Im Namen meines Sohnes

Fernsehfilm der Woche

Basierend auf dem wahren Fall des „Maskenmannes“ erzählt der Film die Geschichte von Claus Jansen, dessen Sohn Hannes 1992 über Nacht aus dem Internat verschwindet. Wenige Wochen später wird der Junge ermordet aufgefunden. Als die Ermittlungen der Polizei im Sande verlaufen, beginnt der Vater, selbst zu ermitteln und macht die Suche nach dem Täter zu seiner persönlichen Mission.

  • ZDF, Montag, 02.05.2016, 20:15 Uhr

Texte

Schwierig auszuhalten

Eine besondere Herausforderung für Stoffentwicklung und Dreharbeiten sind sicherlich Projekte, die sich an realen Bege­benheiten orientieren. Zugleich erzählt man mit ihnen Geschich­ten aus dem wirklichen Leben, nach Fällen, an die man sich erinnern kann, die einen beschäftigt haben und einem keine Ruhe lassen. Die filmische Aufarbeitung dessen erfordert sehr gute Recherche und große Präzision in allen Arbeitsschritten. Und Schauspieler wie Tobias Moretti und Inka Friedrich, die sich darauf einlassen, die Erinnerung an reale Ereignisse erneut zu wecken, was zuweilen schwieriger auszuhalten ist als Erfundenes darzustellen.
Im Namen meines Sohnes" ist die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn durch ein grausames Verbrechen verliert, und nicht zur Ruhe kommen kann, weil der Täter über viele Jahre nicht gefunden wird. Autor und Regisseur Damir Lukačević hat die Geschichte in Rücksprache mit Ulrich Jahr, dem wahren Vater, recherchiert und geschrieben.
Es freut uns besonders, dass dieser sehr besondere Film nach seinen ersten Schritten im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels das Primetime-Debüt des preisgekrönten Regisseurs Damir Lukačević ist, unterstützt durch seinen klugen und engagierten Produzenten Ulrich Stiehm.

Katharina Dufner, Caroline von Senden
Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I - Fernsehspiel I

Stab und Besetzung:

Buch und Regie: Damir Lukačević
Kamera: Jörg Widmer
Ton: Torsten Többen
Szenenbild: Tom Hornig
Schnitt: Uta Schmidt
Musik: Ingo Ludwig Frenzel
Produktionsleitung: Solveig Jork
Produzenten: Ulrich Stiehm, Marco del Bianco
Produktion: Jumping Horse Film mit Förderung der NORDMEDIA und FHSH
Redaktion: Katharina Dufner, Caroline von Senden
Länge: ca. 90 Min.

Rollen / Darsteller

Claus Jansen - Tobias Moretti
Heike Jansen - Inka Friedrich
Kommissar Jan Schnabel - Maxim Mehmet
Vladimir Suworow - Eugen Knecht
Ralph Maeck - Marc Zwinz
Sebastian Jansen (21) - Merlin Rose
und viele andere

Inhalt:

Basierend auf dem wahren Fall des „Maskenmannes“ erzählt der Film die Geschichte von Claus Jansen, dessen Sohn Hannes 1992 über Nacht aus dem Internat verschwindet.
Wenige Wochen später wird der Junge ermordet aufgefunden. Als die Ermittlungen der Polizei im Sande verlaufen, beginnt der Vater, selbst zu ermitteln und macht die Suche nach dem Täter zu seiner persönlichen Mission.
Die Frage nach der eigenen Schuld treibt Claus voran: Wenn er Hannes damals nicht ins Internat gegeben hätte, würde sein Sohn heute noch leben? Claus weiß, wenn er seine obsessive Jagd nicht beendet, wird er sich selbst und die Liebe seiner Frau Heike und seines jüngeren Sohns Sebastian verlieren. Doch er kann nicht aufhören. 1995 und 2001 sterben zwei weitere Jungen, und Claus ist sicher, dass auch sie Opfer des "Maskenmannes" sind.
Erst als durch die Zusammenarbeit zwischen Claus und der Polizei der Täter nach 19 endlosen Jahren gefasst wird, kann der Vater sich von seinen Qualen befreien und findet zu Heike und seinem zweiten, inzwischen erwachsenen Sohn zurück.

Lange Recherche - Statement von Produzent Ulrich Stiehm

Damir Lukačević und ich waren uns einig, dass wir die Geschichte aus der Perspektive des Vaters erzählen wollten: Ein Mann, der nicht damit leben kann, dass der Mörder seines Kindes nicht gefasst wird. Einen Film nach einer wahren Begebenheit zu machen, ist eine besondere Herausforderung, zumal, wenn es um ein schreckliches Verbrechen geht, welches das Leben der Betroffenen für immer verändert hat. Der Drehbuchentwicklung ging daher eine lange und intensive Recherche voraus, um den realen Ereignissen und Personen gerecht zu werden. Am Ende sind es aber die Schauspieler, die einen solchen Film tragen, und dies gelingt Tobias Moretti, Inka Friedrich und Maxim Mehmet unter der Regie von Damir Lukačević auf intensive und berührende Weise.

Intensiv und berührend - Interview mit Damir Lukačević

Was hat Sie gereizt, diesen wahren Kriminalfall zu verfilmen?
Der Stoff verbindet meine Liebe zu Genrefilmen wie „Es geschah am helllichten Tage“ oder „Zodiac“ und meine Liebe zu Familiendramen.
Oft gibt es aus filmischer Sicht eher ein Interesse an den Tätern, als an den Opfern. Die Opfer erscheinen weniger interessant, weil sie leiden oder/und zerbrechen.
Ulrich Jahr dagegen war sowohl Opfer als auch Täter. Von den ermittelnden Organen, der Staatsanwaltschaft und der Kriminalpolizei, fühlte er sich im Stich gelassen. Der Druck, herausfinden zu müssen, wer seinen Sohn getötet hat, war so groß, dass er mit einem Privatdetektiv und einem Hamburger Staranwalt viele Jahre lang den Täter gesucht hat.
Dabei hat er Grenzen überschritten. Immer wieder attackierte Ulrich Jahr unschuldige Menschen. Er hat in Kauf genommen, dass er jemanden zu Unrecht beschuldigte. Das sei ein geringer Preis angesichts seiner Hilflosigkeit und seiner Leere gewesen, sagte er zu mir. Die Frage nach der eigenen Schuld trieb den Vater voran: Wenn er seinen Sohn damals nicht ins Internat gegeben hätte, würde er heute noch leben.
Was mich bei meinen Gesprächen mit Ulrich Jahr am meisten beeindruckt hat, war, als er über seine große Angst sprach, dass der Tod seines Sohnes Stefan einfach vergessen wird, als hätte er nie existiert. Alle Menschen in Jahrs Umfeld hatten Mitgefühl mit ihm, signalisierten aber auch, er müsse diese Tragödie abhaken und wieder ein normaler Mensch werden. Aber das konnte Ulrich Jahr nicht. Er konnte nicht mehr normal werden. Wie geht ein Vater damit um, wie geht eine Familie damit um, der so ein unfassbares Schicksal widerfährt?
Der zweite Punkt betrifft den „Maskenmann“ Martin Ney, der in einem 3-Jahres-Rhythmus fünf Jungs ermordete und mindestens 50 weitere missbraucht hat. Es ist einer der abgründigsten und spektakulärsten deutschen Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte.
Dass Ney dabei nachts mit einer schwarzen Maske bekleidet seine Verbrechen verübte, ist ein Alptraum, den man sich kaum vorstellen kann. Das führte dazu, dass viele Erwachsene den überlebenden Kindern auch tatsächlich nicht geglaubt haben.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Umsetzung eines realen Stoffes in einen fiktionalen Spielfilm?
Wie schaffe ich es, diese Unmenge von Material auf 90 Minuten zu verdichten? Die Gefahr war, sich in der langen 19-jährigen Suche des Vaters erzählerisch zu verlieren, da es viele Figuren, viele Schauplätze und viele Verdächtige gab.
Für mich ist „Im Namen meines Sohnes“ die Geschichte eines Mannes, der in einem Dilemma zwischen zwei Grundkonflikten steckt. Sein Ziel ist es, den Maskenmann zu jagen und festzunehmen. Sein Bedürfnis ist es, ins Leben und zu seiner Frau zurückzukehren, wieder ein „normaler“ Mensch zu werden und Heilung und Erlösung zu finden. Dieses Leitmotiv war die Grundlage für jede Szene und für jede Entscheidung im Film.

Inwieweit haben Sie die Familie des ermordeten Jungen und weitere Zeitzeugen im Vorfeld in das Projekt einbezogen?
Der Drehbuchentwicklung liegt eine intensive Recherchearbeit zugrunde, bei der ich neben Ulrich Jahr auch mit seiner Frau Petra, seinem Sohn Oliver und den ermittelnden Kommissaren Martin Erftenbeck und Uwe Jordan, sowie dem Profiler Alexander Horn gesprochen habe. Stets war ich mit Ulrich Jahr bis zu seinem Tod in engem Kontakt.
Ebenso habe ich mit anderen Beteiligten gesprochen, zum Beispiel mit dem russischen Privatdetektiv, dem Hamburger Staranwalt oder dem Internatsleiter in Scheeßel.
Nach Ulrich Jahrs Tod wurde das Projekt von seinem Sohn Oliver betreut, der die letzte Drehbuchbuchfassung zur Abnahme erhalten hat.

Das eigene Kind durch einen Mord zu verlieren, ist das Schrecklichste, was Eltern passieren kann. Wie sehr hat Sie das Thema des Films persönlich betroffen gemacht?
Im Jahre 2001 las ich das erste Mal über Ulrich Jahrs Schicksal. Mein Sohn war gerade ein Jahr alt geworden, ich genoss mein Leben als junger Vater und ging allen Berichten aus dem Weg, die den Tod oder gar Mord an Kindern zum Thema hatten. Dennoch zog mich dieser Artikel aus der „ZEIT“ unwiderstehlich an, und ich habe die Geschichte nicht vergessen, bis ich im Jahre 2011 – also zehn Jahre später – gelesen habe, dass man den „Maskenmann“ endlich gefasst hat. Daraufhin nahm ich sofort den Kontakt zu Ulrich Jahr auf.
Aus meiner Sicht ist es das Verstörendste überhaupt, was man sich vorstellen kann: Dass das eigene Kind aus seinem Bett, an einem Ort, an dem es sich sicher und geborgen fühlt, nachts von einem Mann mit einer Maske verschleppt, missbraucht und ermordet wird.

An welche Szene im Film erinnern Sie sich besonders?
Ulrich Jahr erzählte mir, wie er, nachdem man die Leiche seines Sohnes gefunden hatte, in den Keller ging und immer wieder schrie, wie sehr „er ihn hasse“. Diese Szene stand nicht im Drehbuch, aber Tobias Moretti und ich hatten das Gefühl, dass sie wichtig für den Film sei.
Als wir die Szene dann drehen wollten, spürte Tobias, der immer emotional und glaubwürdig spielt, einen großen Druck, und war sich nicht sicher, wie er die Szene spielen soll, ohne dass es aufgesetzt wirkt.
Ich erinnerte mich an ein Obduktionsfoto, das mir Ulrich Jahr gegeben hat. Es zeigt seinen Sohn Stefan, dessen Körper aus der Verdener Düne ausgegraben wurde: nackt und mit beiden Händen nach hinten gefesselt. Dieses Foto habe ich Tobias gezeigt. Daraufhin hat er diese unglaublich starke Szene, direkt während die Kamera lief, improvisiert.

Das Interview führte Rolf Grabner.

Das Detail ist das Brutale - Interview mit Tobias Moretti

Sie waren die Wunschbesetzung für diesen Film. Was hat Sie bewegt, zuzusagen?
Das Thema nicht. Es war eigentlich die Begegnung mit der Art der Vorbereitung, mit so einem Thema umzugehen, mit so einer Geschichte. Damir Lukačević, Ulrich Stiehm und Simone Bär haben mir erörtert, wie sie das machen wollen und das fand ich unheimlich spannend. Eine minutiöse Welt der Zwischenräume hatte der Regisseur aufgebaut, eine Welt von Illusionen, Desillusionen und Unvorstellbarkeiten. Das hat mich gepackt und da habe ich zugesagt.
Danach wollte ich gar nicht mehr so recht. Das Thema fand ich bei der näheren Beschäftigung so grausig, dass ich es zunächst sogar verdrängt habe, was mir bisher noch nicht so passiert ist. Ich habe so getan, als ob es den Tag X des Drehstarts gar nicht geben würde. Aber der Tag X kam, und von da an war es ganz unglaublich. Damir Lukačević und ich sind sehr verschieden, aber unsere Schnittmenge fand sich in der Arbeit und es gab sehr starke Impulse. Ich möchte keinen missen, aber auch nicht wiederholen. Wir hätten es auch bei keiner Szene besser machen können, so habe ich das Gefühl.
Auch jemand, der keine Kinder hat, kann sich vorstellen, wie schlimm das alles ist, aber eben doch nicht so - WIRKLICH. Ich habe schon als Mensch eine klare Haltung solchen Menschen (wie dem Maskenmann) gegenüber. Unser Verständnis von Liberalismus hat hier ein Ende, wo es über die Grenzen des Lebensrechtes eines anderen hinausgeht. Wir verwechseln da oft ethisches Recht und Rechtsprechung, selbst in einem demokrati
schen Verständnis muss es hier eine Reihenfolge geben. Ich habe da eine vielleicht archaische Haltung, aber eine Haltung. Ein Mensch, der Kinder hat, relativiert sich selbst. Sein eigenes Leben steht in einer gewissen Reihenfolge. Deshalb ist es das Schlimmste, wenn ein Kind vor einem selber geht, und noch dazu auf diese Art.

Eltern wollen ihre Kinder ja immer bestmöglich beschützen.
Ja. Ich würde aber nie mit so einer Angst leben wollen. Trotz aller Brutalität, die es in unserer Welt gibt, will ich nicht immer sagen müssen: Pass' hier auf, pass' da auf. Was man Kindern vorlebt, soll immer eine gewisse Offenheit haben; man soll den Dingen positiv gegenübertreten, dem Leben ohne Angst begegnen. Menschen wie der "Maskenmann" zwingen uns aber eine Art bürgerlicher Hermetik auf, die uns begrenzt.

Claus Jansen will sich nicht abfinden; das Berufsleben geht kaputt, seine Familie zerbricht - nachvollziehbar?
Da gibt es ja viele Parallelen. Das kann man sich vorstellen, wie schnell die bürgerliche Idealvorstellung eines glücklichen Lebens zerbricht, wenn man einen Haarriss da hinein setzt, der zur Furche und dann zu einem Krater wird. Es gibt viele Schläge, aber ein Fall wie dieser ist sicher der schlimmste. Die Liebe hört auf, das Unbeschwerte ist weg, jede Leichtigkeit für immer verloren. Der Mensch ist aber ein Überlebenstier, und die Verdrängung hat eine unvorstellbare Kraft. Wir wissen aus den grausamsten Geschehnissen selbst der jüngeren Vergangenheit, in welchem Zustand die Menschen danach weiter leben können. Verdrängung hat vielleicht die gleiche Kraft wie anders herum Adrenalin. Die einzige Möglichkeit, wie meine Figur, Claus, damit umgeht. Er ist aber für seine Umgebung kein angenehmer Zeitgenosse mehr, sehr eindimensional, einer, der anderen ganz furchtbar auf die Nerven geht.

Unter anderem seiner Frau. Die hat eine andere Strategie, nämlich, dass man ins Leben zurückfinden muss. Gehen Frauen mit solchen Situationen anders um?
Hier reagiert eine Mutter wahrscheinlich anders als ein Vater. Vielleicht gibt es geschlechtsspezifische Stereotypen, wie man damit umgeht, vielleicht auch nicht. Aber es liegt natürlich auch immer am Wesen eines Menschen. Unser Film richtet sich da eher nach der tatsächlichen Geschichte.

Haben sie sich vor dem Dreh mit den Dokumentationen beschäftigt?
Nicht, was den Charakter der Figur betrifft. Die kann man ohnehin nur aus sich heraus interpretieren. Natürlich kann man Wesenszüge mit einbauen. Aber das Wesentliche muss aus mir selber kommen, sonst wird es uninteressant. Ich habe aber angefangen, mich mit den Details zu beschäftigen, und das Detail ist das Brutale, das Unaussprechbare, das ich aber aussprechen muß. Man muss es sezieren über den Schmerz hinaus, das sind wir nicht gewöhnt in unserer Gesellschaft. Es wird oft akademisch relativiert. Mich interessiert aber das Detail! Es gibt allerdings auch für mich die Rückkoppelung: In völlig belanglosen Situationen wirft's mich nieder. Dann holen mich die Dinge ein. Es schüttelt einen durch, und das entzieht sich ganz eindeutig dem Verstand.
Man ist verpflichtet zur Dankbarkeit, wenn man solche Schicksale spielt, ganz abseits vom Beruf: dass man s o  sein Leben führen durfte.

Das Interview führte Sabine Dreher

Kinder brauchen eine Lobby - Interview mit Inka Friedrich

Was waren Ihre Beweggründe zu sagen: "Die Rolle will ich haben"?
Zunächst fand ich natürlich die Aussicht auf die Arbeit mit Damir Lukačević großartig. Er ist ein ganz feiner, sensibler Regisseur. Schon im Casting habe ich gemerkt, dass er sehr feinfühlig mit dem Thema umgeht, das hat mir besonders gefallen. Und damals habe ich mich auch schon sehr auf Tobias Moretti gefreut; ich finde, er ist ein toller Schauspieler, und wir hatten noch nicht miteinander gespielt.

Sie haben aber auch ein persönliches Anliegen in Bezug auf die Geschichte.
Ja, ich finde, Kinder brauchen eine starke Lobby, und Kinder brauchen Vertrauen. Ich wollte mithelfen, diesen Kindern, die zu Opfern werden, eine Stimme zu geben, gerade in einer fiktionalen Geschichte. Diesem Thema im fiktionalen Bereich eine Plattform zu bieten, finde ich richtig und wichtig. Ich fand die Erkenntnis erschreckend, auch in den Gesprächen mit Damir Lukačević, dass die Kinder damals kein Gehör gefunden haben, nicht bei ihren Herbergseltern, nicht bei den richtigen Eltern. Sie haben ganz konkret beschrieben, dass nachts ein schwarzer Mann ans Bett kommt. Das wurde als Auswuchs der Phantasie, der Pubertät betrachtet. Die Kinder sind unsere Schutzbefohlenen und brauchen die größtmögliche Aufmerksamkeit, das kann man aus solchen Ereignissen wieder lernen.

Wie geht Ihre Heike Jansen mit ihrem Schicksal um?
Der Schmerz an sich ist ja höchst individuell. Ich kenne die echte Mutter nicht, und wir hatten uns mit dem Regisseur geeinigt, ihr nicht nahe kommen zu wollen. Der Film ist sehr über den Vater erzählt, er ist die treibende Kraft. Heike geht stiller, privater mit ihrem Kummer um als ihr Mann, sucht nicht so sehr die Öffent­lichkeit. Im Lauf der langen Zeit realisiert sie, dass ihr zweiter Sohn, der kleinere, ihre Unterstützung braucht. Das holt sie ins Leben zurück. Vielleicht wäre sie ohne dieses Kind in ein schwarzes Loch gefallen. Allerdings kann ich mir ein Ende der Trauer in einem solchen Fall nicht vorstellen. Das ist, glaube ich, ein Rucksack, den man immer bei sich trägt.

Haben Sie die realen Ereignisse damals mitverfolgt?
Dass es sich um diese reale Geschichte handelte, die ich nur noch so halb in Erinnerung hatte, war mein großer Schrecken bei der Lektüre des Buches. Ich meinte, die Bilder des "Maskenman­nes" schon einmal gesehen zu haben; auch dass es eine "SOKO Dennis" gab, hatte ich gehört. Aber wirklich verfolgt habe ich die Ereignisse nicht. Umso größer mein Erschrecken.

Wie kann man seine Kinder besser schützen?

Man muss ihr Bewusstsein schärfen, sie lehren: Du musst dir Gehör verschaffen, wenn dir etwas merkwürdig oder beängsti­gend vorkommt. Sie müssen, über die Scham hinaus, den Eltern, aber auch Lehrern alles erzählen können. Dann haben die Erwachsenen die Chance, wacher zu werden, besser einzuschätzen: Sind wir übervorsichtig oder müssen wir dem nachgehen? Ich denke, man muss selbst möglichst aufmerksam sein. Dass die Nöte der Kinder und Jugendlichen mehr Gehör finden, dafür könnte der Film sensibilisieren, das fände ich ganz wichtig.

Das Interview führte Sabine Dreher.

Martin N. – der „Maskenmann“ - Chronologie

Es ist einer der spektakulärsten Fälle der deutschen Kriminal­geschichte: „Der Maskenmann“, der Kinder aus Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern entführte, missbrauchte und ermordete. Hinter dem Phantom verbirgt sich der Pädagoge Martin N., der mindestens drei Morde und über 40 Sexualdelikte begangen hat.
1992 beginnt im Norden Deutschlands eine Missbrauchsserie, von der niemand ahnt, dass es einer der Aufsehen erregendsten Kriminalfälle Deutschlands werden soll. Ein maskierter Mann dringt in Schullandheime, Internate und Ferienlager ein, um sich an Jungen zu vergehen. Kurz darauf dann der erste Mord: Im Frühjahr 1992 nimmt der damals 21-jährige Pädagoge Martin N. in einem Internat im niedersächsischen Scheeßel an einem Seminar für Ferienbetreuer teil. Dort lernt er den 13-jährigen Stefan Jahr kennen. Am 31. März 1992 kehrt er zurück, weckt den schlafenden Jungen und nimmt ihn mit. Martin N. vergewaltigt und erwürgt ihn auf einem Feldweg und vergräbt die Leiche in den Verdener Dünen. Drei Jahre später der nächste Mord: Martin N. entführt den 8-jährigen Dennis R. aus einem Zeltlager in Schleswig-Holstein. Zwei Wochen später wird auch seine Leiche vergraben in einer Düne in Dänemark gefunden. 2001 – fast zehn Jahre nach dem Mord an Stefan Jahr – entführt der „Masken­mann" den 9-jährigen Dennis K. aus einem Schullandheim. Wochen später finden Pilzsammler den Leichnam des Jungen in einem Wald.
Die Polizei geht rund 7.800 Hinweisen nach - vergeblich. Auch Stefans Vater Ulrich Jahr unterstützt die Ermittlungen. Er engagiert einen Privatdetektiv, bezahlt DNA-Tests, verteilt Flugblätter und ist der Erste, der von einem Serienkiller spricht. Fast 40.000 Euro investiert er in die Jagd. Den Medien gegenüber äußert er: „Ich muss wissen, wer es getan hat.“ Seine Geschichte ist die Vorlage für den ZDF-Film „Im Namen meines Sohnes“.
Trotz aller Bemühungen der Polizei vergehen fast zwanzig Jahre, bis der Täter endlich überführt wird. Die Aussage eines früheren Missbrauchsopfers bringt die Polizei endlich auf die richtige Spur. Im April 2011 legt der inzwischen 40-jährige Ney ein Geständnis ab. Er gibt zu, Stefan Jahr, Dennis R. und Dennis K. ermordet und etwa 40 weitere Kinder missbraucht zu haben. Bei zwei weiteren Morden besteht bis heute dringender Tatverdacht.
Fast zwanzig Jahre war Ulrich Jahr dem Mörder seines Sohnes auf den Fersen. Am 27. Februar 2012 wird der „Maskenmann“ Martin N. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Sicherungs­verwahrung verurteilt. Seine Genugtuung kann Ulrich Jahr nur neun Tage genießen. Auf einer Radtour erleidet der Familienvater einen Herzinfarkt und stirbt.

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