Die 7. Stunde - Thriller nach dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Herrmann

Der Fernsehfilm der Woche

"Die 7. Stunde" ist ein neuer Vernau-Thriller mit Jan Josef Liefers nach dem gleichnamigen Roman der Bestseller-Autorin Elisabeth Herrmann.

Der Berliner Anwalt und Lebenskünstlers Joachim Vernau bekommt ein lukratives Angebot: Er soll die Jura-AG einer teuren Privatschule leiten und übernimmt die siebte Stunde. Was er anfangs nicht weiß: Ein Mädchen aus seiner Klasse hat vor kurzem Selbstmord begangen. Außerdem kommt Vernau dahinter, dass an der Schule, die in den Räumen einer ehemaligen Nervenheilanstalt beheimatet ist, Rollenspiele nach alten Krankenakten stattfinden. Und plötzlich wird eine seiner Schülerinnen Opfer eines Giftanschlags.

  • ZDF, Montag, 4. Januar 2016, 20.15 Uhr

    Texte

    Stab und Besetzung

    Montag, 4. Januar 2016, 20.15 Uhr
    Der Fernsehfilm der Woche
    Die 7. Stunde
    Thriller nach dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Herrmann

    Buch                                  Elisabeth Herrmann
    Regie                                 Carlo Rola
    Kamera                              Nicolay Gutscher
    Musik                                 Enis Rotthoff
    Ton                                     Benjamin Schubert, Wolfgang Remé
    Szenenbild                         Jérôme Latour
    Kostümbild                         Mirjam Muschel
    Maske                                Jeanette Latzelsberger, Gregor Eckstein
    Schnitt                                Friederike von Normann
    Produktion                          Network Movie Film- und Fernsehproduktion, Jutta Lieck-Klenke
    Herstellungsleitung             Roger Daute
    Produktionsleitung              Vanessa Eggers
    Produzenten                       Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge
    Redaktion                           Daniel Blum
    Länge                                 89 Min

    Die Rollen und ihre Darsteller
    Joachim Vernau                 Jan Josef Liefers
    Marie-Luise Hoffmann        Stefanie Stappenbeck
    Katharina Oettinger            Sophie von Kessel
    Jürgen Domeyer                Martin Brambach
    Brigitte Sommerlath           Marie Gruber
    Hildegard Vernau               Elisabeth Schwarz
    Hüthchen                           Carmen-Maja Antoni
    Maximiliane                        Muriel Wimmer
    Samantha                          Isolda Dychauk
    Eyk Scharnow                   Julius Nitschkoff
    Herr Scharnow                  Lutz Blochberger
    Sami                                  Emilio Sakraya Moutaoukkil
    als Gast Friedrich Liechtenstein
    u.a.           

    Inhalt

    Ein mörderisches Spiel, ein rätselhafter Selbstmord und ein quälendes Geheimnis: Als Anwalt Joachim Vernau (Jan Josef Liefers) an einer Berliner Privatschule eine Jura-AG übernimmt, begegnen ihm die Schüler voller Vorbehalte. Vernau findet heraus, was hinter dem Schweigen steckt. Doch da ist es fast zu spät. "Die 7. Stunde" handelt von Schuld und Verantwortung und der Hilflosigkeit aller angesichts dessen, was nicht sein darf.

    Der Berliner Anwalt Joachim Vernau (Jan Josef Liefers) bekommt ein lukratives Angebot: Er soll die Jura-AG einer Privatschule leiten. Vernau übernimmt die siebte Stunde. Doch gleich am ersten Tag kommt es zu einem Eklat. Rektorin Katharina Oettinger (Sophie von Kessel), eine alte Schulfreundin seiner Kanzleikollegin Marie-Luise Hoffmann (Stefanie Stappenbeck), hat verschwiegen, dass ein Mädchen aus Vernaus Klasse vor ein paar Monaten Selbstmord begangen hat.

    Angeblich soll Sami (Emilio Sakraya Moutaoukkil), ein Junge mit libanesischen Wurzeln von der Hauptschule zwei Straßen weiter, damit zu tun haben. Doch litt Clarissa wirklich nur unter Liebeskummer? Vernaus Schüler, allen voran Samantha (Isolda Dychauk) und Matthias (Samuel Schneider), verschließen sich mehr und mehr. Vernau kommt dahinter, dass an der teuren Privatschule Rollenspiele gespielt wurden. Eines der Spiele geht zurück auf uralte Krankenakten, die irgendjemand auf dem Schuldachboden gefunden haben muss. Denn das Schulgebäude beherbergte vor langer Zeit einmal eine Nervenheilanstalt. Das Spiel "Die schwarze Königin" beruht auf den Wahnvorstellungen einer Kindsmörderin. Als eine weitere Schülerin Opfer eines Giftanschlags an der Schule wird, grassiert die Angst. Vor allem, weil sich die Anzeichen mehren, dass trotz Verbot und drakonischen Strafen bis hin zum Schulverweis die Rollenspiele weitergehen.

    Vernau findet Zugang zu einer Gruppe, die nachts LARP – Live Action Role Playing – in einem Berliner Park spielt. Von diesen "Vampiren" erfährt er, dass vor einiger Zeit jemand mit echten Waffen aufgetaucht ist und von einem neuen Spiel erzählt hat, bei dem es Tote geben wird. Sie haben diesen Irren rausgeworfen und nicht mehr mitspielen lassen. Und dieser Irre will sich nun rächen. Als Vernau herausfindet, wer dahinter steckt, ist es fast zu spät.

    "Die Vernau-Filme treffen das Herz meiner Bücher."
    Gespräch mit Bestseller-Autorin Elisabeth Herrmann

    LARP (Live Action Role Playing), wie kommt man auf dieses Thema für einen Krimi?

    Bei Freunden habe ich einmal "Die Werwölfe von Düsterwald" ausprobiert und war fasziniert von der Gruppendynamik, die bei diesen Rollenspielen entsteht. Eine Art Improvisationstheater, das man nicht nur zuhause spielt. Damals fragte ich mich schon, ob es wohl gelingen könnte, so ein Spiel in die Wirklichkeit zu übertragen. Ich bin dann zu den "Berliner Vampiren", die nachts in Parks "Vampire: The Masquerade" gespielt haben, gegangen. Einen kleinen Eindruck davon bekommt man auch in der Verfilmung von "Die 7. Stunde". Es waren sehr junge Leute, und sie haben mich herzlich und offen in ihrem Kreis aufgenommen. Nie wieder habe ich mich nachts im Park so wohl gefühlt wie in der Gesellschaft von zwanzig düsteren Gestalten in Ledermänteln und viktorianischen Korsettkleidern.

    Es wird bei Live-Rollenspielen tatsächlich richtig agiert?

    Ja, man verwendet vorher viel Zeit dafür, seinen Charakter zu entwickeln, den man dann über die Spiele hinweg entweder vervollkommnet oder der dann weggepustet wird. (…) Es macht Spaß! Sie schlüpfen für eine Nacht in ihre Rolle, gehören zu einem Clan, zetteln Intrigen und Hinterhalte an. Für mich war das immer so eine Art Politikspiel. Und außerdem eine Freizeitbeschäftigung, für die man kein Geld braucht und die komplett autark organisiert wird.

    Ihr Held Vernau gerät unversehens hinein in so ein Spiel…

    Ja. Ich wollte ihn, den smarten Karriereanwalt, mit jungen Menschen, die noch ganz am Anfang stehen, konfrontieren. Eine Schule erschien mir da genau das passende Umfeld. Vernau findet heraus, dass mit seiner Klasse etwas nicht stimmt, dass jemand ein lähmendes, tödliches Netz über sie geworfen hat. Um zu verstehen, was das ist, reicht es nicht, an den Spinnenfäden zu zupfen. Man muss dahin, wo sie zusammenlaufen.

    Ein großes Thema in "Die 7. Stunde" sind Privatschulen.

    Ein ganz großes Thema unserer Gesellschaft ist der Rückzug der Eliten aus der Solidargemeinschaft: Steuerhinterziehung, private Krankenkassen, abgeriegelte Wohnbezirke und natürlich private Schulen. Im Buch wurde der Konflikt noch tiefer herausgearbeitet, da stehen sich auf zwei Seiten der Straße eine Hauptschule und ein privates Elitegymnasium gegenüber. Katharina Oettinger, zum Niederknien gespielt von Sophie von Kessel, will aus ihrer Schule eine Aktiengesellschaft machen. Bildung wird zur Rendite, Schüler im schlimmsten Fall zu Risikokapital. Was sich absurd anhört, ist bereits Wirklichkeit.

    Wie finden Sie Jan Josef Liefers als Lehrer?

    Großartig! Ich glaube, wir alle hätten uns so einen Lehrer gewünscht! Er hat diese seltene Begabung, in einer Film-Einstellung Ernsthaftigkeit mit Humor zu paaren und dabei niemals den Ernst und die Tragik einer Geschichte zu verraten. Das ist einzigartig, ich verneige mich vor ihm. Das ganze Ensemble ist herausragend. Die Schüler sind die Stars von morgen.

    Viele Autoren haben Probleme mit der Verfilmung ihrer Bücher ...

    Nicht, wenn man so ein Team wie Carlo Rola, Jan Josef Liefers und Dr. Dietrich Kluge von Network Movie um sich hat. Wir kämpfen hart, sehr hart zum Teil. Heraus kommt das Beste, es ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ich bin stolz und glücklich, dabei sein zu dürfen. Die Vernau-Filme treffen das Herz meiner Bücher.

     Das Gespräch führte Dagmar Landgrebe

    "Berlin ist die Welt in einer kleinen Hand"
    Fragen an Regisseur Carlo Rola

    Was macht für Sie das Besondere der Vernau-Reihe aus? Krimi oder Drama?

    Beides, plus Komödie. Und natürlich ein Schuss soziales Gewissen. Deutsche Geschichte(n) und ein Filou als Erzähler. Lebensgier und Leichtsinn und so zu tun, als wären wir auch im Wedding der Mittelpunkt der Welt.Provinz findet ja bekanntlich nur im Kopf statt.

    Wie erklären Sie sich den sensationellen Erfolg der ersten drei Filme?

    Dass die Filme eben nicht in eine Schublade passen, ständig Genres überschreiten und vieles mischen – wie das "echte" Leben so ist. Jedenfalls meines. Und Liefers ist eben auch ein Menschendarsteller als "Herr Vernau". Und dass alles vielleicht nicht so grau ist, im Herzen der Leute, aber deswegen nicht weniger ernsthaft. Ach, eigentlich alles Vermutungen. Weil wir Geschichten erzählen, mal mit mehr und mal mit keinen Toten. Nur nicht langweilig, bitte!

    Könnte die Reihe überall in Deutschland spielen oder ist Berlin ein besonderer Schauplatz?

    Nein, ausschließlich in Berlin. Berlin ist die Welt in einer kleinen Hand.

    Was ist als Nächstes geplant?

    New York, New York…

    Die Fragen stellte Dagmar Landgrebe

    "Die Story verwischt die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität."
    Interview mit Jan Josef Liefers

    Vernau bekommt den Auftrag des privaten Gymnasiums "Friedrich-von-Stein-Campus" die Jura AG, den so genannten "Teen Court", zu leiten. Was halten Sie von solchen Schülergerichten?

    Das kommt auf die Reife der Schüler an und ihre soziale Kompetenz. Kinder und Jugendliche neigen, besonders unter dem Einfluss von Gruppendynamik, zu einer gewissen Gnadenlosigkeit. Daran erkennt man bereits vorzüglich, dass sie den Erwachsenen nicht unähnlich sind. Rechtsprechung und Bestrafung haben eben nichts mit Bauchgefühlen zu tun.

    Diese Privatschule kommt in "Die 7. Stunde" in Sachen offener Kommunikationsstrukturen, dem Miteinander von Schülern und Lehrern sowie Transparenz nicht besonders gut weg, oder?

    Es handelt sich im Film um eine sogenannte Elite-Schule. Die Kinder dort sind für große Karrieren in Wirtschaft, Justiz oder Politik vorgesehen. Sie kämpfen mit den hohen Erwartungen ihrer Eltern und stehen unter enormem Druck. Ich kenne solche Schulen nicht von innen, aber es gibt sie. Wenn dort etwas aus der Balance gerät, wird es solange unter den Teppich gekehrt, bis irgendwann etwas Schreckliches passiert. Über lange geheim gehaltene, aber skandalöse Zustände in bestimmten Internaten liest man gelegentlich in der Zeitung, es gibt immer wieder krasse Beispiele. So ist es auch mit dem Von-Stein-Campus in dem Roman von Elisabeth Hermann. Hinter der unauffälligen Fassade quälen sich die Eingeweihten mit einem dunklen Geheimnis herum, vor dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Klar, dass die Schulleiterin, prima gespielt von Sophie von Kessel, das nicht an die große Glocke hängen will.

    Den Söhnen und Töchtern scheinbar betuchter Eltern sind auf dem privaten Gymnasium auf den ersten Blick echte Probleme oder gar Kriminalität völlig fremd. Doch hinter der exklusiven Fassade der Schule brodelt es gewaltig. Und auch der vermeintlich leichte Einstieg Vernaus als Pädagoge entpuppt sich bei der ablehnenden Haltung seiner Schüler als echte Herausforderung. Ist "Die 7. Stunde" Vernaus bislang schwerste Prüfung?

    Es ist sicher die spannendste. Die Story verwischt die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität. Vieles ist "scheinbar" an dieser Schule und an der smarten Oberfläche der Schüler, die Vernau in der siebten Stunde unterrichtet. Niemand würde je darauf kommen, dass eben diese jungen Leute sich in einer selbstgeschaffenen, dunklen Parallelwelt verrannt haben – wie in einem real gewordenen Computerspiel, über das sie längst die Kontrolle verloren haben.

    Vernau stellt in seiner unnachahmlich detektivischen Art unangenehme Fragen und entdeckt, dass einige Schüler einem Live-Rollenspiel verfallen sind, das nicht nur in der Fantasie stattfindet, sondern sich auch in der Realität blutig fortsetzt. Was glauben Sie, macht die Faszination von Rollenspielen aus? Wo liegen Reiz – und vielleicht auch Gefahr?

    Es ist doch faszinierend, seinen Alltag, seine Wirklichkeit spielerisch gegen eine andere einzutauschen. Ein zweites oder drittes Leben zu führen, ohne dass es Konsequenzen hätte, weil es ja nur ein Spiel ist. Manchmal wird aus einem Spiel aber Ernst, und wenn man dann den Ausweg nicht mehr findet, auch tödlicher Ernst.

    Sind Sie selbst Fan von Rollenspielen oder toben Sie sich lieber vor der Kamera aus?

    Na ja, ich hab genau das zu meinem Beruf gemacht! In meiner Freizeit habe ich deshalb eher Lust auf reale Dinge.

    Gut, böse oder überfordert? Wie sehen Sie die Schülerinnen und Schüler an Vernaus Schule?

    Wer ist schon nur gut oder nur böse? Überfordert mit den Konsequenzen dessen, was sie losgetreten haben, das sind die Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall. Wir Menschen tun immer wieder Dinge, die zunächst harmlos beginnen und nicht ahnen lassen, welche Schuld wir uns unter Umständen am Ende aufladen. Alter spielt dabei offenbar keine Rolle, obwohl junge Menschen vielleicht gefährdeter sind.

    Vernaus Einstieg als Lehrkraft führt ihn gedanklich auch zurück zu seiner eigenen Schulzeit, in der er sich als Arbeiterkind und auch zunächst gegen den Willen seiner Vaters auf dem Gymnasium enorm durchsetzen musste. Wie erinnern Sie Ihre Zeiten als Teenager auf der weiterführenden Schule?

    Ich bin in der DDR zur Schule gegangen. Meine Erinnerungen sind gemischt, alles in allem bin ich gut durchgekommen, aber ich bin eher nicht so gerne hingegangen. Ein paar Lehrer waren sehr cool. Andere nicht. Und alles stand immer unter politischen Vorzeichen. Viel Ideologie war da im Spiel. Mein Eindruck ist immer noch, dass Schule als System sich progressiver entwickeln müsste. Dass der Erfolg einer Schulzeit nicht nur von der individuellen Klasse einiger Pädagogen abhängt, sondern das Lehrsystem im Ganzen sich an den Möglichkeiten und Entwicklungsständen der jungen Menschen orientiert, statt an den Vorgaben der Wirtschaft zum Beispiel.

    Was war Ihr schlimmstes Schulerlebnis?

    Wahrscheinlich die vormilitärische Ausbildung, die plötzlich ein normales Unterrichtsfach wurde. Manches hat genervt, aber richtig Schlimmes ist mir nicht widerfahren. Meine Schulzeit hat kein Trauma hinterlassen. Trotzdem war ich froh, als es vorbei war.

    Der Musiker und Künstler "Mr. Supergeil" Friedrich Liechtenstein hat in "Die 7. Stunde" erstmals eine Gastrolle vor der Fernsehkamera. Wie war die Zusammenarbeit vor der Kamera?

    Ich kannte Friedrich nur durch "Supergeil", begegnet sind wir uns beim Dreh zum ersten Mal. Er ist zurückhaltend und professionell und er hat seine von Elisabeth Hermann neu erfundene Figur sehr gut etabliert.

    Als Impro-Künstler Whithers holt Friedrich Liechtenstein Mutter Vernau und ihre Freundin Hütchen aus der kleinbürgerlichen Idylle in eine flotte Dreier-WG. Wünschen Sie, dass das Zusammenleben der drei eine Zukunft hat?

    Ich bin sicher, es wird ein Wiedersehen geben!

    Welchen Fall wird Joachim Vernau als nächstes lösen?

    Wie es aussieht, wird es um ein Verbrechen gehen, dessen Ursprung weit zurück liegt und das auf tragische Weise in der Gegenwart quasi explodiert. Die Verstrickungen werden über die Grenzen Deutschlands und Europas hinausreichen bis nach New York. Wieder eine ziemlich spannende Geschichte.

     Das Gespräch führte Dagmar Landgrebe

    Über Rollenspiele, Schule und Vernau als Lehrer
    Fragen an die jungen Schauspieler Jeanne Goursaud, Julius Nitschkoff, Samuel Schneider und Muriel Wimmer

    Stichwort "Teen Court": Was halten Sie von Schülergerichten, wie sie im Film an der Privatschule etabliert sind?

    Samuel Schneider: Sie sind eine gute Sache, um als Schüler ein Gefühl für das spätere "echte" Leben zu bekommen, wo jede Entscheidung seine Konsequenzen hat und man selbst die Verantwortung trägt.

    Jeanne Goursaud: Ich finde Schülergerichte sind im Prinzip eine gute Sache – besonders an Schulen, an denen die Schüler, wie in "Die 7. Stunde", speziell auf eine juristische Zukunft vorbereitet werden. Allerdings denke ich, dass die Schüler zwar als Anwälte agieren und Fälle diskutieren dürfen, jedoch sollte die endgültige Entscheidung einem Lehrer oder dem Schuldirektor überlassen werden, der somit den Part des Richters übernimmt. Schüler dürfen meiner Meinung nach also nicht die Macht besitzen, derart bedeutende Entscheidung alleine zu treffen.

    Julius Nitschkoff: Prinzipiell finde ich gerade in Schule praxisorientierte Lerngruppen immer hilfreich. Man kann wesentlich mehr lernen und wird direkt mit gewissen Problemstellungen konfrontiert, die man in der Theorie sonst einfach hinnehmen oder ignorieren würde. Leider ist der so genannte "Teen-Court" in "Die 7. Stunde" mit einer Machtposition versehen, die es jungen und unerfahrenen Schülern ermöglicht, drastischen Einfluss auf das Leben eines Mitschülers zu nehmen, sollte eine absolute Mehrheit im Urteil zustande kommen. Gerade bei Jugendlichen verführt diese Macht in vielen Fällen zu Mobbing oder gar Ausschluss von Minderheiten oder Außenseitern. Ich glaube, dass öffentliche Diskussionen an Schulen keineswegs etwas Schlechtes sind. Doch das Ergreifen von Maßnahmen sollte dann die Aufgabe anderer sein, die alles vielleicht weniger emotional begutachten.

    Muriel Wimmer: Von Schülergerichten bin ich nicht besonders überzeugt. Zwar finde ich es gut, wenn Probleme und Verstöße im Plenum diskutiert und auch die Schüler einbezogen werden. Die Idee, dass Schüler über Schüler richten, empfinde ich jedoch als äußerst fragwürdig.

    Stichwort LARP: Verschworene Gemeinschaften von Rollenspielen gibt es schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Was glauben Sie, macht die Faszination aus?

    Julius Nitschkoff: Diese Art von Rollenspielen ermöglicht es Menschen, für einen Moment die Realität zu vergessen und sich der Gesellschaft zu widersetzen, die in vielen Punkten viel Druck auf das Individuum ausübt und viele Ansprüche an jeden einzelnen von uns stellt. Vielleicht sind Rollenspiele für manche Menschen das perfekte Medium, um dem Alltag zu entkommen und mit Gleichgesinnten loszulassen.

    Muriel Wimmer: Ich glaube, der große Reiz an solchen Rollenspielen ist es, seinen Alltag hinter sich lassen und in eine andere fantastische Welt abzutauchen zu können. Oft ist es ja so, dass man bei solchen Spielen viel mehr Einfluss auf die Ereignisse hat, als in der realen Welt. So kann man vielleicht Dinge erleben und ausleben, die man sich in der Realität nicht zutraut oder die von vorne herein gar nicht möglich wären.

    Samuel Schneider: Der "Anzug" unserer Leistungsgesellschaft sitzt schon ziemlich eng und lässt wenig Platz zum Atmen. Rollenspiele sind eine gute Gelegenheit, diesen abzulegen und sich einfach von der Phantasie leiten zu lassen, die Realität des Alltags für einen Moment zu vergessen.

    Jeanne Goursaud: Man wird zu jemand anderem, vergisst eigene Sorgen und kreiert sich seine eigene kleine Wirklichkeit. Dadurch, dass diese Wirklichkeit nicht echt ist, ist es also einfacher Taten zu begehen, die man sonst nicht tun würde. Ich denke, so versuchen auch die Mitglieder des Teen Courts ihr Verhalten zu entschuldigen: "Sie waren nicht sie selbst. Es war eine Rolle. Ein Spiel." Mit dieser Vorstellung ist es für sie leichter mit dem Geschehenen zu leben.

    Sind Sie selbst Fan von Rollenspielen?

    Muriel Wimmer: Ich selbst spiele keine herkömmlichen Rollenspiele, aber in meiner Tätigkeit als Schauspielerin mache ich ja eigentlich auch nichts anderes. Ich nehme eine andere Identität an und kann Dinge erleben, die ich in meinem eigenen privaten Leben so nicht erleben würde.

    Jeanne Goursaud: Da ich Schauspielerin bin, kann ich wohl nicht leugnen, dass ich mich gerne in andere Rollen versetze – das allerdings nur auf der Bühne oder vor der Kamera. Privat bleibe ich dann doch lieber ich selbst.

    Julius Nitschkoff: Ich selber habe nie an einem derartigen Rollenspiel teilgenommen. Ein Erfahrung wäre es bestimmt.

    Samuel Schneider: Meine Kindheit war ein Rollenspiel, heute ist es mein Beruf.

    Stichwort Schule: Ist es eigenartig, nach der eigenen Schulzeit wieder als Schauspieler zurück in die Schule zu kommen?

    Jeanne Goursaud: Als ich "Die 7. Stunde" gedreht habe, war ich gerade in meinen Abiturvorbereitungen, ging also noch zur Schule. In meiner Schule war natürlich lange nicht so viel los wie hier. Ein Glück!

    Muriel Wimmer: Ich bin nie gerne zur Schule gegangen. Nicht, weil ich nichts lernen wollte. Ich fand es sogar ziemlich toll, so ein großes Lehrangebot kostenlos zu bekommen, aber ich bin mit dem Leistungsdruck nicht zurechtgekommen. Ich hatte oft Angst, nicht gut genug zu sein, Anforderungen oder Erwartungen nicht gerecht zu werden. Deswegen finde ich es spannend, als Schauspielerin die Schule noch einmal neu erleben zu können – ohne diesen Druck und die schlechten Gefühle.

    Samuel Schneider: Ich komme immer noch automatisch auf "dumme Gedanken", wenn ich in einem Klassenraum sitze.

    Hätten Sie sich so einen Lehrer wie Joachim Vernau in Ihrer Schulzeit gewünscht?

    Samuel Schneider: Lehrer waren gefühlt immer in der Unterzahl. Einer mehr wäre gut gewesen – mit dem Charme Vernaus natürlich großartig.

    Jeanne Goursaud: Vernau ist ein entspannter, engagierter Lehrer, der die richtigen Worte findet. So in der Art waren auch immer meine Lieblingslehrer. Da wird es zumindest nicht langweilig.

    Muriel Wimmer: Joachim Vernau wäre bestimmt ein toller Lehrer gewesen. Ich muss aber sagen, dass ich eigentlich immer tolle Lehrer gehabt habe. Ich fand es immer schön, wenn Lehrer sich nicht nur für die schulische Leistung ihrer Schüler interessieren sondern auch für ihre Persönlichkeiten, außerschulischen Talente und Träume.

    Julius Nitschkoff: Ich hatte in dem Film keinen Schulalltag, deshalb durfte ich Joachim Vernau auch nie als Lehrkraft kennenlernen. Wenn ich ihn mir in meiner Schulzeit als Lehrer gewünscht hätte, dann nur, weil er ja eigentlich Jan Joseph Liefers ist und der einen tollen und unglaublich tiefenentspannten Eindruck auf mich gehabt hat.

    Die Fragen stellte Dagmar Landgrebe.

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