Copyright: ZDF / Kerstin Stelter
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Ein Kind wird gesucht

Der Fernsehfilm der Woche

Heino Ferch, Felix Kramer, Silke Bodenbender, Johann von Bülow und Felix Kramer (Foto von links) spielen die Hauptrollen in Urs Eggers "Fernsehfilm der Woche". Er erzählt den spektakulären Kriminalfall um einen vermissten Jungen, bei dessen Ermittlungen der Kommissar und seine Sonderkommission weder Kosten noch Mühen scheuen. Die Autoren orientierten sich unter anderem an Einzelheiten aus dem wirklichen "Fall Mirco". Sie zeigen die Realität der Polizeiarbeit und das Leiden der betroffenen Familie.

  • ZDF, Montag, 22. Oktober 2018, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Sonntag, 21. Oktober 2018, 10.00 Uhr abrufbar

Texte

Statement der Redaktion

Eine Ausnahme in der Krimi-Landschaft

Die meisten Fernseh-Krimis handeln von Polizeiarbeit. Aber sie zeigen sie nicht. Dass die realistische Darstellung der sachlich-minutiösen Suche nach einem Mörder und des gewaltigen Aufwandes sehr spannend sein kann, zeigt das Kriminaldrama "Ein Kind wird gesucht". Es bewegt das große Engagement, ja, die Leidenschaft, mit der die Ermordung eines Kindes aufgeklärt wird. Unter anderem musste die Innenausstattung von 4000 Autos abgeklebt werden, um DNA-Spuren zu bekommen, wurden auch die Eltern des Kindes einem scharfen Verhör unterzogen, und Tornados der Bundeswehr mit Wärmebildkameras flogen das in Frage stehende Gelände ab.

Krimihandlungen sind in der Regel erfunden. "Ein Kind wird gesucht" basiert im Gegensatz dazu auf einem realen Fall, der Ermordung des zehnjährigen Mirco in Nordrhein-Westfalen. Das Drama nimmt eine zweite, selten gesehene Perspektive ein, die der Eltern des Kindes, die auf eine bewundernswerte Weise den Tod ihres Kindes verarbeitet haben. Oft als unzeitgemäß und weltfremd abgetane Religiosität zeigt damit ihre ganze Kraft für Menschen, die sie leben.

Heino Ferch verkörpert ideal den "realen" Kripo-Kommissar Ingo Thiel, der aufgrund seiner Fahndungserfolge einen schon legendären Ruf hat. Mit Silke Bodenbender und Johann von Bülow konnten zwei weitere ausgezeichnete und populäre Schauspieler für die Rollen der Eltern gefunden werden.

Die Autoren Katja Röder und Fred Breinersdorfer, der Produzent Nils Dünker und der Regisseur Urs Egger haben den Film in engster Zusammenarbeit mit der Polizei und der Familie entwickelt und erstellt. Er zeigt, dass die Fiktionalisierung eines realen Falles unter Verzicht auf gängige "emotionalisierende" Krimimuster ausgesprochen emotional und packend sein kann.

Günther van Endert
(ZDF-Redaktion Fernsehfilm/Serie I)

Stab

Buch   Katja Röder, Fred Breinersdorfer
RegieUrs Egger
KameraLukas Strebel
Musik Ina Siefert, Nellis du Biel
Schnitt Benjamin Hembus
Szenenbild Pierre Pfundt
Produzent Nils Dünker
Co-ProduzentenEric Bouley, Christopher Sassenrath
RedaktionGünther van Endert

 

Eine ZDF-Auftragsproduktion der Lailaps Pictures GmbH         

Die Rollen und ihre Darsteller

Ingo Thiel     Heino Ferch
Sandra SchlitterSilke Bodenbender
Reinhard SchlitterJohann von Bülow
Ecki-Mario EckartzFelix Kramer
Beate JürgensJulika Jenkins
Gerhard JägerChristian Beermann
Winfried KarlsRonald Kukulies
Tim KollerMoritz Führmann
Konstanze Weiß Annina Hellenthal
PastorThomas Limpinsel
und andere

Inhalt

Urs Egger hat mit Heino Ferch, Silke Bodenbender, Johann von Bülow und Felix Kramer in den Hauptrollen einen bewegenden "Fernsehfilm der Woche" inszeniert. Er erzählt den spektakulären Kriminalfall um einen vermissten Jungen, bei dessen Ermittlungen der Kommissar und seine Sonderkommission weder Kosten noch Mühen scheuen. Die Autoren orientierten sich unter anderem an Einzelheiten aus dem wirklichen "Fall Mirco". Sie zeigen die Realität der Polizeiarbeit und das Leiden der betroffenen Familie.

 

Nach seinem Fußballtraining fehlt vom zehnjährigen Mirco jede Spur. Der Kommissar Ingo Thiel gibt den verzweifelten Eltern das Versprechen, ihren Sohn um jeden Preis zu finden.

Thiel stellt kurzerhand die größte SoKo der Nachkriegsgeschichte auf die Beine. Eine zermürbende Suche beginnt, tausende Hinweise aus der Bevölkerung entgegengenommen. Als die Kleidung des Jungen verstreut gefunden wird, beginnen die letzten Hoffnungen zu bröckeln.

An einem Abend im Spätsommer 2010 kehrt der zehnjährige Mirco nicht wie gewohnt von seinem Fußballtraining zurück. Seine Eltern rufen alle Freunde und Verwandten an. Von ihm fehlt jede Spur. Mirco ist verschwunden.

Der zuständige Chefermittler Ingo Thiel ist selbst Vater zweier Söhne. Er ist emotional schwer getroffen und verspricht Mircos Eltern, ihren Sohn zurückzubringen. Dazu stellt er die größte Suchaktion der deutschen Nachkriegsgeschichte auf die Beine. Jede erdenkliche Spur wird verfolgt, tausende Hinweise aus der Bevölkerung entgegengenommen und ausgewertet. IT-Experten versuchen, die riesigen Datenmengen zu strukturieren, sogar die Luftwaffe der Bundeswehr scannt das Terrain mit Wärmekameras.

Es ist eine langwierige und zermürbende Suchaktion, doch Thiel motiviert sein Team immer und immer wieder, bloß nicht aufzugeben - stets mit Unterstützung der Familie des Opfers, die bei aller Verzweiflung in ihrem tiefen Glauben an Gott Halt findet.

Dann, als schon kaum jemand mehr an einen Fahndungserfolg glaubt und bereits laut über die Auflösung der SoKo nachgedacht wird, fügen sich dank Thiels versierten DNA und Datenexperten verschiedene Beweisstücke zusammen und der Täter kann gefasst werden. Er führt die Polizei zur Leiche des Kindes. Endlich - nach 145 Tagen - kann Ingo Thiel sein Versprechen gegenüber den Eltern von Mirco einlösen.

Statement der Drehbuchautoren Katja Röder und Fred Breinersdorfer

Am Anfang unserer Arbeit an diesem Projekt stand das Buch von Ingo Thiel, Chef der Sonderkommission im Fall Mirco, mit dem Produzent Nils Dünker von Lailaps Pictures auf uns Autoren zukam. Der Leitende Hauptkommissar schildert in seinem Buch detailliert die Ermittlungsarbeit der bis dato größten Soko Deutschlands. Die Faszination der Lektüre, die die ungewöhnliche und aufwendige, noch nie im fiktionalen TV gesehene Ermittlungsarbeit beschreibt, war eine ideale Arbeitsgrundlage. Denn genau hierin sahen wir von Anfang an die Chance, ein Stück deutsche Polizeiarbeit abseits von den uns vertrauten Kriminalformaten zu erzählen. Wir wollten einen wahren Fall in all seinen Details zeigen, ein großes Ermittlungsteam mit bis zu 100 Mitarbeitern, nicht die zwei Kommissare, die Fragen stellen und den Fall lösen. Ingo Thiel war ein ebenso geduldiger wie exzellenter Berater weit über den Text seines Buches hinaus.

Tatsächlich war die Arbeit der damaligen Sonderkommission Mirco in ihren Einzelheiten so aufwendig, dass deren Schilderung ein 90-Minuten-Format bei Weitem sprengen würde. Deshalb waren wir gezwungen, uns für bestimmte Ermittlungsdetails zu entscheiden, zum Beispiel die Suche nach dem Jungen anhand von Wärmebildkameras mit Tornados der Bundeswehr. Dafür verzichteten wir leider auf die Ermittlungsaktion in dem Kloster, in dem die Soko damals mit den Nonnen und Akustikexperten "Schreiproben" durchgeführt hat, um festzustellen, woher in der Nacht von Mircos Verschwinden vermeintliche Hilferufe gekommen sein könnten.

Es war unerlässlich mit Mircos Familie, den Schlitters, in Kontakt zu treten. Auch die Eltern haben ein Buch geschrieben, in dem sie schildern, wie sie mit  dem Verlust ihres geliebten Sohnes umgegangen sind und wie es ihnen schließlich durch ihren tiefen Glauben an Gott gelungen ist, dem Täter, der ihnen ihr Kind genommen hat, zu verzeihen. Eine Geisteshaltung, die einem Außenstehenden auf den ersten Blick verwirrend vorkommen mag, denn spontane Gefühle beim Tod eines Kindes sind wohl eher Wut, Hass und Rachsucht. Unsere Angst und Ehrfurcht waren entsprechend groß, als wir die Familie zum ersten Mal kennengelernt haben. Herzliche, liebevolle Menschen, bei denen man sich sofort wohlfühlt und nach und nach ihre von tiefem christlichem Glauben geprägte Haltung zu der fürchterlichen Tat versteht. Dennoch war die Umsetzung dieser tiefen Emotionen im Drehbuch alles andere als einfach.

Statement von Regisseur Urs Egger

Für mich als ein Regisseur, der sich eigentlich ausschließlich mit fiktionalen Projekten und allenfalls historischen Figuren beschäftigt, war dieses Projekt etwas ganz Besonderes.

Es war das erste Mal, dass ich den wirklichen Menschen begegnet bin, die ich in einem Film spiele. . Das bedeutete natürlich eine besondere Verantwortung und Erzählhaltung, die bereits im genauen und unaufgeregten Drehbuch von Katja Röder und Fred Breinersdorfer angelegt war.

Die Treffen mit den Eltern Schlitter und den beiden leitenden Kriminalhauptkommissaren Thiel und Eckartz waren intensiv, und ich habe mich natürlich gefragt, ob und wie ich ihnen gerecht werden können würde.

Die beiden Fahnder begeisterten mich sogleich mit ihrem – wie ich finde –  außergewöhnlichen Engagement, ihrer Professionalität, Ausdauer und ihrer Menschlichkeit. Das bestärkte mich darin, Arbeit und Emotionen dieser stillen Helden so detailreich wie möglich zu erzählen – ohne größere Dramatisierungen. Abseits der vielen TV-Krimiformate mit den formalen Mitteln eines Spielfilms fast dokumentarisch zu zeigen, wie mühselig und mitunter frustrierend diese Arbeit sein kann, darum ging es.

Sandra und Reinhard Schlitter zu begegnen, den Eltern des entführten und ermordeten Kindes Mirco, davor habe ich mich im Vorfeld etwas geängstigt. Was gibt es Schlimmeres, als ein Kind auf diese Weise zu verlieren? Wie diese Familie mit ihrem Verlust umgeht, das war dann sehr beeindruckend – für mich wie auch für die Darsteller Silke Bodenbender und Johann von Bülow.

Statement von Produzent Nils Dünker

Das Projekt "Ein Kind wird gesucht" begann für mich im Februar 2014. Damals trugen die beiden Ludwigsburger Produktions-Studenten Eric Bouley und Christopher Sassenrath die Idee an mich heran, das Sachbuch des damaligen Soko-Chefs Ingo Thiel im "Fall Mirco" zur Grundlage eines Kriminalfilms zu machen. Und es brauchte etwas jugendliche Leichtfüßigkeit, denn für mich als Vater von zwei Kindern in dem Alter, das Mirco damals hatte, war ich mir zunächst nicht sicher, ob ich mich mit diesem schweren Fall beschäftigen will und kann.

Im Zuge der persönlichen Gespräche mit Ingo Thiel, Mario Eckartz und ihren fähigen Kollegen bekam ich rasch einen Eindruck davon, wie vielschichtig, kreativ, nervenaufreibend, komplex und faszinierend diese kriminologische Arbeit ist. Zu wissen, dass es diese Topermittler gibt, und zu wissen, wie gut sie arbeiten, gibt einem selbst im Licht einer Tragödie wie der des vermissten Mirco Zuversicht. Die Tat konnte nicht verhindert, aber der Täter dank dieser exzellenten Profis gefasst werden.

Ich wollte den Film jedoch nicht nur aus der Perspektive der Ermittler erzählen. So kam es zu einem ersten und für mich wegweisenden Treffen mit Sandra und Reinhard Schlitter.  Wir saßen bei ihnen im Garten, es gab Kaffee und Erdbeerkuchen. Ich begegnete an diesem Tag einer bodenständigen, geeinten und heiteren Familie. Ich erinnere mich an die Klarheit und Gefasstheit, mit der die Eltern vom Verlust ihres Kindes erzählten, aber auch an die ansteckende Lebensfreude, an ihr greifbares, inspirierendes Bild von Gott – und ja, an diesem Nachmittag wurde auch ein ums andere Mal herzlich gelacht. Jetzt wollte ich diesen Film unbedingt machen.

Ich optionierte also die Verfilmungsrechte des biografischen Romans von Sandra und Reinhard Schlitter "Mirco – verlieren, verzweifeln, verzeihen" mit dem Ziel, beide Blickweisen zu zeigen. Der Versuch der privaten Bewältigung auf der einen und dem professionellen Einsatz, den Kriminalfall zu lösen, auf der anderen Seite. Es gab wohl selten passioniertere Ermittler als Ingo Thiel und sein Team, und es gibt vermutlich wenige Familien, die in ihrem schweren Schicksal so viel Halt in ihrem christlichen Glauben gefunden haben wie Reinhard, Sandra und ihre Kinder.

Aus den beiden Sachbüchern, aber auch aus den Abschriften der Urteile, Protokolle, Gerichts- und Beiakten formten die Autoren Fred Breinersdorfer und Katja Röder im Dialog mit Regisseur Urs Egger schließlich dieses sensible, handwerklich und erzählerisch beeindruckende Drehbuch

Es gibt einen Satz von Sandra Schlitter, der mich seither begleitet. "Wir hatten die Wahl, ein Leben lang zu hassen oder dem Täter zu verzeihen. An einem Leben voller Hass zerbrechen Seelen, zerbrechen Familien, daher haben wir uns für die Vergebung entschieden, auch wenn das für Außenstehende zunächst unvorstellbar klingt.“

Interview mit Heino Ferch (Rolle: Kommissar Ingo Thiel)

Herr Ferch, was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Ich habe mich natürlich noch an den Fall erinnert und wusste, worum es ging. Vor allem war mir im Gedächtnis geblieben, dass die Aufklärung unheimlich lange gedauert hat. Wenn dann auch noch Urs Egger, ein sehr guter Filmemacher mit eigenem Rhythmus und einem ganz eigenen Auge als Regisseur gesetzt ist und Fred Breinersdorfer als Autor auf dem Cover steht, dann gucke ich natürlich mit Freude ins Buch. Zuerst war ich überrascht, dass es so detailliert um die Ermittlerarbeit geht, aber der Film geht so pur und blank an die Menschen heran und schafft es, aus der Mischung von Inszenierung und visuellem Erzählen einen großen Sog aufzubauen. Das Ergebnis ist das, was ich "glamourös unglamourös" nenne. Das zu erreichen, ist große Kunst.

Welche Eigenschaft an Ihrem Charakter "Ingo Thiel" hat sie besonders angesprochen?

Mein Charakter Thiel lebt ja wirklich, Ingo und sein Partner "Ecki" sind nach wie vor Tag für Tag mit großen Fällen beschäftigt. Dann hatten wir die einmalige Möglichkeit, einen ganzen Tag mit Ingo und Ecki zusammen zu verbringen, was wirklich großartig war. Ingo zeichnet sich durch eine brachiale Leidenschaft für das aus, was er tut. Wenn er etwas verfolgt, dann ist er stoisch und stur, scheut auch nicht davor zurück, sich für ungewöhnliche Ermittlungsschritte einzusetzen.

Wie hilfreich war dieses persönliche Treffen für Ihre Arbeit an der Rolle?

Der gemeinsame Tag mit Ingo Thiel und Mario "Ecki" Eckartz war ein großes Geschenk: zu sehen, mit welchem leidenschaftlichen Engagement sie dabei sind, sie die Geschichte wieder aufweckt. Ich konnte beobachten, wie die beiden sich frotzeln, sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Ich habe einen Einblick bekommen, wie Thiel tickt, wofür er brennt. Solch eine Möglichkeit, "seine" Figur kennenzulernen, gibt es sonst nicht, das hat die Arbeit für mich wirklich besonders gemacht.

Gibt es Charakterzüge an Ihrer Filmfigur "Ingo Thiel", bei denen Sie Parallelen zu sich selbst feststellen?

Ganz klar die Leidenschaft für die Sache. Er für seine, ich für meine.

Macht es für Sie für einen Unterschied, eine rein fiktionale oder aber – wie in diesem Film – eine reale Figur zu spielen?

Bei einer rein fiktionalen Figur fehlen einem natürlich die Hintergrundinformationen zu dem Menschen, den man spielt. Dafür hat man aber alle Freiheiten, zusammen mit der Regie, die Figur aufzubauen und zu gestalten. Bei einer realen Figur hat man alle Hintergrundinfos, kann alles in sich aufsaugen. Da ist eher die Frage: Wie komme ich diesem Menschen möglichst nahe? Ingo Thiel und ich sind von der Staturher doch unterschiedlich, aber mit den raspelkurzen Haaren und einem Dreitagebart haben wir quasi ein "Look-Zitat" erschaffen, und ich wurde zu dem kettenrauchenden, sturen Hund.
In meinem Beruf bin ich mit beidem – sowohl fiktional als auch realen Figuren – gerne unterwegs. Dadurch, dass ich Ingo Thiel so kennenlernen durfte, konnte ich eine Menge Impulse in die Figur hineingeben.

Im Film sagt Ihre Figur Thiel: "Dieses Gequatsche über Gott bringt doch nichts" und meint damit die tiefe Gläubigkeit der Eltern des Jungen.

Zunächst hat Thiel durch seine Arbeit ganz klar eine faktische Realitätstreue. Er sieht, analysiert und zieht daraus seine Erkenntnisse. Das hat wenig mit Glauben zu tun.

Aber er ist auch beeindruckt, wie die Schlitters mit der Situation umgehen, das ist außergewöhnlich und bemerkenswert. Durch Mircos Eltern wird er mit dem Glauben konfrontiert, und das macht ihm auch Angst, das will er wegschieben.

Was treibt Ihre Figur Thiel an, die Soko über einen so langen Zeitraum aufrecht zu erhalten? Will er den verzweifelten Eltern Gewissheit bringen oder tut er es mehr für sich selbst, weil er nicht mit ungeklärten Fällen leben kann?

Thiel hat eine Menge Erfahrung und auch großen Erfolg mit seiner Arbeit. Er hat ein untrügliches Bauchgefühl, weiß genau, was er durchziehen will. Wenn er den Apparat runterfährt, geht ihm vielleicht etwas durch die Lappen. Also ist er stur und geht alle Indizien wieder und wieder durch – letztlich gibt ihm der Erfolg recht.

Was war für Sie die emotional stärkste Szene im Film?

Als Sandra Schlitter bei "Aktenzeichen XY ungelöst" einen verzweifelten Aufruf macht, man möge ihr ihr Kind zurückgeben, und wir uns als 40-köpfiges SokoTeam vor dem Fernseher versammeln und zuschauen. Silke Bodenbender hat das so brillant gespielt, so pur und blank, da hatten wir alle Tränen in den Augen. Das ist eine der stärksten Szenen im Film.

Das Interview führte Karoline van Baars.

Interview mit Silke Bodenbender (Rolle: Sandra Schlitter)

Frau Bodenbender, Sie spielen im Film die Mutter des vermissten Jungen – was war für Sie die besondere Herausforderung?

Es ist immer etwas Besonderes, Rollen zu spielen, die sich an wirklichen Personen orientieren. Einerseits muss die Figur im Film funktionieren, andererseits ist da aber auch immer eine große Verantwortung gegenüber dem Vorbild – das kann man natürlich nicht eins zu eins wiedergeben .Man will es auch nicht immer, weil jeder noch so dokumentarische Spielfilm doch ein fiktionales Werk ist, das auch für sich alleine steht. In diesem Fall war es mir aber wichtig, die Rolle nicht frei zu interpretieren, sondern Frau Schlitter möglichst nahezukommen – mit Hilfe ihres Buches, ihrer Talkshow-Auftritte, vor allem aber über das persönliche Gespräch mit ihr.

Das, was der Familie Schlitter passiert ist, ist der Albtraum aller Eltern. Sie sind selbst Mutter – wie haben Sie es geschafft, die Emotionalität der Rolle und Ihre privaten Gefühle zu trennen?

Das Schicksal der Familie hat mich sehr berührt, so wie es wahrscheinlich jede andere Mutter auch berührt. Nachdem ich mich intensiv mit dem befasst habe, was der wirklichen Familie Schlitter passiert ist und wie insbesondere Frau Schlitter mit alldem umgegangen ist, habe ich mich dann aber ganz auf die Rolle konzentriert, um deren Emotionalität aus ihr heraus zu spielen. Meine privaten Gefühle bleiben dann außen vor, ich erlebe alles als die Figur, die ich spiele, ohne sie von außen zu sehen und zu bewerten.

Am Ende wird das zur Gewissheit, was im Grunde schon früh klar war: Mirco ist tot. Wie wichtig ist es für die Mutter, sich von ihrem toten Kind verabschieden zu können?

Der Zustand der nicht endenden Suche wird für alle Beteiligten – und für die Familie am meisten – immer unerträglicher, weil am Ende nur diese Gewissheit stehen kann. Gäbe es einen Funken Hoffnung, wäre das vielleicht anders. Erst als ihr Sohn gefunden wird, kann sie wirklich Abschied von ihm nehmen und vielleicht anders trauern.

Das Interview führte Karoline van Baars.

Interview mit Johann von Bülow (Rolle: Reinhard Schlitter)

Herr von Bülow, wie wichtig war für Sie, dass der Film eine wahre Geschichte erzählt?

Ausschlaggebend für meine Zusage war es nicht, aber zu wissen, dass sich hinter den Figuren, die wir verkörpern, Menschen befinden, die diese Geschichte so erlebt haben, gibt einem ein Gefühl der besonderen Verantwortung. Deshalb habe ich, wie die anderen Schauspieler auch, mich mit den realen Personen im Vorfeld der Dreharbeiten getroffen, um möglichst viel über sie zu erfahren.

Wie haben Sie für sich die Rolle "Reinhard Schlitter" angelegt?

Der echte Reinhard Schlitter hat mir zunächst erzählt, dass er ein wenig unglücklich mit der Darstellung seiner Person im Drehbuch sei. Aus Gründen der größeren dramaturgischen Spannung wollten die Autoren ihn nämlich stärker an Gott zweifeln lassen, als er das tatsächlich tue. Es ging dann in den Gesprächen, die ich mit ihm und seiner Frau hatte, sehr viel um Glauben, um Gott und um Zweifel. Das waren interessante Gespräche, sehr bereichernd auch für mich selbst. So ist am Ende ein wenig mehr vom Gottvertrauen des echten Reinhard Schlitter in der Rolle gelandet, als ich gedacht hätte. Aber seine Verzweiflung und sein Hadern mit Gott bleiben immer präsent.

Das eigene Kind verschwindet, man vermutet ein Gewaltverbrechen, die Suche bleibt über 140 Tage erfolglos, bis der Leichnam gefunden wird. Welche emotionalen Stufen durchleben die Eltern und speziell der Vater?

Es gehört sicher zu den schrecklichsten Dingen, die man erleben kann, wenn das eigene Kind in Not ist und man ihm nicht helfen kann. Aber besonders schlimm ist es, wenn die Ungewissheit, ob das Kind noch am Leben sein könnte, an einem nagt. Die Trauer legt sich über die ganze Zeit um einen – wie eine dunkle Decke, aus der es kein Entrinnen gibt. Deshalb ist der Moment so bedeutsam, wenn die Polizei den Mörder am Ende dazu bringen kann, den Ort zu benennen, an dem das Kind vergraben wurde. Erst dann können die Eltern sich verabschieden.

Können Sie nachvollziehen, dass Menschen aus dem Glauben so viel Kraft und Mut schöpfen, dass sie auch die schrecklichsten Erlebnisse überstehen, ohne daran zu zerbrechen?

Ich habe zumindest in den Gesprächen mit den Schlitters Menschen erlebt, die aufgehoben sind in einer Gewissheit über die tröstliche Existenz eines allgegenwärtigen Gottes, die mir durchaus Bewunderung abringt. Ich selbst hadere deutlich mehr mit dem Glauben. Ich bin da eher Agnostiker und wäre in so einem Fall darauf angewiesen, meine Kraft aus anderen Quellen zu speisen.

Gibt es eine Szene im Film, die Ihnen besonders nahegegangen ist?

Ja, der Moment, in dem die Eltern im Fernsehen an den Entführer appellieren, ihren Sohn freizulassen. Das ist schon schwer auszuhalten, wenn man es im Original ansieht. Als wir diesen Moment dann noch mal bei den Dreharbeiten nacherlebt haben, ist das mir und sicher auch allen anderen im Team sehr nahegegangen.

Das Interview führte Karoline van Baars.

Interview mit Felix Kramer (Rolle: Mario Eckartz)

Herr Kramer, Sie spielen im Film den Partner von Soko-Leiter Ingo Thiel. Was hat Sie an dieser Rolle besonders gereizt?

Die Rolle "Ecki" ist die Rolle eines Assistenten par excellence, agiert auf höchstem kriminalistischem Niveau. Er parkt sein Ego draußen vor der Tür. Ecki ist ein Arbeitstier und klärt auf. Dieses Zurückhaltende an der Figur war für mich die größte Herausforderung, aber gleichzeitig auch das Reizvolle an ihr, darüber hinaus natürlich die Zusammenarbeit mit Heino Ferch und Regisseur Urs Egger.

Haben Sie den Soko-Ermittler, den Sie spielen, persönlich kennengelernt?

Ich hatte glücklicherweise die Möglichkeit, den echten "Ecki" kennenzulernen. Ein grundsympathischer Typ. Schnell, eloquent und besessen von seiner Arbeit. Ich habe versucht, diese Eindrücke in meine Arbeit einfließen zu lassen. Ob mir das gelungen ist, können nur er, seine Freunde und Kollegen beantworten. Er machte mir das Angebot, ihn jederzeit anzurufen, sollte ich Fragen haben. Der allererste Dialog im Film zwischen Ingo und Ecki stammt aus einem Telefonat mit ihm. Das sind nur vier kurze Worte, aber die treffen ins Schwarze.

Was macht das Team Thiel/Eckartz aus Ihrer Sicht aus?

Die totale Abwesenheit von Eitelkeiten. Beide sind positiv bekloppt und haben den unbedingten Willen, den Fall zu lösen. Nicht ohne Grund hat das Team Thiel/Eckartz eine Aufklärungsrate von 100 Prozent.

Gibt es eine Szene im Film, die Ihnen ganz besonders nahe gegangen ist?

Als Mircos Mutter die Kripo besucht und Weihnachtsgeschenke verteilt. Für mich das berührendste Bild im ganzen Film.

Das Interview führte Karoline van Baars.

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