Copyright: ZDF/Bernhard Keller
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Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten

Fünf Filme im Kleinen Fernsehspiel des ZDF

Im Juli und August 2020 präsentiert die ZDF-Nachwuchsredaktion "Das kleine Fernsehspiel" zum achten Mal die Sommerreihe "Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten" (Foto: Jürgen Vogel in "Der Mann aus dem Eis").

  • ZDF, "Western": Montag, 3. August 2020, 0.20 Uhr
  • ZDF Mediathek, Alle Filme der Reihe sind ab Mittwoch, 15. Juli 2020, in der ZDFmediathek abrufbar.

    Texte

    Statement von ZDF-Redaktionsleiterin Claudia Tronnier

    Das junge deutsche Kino steckt voller Überraschungen. Es sind nicht die Themen, die überraschen, denn die sind universell – es geht um Leben und Tod, um die Liebe, um Heimat und die Sehnsucht nach Freiheit. Aber die Filmemacher und Filmemacherinnen der neuen Generation nehmen sich mutig Freiheiten in der Wahl ihrer Mittel, und so eröffnen sie uns unerwartete Perspektiven. Das zeigen zwei Tragikomödien, die das Tabuthema Tod auf ganz unterschiedliche Weise offensiv und mit absurder Komik angehen, so der Eröffnungsfilm der diesjährigen Reihe "Glück ist was für Weicheier" und "Irgendwann ist auch mal gut". Eine Liebeskomödie mit tragischen Elementen voller Selbstironie, schlicht "Liebesfilm" betitelt. Ein archaisches Drama, das in der Jungsteinzeit spielt und erstmals den spektakulären Fund des Ötzi in eine fiktive Geschichte kleidet, "Der Mann aus dem Eis". Und schließlich ein moderner Western, ebenfalls schlicht "Western" betitelt, der in einer ursprünglichen Landschaft die Themen Männlichkeit, Abenteuerlust und Umgang mit Grenzen und Konflikten umkreist.

    Mit dabei sind bekannte Darsteller und Darstellerinnen wie Martin Wuttke, Fabian Hinrichs, Lana Cooper, Jürgen Vogel, Franco Nero und Franziska Walser sowie junge Nachwuchsdarstellerinnen, von denen wir sicher auch in Zukunft noch einiges sehen werden, wie Ella Frey oder Maresi Riegner.

    Der Kinosommer des Kleinen Fernsehspiels kann wie in jedem Jahr wieder verlässlich im Fernsehen und in der ZDFmediathek stattfinden. Dafür stehen die von der Nachwuchsredaktion koproduzierten Filme.

    Claudia Tronnier, Redaktionsleiterin Das kleine Fernsehspiel

    Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten
    Die Sendetermine und -titel

    Donnerstag, 16. Juli 2020, 23.15 Uhr
    Glück ist was für Weicheier

    Montag, 20. Juli 2020, 23.50 Uhr
    Liebesfilm

    Donnerstag, 23. Juli 2020, 23.15 Uhr
    Irgendwann ist auch mal gut 

    Montag, 27. Juli.2020, 23.45 Uhr
    Der Mann aus dem Eis

    Montag, 3. August 2020, 00.20 Uhr
    Western

    Alle Filme der Reihe sind ab Mittwoch, 15. Juli 2020, in der ZDFmediathek abrufbar.

    Glück ist was für Weicheier

    Donnerstag, 16. Juli 2020, 23.15 Uhr, ZDF
    Ab Mittwoch, 15. Juli 2020, 30 Tage in der ZDFmediathek 

    Glück ist was für Weicheier           
    Tragikomödie, Deutschland, 2018

    Stab

    Buch: Silvia Wolkan
    Regie: Anca Miruna Lăzărescu 
    Kamera: Christian Stangassinger 
    Schnitt: André Bendocci-Alves, Hansjörg Weißbrich
    Szenenbild/Art Director: Iris Trescher-Lorenz 
    Musik: Vivian & Ketan Bhatti 
    Ton: Max T. Meindl 
    Kostüme: Anna Wübber 
    Produzent: Tobias Walker, Philipp Worm
    Produktion: Walker+Worm Filmproduktion 
    Förderer: Gefördert vom FilmFernsehFonds Bayern, der Filmstiftung NRW, Nordmedia, DFFF und dem      Kuratorium junger deutscher Film
    Redaktion: Jörg Schneider (ZDF/Das kleine Fernsehspiel) 
    Länge: ca. 88 Minuten

    Die Rollen und ihre Darstellerinnen und Darsteller

    Jessica Gabriel: Ella Frey
    Stefan Gabriel: Martin Wuttke
    Sabrina Gabriel: Emilia Bernsdorf
    Dr. Wolfgang Teuter: Christian Friedel
    Melanie Kranz: Tina Ruland
    Horst Kranz: Stephan Grossmann
    Renate Gems: Sophie Rois
    und andere

    Inhalt

    Stefan Gabriel ist allein erziehender Vater. Während er sich als Sterbebegleiter engagiert, kämpfen seine Töchter, die zwölfjährige Jessica und ihre ältere Schwester Sabrina, mit ihren ganz eigenen Problemen. Jessica wird oft für einen Jungen gehalten und muss ständig gegen ihre vielen seltsamen Ticks ankämpfen. Gerne würde sie mit ihrer hübschen Schwester Sabrina tauschen, die trotz schwerer Krankheit ihr Leben scheinbar voll im Griff hat. Doch je mehr sich Sabrinas gesundheitlicher Zustand verschlechtert, desto schlimmer werden auch Jessicas Ticks. Um Sabrinas Leben zu retten, muss ein Plan her – und zwar schnell. In einem alten Buch stoßen die beiden auf ein spezielles Ritual, das die Rettung bringen soll. Dafür müssen Sabrina und Jessica allerdings einen Jungen finden, der mit Sabrina schläft. Ihnen bleibt nur noch wenig Zeit, und Jessica setzt alles daran, den Plan in die Tat umzusetzen, egal wie verrückt er auch sein mag.

    Interview mit der Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu

    Wie ist der Film "Glück ist was für Weicheier" entstanden?

    Ich kannte das Projekt schon im 20-seitigen Treatment-Stadium. Silvia Wolkan, unsere Drehbuchautorin, und ich haben zusammen an der Münchner Filmhochschule studiert und sind uns in einem Stoffentwicklungsseminar bei Hans-Christian Schmid, Bernd Lange und Michael Gutmann begegnet. Ich erinnere mich noch, dass ich Silvias Stoff als erstes gelesen und mich Seite um Seite mehr und mehr in diese Figuren verliebt habe. Es war so extrem, dass ich darüber sogar meinen eigenen Stoff vernachlässigt habe. Stattdessen habe ich nur überlegt, wie komme ich an Silvia heran, und wie überzeuge ich sie davon, mir diesen Stoff zu überlassen. 

    Trotzdem hat es fast acht Jahre bis zur Umsetzung gedauert. Warum?

    Das hatte auch damit zu tun, dass ich zunächst mein eigenes Drehbuch vorangetrieben habe. Dieses wurde schließlich "Die Reise mit Vater", mein Regiedebüt bei einem Langspielfilm. Bereits damals hatte ich mir fest vorgenommen, "Glück ist was für Weicheier" mit genauso viel Leidenschaft und genauso viel Liebe zu realisieren, wie ich mich in "Die Reise mit Vater" gestürzt hatte.

    Der von Martin Wuttke gespielte Stefan Gabriel ist eine Art moderner Don Quijote, der mit eigenwilligen, fast absurden Mitteln sein Dasein zu meistern versucht.

    Martin Wuttke ist für mich ein intellektueller Mensch mit einer immensen Spielfreude. Aber er muss sich sicher sein, dass er weiß, was er da spielt. Und dieser Stefan ist jemand, der vom Schicksal, weiß Gott, nicht besonders nett behandelt worden ist. Seine Frau ist offensichtlich bei einem Unfall gestorben, und jetzt steht auch noch seine ältere Tochter kurz davor, ihn auch zu verlassen. Wie soll man damit umgehen? Entweder man knallt durch und verfällt in Depressionen oder man macht es wie Stefan: Er stellt sich dieser Herkules-Aufgabe mit einer irrsinnig großen, fast schon beneidenswerten Naivität.

    Es fällt auf, dass Sie in "Glück ist was für Weicheier" sehr offensiv mit dem Tabu-Thema Tod umgehen, und diesem mit viel Humor die mögliche Schwere nehmen.

    Auch hier hat unsere Autorin Silvia Wolkan etwas Großartiges geleistet. Sie hat aus Sabrina, der Figur der älteren Schwester, die ja theoretisch in Selbstmitleid versinken und sich nur als Opfer sehen könnte, genau das Gegenteil gemacht: eine ganz liebeswütige, das Leben bejahende und mit sehr viel Humor und Ironie ihrem eigenen Schicksal trotzen wollende Figur, die man einfach nur bewundern kann.

    Und dann frönt Sabrina auch noch einem seltsamen Hobby: Sie zieht sich reihenweise Horrorfilme rein, in denen Menschen niedergemetzelt oder aufgefressen werden.

    Ich liebe es, in absurden Situationen noch eine Schippe draufzulegen. Denn häufig sind die Momente nicht glatt, nie einfach nur schön oder einfach nur schrecklich, sondern ganz oft irgendwie völlig absurd. Und wenn es einem richtig schlecht geht und man schon am Boden liegt, dann kommt irgendwo eine absurde Szene daher, über die man einfach nur noch lachen könnte.

    Sie arbeiten in "Glück ist was für Weicheier" sehr viel mit Slowmotion, vor allem, wenn es um die Figur der Jessica geht. Was wollten Sie damit bewirken?

    Wir wollten aus unserem Film auf keinen Fall ein Sozialdrama machen, sondern das Ziel war es, die Poesie in den Bildern zu finden. Mein Kameramann Christian Stangassinger, mit dem ich bisher alle meine Projekte realisiert habe, und ich hatten bei "Die Reise mit Vater" etwas sehr Naturalistisches vor, während der Kurzfilm "Silent River" puristisch ist. Bei "Glück ist was für Weicheier" haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, wie man das Innenleben dieses Mädchens in Bilder übersetzen kann, ohne dabei platt zu wirken. Und Slowmotion und auch immer wieder schrägere Einstellungen bzw. fast verrückte, im Sinne von nicht ganz geraden Kadrierungen erschienen uns als das rechte Mittel, um dieses ganz besondere Mädchen und sein Seelenleben nach außen für den Zuschauer erkennbar und spürbar zu machen.

    Apropos ganz besonderes Mädchen: Man muss den Hut ziehen vor der schauspielerischen Leistung von Ella Frey in der Rolle der Jessica.

    Sie IST tatsächlich der Film: Wie sie sich allem einfach hingibt, wie sie kuckt und sich verlieben kann, wie sie sich demütigen und zusammenschlagen lassen kann, wie sie sich dann wieder zusammenreißt und neuen Lebensmut schöpft und sich nie unterkriegen lässt. Das ist in einer Art und Weise, die so rührend und emotional zugleich ist, dass sich selbst eine Koryphäe wie Martin Wuttke am Abschlussabend vor ihr verneigt und ihr gedankt hat, wie sehr sie sich völlig selbstverständlich dem hat hingeben können.

    Nach "Die Reise mit Vater" absolvieren Sie auch in "Glück ist was für Weicheier" einen Kurzauftritt, dieses Mal als Ärztin. Wie kam es dazu?

    Meine Familie, allen voran meine Mutter, hatte für mich immer im Sinn, dass ich Medizin studiere. Deshalb dachte ich mir, wenn ich schon nicht im wahren Leben Ärztin geworden bin, dann widme ich ihr jetzt diese Szene im Film. Ich trage übrigens auch ihren Namen und spreche mit einem latent osteuropäischen Akzent. Denn in der deutschen Provinz haben Mediziner häufig einen ukrainischen, rumänischen oder bulgarischen Hintergrund.

    Sie haben an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film studiert. Was hat Ihnen das speziell für "Glück ist was für Weicheier" gebracht?

    Für mich war die HFF ganz eindeutig die Schmiede, in der ich all meine Träume, Leidenschaften und zum Teil noch sehr unbeholfenen Visionen besser formulieren lernen konnte. Sie hat mir beigebracht, diese zu schleifen und mich gelehrt, immer wieder und immer wieder zu hinterfragen, was ich eigentlich erzählen will. Letztendlich hat die HFF mich über die vielen Jahre, in denen ich immer wieder Vorlesungen besucht habe, zu der Regiepersönlichkeit geschliffen, zu der ich geworden bin. Und "Glück ist was für Weicheier" ist eindeutig nur entstanden, weil ich in einem Stoffentwicklungsseminar Silvia Wolkan getroffen und mich so sehr in diesen Stoff verliebt habe.

    Und Wolkans Drehbuch ist ja nicht der einzige HFF-Synergieeffekt bei diesem Projekt.

    Richtig. "Glück ist was für Weicheier" sieht nur deswegen so aus, weil ich Christian Stangassinger relativ früh kennengelernt habe und wir uns gemeinsam an verschiedensten Projekten beteiligen konnten. Und das Projekt hat mich deshalb mit den Produzenten Tobias Walker und Philipp Worm zusammengebracht, weil wir uns über die Filmhochschule kannten. Fazit: An der HFF macht man auf der einen Seite einen der gnadenlosesten, ehrlichsten und auch definitiv schmerzhaftesten Prozesse durch, gleichzeitig ist sie aber auch eine der schönsten, zusammenführendsten und kreativsten Schmieden.

    Eine abschließende Frage: Für wen haben Sie "Glück ist was für Weicheier" realisiert?

    Diese Frage wäre vor zehn Jahren um ein Vielfaches leichter zu beantworten gewesen. Damals hat sich das Publikum noch beinahe wie selbstverständlich für schöne, fein erzählte, lustig-tragische Geschichten, die eben nicht ganz klar in irgendeine Schublade gepasst haben, interessiert. Mir ist völlig bewusst, dass der Markt gerade in jüngster Vergangenheit immer härter geworden ist. Aber "Glück ist was für Weicheier" hat ein sehr universelles Thema und erzählt eine Familiengeschichte, mit der sich viele Menschen identifizieren können. Es ist ein Film über Hoffen und Bangen und Lieben und Scheitern. Ein Film, der das Leben in all seinen Facetten feiert.

    Festivals – eine Auswahl

    Eröffnungsfilm Hofer Filmtage 2018
    LOLA@Berlinale 2019
    Deutscher Filmpreis 2019
    Deutscher Schauspielpreis 2019, Martin Wuttke nominiert für Beste männliche Nebenrolle
    German Filmweekend at the Regent Street Cinema, London 2019
    Filmplus – Festival für Filmschnitt und Montagekunst, Köln 2019

    Biografien

    Anca Miruna Lăzărescu (Regie) wurde 1979 in Timişoara, Rumänien, geboren. 1990 zog sie gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland. "Glück ist was für Weicheier" ist die zweite lange Regiearbeit der deutsch-rumänischen Regisseurin nach ihrem Erstling "Die Reise mit Vater" (2016) und dem vielfach ausgezeichneten Kurzfilm "Silent River" (2011). Nach "Glück ist was für Weicheier" inszenierte sie für HBO und TNT die Serie "Hackerville", für die sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Die Serie "Wir sind die Welle" inszenierte sie für Netflix. Lăzărescu ist Mitglied der Deutschen, der Rumänischen und der Europäischen Filmakademie.

     

    Silvia Wolkan (Buch) wurde 1980 in Oberstdorf geboren. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Prosa und Dramatik/Neue Medien studiert. 2006 schloss sie ihr Studium in Leipzig erfolgreich ab. Im selben Jahr nahm sie ein Drehbuchstudium an der Hochschule für Fernsehen und Film München auf, das sie mit dem Drehbuch "Sibylle" im Juli 2014 beendete. "Sibylle" feierte seine Premiere auf der Berlinale in der Kategorie "Neues Deutsches Kino". Neben ihren Drehbüchern schreibt Silvia Wolkan weiterhin Prosa. Sie hat einige Preise und Stipendien erhalten (z.B. das Hermann-Lenz-Stipendium, Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses und andere).

    Liebesfilm

    Montag, 20. Juli 2020, 23.50 Uhr, ZDF
    Ab Mittwoch, 15. Juli 2020, 30 Tage in der ZDFmediathek

    Liebesfilm
    Tragikomödie, Deutschland 2018

    Stab

    Buch: Emma Rosa Simon, Robert Bohrer
    Regie: Emma Rosa Simon, Robert Bohrer
    Kamera: Emma Rosa Simon
    Schnitt: Jörg Volkmar
    Musik: Daniel Glatzel
    Ton: Daniel Fischer
    Sounddesign: Daniel Weiss
    Szenenbild: Caro Ohmert und Denise Baron
    Produzenten: Eva Kemme, Tobias N. Siebert, Ansgar Frerich
    Produktion: Eine Produktion von BASIS Berlin Filmproduktion in Koproduktion mit
    ZDF/Das kleine Fernsehspiel und DFFB, gefördert vom medienboard Berlin Brandenburg
    Redaktion: Jörg Schneider
    Länge: ca. 76 Minuten 

    Die Rollen und ihre Darstellerinnen und Darsteller

    Ira: Lana Cooper
    Lenz : Eric Klotzsch
    Lenz Senior: Hartmut Becker
    Irene: Sabine Vitua
    Kenn: Gerdy Zint
    Cara: Katharina Sporrer
    Kapitän Schettino: Roberto Guerra
    Trailblazer: David McEnulty
    und andere

    Inhalt

    Lenz ist ein Tagträumer, charmant, phantasievoll und – wie es sich für einen Dreißigjährigen in Berlin gehört – radikal entscheidungsunfähig. Nach einer durchfeierten Nacht wacht Lenz ziemlich derangiert neben Ira auf. Lenz ist verliebt. Ira auch. Es beginnt der Sommer der Liebe: herumalbernd durch die Berliner Nacht, Bier am Kanal, Gespräche über Sex und Kindheit. Alles ist wunderschön. Bis Ira diese eine, alles verändernde Frage stellt: "Willst Du eigentlich Kinder?" Und dann tut Lenz das, was er am besten kann, wenn es kompliziert wird: Er macht sich aus dem Staub. Haltlos stolpert er durch den Sommer und begegnet dabei den Helden seiner Tagträume, die ihn ständig ins Kreuzverhör über seine Gefühle nehmen. Währenddessen zeigt sein Kumpel Kenn nur liebevolles Unverständnis für Lenz' Situation. Als Ira mit dem einbrechenden Herbst plötzlich wieder vor ihm steht, muss er sich einer neuen Situation stellen.

    Preise und Auszeichnungen

    Achtung Berlin 2019 Bestes Drehbuch & Beste Regie

    Festivals

    Filmfest München 2018, Neues Deutsches Kino
    Zürich Film Festival 2018, Wettbewerb Fokus Schweiz/Österreich/Deutschland
    Filmfestival Max Ophüls 2019, Watch List
    Achtung Berlin 2019 

    Biografien

    Emma Rosa Simon (Buch, Regie und Kamera)
    Emma Rosa Simon wurde 1977 in Tremblay les Gonesse, Frankreich, geboren. Nach dem Abitur studierte sie ein Jahr lang Film an der Academy of Art University in San Francisco. Nach Volontariaten als Film- und Video-Editorin sowie in einem Kameraverleih arbeitete sie mehrere Jahre als Beleuchterin. 2007 begann Emma Rosa Simon ihr Studium im Fachbereich Kamera an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin. Für ihre Dokumentation "Lost Horizon" wurde sie 2012 zusammen mit Robert Bohrer mit dem BR Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet". Liebesfilm" ist ihr Abschlussfilm an der dffb, bei dem sie die Kamera führte und zusammen mit Robert Bohrer inszenierte.

    Robert Bohrer (Buch und Regie)
    Robert Bohrer wurde 1979 in Bonn geboren. Nach Abitur und einer Ausbildung zum Film- und Videoeditor arbeitete er als selbstständiger Cutter und begann 2007 ein Studium im Fachbereich Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin. Seine Kurzspiel- und Dokumentarfilme gewannen zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Mit "Liebesfilm" schließt er sein Regiestudium ab.

    Robert Bohrer und Emma Rosa Simon
    Robert Bohrer und Emma Rosa Simon lernten sich 2007 beim Beginn ihres Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kennen. Während Robert vor allem Regie führte und Emma Rosa die Bilder mit der Kamera einfing, wurden sie Partner – sowohl beruflich, als auch privat. Nach einigen erfolgreichen Kurzfilmprojekten, an denen jeder für sich arbeitete, ist "Liebesfilm" ihr gemeinsamer Abschlussfilm, der – mehr oder weniger versteckt – auch autobiografische Elemente offenbar werden lässt.

    Irgendwann ist auch mal gut

    Donnerstag, 23. Juli 2020, 23.15 Uhr, ZDF
    Ab Mittwoch, 15. Juli 2020, 68 Tage in der ZDFmediathek

    Irgendwann ist auch mal gut
    Tragikomödie, Deutschland 2020

    Stab

    Buch: Daniel Bickermann (nach einer Vorlage von Katharina Kress)
    Regie: Christian Werner Schnitt: Henning Stöve
    Kamera: Anne Bolick
    Szenenbild: Christian Strang
    Musik: Peer Kleinschmidt
    Ton: Rüdiger Fleck
    Kostüme: Tini Fetscher
    Produzent: Sebastian Sawetzki
    Producer: Lukas Ritter
    Produktion: Venice Pictures GmbH in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel
    Förderer: MFG Filmförderung Baden-Württemberg im Rahmen von "fifty-fifty" 
    Redaktion: Burkhard Althoff (ZDF/Das kleine Fernsehspiel)
    Länge: ca. 93 Minuten

    Die Rollen und ihre Darstellerinnen und Darsteller

    Karsten: Fabian Hinrichs
    Marion: Franziska Walser
    Theodor: Michael Wittenborn
    Sandra: Julia Richter
    Ellie: Maresi Riegner
    Beinholt: Vilmar Bieri
    Wachtmeister Kaiser: Jo Jung
    Polizistin: Amina Merai
    Valerie: Gisela Straehle
    Berater: Georg Blumreiter
    Ärztin: Anne-Marie Lux
    Heidi: Hede Beck
    und andere

    Inhalt

    Der konservative Bestatter Karsten lebt ein exakt geordnetes Leben und bereitet sich auf eine geschäftige Weihnachtswoche vor, als eine ganze Reihe Unglücke über ihn hereinbrechen. Sein Wellensittich stirbt, sein Auto fällt auseinander, seine entfremdete Frau will endlich das Scheidungsverfahren abschließen, seine übermäßig gut gelaunte Mitarbeiterin möchte sein Beerdigungsinstitut fröhlicher und bunter machen – und dann kündigen mitten beim Weihnachtsessen auch noch seine Eltern an, dass sie gemeinsam Selbstmord begehen werden – und das in nur fünf Tagen.

    Karsten will weder seinen schwer Parkinson-kranken Vater, einen Instrumenten-Bauer, noch seine völlig gesunde Mutter, eine ehemalige Apothekerin, verlieren. Also unternimmt er alles in seiner Macht stehende, um die beiden an ihren Plänen zu hindern. Er rekrutiert dafür Freunde, Familie, die Polizei, argentinische Bandoneon-Spieler und sogar die Anwältin seine Ex-Frau. Doch der Generationenkonflikt um den selbstbestimmten Tod reißt viele alte Wunden wieder auf – und als sich Karstens eigene Gesundheit rapide verschlechtert, ist nicht mehr klar, wer hier am dringendsten gerettet werden muss.

    Regisseur Christian Werner und Produzent Sebastian Sawetzki zum Film

    Im Sommer 2015 begannen die Freunde Sebastian Sawetzki und Christian Werner zum Thema Suizid im Alter zu recherchieren. Das Thema ist ein Herzensprojekt, denn beide verbindet, dass sie zuvor ihre geliebten Omas verloren hatten. In den letzten Jahren vor dem Tod hatten beide Omas, unabhängig voneinander, ihren Enkeln immer wieder mitgeteilt, dass sie nicht mehr weiterleben mochten, dass sie ein schönes Leben hatten und es jetzt genug sei. Die Gespräche mit ihnen zum Wert des Lebens und ihrer zunehmenden Lebensmüdigkeit haben beide in der Entwicklung des Drehbuchs begleitet.

    Alterssuizid ist ein gesellschaftliches Tabu. Zu stark versteckt sich die Gesellschaft hinter dem Bild vom glücklich reisenden Alten, der seinen Ruhestand genießt. Man denkt: "Der hat sein Leben doch gelebt." In Deutschland töten sich etwa 11.000 Menschen im Jahr. Die Zahl der Suizide ist damit mehr als doppelt so hoch, wie die der Verkehrstoten. Über 50 Prozent der Suizidenten sind älter als 60 Jahre, alle zwei Stunden, so die traurige Rechnung, nimmt sich ein Mensch jenseits der 60 in der Bundesrepublik das Leben. Nimmt man die sogenannten "stillen" oder "verdeckten" Alterssuizide hinzu, ist die Zahl deutlich höher. Durch den demografischen Wandel wird die Gesellschaft in den nächsten Jahren immer mehr mit suizidgefährdeten alten Menschen konfrontiert. Alterssuizid ist dabei eine Tragödie, die von der Gesellschaft weitgehend verdrängt wird, weil sie von Krankheiten, Einsamkeit und Verfall erzählt. Von der Angst, anderen zur Last zu fallen und der Angst, seine Würde zu verlieren. Von Leiden, die im Alter jeden treffen können.

    Die Entschlossenheit und Akribie, mit der ältere Menschen ihr Ableben über Monate planen, ist der große Unterschied zu jüngeren Menschen, die häufig Suizidversuche als "Hilfeschrei" unternehmen. Dieser unbedingte Wille sterben zu wollen, schien uns bei alten Menschen mit ernsthafter Erkrankung noch nachvollziehbar. Doch bei einer körperlich und geistig vitalen Person, wie wir sie in unserer Geschichte mit Marion erleben, kann man sich hinter einer Krankheit nicht mehr verstecken. Dem kann man nur mit einer klaren Haltung zum "selbstbestimmten Sterben" begegnen.

    Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, in welcher ein Journalist den Weg eines alten Ehepaares begleitet, die einen Doppelsuizid begehen. Er leidet an Parkinson, seine Frau ist gesund. Erst kurz vor dem Ableben weihen sie ihren Sohn in ihr Vorhaben ein. Wir nahmen diese Reportage als Ausgangspunkt, fokussierten uns aber im Gegensatz zum Original, stärker auf die Perspektive des Sohnes, um ein Gleichgewicht zu schaffen und den Angehörigen eine Stimme zu geben. Es ist uns wichtig, das gesellschaftsrelevante Thema des Alterssuizids aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Da ist zum einen der an Parkinson erkrankte Stiefvater Theodor, der aufgrund seiner unheilbaren Krankheit keine lebenswerte Zukunft mehr erwarten kann und für den der Suizid ein rettender Schlussstrich ist. Zum anderen ist da die kerngesunde Mutter Marion, die ihren Suizid nicht durch Krankheit, sondern aus freiem Willen motiviert, was sie zur streitbarsten Figur unseres Films macht. Schließlich wirft ihr Selbstmord die Frage auf, wer überhaupt selbstbestimmt sterben darf. Nur Sterbenskranke? Schmerzpatienten? Oder darf man sein Leben beenden, weil die eigene Ratio der Überzeugung ist, dass die Zeit zum Sterben gekommen ist?

    Zwischen diesen beiden Extremen steht unsere Hauptfigur, Karsten, der versucht seine Eltern vom Leben zu überzeugen.Sein täglicher Umgang mit dem Tod als Bestatter schützt ihn nicht davor, in einen emotionalen Überlebenskampf gerissen zu werden. Letztlich muss der Sohn Karsten seine Eltern gehen lassen. Das Loslassen seiner Eltern ist seine bisher größte Herausforderung. Wir finden es sehr wichtig, das Thema "selbstbestimmtes Sterben" im Alter filmisch zu erzählen, um damit eine gesellschaftliche Debatte anzuregen. Zum Recht auf einen selbstbestimmten Tod hat jeder seine ganz persönliche Meinung. "Irgendwann ist auch mal gut" sehen wir als vergnügliche wie nachdenkliche und unaufdringliche Einladung, sich über seine eigene Haltung bewusst zu werden.

    Preise und Auszeichnungen

    Max Ophüls Preis, bester Schauspielnachwuchs für Maresi Riegner

    Biografie von Christian Werner (Regie)
    Christian Werner wurde 1978 in Rudolstadt, Thüringen, geboren. Er studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar und schloss sein Studium 2004 als Diplomdesigner mit Schwerpunkt Film und Fotografie unter der Leitung von DEFA-Regisseur Günter Reisch ab. 2005 gründete er die Produktionsfirma acamara film und studierte von 2007 bis 2015 an der Filmakademie Baden-Württemberg Szenische Regie. Sein Abschlussfilm "Fremdkörper" erhielt 2014 beim Max Ophüls-Festival den Publikumspreis Mittellanger Film. 

    Hintergrund
    Die Personen und die Handlung dieses Films sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig. Dennoch beruht der Film auf Tatsachen: in Deutschland sterben jedes Jahr über 10.000 Menschen durch Suizid, davon liegt ein hoher Prozentsatz bei über 60jährigen Menschen.
     
    Sollten Sie Suizidgedanken haben, dann sprechen Sie mit Familienangehörigen oder Freunden darüber und suchen Sie professionelle Hilfe.
     
    Betroffene und Angehörige können sich rund um die Uhr vertrauensvoll an die Berater der Telefonseelsorge unter der Rufnummer: 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 wenden. Jeder Anruf ist anonym und kostenlos. Kein Anruf wird auf der Telefonrechnung noch auf dem Einzelnachweis erfasst.
     
    Weitere Beratungsangebote finden Sie auch auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de 
    und unter: http://www.suizidpraevention-deutschland.de

    Der Mann aus dem Eis

    Montag, 27. Juli.2020, 23.45 Uhr, ZDF
    Ab Mittwoch, 15. Juli 2020, 30 Tage in der ZDFmediathek

    Der Mann aus dem Eis 
    Arthouse-Thriller, Deutschland, Italien, Österreich, 2017

    Stab

    Buch und Regie: Felix Randau 
    Kamera: Jakub Bejnarowicz 
    Schnitt: Vessela Martschewski 
    Szenenbild/Art Director: Juliane Friedrich 
    Musik: Beat Solér 
    Ton: Marc Parisotto 
    Kostüme: Cinzia Cioffi 
    Producer: Andreas Eicher 
    Produzent: Jan Krüger 
    Produktion: Port au Prince Film & Kultur 
    Produktion: Echo Film, Lucky Bird Pictures, AMOUR FOU Vienna in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel in Zusammenarbeit mit ARTE in Koproduktion mit Sky Deutschland und ORF 
    Förderer: IDM Südtirol – Alto Adige, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, FilmFernsehFonds Bayern, Deutscher Filmförderfonds, Medienboard Berlin-Brandenburg, Bayerischer Bankenfonds, MIBACT – Ministero per i beni culturali, Filmstandort Austria, Carinthia Film Commission und der Filmförderungsanstalt
    Redaktion: Burkhard Althoff (ZDF/Das kleine Fernsehspiel), Olaf Grunert (ZDF/ARTE)
    Länge: ca. 87 Minuten 

    Die Rollen und ihre Darstellerinnen und Darsteller

    Kelab: Jürgen Vogel
    Krant: André M. Hennicke
    Tasar: Sabin Tambrea
    Kisis: Susanne Wuest
    Gosar: Martin Augustin Schneider
    Mitar: Violetta Schurawlow
    Kulan: Anna F.
    Gris: Axel Stein
    Rasop: Paula Renzler
    Ditob: Franco Nero
    und andere

    Inhalt

    Vor über 5.300 Jahren in einer jungsteinzeitlichen Siedlung in den Südtiroler Alpen: Kelab und seine Frau Kisis werden beim Akt mitten in der Nacht gestört – eine Frau der kleinen Sippe liegt in den Wehen. Das Dorfoberhaupt Kelab leistet spirituellen Beistand, aber die Gebärende stirbt. Nach der Totenfeier in der Grabhöhle wird das Neugeborene von Kelab in einer feierlichen Zeremonie in der Gemeinschaft willkommen geheißen – Leben und Tod liegen dicht beieinander.

    Der Alltag kehrt in der kleinen Siedlung wieder ein. Die Bewohner kümmern sich um das Vieh oder die Anpflanzungen, Kelab geht in einem benachbarten Tal auf die Jagd. Währenddessen wird die Siedlung von Krant und seinen beiden Söhnen Tasar und Gosar überfallen und das Heiligtum der Gemeinschaft – ein kleiner Schrein – geraubt. Als Kelab von der Jagd zurückkehrt, muss er entdecken, dass die ganze Siedlung zerstört und seine gesamte Sippe ermordet wurde – einschließlich seiner Frau und seinem Sohn. Einzig das Neugeborene hat den Überfall überlebt. Kelabs Leben liegt in Trümmern. Alles was ihm lieb war, wurde ihm genommen.

    Nachdem er seine Familie bestattet hat, nimmt er die Verfolgung der drei Männer auf. Der weinende Säugling erschwert Kelabs Rachezug, aber schon bald glaubt er, seine Feinde gefunden zu haben. Rasend vor Wut schlägt er zwei an einem Feuer sitzende Männer nieder, um dann festzustellen, dass er die Falschen überwältigt hat – seine Opfer sind Händler, nicht die Mörder seiner Familie. Die Schuld nagt an Kelab, und er schenkt einem gefesselten jungen Mann, den die Männer bei sich hatten, die Freiheit. Von Kelab unbemerkt, ergreift einer der Händler schwer verletzt die Flucht.

    Auf seinem weiteren Weg begegnet Kelab dem alten Jäger Ditob und dessen Tochter Kulan. Nachdem die beiden Männer sich gegenseitig fast getötet hätten, erkennen sie, dass sie keine Feinde sind. Ditob bietet Kelab seine Hütte als Nachtlager an. Kelab widersteht Kulans Verführungsversuchen und nimmt im Morgengrauen die Verfolgung seiner Feinde wieder auf. Das Neugeborene lässt er bei Ditob und Kulan zurück.

    In einer Schlucht trifft Kelab endlich auf seine Feinde. Beim Kampf stürzt einer der drei Männer in den Tod, zwei andere können fliehen. Bei dem Toten findet Kelab ein Fell, das seinem Sohn gehörte – diesmal ist er den wahren Tätern auf der Spur. Kelab setzt die Verfolgung seiner Feinde durch immer unwegsamere Landschaften fort, bis er die zwei Männer schließlich auf einem Gletscher stellen kann. Kelab rennt auf seine Feinde zu und bricht in einer Eisspalte ein. In der Annahme, dass er den Sturz nicht überlebt hat, ziehen die Feinde weiter. Kelab aber lebt – verzweifelt sucht er nach einem Ausweg aus der Gletscherspalte – vergebens. Er ist bereit, sich seinem Schicksal zu ergeben. Völlig unerwartet wird er gerettet – der Mann, dem Kelab nach seinem Angriff auf die Händler die Freiheit geschenkt hatte, befreit ihn mithilfe eines Seils aus der Eisspalte. Nachdem der Mann Kelab mit der Rettung seine Dankbarkeit erwiesen hat, zieht er weiter.

    Kelab aber folgt den Spuren im Schnee, die ihn direkt zu der Behausung der Mörder führen. Ohne zu zögern, tötet er die beiden Männer, verzichtet jedoch im letzten Moment darauf, auch die Frau des einen mit ihren Kindern zu ermorden. Wieder im Besitz des geraubten Heiligtums, macht er sich am nächsten Morgen auf den Weg. Nur: Wohin soll er gehen? Nachdem sein Durst nach Rache gestillt ist, bleibt ihm nichts mehr. Gepeinigt von einer großen inneren Leere wankt Kelab über den Gletscher. Aber dann trifft er eine Entscheidung – er wirft den Schrein fort, befreit sich von dem Fetisch und versucht so, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

    Erleichtert setzt Kelab seinen Weg fort. Völlig unvermittelt wird er hinterrücks tödlich von einem Pfeil an der Schulter getroffen. Der von Kelab am Anfang seiner Jagd auf die Mörder fälschlicher Weise niedergeschlagene und dann entkommene Händler hat nun seinerseits Rache genommen: Die Gewalt setzt sich fort.

    Die Natur ist der zweite Hauptdarsteller 
    Interview mit Autor und Regisseur Felix Randau und Produzent Jan Krüger

    Es gab bislang noch keinen Spielfilm über Ötzi, obwohl diese Steinzeitmumie bei den Menschen weltweit und in den Medien auf enormes Interesse trifft. Haben Sie gedacht, jetzt wird es aber Zeit die Geschichte dieser legendären Figur im Kino zu erzählen, bevor Ihnen ein anderer zuvorkommt? Warum hat es bisher noch keinen Spielfilm über diese legendäre Figur gegeben?

    Felix Randau: Wir waren zunächst auch einigermaßen erstaunt, als wir den Stoff konkret angepackt haben, warum wir die Ersten sind. Ich bin überzeugt, wäre der Ötzi in den Rocky Mountains gefunden worden, die Amerikaner hätten schon viele Filme über ihn gedreht, in allen möglichen Variationen. Ich war schon lange auf der Suche nach einer mythischen Figur aus unserem Kulturkreis, anhand der ich eine archaische Geschichte erzählen kann, sozusagen "Das Drama Mensch". Und dann fiel mir plötzlich Ötzi in die Hände und zwar auf dem Flohmarkt am Mauerpark in Berlin, in Form einer alten Stern-Ausgabe, die sich in der Titelgeschichte mit Ötzi beschäftigte. Ich kaufte das Heft und merkte schnell, dass ich hier das gefunden hatte, was ich so lange gesucht hatte.

    Jan Krüger: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Ötzi nicht so sehr auf dem Schirm hatte, bis mir Felix vor knapp vier Jahren sein Drehbuch zu lesen gab. Beim Lesen musste ich an Kinofilme wie "Der mit dem Wolf tanzt", "Der letzte Mohikaner" oder auch "Am Anfang war das Feuer“ denken, die ich großartig fand. Einen solchen ursprünglichen Stoff aus Europa zu haben, das hat mich fasziniert – und obendrein ist die Hauptfigur eine ungeschützte Marke.

    Einen Film in den Bergen zu drehen, ist nicht frei von Risiken, erst recht wenn die Produktion unter einem gewissen Zeitdruck steht.

    Jan Krüger: Unser Budget war nicht so, dass wir mit einer satten Überschreitungsreserve hätten loslegen können. Wir konnten uns keinen Drehtag Ausfall leisten. Das gesamte Produktionsteam war ungemein ambitioniert, weil dieser Film für alle etwas ganz Neues und Eigenes war und weil wir die Ersten sein wollten, die einen Film über Ötzi drehen. Wir sind angesichts dieser Umstände bewusst ins Risiko gegangen und hatten dann das Glück der Mutigen. In den Bergen führt ja jedes Gewitter sofort zum Drehstopp. Und nicht nur das Wetter auch die Logistik um die schwer zu erreichenden Drehorte, als auch der enorme Aufwand der verschieden Art Departments stellten uns vor große Herausforderungen. So musste z.B. das Team um Szenenbildnerin Juliane Friedrich ein komplettes 5.300 Jahre altes Ötzi-Dorf in ein Naturschutzgebiet bauen und es für die Geschichte nach zehn Drehtagen bis auf die Grundmauern wieder abbrennen und spurlos zurückbauen. Die Maskenbildnerin Heike Merker und ihr Team mussten täglich mehrere Stunden vor Drehbeginn alle Darsteller in die Jungsteinzeit versetzen, und die Kostümbildnerin Cinzia Coffi und ihr Team hunderte von Fellen und Leder per Hand zurecht schneidern. Dass dieses Team all diese Herausforderungen so großartig gemeistert hat, darauf bin ich wahnsinnig stolz.

    Felix Randau: Wir hatten sehr viel Glück. Die großen Gewitter kamen am Wochenende, wenn wir drehfrei hatten. Und der Schnee, den wir unbedingt für die Gletscherszenen benötigten, fiel einen Tag vor Drehbeginn vom Himmel. Der Wettergott war ganz klar auf unserer Seite. Wir haben hoch gepokert, aber was anderes blieb uns auch gar nicht übrig, die Natur ist nun mal unberechenbar. Hinzu kam noch, dass der Kameramann Jakub Bejnarowicz und ich uns ein ziemlich kompliziertes visuelles Konzept überlegt hatten, komplizierte Choreografien ohne Schnitt. Oft haben wir zwei Drittel des Drehtages geprobt, um die Abläufe mit Schauspielern, Kamera und allen anderen Gewerken einzustudieren, und dann in der Dämmerung gedreht. Wir sind hohe Risiken eingegangen, denn drei Minuten am Stück in der Dämmerung, das ist schon eine Herausforderung. Jeder im Team hat genau verstanden, dass wir nur zwei Versuche haben, dann ist das Licht weg. Der Druck war groß, aber am Ende ist es immer gut gegangen.

    Wie haben Sie sich als Norddeutscher auf die Berge vorbereitet und ein Gefühl dafür entwickelt?

    Felix Randau: Ich war über ein gutes Jahr lang mit Jakub zur Drehortsuche in Südtirol, immer wieder für ein paar Tage. Uns war bewusst, dass die Natur dort neben Jürgen Vogel die zweite Hauptdarstellerin ist. Und klar habe ich als Norddeutscher, der das flache Land und die damit verbundene horizontale Weite gewohnt ist, diese Berge sehr intensiv erlebt. Man fühlt sich angesichts dieser imposanten Natur relativ klein, auf der einen Seite eingeschlossen, auf der anderen dann aber auch erhaben, wenn man auf einem Gipfel steht. Ich glaube aber, dass die Menschen zu Ötzis Zeiten ein anderes Verhältnis zur Natur hatten als wir heute. Für uns ist die Natur ja grundsätzlich positiv besetzt, als ein Rückzugsort, der in seiner Ursprünglichkeit im Kontrast zu unserem zivilisierten Leben steht. Die Menschen damals müssen meiner Meinung nach die Natur aber vor allem als etwas Feindliches empfunden haben, das es zu bezwingen galt. Und wir haben unter dieser Prämisse auch die Drehorte gesucht – es galt nicht, Postkartenmotive zu finden, sondern raue, sich nicht an das Auge anbiedernde Orte. Die gleichgültige Natur im Gegensatz zu unserer getriebenen Hauptfigur, darum geht es.

    Jürgen Vogel war die Wunschbesetzung für die Hauptrolle. Was zeichnet diesen Schauspieler aus, dass Sie sich sicher waren: Er ist unser Ötzi?

    Felix Randau: Wir haben nach einem Schauspieler gesucht, der auch die Physis mitbringt, mit der er sich glaubhaft in dieser Natur bewegen kann. Jürgen ist meiner Meinung nach einer der wenigen Schauspieler, der vor der Kamera zum Beispiel wirklich rennen kann und dieses Rennen nicht nur schauspielerisch behauptet. Bei ihm hat alles eine große Natürlichkeit, da stellt sich nie das schauspielerische Handwerk zwischen die Rolle und den Zuschauer. Außerdem strahlt Jürgen eine gewisse Wärme aus, die für die Rolle natürlich auch ganz wichtig ist. Wir begleiten unsere Hauptfigur durch einige Abgründe, bleiben aber trotzdem immer menschlich. Jürgen war da einfach die ideale Besetzung, und er sah sich auch sofort in der Rolle — wir haben Jürgen das Drehbuch an einem Freitag geschickt, und am Samstag rief er mich an und sagte sofort zu.

    Jan Krüger: Jürgen Vogel für die Rolle des Ötzi war bei uns beiden gleichzeitig der erste Gedanke, und wir waren uns sicher, mit ihm den richtigen zu haben. Und unser Kameramann Jakub Bejnarowicz hat schon mehrfach mit Jürgen Vogel gedreht. Überhaupt sind wir sehr glücklich mit dem Cast. Auch über die Besetzung mit dem legendären Franco Nero für seinen Part waren wir uns sofort einig. Eine Legende der Italo-Western passte für uns einfach perfekt. Alle anderen Schauspieler von Sabin Tambrea über Martin Augustin Schneider aus Südtirol, bis hin zu den weiblichen Rollen mir Violetta Schurawlow und Susanne Wuest kamen nach und nach dazu. Und André M. Hennicke bringt ebenfalls diese wahnsinnige Ausdruckskraft und Physis mit, sowie eine gewisse Härte, die zu der Rolle des Antagonisten perfekt passt. Der Film erzählt ein archaisches Drama um einen Mann, der getrieben von Wut und Schmerz seine Feinde jagt und sich rächen will.

    Inwieweit haben beim Drehbuchschreiben die Erkenntnisse aus der Forschung für diese Geschichte eine große Rolle gespielt?

    Felix Randau: Ich habe eine Menge Bücher über den Stand der Ötzi-Forschung gelesen. Und diese wissenschaftlich verbürgten Erkenntnisse, die wir über diesen ersten ungeklärten Mordfall der Geschichte haben, die waren für mich Leuchttürme, die mir den Weg für meine Geschichte über Ötzis letzte Tage gewiesen haben. Gleichzeitig ließen sie mir genügend Freiheit für das Fiktionale, das sich organisch und logisch in die historischen Ötzi-Fakten einfügen sollte. Mein Ansatz war, Ötzis Geschichte so zu erzählen, wie es hätte gewesen sein können. Und es ist schön zu wissen, dass wir darin durch die Forschung sogar gestützt werden. Erst während der Dreharbeiten hat ein Profiler den Mordfall rekonstruiert und ist zu einer ähnlichen Version der Geschehnisse gekommen, wie wir sie im Film erzählen.

    Der Film kommt mit ganz wenig sprachlichen Elementen aus, mit ein paar Rufen und Worten. Ein anerkannter Sprachwissenschaftler hat mitgearbeitet, diese sprachlichen Elemente zu kreieren. Welche Funktion hat diese verwendete Sprache in dem Film?

    Felix Randau: Ich habe die Geschichte so geschrieben, dass Sprache keine dramaturgische Funktion im klassischen Sinne hat. Die Handlung wird also nicht durch das gesprochene Wort vorangetrieben. Aber es gibt natürlich Situationen, da kommunizieren die Figuren miteinander. Wenn sie sich begrüßen, verabschieden oder auch für die kultischen Szenen benötigten wir also eine Sprache. Das Problem ist nur, dass niemand weiß, wie genau die Menschen damals gesprochen haben. Der Sprachwissenschaftler Chasper Pult hat dann die benötigten Worte und Sätze entwickelt, indem er davon ausging, dass in der Alpenregion vor 5.000 Jahren eine frühe Form des Rätischen gesprochen worden sein könnte.

    Ötzis Geschichte spielt in der Jungsteinzeit oder auch Kupferzeit. Bestand da der Anspruch, diese Zeit so glaubhaft wie nur möglich aufleben zu lassen?

    Felix Randau: Wir erzählen natürlich eine fiktionale Geschichte, unser Film ist keine Dokumentation. Aber unser Anspruch war schon, uns so weit wie irgend möglich an die wissenschaftlichen Fakten zu halten. Bei der Kleidung und den Ausrüstungsgegenständen von Ötzi, die ja sehr gut erhalten sind, war das relativ einfach. Man musste sie nur nachbauen bzw. nachschneidern. Schwieriger war es dann bei den Dingen, zu denen es vielleicht Anhaltspunkte gibt, aber keine Funde, jedenfalls nicht in der Region, in der unsere Geschichte spielt. Diese Leerstellen galt es dann zu füllen, aber auch hier immer unter der Prämisse, dass es genauso hätte sein können. Ein Beispiel: Man hat – jedenfalls bis zum heutigen Zeitpunkt — noch keine Behausungen in Tirol gefunden, die aus der damaligen Zeit stammen. Allerdings gibt es entsprechende Funde in anderen Regionen, zum Beispiel am Bodensee. Und so haben wir zusammen mit wissenschaftlichen Beratern unsere Hütten "erfunden", indem wir verbürgte Erkenntnisse adaptiert bzw. unter logischen Gesichtspunkten erweitert haben. Wir haben da einen großen Aufwand betrieben und immer alles hinterfragt, um am Ende eine Welt zu erschaffen, die in sich schlüssig ist.

    Jan Krüger: Wir schauen auf die elementaren Dinge des Lebens und zeigen, was die Menschen damals angebaut und gegessen haben oder wie sie auf die Jagd gingen, dazu ihre handwerklichen Fertigkeiten, ihre Zelte, Hütten usw. Als ich unser gebautes Dorf erstmals betreten habe, das es so in dieser Art vor 5.300 Jahren gegeben hat, da habe ich gespürt, wie nahe uns diese Zeit mit ihren Menschen ist. Mir wurde bewusst, dass dieses menschliche Drama um Ötzi und seinen Kampf mit allen seinen Gefühlen und Antrieben uns heute noch genauso angeht und vertraut ist.

    Felix Randau: Wir wollten dieser archaischen Geschichte eine gewisse Zeitlosigkeit geben. Ötzi sollte nicht als historische Figur durch Kulissen stapfen, sondern als ein Mensch mit allen seinen Emotionen, die uns heute auch noch geläufig sind. Trotzdem unterscheidet sich die im Film erzählte Welt natürlich erheblich von der unseren, einfach weil die Menschen damals unter ganz anderen Bedingungen gelebt haben. Der Film beginnt mit einer Geburtsszene, bei der das Baby lebend zur Welt kommt und die Mutter bei der Entbindung stirbt. Schon in der allerersten Szene wird deutlich, wie nahe Leben und Tod in dieser Welt damals beieinander lagen. Gefühle wie Trauer, Liebe, Rache sind uns jedoch heute noch genauso vertraut wie den Menschen damals.

    Jan Krüger: Darin liegt auch eine große Spiritualität, die aus dieser Spirale des Lebens kommt. Das Kultische hat in dieser Zeit schon eine große Rolle gespielt. Die Forschung geht davon aus, dass Ötzi einen höheren Status in seiner Sippe hatte und er wahrscheinlich eine Art Schamane war. Auch in dieser Spiritualität findet sich die Verbindung zu uns heute, schließlich spielen Religion und Glaube nach wie vor eine wichtige Rolle in allen Gesellschaften heute. Und damals wie heute bestehen Konflikte unter den Menschen.

    Welche Bedeutung hat die Gewalt in diesem Film?

    Felix Randau: Mir war wichtig, dass die Gewalt in dieser Zeit noch unmittelbar stattgefunden hat, von Angesicht zu Angesicht, ganz im Unterschied zu heute, wenn per Knopfdruck und Bildschirm eine Drohne in tausenden Kilometern Entfernung zielgenau ihr tödliches Werk verrichtet. Wir benutzen die Gewalt nicht, um krachende Unterhaltungseffekte zu erzeugen, und sie ist auch nicht wie sonst häufig comichaft überzeichnet. Wir zeigen, wie Gewalt entsteht, was sie mit dem Opfer, aber insbesondere auch mit dem Täter macht.

    Ötzi plagen in dem Film sein Gewissen und Zweifel. Glauben Sie, es gab schon so etwas wie ein ethisches Bewusstsein?

    Felix Randau: Davon ist auszugehen. Die Menschen besaßen eine Sprache, haben also miteinander kommuniziert. Und damit wird es auch ein ethisches Bewusstsein gegeben haben. Klar können wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen, wie damals gedacht und gefühlt oder wie mit Konflikten umgegangen wurde, weil davon nichts überliefert ist. Aber ich glaube, dass die grundsätzlichen menschlichen Empfindungen und Verhaltensweisen sich nicht von unseren heutigen unterschieden haben. Daher ist die Geschichte von Ötzi so zeitlos – was macht das Verlangen nach Rache mit einem Menschen? Wie fühlt es sich an, wenn man sein scheinbares Ziel erreicht hat? Die Geschichte ist fiktional, hätte sich aber genauso zutragen können. Und sie wird sich auch in Zukunft unter leicht veränderten Voraussetzungen immer wieder so zutragen. Die Umstände ändern sich, der Mensch nicht. 

    Biografie von Felix Randau (Buch und Regie)

    Felix Randau wurde 1974 in Emden geboren. Er studierte Germanistik und Volkskunde an der Universität Bonn, war zu dieser Zeit Hospitant am Schauspielhaus Bonn und realisierte erste eigene Filmprojekte. Danach studierte er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) Berlin. Sein Abschlussfilm "Northern Star" wurde für den First Steps Award nominiert und mit dem Studio Hamburg Nachwuchspreis in der Kategorie "Bestes Drehbuch" ausgezeichnet.

    Preise und Auszeichnungen

    Internationales Filmfestival Emden-Norderney 2019: Emder Schauspielpreis für Jürgen Vogel 
    Deutscher Filmpreis 2018: Nominierung für das Beste Maskenbild (Heike Merker) und Nominierung für die Beste Tongestaltung (Thomas Neumann, Marc Parisotto, Gregor Bonse)

    Festivals – eine Auswahl

    Internationales Filmfest Locarno 2017 – Weltpremiere Piazza Grande Filmfest Hamburg 2017 – deutsche Festival-Premiere Internationales Filmfestival Braunschweig 2017 – Wettbewerb

    Western

    Montag, 3. August 2020, 00.20 Uhr, ZDF
    Ab Mittwoch, 15. Juli 2020, 30 Tage in der ZDFmediathek 

    Western
    Western/Spielfilm, Deutschland 2017

    Stab

    Buch: Valeska Grisebach
    Regie: Valeska Grisebach
    Bildgestaltung: Bernhard Keller
    Montage: Bettina Böhler
    Ton: Uve Haußig
    Sounddesign: Daniel Weiss
    Szenenbild: Beatrice Schulz
    Kostüme: Veronika Albert
    Produzenten: Jonas Dornbach, Janine Jackowski, Maren Ade, Valeska Grisebach, Michael Merkt Produktion: Komplizen Western GmbH in Koproduktion mit ZDF – Das kleine Fernsehspiel,
    in Zusammenarbeit mit ARTE
    Förderer: Medienboard Berlin Brandenburg, Mitteldeutsche Medienförderung, Bundesregierung für Kultur  und Medien, NFC Bulgarien, DFFF, FFA, ÖFI Österreichisches Film Institut, Media
    Redaktion: Claudia Tronnier (ZDF/Das kleine Fernsehspiel) Meinolf Zurhorst (ZDF/ARTE)
    Länge: ca. 111 Minuten 

    Die Rollen und ihre Darstellerinnen und Darsteller

    Meinhard: Meinhard Neumann
    Vincent: Reinhardt Wetrek
    Adrian Syuleyman: Alilov Letifov
    Veneta: Veneta Frangova
    Viara: Vyara Borisova
    Wanko: Kevin Bashev
    Mancho: Aliosman Deliev
    Tommy: Robert Gawellek
    Jens: Jens Klein
    Boris: Waldemar Zang
    Helmuth: Detlef Schaich
    und andere 

    Inhalt

    Der schweigsame und rätselhafte Meinhard reist mit einer Gruppe deutscher Arbeiter auf Montage zu einer Baustelle im ländlichen Bulgarien. Inmitten der rauen, idyllischen Natur sollen die Männer in den heißen Sommermonaten ein Wasserkraftwerk bauen. Die spektakuläre Landschaft weckt in den Männern Abenteuerlust, dennoch überwiegt zunächst die Skepsis gegenüber den Einheimischen. Als Meinhard in der Umgebung auf Erkundungstour geht, entdeckt er das Dorf Petrelik und kommt mit den Bewohnern ins Gespräch.

    Nach und nach wird Meinhard in die Dorfgemeinschaft aufgenommen und schließt trotz der Sprachbarriere neue Freundschaften. Das Dorf weckt bald auch das Interesse der anderen Arbeiter, besonders der Polier Vincent konkurriert mit Meinhard um die Aufmerksamkeit der Einheimischen und der hübschen Veneta. Als es dann im Dorf und auf der Baustelle zu einer Wasserknappheit kommt, ist Ärger vorprogrammiert.

    Interview mit Valeska Grisebach

    Was war der Ausgangspunkt, der Impuls zu dieser Reise?

    Es gab unterschiedliche Fährten, die in diesen Film geführt haben und die sich assoziativ immer mehr zu einer Geschichte verknüpft haben. Das war zum einen das Genre Western, mit dem ich vor dem Fernseher in den 70er Jahren in West-Berlin großgeworden bin, und das bis heute ungebrochen eine eigenartige heimelige Faszination auf mich ausübt und den Wunsch ausgelöst hat, dorthin zurückzukehren, wie an einen Ort, an dem man mal war. Als Mädchen habe mich mit dem Helden identifiziert und ihn gleichzeitig angeschwärmt, also war ich auch immer etwas ausgeschlossen. Vielleicht war dieser Zwiespalt auch Teil meiner Faszination, mich diesem per se männlichen Genre zuzuwenden. Ich wollte den einsamen, überhöhten, oft melancholischen Männerfiguren aus dem Western näher kommen.

    All das hat korrespondiert mit dem Thema der latenten Fremdenfeindlichkeit, das mich schon länger für einen Film beschäftigt hat. Mich hat dieses "Deutschsein" interessiert, das sich manchmal in einem diffusen Gefühl der Stärke, der Überlegenheit äußert. Der Impuls, sich im Status oben zu positionieren, abzugrenzen. Der Moment, wenn Verachtung an Stelle von Mitgefühl tritt.

    Mit der Idee, eine Gruppe deutscher Männer ins Ausland auf Montage auf unbekanntes Terrain zu versetzen, wo sie selber fremd und mit ihren Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert sind, hatte ich den Zugang zu dem Thema und eine passende Ausgangssituation für eine Geschichte.

    Welche Elemente des Western Genre haben Sie besonders gereizt, um sie in ein modernes Setting zu übertragen?

    Mich berührt das Vielschichtige, Widersprüchliche, Schillernde an den Motiven des Western, die das Genre selbst ständig reflektiert oder in Frage stellt. Mich interessiert, was diese Ambivalenz für das hier und heute, als gesellschaftliches Konstrukt bedeuten kann.

    Mich hat das Duell als ein Prinzip interessiert, durch das Leben zu gehen und Beziehungen zu gestalten, als etwas sehr Lebendiges, worüber man in Kontakt tritt, dem anderen sozusagen, wenn man ich traut, in die Augen schaut. Gleichzeitig propagiert das Duell die Idee von Macht und Kontrolle, den Anspruch auf Stärke, die Verachtung dem Schwachen gegenüber, auch wenn es in einem selber liegt. Ich fand es für Meinhard, den Protagonisten, als Motiv interessant, dass er sich seine Angst selbst am wenigsten verzeiht.

    Das Duell schafft Distanz und gleichzeitig große Nähe. Ein Spiegelmoment, zu antizipieren, wie der andere einen sieht, oder die Phantasie, wie man für den anderen zu sein hat. Die Identifikation mit dem Kontrahenten. Die Intimität, die Umkehrung "der Liebe auf den ersten Blick".

    Die Suche nach Unabhängigkeit und Freiheit, die die Helden im Western verkörpern, die Idee, alles hinter sich zu lassen oder wenigstens für Momente ungebunden und frei zu sein, habe ich als ein universelles, romantisches Motiv verstanden, dass etwas über die Sehnsucht nach Erlebnis und die Bedeutung des eigenen Schicksals erzählt.

    Inwieweit verkörpern Meinhard und sein Kontrahent Vincent diese Elemente des Westerns?

    Es geht im Western auch um die Inszenierung eines Gesichts, das seine Gefühle nicht zeigt. Da ist viel Gefühl dahinter. Auch die Angst, sein Gesicht zu verlieren. Die Angst, dass der andere einen erkennt. Die Phantasie, den anderen zu unterwerfen, auszulöschen. Die Angst vor Kontrollverlust.

    Ich hatte Lust auf einen Helden, der nicht mehr ganz jung ist, der das Gefühl hat, dass das Leben ihm noch ein Abenteuer, ein Erlebnis schuldet. Ein Held, der mit seinem Opportunismus und seiner Angst zu kämpfen hat. Ein großer Mann, dessen Pose und attraktives Äußeres die Blicke auf sich ziehen, der aussieht wie ein Anführer, der aber auch den kleinen Mann in sich trägt, der in der Masse verschwinden und nicht auffallen möchte. Jemand, der eingesteckt hat und trotzdem noch träumt. Er ist eine Figur, die auch eine asoziale, narzisstische Seite in sich trägt. Diesem Spannungsverhältnis zwischen dem, wer man sein möchte, und dem, der man dann über seine Taten oder im Affekt ist, wollte ich die Figur gerne aussetzen.

    Wie wurde aus dem Cowboy oder Pionier des Western ein deutscher Bauarbeiter zwischen West und Ost?

    Ich habe versucht, die Ikonografie, diesen Pin-Up-Moment der Westernhelden im Alltag wieder zu finden, und bin darüber ganz schnell bei Männern vom Bau gelandet. Die Physis, das Kostüm, das Werkzeug am Gürtel... Das war erstmal ein ganz oberflächlicher Einstieg, quasi: Welchen Mann kann ich mir auf einem Pferd vorstellen? Ich habe mich in der Folge mit vielen Männern und Frauen aus den unterschiedlichsten Milieus über Duelle, den "Western-Moment" im Alltag unterhalten, bin aber bei meinem ersten Impuls geblieben.

    Mich hat die altmodische Männlichkeit interessiert, die auf dem Bau zelebriert wird. Dieser geschlossene Kosmos unter Männern, mit seinen eigenen Spielregeln. Eine Welt, in der Frauen abwesend, aber in der Phantasie immer anwesend sind. Beeindruckt hat mich der Humor und Sprachwitz, der so voller Kreativität ist. Eine ganz eigene Prosa, in der es gilt, im Schlagabtausch immer noch eins drauf zu setzen. Berührt hat mich die Zartheit und Intimität, die die Männer, trotz aller Derbheit, verbindet.

    Trotzdem ist die Wahl des Milieus eigentlich ein äußerlicher, formaler Moment. Es geht um keine Zuschreibung, sondern könnte auch in einem anderen Milieu spielen.

    Wichtig war für den Film das Bild "auf Montage zu sein", dass die Männer sich über die großen Maschinen und die körperliche Arbeit in der fremden Landschaft dem Ort annähern. Und mir gefiel, dass diese deutschen Männer mit ihrem DDR-Hintergrund, die heute in Bulgarien mit ihrem Anspruch auf technische Überlegenheit ankommen, mit den Menschen auf den Dörfern die Erfahrung des Sozialismus teilen.

    Sie haben das erste Mal im Ausland gedreht. Wie war diese Erfahrung für Sie?

    Für mich war dieser Film in einer fremden Sprache, an Orten, an denen ich nicht zuhause bin, eine sehr positive Übung in Kontrollverlust. Das Talent der Menschen auf den Dörfern zur Improvisation, das lakonische Vertrauen in ein Vorhaben, dass das schon irgendwie klappen wird, habe ich als sehr produktiv und auch erleichternd empfunden. Es ist meiner oft spontanen Arbeitsweise, die für alle Beteiligten eine Herausforderung sein kann, sehr entgegen gekommen.

    Sie haben in verschiedenen Gegenden recherchiert. Warum haben Sie sich für Bulgarien entschieden, für dieses Dorf nahe der griechischen Grenze?

    Zur Recherche haben wir viele Reisen nach Bulgarien gemacht, die anfangs – trotz aller Versuche sich vorzubereiten – Fahrten ins Blaue waren. Man weiß ungefähr, was man sucht, aber nicht, wo man es findet, und ist gleichzeitig total ahnungslos, offen gespannt und findet etwas anderes, das plötzlich wichtig ist für die Geschichte.

    Es gab viele Begegnungen auf diesen Reisen, viele Geschichten, die in diesem Film nicht vorkommen. Plötzlich bleibt man irgendwo hängen und hat eine Beziehung. So sind wir zu dem Dorf Petrelik als Drehort gekommen. Bei der Suche haben mich die Grenzregionen angezogen, weil dahinter schon das nächste Land, das nächste Fernweh oder Abenteuer wartet, aber es dort auch um Identität und Abgrenzung oder Vermischung geht. Ich mochte, dass mit der Reise der Deutschen nach Bulgarien zwei unterschiedliche Perspektiven in Europa aufeinandertreffen und damit unbewusst verinnerlichte Vorstellungen von Status wie Gewichte in einem Kräfteverhältnis verteilt sind.

    Wie war der Kontakt zu den Bewohnern dort?

    Die Entscheidung, dort zu drehen, hatte auch sehr viel mit den Menschen zu tun, die uns sehr herzlich aufgenommen und bei allem großartig unterstützt haben. Ich will das nicht romantisieren, aber es hat mich beeindruckt, wie sie sich der Herausforderung, ihren Lebensunterhalt zu sichern, mit viel Improvisation und Einsatz stellen. Das eigene Schicksal wird oft kommentiert von diesem wilden, selbstironischen, bulgarischen Humor. Man lacht über sich selbst, nicht über die anderen. Man spürt, dass aus der jüngeren Geschichte Bulgariens heraus die Erfahrung nicht in der Gesellschaft verankert ist, sich auf irgendetwas verlassen zu können. In jeder Familie gibt es jemanden, der im Ausland ist, um dort Geld zu verdienen oder zu studieren. Ein großer Teil der jungen Generation verlässt das Land. Das Ausland, Deutschland, England, Amerika, ist sehr präsent.

    Sie haben alle Ihre Filme mit dem Kameramann Bernhard Keller gedreht. Was waren Ihre Überlegungen zum visuellen Konzept?

    Wir wollten eine ruhige, unauffällige Handkamera in Normal- und Langbrennweite, in Kombination mit statischen Einstellungen, die den Sinn für den Abstraktionsgehalt der Szenen schärfen. Wir wollten einen schlichten, umgangssprachlichen Modus finden, in dem sich zwischendurch Westernräume aufmachen. Da es um Projektion, um offene und heimliche Blicke, um das Duell geht, sollte zum einen das Thema Schuss-Gegenschuss eine Rolle spielen, aber auch die Erzählung und Aufteilung des Raumes: Der öffentliche Raum, den sich die Figuren teilen, aber auch der, den sie für sich alleine haben. Meinhards Welt.

    Wie sehen Sie in der Konfrontation von Fiktion und Wirklichkeit, die Sie beschrieben haben, das Verhältnis von Realismus und Überhöhung?

    Die Reise der deutschen Männer auf eine Auslandsbaustelle verstehe ich nicht als eine rein realistische Situation und naturalistische Beschreibung. Mich hat dieses Motiv in seiner Überhöhung interessiert: Die Landschaft sollte auf den ersten Blick fremd und faszinierend wirken. Sie sollte die Männer unmittelbar in Szene setzen. Sie wirken plötzlich anders als Zuhause. Für einen kurzen Moment können sie sich der Illusion hingeben, allein zu sein und die Landschaft durch ihre Entdeckung in Besitz zu nehmen. Über die Inszenierung und Bildgestaltung wollten wir so einen zeitlosen, abenteuerlichen Raum aufmachen, der neben der Arbeit auf der Baustelle die Phantasiewelten und Projektionen von Meinhard und der Gruppe erzählt.

    Preise und Auszeichnungen

    Art Film Fest Kosice – Blue Angel Preis Beste Regie  
    Nominierung zum LUX Film Prize des Europäischen Parlaments
    Yerevan International Film Festival Golden Apricot Special Jury Mention
    Fipresci – International Critics Prize
    Festival des deutschen Films Ludwigshafen – Filmkunstpreis 2017 für Valeska Grisebach
    Preis der deutschen Filmkritik, Berlin 2018 der Spielfilm "Western" – Bester Spielfilm und bester Hauptdarsteller Meinhard Neumann
    37th Istanbul Film Festival 2018 – Hauptpreis für Valeska Grisebach
    Deutscher Filmpreis 2018 – LOLA in Bronze in der Kategorie "Bester Spielfilm" 

    Festivals – eine Auswahl

    Cannes Film Festival 2017 – Un Certain Regard  
    Art Film Fest Kosice Karlovy Vary International Film Festival
    Filmfest München
    Jerusalem Film Festival
    Motovun Film Festival
    Fünf Seen Festival
    New Zealand International Film Festival
    New Horizons International Film Festival
    Melbourne International Film Festival

    Biografie von Valeska Grisebach (Buch und Regie)

    Valeska Grisebach studierte Germanistik und Philosophie in Berlin, München und Wien, bevor sie ein Filmstudium in Wien begann. Ihr Abschlussfilm "Mein Stern" wurde 2002 für den Adolf-Grimme-Preis nominiert und gewann den Kritikerpreis auf dem Internationalen Filmfestival von Toronto sowie den Hauptpreis des Torino Film Festivals. 2006 stellte sie ihren zweiten Spielfilm "Sehnsucht" im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin vor. Er entstand, wie "Western", als Koproduktion mit der ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel.

    Fotos

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/shootingstars 

    Weitere Informationen

    Impressum

    Hauptabteilung Kommunikation
    Presse und Information
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    © 2020 ZDF

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    Name: Cordelia Gramm
    E-Mail: gramm.c@zdf.de
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