilnahme in meiner Wahrnehmung nach dem Anschlag nicht. Sehr schnell wurde er politisch von allen möglichen Seiten gekapert, der Trauer innerhalb der Community kaum Raum gegeben.
Warum kommt es immer wieder zu Angriffen auf queere Menschen? Warum wird queeres Leben von manchen als Provokation empfunden?
Susanne Gerecke: Da kommt Vieles zusammen: Die verstärkte Sichtbarkeit der Community und den sehr offenen Umgang mit Sexualität empfinden viele als Angriff auf ihr eigenes Wertesystem und fühlen sich provoziert. Gleichzeitig befeuern Debatten um Gendersprache und eine Regenbogen-Beflaggung am Reichstag das Diskussionsfeld immer wieder. Wenn etablierte Rollenbilder ins Wanken geraten, stößt das auf Widerstand. Das ist leider nicht nur bei der queeren Community so.
Manuel Gogos: Rechte und rechtskonservative lieben dieses Argument: dass die Sichtbarkeit der queeren Community provoziere. In letzter Konsequenz werden damit queere Menschen für Angriffe auf ihre Community selbst verantwortlich gemacht. Und: Wo es früher schwule Männer waren, die angeblich "Anstoß erregten", da sind es heute die Transfrauen. Ich will es mal mit einem Satz des Sozialpsychologen Bertolt Meyer sagen, den wir auch im Film haben: "Transmenschen sind nicht verantwortlich für die Kampfzone Trans."
Timm Giesbers: Die kurze Antwort: Weil queere Menschen unser Rollen- und damit das Machtverständnis in einer patriarchal geprägten Gesellschaft in Frage stellen – nicht mal aktiv, sondern durch ihre schlichte Existenz. Das sorgt bei einigen für eine innere Unordnung, die bis zur Gewaltbereitschaft reicht. Ganz abgesehen davon sind Minderheiten immer das Opfer der Wahl, um Gesellschaften auseinander zu treiben. Denn die Solidarisierung mit einer kleinen Gruppe kostet die Mehrheitsgesellschaft Kraft und ist dennoch unabdingbar, wenn Demokratie gelingen soll.
Haben Sie Vorschläge gefunden, wie man dem begegnen könnte?
Manuel Gogos: Dasselbe habe ich auch den Chemnitzer Sozialpsychologen Bertolt Meyer gefragt, der ja ein ganzes Buch zum Thema "Anderssein" geschrieben hat. Diskriminierung von queeren Menschen lässt sich ja strukturell mit Rassismus vergleichen. Tatsächlich sind es meist homo- und queerfeindliche Einstellungen, die auch mit Fremdenfeindlichkeit einhergehen. Und auch die Lösung wäre dieselbe: Kontakt! Häufig sind es ja alles Bilder im Kopf. Wenn Du die Menschen triffst, wenn es also zu einer wirklichen Begegnung kommt, dann ist das "entwaffnend". Wenn allerdings jemand seine Vorurteile und sein geschlossenes Weltbild pflegen will, da machst du nix. Das muss man dann gesellschaftlich und politisch bannen und juristisch belangen.
Timm Giesbers: Wir konnten in der Recherche auch beobachten, dass es Tendenzen innerhalb der queeren Community gibt, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, dass einzelne Gruppen es "übertreiben". Natürlich sind queere Menschen keine einheitlich denkende Bewegung, sondern eben vielfältig in Meinungen und Lebensentwürfen. Ob es aber hilft, sich selbst die Schuld für Anfeindungen zu geben, weil das Outfit des anderen beim CSD einem nicht passt oder in der Diskussion um Begrifflichkeiten, wie queer oder schwul, in gegenseitige Beleidigungen zu verfallen? Ich habe da große Zweifel und sehe eher, dass diese Konflikte von interessierten Seiten genutzt werden, um queeren Menschen insgesamt Solidarität zu entziehen.
Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Zweiteiler "Feindbild Queer"?
Manuel Gogos: Der Film war eine echte innere Erkenntnisreise für mich. Hoffentlich vermittelt sich etwas davon auch bei unseren Zuschauenden.
Susanne Gerecke: Es wäre wunderbar, wenn sich durch diesen Zweiteiler Räume für Gespräche und Diskussionen öffnen, die am Ende die Menschen miteinander verbinden. Die beiden Filme liefern in Teilen sehr persönliche und emotionale Perspektiven, die manchmal mehr leisten als Zahlen, Statistiken oder eine nüchterne gesellschaftspolitische Analyse.
Timm Giesbers: Es braucht eine Mehrheitsgesellschaft, die, auch wenn vielleicht nicht selbst betroffen, demokratisch gesinnt genau diese Rechte zubilligt und beschützt. Es braucht das, was viele heute Allys nennen. Schutzengel hätte man das früher vielleicht genannt.
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