Copyright: ZDF / Julie Vrabelova
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Das Luther-Tribunal. Zehn Tage im April

Dokudrama

Zunächst war er nur ein einfacher Mönch und Gelehrter. Er verurteilte die römische Amtskirche, betonte, dass keine Macht der Welt zwischen Gott und dem Menschen stehe. Er wetterte gegen klerikale Anmaßung, erklärte die Heilige Schrift zum alleinigen Maß­stab. Damit legte er die Axt an die bestehende Ordnung und forderte die Herrschenden heraus. In Worms sollte er 1521 widerrufen, vor Kaiser und Reich.

Das Dokudrama lädt den Zuschauer ein, den historischen Moment nachzuerleben und seine Bedingungen zu verstehen. Der zeitliche Rahmen wird durch Ankunft und Abreise Luthers gesetzt, jene zehn Tage im April 1521.

  • ZDF, Dienstag, 31. Oktober 2017, 20.15 Uhr

Texte

Über das Dokudrama "Das Luther-Tribunal. Zehn Tage im April"

Was sich in Worms im April 1521 ereignete, zählt zu den Schlüsselmomenten deutscher Geschichte: Martin Luther sollte vor Kaiser und Reich seine Lehren widerrufen. Dem historischen Geschehen widmet das ZDF ein 90-minütiges Dokudrama.

"Das Luther-Tribunal. Zehn Tage im April" lädt den Zuschauer ein, den historischen Moment nachzuerleben und seine Bedingungen zu verstehen. Gleichzeitig ist es eine moderne Geschichte. Denn es ist der Einzelne, der sich von Zwängen befreit und für seine Überzeugung einsteht. Dabei beruft er sich auf sein Gewissen und seinen Glauben.

Der Film rekonstruiert nicht nur die dramatischen Stunden vor der Versammlung der Mächtigen, er führt auch vor Augen, warum der ungleiche Kampf ausging wie er ausging. Wie Luther zur Figur einer Zeitenwende wurde.

Der zeitliche Rahmen des Films wird durch Ankunft und Abreise Luthers gesetzt, jene zehn Tage im April 1521 bilden den dramaturgischen Leitfaden. Mittelpunkt der Inszenierungen ist der Prozess selbst, der historisch hervorragend belegt ist.

Die Innen­stadt von Worms füllte sich zur Zeit des Reichstags mit tausenden Menschen, etwa doppelt so viele wie sonst dort lebten. Der historische Schauplatz wird mithilfe räumlicher Computeranimationen lebendig gemacht. Virtuelle Kameraflüge führen zu den Orten des Geschehens. Führende Luther-Experten bringen den neuesten Forschungsstand in das Projekt ein, das gemeinsam von den Redaktionen Kirche und Leben/evangelisch und Zeitgeschichte betreut wird.

Stab / Besetzung / Inhalt

Dienstag, 31. Oktober 2017, 20.15 Uhr
Das Luther-Tribunal. Zehn Tage im April

Buch_____Friedrich Klütsch
Regie_____Christian Twente
Kamera_____Martin Christ
Schnitt_____Ramin Sabeti
Wissenschaftliche Beratung_____Prof. Dr. Heinz Schilling
Herstellungsleitung_____Eva Pilling (NFP), Carola Ulrich (ZDF)
Producer_____Christian Ehrhardt (NFP), Stefan Mausbach (ZDF)
Produzent_____Clemens Schaeffer, Alexander Thies
Koproduzent_____Michal Pokorný
Produktion_____NFP/Neue Film Produktion, Berlin
Redaktion_____Reinold Hartmann (Kirche und Leben, evang.), Stefan Brauburger (Zeitgeschichte)
Sendelänge_____90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller
Martin Luther_____Roman Knižka
Friedrich von Sachsen_____Bernd Stegemann
Hieronymus Aleander_____Alexander Beyer
Johann von der Ecken_____Holger Daemgen
Kaiser Karl V._____Mateusz Dopieralski
und andere

Inhalt
Zunächst war Luther nur ein einfacher Mönch und Gelehrter. Er verurteilte die römische Amtskirche, betonte, dass keine Macht der Welt zwischen Gott und dem Menschen stehe und dass allein der Herr im Himmel Gnade spenden könne. Er wetterte gegen kleri­kale Anmaßung, erklärte die Heilige Schrift zum alleinigen Maß­stab. Damit legte er die Axt an die bestehende Ordnung und forderte die Herrschenden heraus. In Worms sollte er widerrufen, vor Kaiser und Reich. Die damals mächtigsten Männer auf deut­schem Boden hatten sich Mitte April 1521 in der Domstadt zum Reichstag versammelt.

Was sich in Worms ereignete, zählt zu den Schlüsselmomenten deutscher Geschichte und hatte die Anmutung eines klassischen Dramas: David gegen Goliath, der Mönch, Professor und Prediger aus Wittenberg von Angesicht zu Angesicht mit einem der mäch­tigsten Männer der Welt: Kaiser Karl V. aus dem Geschlecht der Habsburger, der über viele Königtümer rund um den halben Erd­ball herrschte. In Worms hält die Weltgeschichte für einen Moment den Atem an: der Kaiser gegen den Mönch! In dieser Begegnung kulminieren die Gegensätze dieser Zeit.

Und das Ergebnis? Luther übersteht die entscheidende Prüfung seines Lebens, obwohl der Kaiser die Reichsacht über ihn ver­hängt und ihn für vogelfrei erklärt. Landesherr Friedrich der Weise stellt den Glaubensrebellen unter seinen Schutz, einen Mann, der die Folgen seines Auftritts nicht abschätzen kann. Die Reformation nimmt ihren Lauf, wird die Welt verändern und spalten, zu Fortschritt, aber auch Gewalt führen. Ob Fürsten oder Stände, Bauern oder Bürger der Städte, sie sahen in ihm einen Hoffnungsträger oder ein Instrument für ihre Befreiung von kirchlicher und politischer Erstarrung, von Bevor­mun­dung und Ausbeutung durch Rom.

Medien-Ikone Luther
von den Redaktionsleitern Stefan Brauburger, Zeitgeschichte und
Reinold Hartmann, Kirche und Leben/evangelisch

Luthers Auftritt in Worms 1521 wurde nicht erst in späteren Epochen zu einem nahezu magischen Moment der deutschen Geschichte stilisiert. Schon zu Lebzeiten entfachte das historische Ereignis eine regelrechte PR-Kampagne, gefolgt von einem leidenschaftlichen Schlagabtausch der Meinungen und Deutungen. Anhänger und Gegner lieferten sich eine regelrechte Propagandaschlacht, eine Fülle von Flugschriften und Pamphleten, Bildern und Parolen kam über die Menschen.

Luthers Fürsprecher stellten den Reformator wie einen Heiligen dar, der dem Papst als römischem Vielfraß das gierige Maul stopfe. Die Gegner verdammten den abtrünnigen Mönch als "Sendboten des Teufels" oder "satanischen Ketzer". Dass der Reformator und seine Anhänger in der Öffentlichkeit damals die Oberhand behielten, ist unverkennbar. Die Worte Luthers vor dem Wormser Reichstag wurden legendär, wenn auch zum Teil angedichtet, wie das berühmte: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders". Nur wenig Nachhall hingegen fanden die Aussagen der Gegenseite, der Ankläger. Luther zog die "Medien" damals in seinen Bann, wohl auch, weil der Kern seiner Kritik an den Missständen der Kirche vielen Zeitgenossen aus dem Herzen sprach.

Das Faszinosum Luther nahm auch in der öffentlichen Meinung der kommenden Jahrhunderte viel Raum ein. Nationaler Überschwang kam hinzu, bis hin zu einer Geschichtsdeutung, die ihn zum eigentlichen Stifter deutscher Identität erhob: "Da stand er vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr Volksheiliger, der streitbare Michael... Keine andere der neuen Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen", so der preußische Historiker Heinrich von Treitschke, der den Reformator aus seiner preußisch-deutschen Motivlage heraus zum Propheten der Selbstfindung verklärte. Und in der Tat befanden sich die Deutschen in der Verlegenheit, nur wenige Idole vorweisen zu können, auf die sich kollektive Gefühle projizieren ließen. "Er hat durch seine Reformation eine ganze Nation zum Denken und Gefühl erhoben", hatte ihn schon der berühmte Philosoph und Prediger Johann Gottfried Herder (1744-1803) gefeiert. Der Dichter Heinrich Heine sah es schon etwas zwiespältiger. In Luthers Charakter seien "alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt". Damit spielte er womöglich auch auf seine antijüdischen Äußerungen an.
Die romtreuen Deutschen sahen in ihm weiterhin den Ketzer, der nicht nur die Einheit der Kirche zerstört habe, sondern auch die des Volkes und des Reiches. Jede Generation schuf sich ihren eigenen Luther als Projektionsfläche, ob als Streiter für den wahren Glauben, als Aufklärer, Sprachschöpfer und Nationalikone oder eben als Kirchenspalter und Judenhasser.

Zweifellos ist Luther der erste Medien-Star der deutschen Geschichte. Diesen Rang macht ihm keiner streitig. Die Möglichkeit, Bücher und Flugschriften in großer Zahl zu drucken, mitsamt Druckgrafik, verlieh der Causa Lutheri schon zur Wormser Zeit die Wucht einer Großkampagne. Auch das publizistische Aufgebot heute sehen manche Historiker eher kritisch, als Fortsetzung einer Stilisierung, die seit einem halben Jahrtausend andauert.

Doch jenseits von Verklärung, Heroisierung und Verdammung bleiben Tatsachen jenes historischen Geschehens von 1521, über die zahlreiche zeitgenössische Dokumente, etwa Reichstagsakten, sehr präzise Aufschluss geben. Darauf stützt sich unser Film. Und dann steht Luther eben keineswegs nur als strahlende Siegerfigur da oder als fanatischer Rebell, sondern als einer, der stets auch zweifelte, der manchen Geistern, die er rief, nicht mehr Herr wurde, der vielleicht auch ahnte, dass der eingeschlagene Weg eines Tages zu Gewalt führen könnte. Er war sicher ein Antreiber, aber auch ein Getriebener seiner Zeit. Er erschütterte das Machtgefüge und wurde selbst zum Instrument emporkommender Mächte, selbst wenn er es nicht wahrhaben wollte.

Produzenten-Notiz
von Clemens Schaeffer und Alexander Thies

Für die NFP als Produzentin des erfolgreichen Kinospielfilms  "Luther" (2003) mit Joseph Fiennes in der Titelrolle war es eine besondere Freude, sich erneut filmisch an die Person Martin   Luther heranwagen zu dürfen, diesmal im Auftrag des ZDF und in Form eines Dokudramas.

Eine Herausforderung bestand für uns darin, den historischen Spielszenen Expertenstatements und Sprecherkommentare hinzuzufügen, die von den Zuschauerinnen und Zuschauern als spannend und informativ empfunden werden, ohne dass der Fluss der fiktionalen Erzählung verloren geht. Aus diesem Grund haben wir uns gegen klassische Doku-Elemente wie Orte im Hier und Heute oder Abbildungen historischer Objekte entschieden. An ihre Stelle treten in unserem Film Momente, in denen die Zeit buchstäblich stehen bleibt und die Schauspieler in szenischen Tableaus verharren, die in ihrer Konstellation eigene Aussagekraft entfalten. Diese Momente bieten dem Sprecher Raum für die faktische Kommentierung. Die Expertinnen und Experten, die im Film zu Wort kommen, haben schließlich die Funktion, das historische Geschehen, das in der Spielhandlung wiedergegeben wird, aus heutiger Sicht und auf dem aktuellen Stand der Luther-Forschung einzuordnen und zu bewerten.

Zum Einen haben wir uns – gemeinsam mit den ZDF-Verantwortlichen – dazu entschieden, das Thema "Luther und die Reformation" extrem verdichtet zu erzählen und uns auf wenige Tage im Leben des Reformators zu beschränken. Der Wormser Reichstag von 1521 bietet den idealen Hintergrund für diesen Ansatz, denn hier spielt sich Weltgeschichte wie unter einem Brennglas ab. Die Gemengelage in Worms ist hochentzündlich, die Eigendynamik unberechenbar. Keiner der Beteiligten kann sich sicher sein, wie die Sache ausgeht.

Zum Anderen möchten wir den Zuschauerinnen und Zuschauern eine multiperspektivische Erzählweise anbieten, die Luther zwar zur Hauptfigur macht und die Identifikation mit ihm ermöglicht, die jedoch den anderen Akteuren der Geschichte – dem Kaiser, dem Kurfürsten, dem päpstlichen Gesandten und dem "Volk" – überdurchschnittlich hohe Szenen- und Dialoganteile mitgibt, um das Geschehen auch durch deren Augen miterleben und die jeweilige Position nachvollziehen zu können. Martin Luther ist also die Hauptfigur, nicht aber die einzige Hauptrolle in diesem Film.

Wir wünschen uns, dass wir mit dem vielschichtigen, historisch hervorragend recherchierten Drehbuch von Friedrich Klütsch, der temporeichen und spannenden Regie von Christian Twente und der, wie wir finden, sehr ansprechenden Besetzung ein Filmangebot zum Reformationsjubiläum machen können, das auch möglichst viele junge Zuschauerinnen und Zuschauer anspricht, das intelligent unterhält und, ganz nebenbei, für das wundervolle Genre "Dokudrama" wirbt.

Interview mit dem wissenschaftlichen Berater Prof. Dr. Heinz Schilling

Was hielten Sie von der Idee, den Wormser Reichstag 1521 in einem Film zum Reformationsjubiläum darzustellen, und nicht etwa das Geschehen um den Thesenanschlag 1517, das ja den eigentlichen Anlass für das Erinnern nach 500 Jahren bietet?

Sicher hätte auch manches für einen Film zum so genannten Thesenanschlag gesprochen. Aber wenn Sie das historische Datum würdigen wollen, an dem das Wirken Luthers weit über den kirchlichen Bereich in den politischen und gesellschaftlichen Raum getragen wurde, dann liegen wir mit Worms schon richtig. Hier zeigte sich brennpunktartig die historisch-politische Dimension der Reformation, hier kam es zur Machtprobe zwischen den großen Kontrahenten jener Zeit: Kaiser und Papstkirche auf der einen, der Reformator und seine Anhänger, darunter Fürsten, Bürger und Städte, auf der anderen Seite. Außerdem ist der Reichstag zu Worms wesentlich besser dokumentiert als das immer noch vom Hergang zum Teil unklare Geschehen um den Thesenanschlag.

Wie ergiebig ist denn der Quellenbestand zu den Tagen in Worms? Und was bedeutet das für einen Film, der sich daran orientiert?

Durch die Edition der Reichstagsakten, die inzwischen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts reicht, sind die Ereignisse sehr gut dokumentarisch nachvollziehbar. Ob es um Schauplätze geht, um Personen und ihre Rollen oder auch darum, was die Akteure gesagt haben. Zudem kommt eine Fülle von Flugschriften, Druckgraphiken und zeitgenössischen Publikationen, die dank der neuen Druckverfahren damals vielfältig verbreitet wurden. Eine Menge davon ist erhalten und überliefert. Auf all das konnte sich der Autor des Filmes stützen, und das hat er getan.

Es handelt sich beim "Luther-Tribunal" ja um ein Dokudrama, einen Film mit einen hohen szenischen Spielanteil, der aber den Anspruch erhebt, die Darstellung möglichst quellengetreu zu gestalten, ist das gelungen?

Das ist überaus gelungen. Der Autor und die beteiligten Redaktionen haben intensive Recherchen unternommen, um das damalige Geschehen so exakt wie möglich zu rekonstruieren. Insofern war es auch eine überaus konstruktive Zusammenarbeit, da hier der filmische und der wissenschaftliche Anspruch gut ineinander griffen. Sicher forderte die künstlerische Freiheit auch bei diesem Projekt ihren Raum. Aber was Schauplätze, Handlungsstränge, die entscheidenden historischen Akteure und die wesentlichen Schlüsselmomente betrifft, spiegelt sich in jeder Phase des Filmes die Quellenlage, die allerdings auch ein Ereignis wiederspiegelt, das von seiner Dramatik fast schon per se einem Historienfilm gleicht.

Gab es während der gemeinsamen Arbeit am Film auch einmal Dissens in bestimmten Fragen?

Eher selten. Um ein Beispiel zu nennen: Autor und Redaktion hätten es gern gesehen, zumindest bei einer der Anhörungen       Luthers auch Frauen ins Bild zu setzen. So leid mir das tat, da konnte ich nicht mitgehen. Es war damals undenkbar, dass aus der weiblichen Bevölkerung irgendjemand den Fuß über die Schwelle einer Reichstagssitzung setzt, das war eine reine Männergesellschaft, auch wenn wir das heute bedauern mögen. Und so sitzen im Film wieder mal nur Herren in der historischen Versammlung.

Es gab ja damals wie heute einen regelrechten Medienhype um Luther. Schon zu Lebzeiten entbrannte um ihn ein heftiger publizistischer Schlagabtausch, der sich ja noch Jahrhunderte lang fortsetzte. Wird dadurch der Blick auf den wahren  Luther verstellt?

Unverkennbar ist Luther schon zu Lebzeiten eine Art Medienstar. Und zwar einer, der wie kein Zweiter in seiner Ära polarisierte. Folglich sind die Quellen, die von seinen Taten künden, oft gegensätzlich, emotional und mit Parolen aufgeladen. Die Pamphlete der Luther-Anhänger feiern den Reformator als Heilsbringer und verdammen Rom und den Papst mit Schimpf und Schande. Die Gegenseite wehrte sich mit Verteufelungen des "Ketzers" und Anspielungen auf sein Privatleben. Und auch in den nachfolgenden Jahrhunderten ist es schwer, Publikationen zu finden, die nicht irgendwo von einer parteiischen Haltung geprägt sind. Quellenkritik ist beim Thema Luther ein notwendiger Wegbegleiter, und auch in diesen Tagen gilt es stets zu prüfen, welcher Luther uns da denn wieder verkauft wird. Insofern setzt der Film einen sehr wichtigen Akzent, denn er bezieht sich auf eine Vielzahl von Quellen, die nicht durch Meinungsmache geprägt sind.

Das Interview führte Stefan Brauburger

Buchentwicklung und Vetorecht der Quellen
von Drehbuchautor Friedrich Klütsch

Luther vor dem Reichstag zu Worms: Was heißt es, das Drehbuch für ein Dokudrama zu schreiben, wenn es um ein Thema geht, das nicht nur intensiv von der Fachwissenschaft durchdrungen ist, sondern auch Jahrhunderte lang Thema kontroverser historischer Geschichtsbilder und Debatten war?

Dass Prof. Dr. Heinz Schilling zu den profiliertesten Kennern der Reformationszeit gehört, wusste ich bereits, als ich ihn im Frühjahr 2016 in Berlin-Zehlendorf aufsuchte. Er war der für den Film ausgewählte wissenschaftliche Berater. Ich kannte seine Luther-Biografie, die vier Jahre zuvor erschienen war. Auch hatten wir schon bei der Reihe "Die Deutschen" (2008) zusammengearbeitet, zum gleichen Thema. Wieder wurde das Projekt bei der Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft angesiedelt. Stefan Brauburger und Reinold Hartmann unterließen es nicht, darauf hinzuweisen, dass im Begriff Dokudrama eben auch der Begriff Doku stecke, weshalb sich der Film im Fahrwasser dokumentierbaren Wissens zu bewegen habe, auch wenn er zu vier Fünfteln aus Szenen bestehe. Damit war der Rahmen abgesteckt.

Professor Schilling hatte einen Termin am Nachmittag vorgeschlagen. Er hat sich im Obergeschoss seines Hauses ein Eckzimmer als Büro und Bibliothek eingerichtet. Der Raum wies an zwei Seiten große Fenster auf. Das Arbeitszimmer sah nach intensiver Nutzung aus, aber beileibe nicht chaotisch. Es schien, als ob die aufgeschlagenen Bücher, die Aktenordner und der Karteikasten einen fest zugewiesenen Platz einnehmen. Der Tischcomputer stand keineswegs im Zentrum dieses Ensembles, war aber wohl nicht mehr aus dem Arbeitsablauf wegzudenken. Zweifellos war hier jemand am Werke, der seine Arbeitsweise in analog geprägten Zeiten entwickelt hat.

Ein neues Buchprojekt beschäftigte Professor Schilling, der bis 2010 an der Berliner Humboldt-Universität den Lehrstuhl "Europäische Geschichte der frühen Neuzeit" bekleidete. Als Arbeitstitel nannte er eine Jahreszahl: 1517. Im Vorfeld der umfangreichen Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag des sogenannten Thesenanschlags (der so nie stattgefunden hat!) wirkte der Titel zunächst wenig originell. Der dabei von Professor Schilling verfolgte Ansatz war es umso mehr: seine Recherche nahm die prominenten Ereignisse von Wittenberg zum Anlass, gleichzeitig signifikante Entwicklungen in der übrigen Welt zu beleuchten bis hin nach China und Mittelamerika. Umbrüche gab es damals an vielen Orten auf dem Globus, nicht nur zwischen Rhein und Elbe.

Und nun sollte ich ihn davon überzeugen, dass wir eben keinen Film zu jenem legendären Thesenanschlag machen wollten, sondern ein Opus zum Wormser Reichstag. Es brauchte keine große Überredungskunst, denn auch Schilling sieht in dem Ereignis des Jahres 1521 den Moment eines entscheidenden Durchbruchs.

Fachberater, Redaktion und Autor waren sich einig, dass die zehn Tage von Worms im April 1521 eine geradezu ideale Abfolge für eine filmische Dramtaturgie abgeben: der Ruf nach Worms, die Zweifel und Ängste Luthers und seiner Begleiter, aber auch auf der Gegenseite, die Anreise, der Empfang, die Anhörungen, die Reichsacht und schließlich die abgekartete Rettung. Fünf Männer bzw. Gruppen bewegen sich durch unsere Geschichte, mit- und gegeneinander ihre jeweils eigenen Interessen verfolgend:     Luther, der Kaiser, Aleander als Vertreter der römischen Interessen, Kurfürst Friedrich als Repräsentant, der um Emanzipation bemühten deutschen Fürsten, sowie das Volk, dessen Partizipation durch das neue Massenmedium des Buchdrucks möglich geworden war. Wer letztlich als Gewinner vom Platze gehen würde, konnte keinem der damals beteiligten Akteure klar gewesen sein.

All das Geschehen ist herausragend dokumentiert. Aus der Lektüre der umfänglichen Reichstagsakten hatte ich den Erzählansatz entwickelt. Der Film baut darauf auf und bezieht sich in nahezu allen Szenen auf die historischen Berichte. Eine so umfassende Überlieferung verpflichtet aber auch. Der Historiker Reinhart Koselleck hat es einst so formuliert: "Streng genommen kann uns eine Quelle nie sagen, was wir sagen sollen. Wohl aber hindert sie uns, Aussagen zu machen, die wir nicht machen dürfen. Die Quellen haben ein Vetorecht."

Uns vor Irrtümern schützen und im Zweifel das Vetorecht der Quellen geltend machen, so sah auch unser Fachberater seine Rolle. In den folgenden neun Monaten ging das Drehbuch mehrmals zwischen München-Obermenzing und Berlin-Zehlendorf hin und her, per Post. Professor Schilling machte viele weiterführende und korrigierende Anmerkungen, zu einem Veto der Quellen aber kam es fast nie.

Worms in Tschechien und die "Eingefrorene Zeit"
von Regisseur Christian Twente

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als auf dem Marktplatz von Worms fast hundert Bürger, Bauern und Geistliche auf der Stelle verharrten, den Atem anhielten und mit ihren Augen einen Punkt fixierten. Mittendrin Martin Luther, der ebenso regungslos dastand und in entschlossener Haltung eine Gruppe  jubelnder  Menschen  in den Blick nahm. Der Marktplatz von Worms war allerdings ein Schlosshof im tschechischen Telč, die Menge darauf Komparserie in historischen Kostümen und Martin Luther unser Hauptdarsteller Roman Knižka.

In dem Moment hatten alle eines gemeinsam, sie folgten einer Weisung: Keine Bewegung! Und auf mein Kommando "Action!" tat sich – nichts. Außer, dass Steadycam-Operator Fabian Spuck mit schwerem Kameragerät durch die erstarrte Menschenmasse sprintete und dabei noch wahre Pirouetten vollführte. Nach nur acht Sekunden war die skurrile Szene vorbei, und am Monitor überprüften wir das ungewöhnliche Ergebnis. Der mit Highspeed (200 Bildern pro Sekunde) festgehaltene Moment wurde mit normaler Geschwindigkeit (etwa ein Achtel davon) abgespielt und es vermittelt sich in der Tat der Eindruck, als schwebe man durch ein Wachsfigurenkabinett.

Es handelt sich um ein besonderes Stilmittel: Wir nennen es "Eingefrorene Zeit" und wollen damit dem Dokudrama das "Luther-Tribunal" ein eigenes Erkennungsmerkmal verleihen. Wir halten einen bestimmten Moment an, drehen ein soeben gespieltes Szenario noch einmal anders, die Darsteller verharren in einer Pose und die Kamera bewegt sich um sie herum.
Hat sich auch wirklich niemand bewegt, geatmet, geblinzelt? Das fragten wir uns jedes Mal, der Zuschauer kann es, wenn er den Film sieht, selbst beurteilen. Jedenfalls kamen uns die Witterungsverhältnisse vor Ort entgegen. Im März herrschten auch im Innern des Schlosses Telč, unserem Hauptdrehort, Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Wie kamen wir auf dieses Stilmittel? Gemeinsam mit dem Autor und der Redaktion galt es zu überlegen, wie wir jenseits der szenischen Erzählung ruhige Strecken schaffen können, um einer Kommentarstimme, die eine zeithistorische Einordnung der inhaltlichen Kapitel vornimmt, Raum zu geben.
Nehmen wir dafür dokumentarisches Material oder lösen wir es anders? Am Ende bauten wir an acht Stellen die eingefrorenen Momente in den neunzigminütigen Film ein. Die Kommentar-Brücken dienen auch als Stationen für Aussagen renommierter Historiker, die wir für das Projekt gewinnen konnten.

"In Worms kann man Weltgeschichte bei der Arbeit zusehen" – das waren die Worte von Autor Friedrich Klütsch, mit denen er mir das Drehbuch in die Hand gegeben hatte. Und das war es auch, was mich als Regisseur sofort faszinierte. Es ist nicht der  standhafte Mönch aus Wittenberg allein, der diese Geschichte geschrieben hat. Es ist Weltgeschichte, die von seinen Fürsprechern und Widersachern in Hinterzimmern und Badezubern verhandelt wurde. In einer Epoche, in der Luther zwar zum Hauptdarsteller wird, jedoch ebenso zum Spielball der Mächtigen, die in Worms zusammengekommen sind, um über sein Schicksal zu bestimmen. Es ist unser Ziel, dies durch den Inhalt, aber auch durch die Form dieses Filmes zu vermitteln.

Statement von Luther-Darsteller Roman Knižka

Ich bin als Baby evangelisch getauft worden. Der christliche, protestantische Glauben spielte jedoch in meiner Familie, sowie damals in der DDR üblich, keine bestimmende Rolle.
Dementsprechend gehörte auch Martin Luther nicht zu den historischen Persönlichkeiten, mit denen ich mich während meines Aufwachsens beschäftigte.

Durch meine Arbeit in dem Doku-Drama "Das Luther-Tribunal" änderte sich das: Ich tauchte ins Mittelalter ein und identifizierte mich ein Stück weit mit Luther, seinem Glauben, seinen Idealen, seinem Leben.
Dadurch lernte ich ihn schätzen und einzuschätzen. Mit seinen Facetten, seinen Zweifeln und all dem, was er für die geistige und geistliche Weiterentwicklung getan hat. Kurzum, wie er den Blick auf die Welt veränderte.

Eine Person zu spielen, die es wirklich gab, ist eine sehr besondere Herausforderung, da die eigene Schauspielleistung augenscheinlich messbar wird. Denn der Zuschauer hat seine eigene Vorstellung von dieser Person. Wenn es mir gelingt, als Luther zu überzeugen, bin ich also noch ein wenig stolzer auf meine Arbeit als sonst.

Audiodatei (downloadfähig): O-Ton Dr. Reinold Hartmann zu Programmschwerpunkt und Dokudrama

> Audiofile O-Ton Dr. Reinold Hartmann
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Zum Format des Doku-Dramas

Wir kommen aus dem dokumentarischen Bereich und uns ist wichtig herauszufinden, was wirklich 1521, also vor etwa 500 Jahren, passiert ist. Das Doku-Drama hat die Möglichkeit, Fakten zu liefern – in Kommentartönen, in den Interviews mit den Experten – und sozusagen auf eine emotionale Weise in Spielszenen Handlungen vorzuführen. Und man muss wissen, dass, wenn wir uns im Reichstag befinden, jedes Wort tatsächlich so gesprochen worden ist wie vor 500 Jahren. Das sind O-Töne aus dieser Welt. (0’46)

Zum Grund, sich im Doku-Drama "Das Luther-Tribunal" auf die Ereignisse in Worms im April 1521 zu fokussieren

Dramaturgisch ist es natürlich ein gefundenes Fressen, kann man so sagen. Zehn Tage fokussiert: Ankunft Luther, und nach zehn Tagen reist er wieder ab. Und in dieser Fokussierung ein Stück Weltgeschichte zu betrachten, das ist eine große Chance. Da treffen der Kaiser und der Mönch zusammen, da sind die altgläubige Kirche mit seinem Vertreter und Friedrich der Weise und das Volk. Das sind quasi fünf Protagonisten, die in zehn Tagen agieren. Und was passiert dort? Unserem Doku-Drama ist entgegengekommen, dass die Geschichte selbst Spielfilmqualität hat. (0’45)

Zu Luther als Medien- und PR-Profi zu seiner damaligen Zeit

Einen Menschen konnte man damals viel besser außer Gefecht setzen, aber seine Schriften nicht. Und seine Schriften haben ihn natürlich auch geschützt. Er war bei vielen ein Volkstribun und sehr populär. Dazu kam, dass Lucas Cranach ihn portraitiert hat, er war einer der meist portraitierten Menschen der damaligen Welt – heute hätte er getwittert und gebloggt. Ich denke, so eine These hätte er auch twittern können, die ist kurz und prägnant genug, um dort Platz zu finden. (0’37)

Zur Herausforderung, "500 Jahre Reformation" in einer Zeit spannend zu präsentieren, in der viele Menschen mit der Kirche und dem Glauben nicht mehr viel am Hut haben

Das ist eine große Herausforderung und wir wissen auch nicht, ob es gelingt. Provozierend kann man sagen: Viele Menschen gehen heute in Fitnessstudios, kümmern sich um ihren Body, was ja alles in Ordnung ist. Das ist manchen Menschen wichtiger als das eigene Seelenheil, als die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das ist ja eine Frage, die für manche heute aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Luther ist schon eine Herausforderung. Inhaltlich ist es ein großer Moment, den wir betrachten. Es ist ein Schritt in Richtung Entdeckung des Gewissens, Entdeckung des Individuums. Und damit ragt dieser Luther tatsächlich in unser Jahrtausend und in unser Jahrhundert hinein. (0’54)

Audiodatei (downloadfähig): O-Ton Stefan Brauburger zu Programmschwerpunkt und Dokudrama

> Audiofile O-Ton Stefan Brauburger
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Zur Bedeutung des Programmschwerpunkts "500 Jahre Reformation" für das ZDF

Es ist ein wichtiger historischer Wendepunkt. Innerhalb der Reformation sind es dann bestimmte Daten wie der Wormser Reichstag, wo sich historische Ereignisse nochmal in besonderer Form verdichten. Das ZDF hat darauf Wert gelegt, ein breites Spektrum abzubilden. Das heißt, vom Spielfilm bis zum Dokudrama, über Dokumentationen bis hin zu musikalischen Darbietungen, wie das große Oratorium, ein übergreifendes Angebot zu machen und damit auch alle möglichen Zuschauerschichten anzusprechen. Das wird dem Thema auch gerecht, das ist wichtig, es muss sich an alle richten. Insofern sind die Programmvielfalt und die Vielfalt der Form, wie das ZDF es präsentiert, auch angemessen. (0’50)

Was die Reformation von anderen historischen Ereignissen unterscheidet

Bei der Reformation kommen gleich mehrere Dinge zusammen, wie es sonst kaum der Fall ist. Wir haben eine theologische, religiöse Glaubenskomponente, es hat aber auch was mit Aufklärung zu tun, mit Freiheitlichkeit und mit Demokratie. Wir haben eine ganz starke mediale Komponente. Ohne die Entwicklung der damals neuen Medien, des Buchdrucks oder der Vervielfältigung von Flugschriften in 100.000er Auflagen wäre die Geschichte anders verlaufen. Wir haben aber auch wesentliche Kreuzungspunkte, die unsere staatliche Entstehungsgeschichte, also die deutsche Nationalgeschichte, wenn man es mal so nennen will, betrifft. Auch da gibt es erhebliche Weichenstellungen. Das Zusammentreffen von so vielen Faktoren in so wenigen Tagen, das ist schon eine Seltenheit in der Geschichte. (0’51)

Zum Grund, sich im Doku-Drama "Das Luther-Tribunal" auf die Ereignisse in Worms im April 1521 zu fokussieren

Je mehr wir uns mit der Materie befasst haben, desto mehr hat sich abgezeichnet, warum das der entscheidende Wendepunkt war, wo es sich vom Theologischen und Kirchlichen stark ins Gesellschaftliche und Politische gewendet hat. Mit den gravierenden Folgen, die wir dann auch andeuten und nachzeichnen. Insofern war das der erste Grund, sich dem Wormser Reichstag zuzuwenden. Des Weiteren ist der Wormser Reichstag viel besser dokumentiert als der Thesenanschlag. Das war auch ein Faszinosum, über einen Stoff zu verfügen, wo die Quellen bis hin zum Wortlaut dessen, was gesagt wurde, eine Grundlage geben - für ein Dokudrama eine gute Voraussetzung. Denn so können wir gleichzeitig etwas Spielfilmartiges produzieren und uns doch an dokumentierbarem Wissen entlang hangeln. (0’57)

Zur Bedeutung von Luthers Wirken auch in der heutigen Zeit

Was bei ihm bemerkenswert ist: wie einer aufbegehrt gegen verkrustete Strukturen, auch gegen Missbrauch, gegen Bevormundung und dafür auch vieles wagt und vieles aufs Spiel setzt, sich mit dem Establishment verkracht und sich dadurch ja auch in Gefahr bringt. Das ist ein Beispiel für Jungprotest, der was verändern will. Anderseits muss man auch schauen: So fundamental vorgetragene Positionen laufen auch immer Gefahr, in schlimme Konflikte zu führen, wie die Glaubenskriege, die es ja später dann gegeben hat. (0’43)

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