Die Kandidaten stellen sich eidner besonderen Herausforderung - Copyright: ZDF/Niclas Weber
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Diktator

4-teiliges Social Factual

In "Diktator" wird eine Woche lang die Demokratie "abgeschafft": Vier junge Männer und vier junge Frauen müssen sich jeden Tag ein bisschen mehr mit den doktrinären Anordnungen eines fiktiven Diktators arrangieren.

  • ZDF neo, Sonntag, 23. und 30. April 2017, ab 21.45 Uhr, in Doppelfolgen

Texte

Kein Schnellkurs in Sachen Diktatur - Vorwort von Brigitte Duczek
ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft

Das vierteilige Social Factual "Diktator" ist kein Schnellkurs in Sachen Diktatur. Vielmehr gibt es einen Einblick, wie sich eine Gruppe von acht jungen Menschen über einen begrenzten Zeitraum hinweg mit den doktrinären Anordnungen eines fiktiven Diktators arrangieren muss. Die Teilnehmer sind vier Männer und vier Frauen im Alter von 19 bis 31 Jahren, die sich freiwillig entschieden haben, an einem Sozialexperiment teilzunehmen. Manche von ihnen sind sehr expressiv, andere eher zurückhaltend. Sie sind so unterschiedlich und facettenreich wie unsere Bevölkerung.

Kaum eine Nation hat sich so intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt wie unsere. Deutschland hat zwei Diktaturen erlebt, die der Nationalsozialisten und das DDR-Regime. Und immer wieder wird die Frage gestellt: Wie war das möglich? Historiker forschen darüber seit Jahrzehnten und versuchen schlüssige Antworten zu geben. Doch ist das für eine Generation nachvollziehbar, die diese Perioden der Geschichte nur vom Hörensagen ihrer Eltern und Großeltern kennt oder in der Schule darüber gesprochen hat? Lässt sich die Beklemmung einer diktatorischen Zeit, wenn auch nur für einen kurzen Moment, nachempfinden?

Wie konsequent muss ein fiktiver Diktator sein, um seine Ziele durchzubringen? Welche Mittel hat er, um seine Bürger und Bürgerinnen an sich zu binden? Darf er nur strafen oder muss er auch loben? Und wo ist der Unterschied zwischen einem echten Diktator, wie ihn Völker in viel zu vielen Ländern der Erde ertragen müssen, und einem Sozialexperiment, das von einem Fernsehteam begleitet wird? Ein Unterschied liegt auf der Hand: Drakonische Sanktionsmechanismen, die einem realen Diktator zur Verfügung stehen, hat ein Filmteam nicht.

Doch es war verblüffend, dass entscheidende gruppendynamische Gesetzmäßigkeiten selbst in solch einer kleinen Einheit funktionieren. Jeden Tag ein wenig mehr in das Wirkungsfeld Diktatur zu rutschen, das eine Entwicklung nimmt, mit der kaum jemand gerechnet hat.

Stab

Produktion                                   Bavaria Entertainment GmbH im Auftrag von ZDFneo
Produzent                               Oliver Fuchs
Producer                                 Daniel Boltjes, Vanessa Schmit, Ina Eck
Kamera                     Frank Irlenborn, Bettina Clemens, Britta Close
Schnitt                      Talayot von Cube, Niclas Weber, Tilman Waegner
Herstellungsleitung              Jonny Eilers
Produktionsleitung              Evelin Körper
Produktion ZDFneo               Katrin Lachmann
Redaktion ZDF        Brigitte Duczek, Natalie Müller-Elmau
Koordination ZDFneo   Sebastian Flohr
Länge                          4 x 45 Minuten

Inhalt

Acht Deutsche im Alter von 19 bis 31 Jahren beteiligen sich an einem Experiment. Sie werden Bürger und Bürgerinnen einer fiktiven Diktatur. Eine Woche lang leben sie nach strengen Regeln. Ohne Handy, Radio, Fernsehen oder Kontakt zur Außenwelt. Ohne die Privilegien einer Demokratie.

 

ZDFneo sendet das vierteilige Social Factual "Diktator" im Rahmen des Programmschwerpunkts "Wer hat die Macht?". Teil des Schwerpunkts sind außerdem zahlreiche Dokumentationen zu unterschiedlichen politischen Systemen und dem Spannungsfeld zwischen Demokratie und Diktatur.

Folgeninhalte

Folge 1

Sonntag, 23. April 2017, 21.45 Uhr

Ausgangssperre und feste Arbeitsschichten prägen den Alltag in der Diktatur. Uniform ist Pflicht. Während André, Cihan und Mirco versuchen, mit den Vorschriften zurechtzukommen, wachsen bei Bürgerin Nana Zweifel, ob sie dem Diktator folgen will.

Männer und Frauen verrichten ihre Tätigkeiten getrennt. Die Männer backen, die Frauen bügeln. Sich dieser Anordnung zu widersetzen, wird vom Diktator geahndet. Die Ausgangssperre ist für jeden in der Gruppe verbindlich. Wer nicht arbeitet oder am Gemeinschaftsessen teilnimmt, darf sein Zimmer nicht verlassen. Eine harte Prüfung, besonders für Matthias und Nana.

 

Folge 2

Sonntag, 23. April 2017, 22.30 Uhr

Eine neue Bürgerin betritt die Diktatur: Susanne. Sie gibt sich ahnungslos, was die anderen Bürger und Bürgerinnen erst recht skeptisch macht. Ist Susanne ein Spitzel? Das Misstrauen der Gruppe will nicht weichen. Der Diktator bestellt André und Mirco ein, um zu prüfen, wie loyal sie ihm gegenüber sind. Das Ergebnis dieses Tests hat Auswirkungen auf alle.

Bürger und Bürgerinnen stehen unter ständiger Beobachtung. Kaum etwas bleibt dem Diktator verborgen. Immer wieder schaltet er sich in das Alltagsleben ein. Kritisiert, rügt, straft und verlangt ein immer größeres Arbeitspensum. Innerhalb der Gruppe wächst der Druck.

 

Folge 3

Sonntag, 30. April 2017, 21.45 Uhr

Der Diktator greift durch. Bürgerin Nana muss in die Strafkammer. Nanas Bestrafung erhitzt die Gemüter. Manche finden ihr Verhalten sogar egoistisch, würden lieber weiterarbeiten. Andere erwägen zu streiken. Das spaltet die Gruppe, verunsichert alle.

Als einigen in der Gruppe auffällt, dass Mirco mehr Jetons besitzt als alle anderen, macht ihn das verdächtig. Die Arbeitsmoral wird schlechter. Um die Gruppe auf seine Seite zu ziehen, zeigt sich der Diktator gefällig. Er motiviert sie, indem er Abzeichen und Belohnungen spendiert. Doch Nanas Verhalten bleibt rebellisch. Ein mysteriöses Zeichen an ihrer Tür macht allen Bürgern und Bürgerinnen Angst.

 

Folge 4

Sonntag, 30. April 2017, 22.30 Uhr

Bürgerin Nana ist eines Morgens nicht mehr da. Und auch Naomi ist plötzlich verschwunden. Der Diktator behauptet, sie arbeite in Distrikt 3 und zeigt sogar eine Videobotschaft von ihr. Die Gruppe versucht, sich die Situation zu erklären. Was bleibt, ist vor allem Angst. Das Verschwinden der beiden hat die Gruppe mürbe gemacht.

Die verbliebenen Bürger und Bürgerinnen versuchen zu erfahren, was dahinter steckt. Ihr Bestreben, mehr über den Verbleib der Frauen zu erfahren und sie wieder bei sich zu haben, nutzt der Diktator schamlos aus. Julia will ihm nicht mehr gehorchen und versucht, die verbliebenen Bürger und Bürgerinnen, André, Cihan, Matthias, Mirco und Susanne zu überzeugen, Widerstand zu leisten. Doch alle spüren, dass der Diktator am längeren Hebel sitzt. Er ruft den Nationalfeiertag aus: Wer ist noch bereit, ihm zu folgen?

Die Mitwirkenden ... und ihre Motivation bei "Diktator" mitzumachen

Vier Männer

André (27) lebt im Rheinland und hat nach dem Abitur eine Ausbildung als Chemikant gemacht. In diesem Beruf fühlte er sich allerdings nicht wohl und stellte deshalb sein Leben komplett um. Er nahm 30 Kilo ab, und sein Interesse für gesunde Ernährung und Bewegung eröffnete ihm ein neues Berufsfeld. Seit drei Jahren arbeitet er als Personal Coach und Motivationstrainer.

"Die Motivation zur Teilnahme ist, dass ich mich immer weiterentwickeln möchte. Ich brauche immer Veränderung, Abwechslung. Ich muss was erleben und bin unglaublich neugierig."

 

Cihan (31) ist in Westfalen geboren und aufgewachsen. Er hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert und leitet seit einigen Jahren ein Geschäft für Telekommunikation. Mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern lebt er im Ruhrgebiet.

"Was mich motiviert, ist definitiv das Anliegen, neue Menschen kennenzulernen. Menschen, von denen ich noch nie etwas gehört habe, die ich noch nie persönlich gesehen habe. Das ist mega."

Matthias (19) hat gerade ein Studium in seiner sächsischen Heimatstadt begonnen. Er hat Spaß an Mode und Stil und ist nicht nur deshalb seit mehr als zwei Jahren einer der wenigen männlichen Modeblogger. Das würde er auch gerne zu seinem Beruf machen.

"Mich motiviert die Lust auf ein Abenteuer. Ich bin zuversichtlich, dass ein interessanter Content entsteht und interessante Gedanken und Erfahrungen für meine Zukunft."

Mirco (28) kommt aus Norddeutschland und hat bereits zwölf Jahre als Gastronom gearbeitet. Jetzt freut er sich darüber, dass er als Mietkoch immer sein eigener Chef bleibt. Er war Soldat bei der Bundeswehr und hat in dieser Zeit prägende Erfahrungen gemacht.

"Ich bin neugierig. Es ist komplett unbekanntes Terrain für mich."

 

Vier Frauen

Julia (22) kommt aus Bayern und studiert im 5. Semester Multimedia und Kommunikation. In ihrer Freizeit trifft sie sich gerne mit Freunden und widmet sich mit Feuereifer Social Media. Sie bloggt über Fashion, Beauty und Reisen.

"Ich glaube nicht, dass ich eine typische Rebellin wäre, die sich gegen alles auflehnt und versucht, die Regeln zu brechen. Aber ich würde für mich einen Weg finden, der nicht ins Illegale abdriftet und mir trotzdem etwas Freiheit gewährt."

 

Nana (27) ist in Ghana geboren und lebt in Berlin. Sie organisiert gerne und arbeitet als Bookerin für Künstler, die in Deutschland auftreten wollen. Außerdem engagiert sie sich in der Jugendarbeit ihrer Gemeinde. Nana studiert Betriebswirtschaftslehre und evangelische Theologie an der Humboldt-Universität.

"Der Gedanke, mich in einer undemokratischen Situation wiederzufinden, klingt wie eine Challenge. Und Challenges sind immer gut. Ich bin dafür gemacht, gebaut, ich halt' viel aus, und ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, dass mich das so aus der Rolle werfen wird."

 

Naomi (23) war vor zwei Jahren jüngste Konditormeisterin Nordrhein-Westfalens. Sie hat nach der Realschule eine Ausbildung im elterlichen Betrieb und danach zügig ihren Meister gemacht. Sie sieht sich selbst als überzeugten Familienmenschen. Ihre große Schwäche sind ihre Pferde.

"Ich möchte bei dem Sozial-Experiment mitmachen, um mich näher kennenzulernen und um zu sehen, wie ich auf so manche Situation reagiere, die ich im Alltag nicht erlebe. Situationen, aus denen ich auch lerne und dann vielleicht weiter an mir arbeite, wenn ich mich falsch verhalte."

 

Susanne (26) ist ein Mathe-Ass, hat einen Bachelor in Mathematik und gibt Tutorials in diesem Fach auf YouTube. Sie hat sich zur Mediengestalterin ausbilden lassen und arbeitet in der Marketing-Abteilung eines Bundesliga-Vereins. In ihrer Freizeit macht sie mit ihrem Freund zusammen Musik und tritt als Sängerin auf.

"Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. An der Uni habe ich auch an psychologischen Experimenten teilgenommen. Da war ich immer die Erste, die „hier“ schreit. Ich finde das spannend, wie sich eine Dynamik in eine gewisse Richtung entwickeln kann, die man nicht vorhersieht."

Die Experten

Zwei Sozialpsychologen begleiten das Social Factual "Diktator" und kommentieren die gruppendynamische Entwicklung zwischen den Teilnehmern und Teilnehmerinnen für das Publikum.

 

Dr. Christine Flaßbeck (36) hat Pädagogik, Psychologie und Anglistik in Münster studiert und arbeitet als promovierte Sozialpsychologin. Seit 2009 unterrichtet sie Soldatinnen und Soldaten in Sozialpsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg.

 

Dr. Jonas Rees (31) hat angewandte Sozialpsychologie an der University of Sussex und Psychologie an der Universität Bielefeld studiert, wo er anschließend in Sozialpsychologie promovierte. Am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung erforscht er Prozesse, die sich innerhalb von und zwischen Gruppen abspielen. Neben Lehraufträgen an der Universität Bielefeld hat er an der Fachhochschule der öffentlichen Verwaltung Nordrhein-Westfalen angehende und aktive Polizeibeamte u.a. im Umgang mit Gruppen- und Massenlagen geschult.

Interviews mit den Experten Dr. Christine Flaßbeck und Dr. Jonas Rees

Fragen an Dr. Christine Flaßbeck:

Womit beschäftigen Sie sich in der Sozialpsychologie?

Generell interessieren mich viele Fragestellungen, die quer liegen zum großen Themenkomplex der Kommunikationsforschung sei es die Körpersprache, der Einsatz von Analogien oder allgemeine Mechanismen, um individuelle Einstellungen zu bilden oder zu ändern. Dazu finden sich viele Anwendungsgebiete wie politische Kommunikation oder Propaganda, Radikalisierung, Verhandlungsführungen und Konflikte.

 

Was ist ein aktuelles Forschungsprojekt von Ihnen?

In einem Projekt mit Kolleginnen und Kollegen aus Brüssel, den Niederlanden und Großbritannien untersuche ich die Besonderheit von Analogien bei historischen/politischen Konflikten. Woran denken Menschen zum Beispiel, wenn sie an den Zweiten Weltkrieg denken? Und inwieweit machen sich Politikerinnen und Politiker (bewusst oder unbewusst) solche automatisch aktivierten Konzepte zunutze?

 

Was war der ausschlaggebende Reiz für Sie, an diesem Projekt teilzunehmen?

Mein erster Eindruck zu diesem TV-Projekt war eine Mischung aus Stirnrunzeln und kindlicher Neugier. Dass so ein Format gerade in Deutschland heikel ist und somit vielversprechend erscheint, um das Thema "sozialen Einfluss" auf gesellschaftspolitischer Ebene in den Fokus zu rücken, hat mich unmittelbar gereizt.

 

Auch in der Psychologie werden vielfach Untersuchungen mit Teilnehmern gemacht. Was ist der Unterschied zwischen einer derartigen Untersuchung und dem Fernsehformat?

"Diktator" ist ein Einblick in das, was passieren kann, wenn bestimmte Einflüsse wirken. Mit einem klassischen Experiment in der Psychologie ist die Produktion jedoch nicht zu vergleichen, weil wir keine Erkenntnisse daraus ableiten und auf bestimmte Variablen zurückführen können.

 

Als Psychologin haben Sie das Projekt über eine Woche beobachtet und für die Zuschauer und Zuschauerinnen einordnend kommentiert. Gab es für Sie einen oder mehrere überraschende Momente, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Es wäre vermessen, wenn ich sagen würde: "Das habe ich alles gewusst, dass das genau so passiert!" – Dennoch konnten wir in der Tat einige Phänomene wie aus dem Sozialpsychologie-Lehrbuch beobachten und für die Zuschauerinnen und Zuschauer einordnen. Nur, ob die Straße nass ist, weil es geregnet hat oder weil jemand einen Eimer Wasser ausgekippt hat, das wissen wir nicht. Wir können also nicht bestimmen, worauf genau das Verhalten X oder Y eines Individuums zurückzuführen ist. Dafür sind zu viele unkontrollierte Variablen im Spiel gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Effekte sichtbar werden, die sehr häufig in bestimmten Situationen auftreten, war bei "Diktator" in einigen Situationen jedoch relativ groß.

 

Was kann das Social Factual "Diktator" im besten Fall erreichen?

Das Format kann nachdenklich stimmen – über Staatsformen, Macht und Machtmissbrauch. Es kann einen politischen Diskurs, sowie wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussionen anregen. Und aus Gedanken können Taten folgen – so mögen vielleicht weitere Ideen entstehen, die darin münden, dass Wissen über psychologische Mechanismen, die Geschichte des eigenen Landes und politische Systeme spannend vermittelt und diskutiert wird.

 

Fragen an Dr. Jonas Rees:

Was war der ausschlaggebende Reiz für Sie an diesem Projekt teilzunehmen?

Als Forscherinnen und Forscher verbringen wir viel Zeit im berühmt berüchtigten "Elfenbeinturm Uni", feilen an Theorien, schreiben Bücher und Artikel. Das ist ein wichtiger Teil von dem, was wir tun. Aber mindestens genauso wichtig finde ich, dass sich all die Theorie auch in der "wahren Welt" bewährt, Phänomene im Alltag zu erklären hilft, öffentliche und gesellschaftliche Diskussionen anstößt oder zumindest dazu beiträgt. Das Fernsehprojekt war für mich reizvoll, weil es die Möglichkeit bot, sozialpsychologische Theorien und Forschung auf konkretes Verhalten in einem gesellschaftspolitisch relevanten Kontext anzuwenden und dabei auch noch verständlich zu erklären. Das alles unter einen Hut zu bekommen, schien mir von Anfang an eine große Herausforderung und ein ambitioniertes Projekt – aber das sollte kein Grund sein, es nicht umzusetzen.

 

Auch in der Psychologie werden vielfach Untersuchungen mit Teilnehmern gemacht. Was ist der Unterschied zwischen einer derartigen Untersuchung und dem TV-Format?

Bei einer Auflistung aller Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie strenger Auslegung würde man sicherlich zu dem Ergebnis kommen, dass es weit mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen dem "Experiment" im Rahmen des Fernsehformats und einem typischen Experiment gibt, wie wir es im Labor durchführen. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung: Ich würde das "Experiment" eher als Anschauungsmaterial verstehen, wie sich eine Gruppe von acht jungen Menschen unter nicht alltäglichen Umständen in einer künstlichen "Diktatur" entwickelt. Einige Prozesse, die für Gruppen und Individuen, die Teil einer Gruppe werden, ganz typisch sind, zeigen sich und andere nicht. Woran genau das jeweils liegt, lässt sich in diesem Kontext nicht sagen. Menschen sind eben keine Roboter, an denen man einen Knopf drückt und eine bestimmte Reaktion erzeugt, sondern sie sind emotional, machen sich Gedanken und machen oft nicht das, was die Theorie vorhersagen würde – zum Glück.

 

Als Psychologe haben Sie das Projekt über eine Woche beobachtet und für die Zuschauer und Zuschauerinnen einordnend kommentiert. Gab es für Sie einen oder mehrere überraschende Momente, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Als Forscherinnen und Forscher befassen wir uns in der Sozialpsychologie oft mit Konflikten, Vorurteilen und all den negativen Folgen, die unsere Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen haben kann. Ich fand es toll, dass das Projekt auch zeigt, wieviel positives Potenzial in Gruppen steckt.

 

Was kann ein Fernsehformat wie dieses im besten Fall erreichen?

Wir vergessen oft, was für ein Privileg es ist, in einer Demokratie zu leben, dabei ist das gar nicht so selbstverständlich. Ganz im Gegenteil: Unsere Demokratie wurde hart erstritten und erkämpft und natürlich besteht das Risiko, dass sich Demokratien wieder zu unterdrückerischen Regimen oder Diktaturen entwickeln. Weltweit wurden und werden Menschen in nichtdemokratischen Regimen unterdrückt, ihrer Freiheiten und ihrer Würde beraubt – das dürfen wir nie vergessen. Ich würde mir wünschen, dass das Format zur Diskussion und zum Nachdenken anregt. Darüber, in was für einer Gesellschaft wir leben und – vielleicht noch wichtiger – in was für einer Gesellschaft wir leben möchten.

Kameramann Frank Irlenborn über die Besonderheiten seiner Arbeit in diesem Projekt 

Was war die größte Herausforderung bei diesem Projekt?

Eine eigene Bildsprache innerhalb einer Dokumentation zu finden und beizubehalten, ist eine große Herausforderung. Viele Dinge, die wir uns auf dem Papier überlegen, müssen in der Realität nicht funktionieren.

Unser Ziel war es, die einzelnen Teilnehmer und Teilnehmerinnen dieses Fernsehformats in den Mittelpunkt zu setzen. Das ist tatsächlich wörtlich zu verstehen. Wir entschlossen uns, die Personen möglichst immer mittig im Bild zu platzieren. Dieses Vorgehen widerstrebt einem Kameramann/-frau zunächst, weil wir normalerweise den ästhetischen Konventionen folgen und die Personen in den goldenen Schnitt setzen würden. Aber die mittige Platzierung einer Person schafft eine besondere Atmosphäre der „Isolation“ und „Losgelöstheit“. Plötzlich ist da zu viel Raum um die Person und die Bindung an Gegenstände und das „framing" des Fernsehbildes fehlt. Das ist bildlich ein Stolperstein, eine Irritation, die das Interesse des Zuschauers auf die Person lenken soll.

Ich bin sehr dankbar, dass ich mit zwei sehr erfahrenen Kolleginnen im Projekt arbeiten durfte, die, auch unter schwierigen Bedingungen, den Fokus auf dieses Konzept beibehielten.

 

Wie schwierig war es, den Moment einzufangen?

Nicht auf die Inhalte zu reagieren, war bei diesem Dreh sehr wichtig. Schon in der Planung erkannten wir, was für ein falsches Signal es sein kann, die Kamera erst dann zu schultern und zu starten, sobald wichtige Inhalte zum Gespräch kommen. Für die Handelnden am Drehort wäre es das völlig falsche Signal gewesen, wenn unser Interesse sich plötzlich bemerkbar gemacht hätte. Ein Teilnehmer hätte sich in dem Moment der gesteigerten Kamera-Aktivität denken können: "Aha, jetzt habe ich etwas gesagt, was die Fernsehmacher irgendwie interessant finden, dann passe ich lieber mal auf, was ich da so von mir gebe“.

Deshalb haben wir - mit der stoischen Geduld von "Natur-Filmern" - unseren Fokus ständig auf den Protagonisten behalten und uns unser Interesse nicht anmerken lassen. Wir versuchten damit, uns der reizarmen Umgebung anzupassen. Bis hin zur Kleidungswahl der Kamerakollegen, von Kopf bis Fuß in schwarz, versuchten wir alles, um den handelnden Personen möglichst wenig Anreize zu verschaffen, alles unter der Prämisse: Wie schafft man eine Atmosphäre, in der die Personen vor der Kamera so wenig wie möglich beeinflusst werden? Wir haben versucht, einen Raum zu schaffen, in dem die Personen die Anwesenheit der Kameras schnell vergessen.

 

Was war die Besonderheit am Projekt „Diktator“?

Tatsächlich war die Konzeptionsphase sehr komplex. Je tiefer die Produzenten und ich in die Thematik dieses Formats einstiegen, desto mehr Fragen stellten sich uns.

Die wichtigste Frage war immer wieder: Wie minimieren wir eine Einflussnahme der Drehaktivitäten auf die handelnden Personen? Die Produzenten und ich waren uns einig, dass wir alle Mittel darauf überprüfen mussten, einen kleinstmöglichen „footprint“ zu hinterlassen. Beispielsweise entschlossen sich mein Oberbeleuchter und ich komplett auf den Einsatz von klassischem Filmlicht am „Diktator-Set“ zu verzichten. Wir installierten stattdessen eine Vielzahl von Leuchtstofflampen. Vorteil war, dass sich diese Beleuchtung homogen in das Interieur fügte und überdies eine nüchterne, sehr "downlightige" Atmosphäre schuf, die den fremdbestimmten Charakter des Sets stark unterstützte. Ebenfalls folgte die Wahl der Kamera dem Prinzip der kleinstmöglichen Einflussnahme.

Interview mit Produzent Oliver Fuchs

Fragen an Geschäftsführer der Bavaria Entertainment GmbH, der das Social Factual "Diktator" im Auftrag von ZDFneo produziert hat.

 

Warum waren Sie elektrisiert, das Format Produktion "Diktator" ins deutsche Fernsehen zu bringen?

Dieses TV-Format drängt sich aufgrund der besonderen Historie Deutschlands einfach auf, denn wer in Deutschland über Diktaturen nachdenkt, hat sofort die eigene Geschichte, das Dritte Reich und die DDR im Kopf. Und gleichzeitig ist das, was Diktatur möglich macht, auf brutale Weise sehr aktuell. Diese Sendung ist keine Zeitreise. So direkt, emotional und aktuell wurde das Thema Diktatur in Deutschland noch nie erzählt.

Auch der Blick um den Globus zeigt, dass selbst vergleichsweise freie Gesellschaften empfänglich sind für Ideologie und die Aushöhlung von Grundrechten. Selbst dort, wo Demokratie herrscht, finden Persönlichkeiten ein dankbares Publikum, wenn sie simple Botschaften an ihr Volk richten.

Geschichtsunterricht bleibt oft akademisch, aber dieses TV-Experiment macht die Diktatur-Erfahrung nachvollziehbar – gerade für jüngere Zuschauer.

In diesem Jahr wird in Deutschland gewählt. Aber Demokratie gibt es nicht gratis, Demokratie kann unbequem und kompliziert sein. Gerade deshalb ist es wichtig, sensibel zu bleiben.

 

Die Schweden haben das Format erfunden. In welchen Ländern Europas ist es bereits gelaufen?

Das Format lief 2014 zuerst in Schweden beim öffentlich-rechtlichen Sender SVT. Die Idee dazu kam einer TV-Firma aufgrund einer Studie, wonach ein Viertel der jungen Schweden es nicht wichtig finden, in einer Demokratie zu leben.

Das Experiment löste heftige Debatten in Schweden aus, denn die meisten Teilnehmer folgten ihrem Diktator ausnahmslos nur wenige stiegen aus. Auch in Norwegen, Belgien und den Niederlanden, wo das Format erfolgreich adaptiert wurde, ordneten sich die jungen Leute größtenteils ihrem Diktator unter.

Im schwedischen Sender SVT waren es die meistgesehenen Sendungen des Tages. Und in Belgien lag der Anteil der jungen Zuschauer weit über dem Sender-Durchschnitt.

 

Welche Besonderheiten mussten Sie für den deutschen Fernsehmarkt berücksichtigen?

Wir sind uns der besonderen Verantwortung bewusst, ein Format mit dem Titel „Diktator“ im deutschen TV-Markt zu machen. Uns ist es sehr wichtig, keinerlei schiefe Gleichnisse aufzubauen. Uns hat die Frage fasziniert, was konkret in Deutschland passieren würde: mit unseren ausgewählten, demokratisch gebildeten Teilnehmern und Teilnehmerinnen.

Wir wollten gerade in Deutschland überprüfen, ob und wie die Mechanismen einer Diktatur immernoch wirken könnten. Natürlich bedroht die TV-Diktatur nicht das Leben der Bürger. Es ist umso erstaunlicher, dass die Bürger des TV-Experiments in so vielen Ländern dennoch ihrem Anführer gefolgt sind.

Viele neigen dazu, mit dem Finger auf frühere oder andere Gesellschaften zu zeigen. Das Format lehrt uns: Das ist falsch! Was eine Diktatur ermöglicht, steckt in uns: Wir haben Hunger nach Anerkennung von Autoritäten, wir befolgen Regeln und wenn wir als Gruppe geeint werden, werfen wir unsere Werte auch mal über Bord.

 

Welche Herausforderungen mussten Sie bei der Produktion bewältigen im Vergleich zu anderen Formaten, die Sie initiiert oder auf den Bildschirm gebracht haben?

Eine große Herausforderung für unser Team war die Suche nach einer passenden Location für die „Diktatur“. Die Stimmung der Räume prägt die Wahrnehmung des Experimentes sehr. Wir wollten nicht in einer historischen Location drehen, denn das Experiment sollte im Hier und Jetzt stattfinden. Zeitlos, karg und neutral sollte es sein, mit gleich großen Schlafräumen, ohne wie ein Gefängnis zu wirken. Ein über 40 Jahre altes Bürogebäude in einem Industriegebiet bot all das, auch Platz genug für Team, Logistik und Regie.

Aber auch die inhaltliche Arbeit ist für das ganze Team sehr spannend und aufreibend. Wir brechen relevante gesellschaftliche Fragen radikal herunter auf die Erfahrung von Einzelnen. Wir erzählen ein mehrere Tage andauerndes Experiment sehr direkt, sehr nah, sehr emotional und komprimiert in vier Sendungen.

Hinter den Kulissen bewegen wir uns in der Produktion die gesamte Zeit auf zwei Ebenen: Was macht der TV-Diktator als nächstes? Und wie reagieren die Bürger auf die Handlungen des Diktators?

Insgesamt wussten wir nicht, wie das Experiment verlaufen würde. Es hätte auch am ersten Tag schon vorbei sein können.

 

 

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