XY-Preis 2026 – Gemeinsam gegen das Verbrechen

25. Verleihung

Von links: Alexander Dobrindt, Dr. Nadine Bilke, Dr. Thomas Krull, Dr. Annemarie Krull, Daniel Karstens, Dennenesch Zoudé, Mitri Sirin, Marco Schwarzenberger, Michelle Kuhn, Stella Hinrichs, Valeria Lizenberger, Edanur Karademir, Rudi Cerne.

ZDF/Jens Gyarmaty
Von links: Alexander Dobrindt, Dr. Nadine Bilke, Dr. Thomas Krull, Dr. Annemarie Krull, Daniel Karstens, Dennenesch Zoudé, Mitri Sirin, Marco Schwarzenberger, Michelle Kuhn, Stella Hinrichs, Valeria Lizenberger, Edanur Karademir, Rudi Cerne. ZDF/Jens Gyarmaty

Im ZDF-Hauptstadtstudio wurde am Montag, 19. Oktober 2026, 19.00 Uhr, der XY-Preis "Gemeinsam gegen das Verbrechen" verliehen.  
Die Preisträgerinnen und Preisträger sind am Mittwoch, 4. November 2026, ab 20.15 Uhr, zu Gast in der Livesendung "Aktenzeichen XY... Ungelöst".   

Sendedatum

Ab Mittwoch, 4. November 2025, nach der TV-Ausstrahlung – 30 Tage lang abrufbar
Mittwoch, 4. November 2025, 20.15 Uhr

Fotos

Texte

Statement von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt

"Zivilcourage ist das Fundament einer freien und solidarischen Gesellschaft. Der XY-Preis setzt dafür ein wichtiges Zeichen: Er würdigt Menschen, die nicht wegsehen, sondern handeln – oft in entscheidenden Momenten und mit viel persönlichem Mut. Dieses Engagement verdient unsere Anerkennung und sollte uns alle dazu ermutigen, selbst aktiv zu werden."

Zitat von ZDF-Programmdirektorin Dr. Nadine Bilke

Alt:

"Seit 25 Jahren macht der XY-Preis Menschen sichtbar, die in entscheidenden Momenten Verantwortung für andere übernehmen. Auch die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger haben gezeigt, wie viel Aufmerksamkeit, Entschlossenheit und Hilfsbereitschaft bewirken können. Ihr Handeln erinnert daran, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt im Alltag entsteht. Zu dieser verdienten Auszeichnung gratuliere ich ihnen herzlich."

Die 25. Verleihung des "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen"

Mit der diesjährigen Verleihung des XY-Preises "Gemeinsam gegen das Verbrechen" wird ein besonderer Meilenstein erreicht: Die Auszeichnung wird 2026 zum 25. Mal vergeben. Seit ihrer Einführung würdigt sie Menschen, die durch mutiges, besonnenes und verantwortungsbewusstes Handeln ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage sind.

Die Preisträgerinnen und Preisträger in diesem Jahr sind Michelle Kuhn, Marco Schwarzenberger, Dr. Annemarie und Dr. Thomas Krull, Daniel Karstens, Valeria Lizenberger sowie Edanur Karademir. Mit ihrem Einsatz haben sie ein wichtiges Zeichen für Zivilcourage gesetzt.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat die Preisträgerinnen und Preisträger am Montag, 19. Oktober 2026, in Berlin persönlich ausgezeichnet.

Zur Geschichte des XY-Preises:
Der XY-Preis wird vom ZDF und der Produktionsfirma Securitel seit 2002 vergeben und steht unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers. Über die Auszeichnung entscheidet eine dreizehnköpfige Fachjury. Geehrt werden jährlich drei Personen oder Gruppen, die sich im Kampf gegen Kriminalität auf besondere Weise für ihre Mitmenschen eingesetzt haben. Der Preis ist mit jeweils 10.000 Euro dotiert.

Seit der ersten Preisvergabe im Jahr 2002 wurden insgesamt 108 Personen beziehungsweise Gruppen ausgezeichnet. Darüber hinaus wurden bisher drei Sonderpreise vergeben. Zu diesen Geehrten zählen beispielsweise Kaspar Krebbers, der 2009 als zehnjähriger Junge durch seine Beobachtung zur Festnahme eines Serienräubers beitrug, sowie Marcel Greffe, der für seinen Rettungseinsatz während des Attentats auf Utøya mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. Zudem wurde ein Ehrenpreis posthum an Dominik Brunner verliehen, der am S-Bahnhof München-Solln vier Schüler vor zwei Angreifern geschützt und dabei sein Leben verloren hat.

Das Jubiläum steht für 25 Verleihungen und zahlreiche Menschen, die nicht weggesehen, sondern gehandelt haben – mit bemerkenswerter Besonnenheit und großem persönlichem Einsatz. Als fester Bestandteil der Programmmarke "Aktenzeichen XY… Ungelöst" leistet der XY-Preis somit auch seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag zur Kriminalprävention.

Als prominente Paten hielten in diesem Jahr Dennenesch Zoudé, Stella Hinrichs und Mitri Sirin die Laudationen auf die Alltagshelden. ZDF-Moderator Rudi Cerne führte durch die Preisverleihung. Am Mittwoch, 4. November 2026, 20.15 Uhr, sind die Preisträgerinnen und Preisträger in der Live-Sendung "Aktenzeichen XY… Ungelöst" zu Gast.

Die Preisträgerinnen und Preisträger 

Die Preisträgerinnen und Preisträger des XY-Preises 2026 sind:

Dr. Annemarie Krull, Dr. Thomas Krull und Daniel Karstens
Michelle Kuhn und Marco Schwarzenberger
Valeria Lizenberger und Edanur Karademir.

Die Jury

Martin Groß
Juryvorsitzender

Ulrich Bentele
Geschäftsführer der XY-Produktionsfirma Securitel 

Ina-Maria Reize-Wildemann 
Redaktion Eduard Zimmermann – DKF Deutsche Kriminalfachredaktion GmbH 

Petra Erschfeld 
ZDF 

Jörg Langner 
BKA – Bundeskriminalamt Wiesbaden 

Robert Krieger  
BDK – Bund Deutscher Kriminalbeamter 

Rainer Pechtold  
GdP – Gewerkschaft der Polizei 

Heiko Teggatz             
DPolG – Deutsche Polizeigewerkschaft 

Andreas Mayer  
DPT – Deutscher Präventionstag 

Eike Eberle     
WEISSER RING e.V. 

Harald Schmidt  
DFK – Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention 

Sabrina Krenzler
ProPK – Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 

Peter Herweg
IPA – International Police Association 

Die Laudatorinnen, Der Laudator 

Dennenesch Zoudé, Schauspielerin
Patin für XY-Preisträgerin Dr. Annemarie Krull, Preisträger Dr. Thomas Krull und Daniel Karstens

Mitri Sirin, ZDF-Moderator, Journalist
Pate für XY-Preisträgerin Michelle Kuhn und XY-Preisträger Marco Schwarzenberger

Stella Hinrichs, Schauspielerin
Patin für XY-Preisträgerinnen Valeria Lizenberger und Edanur Karademir

Die Fälle 

Messerangriff am Bahnhof gestoppt
Preisträgerin und Preisträger Dr. Annemarie Krull, Dr. Thomas Krull, Daniel Karstens
Hodenhagen

Kurz nach Feierabend, gegen 17.00 Uhr, wartet eine 19-Jährige am Bahnhof Hodenhagen auf ihren Zug. Während sie mit ihrem Freund telefoniert, sitzt wenige Meter entfernt ein 43-jähriger Mann. Später wird bei ihm eine ausgeprägte paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Er fühlt sich durch das Handy der jungen Frau bedroht. Ohne Vorwarnung entreißt er ihr das Telefon und sticht mehrfach mit einem Messer auf sie ein. Schwer verletzt bricht sie zusammen.

Das Ehepaar Dr. Annemarie und Dr. Thomas Krull hat gegenüber vom Bahnhof seine Tierarztpraxis und hört die Hilfeschreie, die vom Gleis herüberdringen. Sie eilen aus dem Haus, um nachzuschauen. Obwohl Thomas Krull umknickt und sich am Fuß verletzt, läuft er mit seiner Frau weiter zum Geschehen. Zunächst können sie nicht einordnen, was vor sich geht. Dann macht ein weiterer Zeuge sie auf das Messer des Täters aufmerksam. Thomas Krull ruft dem Angreifer zu und versucht, ihn so von der Frau wegzulocken. Als sich der Täter zu ihm wendet, sehen die Krulls das blutverschmierte Gesicht des Opfers. Sie ist schwerverletzt, hat Stichwunden im Kopf, Hals- und Brustbereich. Durch sein Rufen gelingt es Thomas Krull tatsächlich, den Täter aus seinem "Tunnel" zu holen. Doch der Angreifer fokussiert nun das Ehepaar Krull.

Als das Opfer es schafft, sich aufzustellen, versetzt der Täter der jungen Frau einen heftigen Stoß. Sie fällt ungebremst ins Gleisbett. Die Krulls können die junge Frau nicht erreichen, da sich der Täter zwischen das Ehepaar und das Gleisbett stellt. Thomas Krull filmt den Mann mit seinem Handy, daraufhin ziehen sich die Eheleute zunächst zurück. Annemarie Krull alarmiert umgehend die Polizei.

Zur gleichen Zeit wird Daniel Karstens von seinen Kindern auf Hilfeschreie aufmerksam gemacht. Er ist der Nachbar der Krulls und arbeitet im Garten. Als er bemerkt, dass die Hilfeschreie nicht von seinen spielenden Kindern kommen, sondern aus einer ernsten Notlage stammen, eilt er in die Tierarztpraxis und fragt, was passiert sei. Nach einem kurzen Austausch begibt er sich gemeinsam mit Thomas Krull zum Bahngleis, wo der Täter sich immer noch wie ein wildgewordenes Tier bewegt. Daniel Karstens stattet sich mit einer Eisenstange aus, um sich und die anderen schützen zu können.

Der Täter fokussiert erneut Thomas Krull und bedroht ihn mit dem Messer. Um den Täter abzulenken, schlägt Daniel Karstens mit der Eisenstange gegen ein Geländer am Bahnsteig, Das Ablenkungsmanöver gelingt. Der Täter pendelt zwischen Daniel Karstens und Thomas Krull hin und her, das Messer jedoch weiterhin bedrohlich in der Hand haltend. Erst als wenige Minuten später die Polizei eintrifft, gibt der Mann auf und lässt sich festnehmen. Die beiden Männer eilen zum Gleis.

Annemarie Krull, die in der Zwischenzeit eine Wärmedecke und Verbandsmaterial geholt hat, leistet gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Nachbarn Erste Hilfe. "In so einer Situation nichts zu tun, ist keine Option", sagt Daniel Karstens. Das 19-jährige Opfer überlebt nach einer mehrstündigen Notoperation. Staatsanwaltschaft und Gericht kommen zu dem Schluss, dass der mutige Einsatz der drei Nachbarn entscheidend dazu beigetragen hat. Der Täter wird wegen versuchten Totschlags angeklagt; das Landgericht Verden ordnet seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

 

Zwei Teenager verhindern Vergewaltigung
Preisträgerin Michelle Kuhn und Preisträger Marco Schwarzenberger
Augsburg

Gegen 23.00 Uhr hört die damals 17-jährige Michelle Kuhn durch ihr Fenster Hilfeschreie. Sie schaut hinaus und schreibt ihrem 19-jährigen Mitbewohner Marco Schwarzenberger, der sich im Nachbarzimmer aufhält, ob er die Schreie ebenfalls hört. Marco hatte an dem Abend Spätschicht und wollte eigentlich noch ein wenig entspannen. Als er Michelles Nachricht liest, öffnet er sein Fenster und hört die Schreie ebenfalls. Beide ziehen sich sofort an, um draußen nachzuschauen. Als sie um die Ecke biegen, sehen sie zwei Menschen auf dem Boden rangeln: Eine Frau und über ihr ein Mann, der sie würgt. Die Frau wehrt sich vehement. Michelle und Marco nähern sich vorsichtig dem Geschehen und beginnen, laut zu rufen "Hey, runter von ihr!" und "Hör auf! Geh weg!" Michelle wählt den Notruf, während Marco weiterhin mit Worten versucht, den Täter zu stoppen. Der Mann lässt von der Frau ab und schlendert davon – scheinbar unbeeindruckt. Michelle und Marco sprechen sich ab.

Marco läuft ihm in einem sicheren Abstand hinterher und ruft ebenfalls die Polizei, während Michelle bei der Frau bleibt. Marco spricht den Täter regelmäßig an. Der Mann ignoriert ihn anfangs, beleidigt Marco aber, als er hört, dass er mit der Polizei telefoniert. Marco spricht einen Mann an, der mit seinem Hund unterwegs ist, und fordert ihn auf, ebenfalls zu helfen. Zunächst schließt er sich Marco an, bleibt allerdings nach wenigen Minuten stehen und entzieht sich der Situation.

Michelle kümmert sich währenddessen weiterhin um das Opfer, das zu dem Zeitpunkt unter Schock steht und sich nur schwer artikulieren kann. Schließlich treffen eine Polizeistreife sowie ein Krankenwagen bei den beiden Frauen ein. Marco hat den Mann zwischenzeitlich bis zu einer Bank am Äußeren Stadtgraben Augsburgs verfolgt. Dort sitzt der Täter und raucht. Als Marco ihn anspricht und ihm mitteilt, dass die Polizei unterwegs ist, antwortet er mit: "Ist mir egal, die fahren mich eh nach Hause." Fassungslos bleibt Marco mit ein paar Metern Abstand stehen und wartet auf die Einsatzkräfte, die mit mehreren Streifenwagen erscheinen. Der Mann wird verhaftet.

Die 34-jährige Frau aus Augsburg wäre an diesem Abend beinahe Opfer einer Vergewaltigung geworden. Michelle Kuhn und Marco Schwarzenberger konnten gerade noch rechtzeitig das Schlimmste verhindern. Für die beiden gab es keine andere Option als zu helfen – für sie ist das selbstverständlich.

 

Freundinnen erkennen "Signal for Help"
Preisträgerinnen Valeria Lizenberger und Edanur Karademir
Trier

Valeria Lizenberger und Edanur Karademir sind am Trierer Hauptbahnhof unterwegs. Da es dort an diesem Tag ziemlich voll ist, setzen sich die Freundinnen abseits vom Bahnhofsplatz in eine Seitenstraße. Wenige Meter entfernt bemerken sie einen circa 30 Jahre alten Mann und ein circa 14-jähriges Mädchen. Der Mann hatte es zuvor angesprochen und nach einem Feuerzeug gefragt – daraufhin nicht mehr in Ruhe gelassen. Der Mann bedrängt das Mädchen, versucht mehrfach, es zu küssen und anzufassen. Valerie und Edanur wundern sich über das Geschehen und fragen sich, ob die beiden einander überhaupt kennen.

Wenige Minuten später geht der Mann an den beiden vorbei – das Mädchen zieht er mit sich und setzt es deutlich unter Druck. Edanur beobachtet das Mädchen ganz genau, denn sie und ihre Freundin haben bereits ein schlechtes Bauchgefühl. Als das Mädchen hinter ihrem Rücken das internationale "Signal for Help" zeigt, springen die beiden sofort auf. Edanur teilt dem Täter mit, er soll jetzt sofort gehen, sie werde die Polizei rufen. Daraufhin lässt der Täter von dem Mädchen ab und flieht.

Die beiden Freundinnen müssen sich gar nicht absprechen, sie teilen sich instinktiv auf. Während Valeria bei dem panischen Mädchen bleibt, es beruhigt und ihm etwas zu trinken anbietet, ruft Edanur die Polizei und folgt dem Mann, um sich sein Aussehen und die Fluchtrichtung zu merken. Sie sieht noch, um welche Ecke er biegt, entscheidet sich dann aber gegen eine weitere Verfolgung, da sie die Situation und den Mann nicht einschätzen kann. Sie kehrt zu Valeria und dem Mädchen zurück, um dort mit ihnen auf die Polizei zu warten.

Edanur kennt das internationale Handzeichen aus dem Jugendrotkreuz und hatte die Situation sofort verstanden. Wäre das Zeichen nicht gegeben worden, hätte sie das Mädchen vermutlich trotzdem angesprochen, da sie sich direkt Sorgen gemacht hat. Die beiden jungen Frauen haben durch ihr Eingreifen Schlimmeres verhindert und die Jugendliche vor Weiterem bewahrt. Durch die gute Personenbeschreibung und die Informationen über den Fluchtweg des Täters konnte er von der Polizei gefasst und verhaftet werden. Später wird er wegen sexueller Belästigung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Für Edanur und Valeria steht fest, nach dem Erlebten sind sie in Zukunft noch aufmerksamer, denn für beide gilt: "Lieber einmal zu viel nachfragen als einmal zu wenig."
 

Informationen zum "Signal for Help"
"Signal for Help": Stiller Hilferuf per Handzeichen

Die Laudationen – Begründungen der Jury

Messerangriff am Bahngleis gestoppt
Laudatorin: Dennenesch Zoudé, Schauspielerin

Die drei Preisträger Dres. Annemarie und Thomas Krull sowie Daniel Karstens trafen unabhängig voneinander die Entscheidung einzugreifen, als sie Hilfeschreie hörten und erkannten, dass ein Mensch in Gefahr war. Unverzüglich verließen sie ihr jeweiliges Zuhause und gingen in vorbildlicher Teamarbeit mutig gegen den Angreifer vor. Trotz der bedrohlichen Situation handelten sie besonnen und achteten stets darauf, sich nicht selbst zu gefährden. Daniel Karstens, der etwas später hinzukam, setzte einen Alltagsgegenstand ein, um sich und die anderen Helfer vor dem aggressiv auftretenden Täter zu schützen, ihn abzulenken und eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Währenddessen verständigte Annemarie Krull die Polizei, die den Täter kurze Zeit später festnahm. Bis zum Eintreffen des Notarztes leistete das Trio zudem Erste Hilfe bei dem lebensgefährlich verletzten Opfer. Durch ihre intuitive Aufgabenteilung – Ablenkung, Sicherung und Versorgung – handelten sie schnell, couragiert und zugleich umsichtig. Damit retteten sie einer jungen Frau das Leben.

 

Zwei Teenager verhindern Vergewaltigung
Laudator: Mitri Sirin, ZDF-Moderator, Journalist

Michelle Kuhn und Marco Schwarzenberger und bewiesen außergewöhnliche Zivilcourage. Obwohl die Jugendlichen bereits im Begriff waren, schlafen zu gehen, zögerten sie nicht, ihre gewohnte Umgebung – ihr sicheres Zuhause – zu verlassen und den entfernten Hilferufen nachzugehen. Sie informierten umgehend die Polizei und teilten Täterverfolgung und Opferbetreuung umsichtig untereinander auf. Obwohl der Täter Marco Schwarzenberger beschimpfte, ließ er sich nicht provozieren. Er hielt telefonischen Kontakt mit der Polizei und behielt stets seine Eigensicherung im Blick. Durch ihr vorbildliches Verhalten sind Marco und Michelle, auch aufgrund ihres jungen Alters und insbesondere für junge Menschen, ein großes Vorbild.

 

Freundinnen erkennen "Signal for Help"
Laudatorin: Stella Hinrichs, Schauspielerin

Valeria Lizenberger und Edanur Karademir zeigten eindrucksvoll, wie wichtig Aufmerksamkeit im Alltag ist. Dank ihres guten Gespürs handelten die Teenager genau richtig und verhinderten ein mutmaßlich schweres Sexualdelikt. Sie bemerkten die unklare und suspekte Situation, die sich vor ihnen abspielte und beobachteten sie kritisch. Als sie das von der bedrängten Jugendlichen gezeigte "Signal for Help" – das internationale Handzeichen erkannten, mit der eine Person signalisiert, dass sie sich in einer Notsituation befindet und Hilfe benötigt, sprangen sie sofort auf, sprachen den Täter direkt an und teilten sich in vorbildlicher Weise auf. Valeria kümmerte sich um die Jugendliche und schenkte ihr Vertrauen und Sicherheit. Edanur verfolgte den Täter anfangs, rief die Polizei und entschied sich im Verlauf bewusst gegen eine weitere Verfolgung. Damit zeigte sie herausragende Besonnenheit – eine bewusste Entscheidung gegen eine Eigengefährdung. Dank der präzisen Täterbeschreibung und der gemeldeten Fluchtrichtung konnte der Mann festgenommen und verurteilt werden. Das Verhalten der beiden Jugendlichen hat eine maximale Signalwirkung und vermittelt eine wichtige Botschaft: Wer die Anzeichen einer Gefahr erkennt und daraufhin handelt, kann Verbrechen verhindern. Zudem leisteten die beiden jungen Frauen einen beeindruckenden Beweis für die Wirksamkeit der Kampagne "Signal for Help".

Interview mit Rudi Cerne

Vor allem die Bescheidenheit beeindruckt mich 

Herr Cerne, Sie begleiten den XY-Preis von Beginn an und führen seit 2002 durch die Preisverleihung. Was war die Idee hinter der Auszeichnung.

Die Idee war eigentlich sehr naheliegend: Bei "Aktenzeichen XY" beschäftigen wir uns jeden Monat mit Menschen, die Opfer von Verbrechen geworden sind. Aber wir erleben eben auch immer wieder die andere Seite – Menschen, die nicht wegschauen, sondern helfen und dadurch manchmal sogar Schlimmeres verhindern. Genau diesen Menschen wollten wir eine Bühne geben.

 

Was ist Ihnen aus den Anfangsjahren des XY-Preises besonders in Erinnerung geblieben?

Vor allem die Bescheidenheit der Preisträgerinnen und Preisträger. Viele haben Außergewöhnliches geleistet und trotzdem gesagt: "Ich habe doch nur getan, was nötig war." Das hat mich von Anfang an beeindruckt.

 

Hat sich Ihr Blick auf Zivilcourage in dieser Zeit verändert?

Er ist sicher differenzierter geworden. Zivilcourage heißt nicht immer, unmittelbar einzugreifen. Manchmal bedeutet sie, die Polizei zu rufen, andere auf eine Situation aufmerksam zu machen oder bei einem Opfer zu bleiben. Entscheidend ist, nicht einfach wegzuschauen.
 

Was macht für Sie echte Zivilcourage aus?

Hinsehen, Verantwortung übernehmen und dabei besonnen handeln. Es geht nicht darum, den Helden zu spielen. Oft können schon kleine, aber entschlossene Handlungen einen großen Unterschied machen.


Gibt es eine Geschichte oder eine Begegnung mit einer Preisträgerin, einem Preisträger, die Sie bis heute besonders bewegt?

Nach so vielen Jahren ist es schwer, eine einzelne Geschichte herauszugreifen. Was mich aber immer wieder bewegt, ist, dass Menschen in einer Ausnahmesituation, innerhalb weniger Sekunden, entscheiden, zu helfen – ohne zu wissen, was auf sie zukommt. Diese Selbstverständlichkeit beeindruckt mich sehr.
 

Unter den Ausgezeichneten waren über die Jahre sehr junge und ältere Menschen, Einzelpersonen und Gruppen. Was zeigt diese Vielfalt über Zivilcourage?

Dass Zivilcourage keine Frage des Alters, des Berufes oder der körperlichen Stärke ist. Es gibt nicht den einen Typ Mensch, der besonders mutig ist. Genau deshalb können diese Geschichten auch Vorbilder sein – weil man sich in diesen Menschen wiedererkennen kann.


Bevor die Preisträger und Preisträgerinnen feststehen, werden viele Fälle vorgeschlagen und von einer Fachjury bewertet. Worauf kommt es bei der Auswahl besonders an?

Natürlich geht es um außergewöhnliche Zivilcourage. Aber "außergewöhnlich" heißt nicht automatisch, dass jemand das größte persönliche Risiko eingegangen sein muss. Entscheidend ist auch, ob jemand die Situation richtig erkannt und verantwortungsbewusst gehandelt hat.

 

Der XY-Preis ist eng mit "Aktenzeichen XY… Ungelöst" verbunden. Welche Rolle kann eine Fernsehsendung dabei spielen, Menschen zum Hinsehen, Helfen und Handeln zu ermutigen?

Fernsehen kann natürlich niemandem vorschreiben, wie er in einer bestimmten Situation reagieren soll. Aber wir können Beispiele zeigen. Und ich glaube, das ist eine große Stärke des XY-Preises. Bei "Aktenzeichen XY" sehen wir häufig die Folgen von Gewalt und Kriminalität. Beim XY-Preis sehen wir Menschen, die etwas dagegen getan haben. Das vermittelt eine andere Botschaft: Man ist nicht völlig machtlos.

 

Nach mehr als zwei Jahrzehnten XY-Preis: Warum braucht es diese Auszeichnung heute so sehr wie zu Beginn – und was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?

Weil Zivilcourage nie selbstverständlich ist. Es wird immer Situationen geben, in denen Menschen entscheiden müssen: Schaue ich weg – oder tue ich etwas? Für die kommenden Jahre wünsche ich mir deshalb vor allem, dass der XY-Preis weiter Mut macht und dass man aufmerksam handelt, füreinander einsteht und im entscheidenden Moment nicht wegsieht.


Die Fragen stellte Malte Weber

Interview mit Daniel Karstens und Dr. Annemarie und Dr. Thomas Krull

Fall: Messerangriff am Bahnhof gestoppt

Dr. Annemarie Krull, Dr. Thomas Krull und Daniel Karstens kamen einer 19-Jährigen zu Hilfe, die an einem Bahnhof mit einem Messer angegriffen wurde. Gemeinsam lenkten sie den bewaffneten Täter ab, alarmierten die Polizei und retteten die schwer verletzte Frau aus dem Gleisbett.

 

Ihre Kinder bekamen die Hilfeschreie und Teile des Geschehens mit. Wie haben Sie als Familien über die Tat gesprochen und das Erlebte verarbeitet?

Daniel Karstens: Wir haben mit den Kindern nicht über die Tat gesprochen. Sie sind erst sechs und neun Jahre alt, und aus unserer Sicht noch zu jung, um das Geschehene zu verarbeiten. Deshalb haben wir ihnen erzählt, dass eine alte Frau auf die Gleise gefallen ist und ihr Papa geholfen hat, wieder von den Gleisen herunterzukommen.

Dr. Annemarie Krull: Ja, die Kinder bekamen die Hilfeschreie nur teilweise mit. Unsere Söhne waren am Zocken und hatten Kopfhörer auf, so dass sie gar nichts mitbekamen. Unsere Tochter spielte allerdings draußen mit den beiden Nachbarmädchen und hat die Hilfeschreie gehört. Sie reagierte sehr besonnen und brachte die beiden Kleinen erst einmal ins Haus. Danach hatte sie schon ein bisschen an dem Erlebten zu knabbern, und wir haben mit ihr darüber gesprochen. Sie ist generell etwas ängstlich und wollte zum Beispiel zunächst nicht mehr allein mit dem Fahrrad durch den Ort fahren. Mittlerweile geht es aber wieder ganz gut, und ich denke, dass sie das Erlebte einigermaßen gut verarbeitet hat.

Dr. Thomas Krull: Unsere Tochter hat das Geschehen am Rande mitbekommen und sehr besonnen reagiert: Sie brachte sich und die Nachbarkinder im Nachbarhaus in Sicherheit. Das Erlebte beschäftigte sie zunächst, aber wir haben offen mit ihr darüber gesprochen. Mittlerweile geht es ihr wieder gut. Unsere Jungs haben von dem Geschehen nichts mitbekommen. Sie waren vor allem froh, dass uns nichts passiert ist und haben sich ansonsten nicht weiter mit dem Vorfall beschäftigt.

 

Sie haben den bewaffneten Angreifer abgelenkt, statt ihn unmittelbar zu überwältigen. Was können andere Menschen aus Ihrem Vorgehen über besonnene Zivilcourage lernen?

Daniel Karstens: Wir haben den Angreifer abgelenkt, damit er nicht weiter auf die Frau losgeht und sie möglicherweise tötet. Für mich bedeutet Zivilcourage, überhaupt irgendetwas zu tun – sei es, den Täter abzulenken oder die Polizei zu rufen. Dabei sollte man sich natürlich nicht selbst in Gefahr bringen. Aber einfach wegzuschauen, kommt für mich nicht infrage.

Dr. Annemarie Krull: Wir haben ihn abgelenkt, um uns nicht selbst in Gefahr zu bringen. Als wir wussten, dass er ein Messer hat, war uns klar, dass wir nicht direkt dazwischengehen sollten – zumal keiner von uns eine entsprechende Ausbildung hat. Die eigene Sicherheit ist in einer solchen Situation entscheidend: Es hilft niemandem, wenn es am Ende noch mehr Verletzte gibt.

Dr. Thomas Krull: Entscheidend ist, nicht wegzuschauen, sondern zu handeln. Gleichzeitig sollte man die eigene Sicherheit im Auge behalten, denn es hilft niemandem, wenn man durch unbesonnenes Handeln selbst zum Opfer wird. Man kann zum Beispiel die Polizei rufen oder weitere Menschen hinzuziehen, die helfen können. Gerade wenn man zu mehreren ist, entwickelt sich eine ganz andere Dynamik.

 

Wie hat der Vorfall Ihren Blick auf Sicherheit und Hilfsbereitschaft im öffentlichen Raum verändert?

Daniel Karstens: Der Vorfall hat unseren Blick auf die Sicherheit unserer Kinder verändert. Unsere ältere Tochter ist neun Jahre alt und fährt bereits allein zur Schule und zum Sportunterricht. Deshalb haben wir ihr eine Uhr mit SOS-Funktion gekauft, über die sie uns anrufen und im Notfall direkt alarmieren kann. Außerdem können wir sehen, wo sie sich befindet. Ein Smartphone wollten wir ihr in ihrem Alter noch nicht geben. Für mich hat der Vorfall aber auch gezeigt, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein und nicht wegzuschauen. Wenn einem eine Situation merkwürdig vorkommt, kann man zumindest nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Gar nichts zu tun, kommt für mich nicht in Frage.

Dr. Annemarie Krull: Mein Blick hat sich nicht großartig verändert. Als Frau ist man ohnehin aufmerksamer, wenn man beispielsweise abends allein am Bahnsteig steht, und achtet stärker darauf, was um einen herum passiert. Das war für mich auch schon vor dem Vorfall so – völlig unabhängig von der Herkunft anderer Menschen. Auch meine Hilfsbereitschaft hat sich nicht verändert. Wenn mir etwas komisch vorkommt, schaue ich genauer hin und achte auch auf die Menschen um mich herum.

Dr. Thomas Krull: Seit dem Vorfall gehe ich aufmerksamer durch die Öffentlichkeit und beobachte auch an belebten Plätzen genauer, was um mich herum passiert. An meiner Hilfsbereitschaft hat sich dagegen nichts geändert. Ich würde jederzeit wieder so handeln.

 

Als Sie am Bahnhof ankamen, griff der Täter die junge Frau noch immer mit einem Messer an. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Daniel Karstens: Als ich am Bahnhof ankam, lag die Frau bereits im Gleisbett. Den eigentlichen Angriff hatte ich nicht mitbekommen. Ich sah den Täter mit blutigen Händen und einem Messer in der Hand. Er schrie immer wieder: "Ruf die Polizei",
"Ich bin unschuldig" und  "Überfall" und wirkte auf mich verwirrt und aggressiv. Wir forderten ihn auf, das Messer wegzuwerfen, aber er weigerte sich. Als ich die Frau sah, dachte ich zunächst, sie sei tot, weil ihr Gesicht voller Blut war. Dann bemerkte ich, dass sie mit den Augen zwinkerte. Da war für mich klar: Sie lebt, und wir müssen ihr helfen und verhindern, dass der Täter sie erneut angreift. Das hatte für mich oberste Priorität.

Dr. Annemarie Krull: Im ersten Augenblick musste ich die Situation erst einmal einordnen und realisieren, dass das tatsächlich passiert. Man fragt sich kurz: Ist das wirklich so? Was passiert hier gerade? Aber sobald klar war, was los ist, hat man einfach funktioniert und getan, was in diesem Moment notwendig war. Für weitere Gedanken blieb eigentlich keine Zeit.

Dr. Thomas Krull: Als ich das Opfer sah, kniete ein Mann über ihr. Zunächst konnte ich die Situation nicht richtig einschätzen. Erst als die Frau mich mit den Worten  "Helfen Sie mir " um Hilfe bat, war mir klar, dass der Mann keine Erste Hilfe leistete, sondern der Angreifer war. In diesem Moment war ich hochgradig angespannt und völlig auf die Situation fokussiert. Ich sprach den Täter sehr hart und deutlich an – mit einem Vokabular, das ich sonst nicht benutze. Daraufhin ließ er von der Frau ab und nahm uns ins Visier. Er sprintete jedoch nicht auf uns los, sondern kam schnellen Schrittes auf uns zu, sodass wir uns weiterhin zurückziehen konnten. Wir wollten der Frau unbedingt helfen, mussten dabei aber auch unsere eigene Sicherheit und die meiner Familie im Blick behalten.

 

Hatten Sie keine Angst, selbst angegriffen zu werden?

Daniel Karstens: Ich hatte Respekt und auch Angst, dass er jemanden angreifen könnte. Deshalb bin ich noch einmal in unseren Garten gegangen und habe eine Eisenstange vom alten Trampolin unserer Kinder geholt, um mich oder andere im Notfall schützen zu können. Wenn er auf jemanden losgegangen wäre, hätte ich eingegriffen und versucht, ihn so zu stoppen, dass er das Messer fallen lässt. Ohne einen Gegenstand hätte ich kaum eine Möglichkeit gesehen, mich gegen das Messer zu wehren. Für mich bestand die Gefahr, dass er meine Nachbarn oder andere Menschen angreifen könnte, so aggressiv, wie er in diesem Moment wirkte.

Dr. Annemarie Krull: Natürlich hatte ich im ersten Moment Angst und Respekt. Als er auf uns zukam, sind wir zunächst zurückgewichen, um uns selbst zu schützen. Wir konnten schließlich nicht einschätzen, wie er reagieren würde. Nach einiger Zeit wurde aber deutlich, dass er offenbar nicht uns angreifen, sondern vor allem Abstand zwischen sich, dem Opfer und uns schaffen wollte. Solange wir diese Distanz hielten, kam er nicht weiter auf uns zu. Trotzdem haben wir darauf geachtet, außerhalb der Reichweite des Messers zu bleiben.

Dr. Thomas Krull: Natürlich hatte man ein wenig Angst, musste aber gleichzeitig versuchen, die Situation einzuschätzen. Da der Täter nicht auf uns zustürmte, sondern nur auf uns zuging, hatten wir den Eindruck, dass er nicht uns angreifen, sondern uns vom Opfer fernhalten wollte. Entsprechend haben wir reagiert – und lagen mit unserer Einschätzung Gott sei Dank richtig.

 

Die Fragen stellte Malte Weber 

Interview mit Michelle Kuhn und Marco Schwarzenberger

Fall: Zwei Teenager verhindern Vergewaltigung

Michelle Kuhn und Marco Schwarzenberger hörten nachts die Hilfeschreie einer Frau und verhinderten durch ihr Eingreifen eine Vergewaltigung. Während Michelle das Opfer betreute, folgte Marco dem Täter mit sicherem Abstand bis zu dessen Festnahme.

 

Sie waren zum Tatzeitpunkt erst 17 und 19 Jahre alt. Hat Sie das Erlebnis verändert, wie aufmerksam oder sicher Sie sich heute im Alltag bewegen?

Marco Schwarzenberger: Man schaut vielleicht immer ein bisschen mehr. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich abends, wenn ich alleine mit meinem E-Roller unterwegs bin, eher mal in eine andere Straße fahre, als ich es sonst tun würde.

Michelle Kuhn: Im Allgemeinen würde ich sagen, dass sich das nicht großartig verändert hat. Man hat auch vorher schon aufgepasst.

 

Sie haben intuitiv die Aufgaben aufgeteilt: Michelle kümmerte sich um die Frau, Marco behielt den Täter im Blick. Was war rückblickend besonders wichtig, damit Sie helfen konnten, ohne sich unnötig selbst zu gefährden?

Marco Schwarzenberger: Ich vermute, diese intuitive Entscheidung kam einfach daher, dass wir gesehen haben, dass es sich um einen männlichen Täter handelte. Deshalb war es wahrscheinlich am sinnvollsten, dass auch eine männliche Person hinterhergeht. Und für die Frau war es in dieser Schocksituation vielleicht angenehmer, direkt von einer Frau betreut zu werden, so dass sie sich etwas aufgehobener fühlt.

Michelle Kuhn: Sehr wichtig war, dass wir als Team agiert und gemeinsam entschieden haben, wie wir vorgehen.

 

Der Täter wurde später zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Hat Ihnen das Urteil dabei geholfen, mit dem Erlebten abzuschließen?

Marco Schwarzenberger: Ich finde es natürlich gut, dass er eine Haftstrafe bekommen hat. Über deren Länge zu urteilen, ist aber schwierig. Wie lange die Strafe sein sollte, ist nicht meine Entscheidung.

Michelle Kuhn: Ich finde, über das Urteil sollte ich selbst nicht urteilen. Mit dem Thema konnte ich ohnehin abschließen. Das Urteil hat daran nicht großartig etwas verändert.

 

Hatten Sie währenddessen Angst, oder wurde Ihnen die Gefahr erst später bewusst?

Marco Schwarzenberger: Die Gefahr in dem Sinne habe ich in der Situation selbst nicht wirklich wahrgenommen, wahrscheinlich, weil ich unter Adrenalin stand. Im Nachhinein wurde mir bei meiner Zeugenaussage bei der Polizei gesagt, dass durchaus eine Gefahr für mich bestand. Ich war dem Täter immer wieder näher gekommen. Man weiß schließlich nicht, ob ein Messer, ein anderer Gegenstand oder eine Waffe im Spiel ist.

Michelle Kuhn: Klar hat man kurz gedacht, dass etwas passieren könnte. Aber in der Situation selbst haben wir letztendlich einfach intuitiv entschieden.

 

Würden Sie heute wieder genauso handeln?

Marco Schwarzenberger: Wenn ich auf so etwas aufmerksam werden würde, würde ich genauso handeln. Und das wünsche ich mir auch von meinen Mitmenschen.

Michelle Kuhn: Ja, auf jeden Fall, genauso – wie es auch jeder andere tun sollte.

 

Die Fragen stellte Malte Weber

Interview mit Valeria Lizenberger und Edanur Karademir

Fall: Freundinnen erkennen "Signal for Help"

Valeria Lizenberger und Edanur Karademir bemerkten am Trierer Hauptbahnhof, dass eine 14-Jährige von einem Mann bedrängt wurde. Als das Mädchen das internationale "Sign for Help" zeigte, schritten die beiden Freundinnen ein, verständigten die Polizei und verhinderten Schlimmeres.

 

Was machte Sie auf den Mann und das Mädchen aufmerksam?

Edanur Karademir: Wir wurden auf das Mädchen und den Mann aufmerksam, weil sie sehr nah beieinander standen und uns das komisch vorkam. Am Anfang dachten wir, dass sie vielleicht ein Pärchen sind. Aber wegen des Altersunterschieds ist uns dann aufgefallen, dass da vielleicht etwas nicht stimmen könnte.

Valeria Lizenberger: Uns ist aufgefallen, dass die Situation zwischen dem Mann und dem Mädchen irgendwie ungewöhnlich wirkte. Man muss dazu sagen, er lag halb auf ihr drauf. Wir sind zu dem Zeitpunkt aber davon ausgegangen, dass es sich um ein Paar handelt. Ich hatte trotzdem ein ungutes Gefühl. Ich kann jetzt nicht für Edi sprechen, aber für mich hat sich die Situation komisch angefühlt. Wir wussten zu dem Zeitpunkt nicht, was da passiert oder was da los ist und haben die Situation deshalb ein bisschen im Auge behalten.

 

Ohne sich abzusprechen, blieb Valeria bei dem Mädchen, während Edanur dem Täter zunächst folgte. Wie kam es zu dieser Aufteilung?

Edanur Karademir: Die Aufteilung war sehr spontan. Wir haben sehr schnell entschieden, dass ich schaue, wo der Mann hingeht und Valeria das Mädchen beruhigt. Ich bin dem Mann aber nicht lange gefolgt – um mich auch selbst zu schützen. Ich habe nur kurz geschaut, wo er langgeht, und dabei viel Abstand zu ihm gehalten. Währenddessen habe ich die Polizei gerufen. Danach haben wir gemeinsam das Mädchen beruhigt.

Valeria Lizenberger: Wir haben uns tatsächlich nicht groß abgesprochen, dafür war keine Zeit. Wir haben instinktiv gehandelt. Ich bin bei dem Mädchen geblieben, um ihr Nähe und Sicherheit zu geben, während Edi dem Mann hinterhergegangen ist, um zu schauen, wo er hingeht, damit wir der Polizei entsprechende Informationen geben konnten.

 

Was würden Sie anderen Menschen raten, die eine ähnliche Situation beobachten?

Edanur Karademir: Ich würde auf jeden Fall raten, genügend Abstand zu halten. Es war zwar gut, dass ich gesehen habe, wo der Mann hingegangen ist, aber man muss immer darauf achten, sich selbst und auch die anderen in Sicherheit zu bringen. Wichtig ist auch, dass jemand beim Opfer bleibt.

Valeria Lizenberger: Ich würde sagen, man sollte nicht wegschauen, sich selbst aber auch nicht in Gefahr bringen. Man kann die Situation zunächst beobachten, andere Menschen darauf aufmerksam machen oder, wenn es notwendig ist, die Polizei verständigen. Und wenn jemand offensichtlich Hilfe braucht, sollte man die Person auf gar keinen Fall allein lassen.

 

Edanur, Sie kannten das "Signal for Help" aus dem Jugendrotkreuz. Warum ist dieses Handzeichen Ihrer Meinung nach noch immer zu wenig bekannt?

Edanur Karademir: Das Handzeichen "Signal for Help" habe ich schon in der Grundschule gelernt. Im Jugendrotkreuz wurde es noch einmal aufgegriffen. Leider ist das Wissen darüber irgendwie zurückgegangen, so dass viele das Zeichen nicht mehr kennen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht wird es in den Schulen, gerade in den Grundschulen, nicht mehr so oft aufgegriffen. Ich finde es sehr wichtig, dass man seinen Kindern und generell auch älteren Menschen dieses Zeichen zeigt, damit alle bewusster darauf achten und es in ihrem Umfeld eher wahrnehmen.

 

Sie hatten schon vor dem Hilfszeichen ein ungutes Gefühl. Woran haben Sie erkannt, dass es sich nicht um eine harmlose Begegnung handelte?

Edanur Karademir: Wir hatten schon vorher ein ungutes Gefühl, weil uns der Altersunterschied direkt aufgefallen ist und das Mädchen nicht wirklich gelächelt hat. Wenn es ein Pärchen gewesen wäre, hätte das Mädchen wahrscheinlich glücklicher gewirkt. Man hat aber gesehen, dass sie Angst hatte. Sie hat gezittert, und deswegen kam mir die Situation direkt ziemlich komisch vor.

Valeria Lizenberger: Es war die gesamte Situation. Der Mann lag die ganze Zeit auf dem Mädchen, und zu dem Zeitpunkt wirkte es auf uns, als wären sie ein Paar. Trotzdem war die Situation komisch, es hat auf uns einfach nicht normal gewirkt. Ich hatte ein ungutes Gefühl, und als dann das Handzeichen kam, haben wir direkt reagiert.

 

Was können andere Menschen aus Ihrem Vorgehen lernen?

Edanur Karademir: Man sollte immer auf seine Umgebung achten. Auch wenn man vielleicht denkt, die beiden wollen ihre Privatsphäre haben, oder es handelt sich um ein Pärchen, sollte man trotzdem noch einen Blick darauf haben, ob wirklich alles in Ordnung ist. Vor allem, wenn sich so etwas in kleinen, abgelegenen Ecken abspielt, wie es bei uns der Fall war, ist es wichtig, noch einmal genauer hinzuschauen. Lieber einmal mehr nachfragen, ob alles okay ist, als gar nicht nachzufragen.

Valeria Lizenberger: Ich denke, man sollte auf jeden Fall aufmerksam sein und seinem Bauchgefühl vertrauen. Gleichzeitig sollte man aber nicht unüberlegt handeln. Für uns hätte das auch anders ausgehen können. Wir haben in dieser Situation direkt und instinktiv gehandelt und gar nicht groß darüber nachgedacht. Im Nachhinein denkt man schon darüber nach, was hätte passieren können. Wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt oder jemand Hilfe braucht, sollte man nicht wegschauen.

 

Sind Sie seit dem Vorfall aufmerksamer geworden, wenn Sie allein oder gemeinsam im öffentlichen Raum unterwegs sind?

Edanur Karademir: Ja, durch den Vorfall bin ich auf jeden Fall noch aufmerksamer geworden. Ich versuche, in der Öffentlichkeit nicht so viel auf mein Handy zu schauen, sondern eher die Menschen um mich herum wahrzunehmen und mir ein Bild davon zu machen, wer da ist und welche Situationen sich gerade abspielen. Einfach, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.

Valeria Lizenberger: Ich denke, nach so einer Situation wird man auf jeden Fall aufmerksamer. Ich achte seitdem mehr auf mein Umfeld.

 

Die Fragen stellte Malte Weber

Die Interviews als Audio-Files
Zahlen, Daten, Fakten zum XY-Preis

Seit 2002 werden mit dem "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" Menschen für besondere Zivilcourage ausgezeichnet.

Die erste Preisverleihung fand am 29. April 2002 im Bundeskanzleramt in Berlin statt – auf Einladung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Ausgezeichnet wurden Lothar Heppner, Lisa Hübner und Christina Malerwein. Drei XY-Preise werden jährlich an Einzelpersonen oder Gruppen vergeben.

Die Auszeichnung ist pro Fall mit 10.000 Euro dotiert.

Der XY-Preis ist fester Bestandteil der Marke "Aktenzeichen XY… Ungelöst" und soll einen Beitrag zur Kriminalprävention leisten.

Schirmherr ist der amtierende Bundesinnenminister/die amtierende Bundesinnenministerin. 2026 überreichte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die Auszeichnungen.

Eine dreizehnköpfige Fachjury wählt die Preisträgerinnen und Preisträger aus. Die Jury besteht aus Vertreterinnen und Vertretern der Kriminalprävention, der Polizei, der Produktionsfirma Securitel und des ZDF.

108 Menschen wurden bis einschließlich 2026 mit dem XY-Preis beziehungsweise einer besonderen Auszeichnung im Rahmen des Preises geehrt.

Bisher wurden drei Sonderpreise an fünf Personen vergeben. Unter ihnen auch Minderjährige – darunter waren ein zehnjähriger Junge sowie zwei Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren.

Ehrenpreis: Einen Ehrenpreis erhielt Dominik Brunner posthum. Er hatte am S-Bahnhof München-Solln vier Schüler vor zwei Angreifern geschützt und dabei sein Leben verloren.

XY-Sonderpreis: Marcel Gleffe erhielt 2011 den XY-Sonderpreis. Während des Attentats auf der norwegischen Insel Utøya fuhr der damals 32-Jährige mit einem kleinen Boot mehrfach in die Gefahrenzone und rettete rund 30 Menschen aus dem eiskalten Wasser. Quelle: Dominik-Brunner-Stiftung

Besonderer Fall: Der Lkw-Fahrer Miroslaw Strecker erhielt 2011 den XY-Preis. Er hatte 2007 einen Fleischskandal aufgedeckt, nachdem er beobachtet hatte, wie minderwertiges Fleisch umetikettiert und als Lebensmittel deklariert wurde.

Die Statistik von "Aktenzeichen XY... Ungelöst"

Stand 01.10.2026

       

Fälle insgesamt:

5229

   

Fälle insgesamt geklärt:

1997

   

Aufklärungsquote insgesamt:

38,2%

   

 

 

   

Anzahl Filmfälle:

2345

   

geklärte Filmfälle:

559

   

Aufklärungsquote Filmfälle:

23,8%

   

 

 

   

Anzahl Studiofälle:

2873

   

geklärte Studiofälle:

1438

   

Aufklärungsquote Studiofälle:

50,1%

   

 

 

   

Anzahl Personenfahndungen:

2196

   

festgenommene bekannte Täter:

1378

   

Aufklärungsquote Personenfahndungen:

62,8%

   

 

 

   

Festgenommene Täter insgesamt:

2527

   
       

Fälle nach Bundesländern

Anzahl

geklärt

Erfolgsquote

Baden-Württemberg

497

205

41,3%

Bayern

598

262

43,7%

Berlin

160

53

33,0%

Brandenburg

60

17

28,3%

Bremen

37

11

29,7%

Hamburg

215

78

36,4%

Hessen

577

202

35,1%

Mecklenburg-Vorpommern

36

7

19,4%

Nordrhein-Westfalen

992

365

36,8%

Niedersachsen

385

137

35,6%

Rheinland-Pfalz

253

93

36,8%

Saarland

45

15

33,3%

Sachsen

40

28

70,8%

Sachsen-Anhalt

50

13

26,0%

Schleswig-Holstein

161

49

30,7%

Thüringen

28

9

31,5%

BKA

90

32

35,8%

SUMME DEUTSCHLAND

4216

1577

37,4%

(SUMME BUNDESLÄNDER)

4224

   
       

Fälle nach Ländern

Anzahl

geklärt

Erfolgsquote

Belgien

7

1

14,3%

Dänemark

3

2

66,7%

Deutschland

4216

1561

37,0%

Frankreich

3

0

0,0%

Großbritannien

7

2

28,6%

Italien

2

1

50,0%

Liechtenstein

1

0

0,0%

Luxemburg

6

4

66,7%

Niederlande

26

6

23,1%

Norwegen

1

0

0,0%

Österreich

479

196

40,8%

Schweden

1

1

100,0%

Schweiz

469

221

47,1%

Spanien

1

0

0,0%

Tschechien

2

1

50,0%

Ungarn

1

0

0,0%

USA

2

1

50,0%

 

 

 

 

 

 

 

 

Fälle nach Delikten

Anzahl

geklärt

Erfolgsquote

Tötungsdelikt insgesamt

1697

686

40,4%

Vermisstenfall insgesamt

198

57

28,8%

versuchtes Tötungsdelikt insgesamt

267

109

40,7%

Sexualdelikt insgesamt

203

82

40,6%

Raub insgesamt

1517

445

29,3%

Brandstiftung

27

8

29,6%

Einbruch

281

108

38,3%

Diebstahl

161

74

46,0%

Betrug insgesamt

625

357

57,2%

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