Nordlichter – Leben am Polarkreis: Die Sonne geht an einem Fjord bei Hammerfest früh unter – um 14.30 Uhr. Foto: ZDF/Dimitry Rudakow
Nordlichter – Leben am Polarkreis: Die Sonne geht an einem Fjord bei Hammerfest früh unter – um 14.30 Uhr. Foto: ZDF/Dimitry Rudakow

Nordlichter – Leben am Polarkreis

Von Spitzbergen bis Ostsibirien / Von Ostgrönland nach Alaska

Die Arktis – eine der faszinierendsten Regionen der Erde, zugleich unwirtlich und bedroht. Zwei ZDF-Teams reisen entlang des Polarkreises, einmal rund um den Nordpol: ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa ist in der ersten Folge von "Nordlichter – Leben am Polarkreis" von Spitzbergen bis in den Osten Sibiriens unterwegs und erlebt, wie sich die polare Welt im Zeitalter der globalen Erwärmung verändert. ZDF-Korrespondent Johannes Hano reist in der zweiten Folge vom Osten Grönlands über die Inseln der Nordwestpassage bis zu den Ölfeldern in Alaska und erkundet, wie die Menschen am Polarkreis leben.

  • ZDF, Mittwoch, 1. Januar 2020, 23.20 Uhr / Donnerstag, 2. Januar 2020, 22.15 Uhr
  • ZDF info, Sonntag, 12. Januar 2020, 6.00 bis 7.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Montag, 30. Dezember 2019

Texte

Sendetermine und Stab

Mittwoch, 1. Januar 2020, 23.20 Uhr, ZDF
Sonntag, 26. Januar 2020, 17.15 Uhr, ZDF

Nordlichter – Leben am Polarkreis
1. Von Spitzbergen bis Ostsibirien

Film von Phoebe Gaa

Kamera: Dimitry Rudakow
Schnitt: Christian Jung
Produktion: ZDF
Redaktion: Hilde Buder-Monath, Andrea Schreiber
Leiter der Sendung: Markus Wenniges
Länge: ca. 43:30

 

Donnerstag, 2. Januar 2020,  22.15 Uhr, ZDF
Sonntag, 9. Februar 2020, 17.15 Uhr, ZDF

Nordlichter – Leben am Polarkreis
2. Von Ostgrönland nach Alaska

Film von Johannes Hano

Kamera: Brian Dentz, Toby Marshall
Schnitt: Daniel Strobel
Redaktion: Hilde Buder-Monath, Andrea Schreiber
Leiter der Sendung: Markus Wenniges
Länge: ca. 43:30

 

Hinweis: "Nordlichter – Leben am Polarkreis" in ZDFinfo:

Sonntag, 12. Januar 2020, 6.00 bis 7.30 Uhr

Nordlichter – Leben am Polarkreis: Von Spitzbergen bis Ostsibirien

Die Arktis ist eine der faszinierendsten Regionen der Erde und gleichzeitig die am meisten bedrohte. Zwei ZDF-Teams reisen entlang des Polarkreises, einmal rund um den Nordpol.

ZDF-Reporterin Phoebe Gaa ist in der ersten Folge der zweiteiligen Dokumentation von Spitzbergen bis in den Osten Sibiriens unterwegs. Sie erlebt, wie sich die polare Welt im Zeitalter der globalen Erwärmung verändert, und trifft Menschen, die ihre Traditionen gegen die Moderne verteidigen.

Majestätische Landschaften, weit entfernt von den Querelen im Rest der Welt. Spitzbergen sei ein "Happy Place", ein Ort, an dem man einfach glücklich sein müsse, erzählt Snorre Hagen. Die Faszination, die seine Heimat auf Besucher aus aller Welt ausübt, kann der Norweger nachvollziehen. Doch die steigenden Touristenzahlen, vor allem im Kreuzfahrtbereich, bereiten ihm auch Sorgen.

Hagen fliegt als Hubschrauberpilot für die Luftrettung auf Spitzbergen. Gerät ein Schiff in Seenot, rücken er und seine Kollegen aus. Allerdings kämen die Rettungsmannschaften mit ihren zwei auf Spitzbergen stationierten Hubschraubern schnell an ihre Grenzen, wenn eines der Kreuzfahrtschiffe mit mehreren Tausend Menschen an Bord in Seenot geriete.

Dass das arktische Meereis sich zurückzieht, beobachten nahezu alle, mit denen das ZDF-Team bei seiner Reise entlang des Polarkreises ins Gespräch kommt. Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, sind unterschiedlich. Die Kreuzfahrt-Unternehmen nutzen die Chance, ihre Gäste in immer weiter nördlich gelegene Gebiete zu bringen. Dass sie mit ihrer Reise in ein fragiles Ökosystem vorstoßen, ist den Touristen an Bord des Kreuzfahrtschiffes vor der Küste Nordnorwegens durchaus bewusst. Der Wunsch, einmal im Leben Nordlichter zu sehen, lässt sie dennoch kalte Oktobernächte an Deck des Luxusliners verbringen. Viele dort sind der Meinung: Je bekannter die Region um den Polarkreis werde, umso höher sei die Bereitschaft der Menschen, etwas für ihren Schutz zu tun.

Russland macht aus seinen machtpolitischen Ambitionen in der Arktis keinen Hehl. Auf Jamal wird das ZDF-Team Zeuge des ambitioniertesten russischen Wirtschaftsprojektes der Gegenwart: Die Firma Novatek hat auf der Halbinsel nicht nur Gasfelder erschlossen, sondern mit Sabetta gleich eine ganze Stadt gebaut. Ihr Herzstück: der Seehafen mit einem Terminal für Flüssiggas. Er soll Dreh- und Angelpunkt der Nordostpassage werden, die dank des schmelzenden Meereises ohne die Begleitung von Eisbrechern befahren werden kann. Die Einheimischen, die mit ihren Rentierherden in direkter Nachbarschaft zu den großen Gasfeldern leben, können diese Entwicklung nur aus der Ferne beobachten.

In Jakutien drängen sich dem ZDF-Team zwei Geräusche auf: das unerbittliche Summen der Mückenschwärme, die die sibirische Tundra im Sommer heimsuchen, und das stete Plätschern, das der tauende Permafrost am Ufer der Kolyma hervorruft. Sergej Zimow und sein Sohn widmen sich einem außergewöhnlichen Projekt: Sie wollen die Steppenwelt von vor über 12.000 Jahren wieder zum Leben erwecken. Gräser, Bisons und Wildpferde sind schon da. Wenn es nach Sergej Zimow ginge, könnte eines Tages auch ein Mammut in ihren Pleistozän-Park einziehen.

Der Film endet in Tschukotka im äußersten Nordosten Russlands, einer Region, die näher an Alaska als an der russischen Hauptstadt Moskau liegt. Es ist eine eigene Welt, in der sich die Menschen mit herumstreunenden Eisbären und brüllenden Walrossen und neuerdings auch mit den sich verändernden Wetterbedingungen arrangieren.

Nordlichter – Leben am Polarkreis: Von Ostgrönland nach Alaska 

In der zweiten Folge der Dokumentation geht es erneut in die unwirtliche Welt der Arktis mit ihrer ursprünglichen Schönheit – eine Welt, die sich verändert und die es bald so nicht mehr geben wird.

Vom größten Fjordsystem der Welt im Osten Grönlands über die Inseln der Nordwestpassage bis zu den riesigen Ölfeldern in Alaska: ZDF-Korrespondent Johannes Hano und sein Team erfahren, wie die Menschen am Polarkreis leben und wie ihre Zukunft aussehen könnte.

350 Menschen, die meisten Inuit, leben in Ittoqqortoormiit. Die nächste Siedlung liegt auf dem benachbarten Island, dazwischen knapp 800 Kilometer Arktischer Ozean. Das ZDF-Team begleitet eine Inuit-Familie durch den Scoresbysund. Hunderte Kilometer geht es in kleinen Booten durch Packeis, vorbei an Eisbergen so hoch wie Wolkenkratzer. Unterwegs begegnen sie Walfängern, die jetzt im Sommer auf Narwal-Jagd sind. In einer Welt, in der Narwal-Haut und Eisbärgulasch seit Jahrtausenden das Überleben sichern, stellen Aktivisten von Greenpeace und WWF, die den Walfang und die Eisbärjagd stoppen wollen, für die Inuit eine Bedrohung dar. Auf der Expedition durch die Fjorde erfährt das Team, wie sich durch den Klimawandel die Welt der Inuit verändert. Ein Wandel, dem sie im hohen Norden auch Positives abgewinnen: "Das Eis bricht einen Monat früher auf, das ist gut. Wir können jetzt früher in den Fjord zum Jagen", sagt Mete Barselaisen. Doch mit dem Eis schwindet auch die Verlässlichkeit des über viele Generationen gesammelten Erfahrungswissens der Inuit.

Der Klimawandel verändert auch die militärische Situation in der Arktis. Es werde einen Run auf Rohstoffe geben, prophezeit General Patrick Carpentier, Kommandeur der kanadischen Joint Task Force North. Mehr denn je müsse Kanada seine Souveränität über die riesigen Flächen behaupten.

In der kanadischen Arktis begleiten Johannes Hano und sein Team das Royal 22nd Infantery Regiment aus Quebec auf seiner Späh- und Präsenzoperation in der Nordwestpassage. Das Regiment ist Teil der Joint Task Force North, die ein Gebiet von der Größe der USA überwacht, in dem jedoch nur 115.000 Menschen leben. Mit Helikoptern wird das ZDF-Team zusammen mit einem Spähtrupp und Inuit-Rangern auf einer baumlosen, kleinen Insel aus Geröll und Matsch abgesetzt. Starkem Wind und ständigem Wetterwechsel ausgesetzt, überwachen die Soldaten den Schiffsverkehr, halten Ausschau nach Schiffen und U-Booten, die sich nicht angemeldet haben. Doch es ist nicht nur das Wetter auf Jenny Lind Island, das den Soldaten zu schaffen macht: Ein Grizzlybär, den es so weit im Norden eigentlich gar nicht geben dürfte, streift über die einsame Insel und macht die Soldaten, die keine Waffen tragen, nervös.

Wie dramatisch die arktische Welt sich verändert, erlebt das ZDF-Team bei seiner Reise auf einer der gefährlichsten Straßen Nordamerikas. Knapp 700 Kilometer lang windet sich der Dalton Highway durch die dichten Wälder Alaskas über den mächtigen Yukon River. Vorbei am – auch im Sommer schneebedeckten – Brooks Range geht es in die Tiefebene der arktischen Tundra bis an die Küste des Arktischen Ozeans. Der Highway, über weite Strecken nur eine matschige Piste, endet im größten Ölfeld der USA an der Prudhoe Bay. Rund 300.000 Barrel Rohöl werden dort jeden Tag gefördert und durch die Trans-Alaska-Pipeline knapp 1300 Kilometer von Deadhorse zum Hafen Valdez an der Pazifikküste gepumpt. Der tauende Permafrost und die Rücknahme von Förderverboten durch die Trump-Regierung haben einen neuen Öl-Boom entfacht, der jedoch von kurzer Dauer sein könnte.

Wie dramatisch sich die Welt verändert, erklärt der Klimaforscher Vladimir Romanovsky: Wenn der Permafrost im selben Tempo auftaue, wie in den vergangenen fünf Jahren, werde der Boden so instabil, dass Städte, Förderanlagen und Pipelines im Matsch versinken würden.

Eine Reise nach Tschukotka oder: Wie ich lernte, "Durak" zu spielen
Von ZDF-Autorin Phoebe Gaa

"Wo sind die vier?" bellt eine Frau in den Flughafenbus von Egwekinot. Mein Team und ich haben keine Sekunde Zweifel, dass wir gemeint sind: die vier vom ausländischen Fernsehsender, die nur mit einer speziellen, schon Monate im Voraus beantragten Genehmigung in Tschukotka drehen dürfen. Die Region in Russlands äußerstem Nordosten gilt als Grenzgebiet. Wir werden überall, wo wir ankommen, registriert und beobachtet – von Behörden und manchmal übereifrigen Nachbarn.

Für die Anreise zum Drehort brauchen wir acht Tage. Unter Einheimischen löst das immer wieder Erstaunen aus: Wie, so schnell? Acht Stunden Flug sind es allein von Moskau bis ins ostsibirische Anadyr. Doch das ist erst der Anfang unserer abenteuerlichen Reise. Gleich zu Beginn hält uns ein Schneesturm mehrere Tage lang in der Hafenstadt gefangen, bevor es mit dem Hubschrauber und mit Jeeps weitergeht. Das Tauwetter verlängert unsere Fahrt durch die Tundra von sechs auf achtzehn Stunden. Zu guter Letzt macht eine Reifenpanne eine ungeplante Übernachtung notwendig. Ein Road-Trip, auf dem wir die endlosen Wartezeiten mit vielen Runden "Durak" ("Dummkopf") überbrücken, einem russischen Kartenspiel. Am Ende der Reise liegt schließlich Vankarem.

Das Dorf mit 180 Einwohnern liegt an einer Bucht der Tschuktschensee. Am Fuß der Klippen ruht sich eine Walrosskolonie mit mehreren tausend Tieren aus. Über ihnen haust ein Eisbär in einer verlassenen Hütte. In seinem "Vorgarten" liegen Tiergerippe, die Überreste seiner letzten Mahlzeit.

Die Menschen in Vankarem leben seit jeher in Nachbarschaft zu den Raubtieren. Die Legenden der Tschuktschen, dem Volk, dem die meisten dort angehören, sind voller Eisbären, Wale und Walrosse.

Wir kommen bei Sergej und seiner Familie unter. Der 47-Jährige gehört der örtlichen Eisbär-Patrouille an. Er beobachtet, wo die Tiere in der Umgebung des Ortes Quartier beziehen und klärt die Bevölkerung Vankarems darüber auf, was zu tun sei, wenn ihnen doch einmal ein Bär zu nahe kommt. In der Grundschule hantieren schon Zehnjährige mit Signalpistolen. Für unsere Augen ist das ungewöhnlich. Die Kinder müssten früh lernen, wie sie sich vor Eisbären schützen können, erklärt man uns.

Wir wollen unbedingt Nordlichter filmen, doch das löst bei Sergej und seiner Familie Unbehagen aus. Ohne Signalpistole lässt er uns nachts nicht auf die Straße. Er ringt uns das Versprechen ab, uns nicht zu weit vom Haus zu entfernen. Als sich eines Nachts die Polarlichter über Vankarem zeigen, starren wir fasziniert auf das Schauspiel am Himmel – und werfen gleichzeitig immer wieder einen Blick zurück über die Schulter, um sicher zu gehen, dass sich nichts und niemand anpirscht.

Als indigenes Volk haben die Tschuktschen Sonderrechte: Für den Eigenbedarf dürfen sie Walrosse jagen, obwohl die Tiere auf der Liste der bedrohten Arten stehen. Etwa drei Tiere braucht eine Familie, um durch den arktischen Winter zu kommen, erzählen sie uns. Das Fleisch der Tiere enthalte genau das, was der menschliche Körper brauche, wenn die Sonne in der Polarnacht monatelang nicht aufgeht.

Am letzten Tag unseres Besuches ist Jagdwetter. Auf einem kleinen Motorboot fahren Sergej, sein Neffe Juri und unser Kameramann zur Kolonie. Stunden später kommen sie starr vor Kälte zurück, mit einem erlegten Walross im Schlepptau.

Ob Haut, Fleisch oder Innereien: Jedes Teil des Walrosses wird Verwendung finden. Doch bevor sich die Familie ans Zerlegen macht, gießt Sergejs Frau dem Koloss einen Schluck Süßwasser über das Gesicht. Eine alte Tradition der Tschuktschen, mit der sie dem Tier dafür danken, dass es sich für sie geopfert hat.

Gestrandet in der Arktis
Von ZDF-Autor Johannes Hano

Im Scoresby Sund an der Ostgrönländischen Küste sind wir mit Mette Barselaisen, ihrem Mann Age, ihren Kindern und Mettes Bruder Agalu unterwegs – im größten Fjordsystem der Welt. Rund 700 Kilometer fahren wir mit zwei kleinen Außenbordern durch den Fjord und seine Seitenarme. Uns ist klar, dass diese Reise ein Abenteuer wird. Nur wenige Menschen, die nicht hier aufgewachsen sind, sind bislang so tief in den Fjord vorgedrungen. 

Wir haben Kleidung für alle Wetterlagen dabei: Daunen- und Regenjacken, Fleece- und Thermounterwäsche, Hosen aus strapazierfähigem Material, wasserdichte Schuhe mit extra Filz-Innenschuhen, Schwimmwesten und sogar Trockenanzüge für den Fall, dass wir durchs Eis brechen oder über Bord gehen. Aber uns wird schnell klar: Wer hier ins Wasser fällt, hat auch mit Trockenanzug kaum eine Chance zu überleben. Auch Satellitentelefon und GPS-Tracker dienen eher der Beruhigung. Denn was nützt es, dass man um Hilfe rufen kann, wenn es im Umkreis von mehr als 800 Kilometern keine menschliche Siedlung gibt?  Die nächstgelegene befindet sich auf dem benachbarten Island, zwei Flugstunden entfernt.

Mit etwa fünfzig Stundenkilometern geht es durch den Fjord, der bis zu 130 Kilometer breit ist. Durch Eisfelder, vorbei an Kilometer hohen Gletschern und Eisbergen, die aussehen, als habe sie ein Riese handgeschnitzt. Wir sind fasziniert von der absoluten Einsamkeit und ihren Dimensionen, spüren die eigene Bedeutungslosigkeit in dieser mächtigen, majestätischen Natur. Wir trinken Wasser aus Gletscherflüssen und essen, was die Natur hergibt: Eisbär, Narwal, Fisch und Moschusochsen, auf deren Fellen wir nachts schlafen. 

Nach ein paar Tagen beschleicht uns das trügerische Gefühl, wir hätten verstanden, was es bedeutet, hier zu leben, zu überleben. Doch wir werden gnadenlos aus dieser Illusion gerissen, als ein Sturm das Packeis aus dem Arktischen Ozean tief in unseren Fjord drückt, mitten im Juli! Mit Vollgas und riskanten Manövern versuchen unsere Bootsführer Age und Agalu, dem immer dichter werdenden Eis zu entkommen. Die Temperatur ist steil abgefallen. Eisiger Fahrtwind frisst sich nach stundenlanger Fahrt durch alle Schichten unserer Kleidung. Ich bewege Finger und Zehen, spanne immer wieder meine Bein-, Arm-, Rücken- Bauch- und Brustmuskeln an in der Hoffnung, dass mir wärmer wird. Doch das kostet nur noch mehr Kraft. Auf einmal spüre ich die Kälte nicht mehr. Müdigkeit überwältigt mich, ich kann meine Augen kaum noch offen halten. Erst in diesem Moment wird mir klar, dass ich dabei bin, zu erfrieren. Als Reporter, der schon oft gefährliche Situationen erlebt hat, fühle ich mich dieses Mal dem Tod näher als je zuvor. Was mich im Nachhinein am meisten irritiert: Ich war bereit, alles einfach geschehen zu lassen. Mein Körper war so ausgekühlt, dass er im Begriff war, aufzugeben. Ich wollte nur noch einschlafen. In der Vorbereitung auf unser Projekt hatte ich darüber gelesen, was geschieht, wenn der Körper auskühlt. Aber ich hatte nicht erwartet, selbst in eine solche Situation zu kommen, mitten im Sommer, auf einem Boot mit Team-Kollegen und erfahrenen Jägern.

Dann plötzlich stoppen die Boote. Unsere Begleiter müssen Benzin nachfüllen, aus einem der vielen mitgebrachten Reservekanister. Der Fahrtwind ist weg, eine Erlösung. Erst fangen Finger und Zehen wieder an zu kribbeln, dann zittert der ganze Körper, das Leben kehrt zurück. Ich drehe mich zu unserem Kameramann Brian um. Sein Blick verrät mir, dass es ihm ähnlich ergangen ist. Wir ziehen uns eine weitere Lage Kleidung an und fragen uns, wie unsre Inuit-Freunde dem arktischen Frost standhalten. Ihr Kälteempfinden ist ein anderes. Sie sind es gewohnt, bei minus 40, manchmal sogar minus 50 Grad im Winter zu überleben. Noch eine halbe Stunde geht es mit Vollgas weiter, dann gibt es kein Weiterkommen mehr. Das Eis hat unseren Rückweg blockiert. Noch immer sind es knapp 30 Kilometer zu dem 350-Seelen-Ort Ittoqqortoormiit, dem Ausgangspunkt unserer Fahrt, an der Mündung des Scoresby Sund. Wir stecken fest – gestrandet in der Arktis. Selbst unsere Begleiter werden nervös. Das Eis driftet schnell, es droht, die Boote zu zerdrücken. Deshalb drehen wir um, suchen eine eisfreie Bucht. Nach einer Viertelstunde treffen wir auf eine Gruppe von Narwaljägern, die auf einer langgezogenen, etwa fünf Meter hohen Klippe stehen. Ihre drei Boote stecken genauso fest wie unsere. Auch wir gehen an Land und lassen unsere Kamera-Drohne steigen, um uns aus der Luft ein Bild von der Lage zu machen.

Agalu, Age und die Jäger betrachten neugierig und konzentriert die Aufnahmen, die die Drohne liefert: Der Fjord ist vom Eis abgeriegelt, es wird so schnell kein Zurück für uns geben. Wir beschließen, unsere Zelte aufzubauen. Wir müssen Wachen aufstellen, denn über das Packeis können jederzeit Eisbären aus dem Nichts auftauchen. Und wir müssen beobachten, wie sich das Eis bewegt, ob es den Booten zu nahe kommt. Auf unsere Fragen, wie lange wir hier ausharren müssen, antworten die Jäger, es könne zwei Tage dauern, aber auch vier Wochen. Alles hinge vom Wind und von der Strömung ab. Uns dämmert allmählich, dass unsere Drehreise zu einem viel größeren Abenteuer geworden ist, als wir uns das je vorgestellt hatten.

In den nächsten zwei Tagen müssen wir das Camp mehrmals ab und an anderer Stelle wieder neu aufbauen. Immer wieder kommt das Eis den Booten gefährlich nahe. Schließlich treffen Mette Age und Agalu einen Entschluss: Die Kinder sollen nicht länger hier draußen bleiben. Es ist zu kalt und zu gefährlich. Agalu soll mit uns und einem der Jäger das kleinere der beiden Boote mit den Kindern über das Packeis bis nach Ittoqqortoormiit ziehen.

Den ganzen Tag kämpfen wir uns über das Eis von Eisscholle zu Eisscholle, suchen nach offenem Wasser, in dem das Boot wenigstens ein paar Meter fahren kann, steigen ein und aus, laufen, ziehen, schieben. Immer wieder prüfen wir vorsichtig, ob das Eis hält. Manchmal bricht ein Stück ab. Wir haben Angst, selbst einzubrechen, was den sicheren Tod bedeuten würde. Für uns sieht das Eis überall gleich aus, aber Agalu und der Jäger können es lesen. Ohne sie wären wir verloren. Am späten Abend, es ist noch taghell, erreichen wir schließlich Ittoqqortoormiit, völlig ausgelaugt und glücklich, es geschafft zu haben.

Wir sind erst am Anfang unserer Reise durch die Arktis. Noch wissen wir nicht, was uns in Kanada auf einer kleinen unbewohnten Insel in der Nordwestpassage erwartet. Wir haben nun eine Ahnung, was es bedeutet, in der Arktis zu leben. Nichts ist einfach. Alles muss jeden Tag erkämpft werden. Die Natur verzeiht keine Fehler, man muss immer auf alles vorbereitet sein. Dass sich eine friedlich anmutende Welt von magischer Schönheit mit einem Wimpernschlag in einen Furor verwandeln kann, der alles in Frage stellt, das haben wir am eigenen Leibe erfahren.

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