Copyright: ZDF / Reda Laaroussi
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Karl Marx - der deutsche Prophet

Dokudrama mit Mario Adorf

Karl Marx ist einer der meistgelesenen Autoren der Weltgeschichte und nach Luther der wirkmächtigste Deutsche.
Zu seinem 200. Geburtstag widmet das Dokudrama dem Denker ein facettenreiches Porträt mit Mario Adorf in der Hauptrolle.

Die Rahmenhandlung begleitet Karl Marx durch sein letztes Lebensjahr, auf der Reise über Algier, Monte Carlo, Paris und London. Mario Adorf verkörpert auf seine unnachahmliche Weise einen ebenso widerspruchsfreudigen wie widersprüchlichen Weltgeist – hin- und hergerissen zwischen prophetischer Zuversicht und der Angst vor dem Scheitern.

  • ZDF, ZDF: Mittwoch, 2. Mai 2018, 20.15 Uhr / ARTE: Samstag, 28. April 2018, 20.15 Uhr

Texte

Dokudrama zum 200. Geburtstag von Karl Marx

Karl Marx ist einer der meistgelesenen und umstrittensten Auto­ren der Weltgeschichte und nach Luther der wirkmächtigste Deut­sche. Revolutionäre und Reformpolitiker, Machthaber und Gesellschaftskritiker reklamieren bis heute seine Leitsätze für sich. Im 20. Jahrhundert war mehr als ein Drittel der Menschheit Regimen ausgesetzt, die sich auf ihn beriefen – und zumeist scheiterten. Dabei hat Karl Marx selbst jeder Vereinnahmung listig vorgebeugt: "Was mich betrifft: Ich bin kein Marxist." Seine scharfsichtigen Analysen indes scheinen gerade in Zeiten epidemischer Finanz- und Wirtschaftskrisen aktueller denn je. Zu seinem 200. Geburtstag widmet das ZDF dem Denker mit dem Dokudrama "Karl Marx – der deutsche Prophet" ein facettenreiches Porträt. Mario Adorf spielt die Hauptrolle.

Die Rahmenhandlung des Dokudramas aus der Redaktion Zeitgeschichte begleitet Karl Marx durch sein letztes Lebensjahr, auf der Reise über Algier, Monte Carlo, Paris und London. Mario Adorf verkörpert auf seine unnachahmliche Weise einen ebenso widerspruchsfreudigen wie widersprüchlichen Weltgeist – hin- und hergerissen zwischen prophetischer Zuversicht und der Angst vor dem Scheitern. Rückblenden lassen das Leben des politisch getriebenen Bil­dungsbürgers, das von persönlichen Schicksalsschlägen und fortwährender Verfolgung gezeichnet war, Revue passieren. Historiker und Finanzexperten, unter ihnen der französische Präsidentenberater Jacques Attali und der britische Marx-Kenner Gareth Stedman Jones, gehen der Frage nach, wie aussagekräf­tig die erst allmählich erschlossene Weltbeschreibung des deut­schen Propheten heute noch sein kann.

Stab und Besetzung 

ZDF: Mittwoch, 2. Mai 2018, 20.15 Uhr
ARTE: Samstag, 28. April 2018, 20.15 Uhr

Karl Marx – der deutsche Prophet
Dokudrama mit Mario Adorf

Buch_____Peter Hartl
Regie_____Christian Twente
Kamera_____Martin Christ
Schnitt_____Ramin Sabeti
Wissenschaftliche Beratung_____Dr. Jürgen Herres
Musik_____Rudolf Moser
Produktionsleitung_____Sabine Eisner (Gruppe 5), Carola Ulrich (ZDF)
Producer_____Sahar Eslar (Gruppe 5)
Produzent_____Stefan Schneider (Gruppe 5)
Redaktion_____Stefan Brauburger, Stefan Mausbach
Leitung_____Peter Arens
Sendelänge_____90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller
Karl Marx_____Mario Adorf
der junge Karl Marx_____Oliver Posener
Eleanor Marx_____Sarah Hostettler
Friedrich Engels_____Lutz Blochberger
Lenchen_____Nina Petri
Frederick Demuth_____Johannes Klaußner
Johnny_____Victor Antonio
Laura_____Jele Brückner
Jenny von Westphalen_____Martina Delišová
Jenny jr._____Ruth Marie Kröger
Sozialdemokrat 1_____Knud Riepen
Sozialdemokrat 2_____Holger Daemgen
Dr. Stéphann_____René Schönenberger
Janos Bangya, Agent_____Zsolt Bacs
und andere

Unterrichtsmaterial:
Begleitend zum Dokudrama erstellt der Verband der Geschichts­lehrer Deutschlands ein Angebot für den Unterricht.

Karl Marx – der Widersprüchliche
Von Peter Arens und Stefan Brauburger

An keinem großen Denker der Geschichte scheiden sich die Geister deutlicher als an Karl Marx. Wie wird man ihm historisch gerecht? Zum 200. Geburtstag! Soll man auf den Menschen in seiner Zeit fokussieren? Die Etappen seines bewegten Lebens, vor allem die ewige Wanderschaft und Flucht in den Vordergrund stellen? Seine dramatische Familienhistorie vor Augen führen? Oder seine revolutionären Ideen mitsamt ihrer machtvollen Wirkungsgeschichte in den Mittelpunkt rücken?

Das Dokudrama mit seinen Möglichkeiten, szenische Sequenzen mit dokumentarischen Elementen zu kombinieren, mehrere Zeit­ebenen zu bedienen und Expertenstimmen zuzulassen, versetzt in die Lage, ein facettenreiches Spektrum abzubilden und ver­schiedene Aspekte des Themas zu reflektieren. So lag uns be­sonders daran, den berühmten Denker in seiner Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit zu zeigen.

Einerseits ist der "Jubilar" der noch immer bestaunte Deuter des Welt- und Wirtschaftsgeschehens – weit über seine Epoche hin­aus. Andererseits hatte er als Zeitgenosse für das praktische Leben nur wenig Sinn und Geschick. Da ist zum einen der hinge­bungsvolle treusorgende Familienvater, zum anderen der völlig auf sein Werk fixierte weltferne Egomane. Vier seiner sechs Kin­der hat er, wohl nicht zuletzt als Folge seines prekären Daseins, zumal als politischer Flüchtling, zu Grabe tragen müssen, und der Haushälterin hat er einen verborgen gehaltenen Sohn beschert. Er erhob die Stimme für das "geknechtete Proletariat", wusste aber selbst einen gutbürgerlichen Lebenswandel durchaus zu schätzen und zeigte sich im Umgang mit Geld wenig besonnen.

Manche Inkonsequenz oder Lücke in der Marx'schen Weltsicht ließ Raum für vielfältige, zum Teil gegensätzliche Interpretatio­nen. Im weiteren Verlauf der Wirkungsgeschichte beriefen sich humanistisch motivierte Sozialreformer ebenso auf den Denker wie menschenverachtende Tyrannen. Sozialdemokraten, die für eine freiheitliche Republik stritten, ebenso wie gewaltbereite Re­volutionäre, die eine kommunistische Diktatur verfochten. Das "Manifest" bot das Rüstzeug für eine internationale Arbeiterbewe­gung, die später in sozialdemokratisch orientierten Parteien ihren Siegeszug antrat, aber auch das ideologische Fundament totalitä­rer Regime, die Mitte des 20. Jahrhunderts über mehr als ein Drittel der Welt herrschten.

Erst nach seinem Tod entfaltete sich die Sprengkraft seiner oft umgedeuteten Ideen. An langen Zigarrenrauch-geschwängerten Abenden war aus der dialektischen Logik des Philosophen Karl Marx und der politischen Radikalität des Praktikers Friedrich En­gels das Grundgerüst jenes Theoriengebäudes entstanden, das zum Synonym der kommunistischen Weltanschauung wurde, das Konstrukt des historischen Materialismus.

Beide sahen im Fortgang der Geschichte eine Abfolge von Kon­flikten: Klassengegensätze seien miteinander unvereinbar und prallten daher jeweils unweigerlich zusammen. In der Geschichte der Menschheit führe diese Entwicklung von der Urgesellschaft über die verschiedenen dialektischen Stufen, die Sklavenhalter­gesellschaft, den Feudalismus, den Kapitalismus schließlich in den Sozialismus – und auf der höchsten Ebene der Entwicklung in den Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft, in der sich sämtliche Gegensätze aufheben.

In der Frage, welche Mittel der Zweck heilige, lag die Brisanz: Das Proletariat könne sich "nicht aufrichten", prophezeien die Autoren drastisch, "ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird". Auf welche Weise das geschehen soll und in welcher Form von revolutionärer oder institutioneller Gewalt, blieb bedenklich unbe­stimmt.

Doch wird man dem Gedankengebäude von Karl Marx kaum ge­recht, wenn man den Blickwinkel auf seine radikalen Potenziale verengt. Wie kaum zuvor wurden soziale Konflikte in ihrem histo­rischen Prozess so umfassend analysiert, der Kapitalismus in seiner Schwäche so treffend entlarvt, seine Krisenanfälligkeit und die Gefahr der Verelendung ganzer Schichten oder Weltregionen aufgezeigt.

Geradezu visionär erscheint manche Marx'sche Analyse im Hin­blick auf die Globalisierung oder die internationalen Finanz- und Wirtschaftskrisen unserer Tage. Schien der historische Sieg des kapitalistischen Westens über den kommunistischen Osten spätestens nach der Wende von 1989 zunächst errungen, erweist es sich dennoch als verfrüht, Karl Marx für überholt zu erklären. Die Stimmen mehren sich, nach denen der Kapitalismus womöglich doch nicht das letzte Wort der Geschichte sei.

Inzwischen muten manche der theoretischen Annahmen nahezu prophetisch an. Von der "Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts" schrieb Marx. Auch global gelte: "Das Kapital schwillt hier in einer Hand zu großen Massen." Der Denker des 19. Jahrhunderts hat den Begriff "Global Player" nicht gekannt, doch er hat die Gefahren weltweiter Märkte, die Ausbeutung von Ressourcen, die Ohnmacht einzelner Volkswirtschaften vorherge­sehen und die Folgen eines zügellosen Kapitalismus national wie international antizipiert. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer – dies lässt sich auch auf die Lage der Welt von heute übertragen.

Zu Lebzeiten wartete Marx weitgehend vergeblich auf die Erfül­lung seiner grundsätzlichen Annahmen. Und auch danach folgte der Gang der Geschichte keineswegs der behaupteten zwingen­den Logik seines Historischen Materialismus. Und dennoch ist seine Wirkungsgeschichte nahezu beispiellos, so mancher Denk­ansatz offenbar zeitlos.

 

Prof. Peter Arens ist ZDF-Hauptredaktionsleiter Geschichte und Wissenschaft,
Stefan Brauburger ist Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte.

Mario Adorf über sein Verhältnis zu Karl Marx
Interview mit dem Hauptdarsteller

Mario Adorf, es war zu lesen, es sei Ihnen eine Herzensangelegenheit gewesen, Karl Marx zu spielen. Stimmt das?

Herzensangelegenheit ist zu viel gesagt, ein persönliches Anlie­gen würde ich es vielleicht nennen. Eine kleine Episode aus Karl Marx' Geschichte hatte mich vor über zehn Jahren auf die Idee zu einem Film gebracht, der leider entweder aus Kostengründen oder einfach aufgrund von Berührungsängsten mit Marx nicht zustande kam.

Wann kamen Sie persönlich zum ersten Mal mit Karl Marx in Berührung?

Um Anfang der 50er Jahre mein Studium an der Universität zu finanzieren, musste ich, wie viel andere, jobben. In der Eifel bot sich keine andere Möglichkeit, als in der boomenden Bimsindustrie nahe dem Laacher See zu "malochen", wie wir es nannten. Dort wurde in Akkordarbeit der Bimssand oder Kies geborgen und zu Sand- und Hohlblocksteinen für den Wiederaufbau verarbeitet. Mir war die unbeliebteste Knochenarbeit zugefallen: Ich musste in einer zehn Meter tiefen Grube mit einer riesigen Schippe den Bimskies auf ein Förderband schaufeln – im heißen Sommer und das zehn Stunden am Tag. An der Uni hatte ich mich als Student der Philosophie theoretisch mit Marx beschäftigt, hier im Bims erfuhr ich nun am eigenen Leibe, dass ich in der Praxis zu den von Marx sogenannten "Lohnsklaven" gehörte und dass der verhasste Grubenbesitzer mich ausbeutete. Später, als die harten Zeiten vorbei waren, ist das Interesse an Marx geblieben, und in den Chor der Marx-Kritiker habe ich nie eingestimmt.

Wie sehen Sie Marx heute?

Meine Haltung zu Marx hat sich über die Jahre nicht verändert. Er war für mich viel mehr ein Philosoph als ein Revolutionär. Er war ein großer Denker, ein Zu-Ende-Denker, mehr ein Schreibtisch­täter. Marx galt als Bürgersschreck, der den Leuten ihr bisschen Privateigentum wegnehmen wollte, aber er war in meinen Augen immer vor allem der große Missverstandene. Das könnte sich all­mählich ändern, denn heute erkennt man, wie weit in die Zukunft sein Denken vordrang, dass er zum Beispiel die Globalisierung vorausgesehen hat.

Wie ist es Ihnen gelungen, in die Rolle des Karl Marx zu schlüpfen?

Als Brecht-Schüler suche ich als Schauspieler nie die Identifika­tion mit der Rolle. Ich habe in allen Rollen und besonders in den historischen Figuren versucht, sie dem Publikum glaubhaft darzu­stellen, aber habe mich nie mit ihnen identifiziert. Obwohl ich für die Rolle des Karl Marx täglich zweieinhalb Stunden in der Maske saß und dem Bild von Marx immer ähnlicher wurde, bin ich selbst nie Marx geworden. Aber es gibt auch eine Parallele, immerhin stammt Marx wie ich aus der – nun ja – weiteren Eifel. (lacht)

Das Interview führte: Barbara Gauer

Hauptdarsteller und Fachberater
Drehbuchautor Peter Hartl über anregende Begegnungen mit Mario Adorf

Sein Landsmann liegt ihm am Herzen, das ist schon bei unserem ersten Treffen in einem gepflegten Pariser Restaurant spürbar. Mario Adorf, aufgewachsen in Mayen in der Eifel, ist nicht nur mit der Region um Trier, wo Karl Marx vor 200 Jahren zur Welt kam, seit Kindertagen vertraut. Sondern ganz offenkundig auch mit Werdegang und Wirken des deutschen Denkers, den er für unser Dokudrama zum Leben erwecken soll.

Mario Adorf kennt die Schauplätze, an denen Marx auf seinen letzten Reisen verweilte. Er weiß, wen er dort traf, welche Spitz- und Spottnamen er den Menschen um sich anzudichten pflegte, wie er über sie schrieb und was er seinem engen Freund Friedrich Engels aus der Ferne anvertraute: den Kummer des Frischverwitweten über seine Beschwernisse, seine Zweifel an der Zukunft, stets einen ausgiebigen Gesundheits- und Wetterbe­richt; Politik nur am Rande. Aber auch, welches Schreibgerät der Mann des Wortes dazu verwendete und auf welchem Weg er seine Briefe an die Adressaten richtete. Der interessierte Zuhörer ist im Gespräch zum Erzähler geworden, mit einem begnadeten Talent zur Anschaulichkeit.

Und so gedeiht in den folgenden Monaten, an den wechselnden Aufenthaltsorten des rastlos Reisenden, auch das Drehbuch in stetiger Absprache mit Mario Adorf: dem versierten Schauspieler – aber auch dem Fachmann. Nie ist ihm dabei an großer Geste, grandiosem Auftritt für den Hauptdarsteller gelegen, immer dage­gen an Originaltreue und Glaubwürdigkeit. Diese Figur ist er­kennbar mehr als eine Filmrolle für ihn.

Wenn er schließlich am Set nach einigen Stunden aus dem Mas­kenraum tritt, dann vermittelt Mario Adorf eine verblüffende Vor­stellung davon, wie Karl Marx gewesen sein könnte, leibhaftig, und nicht nur äußerlich. Und er behält dabei doch seine unver­wechselbare Art, die ihn nicht nur hierzulande zur Kinolegende macht.

 

Peter Hartl ist Redakteur in der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und Autor des Drehbuchs.

Chapeau!
Von Regisseur Christian Twente

Jeden Tag verbrachte Mario Adorf einige Stunden in der Maske, um dem wohl umstrittensten deutschen Denker zum Verwechseln ähnlich zu sehen. Als erstes galt es die Latexglatze auf das Haupt zu bringen, dann kam die Perücke und schließlich der legendäre Bart. Das bekannteste Foto von Marx steckte immer am Spiegel des Maskenbildners, und Mario Adorf glich am Ende der Prozedur der historischen Figur bis ins Detail.

Doch Mario Adorf sieht nicht nur so aus wie der "deutsche Prophet", er verkörpert ihn auch mit großer Kunst. Die erbitterte Energie, mit der Marx seine Vision von einer besseren Gesell­schaft verfolgte – Adorf führt sie vor Augen. Auch die Halsstarrig­keit gegen seine Zeitgenossen, seine unerschütterliche Überzeu­gung, aber auch seine Widersprüchlichkeit. Es war ihm wie mir wichtig, auch die tief empfundene Liebe des Philosophen zu sei­ner Familie zum Ausdruck zu bringen, die unter seiner Arbeit und seinem Lebenswandel zu leiden hatte. Not und Elend zählten zum Alltag.

Eine Situation am Set hat mich besonders beeindruckt. In einer Familienszene krabbelt Mario Adorf alias Marx auf allen Vieren um den Wohnzimmertisch herum, mit seinem "Enkel" auf dem Rücken. Adorf, der in zahlreichen Rollen hoch zu Ross daher­gekommen ist, spielt 87-jährig selbst das folgsame Reittier – Chapeau!

Für mich war die Zusammenarbeit Herausforderung und Geschenk zugleich. Eine Herausforderung, weil ein Schauspieler, der sich so intensiv mit einer Figur beschäftigt hat wie Mario Adorf mit Marx, sich nicht leicht von der Regie durch die Szenen des Filmes führen lässt. Da kommt es selbst dann noch zu Diskussionen um Text und Darstellung, wenn die Kamera schon läuft. Und ein Geschenk deshalb, weil es immer ein Gewinn war, mit einem so erfahrenen Künstler wie Adorf diese Diskussionen zu führen.

 

Christian Twente führte schon bei mehreren ZDF-Dokudramen Regie, zuletzt bei "Uli Hoeneß – Der Patriarch" (2015) und bei "Das Luther-Tribunal" (2017).

Bekannte Zitate von Karl Marx

"In seinem Sessel behaglich dumm, sitzt schweigend das deutsche Publikum."
("Gedichte, meinem teuren Vater zu seinem Geburtstage", 1837)

"Ein Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ist kein heiliger Zweck."
(Rheinische Zeitung, 1842)

"Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes!"
("Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie", 1844)

"Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen."
("Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie", 1844)

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern."
("Thesen über Feuerbach", 1845)

"Manifest der Kommunistischen Partei", 1848:
"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen!"
"Ein Schreckgespenst geht um in Europa! Das Gespenst des Kommunismus."
"Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
"Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen."
"Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse."

"Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte."
("Die Klassenkämpfe in Frankreich von 1848 bis 1850", 1850)

"Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt."
("Kritik der politischen Ökonomie", 1859)

"Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!"
("Kritik des Gothaer Programms", 1875)

 "Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt, sondern für den, der überlebt."
(Marx, von Engels 1883 so zitiert)

"Ich weiß nur dies, dass ich kein 'Marxist' bin."
(Marx, von Engels 1890 so zitiert)

Zitate von Experten

Jürgen Neffe (Biograf von Karl Marx) - Über Geld und Gier:
"Das ist die Kraft des Geldes, die die Menschen auch antreibt unter dem Stichwort 'Gier'. Die Gier hat einen Lohn. Wenn man gierig ist, kann man sein Geld vermehren. Und Marx sagt, durch das Geld wird der Hässliche schön, jedes Versagen wird plötzlich in Erfolg 'ummünzbar'. Wir erleben das in unserer heutigen Welt noch viel mehr als Karl Marx in der seinigen Welt. Man kann sich Wahlen kaufen, man kann sich freikaufen von Umweltverschmut­zung. Mit Geld kann man ziemlich viel erreichen."

Rolf Hosfeld (Historiker) - Über Marx' Revolutionsziel:
"Marx hatte, was Deutschland anbetrifft, sozusagen immer das große nationale Layout im Auge, also eine Revolution, die einen deutschen Vereinigungsprozess einleitet, die gleichzeitig demo­kratische Verhältnisse herstellt und die dynamische Aussicht auf eine sozialistische Revolution beinhaltet."

Rolf Hosfeld (Historiker) - Über die Liebesbeziehung des Ehepaars Marx:
"Karl Marx stammte aus einem ursprünglich jüdischen Elternhaus, außerdem gab es den Altersunterschied. Die Umwelt hätte es sicher passender gefunden, wenn Jenny von Westfalen, was sie auch ursprünglich mal vorhatte, einen preußischen, protestanti­schen Offizier geheiratet hätte. Sie war eine außerordentlich gut aussehende Frau, eine beeindruckende, kultivierte Frau, die mehrere Sprachen sprach. Und Karl Marx war auch ein sehr gut aussehender, feuriger Jüngling. Neben einer geistigen Symbiose war da einfach eine große erotische Anziehungskraft, und sie liebten sich halt – gegen jede Hindernisse."

Eva Weissweiler (Biografin von Eleanor Marx) - Über den jungen Marx:
"Der junge Marx lebte für den Geschmack seines Vaters zu aus­schweifend, betrank sich, gab viel Geld aus, verkehrte in Bur­schenschaften. Der Vater Marx war nun der Meinung, im preußi­schen Berlin herrscht ein strengeres Regime, und dort wird der Sohn sich mehr disziplinieren. Das tat er sicherlich auch. Er lebte isolierter, nicht mehr so ausschweifend. Aber er distanzierte sich immer mehr von der Juristerei, wandte sich zunächst der Poesie und dann der Philosophie zu."

Jacques Attali (Marx-Biograf und französischer Präsidentenberater) - Über Marx in Paris und Sozialismus:
"Für Marx war Paris ein Ort der Geistesfreiheit, wo er frei schrei­ben, französisch sprechen und ungehindert arbeiten konnte; ohne Zensur wie in Deutschland. Hier gewann er den Eindruck, dass in Paris die Welthauptstadt des Sozialismus im Entstehen begriffen sei.
Das Wort 'Sozialismus' kam hier erstmals auf: als Idee einer utopischen Gesellschaft, in der die Produktionsmittel denen gehö­ren, die sie benutzen. Paris war in dieser Hinsicht damals die wichtigste Stadt der Welt. Viele Denker entwickelten Ideen des Sozialismus oder anderer Utopien."

Jürgen Neffe (Biograf von Karl Marx) - Über die Freundschaft von Marx und Engels:
"Die berühmte Freundschaft zwischen Marx und Engels ist ja in meinen Augen eine Symbiose, wo sich zwei Teile ergänzen. Engels, der Flottschreibende, der Wirtschaftler, der Kapitalist, wenn man so will. Der hat das von der Pike auf gelernt und gese­hen, wie das abläuft. Marx dagegen, der bedächtige Theoretiker. Die haben sich prima ergänzt. Engels hatte die philosophische Tiefe nicht, die Marx besaß. Es ist ganz klar, die Aufgabenteilung zwischen den beiden ist: 'Du machst hier das Jahrhundertwerk, und ich unterstütze dich dabei.'"

Eva Weissweiler (Biografin von Eleanor Marx) - Über ein Zerwürfnis zwischen Marx und Engels:
"Es gab ein schweres Zerwürfnis zwischen Marx und Engels und zwar im Jahr 1863, als die Lebensgefährtin von Friedrich Engels, Mary Burns, ganz plötzlich mit erst Anfang vierzig starb. Und auf ihren Tod reagierte Marx für heutige Begriffe ganz entsetzlich unemotional und unbetroffen. Er schrieb: 'Sie war sehr gutmütig, sie war sehr witzig und hing fest an dir.' Das könnte man eigent­lich auch über den Tod einer Katze oder eines Wellensittichs schreiben. Hinzu kam, dass Marx in dem Brief sofort im nächsten Satz wieder auf seine eigenen katastrophalen Finanznöte zu sprechen kommt. Dass er hier Geld brauche, da Geld brauche, Jenny ihm mit ihrer Aufregung das Leben zur Hölle mache
et cetera. Und dann kam es tatsächlich dazu, dass Engels mal seine Geldzahlungen für eine ganze Weile eingestellt hat."

Ursula Weidenfeld (Wirtschaftshistorikerin) - Kritik an Marx' Geschichtsauffassung:
"Karl Marx hat angenommen, dass irgendwann das Wirtschafts­system zerbrechen wird und dass dann die Revolution des Pro­letariats zwangsläufig und unausweichlich ist. Das ist natürlich totaler Quatsch, anzunehmen, dass Geschichte ein Ziel hat und dass es irgendwie festgefügte Verhältnisse gibt, die irgendwie weggesprengt werden können. Das hat man im 19. Jahrhundert gerne so angenommen, aber da muss man einfach sagen, da wa­ren andere schon ein bisschen weiter, zu erkennen, dass Sys­teme weich sind, dass sie veränderlich sind, dass sie dynamisch sind, dass sie anpassungsfähig sind. Das hat Karl Marx total unterschätzt. Natürlich haben wir Krisen, aber Krisen sind eben notwendiger Teil und nicht das Ende des Kapitalismus."

Jürgen Neffe (Biograf von Karl Marx) - Über die Selbstzerstörung des Kapitalismus nach Marx:
"Marx sagt schon sehr früh, und das führt er dann sehr genau aus, dass ein Markt, ein nationaler, nie ausreichen kann. Er muss sich internationalisieren, muss die Erde umspannen, wie er sagt, er muss überall in jeden Winkel vordringen. Und das bedeutet, dass alles, was wir uns vorstellen können, nicht nur Boden­schätze, sondern Land, Betreuung, Pflegedienste – alles wird zu einer Ware, die sich dann in einem riesigen Warenkorb ansam­melt. Und dieses System nimmt erstmal keine Rücksicht darauf, dass es vielleicht auch Umweltschäden verursacht, das haben wir alles in der Geschichte erlebt, sondern es muss wachsen. Es ist wirklich wie ein Krebswachstum. Nur das Schlimme ist bei dem Krebs: Der zerstört den Körper, in dem er lebt. Also, der kluge Krebs würde sagen, 'Ich stell mal mein Wachstum ein'. Nach Marx kann das der Kapitalismus nicht."

Ursula Weidenfeld (Wirtschaftshistorikerin) - Über den Erfolg des Kapitalismus:
"Wir hatten ja im 20. Jahrhundert doch das eine oder andere poli­tische System, das das Privateigentum an Produktionsmitteln ab­geschafft hat, das gesagt hat, das brauchen wir nicht. Und wir haben gesehen, dass diese Volkswirtschaften nicht besonders effizient waren. Die haben einfach nicht gut funktioniert. Was der Kapitalismus dann hervorgebracht hat, war ja entschieden die erfolgreichere und auch die überlebende Wirtschaftsordnung."

Rainer Voss (Finanzexperte) - Zweifel am Erfolg des Kapitalismus:
"Ich würde mich auch zu der Behauptung versteigen, dass wir in der Abenddämmerung des Kapitalismus leben. Ob das noch 20 oder 30 Jahre oder 40 Jahre gut geht? Mag sein, ja. Aber ich glaube, dass die gegenwärtige Entwicklung des Auseinanderdrif­tens zwischen Arm und Reich so nicht tragbar ist."

Jürgen Neffe (Biograf von Karl Marx) - Marx und die Pressefreiheit:
"Marx war ein Philosoph der Freiheit, wenn man das mal vorne anstellt. Pressefreiheit war ihm so wichtig, dass er immer wieder ins Exil gegangen ist. Dass er irgendetwas getragen oder befür­wortet hätte, was diese Freiheiten einschränkt, gilt als sehr un­wahrscheinlich."

Jacques Attali (Marx-Biograf und französischer Präsidentenberater) - Marx und Realpolitik:
"Marx liefert kein Werkzeug, um ein politisches System zu er­richten, da er nicht in den Kategorien eines Landes dachte, er dachte in globalen Maßstäben, und so weit sind wir noch nicht."

Zeittafel zu Karl Marx

1818
5. Mai: Geburt von Karl Marx in Trier.

1841
Karl Marx wird in Abwesenheit in Jena promoviert, die akademische Laufbahn wird ihm aus politischen Gründen ver­wehrt.

1842
Oktober: Karl Marx übernimmt die Leitung der "Rheinischen Zeitung".

1843
19. Juni: Karl Marx heiratet Jenny von Westphalen.
Oktober: Das Ehepaar Marx zieht nach dem Verbot der "Rheinischen Zeitung" nach Paris.

1844
August:
Friedrich Engels besucht Karl Marx in Paris, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelt.

1845
Februar:
Karl Marx wird aus Frankreich ausgewiesen, geht mit seiner Familie nach Brüssel und gibt die preußische Staats­bürgerschaft auf.

1846
Januar:
Marx und Engels gründen das "Kommunistische Korrespondenz-Komitee".

1847
Juni:
Umbenennung des "Bundes der Gerechten" in "Bund der Kommunisten" auf Betreiben von Karl Marx und Friedrich Engels in London.

1848
Februar: Marx und Engels veröffentlichen das "Manifest der Kommunistischen Partei".
Revolution in Frankreich, die zum Rücktritt von König Louis-Philippe führt.
Juni: Karl Marx wird Chefredakteur der von ihm herausgegebe­nen "Neuen Rheinischen Zeitung. Organ der Demokratie".

1849
Mai:
Karl Marx wird aus Preußen ausgewiesen.
August: Karl Marx kommt nach London, wo er fortan seinen Wohnsitz nimmt.

1851
September:
Karl Marx wird Londoner Korrespondent der "New York Daily Tribune".

1867
September: "Das Kapital", erster Band einer geplanten Reihe von Karl Marx, erscheint in Hamburg.

1883
14. März:
Karl Marx stirbt in London

 

Zusammengestellt von Stefan Mausbach

Audio-Interview mit Mario Adorf

> Hier hören Sie das Interview mit Mario Adorf

Mario Adorf: „Wir müssen Marx heute nicht nur als einen der bekanntesten und lange Zeit verrufensten Deutschen sehen – sondern auch als einen großen Kopf und verdienstvollen Mann!“

Er ist einer der meistgelesenen, aber auch umstrittensten Autoren der Weltgeschichte: Karl Marx. Revolutionäre und Reformpolitiker, Machthaber und Gesellschaftskritiker – sie alle reklamieren bis heute die Leitsätze und Kernaussagen des Philosophen und Gesellschaftstheoretikers für sich. Am 5. Mai wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund widmet das ZDF dem wirkmächtigsten Deutschen nach Martin Luther ein 90-minütiges Dokudrama, das am „Tag der Arbeit“, also am 1. Mai zur Primetime um 20:15 Uhr ausgestrahlt wird. In der Hauptrolle glänzt der Grandseigneur des deutschen Films: Mario Adorf. Für den 87-Jährigen hat sich mit der Rolle so etwas wie ein Lebenstraum erfüllt.

Hannes Brühl hat sich mit Mario Adorf über die aufwändigen Dreharbeiten in Prag und Umgebung sowie zu seinem Verhältnis zum Schaffen von Karl Marx unterhalten.

1. Herr Adorf, Sie hatten bereits im Jahr 2004 die Idee, einen Spielfilm über Karl Marx zu machen. Warum hat das damals nicht gekappt und wie glücklich sind Sie, dass es mit dem Doku-Drama jetzt doch geklappt hat, Marx zu verkörpern?

Ich war in der Produktion in München und irgendwann kam die Frage: ‚Herr Adorf, was würden Sie gerne noch spielen?‘ Ich war ja damals auch schon über siebzig. Das ist eine schöne Frage, die man da so stellt. Da fiel auf einmal der Name Marx. Da sagte ich, ja, das ist eine Rolle, die ich gerne spielen würde. So ist es dann gekommen, dass ich mit einem Regisseur ein Drehbuch begonnen habe und dass wir das angeboten haben. Die verschiedenen Produktionen, zu denen ich dann gegangen bin, sprachen immer von diesem Anliegen, dass man Marx erst einmal erklären müsse. Da sagte ich dann, damit machen Sie einen Dokumentarfilm und damit war der Film eigentlich meistens schon gestorben. Aber die Idee des Dokudramas – das heißt, den Marx zumindest darstellen zu können, also ihm ein Gesicht, eine Maske zu geben – das fand ich so reizvoll, dass ich sagte, das mache ich dann gerne. (1:00)

2. Wie ist es Ihnen gelungen, in die Rolle des Karl Marx zu schlüpfen?

Nun hatte ich natürlich eine ziemlich gute Kenntnis über Marx‘ Leben, über Marx‘ Charakter, über seine familiären Verhältnisse, das hatte ich alles schon über die vielen Jahre mir angeeignet. Das war also dieses Mal keine große Leistung für mich. Die Leistung für mich, muss ich zugeben, war die allmorgendliche Maske für zweieinhalb bis drei Stunden. Das ist schon eine Arbeit und eine Geduldsprobe. Was danach kommt, das sind ein paar Stunden drehen. Danach ist es mir dann auch relativ leicht gefallen. (0:39)

3. Dank der unfassbar aufwändigen Maske sehen Sie dem echten Karl Marx im Film verblüffend ähnlich. Wie ist Ihnen diese Metamorphose gelungen?

Das ist natürlich erst einmal die Aufgabe der Maske, das Physische, das Äußere, das Bild herzustellen. Dann muss man sich in dieser Form, wie eine übergestülpte Form, wenn man will, bewegen können. Das heißt sich zurecht finden, versuchen sich wohlzufühlen, dass es nicht eine Maske wird, sondern dass man sagt, da steckt wirklich ein möglicher Mensch dahinter. (0:29)

4. Was hat Sie so sehr daran gereizt, einen ebenso widerspruchsfreudigen wie widersprüchlichen Charakter wie Karl Marx zu verkörpern?

Marx wurde erst einmal als ein attraktiver Mann beschrieben, in seiner Jugend und seinen mittleren Jahren zumindest. Ein eindrucksvoller Mann, ein temperamentvoller Mann, was natürlich beim Alten immer weniger wird. Dann einfach die ganze Vielseitigkeit und die Vieldeutigkeit, wie er gesehen wird. Auf der einen Seite als der sehr treusorgende Familienvater, als der Haustyrann, den man auch nur aus der Zeit erklären kann. Auf der einen Seite war er dann doch derjenige, der mit seiner Haushälterin ein Kind gezeugt hat. Also auf der einen Seite der treue, liebende Familienvater. Dann aber auch wieder der Mann, der unfähig war, muss man sagen, eine Familie zu ernähren. Diese ganz verschiedenen Facetten dieses Charakters, die sollte man darstellen. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist. (0:52)

5. Sie sind selbst persönlich Marx-Kenner durch und durch. Wie sehen Sie Karl Marx heute?

Dass Marx teilweise eine Rehabilitation bekommen hat, dass man ihn wieder anerkennt, dass man seine Ideen durchaus ernsthaft noch einmal überdenkt und dass man nicht sagt, er hat sich geirrt, er hat uns in diesen schrecklichen, missverstandenen Ost-Kommunismus geführt. Dass man ihn heute als den Philosophen und den Denker sieht, der auch viele Dinge richtig gesehen hat und der Dinge auch vorausgesehen hat, wie Globalisierung zum Beispiel. Solche Dinge, das ist ja wieder sehr modern, sehr heutig. So muss man Marx heute zumindest als einen wichtigen Deutschen sehen. Als einen, der nicht nur bekannt, aber auch lange Zeit einer der verrufensten Menschen war, den wir in der Geschichte haben, sondern auch ein Verdienst und ein Mann, der ein großer Kopf war. (0:57)

Audio-Statements
von Peter Arens, Leiter der Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft
und Regisseur Christian Twente

> Hier hören Sie Statements von Peter Arens und Regisseur Christian Twente

Peter Arens über die Gründe, Karl Marx in Form eines Dokudramas zu würdigen

Das Dokudrama ist die richtige Form für dieses Thema, weil wir in einem Dokudrama auf verschiedenen filmischen Ebenen Material zusammentragen können, um diese Gesamtfigur Marx auszuleuchten. Wir machen das mit Inszenierungen, wir machen das mit dokumentarischen Anteilen, wir machen das mit Statements von Fachhistorikern in der Hoffnung, dass wir dann das ganze Bild zeigen können. Wenn wir eine Dokumentation machen würden, kämen wir dem Menschen Marx eventuell nicht so nah, wenn wir einen Spielfilm machen würden, würden wir eventuell analytisch nicht so weit kommen, wie das ein Dokudrama ermöglicht. Insofern sitzen wir da mit mehreren Machern zusammen, Redaktion, Redakteur und Autor und schmieden dann immer mehr, von Monat zu Monat mehr das Gesamtprodukt, das am Ende dasteht und das aus diesen verschiedenen filmischen Ebenen besteht. Unterstützt von einem Protagonisten, Mario Adorf, der möglichst perfekt diese Rolle verkörpern kann, und dann haben wir ein gutes Gesamtbild am Ende. (1:03)

Peter Arens über Hauptdarsteller Mario Adorf als Glücksfall für den Film

Schauspielerisch natürlich ohne jede Frage, davon durften wir ausgehen, und er hat das übererfüllt, was wir uns erhofft hatten. Aber er ist der Rolle intellektuell in jeder Nuance gewachsen. Wie er über den Menschen Karl Marx räsonieren kann, über dessen politische Ökonomie berichten kann. Wie er selber als junger Student in den fünfziger Jahren sich dieser Figur angenähert hat, als damals nach dem zweiten Weltkrieg wenige Informationen über Geistesgeschichte kamen, wie sich die jungen Leute damals alles haben zusammenklauben müssen. Insofern ist er in mehrfacher Hinsicht für uns ein Glücksgriff gewesen. (0:39)

Peter Arens über die Aktualität, die das Werk von Karl Marx gerade heute in Zeiten von Globalisierung und Bankenkrisen noch hat

Man kann einem Publikum niemals solche Figuren als aktuelle oktroyieren, wenn dieses Publikum nicht selber diesen Eindruck hätte. Also ein Luther und ein Marx können nicht allein von Medien, von Universitäten, von der Politik als zentrales Thema gesteuert und lanciert werden, sondern da muss auch etwas entstehen, das muss auf einen Nährboden treffen. Ich glaube, in diesen beiden Fällen – jetzt reden wir über Marx, letztes Jahr über Luther – ist in der Bevölkerung ein klares Bewusstsein dafür entstanden, wie aussagekräftig diese Menschen noch sind. Das müssen wir nutzen und das wollen wir auch nutzen. (0:40)

Christian Twente, Regisseur von „Karl Marx – der deutsche Prophet“, über die Leistung von Mario Adorf am Set

Zunächst einmal ist es so, dass die Maskenzeit, also mit Kostüm allein viereinhalb Stunden in Anspruch nahm. Das gehört natürlich zum Schauspielerleben dazu. Trotzdem war es anschließend so, dass bis selbst zur elften Stunde am Set gearbeitet wurde, was auch nichts Ungewöhnliches ist. Man muss eben – ich will da nicht immer drauf herumreiten – aber es natürlich schon sagen, dass Herr Adorf, wie er selber sagt, in seinem 88. Lebensjahr ist. Da muss man wirklich sagen: Mit dieser Art von Konzentration und mit dieser Detailversessenheit und mit der Perfektion, mit der er am Set mit jemandem arbeitet, ist schon bewundernswert. (0:41)

Christian Twente über die Herausforderung, das Leben und Wirken von Karl Marx in einem Film umzusetzen.

Zunächst einmal würde ich sagen, es ist ein Albtraum, weil der Mann an seinem Schreibtisch sitzt, denkt, seine Feder nimmt und das, was er gedacht hat, in unterschiedlichen Ausprägungsformen zu Papier bringt. Das ist rein vom Filmischen her zunächst einmal schwierig, da ist aber der Ansatz, in diesem Falle das Dokudrama, auch über eine persönliche Geschichte zu erzählen. Über seine familiäre Situation, da sind Rückblenden über das dramatische Leben, dass er ständig fliehen musste. Das bringt einen schon dahin, dass man in so einem Film auch ein bisschen Gas geben kann. Und nicht nur sozusagen Theorien verbreitet, die aus seinem Kopf gekommen sind, die sicherlich die Welt auf die eine oder andere Art und Weise verändert haben und die heute vielleicht auch noch Gültigkeit haben oder die sehr sicher heute noch Gültigkeit haben. Sich ein bisschen von dieser intellektuellen Herangehensweise lösen zu müssen und auch zu können, ist dann natürlich ganz gut und ich hoffe, das ist uns gelungen. (0:58)

Christian Twente über das große Glück, mit Mario Adorf einen ausgewiesenen Marx-Kenner als Hauptdarsteller zu haben

Ich fand es sehr gut, da er jederzeit in diese Rolle schlüpfen konnte, um diese unterschiedlichen Facetten, bis hin zu dem leichten Trierer Dialekt, diese moosländischen Laute, die Mario Adorf mit intoniert hat, um der ganzen Rolle so nah wie möglich zu kommen. Ich finde, das ist ein Glücksfall, weil das natürlich auch Publikum zieht. Das ist unbestritten. Es ist eben eine deutsche Paraderolle, die eben, finde ich insofern, auf den deutschen Paradeschauspieler in diesem Alter sehr gut passt. Insofern war ich froh darüber, dass er zusagt hat und das machen wollte. (0:39)

ZDF-History: Mario Adorf – eine deutsche Filmlegende

Sonntag, 29. April 2018, 23.30 Uhr
ZDF-History: Mario Adorf - eine deutsche Filmlegende
Ein Film von Uli Weidenbach

Kamera_____Anthony R. Mille, Christian Baumann
Schnitt_____Wolfgang Daut
Redaktion_____Peter Hartl
Leitung_____Stefan Brauburger, Michael Renz

Er brilliert als Schurke ebenso wie als strenger Patriarch: Mario Adorf ist einer der wenigen deutschen Weltstars des Kinos. Gemeinsam mit "ZDF-History" blickt er auf sein bewegtes Leben.

Adorfs Wurzeln liegen in der Provinz. Als uneheliches Kind eines Italieners wächst er ohne Vater in der Eifel auf. In den Hungerjahren der Nachkriegszeit entdeckt Adorf seine Liebe zur Bühne und bald auch zur Leinwand.

Die Rolle des Massenmörders Bruno Lüdke in "Nachts, wenn der Teufel kam" verhilft ihm 1957 zum Durchbruch. 1963 trauern Millionen Deutsche im Kino um Winnetous Schwester
Nscho-tschi. Ihr Mörder "Santer" wird gespielt von Mario Adorf. Das wird dem wiederholten Film-Bösewicht noch jahrzehntelang "nachgetragen". Neben den eher leichten Stoffen widmet sich Adorf Ende der 70er-Jahre dem "Neuen Deutschen Film": "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Lola" oder "Die Blechtrommel" sind ohne ihn undenkbar – Sternstunden des bundesdeutschen Kinos. Und er spricht den wohl berühmtesten Satz unserer Fernsehgeschichte: "Ich scheiß Dich sowas von zu mit meinem Geld, dass Du keine ruhige Minute mehr hast." Adorf in der Rolle des Klebstofffabrikanten Haffenloher in "Kir Royal" – vielleicht seine berühmteste Rolle.

Dem Filmautor Uli Weidenbach ist es gelungen, Adorfs Tochter Stella für ein seltenes Interview zu gewinnen. Sie und andere Weggefährten, wie der Oscar-prämierte Regisseur Volker Schlöndorff, der Filmemacher Michael Verhoeven oder die Schauspielerkollegin Senta Berger bringen uns den Menschen Mario Adorf näher: ein Filmstar zwischen Zuspruch und Selbstzweifeln, zwischen seiner deutschen Heimat und den Kulissen des Weltkinos.

 

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