Letzte Instanz – Urteile über Leben und Tod

Doku und "ZDF spezial" zu 75 Jahre Bundesverfassungsgericht

Das Bundesverfassungsgericht feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen. Am 28. September 1951 wurde es mit einem Festakt im Karlsruher Schauspielhaus feierlich eröffnet – exakt 75 Jahre später wird der offizielle Festakt zum Jubiläum in der Karlsruher Stadthalle ausgerichtet. Ein "ZDF spezial" überträgt am Montag, 28. September 2026, 10.45 Uhr, den Festakt live. Am Tag darauf sendet das ZDF zudem die Doku "Letzte Instanz – Urteile über Leben und Tod", die ab Freitag, 18. September 2026, 10.00 Uhr, im ZDF-Streaming-Portal präsent ist und eine der größten Herausforderungen für das Bundesverfassungsgericht rekonstruiert.

Sendedatum

Freitag, 18. September 2026, 10.00 Uhr
Montag, 28. September 2026, 10.45 Uhr / Dienstag, 29. September 2026, 20.15 Uhr

Fotos

Texte

ZDF spezial: 75 Jahre Bundesverfassungsgericht

Montag, 28. September 2026, 10.45 bis 12.40 Uhr, ZDF und im ZDF streamen

ZDF spezial: 75 Jahre Bundesverfassungsgericht

Festakt live aus Karlsruhe

Moderation: Sarah Tacke

Produktion: ZDF
Redaktion: Samuel Kirsch, Wolfgang Zimmermann
Länge: ca. 117 Minuten

Das Bundesverfassungsgericht wird 75 Jahre alt. Deutschland feiert dieses Jubiläum seines wichtigsten Gerichts und fünften Verfassungsorgans mit einem Festakt.

Genau 75 Jahre nachdem das Bundesverfassungsgericht am 28. September 1951 feierlich eröffnet wurde, kommen dazu in der Stadthalle Karlsruhe rund 1000 Gäste aus Politik und Gesellschaft zusammen. An ihrer Spitze: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der eine Festrede halten wird.

Das ZDF überträgt den Festakt live, moderiert von ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke. Im Gespräch ist zudem Andreas Voßkuhle, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Letzte Instanz – Urteile über Leben und Tod

Ab Freitag, 18. September 2026, 10.00 Uhr, im ZDF streamen
Dienstag, 29. September 2026, 20.15 Uhr, ZDF

Letzte Instanz – Urteile über Leben und Tod

Film von Peter Dörfler

Kamera: Mathias Schöningh
Produktion: MadeFor Film
Produzent: Henning Wagner
Redaktion: Ralf Bonsels, Samuel Kirsch
Leitung der Sendung: Cathérine Kipp
Länge: ca. 43 Minuten

In der 75-jährigen Geschichte des Bundesverfassungsgerichts musste Karlsruhe oft extreme Entscheidungen treffen – mit gesellschaftlicher Sprengkraft und massiven Konsequenzen.

1977: Arbeitgeberpräsident Schleyer ist Geisel der RAF; die Regierung will sich nicht erpressen lassen. Seine letzte Hoffnung: Karlsruhe. Die Richter sollen entscheiden: Muss sich der Staat auf einen Deal mit Terroristen einlassen, um Schleyer zu retten? Die Zeit drängt.

Immer wieder steht das Bundesverfassungsgericht vor der Entscheidung: Leben schützen, ja! Aber um welchen Preis? Es klingt so einfach und klar: Die Menschenwürde ist unantastbar; Leben ist das höchste Gut. Aber was, wenn Leben gegen Leben steht oder gegen Selbstbestimmung und Freiheit? In Karlsruhe beginnt dann der Kampf der Argumente. Und für die Richterinnen und Richter auch ein innerer Kampf um ethische und moralische Grundsätze. Sie nämlich haben das letzte Wort.

Der Film rekonstruiert den Eilantrag der Familie des Entführungsopfers Hanns Martin Schleyer, die Nachtverhandlung in Karlsruhe und das Ringen um die Verantwortung des Staates für jedes einzelne Leben seiner Bürger. Hanns-Eberhard Schleyer, der Sohn des Entführten, führt als Zeitzeuge zurück in einen historischen Ausnahmezustand: Das Hoffen und Bangen der Familie zu Hause und das juristische Duell mit der Bundesregierung vor Gericht unter dem Zeitdruck eines Ultimatums der Entführer. Und die Situation spitzt sich noch weiter zu: Während die Rote-Armee-Fraktion Schleyer gefangen hält, geraten auch Menschen an Bord der Lufthansa-Maschine "Landshut" in die Gewalt von Terroristen. Es ist die wohl dramatischste Nach in der Geschichte des Verfassungsgerichts.

Mit Spielszenen, Archivmaterial und Stimmen von Zeitzeugen, den ehemaligen Verfassungsrichtern Susanne Baer und Andreas Voßkuhle, den früheren GSG9-Einsatzbeamten Dieter Fox sowie ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke, verdichtet der Film den spannungsgeladenen Entscheidungsprozess der Karlsruher Richter vor dem Hintergrund der nervenzerreißenden Entwicklungen im Terror-Herbst 1977.

Die ZDF-Dokumentation von Peter Dörfler blickt zum 75. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts auf dessen einzigartige Rolle als Hüter des Grundgesetzes und letzte Instanz auch für Entscheidungen über Würde, Leben und Freiheit.

"Es gibt keine einfache, absolute Antwort" – Fragen an Filmautor Peter Dörfler

Sie gehen in Ihrer Doku einer der schwierigsten rechtlichen Fragen nach, die durch ethische und moralische Implikationen zusätzlich aufgeladen wird: Um welchen Preis muss der Staat Leben schützen? Haben Sie in der Arbeit an der Doku eine Antwort darauf gefunden?

Der Schutz von Leben hat natürlich höchste Priorität. Aber ich habe bei der Arbeit an dem Film verstanden, dass es selbst darauf keine einfache, absolute Antwort gibt. Am Ende muss das Gericht immer den konkreten Fall betrachten. Und es gibt Situationen, in denen selbst dem Schutz eines Menschenlebens andere sehr schwerwiegende Argumente gegenüberstehen. Genau darin liegt ja das Dilemma, das uns im Film interessiert.

Ihre Doku rückt den Fall Hanns Martin Schleyer in den Fokus, der 1977 von der RAF entführt worden war. Inwiefern zeigt dieser Fall auch heute noch die besonderen Herausforderungen, denen sich Richter am Bundesverfassungsgericht stellen müssen?

Im Fall Schleyer musste das Gericht auch die Grenzen seiner eigenen Macht finden. Darf es der Bundesregierung in einer solchen Extremsituation vorschreiben, was sie zu tun hat – und ihr damit letztlich die Entscheidung abnehmen? Diese Frage wirkt bis heute nach. Wie weit darf oder muss das Gericht gehen, und wo muss es sich zurückhalten? Diese Grenze muss es immer wieder neu bestimmen.

Sind Sie in Ihrer Recherche für diese Doku auch auf Sachverhalte oder Schlussfolgerungen zum Geschehen vor knapp 50 Jahren gestoßen, die Sie eher überrascht oder irritiert haben?

Mich hat überrascht, wie sehr sich die "Erfolgsgeschichte", als die der Deutsche Herbst heute oft erzählt wird, bei genauerer Betrachtung relativiert. Wie würden wir heute darüber urteilen, wenn zum Beispiel die Befreiung der 'Landshut' missglückt und viele Geiseln ums Leben gekommen wären? Damals wusste niemand, wie diese Geschichte ausgehen würde. Umso bemerkenswerter finde ich, dass Hanns Eberhard Schleyer trotz seiner deutlichen Kritik an der damaligen Bundesregierung am Ende ein sehr klares Plädoyer für das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen formuliert.

Wenn es – wie im Fall Schleyer – um Leben und Tod geht, ist das eine Situation, die auch für die Richter des Bundesverfassungsgerichts doch eher selten vorkommt, oder? Sind die Richter zuletzt nicht häufiger als letzte Instanz für die deutsche Politik gefordert gewesen, weil sich die Parteienlandschaft verändert hat und die politischen Entscheidungsprozesse erschwert wurden?

Entscheidungen, bei denen es letztlich um Leben und Tod geht, kommen am Bundesverfassungsgericht häufiger vor, als man vielleicht denkt. Die Richterinnen und Richter, mit denen wir gesprochen haben, nannten uns ganz unterschiedliche Beispiele – Sterbehilfe, Triage oder das Asylrecht. Wir beleuchten in dem Film das Bundesverfassungsgericht vor allem als Bürgergericht – und das ist eine ganz wesentliche Funktion des Gerichts. Es ist dafür da, den Einzelnen und seine Rechte zu schützen. Vielleicht stellen sich heute mehr und andere Fragen als früher – aber diese Aufgabe hat sich nicht grundsätzlich verändert.

Und was können Sie den Zuschauerinnen und Zuschauern sagen: Warum lohnt es sich, Ihre Doku anlässlich von 75 Jahre Bundesverfassungsgericht anzuschauen?

Weil wir anhand von drei unglaublich spannenden Fällen zeigen können, wie dieses Gericht arbeitet, vor welchen schwierigen Entscheidungen seine Richter stehen – und auch, wo die Grenzen ihrer Macht liegen. Und vielleicht versteht man nach dem Film ein bisschen besser, warum das Bundesverfassungsgericht für unsere Demokratie so wichtig und wertvoll ist.

Interview: Thomas Hagedorn

Zitate der ehemaligen Richterin am Bundesverfassungsgericht Susanne Baer

"So richtig schwierige Entscheidungen im Bundesverfassungsgericht waren diejenigen, in denen es um existentielle Nöte von Menschen ging, also wenn ich mich in der Verantwortung sah, eigentlich die letzte Instanz zu sein, die helfen kann."

"Das Bundesverfassungsgericht ist im demokratischen System eine erstaunliche Erfindung: Da sitzen ganz wenige Leute, die stoppen können, was ganz viele gewählte Abgeordnete und die Regierung beschlossen haben. Aber genau das ist wichtig, weil die Mehrheit manchmal nicht so den Blick dafür hat, was Minderheiten anbelangt. Und eine Minderheit ist am Schluss jeder und jede Einzelne von uns irgendwann einmal."

"Das Bundesverfassungsgericht sucht immer eine Lösung, die für acht Richterinnen und Richter trägt, damit sie dann auch für die Gesellschaft akzeptabel ist."

"Recht soll die verbindlichen Leitplanken setzen, sodass wir gut miteinander auskommen."

"Leben wird nicht abgewogen: Auch wenn viele zu sterben drohen, wird das einzelne Leben geachtet. Weil die Menschenwürde immer unantastbar ist."

"Das Verfassungsgericht ist ziemlich oft mit Fällen konfrontiert, in denen die Gesellschaft gespalten ist, wo also sehr unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen. Es hat dann die Aufgabe, einen Konsens zu finden, der für möglichst viele trägt und vor allem die Grundrechte zur Geltung bringt."

 

Prof. Dr. Susanne Baer war von 2011 bis 2023 Richterin am Bundesverfassungsgericht, Erster Senat

Fotohinweis

Fotos sind erhältlich über ZDF-Kommunikation, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/bundesverfassungsgericht

ZDFheute über "75 Jahre Bundesverfassungsgericht – Tag der offenen Tür"

Bundesverfassungsgericht – Themenseite auf ZDFheute

Kontakt

Thomas Hagedorn
Programmkommunikation Information, Gesellschaft, Sport
hagedorn.t@zdf.de
+49 6131 70-13802

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