Der Rassist in uns

Neues Social Factual-Format in ZDFneo

Das Social Factual-Format "Der Rassist in uns" macht deutlich, wie Rassismus funktioniert und wie es sich anfühlt, diskriminiert, herabgewürdigt und verunsichert zu werden und wie schnell man sich von der Idee vereinnahmen lässt, man gehöre einer klügeren, besseren Gruppe an.

  • ZDF neo, Donnerstag, 10. Juli 2014, 22.15 Uhr

Texte

Was können wir gegen Diskriminierung tun?

Fast jeder vierte Einwohner in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Umfragen und Studien belegen, dass sie je nach ethnischer Herkunft mehr oder weniger regelmäßig benachteiligt oder ausgegrenzt werden. Bei der Wohnungssuche, beim Einlass in Diskotheken oder Gaststätten, auf dem Arbeitsmarkt. Die Studie „Diskriminierung am Arbeitsplatz“ verdeutlicht dies. Hierfür  wurden bundesweit rund 3.600 fiktive Bewerbungen von gleich gut qualifizierten männlichen Bewerbern mit türkischen und deutschen Namen für die Ausbildungsberufe Kfz-Mechatroniker und Bürokaufmann verschickt. Die Auswertung ergab: Um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, muss ein Kandidat mit einem deutschen Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, ein Bewerber mit türkischem Namen sieben. Im Ausbildungsberuf Kfz-Mechatroniker ist die Benachteiligung noch stärker ausgeprägt. 

Erleben Menschen im Alltag, dass ihnen aufgrund ihrer Herkunft nicht die gleichen Möglichkeiten offen stehen wie anderen, kann eine Identifikation mit Deutschland kaum erwartet werden. Studien belegen, je häufiger Menschen diskriminiert werden, desto stärker sinkt ihre Bereitschaft, sich zu integrieren. Dies zeigt, eine gelungene Integration ist nicht nur abhängig von der Integrationsfähigkeit und -willigkeit der Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch von den Exklusions- und Inklusionsmechanismen Deutschlands.

Doch rassistische Bezüge in der Alltagssprache und im Alltagsbewusstsein sind bei der Mehrheit der Deutschen nach wie vor tief verankert und erschweren die Integration. Dabei sind sich viele nicht bewusst, dass ihre Überzeugung und ihre Äußerungen im Kern rassistisch sind. Dies geht aus dem aktuellen Prüfbericht des Europarats hervor, in dem die europäische Expertenkommission ein entschlosseneres Vorgehen der Bundesrepublik gegen Rassismus und Intoleranz fordert. Hier ist es auch Aufgabe der Medien aufzuklären.

In dem Programm „Der Rassist in uns“ werden Menschen aufgrund eines willkürlich festgelegten Merkmals einer systematischen Diskriminierung ausgesetzt. Sie erleben, mit welchen Gefühlen Menschen ihr Leben lang zu kämpfen haben, die wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Neigung benachteiligt werden. So machen die Teilnehmer im Verlauf des Workshops eigene Erfahrungen mit Ausgrenzung und werden nach und nach ihren Blick schärfen für Situationen, in denen sie selbst ausgrenzen oder durch vermiedene Solidarität zur Diskriminierung Anderer beitragen. Auf der anderen Seite erleben Menschen, wie es sich anfühlt, andere zu diskriminieren. 

Die Sozialpsychologin Prof. Dr. Juliane Degner und der Sozialpädagoge Prof. Dr. Mark Schrödter beobachten, zusammen mit Moderator Amiaz Habtu, den von dem Diversity Trainer Jürgen Schlicher geleiteten Workshop. Die Experten erläutern die Mechanismen der Diskriminierung und zeigen auf, warum die Teilnehmer diskriminieren, welche Folgen dies für die Betroffenen hat und wie wichtig Solidarität mit den Betroffenen ist, um eine Integration überhaupt zu ermöglichen. So schärft das Programm „Der Rassist in uns“ den Blick für Diskriminierung in Deutschland und zeigt, dass Integration immer eine Gemeinschaftsleistung beider Seiten ist.

Petra Erschfeld, ZDFneo

Stab und Protagonisten

Social Factual, Deutschland, 2014 

 

Moderator
      Amiaz Habtu
MitwirkendeJürgen Schlicher (Diversity-Trainer)
Prof. Dr. Juliane Degner (Universität-Hamburg)
Prof. Dr. Mark Schrödter (Universität Kassel)
RedaktionPatrick M. Sheedy, Inga Kling
Kamera Oliver Kratz, Uwe Kielhorn, Patrick Hamelmann, Karsten Hansen, Felix Ruge
SchnittOlaf Hahlbohm
SprecherMark Bremer
ProducerPatrick M. Sheedy, Jill Grigoleit (Doclights GmbH)
ProduzentinMichaela Hummel (Doclights GmbH)
ProduktionDoclights GmbH 
ProduktionKatrin Lachmann (ZDFneo)
Andreas Vennewald  (Doclights GmbH)
RedaktionsleitungAndrea Eisel (ZDFneo)
RedaktionPetra Erschfeld (ZDFneo)
Länge75 Minuten

Inhalt

Das Museum für Arbeit in Hamburg ist Schauplatz eines ungewöhnlichen Workshops. 39 Menschen haben sich bereit erklärt, daran teilzunehmen ohne genau zu wissen, was sie erwartet. In einem vierstündigen Anti-Rassismus-Training werden sie am eigenen Leib erfahren, was es heißt, diskriminiert zu werden.

Zu Beginn werden die Teilnehmer anhand ihrer Augenfarbe aufgeteilt: in die Gruppe der Braunäugigen und die der Blauäugigen. Die Blauäugigen werden ab sofort abwertend behandelt und mit negativen Eigenschaften belegt. Währenddessen werden die Braunäugigen vom Workshop-Leiter Jürgen Schlicher um Kooperation gebeten. Sie sollen den Blauäugigen mit Verachtung begegnen, sollen höchstens über sie, nie jedoch mit ihnen lachen.

Von nun an werden die Blauäugigen von allen Seiten gedemütigt. Sie werden einfachen schriftlichen Tests unterworfen, die sie aufgrund der erzeugten Stress-Situation und willkürlicher Regeln kaum bewältigen können. Widerspruch und Aufbegehren werden vom Workshop-Leiter durch unbarmherzig autoritäres Auftreten sofort unterbunden. Ziel ist es, den Teilnehmern zu vermitteln, mit welchen Gefühlen Menschen ihr Leben lang zu kämpfen haben, die wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Neigung oder ihres Geschlechts benachteiligt werden.

Der Gruppe der Braunäugigen wird dagegen bewusst gemacht, wie stark das Gefühl der Überlegenheit und der Macht verunsichern kann. Und sie erfahren: Schon vermiedene Solidarität trägt zur Diskriminierung anderer bei.

Während des gesamten Workshops verfolgen die Sozialpsychologin Prof. Dr.  Juliane Degner und der Sozialpädagoge Prof. Dr. Mark Schrödter zusammen mit Moderator Amiaz Habtu das Geschehen an Monitoren in einem Nebenraum. Sie kommentieren das Verhalten der Teilnehmer, zeigen die Mechanismen der Diskriminierung auf und machen deutlich, in welchen Situationen diese Tag für Tag in Deutschland spürbar ist.

Am Ende des vierstündigen Selbstversuchs steht eine Diskussionsrunde. Gemeinsam mit dem Workshop-Leiter Jürgen Schlicher, der Sozialpsychologin Prof. Dr. Juliane Degener, dem Sozialpädagogen Prof. Dr. Mark Schrödter und Moderator Amiaz Habtu sprechen die Teilnehmer über ihre Erfahrungen in diesem Workshop und in ihrem Alltag. Und die Experten zeigen den Teilnehmern Möglichkeiten auf, wie sie im Alltag gegen Diskriminierung vorgehen können.

Hintergrund – Der "Blue Eyes/Brown Eyes"-Workshop von Jane Elliott

Das Konzept der "Blue Eyes/Brown Eyes" Workshops wurde 1968 von der amerikanischen Grundschullehrerin Jane Elliott entwickelt. Als Lehrerin im Mittleren Westen der USA stand sie nach der Ermordung Martin Luther Kings vor dem Problem, wie sie dieses Ereignis ihren Schülern erklären sollte. Ihre Schüler hatten niemals Kontakt zu Menschen anderer Hautfarbe und waren nie mit dem Elend konfrontiert, das durch Rassismus bedingt wird.

Die Folgen dieser Übung waren gravierend: "Wenn ich damals gewusst hätte, welche Wirkung die Übung auf meine Schüler und die ganze Gemeinde haben würde, hätte ich sie wahrscheinlich nicht durchgeführt," sagt Elliott heute. Ihre vier Kinder wurden plötzlich von ihren Lehrern, Klassenkameraden und deren Eltern ausgegrenzt. Ihre ganze Familie litt unter Anfeindungen. Die Leute hörten plötzlich auf, bei ihrem Vater einzukaufen. Sein Laden ging bankrott. Ihre Mutter konnte ihr nie verzeihen.

Mehr als 15 Jahre lang führte sie die Übung mit ihren Klassen durch. Und jedes Mal war sie aufs Neue erstaunt über die so schrecklich gut funktionierenden Mechanismen. "Ich habe die Übung mal mit einer Gruppe lernbehinderter Kinder durchgeführt, die sonst nicht ohne zu stammeln lesen oder buchstabieren konnten. Die Braunäugigen (also die besser gestellte Gruppe) konnten plötzlich Wörter buchstabieren, die sie nie vorher buchstabieren konnten. Andererseits hatte ich ein cleveres Mädchen, das sehr gut multiplizieren konnte. Als die Blauäugigen in die Position der Unterlegenen kamen, fing sie an zu stottern und konnte nicht mehr rechnen. Und die Übung dauerte gerade mal zwei Stunden!"

Anfang der 1990er Jahre bildete Jane Elliot in Europa Trainer aus. 1994 machte der Politologe und Soziologe Jürgen Schlicher eine Ausbildung bei ihr und hat seither rund 450 "Blue Eyes/Brown Eyes"-Workshops für Schulklassen, Einrichtungen, Vereine und Non-Profit-Organisationen im deutschsprachigen Raum gegeben.

Der Moderator

Ermias "Amiaz" Habtu wurde 1977 in Eritrea geboren. Neben diverser Sport- und Medienveranstaltungen präsentiert Amiaz seit 2007 unter anderem seine eigene Musiksendung bei imusic1 und moderierte für den Sender NBC. 2013 war er in ZDFneo im Wissensmagazin "Abgefahren - Wissen auf vier Rädern" zu sehen und in der VOX-Sendung "Wer weiß es, wer weiß es nicht". Vor seiner Karriere als Moderator studierte er Betriebswirtschaft an der Kölner Universität und machte den Abschluss als Diplom-Kaufmann. 

Der Workshop-Leiter 

Jürgen Schlicher: Seit 15 Jahren arbeitet der Diplom Politikwissenschaftler und Soziologe im Trainingsbereich zu Diversity Management, Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung. Er ist Mitbegründer des “Dokumentations- und Informationszentrums für Rassismusforschung“ und brachte das Projekt „Schule ohne Rassismus“ nach Deutschland. 1994 machte er die Ausbildung bei Jane Elliot und hat seither rund 450 "Blue Eyed" -Workshops für Schulklassen, Einrichtungen, Vereine und Non-Profit-Organisationen im deutschsprachigen Raum gegeben. Zusammen mit Melissa Lamson hat Jürgen Schlicher das Diversity-Zertifizierungsprogramm entwickelt, in dessen erstem Durchlauf 2007/08 neun Trainerinnen und Trainer ausgebildet wurden.

Die Experten

Prof. Dr. Mark Schrödter ist Professor für Sozialpädagogik des Kindes- und Jugendalters an der Universität Kassel. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaft und Sozialanthropologie in Bielefeld und London promovierte er über interkulturelle Jugendhilfe. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen der Sozialpädagogik und der interkulturellen, rassismuskritischen sozialen Arbeit. Er beschäftigte sich in Publikationen auch mit Jane Elliotts Anti-Rassismus-Training "Blue-Eyed".

"Ziel von pädagogischen Programmen wie "Blue-Eyed" ist es, die Teilnehmer zu einer gesellschaftlichen Praxis zu führen, die Diskriminierung und Rassismus verhindert. Es ist natürlich schon ein Unterschied, ob man sich einer im Workshop simulierten Diskriminierung aussetzt oder man aufgrund seiner Hautfarbe oder Herkunft ein Leben lang Diskriminierung ausgesetzt wird." 

Prof. Dr. Juliane Degner ist Professorin und Leiterin des Arbeitsbereiches Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. Bis 2012 war sie als Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Amsterdam tätig. Die studierte Psychologin und ausgebildete Verhaltenstrainerin beschäftigt sich vor allem mit den kognitiven Verarbeitungsprozessen, die Vorurteilen und Stereotypen zugrunde liegen. Von 2002 bis 2010 war sie Mitglied der DFG Forschergruppe "Diskriminierung und Toleranz in Intergruppen Beziehungen" der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

"Mich hat schon immer interessiert unter welchen Bedingungen Vorurteile und Stereotype automatisch aktiviert werden und welche Prozesse unser Verhalten sogar unbewusst beeinflussen und zu unbeabsichtigter Diskriminierung führen können."

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