Deutschland 25: Die Spurensuche

ZDFzeit: Auf den Spuren der Einheit mit Christopher Clark

25 Jahre deutsche Einheit: Sind die Deutschen wirklich zu einem Volk zusammengewachsen? Christopher Clark, Cambridge Historiker, spätestens seit der ZDF-"Deutschland-Saga" anerkannter Bildungsreisender in Sachen deutsche Kultur und Geschichte, macht sich wieder auf den Weg durch unser Land. Denn: Manche Fragen sind aus Sicht eines gebürtigen Australiers origineller zu beantworten als von den Beteiligten selbst.

  • ZDF, Dienstag, 29. September 2015, 20.15 Uhr

    Texte

    Ihr Auftritt, Sir Christopher Clark!
    Vorwort Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

    Jene bewegenden Szenen, die um die Welt gingen, von Wende, Mauerfall und Einigung, sind inzwischen ein Vierteljahrhundert alt. Noch immer zeugen eindrucksvolle Filmaufnahmen, Bilder und Zeitstimmen davon, wie der „Wind des Wandels“ um sich griff und die Menschen mit sich nahm. Was damals geschah, zählt ohne Übertreibung zu den historischen Glücksfällen unserer Geschichte: Zum ersten Mal wurde die deutsche Einheit in Freiheit und in Frieden Wirklichkeit, eine Premiere. Heute, 25 Jahre später, mutet, was am 3. Oktober 1990 geschah, fast schon selbstverständlich an. In einem geeinten Land zu leben, umringt von Partnern, das ist Alltag, auch wenn die EU derzeit vor größten Herausforderungen und Zerreißproben steht.

    Dass sich die innere Vereinigung der Deutschen weitaus schwieriger gestaltete als zunächst erwartet - auch daran gilt es zu erinnern, es schmälert nicht die geschichtliche Bedeutung jener Wende von der Teilung zur Einheit. Es handelte sich um einen komplexen, in der Geschichte einmaligen Transformationsprozess. Noch nie wurden zwei Staaten derart gegensätzlicher Ordnung so kurzfristig miteinander verbunden. Den Maßstab für ein angemessenes Tempo eines solchen Vorgangs gibt es nicht. Aus der Sicht vieler ehemaliger DDR-Bürger erfolgte die wirtschaftliche und soziale Angleichung der Lebensverhältnisse nach den großen Schritten der Beitrittsphase zu schleppend, neben den Gewinnern gab es viele Verlierer der Einheit.

    Im Westen wurde über Kosten und Nutzen der Einheit noch allzu lange in zwischenstaatlicher Manier, in den Kategorien von Leistung und Gegenleistung, gedacht. „Ossis“ und „Wessis“ hatten Jahrzehnte lang in Parallelwelten gelebt, mental, politisch und ökonomisch. Vielleicht hatte sich der Westen über Jahrzehnte allzu selbstherrlich als wirtschaftliches Eldorado verkauft, oder war aus Ost-Sicht zu einem solchen verklärt worden. Jedenfalls erforderte die Einlösung des viel zitierten Spruchs von Willy Brandt „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, vielmehr Geduld als erwartet.

    Nach einem Vierteljahrhundert Bilanz zu ziehen, wirft die Frage nach den Kriterien dafür auf und nach der Perspektive, und wenn es um die Präsentation geht auch die nach der Person. Wir haben diese anspruchsvolle Aufgabe gerne an Sir Christopher Clark delegiert, der uns schon auf seiner Tour für die "Deutschlandsaga" so erhellend und auch humorvoll durch unser eigenes Land führte. Dass er wegen seines Beitrages zu den deutsch-britischen Beziehungen in den Stand der Ritter erhoben wurde und bald zu selbigem geschlagen wird, ist für uns nur Bestätigung. Auch, dass er selbst kurz vor und nach der Wende das bewegte Deutschland erlebte. Dem Cambridge-Historiker das Feld zu überlassen, ihm zuzuhören, was er zu sagen hat über 25 Jahre deutsche Einheit, davon versprechen wir uns aufschlussreiche und originelle Befunde und Ausblicke.

    Sendetermin und Stab

    Dienstag, 29. September 2015, 20.15 Uhr
    Deutschland 25
    ZDFzeit: Auf den Spuren der Einheit mit Christopher Clark

    Leitung                         Stefan Brauburger
    Buch                            Gero von Boehm, Mario Sporn
    Regie                           Gero von Boehm
    Moderation                   Christopher Clark
    Kamera                        Alexander Hein
    Schnitt                          Andreas Tiletzek
    Animation                      Wolfgang Morell
    Produktionsleitung        Carola Ulrich (ZDF), Anton Ludwig (Interscience Film)
    Herstellungsleitung       Christiane von Boehm
    Redaktion                      Anja Greulich

    Produziert von Interscience Film GmbH im Auftrag des ZDF

    Inhalt

    Als Christopher Clark 1985 als Student nach Berlin kam, waren die Stadt und Deutschland noch geteilt. Die Mauer, ausgebaut zu einem Bollwerk, gesichert mit Stacheldraht, von bewaffneten Posten, zerriss nicht nur die Stadt in zwei Teile, war auch Symbol für die Spaltung des Landes, trennte die Menschen brutal voneinander. Für den gebürtigen Australier eine absurde Situation – schließlich ist das Land seiner Herkunft ein ganzer Kontinent, der keine Binnengrenzen kennt.

    Vielleicht erklärt dies das Interesse und die Faszination Clarks für die Geschichte der deutschen Teilung und Wiedervereinigung. "Niemand konnte sich damals eine deutsche Einheit vorstellen", erinnert sich der Historiker, der heute an der renommierten University of Cambridge Europäische Geschichte lehrt.
    Wie es dann doch so schnell zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung kam, warum vor allem die europäischen Nachbarn Furcht vor einem geeinten Deutschland hatten, welche Versprechungen gemacht wurden und welche Hoffnungen sich nach 25 Jahren wirklich erfüllt haben, dem spürt Christopher Clark in der Dokumentation nach.

    Ein Jahr nach seiner Reise durch die "Saga" der Deutschen macht er sich erneut auf den Weg durch unser Land. Im Gepäck hat er einen Spickzettel mit Stichworten, die immer wieder Anlass zu Debatten gaben oder geben: Sind die Deutschen nach einem Vierteljahrhundert wirklich ein Volk? Wie hoch waren die "Kosten der Einheit"  tatsächlich? Und wie viel davon haben die Bürger im Osten selbst getragen? Was wurde aus den verheißenen "blühenden Landschaften"? Und blüht es im Osten da und dort nicht sogar schöner als im Westen? Wie steht es um die oft beklagten "Mauern in den Köpfen"? Wie viel Osten regiert über Deutschland angesichts des leitenden Personals der Republik?  Dabei stützt sich Clark auf aktuelle Zahlen aus Studien und Umfragen, die manches Klischee überraschend wiederlegen – oder bestätigen.

    Auf seiner Reise durch die Geschichte der deutschen Einheit besucht Clark Schauplätze in Ost und West. Er reist von der gesamtdeutschen Hauptstadt Berlin in die alte westdeutsche: Bonn; vom darbenden Duisburg ins perfekt restaurierte Dresden, von schrumpfenden Hoyerswerda in das boomende Jena, vom einst geteilten Mödlareuth an die Unstrut, wo die Rotkäppchen-Sektkellerei eine gesamtdeutsche Erfolgsgeschichte schrieb. Dabei trifft er Menschen, die ihre ganz persönliche Bilanz der deutschen Einheit ziehen, darunter den Schriftsteller Thomas Brussig.
    Einmal mehr stellt Clark unter Beweis, dass manche Fragen mit dem "fremden Blick" des gebürtigen Australiers besser zu beantworten sind als von den Beteiligten selbst.

    "Das Bild der Einheit ist alles andere als einheitlich."
    Interview mit Christopher Clark 

    Herr Professor Clark, wie haben Sie als gebürtiger Australier die deutsche Wiedervereinigung vor 25 Jahren erlebt?

    Als die Mauer fiel, war ich in Cambridge und beobachtete alles extrem aufgeregt aus der Ferne. Ich hatte zwischen 1985 bis 1987 in Berlin gelebt und all die Bilder von der Stadt, von der Mauer und den Todesstreifen noch im Kopf. Und ich hatte mich damals natürlich mit der deutschen Teilung beschäftigt. Dann kamen meine Kollegen von der historischen Fakultät in Cambridge auf mich zu und wollten, dass ich Vorträge über Deutschland halte. Das tat ich auch, bevor ich dann im Dezember 1989 wieder nach Berlin reiste. Was ich dort erlebte, werde ich nie vergessen: Es gab zwar hier und da schon offene Stellen in der Mauer, aber sie wurden durch VoPos bewacht. Die DDR war damals noch Ausland. Plötzlich drang die Menge durch die Mauer. Statt uns zurückzuscheuchen, umarmten uns die Volkspolizisten. Es wurde Sekt in Plastikbechern herumgereicht, die VoPos, diese Schreckensgespenster des Kalten Krieges, tranken und feierten fröhlich mit. Dann zog ich mit dieser großen Menge weiter zum Palast der Republik, wo irgendwelche Parteibonzen gerade mit einer Delegation aus Nordkorea tagten. Mit Sprechchören wurde die Veranstaltung einfach gesprengt – und ich machte mit. Ein herrliches Chaos und ich dachte: "Jetzt ist alles möglich!"
    Dass die Wiedervereinigung der Deutschen dann nach nicht einmal einem Jahr kam, war erstaunlich und großartig. Es musste so schnell gehen, denn dieser Moment wäre ja nie wiedergekommen. Manche Entscheidungen, die damals getroffen wurden, mögen etwas übereilt gewesen sein und es ist sicher nicht alles optimal gelaufen. Aber wie gesagt: Es gab keine andere Wahl.

    Warum haben so viele damals im Ausland die deutsche Wiedervereinigung mit Skepsis oder gar mit Sorge betrachtet?

    Es gab die Erinnerung an das wilhelminische Deutschland mit seinen Machtansprüchen und natürlich auch die traumatische Erinnerung an das Dritte Reich, an Krieg, Gewalt und Völkermord. Und jetzt sollte wieder ein großes Deutschland kommen. Das kleine Westeuropa des Kalten Krieges war gekennzeichnet von einem Gleichgewicht. Das geriet jetzt aus den Fugen. Ein Mitglied dieser Gemeinschaft, das in der Mitte, hatte jetzt wieder viel mehr Gewicht als andere. Das machte die Partner und Nachbarn skeptisch. Die Deutschen seien, so damals Margaret Thatcher, zerrissen "zwischen Angriffslust und Selbstzweifeln". Das Gleichgewicht der Mächte sei ernsthaft gefährdet. Auf dem EU-Gipfel in Straßburg im Dezember 1989 fischte sie bei einem Gespräch mit dem französischen Präsidenten François Mitterand eine kleine Landkarte heraus, zeigte auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete und sagte: 'Das werden die Deutschen alles zurückverlangen'.   

    Was hat Sie auf Ihrer Deutschlandreise nach 25 Jahren Wiedervereinigung am meisten überrascht oder beeindruckt?

    Die Vielfalt der Stimmen und der Perspektiven. Viele Fragen sind noch offen und es gibt ein Nebeneinander von verschiedenen Wahrheiten. Das heutige Deutschland gleicht einem Vexierbild, durchdrungen von durchaus widersprüchlichen und doch nebeneinander bestehenden Erlebnissen und Erwartungen – abhängig von den jeweiligen Biografien. Das Bild der Einheit ist alles andere als einheitlich.

    Sind "Ossis" und "Wessis" nach 25 Jahren zu einem Volk zusammengewachsen?

    Weder ja noch nein. "Nein" würde heißen, dass das Deutschland von heute immer noch durch eine tiefe Kluft zwischen Ost und West geprägt wäre und das stimmt nicht. "Ja" würde heißen, dass Deutschland zu einem homogenen Ganzen zusammen gewachsen ist. Das stimmt auch nicht und hat ja auch in der Geschichte nie gestimmt. Deutschland ist und bleibt ein Land der Deutschländer.

    Welche Unterschiede gibt es für sie nach 25 Jahren noch zwischen "Ossis" und "Wessis"?

    Natürlich gibt es noch immer statistische Unterschiede, zum Beispiel beim Einkommen und bei der Arbeitslosigkeit. Aber diese Unterschiede sind nicht besonders interessant, weil sie persönliche Schicksale nicht reflektieren. Der Hauptunterschied zwischen "Ossis" und "Wessis" ist, dass die Ostdeutschen tendenziell immer wieder Interessantes und Bewegendes zu sagen haben über die Bedeutung der Wende. Den Westdeutschen fällt dazu nicht viel ein. Es gibt in der Wahrnehmung der Wende eine bemerkenswerte Asymmetrie. Für die "Wessis" brachte sie nur eine Art Ausdehnung des bestehenden Daseins. Für die "Ossis" änderte sich praktisch alles. Selbst bei jungen Leuten ist das noch festzustellen, wenn man mit ihnen über ihre Herkunft, das Schicksal ihrer Eltern spricht. Das alles hat sie natürlich geprägt.

    Sind Sie auf ihrer Reise durch unser Land der viel zitierten "Mauer in den Köpfen" noch begegnet?

    Ich würde das nicht als "Mauer" bezeichnen. Aber was mich stört, ist die mangelnde Bereitschaft vieler Westdeutscher, den Stimmen von Menschen aus dem Osten, von denen viele noch Probleme zu bewältigen haben, aufmerksam zuzuhören. Das ist schade, weil irgendwann die Zeit abläuft, in der Menschen mit einer anderen Biografie noch erzählen können, was es hieß, in Ostdeutschland zu leben, in diesem Staat mit seinen Zwängen, aber auch Nischen, was es hieß, Wende, Mauerfall und Einigung zu erleben. Die DDR war ja keine Episode der deutschen Geschichte, sondern eine Epoche. Und diese Epoche gehört nach wie vor zu Deutschland.

    Wie beurteilen Sie als Historiker die deutsche Einheit?

    Der damalige britische Außenminister Disraeli bezeichnete es vor dem britischen Unterhaus als Revolution, als Bismarck 1871 die lang ersehnte deutsche Einigung vollzogen hatte. Er sprach davon, dass dieser Vorgang wichtiger sei als die Französische Revolution, weil das geeinte Deutschland eine noch tiefere Wirkung auf die Weltordnung haben werde. Daran musste ich denken, als vor 25 Jahren selbst Zeuge der deutschen Wiedervereinigung wurde. Wie sie sich dauerhaft auf die europäische Ordnung auswirken wird, wissen wir noch nicht. Wie groß die Herausforderung für die politische Führung der Deutschen heute ist, hat sich gerade erst in der Griechenland-Krise gezeigt. Es kommt darauf an, das eigene Gewicht auf die Waagschale zu legen, ohne dadurch Ängste zu schüren.

    Die Fragen stellte Anja Greulich

    Biografie von Christopher Clark

    Christopher Clark, geboren 1960 in Sydney, lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catherine’s College an der University of Cambridge. Von 1985-1987 studierte er in Berlin an der Freien Universität.

    Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf die Geschichte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und Kontinentaleuropa. Er ist Autor einer vielbeachteten Biografie Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers. Für sein Buch "Preußen" erhielt er 2007 den renommierten Wolfson Prize sowie 2010 als erster nicht-deutschsprachiger Historiker den Preis des Historischen Kollegs.

    Mit seinem Buch "Die Schlafwandler" (2013) erregte der gebürtige Australier weltweit Aufmerksamkeit. Er analysiert darin die Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und stellt die alleinige Kriegsschuld der Deutschen in Frage, die über Jahrzehnte die Geschichtsschreibung dominiert hatte.

    Als Moderator und Erzähler stand Clark 2014/2015 für die erfolgreiche sechsteilige ZDF-Dokumentation "Die Deutschland-Saga" vor der Kamera, die knapp 5 Millionen Zuschauer erreichte.

    Seit kurzem darf sich der Historiker "Sir Christopher Clark" nennen. Die Queen erhob ihn in Anerkennung der "Verdienste um die britisch-deutschen Beziehungen" in den Ritterstand.

    Fotohinweis / Impressum

    Fotos über (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/zdfzeit

    Impressum
    ZDF Hauptabteilung Kommunikation
    Presse und Information
    Verantwortlich: Alexander Stock
    E-Mail: pressedesk@zdf.de
    © 2015 ZDF

    Impressum

    Ansprechpartner

    Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
    E-Mail: presse.berlin@zdf.de
    Telefon: (030) 2099 1096