Copyright: Stephanie Kulbach
Copyright: Stephanie Kulbach

Das Versprechen

Der Fernsehfilm der Woche

Der elfjährige Bendix (Mika Tritto) lebt mit seinem depressiven Vater (Andreas Döhler) zusammen. Zufällig lernt er die 16-jährige Jule (Ella Morgen) kennen, die von sich selbst sagt, sie sei ein Psycho. Durch die Begegnung mit ihr lernt Bendix die Krankheit seines Vaters besser zu verstehen. Als Bendix schließlich zu einer Pflegefamilie soll, empfindet er das als Verrat an seinem Vater und in ihm wächst ein ungeheuerlicher Plan.

  • ZDF, Montag, 26. April 2021, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Montag, 19. April, 2021, 10.00 Uhr

Texte

Wenn die Springflut kommt: Über psychische Krankheiten bei Eltern, Kindern und Wege zur Heilung / Von Redakteur Pit Rampelt

Die Themen Depression und Jugendpsychiatrie aus der Perspektive zweier Teenies in einem Fernsehfilm der Woche zu erzählen, ist ein ungewöhnliches Projekt – zumal auf diesem Sendeplatz. Mit der mehrfach ausgezeichneten Autorin Beate Langmaack, den Erfolgs-Produzenten Hubertus Meyer-Burckhardt und Christoph Bicker, dem renommierten Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort und dem relativ jungen, dennoch schon erfahrenen Regisseur Till Endemann kam ein vertrauenswürdiges Team mit diesem Ansinnen auf das ZDF zu.

Beate Langmaack hat ein berührendes Drama geschrieben, in dem das Schicksal zweier unterschiedlicher Familien miteinander verknüpft wird: auf der einen Seite der depressive Vater und der überforderte elfjährige Sohn, auf der anderen die 16-jährige Tochter mit einer Impulskontrollstörung und ihre damit überforderten Eltern. Hier "Ebbe" und Antriebslosigkeit, dort "Springflut" und Ausbrüche.

"Das Versprechen", das der Sohn dem Vater gegenüber empfindet, führt zu einer aberwitzigen Beinahe-Katastrophe und so zum Wendepunkt, zum gegenseitigen Versprechen der beiden Kinder und zur Chance auf Heilung. Darum geht es den engagierten Filmemachern: mit dieser Geschichte Verständnis für psychische Erkrankungen und für Therapiemöglichkeiten zu wecken. Das Stigma "Psycho" und das damit verbundene gesellschaftliche Tabu durch die konfliktreiche Innenansicht zweier Familien zu beleuchten, einem großen Publikum näher zu bringen. Empathisches Erzählen evoziert (eventuell) Einsicht, Erkenntnis. Unterhaltung kann auch sensibilisieren und aufklären. Es geht letztlich ganz einfach um ein humanes Miteinander.

Dass dies nicht zu einem didaktischen Unterfangen geriet sondern zu einer authentischen, emotionalen Schilderung, dafür sorgten neben der Autorin und dem einfühlsam inszenierenden Regisseur vor allem die beiden beeindruckenden jungen Darsteller Mika Tritto und Ella Morgen und das erwachsene, prominente Schauspieler-Ensemble. Siehe dazu auch ihre Interviews, die davon zeugen, wie genau und tief sich alle Beteiligten auf Bendix und Jule und ihre besondere Thematik eingelassen haben.

"Das Versprechen" war im vergangenen Sommer zum Münchner Filmfest eingeladen, das dann aufgrund der Coronapandemie leider nicht stattfand, und hatte seine Premiere immerhin vor Publikum bei den Biberacher Filmfestspielen im November 2020.

Pit Rampelt ist Redakteur der ZDF-Redaktion Fernsehfilm I

Stab, Besetzung, Inhalt

ZDF: Montag, 26. April 2021, 20.15 Uhr
ZDFmediathek: Montag, 19. April, 2021, ab 10.00 Uhr
Das Versprechen
Der Fernsehfilm der Woche

Regie_____Till Endemann
Buch_____Beate Langmaack
Kamera_____Lars R. Liebold
Szenenbild_____Carola Gauster
Kostüm_____Lore Tesch
Schnitt_____Florian Drechsler
Musik_____Mario Lauer
Ton_____Jürgen Göpfert
Ton-Mischung_____Christoph Metke
Music Supervision_____Kai Schoormann
Casting_____Tina Böckenhauer, Uwe Bünker
Produktionsleitung_____Sven Borski
Fachberatung_____Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Dr. med. Michael Krebs
Producerin_____Anne Büttner
Produzenten_____Hubertus Meyer-Burckhardt, Christoph Bicker
Produktion_____Polyphon GmbH
Redaktion_____Pit Rampelt
Länge_____circa 89 Minuten

Rollen und ihre Dasteller*innen
Bendix_____Mika Tritto
Jule_____Ella Morgen
Fabian_____Andreas Döhler
Sina_____Christina Große
Daniel_____Oliver Stokowski
Dr. Kahl_____Barbara Auer
Sophie_____Idil Üner
Mia_____Amira Demirkiran
Lisbeth_____Laura Schuhrk
Adele_____Fleurie Malburg
Sunny_____Mia Kovac
Herr Sänger_____Bernd Hölscher
Iris Leiber_____Petra Hartung
Lehrer_____Patrick Wolff
Kunde_____Thomas Bartholomäus
Kundin_____Inga Dietrich
Kundenberaterin_____Franziska Ritter
Pflegemutter_____Sylvia Schwarz
Lena_____Greta Bohacek
und andere

Inhalt
Der Berliner U-Bahnfahrer Fabian lebt als alleinerziehender Vater mit seinem elfjährigen Sohn Bendix zusammen und leidet an starken Depressionen. Bendix, der nicht wirklich versteht, was mit seinem Vater los ist, versucht ihr Leben zu organisieren. Beide überspielen die Probleme, die sich aus der Krankheit ergeben.
Beim Schulsportfest lernt Bendix die 16-jährige Jule kennen, die eine psychische Erkrankung hat und in ambulanter Behandlung ist. Sie wird die erste Person, der sich der überforderte Junge anvertraut. Auf der anderen Seite sind Jules Eltern Sina und Daniel mit der sprunghaften Emotionalität ihrer Tochter überfordert. Die Therapeutin Dr. Kahl betreut die Familie mit viel Einfühlungsvermögen. Jule übersetzt dem hartnäckigen Bendix die Krankheit seines Vaters, die sie von Mitpatienten aus der Tagesklinik kennt. Bendix fängt an, zu verstehen und erkennt, dass es Hilfe für seinen Vater geben könnte. Als Bendix schließlich zu einer Pflegefamilie soll, empfindet er das als Verrat an seinem Vater und in ihm wächst ein ungeheuerlicher Plan.  

Statement von Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt

Als ich in den 90ern mit Oliver Hirschbiegel "Das Urteil" und "Ein ganz gewöhnlicher Jude" produziert habe, wollte ich – das weiß ich heute – meinen faschistoiden Vater verarbeiten. Später habe ich mit Rainer Kaufmann und der fulminanten Drehbuchautorin Beate Langmaack "Blaubeerblau" gemacht. Ich hatte mit diesem Film den Wunsch verbunden an einen engen Freund, der in einem Hospiz verstarb, zu erinnern. Fast alle meine Filme, vielleicht 20 an der Zahl, haben eine Beziehung zu mir, zu meinem Leben.

Mit "Das Versprechen" möchte ich psychiatrisch kranke Menschen in den Mittelpunkt rücken. Ich bin in der Familie mit dieser Thematik konfrontiert und bin deshalb davon überzeugt, dass es wichtig ist, den Zuschauerinnen und Zuschauern die Befangenheit, ja gelegentlich auch die Angst zu nehmen mit denen sie sich Menschen nähern, die psychiatrisch auffällig sind.

Statement von Produzent Christoph Bicker

"Das Versprechen" ist ein Film über das Leben, das Leben wie es nicht geplant war. Der elfjährige Bendix hat früh seine Mutter verloren und lebt seitdem allein mit seinem Vater. Diesem gelingt es nicht, den Verlust zu überwinden und er versinkt in Despressionen. Bendix muss all das kompensieren, eigentlich viel zu viel für ein Kind in seinem Alter.

Jule wird wegen ihrer unkontrollierten Ausbrüche (sie würde sagen "die Flut kommt") von ihren Schulfreunden gemieden, zu unkalkulierbar ist der Umgang mit ihr. Während sich die Mädchen ihres Alters nachmittags zusammensetzen, geht Jule in eine Tagesklinik zur Therapie. Ihre Eltern versuchen irgendwie damit klarzukommen, dass ihr Kind "anders" ist.

Wir sind als Gesellschaft verpflichtet, Menschen ernst zu nehmen, deren Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Menschen, deren Leid von uns eher als "Spaßbremse" (so die Kollegen über Bendix Vater) oder "Ausrasten" (so die Schulfreundinnen von Jule) wahrgenommen wird. Er wäre so wünschenswert, wenn die Geschichte von Bendix und Jule zur Entstigmatisierung und zum Verständnis beitragen könnte.

Es gibt Hilfe, wenn man das Schweigen bricht.
Interview mit Drehbuchautorin Beate Langmaack

Wie kam es zu dem Drehbuch?

Rund drei bis vier Millionen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren leben in Deutschland mit einer Mutter oder einem Vater, die oder der psychisch erkrankt ist. Psychosen, Suchterkrankungen oder Depressionen machen es diesen Eltern phasenweise nicht möglich, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern. Stattdessen kümmern sich oft die Kinder um die Eltern. Dabei versuchen sie, die Situation zu Hause in der Schule zu verheimlichen. Sie sind in ständiger Alarmbereitschaft und entwickeln ein sicheres Gespür für die Frühwarnzeichen, die einem neuen Krankheitsschub vorausgehen. Dabei bleiben ihre eigenen Bedürfnisse unberücksichtigt. Viele dieser Kinder sind einsam und mit ihrer Aufgabe, die schon für einen Erwachsenen belastend genug wäre, überfordert.
Das Schicksal der kleinen "Kümmerer" hatte mich schon länger beschäftigt als Hubertus Meyer-Burckhardt, mit dem ich bereits den Film "Blaubeerblau" gemacht hatte, mit dem Thema Jugendpsychiatrie auf mich zukam. So entstand die Begegnung von Bendix, der einen depressiven Vater hat, und Jule, die eine psychiatrische Tagesklinik besucht. Und aus ihrer Begegnung wurde dann ihre gemeinsame Geschichte.

Was hat Sie an der Thematik besonders gereizt?

Die Kraft von Kindern und ihre Loyalität ihren Eltern gegenüber finde ich oft tief bewegend. Kinder tragen manchmal sehr Schweres mit sich herum, ohne dass irgendjemand es ahnt. Dabei sind die Hilfsmöglichkeiten häufig fast greifbar nah. Was ich über die Therapieansätze bei Jugendlichen wie Jule, aber auch über die Behandlungschancen bei einer Depressionserkrankung wie der von Bendix‘ Vater Fabian erfahren habe, ist faszinierend und gibt in jedem Fall Hoffnung.

Wie haben Sie recherchiert?

Der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Michael Schulte-Markwort war mir eine enorme Hilfe. Ich durfte ihn mehrfach auf seiner Station im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf besuchen. Er hat mir geduldig alle Fragen beantwortet und wertvolle Vorschläge gemacht, speziell was die Figur Jule und ihre Eltern angeht. Selbstverständlich hat er das Drehbuch redigiert. Ein weiterer Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie, Dr. Michael Krebs, hat das Drehbuch auch begutachtet. Sein Fokus lag mehr auf der Depressionserkrankung Fabians. Sebastian Schlösser, der lange in einer Selbsthilfegruppe für Kinder psychisch kranker Eltern gearbeitet hat, gab mir einen lebendigen Einblick in die schwierige Situation dieser Kinder.

Welche Figur war zuerst da und wie haben Sie dann die Geschichte entwickelt?

Zuerst war Bendix da. Aber erst als Jule dazu kam, die ihm hilft, sich aus der emotionalen Zwickmühle, in der er feststeckt, zu befreien, und die durch diese Aufgabe über ihre Krankheit hinauswächst, wurde eine Geschichte daraus. Dass diese beiden sehr jungen Menschen die absoluten Hauptfiguren sein durften, ist auch ungewöhnlich im Hauptabendprogramm – ein weiterer Punkt, der mich mit Dankbarkeit erfüllt.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit dem Film?

Seelische Erkrankungen, die immens verbreitet sind, und die durch sie entstehenden Probleme kommen im Fernsehprogramm zu wenig vor. Dass wir mit "Das Versprechen" die Chance bekommen haben, genau davon zu erzählen, dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Wenn es diesem Film gelingt aufzuzeigen, dass es sich lohnt, das Schweigen zu brechen, dass es Hilfe gibt, dass Wege aus der Krankheit herausführen, dann hätten wir erreicht, was wir erreichen wollten. Mein persönlichster Wunsch wäre dann in Erfüllung gegangen.

Interview: Malte Weber

"Der Film ist ein Plädoyer dafür, genau hinzusehen."
Anmerkungen von Regisseur Till Endemann

Wenn man sich der in dieser Geschichte behandelten ernsten Themen annimmt, dann ist es meines Erachtens verpflichtend, sich um größtmögliche Authentizität zu bemühen. Der Film soll keine Behauptung sein, sondern sich an der Realität orientieren. Daher war unter anderem die Zusammenarbeit mit den Experten Schulte-Markwort und Krebs ein wichtiger Baustein während der Planung und Vorbereitung der Dreharbeiten. Mir war die glaubhafte Darstellung der im Film behandelten Krankheitsbilder ein großes Anliegen.

Zudem war es grundsätzlich eine schöne Herausforderung eine Geschichte zu verfilmen, in der zwei junge Darsteller*innen die absoluten Hauptrollen tragen. Die Zusammenarbeit mit Mika Tritto und Ella Morgen war sehr professionell. Vor allem aber war es eine riesengroße Freude. Sie hatten aufgrund guter gemeinsamer Vorgespräche auch keinerlei Angst sich der Achterbahn der Emotionen zu stellen, die ihre Figuren in diesem Film durchleben.

Die schicksalhafte Begegnung der beiden Kinderseelen, die in dieser Geschichte aufeinandertreffen, steht für mich im Zentrum des Films. Und die heilende und befreiende Kraft, die sie im Miteinander entwickeln.

Der Film ist ein Plädoyer dafür, genau hinzusehen. In einer Gesellschaft, die dafür wenig Raum lässt. Ich hoffe, dass der Film daran erinnert, dass sich "aufeinander achtgeben" als grundsätzliche Haltung dem Leben und jedem Mitmenschen gegenüber lohnt.

Fragen an Mika Tritto (Bendix, der sich für seinen depressiven Vater Fabian verantwortlich fühlt) und Andreas Döhler (Fabian)

Bendix führt alles andere als ein normales Kinderleben und muss weitaus mehr Verantwortung tragen als andere Kinder in seinem Alter. Mika, wie hast Du dich auf die Rolle vorbereitet?

Mika Tritto: Ich habe mit meiner Schauspiel-Coach Heike Harold-Lynch trainiert, damit ich die Rolle gut spielen kann. Außerdem habe ich meiner Mutter Fragen über das Verhalten von Fabian gestellt, um es besser zu verstehen. Meine große Schwester Paula hat mir beim Text üben sehr geholfen.

Wie hast Du dich in Bendix Leben hineindenken können und wie schwer war es für dich, eine solche Rolle zu spielen?

Mika Tritto: Am Anfang konnte ich mich gar nicht in Bendix hineinversetzen. Ich habe mich dann, wenn ich allein war, so verhalten wie Bendix es machen würde, so dass es mir leichter fiel, beim Dreh zu schauspielern. Mein Schauspiel-Coach Heike hat mir sehr dabei geholfen, indem sie mir das Leben von Bendix nähergebracht und meine Fragen beantwortet hat. Es war oft schwierig, Bendix zu spielen, weil er mit seinem Vater so traurige Situationen erlebt, und dadurch wirklich eine bedrückende Stimmung entstanden ist. Die Hilflosigkeit von Bendix hat sich sehr eingeprägt.

Andreas Döhler, wie haben Sie sich auf die Rolle des depressiven Vaters vorbereitet?

Andreas Döhler: Ich habe recherchiert. Mich im Vorfeld mit dem Thema Depression beschäftigt. Reportagen geschaut, Artikel gelesen und versucht, Krankheitsbilder zu verstehen. Ein konkreter Zugang zur Figur war auch, wie sich depressive Schübe in der Körperlichkeit von Betroffenen zeigen können. Darüber hinaus gab es Gespräche mit dem Regisseur Till Endemann.

Warum sucht sich Fabian keine Hilfe von außen, obwohl er spürt, was er seinem geliebten Sohn zumutet?

Andreas Döhler: Er hofft jeden Tag, dass es ihm besser geht. Er denkt, dass er diese Phase in seinem Leben einfach durchstehen muss und sie von allein wieder verschwindet. Er ist sich nicht bewusst, oder gesteht sich nicht ein, dass er ernsthaft krank ist. Es ist in der Gesellschaft ein Phänomen, wie wir mit Krankheiten der Seele und des Kopfes umgehen. Bibiana Beglau sagte einmal in einem Interview, dass es sie wundert, wie Menschen, wenn sie sich erkälten, zwei Wochen krankgeschrieben werden, dass die Gesellschaft aber noch immer von jeder und jedem Einzelnen erwartet, wenn sie oder er einen seelischen Kollateralschaden erfährt, dass sie oder er den Mund hält und weiterfunktioniert. Anderes, als den Mund zu halten und weiter zu funktionieren, kennt Fabian es nicht.

Wie würden Sie das Vater-Sohn-Verhältnis beschreiben?

Andreas Döhler: Die beiden lieben sich über alles. Seit dem Tod von Fabians Frau und Bendix' Mutter sind sich die beiden gegenseitig der wichtigste Mensch im Leben. Fabian spürt eine unglaubliche Verantwortung gegenüber Bendix. Aber die Verstrickungen bei seelisch Kranken führen zu Co-Abhängigkeiten, die für beide fatal sind.

Mika, welche Bedeutung hat Jule für Bendix?

Mika Tritto: Ich würde sagen, dass er sie nach kurzer Zeit wie eine große Schwester, aber auch als wichtige Bezugsperson sieht. Trotz ihres extremen Verhaltens vertraut er ihr vollkommen.

Bist Du mit dem Thema "psychische Erkrankung" oder "Depression" schon vor Beginn der Dreharbeiten in Berührung gekommen? Wird in Deinem Umfeld darüber gesprochen?

Mika Tritto: Ja, ich habe selbst schon depressive Phasen gehabt nach einer schlimmen Erfahrung, darüber geredet habe ich aber nur mit meiner Mutter. In der Schule oder mit Freundinnen und Freunden wird über das Thema "psychische Krankheit" eigentlich nicht gesprochen.

Andreas Döhler, inwiefern haben Sie durch die Arbeit am Film eine neue Perspektive auf das Thema "psychische Erkrankung" bekommen?

Andreas Döhler: Ich bin mir während der Dreharbeiten bewusst geworden, in welchem Ausmaß psychische Erkrankungen das Umfeld der Betroffenen belasten können. Da entstehen verschobene oder gar verdrehte Beziehungssysteme: Die Kinder sind zum Beispiel plötzlich die Eltern und übernehmen Aufgaben und Rollen, die eigentlich die der Eltern sind.

Worin liegt das Besondere an diesem Film? Was erhoffen Sie sich von ihm?

Andreas Döhler: Ich hoffe, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von psychischen Erkrankungen weiter zunimmt. Und Betroffene gerade solcher Erkrankungen, die in der Gesellschaft noch häufig bagatellisiert oder verharmlost werden, den Mut und den Zuspruch finden, sich Hilfe zu suchen.

Die Fragen stellte Malte Weber / Bearbeitung: Dr. Birgit-Nicole Krebs

Fragen an Ella Morgen (Jule, die DMDD hat), Christina Große (Sina, Mutter von Jule) und Oliver Stokowski (Daniel, Vater von Jule)

Jule ist ein sehr spezielles Mädchen und leidet unter einer Disruptive Mood Dysregulation Disorder, kurz DMDD. War Ihnen dieses Krankheitsbild vor Beginn der Dreharbeiten bekannt? Sind psychische Erkrankungen in Ihrem Umfeld ein Thema, über das gesprochen wird?

Ella Morgen: Die genaue Krankheit, unter der Jule leidet, war mir so noch nicht bekannt. Da ich aber auf einer Grundschule war, die dafür ausgerichtet war, Kindern mit Lernschwierigkeiten eine umfassendere Betreuung zu bieten, bin ich mit dem Thema aufgewachsen. Dafür bin ich sehr dankbar, da wir dadurch schon früh ein gutes Verständnis für Menschen bekommen haben.

Christina Große: Bevor ich begonnen habe Schauspiel zu studieren, habe ich eine Ausbildung zur Psychiatriediakonin durchlaufen und auch in diesem Beruf gearbeitet. Dadurch wusste ich um diese Störung und hatte sie auch bei einigen wenigen meiner Patientinnen und Patienten erlebt.

Ella Morgen: Ich rede sehr viel mit meinen Großeltern, die beide Therapeuten sind, über psychische Krankheiten, weil ich mich schon immer sehr für die Psyche des Menschen interessiert habe. Eine Therapie zu machen sehe ich nicht als Schwäche, eher als ein Privileg. Leider treten viele dem Thema eher schweigend gegenüber – aus diesem Grund liegt mir der Film auch so am Herzen. Er verschweigt das Thema nicht, sondern zeigt es.

Ella, wie haben Sie sich der Figur Jule genähert?

Ella Morgen: Ich wollte so viel wie möglich über diese Krankheit herausfinden. Ich habe viel darüber gelesen und mich dann an Therapeutinnen und Therapeuten gewendet, damit sie mir mehr über das Krankheitsbild erzählen können. Danach habe ich meine Mutter in der Schule besucht, sie arbeitet dort mit Kindern, die teilweise an einer ähnlichen Impulskontrollstörung leiden wie Jule. Ich habe den Kindern im Unterricht zugeschaut, mir angeschaut, wie sie reagieren. Dann habe ich versucht, mich in sie hineinzuversetzen, sie zu verstehen.

Es gibt viele Grenzsituationen, in denen sich Jule bewegt. Wie haben Sie diese Emotionalität abgerufen?

Ella Morgen: Jule hat das Gefühl "anders" zu sein, nicht dazu zu gehören. Viele wenden sich von ihr ab, da sie mit ihren Ausbrüchen nicht zurechtkommen. Sie ist ein junges Mädchen auf der Suche nach sich selbst mit einem Verlangen, geliebt und akzeptiert zu werden, so wie sie ist. Bei den Dreharbeiten habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich mich mit 16 gefühlt habe. In den emotionalen Szenen habe ich oft mit Erinnerungen an meinen eigenen Schmerz gearbeitet. Ich glaube, die Erfahrungen in meiner Jugend haben es mir erleichtert, mich in die Rolle hineinzuversetzen. Es gibt eine Szene, in der Jule in der Therapiestudie sitzt und sagt: "Es wäre besser, wenn es mich nicht gäbe!". Das ist ein ganz tiefer Schmerz, den sie dort empfindet und auch ein Hilfeschrei. Vor einem solchen Take fiel es mir schwer, den Leuten um mich herum in die Augen zu schauen. Ich habe dann angefangen, mich mit den Sachen im Therapiezimmer zu beschäftigen, die Spielsachen in die Hand genommen oder den Fussel auf dem Boden genau studiert. Jule hat eine eigene Körperlichkeit: oft ist die sehr starr und hält alles innerlich fest und dann explodiert sie. Das sieht man vor allem in der Szene, in der sie sich immer wieder gegen den Kopf haut. Ich habe immer versucht, wirklich in diesem Moment zu sein und habe nichts gescheut.

Wie würden Sie das Zusammenleben der Eltern mit Jule beschreiben?

Oliver Stokowski: Das Zusammenleben wird im Zuge des Kontrollverlustes unterbrochen, gestört, indem in solchen Momenten eine Wegbewegung der Beteiligten stattfindet, sozusagen ein temporäres Auseinanderleben. Man kommt nicht mehr zusammen, und das Erlebte, Durchlebte kann und wird selten bis gar nicht in einer solchen Lebensgemeinschaft wie Familie gemeinsam bewältigt, aufgearbeitet, verarbeitet. Man braucht Dritte, sprich medizinische oder klinische Hilfe, sonst läuft man Gefahr, dass die Verdrängung eintritt. Es wird unter den Teppich gekehrt und kommt an anderer Stelle wieder heraus. Ein Zusammenleben wird immer schwieriger, da das Erlebte allen bewusst ist, aber nicht gelöst werden kann. Man bewegt sich ständig auf sehr dünnem Eis und tanzt sozusagen auf dem Vulkan. Alle Beteiligten leben in ständiger Angst vor der nächsten Eruption. Ein Zustand, der sich langfristig bei jeder und jedem anders auswirkt. Es entwickelt sich eine Abwärtsspirale, die ein Zusammenleben zusehends erschwert. Der Karren fährt mit jedem Mal tiefer in den Dreck.

Christina Große: "Jeder Tag ist anders, jeder Tag ist neu." Dies sagt uns die Psychologin in einer gemeinsamen Therapiesitzung. Für mich beschreibt sie damit sehr genau, was es bedeutet, mit Jule zusammen zu leben. Wir als Eltern sind in einer andauernden Anspannung, einem Ausnahmezustand, es gibt keine wirklichen Pausen zum Durchatmen. Wir bewegen uns wie auf zu dünnem Eis, sind erschöpft durch die ständige Unsicherheit und Angst, wann die nächste Situation wieder eskalieren wird, weil wir etwas Falsches sagen oder machen oder weil ihr etwas in der Schule oder der Therapie passiert. Geht es Jule gut oder sehr gut, sind wir mit ihr zusammen erleichtert und froh und voller Zuversicht. Die emotionale Achterbahn der Jule durch ihre Disruptive Mood Dysregulation Disorder ausgesetzt ist, trifft sie und uns gleichermaßen. Die Unfähigkeit, ihr nicht helfen zu können, zerreißt uns. Aber wir versuchen, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass es irgendwann für unsere Tochter besser werden kann, dass die Therapie Wirkung zeigt und ihr und uns hilft.

Haben Sie durch die Arbeit am Film eine neue Perspektive auf das Thema "psychische Erkrankungen" bekommen?

Ella Morgen: Ich habe gelernt, dass viel zu wenig über psychische Krankheiten geredet und im deutschen Fernsehen gezeigt wird, auch wie sehr die Familien der Betroffenen unter der Krankheit zu leiden haben, wie schwer es für sie ist und wie hilflos und machtlos sie sich manchmal fühlen.

Oliver Stokowski: Es ist sehr wichtig, diese Verhaltensweisen als Krankheit zu erkennen und anzuerkennen. Nicht nur einfach von einer Störung zu sprechen, da dieses oft allgemein missverstanden wird und leicht dazu verleitet, salopp als "pathologische Meise" verniedlicht zu werden. Zu wissen und zu erkennen, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt und nicht nur um einen temporären Zustand, ist der wichtigste Aspekt, um ein Ernstnehmen zu gewährleisten.
Wenn ich heute sage, die Person XY hat eine Depression – um einen Begriff zu nennen, den jeder kennt und der oft hergenommen wird, wenn man von Stimmungsschwankungen spricht – dann wird das oft abgetan und verharmlost: "Naja, es geht halt ab und zu mal nicht so gut, haben wir doch alle mal, das wird schon wieder". Wenn ich aber im Zuge dessen sagen würde, diese Person hat Krebs und macht gerade eine Chemotherapie mit Bestrahlung, dann würde aufgehorcht. Dann wäre von einer ernsten, schweren Krankheit die Rede. Psychische Störungen, egal in welcher Form sie zu Tage treten, sollten als ernsthafte Erkrankung – bis hin zum tödlichem Ausgang – ernst genommen, dementsprechend behandelt und anerkannt werden.

Christina Große: Psychische Erkrankungen sind für mich ein Teil unseres Lebens wie physische Erkrankungen. Nur, dass sie nicht einfach heilbar sind, wie ein Großteil der physischen Krankheiten. Sie sind behandelbar, mit einer angemessenen Therapie ist es möglich, damit besser leben zu können. Keiner muss mit seiner Krankheit oder Störung allein bleiben. Jeder kann sich helfen lassen. Das erzählt unser Film sehr eindrücklich. Neu war für mich dieses Thema nicht, aber innerhalb unserer Gesellschaft sind psychische Erkrankungen noch zu sehr Tabuthemen, werden verharmlost, stigmatisiert oder verschwiegen. Auch wenn sich da schon einiges in den vergangenen Jahren getan hat, ist es nach wie vor wichtig, auf verschiedensten Ebenen und mit unterschiedlichsten Mitteln zu sensibilisieren und aufzuklären. Gerade für Menschen mit Depressionen ist es überlebenswichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, denn Depressionen können tödlich enden. Diese Gefahr wird oft noch zu wenig benannt.

Worin liegt das Besondere bei diesem Film? Was erhoffen Sie sich von ihm?

Christina Große: Besonders finde ich an unserem Film, dass viele der Situationen keine Lösungen bereithalten. Es geht ums Aushalten und zwar nicht im Sinne von Ertragen, sondern sich das, was ist, genau anzuschauen und zuzulassen. Aushalten im Sinne von Halten der Situation und sie anzunehmen, wie schwierig sie auch sein mag. Vor allem aber hat mich schon beim ersten Lesen sehr berührt, wie ungewöhnlich kraftvoll Bendix und Jule erzählt werden, sie sind so viel stärker als wir Erwachsenen. Zwei sehr junge Außenseiter dürfen sich in ihrer Unterschiedlichkeit finden, sich gegenseitig von ihrer Einsamkeit befreien, miteinander wachsen und einander helfen. Bei zwei so mutigen Hauptfiguren hoffe ich sehr, dass dieser Mut ansteckt. Hilfe zu suchen ist nicht Schwäche, sondern Stärke.

Ella Morgen: Dieser Film liegt mir sehr am Herzen, ich finde es ist eine ganz besondere Geschichte. Nicht nur, weil sie psychische Krankheiten thematisiert, sondern auch von einer sehr eigenen Freundschaft handelt. Ich finde an dieser Geschichte so schön, dass Jule und Bendix sich gegenseitig, allein durch ihr Dasein etwas so Großes geben. Bendix bewundert Jule, er interessiert sich für sie. Er gibt Jule das Gefühl, gut zu sein, so wie sie ist. Und ich wünsche mir, dass wir den Menschen um uns herum mehr das Gefühl von Geborgenheit und Akzeptanz geben. Und vor allem den Raum, sie zu sein. Ich erhoffe mir von diesem Film, dass ihn eine Menge Leute sehen und er die Aufmerksamkeit bekommt, die er meiner Meinung nach verdient. Er geht unter die Haut, er soll die Menschen zum Nachdenken anregen. Das würde ich mir wünschen.

Die Fragen stellte Malte Weber / Bearbeitung: Dr. Birgit-Nicole Krebs

Interview mit Fachberater Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Wie realitätsnah ist der Film in Ihren Augen?

Ich freue mich unter anderem deshalb so sehr über den Film, weil er so realitätsnah gelungen ist. Er übertreibt nicht, er bagatellisiert nicht – und das alles bei einer Emotionalität, die die Zuschauerinnen und Zuschauer (hoffentlich) mitnimmt in die Seelenwelt zweier verletzter Kinder.

Können Sie das Krankheitsbild der DMDD einmal beschreiben?

Kennzeichen einer Disruptive Mood Dysregulation Disorder ist eine Impulskontrollstörung. Die betroffenen Kinder oder Jugendlichen sind für das Nein dieser Welt nicht geschaffen – so lautet mein Satz für sie. Jede tatsächliche oder gefühlte Frustration führt zu erheblichen affektiven Ausbrüchen, die sich verbal und oder körperlich äußern und wie sehr schlimme Wutanfälle aussehen. Kennzeichnend ist, dass diese Kinder das nicht wollen, nicht steuern können und hinterher in der Regel alles anders haben wollen. Sie sind einfach überempfindlich und nicht fähig, ihre Gefühle zu steuern. Sie sind nicht schlecht erzogen, sie sind nicht disziplinlos oder verweigern sich – sie sind ihren Gefühlsstürmen schlicht ausgeliefert.

Wie kann man das Verhalten von Bendix erklären?

Bendix ist ein sehr sensibler Junge, der über die psychische Erkrankung seines Vaters ein besonderes Gefühl entwickelt hat für psychische Erkrankungen, was es ihm ermöglicht, sich vorurteils- und angstfrei Jule zu nähern. Er spürt dann auch sehr schnell, dass sie mit ihrer Expertise ihm in Bezug auf seinen Vater weiterhelfen kann. Das ist ja dann auch die Grundlage für das gegenseitige Verspechen.

Frage zur Statistik: Wie viele Kinder leiden an einer affektiven Dysregulation? Und wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer? Wie viele Kinder leben mit depressiven oder anders psychisch kranken, vielleicht auch suchtkranken Eltern zusammen?

Das ist nicht ganz genau untersucht. Ich schätze, dass etwa drei bis fünf Prozent aller Kinder darunter leiden. Diese sind derzeit sicherlich längst nicht alle adäquat diagnostiziert und behandelt, weshalb es eine entsprechend hohe Dunkelziffer gibt. Das Thema Kinder psychisch kranker Eltern ist noch viel weiterverbreitet und man muss davon ausgehen, dass etwa 30 Prozent aller Kinder mit einem entsprechend betroffenen Elternteil zusammenleben. Wenn diese Eltern gut behandelt und die Kinder mit einbezogen sind, muss das aber nicht in jedem Fall belastend sein.

Was raten Sie Eltern, die die Vermutung haben, dass ihr Kind eine psychische Erkrankung haben könnte?

Ich appelliere immer an die Expertise von Eltern für ihre Kinder. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihr Kind ist nachhaltig anders als andere oder hat sich in der letzten Zeit verändert, dann scheuen Sie sich bitte nicht, eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einen psychologischen Psychotherapeuten oder Psychotherapeutin aufzusuchen.

Was läuft Ihrer Meinung nach im gesellschaftlichen Umgang mit psychisch kranken Menschen richtig und was immer noch falsch?

Es hat sich schon viel getan und die Tatsache, dass so ein Film so unkompliziert möglich ist, spricht für einen offeneren Umgang. Es gibt aber immer noch viel zu tun, damit alle Menschen verstehen, dass psychische Erkrankungen weiter verbreitet sind, als immer noch viele denken und: dass es jeden von uns treffen kann. Psychische Erkrankungen sind keine Schande. Und sie sind heute gut behandelbar.

Was versprechen Sie sich von diesem Film?

Ich würde mich riesig freuen, wenn nach diesem Film den Menschen in Deutschland das Kürzel DMDD selbstverständlicher von den Lippen kommt und sie darauf achten, wenn psychisch kranke Eltern – aus welchen Gründen auch immer – nicht genügend auf ihre Kinder achten.

Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort war Fachberater für die Rolle "Jule" und den jugendpsychiatrischen Kontext.

Interview: Malte Weber

Interview mit Fachberater Dr. med. Michael Krebs, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Frage zur Statistik: Wie viele Menschen leiden an Depressionen? Wie hoch liegt die geschätzte Dunkelziffer?

Es ist davon auszugehen, dass zwischen fünf und zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung aktuell in der Bundesrepublik unter Depressionen leidet; über die Lebenszeit gesehen erkrankt circa jede vierte Frau und jeder achte Mann mindestens ein Mal an einer Depression. Jedoch erfahren nur ungefähr zehn bis 20 Prozent eine Behandlung und davon wiederum auch nur ein Teil eine fachärztliche Behandlung. Insofern ist von einer Zahl manifest Erkrankter von circa vier bis acht Millionen in Deutschland auszugehen. Ich selbst als einer von circa 100 niedergelassenen Psychiatern in Berlin versorge circa 400 Patienten mit Depressionen jedes Quartal.

Fabian ist trotz seiner Depression als U-Bahnfahrer tätig. Was können Sie zum Thema "Berufe und Depression" sagen?

Prinzipiell ist zu sagen, dass psychische Erkrankungen im Allgemeinen und Depressionen im Besonderen nicht auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt sind oder stark gehäuft auftreten. Bedeutsamer sind meistens die konkreten Arbeitsbedingungen zum Beispiel bei großer Stressbelastung, fehlender Wertschätzung durch Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte sowie Kundinnen und Kunden, Mobbing, Überforderungserleben sowie Schicht- und Nachtdienst. Konkret sind einige dieser Punkte bei Fabian erfüllt. Wichtig ist aber zu erwähnen, dass für die Auslösung und Aufrechterhaltung von Depressionen das Fehlen von Arbeit und Beschäftigung viel bedeutsamer sind. Konkret ist auf jeden Fall, dass bei einem U-Bahnfahrer mit Schicht- und Nachtdienst, sozialer Isolation während der Arbeit, sicherlich krankheitsfördernde Faktoren zusätzlich vorhanden sind.

Gibt es Berufe, die gar nicht ausgeübt werden dürfen? Gibt es eine Meldepflicht?

Einschränkungen für die Tätigkeit mit akuter Depression gibt es für eine Vielzahl von Berufen, insbesondere bei der Personenbeförderung, da infolge der Depression und oder der erforderlichen Medikation oftmals die Reaktionsfähigkeit und Konzentration eingeschränkt ist. Gleiches gilt für eine Vielzahl anderer Berufe wie bei zum Beispiel Polizei und Feuerwehr.
Eine Meldepflicht gibt es aus Gründen der Schweigepflicht nicht beziehungsweise nur in extremen Ausnahmesituationen. Typischerweise kann in enger Zusammenarbeit zwischen Betriebsärztin oder Betriebsarzt  und behandelnder Ärztin oder behandelndem Arzt eine Lösung, zum Beispiel eine vorübergehende Umsetzung in den Innendienst, vereinbart werden. Oder es wird eine Umschulung eingeleitet.

Welche Hilfsangebote gibt es?

In Deutschland besteht – vor allem in städtischen Bereichen – ein enges Versorgungsnetz, unter anderem aus niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie  Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Tageskliniken und vollstationären Behandlungsplätzen sowie weiteren psychosozialen Hilfen wie Beratungsstellen und Krisendiensten.

Ziel ist eine sogenannte gemeindenahe Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen in ihrem privaten Lebensumfeld, um eine bestmögliche Integration zu erhalten beziehungsweise zu erreichen. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass mehr als 95 Prozent meiner Patientinnen und Patienten ambulant behandelt werden und noch nie eine psychiatrische Klinik von innen gesehen haben, was auch gut so ist. Wesentliche Behandlungsoptionen sind nicht-abhängigmachende Antidepressiva und Psychotherapie.
In den vergangenen Jahren haben sich außerdem eine Vielzahl von ambulanten Hilfsmöglichkeiten, zum Beispiel ambulante psychiatrische Pflege und Soziotherapie entwickelt, die oftmals eine Krankenhausbehandlung verhindern beziehungsweise zumindest verkürzen können. Hierbei werden beispielsweise  schwer depressiv Erkrankte mehrfach in der Woche zu Hause in ihrem persönlichen Umfeld von einer Fachpflegekraft besucht, die auch die weiteren psychosozialen Hilfen koordiniert und die Behandlung sicherstellt.

Sind psychische Erkrankungen aus Ihrer Sicht heute noch ein Tabuthema? Wenn ja, weshalb?

Psychische Erkrankungen sind definitiv auch heute noch ein Tabuthema. Auch wenn sich in den vergangenen Jahren viel verbessert hat, wird weiterhin in der Gesellschaft oft nur von "Burn out" gesprochen als den oftmals richtigeren Terminus einer "Depression" zu verwenden. Anders als bei körperlichen Erkrankungen hängt das auch damit zusammen, dass sich keine Prominenten oder hochrangige Politiker als depressiv erkrankt geoutet haben, da man mit negativen Folgen infolge der Stigmatisierung zu rechnen hat. Dies hat auch zur Folge, dass Forschungsgelder eher in andere medizinische Bereiche fließen, während psychische Erkrankungen weiter stiefmütterlich betrachtet werden.

Was läuft Ihrer Meinung nach im gesellschaftlichen Umgang mit psychisch kranken Menschen richtig und was immer noch falsch?

Ich denke, es hat sich in den letzten Jahren viel Positives getan und psychische Erkrankungen haben jetzt einen immer wichtigeren Stellenwert in der Berichterstattung. Aus meiner Sicht bleibt es wichtig, bei der Aufklärung deutlich darauf hinzuweisen, dass es sich bei Depressionen um echte Krankheiten und nicht um Faulheit oder Minderleistung oder Überlastung handelt. Es sind, wie bei anderen körperlichen Erkrankungen auch, durch Psychiaterinnen und Psychater sowie und Psychologinnen und Psychologen oftmals nicht nur Besserungen, sondern auch Genesungen – man spricht dann von Remissionen – möglich. Dafür ist aber eine Anerkennung als Krankheit (wie bei Fabian) wichtig, um eine Behandlung einleiten zu können.
Ein weiterer Punkt ist, dass sicherlich stationäre Behandlungen eine wesentliche Rolle für schwer kranke, suizidale Patientinnen und Patienten spielen, aber das Gros dieser ist ambulant gut behandelbar und anschließend wieder gesund und voll leistungsfähig. Ein weiterer im Film sehr gut dargestellter Aspekt ist, dass bei psychischen Erkrankungen (und das trifft auf Fabian wie auf Jule zu) auch das Umfeld mitbetroffen ist und bei den therapeutischen Entscheidungen miteinzubeziehen ist. Ich freue mich sehr auf den Film und denke, er kann sehr gut zur Aufklärung über Depressionen und deren Folgen beitragen.

Dr. med. Michael Krebs war Fachberater für die Rolle "Fabian"

Interview: Malte Weber

Radio-O-Töne von Drehbuchautorin Beate Langmaack

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1. Frau Langmaack, Hand auf’s Herz - haben Sie schon einmal ein Versprechen gebrochen?

(lacht) Das ist ja gleich eine schwere Frage. Mir fällt jetzt gerade kein konkretes Beispiel ein, aber ich muss, glaube ich, wenn ich ehrlich bin, sagen: Ja. Ich halte es nicht für unmöglich, dass ich schon mal ein Versprechen gebrochen habe. (0:15)

2. Was bedeutet Ihnen ein gegebenes Versprechen?

Naja, das kommt darauf an, was man verspricht (lacht). Wenn man verspricht, zusammenzuhalten, dann hat es die allerhöchste Priorität. (0:10)

3. Sie haben das Drehbuch zum Film „Das Versprechen“ geschrieben. Was hat Sie dazu veranlasst, gerade eine Geschichte über Depressionen schreiben?

Also in erster Linie wollte ich etwas über Kinder, die mit depressiven Eltern zusammenleben, schreiben. Weil ich finde, dass gerade das Fernsehen da nicht genügend hinguckt. Und, dass das möglich war, fand ich ganz toll. Da bin ich sehr froh drüber. Und ja, Depressionen sind halt sehr, sehr verbreitet. Da finden sich viele Leute wieder. Aber letztendlich ist es für die Geschichte nicht wichtig, welche spezielle Krankheit er hat, sondern, dass er einfach Hilfe braucht und das Kind in dieser sehr fragilen Beziehung mit ihm überfordert ist. (0:39)

4. Wie gehen Bendix und sein Vater mit der sehr schwierigen Situation um?

Ja, die Beiden sitzen auf einer Eisscholle. Beide sind der Meinung, dass sie das nicht nach außen tragen dürfen, weil sie dann auseinandergerissen werden. Und für Beide ist es das Wichtigste, zusammenzubleiben. Dass es aber möglich ist, diese Krankheit auch zu überwinden und geheilt zu werden, das ist langfristig natürlich eine viel bessere Perspektive. Und davon handelt der Film. (0:28)

5. Beim Schulsportfest lernt Bendix die fünf Jahre ältere Jule kennen, die wegen einer psychischen Erkrankung in ambulanter Behandlung ist. Welche Rolle spielt sie?

Es ist eigentlich seine Rettung, dass er sie getroffen hat. Weil er zum ersten Mal mit anderen Menschen in Kontakt gerät, die psychisch erkrankt sind. Er sieht, dass es dafür Hilfe gibt, dass es therapierbar ist. Und ja, er hat zum ersten Mal jemanden, dem er vertraut, wo er sagen kann, was mit seinem Vater los ist. Sie kennt sich aus, sie kann die Symptome erkennen und ihm übersetzen. Sie sagt ihm, dass sich etwas ändern muss. Das ist letztendlich die Rettung. Aber auch für Jule ist das Kennenlernen in diesem Zusammenhang ein großes Glück. Sie macht die Erfahrung, dass sie für jemanden wichtig ist und, dass sie beiden – Fabian und Bendix – helfen kann. Das ist für sie ein Erlebnis, das sie wachsen lässt. Und sie wächst dann langsam auch über ihre Krankheit hinaus. (0:50)

6. Der Film ist wahnsinnig intensiv. Die Szenen mit dem depressiven Vater haben mich als Zuschauer richtig aufgewühlt. War es für Regisseur Till Endemann eigentlich schwer, Ihre Gedanken und Ihr Drehbuch umzusetzen?

(lacht) Das kann ich nicht für ihn beantworten. Aber ich hatte, als wir uns kennenlernten und er so ein paar Sätze sagte, wie er das Buch empfunden habe, gleich ein sehr gutes Gefühl bei ihm. Die beiden Kinder und was sie gemeinsam auf ihren Schultern tragen, hatten ihn gleich sehr interessiert und bewegt. Und von daher war ich voller Vertrauen. Ich glaube, dass er sofort einen Zugang hatte. (0:30)

7. Ihre Geschichten handeln oft von Menschen, die in Notlagen geraten. Ich erinnere mich beispielsweise an den Film „Hanne“, wo sich die Hauptfigur urplötzlich mit Leukämie auseinandersetzen muss. Was macht für Sie den Reiz solcher Stoffe aus?

Es ist lustig, dass Sie von Notlagen sprechen, weil unser Programm ja von Krimis beherrscht ist und da geht es um Tote oder um Menschen, die getötet werden. Die Geschichten mit Notlagen des Alltags kommen, finde ich, viel zu wenig vor. Also der Nachbar, den ich kenne, wo ich denke: Hmm, was ist da? Das ist kein Mörder, der ist auch nicht in Lebensgefahr, aber was ist da? Diese Notlagen, die eigentlich jedem Zuschauer passieren könnten oder mit denen er schon Erfahrungen hat, die interessieren mich viel mehr als die Ausnahmesituationen in einem Krimi. (0:37)

8. Wie gehen Sie an ein Drehbuch wie „Das Versprechen“ heran? Wie recherchieren Sie? Sprechen Sie mit Experten, mit Betroffenen oder reicht einfach Ihre Vorstellungskraft aus?

Oh nein! Also hier gerade bei so einem Thema muss ich oder darf ich sehr gründlich recherchieren. Das tue ich auch gerne, weil es natürlich alles Lebensbereiche sind, mit denen ich normalerweise nicht so viel zu tun habe. Ich habe gerade bei diesem Stoff sehr, sehr viel gelernt und war auch sehr beeindruckt von der Arbeit von Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten. Professor Schulte-Markwort hat mich ja beraten. Da war ich auch ein paar Mal bei ihm auf der Station, in seiner Tagesklinik. Ich finde, es muss nicht immer in jedem Film alles stimmen, aber bei einem solchen Film muss einfach stimmen, was man zu sehen bekommt. Das ist mir sehr wichtig. (0:42)

Das Interview führte Steffen Frey

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