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Tomys letzte Reise - Kinderflucht aus Hitlers Reich

Szenische Dokumentation

Zwischen November 1938 und September 1939 konnten über die sogenannten "Kindertransporte" 10.000 zumeist jüdische Kinder nach Großbritannien ausreisen. Insgesamt neun Transporte hatte allein der britische Staatsbürger Nicholas Winton organisiert, der als Sohn deutscher Juden geboren worden war. Doch nur acht seiner Transporte erreichten England. Der neunte Winton-Zug war bisher ein Mysterium. Die Filmemacher Ulrich Stoll und James Pastouna bringen Licht ins Dunkel und berichten von "Tomys letzter Reise".

Filmszene zur Ausreise der jüdischen Kinder aus dem Machtbereich der Nazis 1939. Foto: ZDF/W. Lindig
Filmszene zur Ausreise der jüdischen Kinder aus dem Machtbereich der Nazis 1939. Foto: ZDF/W. Lindig

Tomys letzte Reise - Kinderflucht aus Hitlers Reich

Der Zug stand am Bahnhof schon bereit: Am 1. September 1939 sollten der elfjährige Tomy Prager und 250 weitere jüdische Kinder aus dem von den Deutschen besetzten Prag abreisen. Zuvor hatten Helfer 10.000 Kindern die Flucht aus Nazi-Deutschland und den besetzten Gebieten ermöglicht. Sir Nicholas Winton, einer der Organisatoren der "Kindertransporte", rettete fast 700 Kinder vor dem Holocaust: "Man konnte damals nicht Kinder nach England holen und sie einfach am Bahnhof absetzen. Sie brauchten jemanden, zu dem sie gehen konnten", sagt der heute 105-jährige Winton.

Evelina Prager, die achtährige Schwester von Tomy Prager, war mit Wintons Hilfe im Sommer 1939 nach England emigriert und wartete auf ihren älteren Bruder Tomy. Der hatte einen Platz in dem Zug bekommen, der am 1. September 1939 Prag verlassen sollte. Aber an diesem Morgen griff Deutschland Polen an und schloss alle Grenzen seines Machtbereiches. Tomy und 250 Kinder saßen in der Falle.

Der Film folgt ihren Spuren und dokumentiert das Schicksal der Familie Prager stellvertretend auch für all die anderen Kinder des letzten Zuges. Evelina Prager fand nach 75 Jahren den Mut, über das Schicksal ihrer Familie zu sprechen und aus den Briefen vorzulesen, die ihre Familie ihr nach England schickte – bis zur Deportation in die Vernichtungslager der Nazis.

"Wir benötigten szenische Drehs" - Interview mit Filmautor Ulrich Stoll 

Im Oktober 2013 haben Sie zusammen mit James Pastouna für  "Frontal 21", den Magazinbeitrag "Rettung vor dem Holocaust – Kindertransporte nach England" produziert. Ist Ihnen da bereits klar geworden: ein weiteres, noch nicht erzähltes Kapitel der Kindertransporte müssen wir in einer 45-minütigen Dokumentation aufbereiten?

In unserem "Frontal 21"-Beitrag über diese Kindertransporte, durch die nach der Reichspogromnacht und vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Tausende zumeist jüdischer Kinder nach Großbritannien ausreisen konnten, kam Nicholas Winton zu Wort, damals 104 Jahre alt. Er hatte 1938/39 die Rettung von 669 Kindern aus dem heutigen Tschechien organisiert. Bei der Recherche zu diesem Beitrag wurde klar: Winton hatte insgesamt neun Transporte organisiert, von denen aber nur acht in England ankamen. Es gab noch einen weiteren Zug, der mit 251 Kindern besetzt war, zu dem Nicholas Winton aber keine Unterlagen besaß. Doch wir wollten herausfinden, was aus den 251 Kindern geworden ist, und machten uns auf die Suche, um über dieses tragische, noch nicht bekannte Schlusskapitel der Kindertransporte berichten zu können. Bei unserer Recherche stellten wir zunächst fest: In keiner Einrichtung, die sich mit den Kindertransporten und dem Holocaust beschäftigen, fanden wir Hinweise auf diese 251 Kinder. Und auch die zahlreichen Dokumentarfilmer, die bereits Filme über die Kindertransporte realisiert hatten, hatten den neunten Winton-Zug ausgespart.

Auslöser für Ihre Dokumentation „Tomys letzte Reise – Kinderflucht aus Hitlers Reich“ war dann der Kontakt zu Evelina Prager, der Schwester von Tomy Prager, dessen Geschichte Sie erzählen. Wie kam der Kontakt zustande?

Mein Kollege James Pastouna bekam den Hinweis, dass in England noch eine Frau lebe, deren Bruder nicht mehr mit den Kindertransporten entkommen konnte. Allerdings wollte uns Evelina Prager, die in Nottingham lebt, anfangs kein Interview geben. Es stellte sich heraus, dass sie Briefe ihrer Familie mit der Ankündigung besaß, dass ihr Bruder Tomy auch nach England käme, was leider nicht stattfand. Sie erhielt Briefe ihrer Eltern und von Tomy bis zu deren Deportation in die Konzentrationslager und hatte es jahrzehntelang nicht zustande gebracht, diese Briefe wieder zu lesen. Im Nationalarchiv in Prag haben wir dann weitere Unterlagen zur Familie Prager gefunden, Meldebögen und Ähnliches. Wir konnten nachvollziehen, wie die zuvor im eigenen Haus lebende Familie eines promovierten Juristen mit Kanzlei in der NS-Zeit den Weg in ein enges Zimmer in einem heruntergekommenen Gebäude, einem so genannte "Judenhaus", absolvieren musste. 1942 wurden sie und viele weitere Verwandte dann ins KZ deportiert. Diesen Niedergang hatte die Tochter in England gar nicht mitbekommen. Erst nach dem Krieg erfuhr sie von der Ermordung der ganzen Familie.

Eine weitere wichtige „Quelle“ für Ihre Dokumentation über diesen letzten Kindertransport ist Ruth Steckelmacher, die den gleichen Zug wie Tomy Prager nehmen sollte und dennoch überlebte. Wie kamen Sie an diese Zeitzeugin?

Im Rahmen der Zeitzeugen-Interviews, die in der Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem realisiert werden, hatte auch Ruth Steckelmacher ihre Erinnerungen festgehalten. Und sie sagte dort aus, dass sie in diesem letzten Zug gewesen sei. Wir wurden von Yad Vaschem-Mitarbeitern auf Ruth Steckelmacher aufmerksam gemacht und konnten sie in Tel Aviv ausfindig machen. Insgesamt lief ein Großteil der Recherche zwischen den verschiedenen Museen und Gedenkstätten, sie haben ihren Anteil an unserer Dokumentation, zu nennen sind neben Yad Vaschem auch das Jüdische Museum und das Nationalarchiv in Prag sowie die Gedenkstätte Theresienstadt.

Wie deutlich kann man die Erinnerung an die Kindertransporte in Großbritannien heute noch wahrnehmen?

2009 gab es in London eine große Gedenkfeier aus Anlass des 70-jährigen Jubiläums für die Ankunft der Kindertransporte in der britischen Hauptstadt. Nicholas Winton erlebte das im Alter von 100 Jahren mit. Damals fuhr der historische Zug "The Winton Train" mit einigen Holocaust-Überlebenden im Bahnhof Liverpool Street ein. Und auch in Tschechien erhielt Winton zahlreiche Ehrungen. Die Erinnerungen werden also wachgehalten.

Und wie lösten Sie das Problem, dass für Ihre Dokumentation nur wenig historisches Bildmaterial zur Verfügung stand?

Tatsächlich gibt es lediglich Bilder von der Abreise einiger Kinder aus Prag vor dem deutschen Einmarsch und von der Ankunft eines Kindertransportes in London. Es war also von vornherein klar, dass wir szenische Drehs benötigten. Im Bahnhof Berlin-Schönweide, in dem historische Züge und Dampflocks stehen, haben wir im Oktober mit Schülern des Neuen Gymnasiums Glienicke gedreht, die einige Monate zuvor das Theaterstück „Kindertransporte“ aufgeführt hatten.

Mit Ulrich Stoll sprach Thomas Hagedorn. 

Biografische Angaben zu den Filmautoren

Ulrich Stoll

Ulrich Stoll, geboren 1959, arbeitet seit 2001 für das ZDF-Magazin "Frontal 21". Er studierte zuvor Geschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft in München und war seit 1984 als freier Journalist für den WDR tätig. Für das ZDF realisierte Ulrich Stoll neben zahlreichen "Frontal 21"-Beiträgen, zuletzt zum Beispiel über Edward Snowden und die NSA, die 45-Minuten-Dokumentationen "Schattenkrieger – Die deutsche Untergrund-Truppe ‚Stay behind'" und "Brauner Terror – blinder Staat: Die Spur des Nazi-Trios". 2009 veröffentlichte Stoll das Buch "Einmal Freiheit und zurück – Die Geschichte der DDR-Heimkehrer".

James Pastouna 

James Pastouna, 1955 im englischen New Brighton geboren, zog 1978 nach Deutschland. Nach freier Mitarbeit für die Deutsche Welle arbeitet der studierte Sozialwissenschaftler seit 1996 vornehmlich für den WDR. Pastouna drehte unter anderen zwei Filme über "Guantanamo Bay", zu denen er auch sein Buch schrieb "Guantanamo Bay. Gefangen im rechtsfreien Raum".

Fotohinweis, Impressum 

Fotohinweis

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Impressum

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Sendetermine
Sonntag, 25. Januar 2015, 21.00 Uhr

Ansprechpartner
  Name:Thomas Hagedorn
E-Mail:hagedorn.t@zdf.de
Telefon:06131/7013802
Telefax:06131/7012413
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