Nadja Uhl als Margarete Oelkers und Rudolf Kowalski als Dr. Ahrens, Copyright: ZDF / Vaclav Sadilek
Nadja Uhl als Margarete Oelkers und Rudolf Kowalski als Dr. Ahrens, Copyright: ZDF / Vaclav Sadilek

Ich werde nicht schweigen

Der Fernsehfilm der Woche

Oldenburg, 1949: Die Kriegswitwe Margarete Oelkers hat die ihr zustehende Witwenrente noch immer nicht erhalten. Als sie auf dem Amt ihrer Frustration nachgibt und randaliert, wird sie vom Amtsarzt mit der Diagnose Schizophrenie in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingeliefert. Hier wird sie mit fragwürdigen Methoden therapiert und erst ein Jahr später entlassen. Margarete kämpft für ihr Recht und kommt dabei schrecklichen Verbrechen in der Anstalt auf die Spur.

  • ZDF, Montag, 7. Mai 2018, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Sonntag, 6. Mai 2018, 10.00 Uhr

Texte

Eine Geschichte mit Nachhall

Die Geschichte der Margarete Oelkers basiert auf wahren Bege­benheiten. Ohne Vorwarnung wird eine junge Frau in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen mit der Diagnose Schizophrenie ein­geliefert. Steht ihre Einweisung in Verbindung mit der Verweige­rung einer Witwenrente für den im Krieg gefallenen Ehemann?

Was genau sich hinter den Kulissen auf Ämtern und in Arztzim­mern kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs abspielte, bleibt bis heute im Verborgenen. Doch es gibt Vermutungen, die mit der dunklen, lang geleugneten Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt in Wehnen bei Oldenburg zu tun haben.

Es dauerte über 50 Jahre, bis der Oldenburger Historiker Prof. Dr. Ingo Harms mit der Erforschung der Klinikgeschichte das Bild der offiziell als "sauber" geltenden Anstalt umstößt: In der Klinik wur­den während der Nazizeit mehr als 1500 Zwangsarbeiter und psychisch kranke Menschen unter anderem durch systematischen Nahrungsentzug zu Tode gebracht.

Der Vorschlag, über diese ungeheuerlichen Vorgänge einen Fernsehfilm zu machen, kam von der persönlich betroffenen Re­gisseurin selbst. Denn die Protagonistin unseres Films ist Esther Gronenborns Großmutter, die nach einer willkürlichen Diagnose ein Jahr in der Klinik von Wehnen verbringen musste.

Wie kann man in einem Fernsehfilm, der ein breites Publikum an­sprechen soll, die Schrecken der Euthanasie so darstellen, dass das Zusehen noch erträglich ist? Wie die ungeheuerlichen und abstoßenden Vorgänge in Bilder fassen, die man eigentlich nicht sehen will? Der Kunstgriff, die Verbrechen der Ärzte und Pfleger während der Nazi-Zeit aus der Rückschau aufzudecken und an­zuprangern, ergab sich aus der – wahren – Geschichte selbst. Esther Gronenborn hat sie zusammen mit dem Autor Sönke Lars Neuwöhner fiktionalisiert und mit Nadja Uhl als Margarete Oelkers eine Darstellerin gefunden, die Emotionalität und Glaubwürdigkeit vereint.

So ist unsere fiktive Margarete Oelkers eine Frau, die sich erin­nert. Nur wenige wollen sich Anfang der 50er Jahre, in denen es für alle wirtschaftlich bergauf und in eine bessere Zukunft gehen soll, an die Vergangenheit erinnern. Der Film zeichnet ein Sitten­gemälde dieser Zeit, in der man lieber in die Milchbar zum Tan­zen ging, als zu fragen, was der Nachbar im Krieg eigentlich ge­macht hat.

Esther Gronenborns Film wendet sich einem düsteren Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte zu, der Euthanasie, die ihren langen Schatten bis in unsere Zeit wirft und nun endlich verstärkt in un­seren Blick rückt. Denn wer sind wir, wenn wir nicht wissen, wo wir herkommen oder was wir und die Generation vor uns gemacht haben? Unsere Zukunft zu gestalten, heißt immer auch, aus der Vergangenheit zu schöpfen. Mit diesem Fernsehfilm erzählen wir fiktional Vergangenheit. Die Gefühle, die die Geschichte hervorruft, sind jedoch Gegenwart. Und wir hoffen auf einen Nachhall dieser Geschichte für die Zukunft.

Anja Helmling-Grob und Caroline von Senden, Redaktion Fernsehfilm I

Stab und Besetzung

Buch   Esther Gronenborn und Sönke Lars Neuwöhner 
RegieEsther Gronenborn
KameraBirgit Gudjonsdottir
Kostüm Katrin Berthold
MaskeKitty Kratschke
TonMiroslav Píbil
MusikGert Wilden
Szenenbild Martin Malý
SchnittSabine Brose
CastingGitta Uhlig Casting, Mirka Hyžíková
ProduktionNordfilm GmbH
Produzentin Kerstin Ramcke
HerstellungsleitungJan Hartl
ProduktionsleitungMartin Hämer
RedaktionCaroline von Senden, Anja Helmling-Grob
Länge

88'43 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller

Margarete Oelkers Nadja Uhl
Antje Eversen Janina Fautz
Frau SchröderBarbara Philipp
Herr Windhorst Martin Wuttke
Frau Ahrens   Katja Flint
Paul AhrensRudolf Kowalski
Otto David Bredin
Schwester Hilde Markéta Richterová
ErnaPetra Zieser
Anton  Jiří Bábek
Arnold Eversen  Jens Schäfer
Dr. Gruner Marek Harloff
Dr. Jürgensen Matthias Lier
Erna Trauernicht Eleonore Weisgerber
und andere

Inhalt

Oldenburg, 1949: Die Kriegswitwe Margarete Oelkers hat zwei Söhne und versucht, sich durch Modellschneiderei finanziell über Wasser zu halten. Noch immer hat sie die ihr zustehende Witwen­rente nicht erhalten. Als sie auf dem Amt ihrer Frustration nach­gibt und randaliert, wird sie vom Amtsarzt Dr. Ahrens in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingeliefert: Verdacht auf Schizophre­nie.

Ein ganzes Jahr verbringt Margarete in der Anstalt. Völlig überra­schend wird sie entlassen und darf in ihre Wohnung zurückkeh­ren, vom Staat entmündigt und von der Gesellschaft stigmatisiert. Doch Margarete ist eine Kämpferin. Sie will beweisen, dass es sich bei ihrer Einweisung um einen Irrtum gehandelt haben muss. Und sie will unbedingt das Sorgerecht für ihre Kinder zurückhaben, die inzwischen bei ihrer Schwester Erna auf dem Land leben.

Die Nachbarn kümmern sich aufdringlich um die traumatisierte und erschöpfte junge Frau. Befremdet stellt Margarete fest, dass sich die geschwätzige Frau Schröder während ihrer Abwesenheit zusammen mit dem Kriegsveteran Windhorst in ihrer Wohnung häuslich eingerichtet hat. Windhorst wird gar von Amts wegen zu Margaretes Vormund bestellt. Abhängig von Windhorst verfügt Margarete nicht einmal über ausreichende Mittel, um mit dem Bus zu ihren Kindern zu fahren. Margarete spürt in der Nachbarschaft und in ihrer eigenen Familie Vorbehalte gegen sich. Seit der Ein­weisung in die Psychiatrie klebt ein Makel an ihr.

Nur die junge Antje, die früher auf ihre Söhne aufgepasst hat, begegnet Margarete unvoreingenommen. Während der Nazi-Herrschaft war Antjes psychisch kranke Mutter in der Heil- und Pflegeanstalt gestorben. Die beiden so unterschiedlichen Frauen verbindet bald eine warmherzige Freundschaft. Margarete vertraut sich Antje an. Die schrecklichen Erinnerungen an Wehnen wecken in ihr immer wieder Ängste, aber auch den Willen, sich zur Wehr zu setzen. Dabei begibt sie sich auf dünnes Eis, wie sie schon bald merken wird. Denn keiner der verantwortlichen Pfleger und Ärzte will zu Margaretes Vorwurf der falschen Einweisung Stellung beziehen. Welche Rolle spielte der Amtsarzt, der ihre Einweisung verfügt hat? Durch den Fund eines Notizbuchs ihres Mannes keimt in Margarete bald ein ungeheuerlicher Verdacht.

"Nur im offenen Umgang mit der Vergangenheit kann dieses dunkle Kapitel einen Abschluss finden" - Interview mit Esther Gronenborn (Regisseurin und Autorin)

Mit Ihrem Film greifen Sie ein wenig bekanntes Thema deutscher Vergangenheit auf – die systematischen Hunger-morde an Menschen mit geistigen und körperlichen Behinde-rungen. Was waren Ihre Beweggründe, diesen Film zu machen?

Bevor ich wusste, dass daraus ein Film werden sollte, befand ich mich auf einer persönlichen Spurensuche: Meine Oma wurde in den fünfziger Jahren für ein Jahr in die psychiatrische Klinik in Wehnen eingewiesen. Da sie früh verstorben ist, gab es nur Briefe und vereinzelte Erinnerungen. Mit Erstaunen stieß ich bei meiner ersten Recherche auf einzelne Namen von Ärzten, Pflegern und Angestellten des Gesundheitswesens, die sich auch in den Briefen meiner Oma fanden und die mit den Hungermorden in Verbindung gebracht wurden. Auch die Ärzte, die meine Oma in den fünfziger Jahren eingewiesen hatten, waren später als an den Geschehnissen Beteiligte entlarvt worden. Waren das wirklich dieselben Leute, die während des Krieges an den Morden von Tausenden von Patienten beteiligt waren und in den fünfziger Jahren immer noch ganz normal in der Klinik und im Gesundheits-wesen weiterbeschäftigt wurden? Ich kontaktierte den Gedenk-kreis Wehnen e.V. und Herrn Dr. Ingo Harms, der ja maßgeblich die Hungermorde in der Klinik aufgedeckt hatte. Die heutige Karl-Jaspers-Klinik gab mir außerdem die Möglichkeiten zur Aktenein-sicht, und im Oldenburger Staatsarchiv konnte ich historische Patientenakten, die bis ins Jahr 1950 archiviert waren, einsehen. Leider fand sich wenig über meine Großmutter. Dafür aber umso mehr über die schrecklichen und herzzerreißenden Geschichten der vielen Euthanasieopfer der Klinik. Schnell reifte in mir daher der Entschluss, einen Film zu machen, der jenseits des Einzel-schicksals meiner Oma die Hungermorde und die Geschichte der Klinik aufarbeiten sollte.

Während meiner weiteren Beschäftigung mit dem Thema Eutha-nasie musste ich feststellen, wie viele Familien betroffen waren und wie sehr die Familiengeschichten teilweise bis in die Jetztzeit davon bestimmt waren – laut des Historikers Götz Aly sogar jede fünfte Familie. Die Scham über die Ereignisse, der Schmerz, An-gehörige auf so brutale Weise verloren zu haben, und das Gefühl der Ohnmacht hatten sich in vielen Familien über Generationen fortgesetzt. Dem wollte ich eine Stimme geben.

Das Drehbuch schrieben Sie zusammen mit Sönke Lars Neuwöhner. Wie dürfen wir uns Ihre Zusammenarbeit vorstellen?

Da es sich ja um einen Stoff mit großen persönlichen Anteilen handelt, war mir von Anfang an ein Korrektiv von außen wichtig. Ich wollte mich nicht zu sehr in der Fülle der Informationen und Emotionen verheddern. Daher war für mich immer klar, dass ich diesen Stoff gemeinsam mit einem Ko-Autor schreiben möchte.

Ich wollte die Geschehnisse in der Klinik retrospektiv erzählen – für mich ein wichtiger Filter, um das Grauen überhaupt darstellen zu können. Auch ging es ja darum, deutlich zu machen, dass die Geschichte eben nicht mit der Nazizeit zu Ende war, sondern noch so lange nachwirkte. Neben der historischen Authentizität und der Nähe zu den Figuren war für mich daher eine gewisse Thrillerstruktur und eine geschickte Verzahnung der Zeitebenen wichtig.

Als es nun um die Bearbeitung des Drehbuches ging, schien mir Sönke Lars Neuwöhner, den ich bei meiner Arbeit an "Hinter Kaifeck" kennengelernt hatte, genau der Richtige dafür. Sönke ist nicht nur ein sehr guter Autor, er bringt sowohl die Erfahrung mit historischen Stoffen als auch mit Krimis mit.

Als Sönke in die Arbeit einstieg, lag bereits ein Treatment vor. Die Herausforderung für Sönke und mich war nun, den Stoff so zu erzählen, dass man einerseits immer mit der Figur bangt, aber auch die Klinikgeschichte mit dem dahinterstehenden Grauen und den historischen Fakten nicht zu kurz kommen lässt. Wir wollten die dahinterstehenden historischen Geschehnisse auf keinen Fall verfälschen. So wurden ja die Morde zum Beispiel erst 1996 aufgedeckt. Unserer Heldin trotzdem einen befriedigenden Abschluss zu geben, war einer der Kniffe, die wir erst ge-meinsam finden mussten. Denn eines war uns von Anfang an wichtig: Wir wollten unsere Frauenfiguren auf keinen Fall in der bloßen Opferrolle zeigen. Es ging immer darum, eine wehrhafte Figur zu zeigen, die sich durchzukämpfen versucht. Für mich ist das in gewisser Weise auch eine Hommage an die vielen starken Nachkriegsfrauen, die ihr Schicksal selber in die Hand genommen haben. Konkret sah die Arbeit so aus, dass wir meist in abwechselnden Runden geschrieben und immer jeweils das Geschriebene gegenseitig überarbeitet haben.

Der Hunger-Euthanasie von Wehnen lag ein Bereicherungs-plan zu Grunde – 1933 per Landesgesetz beschlossen. Der Landesfürsorgeverband wurde zu einem auf Gewinn ausge-richteten Unternehmen umgebaut. Die Einnahmen dienten der Finanzierung der völkischen Kultur, der Energieversorgung und anderer Staatsausgaben – Menschen wurden zur "betriebswirtschaftliche Größe". Wie gingen und gehen die Einwohner und die Landesregierung mit diesem Kapitel der Geschichte um?

Das wäre eine gute Frage an Herrn Dr. Harms, der auch der historische Berater für "Ich werde nicht schweigen" war. Leider geht die Landesregierung noch immer nicht sehr offen mit diesem Teil der Geschichte um, und Herrn Dr. Harms werden nicht selten Steine bei seiner wichtigen historischen Aufarbeitung in den Weg gelegt.

Wie der Pfleger Otto in unserem Film sagt: "Es ging ja immer nur ums Sparen." Der Umbau des Landesfürsorgeverbandes in ein auf Gewinn ausgerichtetes Unternehmen war der entscheidende Kern der in Wehnen stattfindenden Hungermorde. Gruselig, wenn man bedenkt, dass Menschen auch heute im Gesundheitsbereich vorwiegend als betriebswirtschaftliche Größe wahrgenommen werden.

Sie haben den Film in Tschechien gedreht. Wie erlebten Sie die Dreharbeiten? Welche Drehbedingungen fanden Sie dort vor?

Natürlich wäre es schön gewesen, die Geschichte an einigen Ori-ginalschauplätzen zu drehen. Doch mit Tschechien fanden wir eine wunderbare Alternative. Die Crews dort sind besonders auf historische Produktionen eingestellt. Es war daher wunderbar, mit den jeweiligen Departments, wie Maske und Ausstattung, zusammenzuarbeiten. Auch meine Kostümbildnerin Kathrin Berthold fand sehr gute Bedingungen vor. So konnten wir viele der Kostüme extra anfertigen lassen. Für einen historischen Stoff wie "Ich werde nicht schweigen" ein Traum.

1997 veröffentlichte Dr. Ingo Harms das Buch "Wat mööt wi hier smachten ..., Hungertod und 'Euthanasie' in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen 1936 – 1945". War dieses Buch mit Grundlage Ihres Films?

Gleich zu Anfang der Recherche stieß ich auf das Buch. Wir haben versucht, die dort beschriebenen Hintergründe in den Film mit aufzunehmen. So verlegten wir die Spielhandlung von den fünfziger Jahren in das Jahr 1949 – ein besonderes Jahr des Umbruches in der Klinik und noch näher an der Zeit der Hunger-morde. Bis 1947 war ja die Sterblichkeitsrate in der Klinik über-proportional hoch. Und im Jahre 1949 hat sich der damalige Klinikleiter Dr. Petri, bei uns Dr. Gruner, das Leben genommen.

Das Buch gab den Anstoß für die Gründung des Vereins "Gedenkkreis Wehnen e.V.". Hatten Sie die Möglichkeit, mit Angehörigen von Patienten zu sprechen, die in der NS-Zeit in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg (heute Karl-Jaspers-Klinik) ermordet wurden?

Das Zusammentreffen mit Angehörigen und die wertvolle Arbeit des Gedenkkreises Wehnen e.V. gaben mir den Anstoß, weit über das Schicksal meiner Großmutter hinweg zu denken und einen Film über die Hungermorde zu machen. In der Figur der Antje Eversen vereinen sich außerdem einige der Schicksale, die ich von Angehörigen gehört habe.

Sie haben mit unterschiedlichen Menschen über den Film, Rassenwahn und die Euthanasie im Nationalsozialismus diskutiert. Wie waren die Reaktionen?

Zunächst gibt es viele Angehörige von Euthanasieopfern, die nach den Vorführungen des Films auf mich zukommen und sich über die filmische Aufarbeitung dieses wichtigen Themas bedanken. Ich bekomme sehr viele persönliche Geschichten erzählt, die diese Aufarbeitung fortsetzen. Aber auch das jüngere Publikum zeigt sich sehr interessiert und betroffen. Wir wollten ja auch zeigen, dass das Thema über die Nazizeit hinaus immer eine gewisse Aktualität besitzt. Das rassenbiologische Gedankengut war schon seit 1880 in großen Teilen der Ärzteschaft stark verankert und populär. Die Geschichte von Wehnen zeigt das ganz konkret an den Sterblichkeitsraten, die schon vor der T4-Aktion in die Höhe schnellten und auch, nachdem das Euthanasieprogramm der Nazis längst offiziell beendet wurde, noch bis ins Jahr 1947 sehr hoch waren. Deutlich wird an der Geschichte von Wehnen aber auch, wie eine Ideologie genutzt wird, um sich an den Schwächsten der Schwachen ganz banal zu bereichern. Das erschreckt auch heute noch.

Aber auch die Kontinuität im Klinikpersonal und dass eigentlich niemand je für die Verbrechen belangt wurde, wirft Diskussionen auf. Auch heute redet man wieder viel über Selbstoptimierung und wirtschaftliche Effizienz. Diese Themen tauchen auch in den Dis-kussionen um den Film immer wieder auf. Natürlich geht es in den Diskussionen aber auch um Beamtenwillkür und ein System, in dem das einzelne menschliche Schicksal nicht zählt.

Der Film feierte auf dem Filmfest Emden-Norderney seine Premiere. Wie hat das Publikum auf den Film reagiert?

Nach dem Film kamen viele Menschen auf mich zu, die sich sehr für den Film bedankt haben. Da waren die Angehörigen von Op-fern, aber auch Ärzte, die sich aus beruflichen Gründen mit dem Thema beschäftigen. Auch ein Arzt aus Wehnen kam auf mich zu und bedankte sich ausdrücklich für die authentische Darstellung des damaligen Klinikalltags. Er war froh, dass die Geschichte nun in einen Film gepackt wurde und offen diskutiert werden kann –, wobei die Klinik ja sehr vorbildlich und offen mit ihrer Vergangen-heit umgeht. Die alte Pathologie dient als Museum des Gedenk-kreises Wehnen e.V., und auch die Gedenkstätte findet sich auf dem Klinikgelände. Nur im offenen Umgang mit der Vergangen-heit kann dieses dunkle Kapitel einen Abschluss finden. Das ist der Klinik bewusst.

Die Fragen stellte Christiane Diezemann

"Ein starker Film über starke Frauen" - Statement der Produzentin Kerstin Ramcke

Auf einem Berlinale-Empfang lernte ich vor einigen Jahren Esther Gronenborn kennen. Sie erzählte mir von einem erschütternden Ereignis im Leben ihrer Großmutter, über das sie gern einen Film machen würde, da das Erlebte weit über das Individuelle hinaus wichtige historische Zusammenhänge beleuchtet.

So begann unsere Zusammenarbeit. Nach der Lektüre des Expo­sés und einiger Recherchen war ich – wie Esther Gronenborn selbst – Feuer und Flamme für den Stoff und wollte ihn unbedingt produzieren. Es hat mich sehr berührt, dass eine gesunde Frau in den fünfziger Jahren aus bis heute undurchsichtigen Gründen einfach für ein Jahr in die norddeutsche Heilanstalt Wehnen ver­bracht werden konnte und dort Schreckliches erleben musste. Dazu kommt der historische Kontext der Hunger-Euthanasie im Dritten Reich und die Tatsache, dass erst 1996 durch die Nachforschungen des Historikers Ingo Harms die traurige Ge­schichte der Anstalt Wehnen ans Licht kam.

Als Produzentin interessierte mich die Verbindung von wahren Erlebnissen und einem historischen Hintergrund mit einer sehr emotionalen und auch spannenden Geschichte. Zusammen mit Esther Gronenborn und dem Autor Sönke Lars Neuwöhner erarbeiten wir einen Ansatz, der zwar fiktional war, aber doch respektvoll und umsichtig mit den Fakten umging. Es hat mich sehr beeindruckt, wie es Esther Gronenborn gelungen ist, ihren persönlichen Bezug mit einer professionellen Haltung zu dem Film in konstruktiven Einklang zu bringen.

Von Beginn an war Nadja Uhl als Idealbesetzung der Margarete quasi "gesetzt", und auch ihr ist es zu einem sehr großen Teil zu verdanken, dass dieser Film so gelungen und besonders gewor­den ist. Es war uns bewusst, dass es kein leichter Weg werden würde, für einen so ernsten Stoff einen Auftrag zu erhalten. Mit Caroline von Senden und Anja Helmling-Grob haben wir zwei sehr starke redaktionelle Mitstreiterinnen gefunden. Beide haben sich sehr für "Ich werde nicht schweigen" eingesetzt und wertvolle Hinweise für die Entwicklung gegeben.

Die Dreharbeiten fanden in Tschechien statt. In Zusammenarbeit mit dem hervorragenden Koproduzenten Michal Pokorny von Mia Film wurde in und bei Prag sowie in den Barandov-Studios ge­dreht; die dortigen Kollegen sind hochspezialisiert auf historische Drehs, was Locations und Ausstattung auf das Beste belegen.

Im Ergebnis ist "Ich werde nicht schweigen" ein Film, der berührt, bewegt und doch zum Nachdenken anregt. Nadja Uhl und Janina Fautz als Margarete und Antje sind ein Duo wie Thelma und Louise in einem Kampf wie David gegen Goliath. Ein starker Film über starke Frauen, die am Ende die Gerechtigkeit für sich wie­derherstellen.

"Die Gerechtigkeit existiert aber" - Interview mit Nadja Uhl

Sie verkörpern die Kriegswitwe Margarete Oelkers, die auf ihr Recht pocht und in eine grauenhafte menschenverachtende Maschinerie gerät. Wie empfanden Sie Ihre Rolle – als eine Art "Michael Kohlhaas" in Ihrem unerschütterlichen Verlangen nach Gerechtigkeit?

Margarete ist meinem Empfinden nach weit von dem Dilemma der Selbstjustiz eines Kohlhaas entfernt. Dennoch, da gebe ich Ihnen recht, geht es auch hier um eine Form des staatlichen Versagens, der Unfähigkeit, Recht zu schaffen und die Mutter von zwei Kindern vor Willkür und Amtsmissbrauch zu schützen.

Mir scheint aber, es verhält sich hier genau umgekehrt. Sie wird zunächst vollkommen ahnungslos zur Mitwisserin, indem sie in den Dokumenten ihres gefallenen Mannes ein dunkles Geheimnis entdeckt. Sie muss begreifen, welche Grausamkeiten in ihrer un­mittelbaren Umgebung während des Zweiten Weltkrieges stattge-funden haben und offensichtlich schon länger von ihrem ver-storbenen Mann heimlich dokumentiert wurden. Offensichtlich ist das bereits der Grund, warum er den kriminellen Obrigkeiten ein Dorn im Auge war und von einem Tag auf den anderen an die Ostfront einberufen wurde. Die subtile Schikane aber – oder nennen wir es ruhig "die Zersetzung" – wird nach dem Krieg sogar an Margarete weitergeführt. Der Mutter zweier Kinder wird die für ihre Existenz so wichtige Witwenrente verweigert. Da es dafür keinen juristisch plausiblen Grund gibt, beginnt sie überhaupt erst, die Ursachen all dieser unerklärlichen Verquickungen zu ergründen. Für die Täter von damals, denen es nach Kriegsende teilweise wieder gelungen ist, als hoch respektierte Persönlichkeiten im Zentrum der Gesellschaft zu stehen, wird Margaretes Wahrheitssuche immer gefährlicher. Sie wird Opfer einer erneuten Intrige und soll unter menschenunwürdigen Umständen in der Nervenheilanstalt endgültig mundtot gemacht werden.

Obwohl Margarete diese grausamen Erfahrungen macht, wächst sie jedoch daran. Und greift gerade nicht zum Mittel der Selbst­justiz um jeden Preis wie Kohlhaas. Sie gewinnt stattdessen an Würde und Bewusstsein. Alles, wofür sie kämpft, ist das Recht, als Mutter mit ihren Kindern zusammensein zu können und das schriftliche Eingeständnis der Täter, dass sie nie krank war, damit sie rehabilitiert ist.

Eigentlich fordert sie nur einfachstes Menschenrecht, für sich und all die Opfer. Und steht damit so einsam. Das ist das eigentlich Tragische und hat mich in der Arbeit an dieser Figur sehr bewegt.

War Ihnen vor Ihrer Arbeit an dem Film bekannt, dass es eine staatlich angeordnete Hunger-Euthanasie gab? Was empfan­den Sie, als die Geschichte und die Rolle an Sie herangetra­gen wurden?

Der Leiter der Potsdamer Kinderklinik Professor Michael Radke bat mich vor einigen Jahren, im Rahmen der öffentlichen Auseinandersetzung der deutschen Ärzte mit diesem Thema, um eine Lesung auf dem Potsdamer Ärztekongress. Inhalt war das sogenannte T4-Programm. Das Material umfasste etliche Briefe von Eltern, die den langsamen quälenden Abschied und den Euthanasie-Tod ihrer Kinder beschrieben. Es schien mir nahezu unmöglich, diese unfassbar traurigen und teilweise schmerzlich naiven Schilderungen auch nur annähernd konzentriert vor beinahe eintausend Ärzten zu vermitteln.

Ich habe es dann so gemacht wie immer: Ich habe mich im Rah­men meiner Vorbereitung dem Thema nicht mehr verweigert, zu Hause den Tränen, der Wut und der Trauer freien Lauf gelassen, um irgendwann zu spüren, dass ich bereit war, es sachlich und voller Liebe weiterzugeben. Es war ein großer Moment für mich, nach der Lesung in der Metropolis-Halle in Potsdam, so viele Ärzte weinen zu sehen. Dieses Erlebnis war der Wegbereiter für die herausragende Arbeit mit Esther Gronenborn. Und dennoch trat ich einmal noch die Flucht an, fühlte mich dieser Grausamkeit plötzlich nicht mehr gewachsen und sagte die Rolle ab. Esther wartete, und wir drehten im Jahr darauf. Unglaublich, und es wurde eine meiner schönsten Arbeiten. Ich fühlte mich von allen getragen. Dafür bin ich einfach nur dankbar.

Erst im Jahr 1996 konnte Ingo Harms von der Universität Oldenburg den wissenschaftlichen Beweis dafür erbringen, was während der Nazi-Zeit in Wehnen abgelaufen ist. Es hat also 50 Jahre gedauert, diese Taten ans Licht zu bringen. Wie denken Sie darüber?

Dieses vermeintliche Unwissen muss für alle Opfer und stummen Zeugen schrecklich sein. Immerhin ist jede achte deutsche Familie betroffen. Dieser ambivalente, manchmal zynisch wirkende Umgang mit Verbrechen und historischem Unrecht ist so alt, wie die Menschheit selbst. Zum Leidwesen der Opfer. Irgendwie wird etwas aufgearbeitet, aber irgendwie auch nicht. Es gibt vermutlich immer zu viele verschie­dene "Interessenlagen", so dass man scheinbar zunächst nicht einfach von sofortiger Gerechtigkeit ausgehen kann, wo Machtin­teressen alles mundtot machen – so grausam das ist.

Die Gerechtigkeit existiert aber. Daran glaube ich zutiefst. Sie hat einen langen Atem. Ob 50 Jahre oder länger, sie kommt immer zum Vorschein, und sie war immer da. Das ist so sicher, wie die Prophezeiung in "Michael Kohlhaas". Die sich bahnbrechende Gerechtigkeit äußert sich dann auch nicht nur in dem "Nervenzusammenbruch" des Kurfürsten, wie in der Novelle von Kleist, sondern der "Nervenzusammenbruch" hört über den Tod des Täters hinaus nicht auf und verfolgt die nachfolgenden Generationen. Ob sich die Gerechtigkeit immer in juristisch wahr­nehmbaren Konsequenzen äußert, wage ich heute zu bezweifeln.

Da ich mich aber, gerade bei so schwierigen Themen, stärker auf mein positives Menschenbild konzentriere, würde ich die einge­tretene Aufarbeitung in Oldenburg wertschätzen. So ist Heilung erst möglich. Und ich wünsche mir, bei all diesen dunklen The­men, dass sie nicht erneut zu niederen Zwecken des Macht­erhalts missbraucht werden, sondern dass die Schatten der Ver­gangenheit uns alle ehrlich und aufrichtig dazu ermutigen, im Licht zu agieren und Liebe in die Welt zu bringen. Dazu muss man vielleicht täglich aufs Neue die Ethik seines Berufsstandes und seines individuellen Wirkens hinterfragen. Auch, wenn es Mut erfordert, wie bei Margarete.

Die Szenen in der Nervenheilanstalt sind sehr intensiv und eindringlich gespielt. Wie nah ist Ihnen die Arbeit an diesen Szenen gegangen?

Esther Gronenborn und die Kamerafrau Birgit Gudjunsdottir haben mich so einfühlsam und professionell durch diese Szenen geführt, dass es kein wirkliches Problem für mich war. Es war körperlich sicher nicht schön, aber ich hatte mehr Sorge, dass es für den Zuschauer "too much" wird. Ich glaube, die arme Esther musste während der extremen Szenen hundert Mal für mich wiederholen, dass es nicht zu krass rüberkommen wird. In einem weniger solidarischen Team hätte es mir während solcher Szenen übrigens auch sehr schlecht gehen können. Deshalb ist meine Wertschätzung des Miteinanders hier nicht als höfliche Floskel gemeint.

Wie erlebten Sie die Dreharbeiten in Tschechien? Gibt es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, genau dieses Miteinander, auch mit den tschechischen Crewmitgliedern. Das ist bei dem schweren Sujet von unschätz­barem Wert. Eitelkeiten spielten keine Rolle. Irgendwie lag manchmal eine ausgesprochen spirituelle, weibliche Kraft in der Luft, was in manchen Momenten, zwischen den profanen, routi­nierten Drehabläufen, eine sonderbare Magie ergab, die ich gar nicht näher beschreiben kann.

Etwas anderes ist mir auch in Erinnerung geblieben: Wir drehten an einem besonders heißen, sonnigen Tag in einer verwunschen wirkenden tschechischen Kleinstadt. Die Gardinen wehten aus den Fenstern, die alten Antennen standen zeitlos auf den Dä­chern. Dies war nicht nur einer der vielen Drehorte, an denen man an einem Tag nicht weiß, wo man eigentlich morgen ist. Dieser schöne friedliche Ort strahlte gleichzeitig eine unendliche Traurigkeit und Wehmut aus, dass es einem das Herz zuschnürte. Irritiert fragte ich, ob es den anderen auch so ginge. Esther nahm mich zur Seite und in den Arm und sagte, dass es allen so ginge. Und sie wollten mir eigentlich nicht sagen, dass wir in Theresienstadt sind. Ich habe sie verstanden. Man fühlt alles, wenn man will.

Wurde in Ihrer Familie über den Zweiten Weltkrieg und über persönliche Schicksale gesprochen?

Ja, immer – natürlich aus der individuellen Sicht der Familie. Ich bin mit all den Geschichten der Großelterngeneration groß ge­worden. Keine ideologisch gefärbten Berichte, sondern Schilde­rungen von menschlicher Not, Elend und Verlust. Erzählungen von Sehnsucht nach Frieden, von menschlichen Schicksalen und furchtbarer kindlicher Not.

Daher kommt wahrscheinlich meine tiefe Abneigung gegen jede kriegerische Auseinandersetzung. Es gibt wirklich keine Rechtfer­tigung für Kriege. Keinen Zweck, der dieses Mittel heiligt. Krieg ist immer politisches Versagen.

Die Fragen stellte Christiane Diezemann

"Es ist wichtig, die Menschen über die Verbrechen von damals aufzuklären" - Interview mit Janina Fautz

Der Film greift ein wenig bekanntes Thema deutscher Vergangenheit auf – die systematischen Hungermorde an Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Hatten Sie jemals zuvor von diesen Euthanasie-Programmen gehört?

Natürlich ist mir die Euthanasie zur Zeit des Nationalsozialismus bekannt gewesen, aber über das Ausmaß und die systematischen Hungermorde – sogar noch nach dem Krieg – wusste ich nicht Bescheid. Darüber habe ich mich erst im Rahmen der Vorbereitung auf die Dreharbeiten informiert. Umso wichtiger ist es, dass dieser Film gedreht wurde. Natürlich ist es kein fröhliches Thema, aber es ist wichtig, die Menschen über die Verbrechen von damals aufzuklären. Trotz der ernsten Thematik hat der Film aber auch sehr schöne, lustige und lebensfrohe Momente.


Sie spielen Antje, deren Mutter in Wehnen starb. Antje freundet sich mit Margarete Oelkers an. Was verbindet die beiden Frauen?

Beide Frauen sind Opfer der Verbrechen in Wehnen geworden. Margarete direkt und Antje über den Verlust ihrer Mutter. Antje wird von einigen Leuten gemieden und als verrückt angesehen, somit kann sie ein bisschen nachvollziehen, wie es Margarete geht. Außerdem verbindet beide Frauen ihr Gerechtigkeitssinn. Sie wünschen sich, dass sie beweisen können, welche schrecklichen Verbrechen in Wehnen passieren, und dass die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Dafür kämpfen sie gemeinsam.

Wie wichtig ist Freundschaft in Ihrem Leben?

Freundschaft ist mir sehr wichtig. Durch meinen Beruf hat es sich ergeben, dass viele meiner Freunde in verschiedenen Städten wohnen, was es natürlich schwieriger macht, engen Kontakt zu halten. Trotzdem schaffen wir es zum Glück, uns oft zu sehen oder wenigstens zu telefonieren. Besonders toll ist es natürlich, mit Freunden zusammen zu drehen. Das Glück hatte ich tatsächlich schon mehrfach.

Wie ist Ihr Blick, als Vertreterin der jungen Generation in dem Ensemble, auf diesen dunklen Teil der deutschen Geschichte? Findet Ihrer Meinung nach genügend Aufklärung statt?

Es wird ja zum Glück schon einiges an Aufklärungsarbeit geleistet, was meiner Meinung nach auch sehr wichtig ist. Trotzdem könnte man sicher noch ausführlicher  auf unbekanntere Themen wie zum Beispiel die systematischen Hungermorde eingehen. Ich weiß jedoch nicht, ob allein Aufklärung über die historischen Aspekte schon ausreichend ist. Leider sehen wir ja gerade, dass es nach wie vor funktioniert, sich die Ängste und das Unwissen einiger Menschen zu Nutze zu machen und durch Propaganda und ein gemeinsames Feindbild Hass zu verbreiten.

Was ist Ihnen von den Dreharbeiten in Tschechien besonders in Erinnerung geblieben?

Ich war davor noch nie in Tschechien und habe mich deshalb sehr gefreut, hier drehen zu können. Wir hatten vor Ort auch wirklich tolle Motive, die so in Deutschland wohl eher schwierig zu finden gewesen wären. Besonders der historische Marktplatz hat mir sehr gefallen. Mit allen Komparsen, Kostümen, Pferdekutschen, historischen Autos und so weiter habe ich mich wie in eine andere Zeit versetzt gefühlt.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Esther Gronenborn?

Die Zusammenarbeit mit Esther war toll. Sie war sehr einfühlsam und hat mit mir intensiv über meine Rolle gesprochen. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir im Zeitstress sind, was meine Arbeit deutlich erleichtert hat. Es ist immer schade, wenn ein Dreh zu Ende geht, aber nach diesen Dreharbeiten war ich wirklich traurig, da wir so eine schöne Zeit zusammen verbracht haben.

Die Fragen stellte Christiane Diezemann

"Ich schäme mich, dass die Aufarbeitung der Nazizeit so unendlich lange dauert" - Interview mit Rudolf Kowalski

Sie spielen den Landesarzt Dr. Paul Ahrens – einen Mediziner und Beamten, der getreu nach den Gesetzen von 1933 Menschen ins Verderben schickte und auch noch nach Kriegsende glaubte, dass "1933 die Tür für den Fortschritt aufgestoßen wurde". Was hat Sie an dieser Rolle interessiert?

Das schuldunbewusste Böse, frei von jeglicher Erkenntnis und Reue – dieses bedingungslose Beharren auf seinem "Recht". Die Verkörperung jenes Satzes von Herrn Hans Filbinger – seinerzeit führender Politiker, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, während der Nazizeit ein "furchtbarer Jurist" – der quasi in den letzten Kriegstagen noch Todesurteile erwirkt hat. Sein Kommentar: "Was damals rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein."

Der Film endet mit einer beeindruckenden und beinahe sechsminütigen Konfrontationsszene zwischen Ihnen und Nadja Uhl. Wie haben Sie dieses intensive Spiel aus künstlerischer Sicht mit Ihrer Kollegin erlebt?

Zum Glück stimmte die Chemie, und es ging sehr professionell zu, ohne die Offenheit füreinander einzuschränken. Es hat Spaß gemacht, auch wenn diese Szene ein Riesenbrocken war. Als Schauspieler freut man sich darauf und hat gleichzeitig einen großen Bammel davor.

Sie sind nach dem Krieg geboren. Hatten Sie vor den Dreharbeiten schon von den systematischen Tötungen in der Nervenheilanstalt Wehnen gehört?

Nicht von dieser Anstalt speziell. Die Tatsachen waren mir bekannt – die verbrecherischen Handlungsweisen, dieses unmenschliche Vorgehen. Institutionen, sprich Menschen, die sich anmaßen, den Wert eines Mitmenschen zu bestimmen und zu beenden.

Es hat 50 Jahre gedauert, die Taten während der Nazi-Zeit in Wehnen ans Licht zu bringen. Wie denken Sie darüber?

Ich schäme mich, dass die Aufarbeitung der Nazizeit so unendlich lange dauert – abgeschlossen wird sie wohl nie. Und beruhigt bin ich ein wenig, dass es solche Menschen wie Herrn Harms gibt, die nicht aufgeben, die Wahrheit ans Licht zu bringen, auch wenn es 50 Jahre dauert.

Die Fragen stellte Christiane Diezemann

Audio-Statement: Nadja Uhl als Margarete Oelkers und Rudolf Kowalski als Amtsarzt Dr. Paul Ahrens

> Hier Können Sie sich die Statements anhören

Intensiv, erschütternd und nach einer wahren Begebenheit: Der ZDF-Film „Ich werde nicht schweigen“ zeigt die grausamen Ausmaße der staatlich angeordneten Hunger-Euthanasie im Nationalsozialismus

Schauspielerin Nadja Uhl spielt Margarete Oelkers, die gegen ihren Willen und zu Unrecht in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingeliefert wird

Nadja Uhl über das Drehbuch und die Thematik Euthanasie:

Erst einmal war ich sehr dankbar, dass ich ein sehr gut und qualitativ hochwertig geschriebenes Buch lesen konnte, was in der Behandlung eines solchen Themas schon der erste Schritt ist. Dann hatte ich eine gewisse Vorkenntnis und Vorerfahrung durch eine Lesung in Potsdam, die ich zum Ärztekongress gehalten habe, wo ich vor circa 900 Ärzten über das sogenannte T4-Programm und die Elternbriefe, die der Hunger-Euthanasie ihrer Kinder zugestimmt haben, gelesen habe. Mit diesem Drehbuch kam dieses Thema ein zweites Mal auf mich zu. Eigentlich war ich mir nicht sicher, ob ich mich dem noch einmal stellen möchte und war dann aber nach dem Gespräch mit der Esther Gronenborn bereit, das noch einmal an mich heranzulassen. (0:46)

Nadja Uhl über ihre Motivation, sich schweren Themen wie Euthanasie zu stellen:

Wenn ich mich schon solchen Themen stelle, dann eben auch mit Leidenschaft und Neugierde. Und ich muss auch noch dazu sagen, dass bei so einem Thema etwas auch eine ganz wichtige Motivation sein kann: Eine Nachrichtenmeldung, die in diesem selben Zeitraum war, dass in jeder achten deutschen Familie das Thema Euthanasie eines Verwandten eine Rolle spielt. Das konnte ich, ehrlich gesagt, gar nicht glauben. Das ist noch einmal eine zusätzliche Motivation zu sagen, wenn da noch so ein Abgrund in unseren Familien schlummert, dann sind wir als Künstler vielleicht auch gebeten, die Menschen vorsichtig darauf aufmerksam zu machen, Themen noch einmal zu bearbeiten, damit sie in den Familiengefügen, in den Generationen erlöst werden können. (0:43)

Nadja Uhl über die Herangehensweise an die Rolle der Margarete Oelkers:

Ich finde, dass die Klärung der emotionalen Perspektive im Vorfeld wichtig ist. Also ich muss im Vorfeld Trauer, Wut, Schmerz dieser Erkenntnis, die ja auch für mich mit so einem Thema verbunden ist, abarbeiten, damit ich im Film einen gewissen Abstand dazu habe, damit ich freier und durchlässiger agieren kann. Das heißt, dass ich im Vorfeld Schmerz und Wut und das Unfassbare für mich kläre und dann eigentlich offen bin für den Arbeitsprozess. Das wird dann ein aktiver Prozess und damit irgendwo auch leichter zu ertragen. Deshalb ist es dann auch in der Umsetzung gar nicht so schwierig, da ist für mich schon ein Großteil der Arbeit geleistet. (0:46)

Nadja Uhl über die Zusammenarbeit mit Regisseurin Esther Gronenborn, die mit dem Film die Geschichte ihrer Großmutter aufgearbeitet hat:

Ganz toll. Es war wirklich für mich am Anfang nicht so ganz klar, ob ich mich diesem Film stellen will. Da war Esther sehr geduldig und hat auf mich gewartet oder es hat sich so ergeben, auf jeden Fall kam unsere Zusammenarbeit doch irgendwie zustande. Es war dann eine der schönsten Arbeiten, die ich in meinem Berufsleben erlebt habe. Das hat natürlich mit ihrer Art zu tun ein Team zu führen in dieser Tragik der Margarete, in der Tragik dieses Filmstoffs so liebevoll mit den Menschen umzugehen. Das hat aber auch mit ihrem spirituellen Erfassen der Welt zu tun und mit ihrem Menschbild. Deshalb fühlte ich mich da so aufgehoben und geborgen. Deshalb war es in diesem scheinbar Widersprüchlichen, etwas so Grausames mit so viel Liebe zu behandeln, am Ende natürlich etwas genau Richtiges, Sinnvolles und Stimmiges mit ihr zu arbeiten. (0:53)

Nadja Uhl über den emotionalsten Moment am Set:

Das sind ganz kleine Momente. Das sind ja keine großen Momente mit großen Tränen, sondern das sind kleine Gesten, wo man sich einer bestimmten Wahrheit nicht mehr verschließen kann. Das hat sie so reflektiert. Wenn wir wirklich zwei Mal vor Ort diesen Punkt der Wahrheit so erreicht haben, dass wir unsere pragmatische und vernünftige und gut gelaunte Esther so berühren konnten, dass ihr die Tränen in die Augen gestiegen sind, dann ist das für einen Schauspieler etwas ganz Tolles, wirklich etwas Großartiges. Das hat in dem Moment ja auch eine Heilung für sie, das ist ja ihre Familiengeschichte. (0:38)

 

Schauspieler Rudolf Kowalski spielt den Amtsarzt Dr. Paul Ahrens, der Margarete Oelkers zu Unrecht in die Pflegeanstalt einweisen lässt

Rudolf Kowalski über seine ersten Eindrücke zum Drehbuch:

Geile Rolle, dann das Buch an sich, also wenn Umstände zusammen kommen, also erst mal die Rolle wirklich toll, schrecklich toll, das Buch ist gut, sehr interessant, die Besetzung ist sehr gut, die Regisseurin kannte ich noch nicht,  stellte sich aber auch als sehr gut heraus. Also dann freut man sich, weil es ist nicht so häufig, gute Bücher zu bekommen. Und wenn ich nur gute Bücher verfilmt hätte, dann wäre ich verhungert. (0:25)

Rudolf Kowalski über seine Figur Dr. Paul Ahrens:

Jede Figur hat ihre Wahrheit, die sucht man. Und wenn man die findet, verteidigt man die auch. Also die Distanz nicht mehr herzustellen, sondern einfach dieser Wahrheit zu folgen, dieser Figur. Meine eigene hat vielleicht Schnittmengen, aber die sind nicht entscheidend dafür. Diese Figur leben lassen, und zwar ohne moralische Kritik, und das dem Zuschauer überlassen. Das ist genau wie bei einer Komödie. Die Zuschauer sollen lachen, nicht die auf der Bühne. Und hier ist es natürlich überhaupt nicht komisch, aber die Reaktion ist, glaube ich, umso größer bei den Zuschauern, die vor diesem menschlichen Monster stehen. Das ist ein blödes Wort, es ist eben kein Monster, es ist ein Mensch. Das ist die schreckliche Erkenntnis. (0:46)

Rudolf Kowalski über die Zusammenarbeit mit Nadja Uhl:

Das ist gut. Wir kannten uns vorher nicht und man muss sich ja gleich aufeinander stürzen, das ist halt so. E s gibt auch Filme, da kriegt man am ersten Drehtag die Bettszene serviert, also das ist dann nicht so günstig, aber das war ja hier Gott sei Dank überhaupt nicht der Fall und das ging mit jedem Tag besser. (0:20)

Rudolf Kowalski über den aktuellen Bezug des Films zu den jüngsten Patientenmorden in Deutschland:

Diese schrecklichen Pfleger, ich weiß. Solange es sterbliche Menschen gibt, werden wir immer dieses Problem haben. Ich kann mir auch vorstellen, dass so ein Pfleger denkt, dass er die Menschen erlöst. Man kann ihm das auch abnehmen. Das geht an keinem von uns vorbei. (0:13)

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