Copyright: ZDF/Kai Schulz - Collien-Ulmen-Fernandes in "Generation Helikopter-Eltern?"
Copyright: ZDF/Kai Schulz - Collien-Ulmen-Fernandes in "Generation Helikopter-Eltern?"

Generation Helikopter-Eltern?

Zweiteiliges Social Factual mit Collien Ulmen-Fernandes

In "Generation Helikopter-Eltern?" geht Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes der Frage nach, wann elterliche Fürsorge zur Bevormundung wird.

Hören Sie unten Collien Ulmen-Fernandes im Interview. Bitte bachten Sie: Es handelt sich dabei um eine Audio-, nicht um eine Videodatei.

  • ZDF neo, Donnerstag, 5. Dezember 2019, 20.15 Uhr - als Doppelfolge
  • ZDF Mediathek, Ab Donnerstag, 5. Dezember 2019, 10.00 Uhr

Texte

Stab

Produktion                   Fabiola GmbH
Produzent          Oliver Fuchs, Ina Eck
Producer            Max Serges
Autoren              Malin Büttner, Peter Niggemann
Kamera               Florian Brückner
Schnitt               Christian Böttger, Elisabeth Raßbach
Herstellungsleitung       Jennifer Neus
1. Aufnahmeleitung        Isabel Köhler
Produktion ZDFneo         Katrin Lachmann
Redaktion ZDF                Brigitte Duczek, Katharina Kuchenbuch
Koordination ZDFneo    Fabian Strauß
Länge   2 x 45 Minuten

Inhalt

Helikopter-Eltern wird nachgesagt, dass sie ihr Kind umschwirren wie ein Hubschrauber und es von jeglichen Schwierigkeiten fernhalten. Kinder hingegen brauchen Herausforderungen, um daran zu wachsen. Ein offensichtlicher Widerspruch. Doch wo liegt der Grat zwischen liebevoller Fürsorge und beengender Bevormundung?

In "Generation Helikopter-Eltern?" zeigt Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes, in spielerischen Aktionen und wissenschaftlichen Experimenten, wie Kinder und Eltern aufeinander reagieren.

Ziel dieses Sozialexperiments ist es, innerhalb der Lebens- und Lernwelt von Kindergarten- und Grundschulkindern zu zeigen, in welchen Phasen die Selbstständigkeit zunimmt und wo Eltern gefordert sind, Zurückhaltung zu üben. Es zeigt aber auch, welchen Ablösungsprozess Eltern durchmachen müssen. Denn mal fällt es ihnen leichter, mal schwerer, ihren Kindern Raum zu geben, eigene Entscheidungen zu treffen und sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln.

Inhalt Folge 1

In deutschen Großstädten werden Schülerinnen und Schüler von ihren Eltern häufig mit dem Auto punktgenau bis zum Schultor gebracht. Dabei parken sie nicht selten die Straße zu und bringen andere Kinder in Gefahr. Insbesondere Schulleiterinnen und -leiter von Grundschulen finden wenig Verständnis, wenn sie auf diese Vorgehensweise hinweisen oder das Parken vor der Schule sogar verbieten. Denn der Schulweg selbst wird von einigen Eltern schon als Bedrohung gesehen und sie fühlen sich durch zahlreiche Meldungen über verunglückte Kinder verunsichert. Stimmen die Unfallzahlen und Unfallursachen mit den elterlichen Sorgen überein? Die Statistiken zeigen überraschende Ergebnisse.

Mit welchen Gefühlen und Erwartungen Mütter und Väter ihren Kindern begegnen, darüber hat die Wissenschaft interessante Erkenntnisse gewonnen. In einem eindrucksvollen Experiment zeigt das Social Factual, wie sich die Angst der Eltern aufihr Baby übertragen kann, ohne dass sie sich dessen bewusst sind.

Macht Frühförderung Sinn? Sollen Kinder möglichst viel so früh wie möglich lernen? Oder ist Langeweile der Kraftstoff, der Jungen und Mädchen zu intelligenten und kreativen Eroberern ihrer Welt macht? Dazu hat die Hirnforschung spannende Untersuchungen durchgeführt. Was passiert in einer Familie, wenn das gesamte Spielzeug für eine Zeit weggepackt wird? Und was können Kinder tun, damit ihr Gehirn so richtig in Fahrt kommt?

Inhalt Folge 2

Vom Babyphone bis zur Tracking-App: Es gibt zahlreiche Produkte, die Kinder rund um die Uhr "bewachen". Die Industrie lässt sich bei solchen Produkten eine Menge einfallen. Doch was ist wirklich sinnvoll und ab wann schadet die "Überwachung" dem Kind in seiner Entwicklung, weil es ihm jeden Freiraum nimmt, unbeobachtet Entdeckungen zu machen und sich selbst auszuprobieren?

Eltern machen sich viele Sorgen um ihre Kinder und suchen häufig Hilfe in Ratgeberliteratur oder im Netz. Kinder haben aber durchaus ein Gespür dafür, Dinge einzuschätzen, die sie selbst betreffen. In einer von ihnen selbst gebauten "Ratgeberbude" werden die Rollen getauscht: Kinder werden zu Experten und beraten Eltern in Erziehungsfragen. Das verspricht spannende Einsichten in eine Welt, die so mancher Erwachsene wieder für sich entdecken muss.

Kinder lieben es, sich auszuprobieren und Eltern fürchten, nicht immer zu Unrecht, dass sie sich dabei übernehmen. In einem Kletterwald zeigen die Kinder einer Grundschulklasse, mit wie viel Mut sie bei der Sache sind und dass Eltern sich weniger Sorgen machen müssen, weil Kinder oft über eine gute Selbsteinschätzung verfügen. Eine Aktion, bei der beide Seiten voneinander lernen können.

"Dieser Helikopter steckt irgendwie in uns allen." Collien Ulmen-Fernandes im Audio-Interview

Hier hören Sie das downloadbare Interview

Was hat Sie gereizt, sich mit der „Generation Helikopter-Eltern" auseinanderzusetzen?

Ich habe ja vorher für das ZDF "No more Boys and Girls" gedreht und nach der Dokumentation haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, welches aktuelle Phänomen könnte man noch angehen. Da fiel uns sofort dieses Thema ein, weil es eben zum jetzigen Zeitpunkt, in unserer gefühlten Wahrnehmung, sehr aktuell war und auf jeden Fall ein Thema war, dem wir uns alle unbedingt nähern wollten.

 

Was genau sind denn eigentlich Helikopter-Eltern – oder ist das gar nicht so einfach und genau zu definieren?

Das Interessante ist ja, niemand möchte es sein. Alle, die ich als Helikoptereltern kategorisieren würde, sagen "Nein, auf gar keinen Fall sind wir Helikoptereltern". Unsere Experten haben da ein paar Merkmale genannt, deren Meinung nach, sie auf jeden Fall in die Kategorie Helikoptereltern fallen.

 

Sie sind selbst Mutter einer Tochter würden Sie sich denn selbst, zumindest in Ansätzen, als Helikopter-Mama bezeichnen?

Ich glaube, ein bisschen Helikopter sind wir alle. Das ist mit den Dokumentationen grundsätzlich wichtig, dass man auch bei sich selbst guckt, wo man selbst vielleicht zu helikopterisch ist. Wo ist es noch ok? Ab wann fängt es an, schwierig für mein Kind zu werden? Da gibt es Bereiche, in denen es besser für das Kind wäre, wenn die Eltern mehr loslassen würden. Das können unsere Experten in der Sendung richtig toll einordnen, und deswegen sollte man sich diese Sendung auf jeden Fall anschauen.

 

Welche extremen Beispiele von Helikopter-Eltern haben Sie denn während der Dreharbeiten zur Doku kennengelernt?

Großes Thema gerade: Elterntaxi. Das kennt man, glaube ich, an sämtlichen Schulen. Früher sind 91 Prozent der Grundschulkinder zu Fuß zur Schule gelaufen, mittlerweile sind es, je nach dem, wen man zitiert, 50 Prozent und 70 Prozent, die gefahren werden. Da gibt es unterschiedliche Zahlen. Es ist auf jeden Fall klar, dass deutlich mehr Kinder gefahren werden, als früher. Also nur noch zwanzig Prozent der Grundschulkinder laufen selbst zur Schule. Das ist an vielen Schulen ein großes Problem, weil die Elterntaxis eben auch die anderen Kinder, die zu Fuß kommen, gefährden.

 

Das Phänomen der Helikopter-Eltern gab es so ausgeprägt früher nicht. Warum glauben Sie, nimmt die übertriebene Fürsorge der Eltern heutzutage so immens zu?

Dazu gibt es ganz viele Antworten. Früher war das Phänomen nicht so ausgeprägt, weil man mehr Kinder hatte. Mittlerweile geht der Trend zur Ein-Kind-Familie, und dieses eine Kind wird extrem überbehütet. Das ist unter anderem ein Grund, warum mehr Eltern helikoptern.

 

Kinder brauchen die Erfahrungen, auch mal Fehler zu machen und auf die Nase zu fallen. Aber welche Rolle spielt denn dabei, welche Art von Kind ich habe ein ruhiges, schüchternes oder einen echten Draufgänger zum Beispiel?

Ich glaube, egal, wie das Kind ist, Eltern sollten loslassen lernen. Wir hatten ein Experiment in der Sendung, da hatten wir einen Raum aufgebaut, in dem unter anderem eine Sprossenwand war und unter dieser Sprossenwand war eine sehr dicke Matratze. Kein Kind konnte sich in diesem Raum verletzen. Wir wollten einfach einmal das Verhalten der Eltern beobachten. Wir haben die Kinder mit ihren Eltern in den Raum gebeten, die Kinder sind alle auf diese Sprossenwand zu und sind da hochgeklettert. Viele Kinder haben gesagt "alleine machen, Mama, ich schaffe das alleine, Papa, ich schaffe das alleine". Trotzdem waren die Eltern die ganze Zeit mit ihren Händen an den Kindern und haben die Kinder nicht sich selbst überlassen. Wir haben das Ganze dann von unseren Experten einordnen lassen, die natürlich sagten, es wäre viel besser für die Kinder gewesen, sich das selbst zu erarbeiten. Selbst wenn sie runter fallen, ist das nicht schlimm, weil das zum Lernprozess dazugehört. Weil sie dadurch lernen, was sie beim nächsten Mal anders und besser machen können. Viele Eltern berauben ihre Kinder dieser Erfahrung.

 

Was haben Sie denn während der Dreharbeiten für die Doku für sich persönlich gelernt?

Es war natürlich ein Erkenntnisgewinn. Wir waren zum Beispiel auf der Kind- und Jugendmesse, wo es in diesem Jahr 151 Aussteller zu den Themen Sicherheit und Überwachung gab. Es ist völlig absurd, was es dort alles gibt. Zum Beispiel gab es da einen Chip, den man an die Windel macht und dieser Chip informiert das Eltern-Handy per App darüber, wenn die Windel voll ist. Ich kann aus meiner Erfahrung als Mutter mit einem Baby sagen, das merkt man schon ganz gut alleine wenn die Windel voll ist. Man braucht dafür keinen Chip und keine App. Genauso gibt es eine Trinkflasche, die einem immer aufs Handy schickt, wie viel das Kind getrunken hat. Ich kenne das so: die Trinkflaschen sind durchsichtig, dort sind Striche eingezeichnet, man sieht hier einmal 200 Milliliter, 100 Milliliter. Wenn die 200-Milliliter-Flasche halbvoll ist, wird das Kind vermutlich 100 Milliliter getrunken habe. Auch dafür braucht man keine Gimmicks. Grundsätzlich wird sehr viel Geld mit der Angst der Eltern gemacht.

 

Und wie oft haben Sie sich dabei ertappt, selbst hin und wieder ein wenig zu "helikoptern"?

Uns geht es nicht darum, mit dem Finger auf andere Eltern zu zeigen, sondern uns geht es darum, einfach einmal Experten zu den Themen zu befragen, um auch zu sehen: "Ach, stimmt, das haben wir auch falsch gemacht oder das wäre tatsächlich besser für unser Kind gewesen." Es geht um einen Erkenntnisgewinn. Letztendlich muss man ja auch sagen, dieser Helikopter steckt ja auch irgendwie in uns allen.


Die Fragen stellte Hannes Brühl 

Die Moderatorin

Collien Ulmen-Fernandes

…ist Moderatorin, Schauspielerin, Kolumnistin, Buchautorin und Mutter einer siebenjährigen Tochter.

In einer regelmäßigen Tageszeitungs-Kolumne über Erziehungsfragen bietet sie erfrischende Lösungen an, die einen überraschenden Blickwinkel haben.

Für ZDFneo hat Collien Ulmen-Fernandes bereits in "No More Boys and Girls" erforscht, welche Rollenbilder Grundschulkinder haben und wie diese entstehen.

Die Expertinnen und Experten

Prof. Dr. Ralph Dawirs

"Viele Eltern schwirren ständig um ihre Kinder herum, begleiten jede Bewegung. So eine hysterische Zugewandtheit, das ist für das Kind störend. Es ist wichtig für Kinder, Dinge zu wagen zu dürfen. Auch wenn sie dabei mal scheitern."

Professor für Neurobiologie und ehemaliger Leiter der Forschungsstelle der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen, Buchautor, Entwicklungs- und Gehirnforscher

Prof. Dr. Ralph Dawirs hat herausgefunden, dass es für Kinder unter zwei Jahren wichtig ist, von ihren Eltern rundum versorgt und gefördert zu werden. Danach beginnt der Prozess der allmählichen Abnabelung. Kinder gewinnen stetig an Selbstständigkeit. Dadurch sind Eltern gefordert, ihnen zunehmend Raum zu überlassen, damit eigene Erfahrungen gesammelt werden können. Langeweile hält er dabei für unbedingt erforderlich: Denn wer sich ordentlich langweilt, gibt dem Gehirn die Möglichkeit, wahrhaft kreativ zu sein und neue Verbindungen zu schaffen.

 

Dr. med. Karella Easwaran

"Eltern stellen ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen infrage und wollen – um nur ja nichts falsch zu machen – lieber zu viel tun als zu wenig."

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in Köln, geboren und aufgewachsen in Äthiopien.

Dr. med. Karella Easwaran absolvierte ihr Medizinstudium in Ungarn, ihre Facharztausbildung machte sie in Deutschland. Durch ihre eigene Erziehung und Ausbildung hat sie erlebt, wie unterschiedlich die Erwartungen an Kinder sind, abhängig auch vom jeweiligen Kulturkreis. Die zweifache Mutter weiß durch die Tätigkeit in ihrer Praxis, dass die Sorgen von Müttern und Väter um ihren Nachwuchs in den vergangenen Jahrzehnten beständig zugenommen haben.

 

Josef Kraus

"Meine Sorge ist, dass Kinder und Heranwachsende, das geht ja oft bis ins dritte, vierte Lebensjahrzehnt hinein, alles von den Eltern zugesteckt bekommen, alles an Hindernissen aus dem Weg geräumt bekommen, so dass sich keine Selbstständigkeit, keine Eigenverantwortung entwickeln kann."

Fast vierzig Jahre lang war Josef Kraus in Bayern Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport, 21 Jahre davon als Direktor eines Gymnasiums. Zusätzlich erlangte er ein Diplom in Psychologie und arbeitete auch als Schulpsychologe. Der Vollblutpädagoge war von 1987 bis 2017 ehrenamtlicher Präsident des Lehrerverbands – und in dieser Funktion ein streitbarer Geist. Das Phänomen stark überbehütender Eltern beobachtet er seit Anfang der neunziger Jahre. In Berichten aus den USA entdeckte er für dieses Verhalten den Begriff "Helikopter-Eltern" und brachte ihn 2013 mit seinem gleichnamigen Buch nach Deutschland ein. Er möchte Eltern ermutigen, wieder mehr ihrer Intuition zu vertrauen.

 

Prof. Dr. Silvia Schneider

"In dem Mama dem Kind Sachen abnimmt, gibt sie ihm die Meta-Botschaft: Ich traue Dir nicht zu, dass Du das selbst machen kannst. Das ist für ein Kind kein guter Start."

Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin und studierte Psychologin Prof. Dr. Silvia Schneider ist seit 2010 Direktorin des Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum. Die Wissenschaftlerin vertritt die Auffassung, dass Eltern durch ihr kontrollierendes Verhalten die Entwicklung ihrer Kinder behindern können. Kinder müssen ihrer Ansicht nach lernen, Probleme allein zu lösen: Das ist die wichtigste Erfahrung, die Eltern ihren Kindern vermitteln können.

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