Cure - Das Leben einer Anderen

Psychodrama - Das kleine Fernsehspiel

"Cure - Das Leben einer Anderen" erzählt auf der Grundlage einer wahren Begebenheit von den Folgen des Balkankrieges und von der Gewalt des Exils. Der Film nähert sich behutsam der Geschichte eines pubertierenden Mädchens, das sich in einem für sie fremden, traumatisierten Landes befindet.

  • ZDF, Montag, 17. Oktober 2016, 00:45 Uhr

    Texte

    Stab

    Buch 
    Andrea Štaka, Thomas Imbach, Marie Kreutzer
    Regie  
    Andrea Štaka
    Kamera
    Martin Gschlacht
    Musik  
    Milica Paranosić
    SchnittTom La Belle

    Besetzung

    Linda   
    Sylvie Marinković
    Eta 
    Lucia Radulović
    Großmutter 
    Mirjana Karanović
    Mutter
    Marija Škaričić
    Lindas Vater
    Leon Lučev
    Ivo 
    Franjo Dijak
    und andere  

    Inhalt

    Dubrovnik 1993, ein Jahr nach der Belagerung der Stadt durch die serbischen Truppen: Die 14-jährige Linda kehrt mit ihrem Vater aus der Schweiz nach Kroatien zurück und schließt Freundschaft mit Eta. Ihre neue Freundin ist viel selbstbewusster als sie, Linda ist scheu, aber auch neugierig. Sie fühlt sich zu Eta hingezogen und ist gleichzeitig von ihr eingeschüchtert. Manchmal wäre sie gerne wie sie, mutig und laut. Doch auch Eta wäre gerne manchmal anders, so wie Linda.

    Als Eta Linda in einen verbotenen Wald oberhalb der Stadt führt, steigern sich die Mädchen in ein obsessives und sexuell aufgeladenes Spiel um den Tausch ihrer Identität. Auf einer abgelegenen Klippe hoch über dem Meer kommt es zum Streit und zu einem schweren Sturz. Von dem Streifzug kehrt Linda alleine zurück, ohne ihre Freundin Eta, aber in deren Kleidern. Dass Linda etwas mit Etas Verschwinden zu tun haben könnte, scheint niemand zu glauben. Bald schon nimmt Linda Etas Platz bei deren Mutter und Großmutter ein. Auch Etas Verehrer Ivo wird Teil dieses Spiels. Doch er schöpft als Einziger Verdacht. Immer wieder erscheint Eta in Lindas Gedankenwelt und konfrontiert diese mit sich selbst. In einer von Frauen und den Verlusterfahrungen des Krieges geprägten Welt voller Verstrickungen und Schmerz droht Linda schließlich den Boden unter den Füßen zu verlieren.

    Hintergrundinformation

    "Cure - Das Leben einer Anderen" wurde 2015 beim Festival Max Ophüls-Preis in Saarbrücken mit dem Preis für den gesellschaftlich relevanten Film ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: "Über das faszinierende Spiel um Realität und Teenager-Obsession schafft es der Film, uns hineinzuziehen in eine uns zwar geografisch nahe, aber doch kaum fassbare Welt der überlebenden Frauen, der abwesenden Männer und der latenten Ängste und Schuldgefühle. Dieser sinnliche Film voller Rätsel und dunkler Andeutungen lässt uns alle berührt im Kinosaal zurück." Sylvie Marinković wurde als Beste Darstellerin nominiert für den Schweizer Filmpreis 2015.

    "Cure - Das Leben einer Anderen" wurde produziert von Okofilm Productions Zürich, Ziva Produkcija Zagreb, Deblokada Sarajevo in Koproduktion mit SRF Swiss Radio und Television und ZDF/Das kleine Fernsehspiel in Zusammenarbeit mit ARTE.

    Anmerkungen der Autorin und Regisseurin Andrea Štaka

    Als Kind erzählte mir meine Großmutter jeden Abend ein Grimm-Märchen. Ich lag fasziniert und angsterfüllt im Bett, lauschte jedem Detail zum 100sten Mal. Dieses Gefühl von Erregung und Furcht hat mich von Anfang an begleitet bei diesem Stoff. Während ich in meinen früheren Filmen reale, innere Gefühlswelten erkundete, interessiert mich bei "Cure" das Unbewusste, Mysteriöse, Brutale.

    Vor Jahren erzählte mir eine Cousine die Geschichte von zwei Mädchen, die auf dem Petka-Berg in Dubrovnik wilden Spargel sammeln gingen und nicht mehr nach Hause kamen. Die Geschichte ließ mich nicht mehr los und ich begann zu recherchieren. Immer stärker ließ ich mich in eine dunkle Gegenwelt Dubrovniks hineinziehen: eine Welt bestimmt von dominanten Frauen, abwesenden Männern, fragilen Familienbeziehungen.

    Dubrovnik ist nicht nur der Ort der wahren Geschichte, es ist auch meine zweite Heimatstadt, in der ich als Kind jeweils den Sommer bei meiner Großmutter verbracht hatte. Eine intensive Hassliebe verbindet mich mit diesem Ort, der reich an Kindheitserlebnissen und eng mit meiner eigenen Familiengeschichte verwoben ist, dessen Schönheit mich fasziniert und dessen ereignisreiche politische Geschichte mich immer wieder umtreibt.

    Meine Absicht war es, aus dem fait divers ein subjektives Universum zu schaffen, das um das Thema Identität kreist und von Obsessionen junger Mädchen, spinnennetzartigen Familienstrukturen, Todesangst, Intrigen, sowie subtilen Variationen von Grausamkeit und Gewalt erzählt.

    Nicht zufällig spielt der Film in den 90er Jahren, einer für mich wichtigen Zeit. Es ist die Zeit vom Golf- und Balkankrieg. Es ist auch die Zeit, in der ich selbst Teenager war. Ich lag gerade am Strand und hörte Walkman, als das erste Kampfflugzeug über Dubrovnik flog. Ein aggressives Geräusch, wie ich es noch nie gehört hatte. Kurz darauf bin ich mit meiner Großmutter mit einem der letzten Flugzeuge in die Schweiz zurückgekehrt. Diese Erfahrung hat mich stark geprägt. Ich war machtlos und hatte das Gefühl, in zwei Minuten erwachsen werden zu müssen. Die Welt war anders, als ich geglaubt hatte. Mein Leben schien sich erneut in zwei Teile zu spalten. Es gab ein Leben vor dem Krieg und eins danach.

    Kurz nach dem Krieg ging ich wieder nach Dubrovnik. Es fühlte sich an wie in einem Vakuum. Niemand sprach über das soeben Geschehene. Das Leben schien wieder normal, abends ging man aus, doch gleich nebenan in Bosnien waren Flammen am Himmel zu sehen. Der Grenzübergang zu Montenegro war 30 Meter vom Haus meiner Familie in Konavle entfernt. Wir gingen am Abend in die Stadt und sprachen über die Zukunft, als lebten wir in einer Seifenblase.

    Der Titel "Cure" ist doppeldeutig und soll es auch sein. Auf Kroatisch bedeutet Cure Mädels oder Gören und auf Englisch Heilung, Kur. Die junge Linda muss im Film zu sich selbst finden, in einer Fremde, die zugleich ihr Zuhause ist, und sie eignet sich auf ihrem Weg zunächst das Leben einer anderen an. Es ist eine innere Reise, die in einer Mischung aus naturalistischen Bildern und nahen, körperlichen Aufnahmen erzählt wird, und über Dinge: Ohrringe, Zöpfe, Nadeln, das Kleid von Lindas verschwundener Freundin.

    In Dubrovnik ist es draußen grell und sonnig, innen schummrig. Man schließt die Gardinen und schließt so auch Schmerz und Trauer weg. Es ist eine der alten Seemannsstädte, in der die Frauen alleine zurückbleiben. Sie haben sich damit abgefunden und sich ganz gut arrangiert. In dieser für mich weiblich mafiösen Welt wird nicht mit Drogen oder Waffen gehandelt, vielmehr geht es um die Manipulation der Gefühle. Das ist nicht immer bewusst und böse gemeint, aber es kann schwerwiegende Auswirkungen haben. So wie bei der Großmutter, deren Sohn im Krieg gestorben ist. Nun verliert sie auch noch ihre Enkelin Eta. Um überleben zu können, muss sie verdrängen. Dadurch ist es für sie völlig normal, dass sie aus Linda Eta macht.

    Etas Mutter möchte lieber laut weinen und schreien, Linda aus dem Haus werfen und um ihre Tochter trauern. Sie ist die realste Figur, eine moderne Frau, die sich um ihr Kind kümmern möchte, deren Mittel eine Unabhängigkeit jedoch nicht erlauben. Als Linda zu ihr ins Hotel kommt, in dem seit dem Krieg die Flüchtlinge hausen, wird ihr klar, dass auch Linda alleine ist. Ein kurzer Moment der Gemeinsamkeit entsteht. Zu Hause versucht sie wieder, sich an Linda zu rächen.

    So thematisiert "Cure" die Einsamkeit der Figuren und ihren Umgang mit Trauer und Schmerz. Alle trauern anders; die Großmutter mit "Auswechseln", die Mutter mit  Zurückhalten, Linda mit einer Eta-Fantasie. Diese Facetten kenne ich von meiner Familie; Seelischer Schmerz ist ein universelles Thema und hat nichts mit Kroatien an sich zu tun. Es hat eher etwas mit mir zu tun und wie ich meine Figuren interpretiere, die mir nahe sind.

    Kurzbiografie von Andrea Štaka (Buch, Regie, Produktion)

    Die Autorin und Regisseurin Andrea Štaka wurde 1973 in Luzern geboren. Sie absolvierte ihr Filmstudium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (heute ZHdK). Nach ihren mehrfach ausgezeichneten Kurz- und Dokumentar-Filmen "Hotel Belgrad" und "Yugodivas" erhielt sie für ihren ersten Spielfilm "Das Fräulein" beim Internationalen Filmfestival Locarno 2006 den Goldenen Leoparden. "Das Fräulein" entstand ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Kleinen Fernsehspiel.

    Kurzbiografie von Thomas Imbach (Ko-Autor, Produzent)

    Thomas Imbach (*1962) ist unabhängiger Filmemacher in Zürich. Von 1987 bis 2007 produzierte er mit seiner Firma Bachim Film. 2007 gründete er mit Andrea Štaka die Okofilm Productions. Für seine Arbeit hat er im In- und Ausland mehrere Preise gewonnen. Bereits mit "Well Done" (1994) und "Ghetto" (1997) entwickelte er einen unverkennbaren Stil: Mit einer Mischung aus cinéma vérité-Kameraführung und rasanten Schnittfolgen hat er konsequent die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm ausgelotet. Seit "Happiness is a warm Gun" führt er dies mit fiktionalen Stoffen und einer passionierten Schauspielführung weiter.

    Bildhinweis

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