planet e.: Eisbären auf der Flucht

Film von Anja-Brenda Kindler und Tanja Dammertz

Den 25.000 noch verbliebenen Eisbären schmilzt der polare Lebensraum unter den Tatzen. Hat das größte Landraubtier noch eine Zukunft? Das wollen die beiden Wissenschaftler Sybille Klenzendorf und Dirk Notz in der Arktis herausfinden. "planet e." begleitet die beiden Forscher in eine abgelegene, sich verändernde Welt. Die Suche nach den Chancen für den einstigen König der Arktis liefert auch Daten über Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen.

  • ZDF, Ostersonntag, 5. April 2015, 14.45 Uhr

    Texte

    Stab und Inhalt

    Ostersonntag, 5. April 2015, 14.45 Uhr, ZDF

    Karfreitag, 3. April 2015, 21.45 Uhr, Arte

    Buch      Tanja Dammert, Anja-Brenda Kindler, Christopher Gerisch
    Kamera Oliver Gurr
    SchnittHauke Ketelsen
    Redaktion ZDFRaimund Waltenberg
    Redaktion ArteMarita Hübinger
    Längeca. 28 Minuten

    Den 25.000 noch verbliebenen Eisbären schmilzt der polare Lebensraum unter den Tatzen. Hat das größte Landraubtier noch eine Zukunft? Zwei Wissenschaftler begeben sich auf Spurensuche in der Arktis: Klimaforscher Dirk Notz ist bei seiner Spitzbergen-Expedition überrascht. Er findet Wasser, wo Meereis sein sollte. Erwärmung findet man auch in den kanadischen Polargebieten und Alaska vor. Hier untersucht die Wildtierbiologin Sybille Klenzendorf Anzahl und Zustand der Eisbären.

    Polarbiologen stoßen immer häufiger auf verhungerte Tiere, etwa auf Spitzbergen. Die Veränderungen im Packeis schreiten offenbar so schnell voran, dass den Eisbären keine Zeit bleibt, sich den veränderten Bedingungen anzupassen. Ihr Überleben hängt von festem Meereis ab, da sie nur dort jagen können. Allerdings verteilen sich die Eisbären der Arktis auf verschiedene Populationen. Diese leben voneinander getrennt in Alaska, Spitzbergen, Russland und im Nordwesten Kanadas. Die Gesamtsituation ist unklar, teilweise sogar widersprüchlich. Während die meisten der regionalen Reviere einen deutlichen Rückgang zu verzeichnen haben, gibt es auch Meldungen über eine stellenweise Zunahme an Eisbären. Die einheimischen Inuit im Norden Kanadas zählen seltsamerweise so viele Eisbären wie schon lange nicht mehr. Auf der einen Seite das langsame Aussterben der weißen Riesen, auf der anderen Seite eine Vergrößerung der Population. Wie kann das sein?

    "planet e." begleitet die beiden engagierten Forscher in eine abgelegene, sich verändernde Welt. Die Suche nach den Chancen für den einstigen König der Arktis liefert auch Daten über Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen.

    Eis und Bären
    Drehbericht von Filmautorin Anja Kindler 

    Dass die Dreharbeiten eine Herausforderung sein würden, war uns von Anfang an bewusst. Sämtliche Wissenschaftler und Berater hatten uns vor dem Wetter in der Arktis gewarnt – als wir dann aber selbst in der kleinen Ortschaft Churchill im Norden Kanadas stehen, fühlen wir plötzlich am eigenen Leib, was sie meinten: Schneeverwehungen, Temperaturen um minus 20 Grad und ein eisiger Wind machen die Dreharbeiten unmöglich. Erst mit Verspätung können wir beginnen.

    Wir sind auf der Suche nach Eisbären, den Königen der Arktis. Und hier, am Rand der Hudson Bay, warten die mächtigen Tiere am Ende des Sommers darauf, dass das Wasser zufriert. An kaum einem anderen Ort des Planeten kann man die Tiere so gut beobachten wie hier. Wenige Stunden vor unserer Ankunft hat das Flughafenpersonal zwei Tiere vom Rand der Landebahn verscheucht. Straßenwarnschilder mit Eisbären lassen ahnen, dass die Tiere hier tatsächlich in den Ort kommen! Doch so verlockend die Eisbären-Dichte für uns als Filmemacher ist – so riskant ist sie auch. Denn auf der Suche nach Nahrung kommen immer mehr Tiere auch in die kleine Ortschaft. Schon am ersten Drehtag erfahren wir von einem Zwischenfall vor zwei Jahren. Damals attackierte ein hungriger Eisbär eine Einwohnerin des Dorfes.

    Sobald es in Churchill dunkel wird, ist kaum noch jemand zu Fuß unterwegs, zu groß scheint die Angst zu sein, unverhofft auf einen Bär zu stoßen. Wir sind also vorsichtig und nehmen auch für kurze Distanzen lieber das Auto. Um die Eisbären hautnah zu erleben, haben wir uns einen der riesigen Tundra Buggys gemietet. Diese Riesentrucks fahren Touristen auf festgelegten Routen durch die Tundra zu den Tiere, die um den Ort herum auf das Zufrieren der Hudson Bay warten. In den schaukelnden Gefährten fahren wir etwa 40 Minuten, bis wir den ersten Eisbären erspähen. Endlich! Mit seinem weißen Fell ist er im Schnee kaum zu erkennen und scheint sich auch nicht besonders dafür zu interessieren, dass wir mit dem riesigen Truck stehen bleiben, um ihn zu beobachten. Dem majestätischen Tier plötzlich in unmittelbarer Nähe gegenüber zu stehen, ist ein erhabenes Gefühl.

    Die meisten Eisbären, die wir sehen, liegen schlafend im Schnee. Sie sind im Wartemodus und sparen so wertwolle Energie. Die Eisbären scheinen an die Tundra-Buggys gewöhnt zu sein und verhalten sich entspannt. Zu Beginn der Fahrt hatte uns der Fahrer darauf hingewiesen, dass wir uns langsam und ruhig bewegen sollen und keinen Krach machen dürfen, um die Tiere nicht zusätzlichem Stress auszusetzen.

    Nach einigen Tagen in der selbsternannten „Eisbärenhauptstadt“ Churchill fahren wir weiter gen Norden. In dem kleinen Inuit-Dorf Arviat tauchen wir ein in die Welt der Ureinwohner. Sie leben seit Jahrhunderten mit und von der Natur im eisigen Norden. Ein Hundezüchter erzählt uns, dass immer mehr Eisbären seine Tiere bedrohen – seiner Meinung nach gibt es in der Arktis immer mehr Eisbären. Wir realisieren, wie sensibel das Thema ist und wie sehr der Eisbär zum Spielball unterschiedlicher Interessen geworden ist.

    An die eisigen Temperaturen in Kanadas Norden gewöhnen wir uns im Laufe der Dreharbeiten. Was wir jedoch nicht ablegen, ist der Respekt vor den riesigen Eisbären. Am Ende bleibt es bei Begegnungen aus sicherer Distanz. So sehr wir auch gehofft haben, eines der Raubtiere im Ort zu sichten – am Ende sind wir doch froh, dass es nicht zu so einem Aufeinandertreffen gekommen ist. Denn mit aller Wahrscheinlichkeit hätten wir dabei den Kürzeren gezogen.

    Das große Schmelzen
    Bericht von Eisforscher und Klimawissenschaftler Dirk Notz

    Wasser soweit das Auge reicht. Bis zum Horizont, grau, tief, undurchdringlich. Wobei das zunächst einmal eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist, schließlich befinden wir uns gerade mitten auf dem Meer. Und doch ist dieses Wasser ungewöhnlich: Hier oben, direkt vor der Küste Spitzbergens, mitten im Winter, sollte all dieses Wasser eigentlich gefroren sein. Zu Meereis erstarrt sein. Eisschollen sollten zu sehen sein, vielleicht ein paar Eisbären, Robben, Walrösser. Aber wir sehen nur: Wasser.

    Dieser Rückgang des Meereises, den wir bei unserer Forschungsfahrt vor der Küste Spitzbergen hautnah erlebt haben, führt momentan zu gewaltigen Veränderungen in der Arktis und weit darüber hinaus. Obwohl das Eis nur eine wenige Meter dünne Haut auf dem Ozean bildet, spielt es eine zentrale Rolle im Klimasystem der Erde. Es reflektiert einfallendes Sonnenlicht und kühlt damit die Arktis auch im Sommer sehr effektiv. Es isoliert die Atmosphäre von warmen Meeresströmungen und trägt damit zu den kalten Temperaturen in der Polarnacht bei. Bei der Eisbildung wird Salz freigesetzt, das in den Ozean fließt und die globalen Meeresströmungen beeinflusst. Allesamt Prozesse, die den Zustand unseres Klimas in den letzten Jahrtausenden mitbestimmt haben, und die wir nach wie vor nicht vollständig verstanden haben.

    Es ist daher im Moment eine unserer zentralen Forschungsfragen herauszufinden, welche Auswirkungen das derzeit stattfindende Abschmelzen des Meereises auf unser Klimasystem haben wird. Dieses Abschmelzen ist einer der klarsten Beweise für eine deutliche Klimaerwärmung in den letzten Jahrzehnten: In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Eisfläche auf dem Nordmeer im Sommer etwa halbiert, und das verbleibende Eis ist darüber hinaus auch noch deutlich dünner geworden. Einigen Abschätzungen zu Folge sind damit im Sommer inzwischen etwa drei Viertel der gesamten Meereismenge im Nordpolarmeer verschwunden – und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch dieses letzte Viertel nicht mehr da ist, abgeschmolzen, zu Wasser geworden.

    Einige Auswirkungen eines solchen Abschmelzens liegen auf der Hand: Im Sommer würde das Nordmeer Großteils ein Meer wie jedes andere sein, Schiffe würden regelmäßig dort verkehren können, Ölplattformen den Rand des Meeres säumen, die Tierwelt würde radikal anders aussehen. Andere Auswirkungen hingegen sind deutlich schwieriger vorherzusagen. So deuten zum Beispiel mehrere wissenschaftliche Studien darauf hin, dass ein Rückgang des Meereises zu Veränderungen der Luftströmungen führt, die bis in unsere Breiten zu fühlen sein könnten. Einige extreme Wetterereignisse der letzten Jahre, wie zum Beispiel Schneestürme in den USA, Überschwemmungen in Mitteleuropa, langanhaltende Trockenheit in Russland könnten direkte Anzeichen dieser Veränderungen sein.

    Doch selbst wenn wir diese Folgen noch nicht vollständig verstanden haben, sind wir uns doch zumindest weitestgehend sicher, die Hauptursache für den Rückgang des Meereises identifiziert zu haben. Ohne die vom Menschen verursachte globale Erwärmung, ohne den Eintrag von Treibhausgasen in die Atmosphäre, die beim Verbrennen fossiler Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle freiwerden, lässt sich dieser Rückgang des Meereises nicht erklären. Was andererseits auch bedeutet, dass das Schicksal des letzten Viertels des Arktischen Meereises nach wie vor in unseren Händen liegt. Simulationen mit Klimamodellen zeigen, dass dieses Viertel erhalten bleibt, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit deutlich gesenkt wird. Geschieht dies nicht, wird das Eis im Nordpolarmeer immer weiter abschmelzen. Bis nur noch Wasser übrigbleibt.
    Grau, tief, undurchdringlich.

    Biografische Angaben

    Autorin Anja Kindler, Jahrgang 1975, ist seit 2007 für Spiegel TV (Redaktion Reportage und Dokumentation) tätig. Für das ZDF hat sie zuletzt im Film „Gestohlene Jugend“ (2013) über das Leid der Heimkinder berichtet.

    Dirk Notz (39) ist Eisforscher und Klimawissenschaftler am Hamburger Max-Planck Institut für Meteorologie und leitet dort die Forschungsgruppe "Meereis im Erdsystem". Neben seiner Forschungstätigkeit, im Rahmen derer er immer wieder Expeditionen in die Polargebiete leitet, ist er besonders aktiv in der Jugend- und Öffentlichkeitsarbeit. Für die allgemeinverständliche Darstellung seiner Forschung erhielt er bereits mehrere Auszeichnungen.

    Der andere Blick auf unsere Erde
    planet e.:  die Umweltdokumentation

    Seit 2011 geht „planet e.“, sonntags, um 14.45 Uhr, in intensiven Dokumentationen aktuellen Fragen des Umwelt- und Naturschutzes auf den Grund. Die Dokureihe findet Themen ganz in der Nähe, in Europa und weltweit. Es geht um globale Trends, nachhaltige Lebensgestaltung und ökologisch verträgliche Lösungen für die drängenden Fragen der Zeit.

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