Spreewaldkrimi - Die Tote im Weiher

Krimi / Der Fernsehfilm der Woche

 

Carola Kubitz (Anna Maria Mühe) wird im Spreewald tot aus einem kleinen See geborgen. Scheinbar ein Selbstmord. Sie hatte vor fünf Jahren bei einem offenbar selbstverschuldeten Autounfall ihre neun Monate alte Tochter verloren und seitdem an einer schweren Schuldpsychose gelitten. Doch die Obduktion bringt die Einnahme giftiger Pilze zutage. Kommissar Krüger (Christian Redl) forscht bei der Psychotherapeutin (Birge Schade) der Toten nach. Wurde die Frau Opfer verbotener Psycho-Experimente?

 

 

Krüger (Christian Redl) begutachtet den Unfallort von Carola Kubitz

  • ZDF, Montag, 17. November 2014, 20.15 Uhr
  • ZDF neo, Sonntag, 16. November 2014, 20.15 Uhr

Texte

Macht und Magie im Moor – Eine stille Tragödie als Fortsetzung der Erfolgsreihe
Von Redakteur Pit Rampelt

Die Spreewaldkrimi-Reihe des ZDF, akribisch produziert von Wolfgang Esser, steht nach sechs erfolgreich ausgestrahlten Filmen in der üppigen deutschen Krimilandschaft für anspruchsvolle, geheimnisvoll-verrätselte Filme, die mit mäandernden Zeitebenen verblüffend spielerisch umgehen, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig und gleichwertig dramatisch durchdringen.

Nach dem ersten Spreewaldkrimi " Das Geheimnis im Moor" schrieb "die tageszeitung"(6.11. 2006), dass in diesem Fernsehfilm der Woche "das Zeug für eine erstklassige Serie, für ein deutsches "Twin Peaks" steckt: "Das Geheimnis im Moor" bietet so komplexe Charaktere, oberflächlich zusammengeführt durch einen Mordfall, tiefgründig durch die deutsch-deutsche Geschichte verbunden, dass man sich wünscht, das ZDF hätte ihnen mehrere Folgen gegönnt, um ihr ganzes dramatisches Potenzial zu entfalten." Das ZDF hat das Potenzial erkannt und aus dem ursprünglich nur als Einzelstück geplanten Film wurde eine Reihe. Den zuletzt ausgestrahlten Film, "Mörderische Hitze",  nahm "Die Welt" (12.05.2014) zum Anlass für ein Loblied auf das deutsche Fernsehen: "Der Spreewaldkrimi hat Weltniveau. … Ein herrliches halbes Dutzend grandioser Tragödien . Fernsehen auf Augenhöhe mit Amerika. Mindestens. … Da - wo sich im "Spreewaldkrimi" die Lebens- und Wasserläufe tödlich umschlingen - liegt so etwas wie die Zukunft des deutschen Fernsehfilms."
Nach solch hohem Kritikerlob haben nun auch die Jurys den "Spreewaldkrimi" entdeckt: Bei dem diesjährigen Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen ist der zweite Spreewaldkrimi von Kai Wessel "Mörderische Hitze" der meistnominierte Film (in 6 Kategorien: Buch, Regie, Hauptdarsteller, Musik, Bildgestaltung, Filmschnitt). Und bei dem in dieser Form letztmalig verliehenen Deutschen Fernsehpreis ist dieser sechste Spreewaldkrimi in der Königsdisziplin als Bester Fernsehfilm nominiert. Die Latte für die Fortsetzung dieser Reihe liegt also hoch…

Nach der wuchtigen "Mörderischen Hitze" über das Scheitern eines männlichen Außenseiters hat nun die auch international erfolgreiche Kino-Regisseurin Sherry Hormann mit viel Seele "Die Tote im Weiher" inszeniert, eine eher stille Tragödie einer traumatisierten Frau. Ein intimer und intensiver Film, ganz nah an und in den gebrochenen Charakteren, wieder raffiniert, mit der Zeit spielend konstruiert. In einer psychologisch spannenden Geschichte zerstören (provinz-)politische Machtmechanismen im Mikrokosmos Spreewald mehrere Leben. Und das auch schon vor Jahrhunderten... Die melancholisch-märchenhafte Magie ist kein Garant für Idylle.

Neben Christian Redls stoischem, geheimnisumwittertem Kommissar Krüger, Birge Schades einfühlsamer Psychotherapeutin und Thomas Loibls Karriere orientiertem Kommunalpolitiker prägt vor allem das beklemmend dichte Spiel von Anna Maria Mühe dieses Drama – über das der alleinige Autor aller sieben Spreewaldkrimis, Thomas Kirchner, das schöne Kompliment sagt: "Es war noch nie so wenig Spreewald zu sehen, aber noch nie so viel Spreewald zu spüren in den Figuren."

Der siebte Spreewaldkrimi "Die Tote im Weiher" ist zum Filmfest Hamburg und zu den Biberacher Filmfestspielen eingeladen.

Sendetermine, Stab, Besetzung

ZDFneo: Sonntag, 16. November 2014, 20.15 Uhr
ZDF: Montag, 17. November 2014, 20.15 Uhr
Spreewaldkrimi – Die Tote im Weiher
Krimi / Der Fernsehfilm der Woche
       
Regie                               Sherry Hormann
Buch                                Thomas Kirchner
Kamera                              Armin Franzen
Szenenbild                         Thilo Mengler
Kostüm                           Marion Greiner
Schnitt                           Sandy Saffeels
Ton                                 Christoph Köpf
Ton-Mischung               Richard Borowski
Music Supervision            Hansjörg Kohli
Casting                            Simone Bär
Producer                          Dana Löffelholz
Aufnahmeleitung             Lena Reuter
Produktionsleitung            Hartmut Damberg
Produzent                        Wolfgang Esser
Produktion                       ATF, Aspekt Telefilm GmbH
Redaktion                        Pit Rampelt

Länge                            

ca. 89 Min

 

Die Rollen und ihre Darsteller

Thorsten Krüger                

 

Christian Redl

Carola Kubitz                   Anna Maria Mühe
Klaus Kubitz                      Fabian Busch
Jenny Trumaschek           Birge Schade
Charlie Matzke            Thomas Loibl
Karin Matzke                   Julika Jenkins
Fichte                                Thorsten Merten
Marlene Seefeldt               Claudia Geisler
Anna                                Rike Schäffer
Hagen (17 Jahre)               Oskar Bökelmann
Hagen (12 Jahre)              Ludger Bökelmann

Bürgermeisterin                 

Heike Jonca
Sabine Heckmann         Winnie Böwe
Schröder                            Stephan Baumecker
Klein                                 Thomas Bestvater

Arzt  

u.a.                               

Arndt Klawitter

Inhalt

Eine Frau wird im Spreewald tot aus einem kleinen See geborgen. Scheinbar ein Selbstmord. Sie hatte vor fünf Jahren bei einem offenbar selbstverschuldeten Autounfall ihre neun Monate alte Tochter verloren und seitdem an einer schweren Schuldpsychose gelitten, worüber ihre Ehe zerbrach. Doch die Obduktion bringt die Einnahme giftiger Pilze zutage. Kommissar Krüger forscht bei der Psychotherapeutin der Toten nach. Wurde Sie ein Opfer verbotener Psycho-Experimente?
Das unsichere Verhalten und die Aussagen der Therapeutin bestärken Kommissar Krüger, die genauen Umstände des Autounfalls zu untersuchen. Dabei stößt er auf einen weiteren Patienten der Psychologin, einen Kommunalpolitiker mit vielversprechender Karriere.
Aber welche Verbindung bestand zwischen der Toten aus dem Weiher und dem Politiker? Der Schlüssel zur Wahrheit scheint bei der Psychotherapeutin zu liegen, deren ärztliche Ethik eine Klärung verhindert. Kommissar erhöht den Druck auf die Verdächtigen – bis es zu einer dramatischen Offenbarung kommt.

Wieviel Poesie darf einem Selbstmord innewohnen?
Von Produzent Wolfgang Esser

Diese Frage habe ich mir oft gestellt, als ich mich dabei ertappte, wie besonders mir bei jedem Anschauen gerade die Szenen gefallen, in denen Carola Kubitz (herausragend gespielt von Anna-Maria Mühe) versucht sich umzubringen, es ihr aber dann viel später erst gelingt. Doch natürlich wird auch dieser Film nicht einfach chronologisch erzählt und so ist Carola Kubitz auch gleich am Anfang schon "Die Tote im Weiher". Die meisterliche ‘Unchronologie‘ der Drehbücher war von vornherein eines der Markenzeichen dieser Ausnahmereihe und Autor Thomas Kirchner versteht es wie kein anderer, immer wieder neue Varianten im Spiel mit Zeit- und Wahrnehmungsebenen zu finden. Und die Regisseurin Sherry Hormann hat mit ihrer zarten, ja fast zärtlichen Inszenierung dieses Geflecht aus Angst, Schuld, Trauer, Vergebung und Liebe in ein so wundervoll poetisches Ganzes gegossen, dass auch in Selbstmord-Szenen mehr mitschwingt, als pure Tragik. Herausgekommen ist ein ganz besonders berührender Film, gleichsam einer traurig-schönen, fremden Melodie, von der man sich wünscht, dass sie noch lange nachklingen möge.

Fragen an Autor Thomas Kirchner

Kommissar Krüger gibt im aktuellen "Spreewaldkrimi" – es ist der siebte – auf einmal Privates preis. Warum gerade jetzt?

Bereits im vierten Spreewaldkrimi "Eine Tödliche Legende" erzählte Krüger von seinem Vater, davon, wie dieser aus Kriegsgefangenschaft heimkehrte und immer nur schweigend am Tisch saß. Als fest stand, dass es mit Krüger und anderen Figuren, die den Spreewald bevölkern, weitergehen wird, konnte ich als Autor über größere Bögen nachdenken. Somit ist der Zeitpunkt gekommen, tiefer in die Figuren einzudringen, zu fragen, wo sie herkommen, warum sie sind, wie sie sind. Krüger ist durch die Erfahrung mit dem Tod seiner Eltern und der eigenen (Zwangs-) Therapie ein gebranntes Kind. Diese Konstellation fand ich interessant.

In "Die Tote im Weiher" geht es um eine besondere Form der Gedächtnisstörung, um kongrade Amnesie. Das heißt, man erinnert den Moment vor einem Ereignis und den Moment danach. Aber das Ereignis selbst bleibt einem auf immer verborgen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Phänomen für die aktuelle Geschichte zu verwenden?

Durch die Spreewaldkrimis selbst, ihre reflexive Erzählweise, dem Eindringen von Vergangenheit in die Gegenwart. Dazu muss man erinnern können. Was passiert, wenn man den entscheidenden Moment nicht mehr erinnern kann? Dann sind die Fäden aus dem eigenen Leben gekappt, man fällt sozusagen ins ewige Vergessen, aus der erklärbaren Welt in ein dunkles Etwas, wo alles möglich ist. Verzweifelter und einsamer kann ein Mensch nicht sein. Was auch für Menschen gilt, die diesen Moment immer und immer wieder vor Augen haben und ihre Schuld darin erkennen. Sie sind miteinander verbunden durch dieses Moment. In unserem Fall: Die eine im Vergessen, der andere in der Schuld. Los lässt es beide nicht.
Ich freue mich sehr, wie sensibel und emphatisch sich Sherry Hormann dieses Themas angenommen und einen Film geschaffen hat, den man mit dem Herzen sehen muss. Auch wenn dieses Mal nicht allzu viel "Spreewald" in den Bildern stecken mag, steckt doch besonders viel "Spreewald" in den Charakteren.

Reisen Sie eigentlich regelmäßig in den Spreewald, um sich dort für Ihre Geschichten inspirieren zu lassen?

Seit Jahren werden, mit freundlicher Genehmigung des ZDF, im Großen Hafen zu Lübbenau im August die Spreewaldkrimis Open Air gezeigt. Das ist immer ein besonderes Erlebnis für mich, an dem ich gerne teilnehme und so erfahren kann, wie die Filme vor Ort wirken, bei denen, die dort leben oder, die wie ich, nur zu Besuch sind. Da ergeben sich verschiedenste Gespräche, auch Recherchen. Ja, und langsam wachsen einem die Menschen dort ans Herz!

Interview: Gitta Deutz

Gespräch mit Regisseurin Sherry Hormann

Sherry Hormann, was hat Sie an dieser Geschichte gereizt?

Ich schätze diese Reihe sehr, vor allem die Vielschichtigkeit der Erzählstruktur des Autors Thomas Kirchner, in der sich Vergangenheit und Gegenwart durchdringen. Ihm gelingt es, trotz dieser anspruchsvollen Struktur mir und den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, sich damit identifizieren zu können.

Die unterschiedlichen Zeitebenen sind ein besonderes Merkmal der Spreewald-Krimireihe. Vor welche Herausforderung stellte Sie das als Regisseurin?

Genau diese Verwebung der Zeitebenen hat sehr viel mit mir gemacht.Ich habe mich in dieser Erzählstruktur sehr aufgehoben gefühlt. Die Geschichte spielt über mehrere Jahre und beinhaltet deshalb für mich einen besonderen Reichtum. Ich finde es spannend, welche Ereignisse aus der Vergangenheit Einfluss auf die Gegenwart und Zukunft haben. Die Kunst dabei ist, das Ganze zu emotionalisieren. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass es sich um einen Krimi handelt und man es schaffen muss, dass die Zuschauer dem Plot mit Spannung folgen. Vor den Dreharbeiten bin ich öfter in den Spreewald gefahren und habe mich in die Landschaft und Stimmung „reingefühlt“, um Inspiration zu bekommen. Diese Erfahrung war wie eine filmische Entdeckungsreise. Außerdem ist es sehr beschwerlich, dort zu drehen. Alles kann nur mit Kähnen transportiert werden. Man ist da so ein bisschen ausgeliefert, eine Art „time out“. Man kann sich dem nur hingeben, was ich sehr genossen habe.

Hat die Region, die Landschaft Ihre Regiearbeit beeinflusst?

Als Regisseurin kommt man nicht umhin, die Magie des Spreewaldes und der verzauberten Landschaft zu erzählen – das Schwebende und Fließende hat etwas zutiefst Spirituelles. Doch obwohl der Spreewald wie eine Märchenwelt wirkt, wird etwas sehr Brutales und Grausames verhandelt: ein Mord! Dieser Gegensatz war es, der mich besonders berührt hat. Aber nicht nur die fast magische Wasserlandschaft dort hat einen speziellen Charakter, auch die Figuren dieser Krimis repräsentieren den Spreewald – diese Unabdingbarkeit der Schauspieler, die einfach nur da sind und präsent, ohne viel Drumherum. Wie beispielsweise Kommissar Krüger, der gleichzeitig hart und feinfühlig ist, ein bockiger Schädel, hinter dem viel Empfindsamkeit und Sensibilität steckt – eine Figur, der man trauen kann, was ich persönlich in der heutigen Zeit sehr wichtig finde!

Alle Darsteller zeigen ein sehr sensibles Zusammenspiel und intensive Schauspielerleistungen. Wie haben Sie sie an ihre Rollen herangeführt?

Die Besetzung war unheimlich wichtig für diesen Film und ich finde sie sehr stimmig. Im Vorfeld gab es viele Leseproben mit den Schauspielern. Am wichtigsten ist für mich jedoch die Stimmung am Set: Ich möchte erreichen, dass die Schauspieler vergessen, dass sie spielen. Dabei sollen sie die Erfahrung machen können, dass sie sich fallen lassen dürfen und aufgefangen werden. Dieses Vertrauen zu kreieren ist aus meiner Sicht sehr wichtig und extrem förderlich für das Spiel.

Es geht in „Die Tote im Weiher“ um eine junge Frau, deren Leiche im Wasser entdeckt wird: War das ein Thema, das sofort Ihre Fantasie angeregt hat?

Nein, nicht direkt. Ich musste erst einmal verstehen, welche Geschichte dem vorliegenden Stoff auf einer tieferen Ebene zugrunde liegt. Überzeugt hat mich letztendlich, dass ein Mord erzählt wird, der wie ein Selbstmord wirkt, doch durch eine Tat verursacht wurde, die sehr weit zurückliegt. Was mich daran so enorm interessierte, war die Tatsache, dass jede Tat, jedes Handeln von uns dazu führen kann, einen anderen Menschen, auch Jahre später noch, in den Abgrund zu reißen. So wie diese junge Frau hier, gespielt von Anna Maria Mühe, die sich für den Tod ihres Babys verantwortlich fühlt und sich selbst ertränkt. – Wir tun also jeden Tag etwas, das Auswirkungen auf unsere Zukunft oder die eines anderen haben kann. Das Spannende daran ist die Verflechtung von Taten und Menschen. Es zeigt nur, dass wir Menschen alle auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden sind: Das ist es, was dieser Spreewaldkrimi hier auffächert und was ich versucht habe, zu erzählen.

Das klingt, als habe diese Geschichte auch etwas mit Ihnen gemacht. Ist das so?

Ja, denn man möchte mehr von dieser Frau wissen: Was war das für eine Person, was machte sie aus? Dieser engelsgleiche Mensch, voller Lebenslust, der andere Menschen „anzünden“ konnte. Mit ihrer Schwangerschaft kam plötzlich die Angst, von der sie regelrecht umklammert wurde. Wodurch wurde diese Angst ausgelöst? Um diese Schichten zu hinterfragen, braucht es das Geflecht von all diesen Leuten, die den Spreewaldkrimi ausmachen. Ihr Tod bedeutet, dass uns ein Menschenwesen abhanden gekommen ist und dadurch eine Lücke geschlagen wird, die nie mehr zu füllen ist. Diese Lücke macht etwas mit uns und hat Folgen – auch für Kommissar Krüger. Deshalb öffnet er sich das erste Mal bei dieser Therapeutin. Das ist die Herausforderung eines jeden Menschen: dahin zu gehen, wo es weh tut, um dann aus dem Schmerz eine Umarmung an das Leben zu machen. Der Autor Thomas Kirchner kennt die Menschen, von denen er erzählt. Er beobachtet sie ganz genau. Das ist das Schöne und bedeutet, niemanden vorzuführen und alle gleich wichtig zu nehmen. Für mich hat jeder Mensch einen guten Kern. Mich interessiert, ab welchem Punkt dieser gute Kern bei manchen Menschen verloren gegangen ist, welche Umstände den Menschen verändert und verhärtet haben. Ein Babygesicht löst pure Wonne aus. Dieses Gesicht kann irgendwann das Gesicht eines Mörders, eines Opfers oder eben zu dem werden, was das Leben aus diesem Menschen gemacht hat. Die Gründe für diese Entwicklung möchte ich herausfinden und verstehen.

Interview: Gitta Deutz

Gespräch mit Christian Redl (Kommissar Thorsten Krüger)

Herr Redl, es ist Ihr siebter Spreewaldkrimi – was ist für Sie das Besondere an der Folge "Die Tote im Weiher"?

"Die Tote im Weiher" ist ein Heimatfilm im besten Sinne, der sich sehr intensiv mit den Konflikten und Problemen der Einheimischen beschäftigt. Das Besondere an dieser Geschichte sind die Menschen dieser Region mit ihren eigentümlichen Charakteren. Die typische Spreewald-Atmosphäre wird diesmal weniger von der Landschaft, dafür umso mehr vom Verhalten ihrer Bewohner geprägt.

Im aktuellen Spreewaldkrimi erfährt der Zuschauer Privates über Kommissar Krüger. Wie gefiel Ihnen diese Idee?

Das Private, das man hier über Krüger erfährt, ist ein unbewältigtes traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit. Eine sehr frühe, schmerzhafte Erfahrung. Die Psychotherapeutin erinnert ihn an etwas, was er vergeblich versucht hat, zu vergessen. Krüger, der eher wortkarge Kommissar, wird zum ersten Mal auf eine Art und Weise gesprächig, wie wir es bei ihm bisher nicht erlebt haben. Er fängt sogar an zu trinken, was bisher ebenfalls nicht vorgekommen ist. Er ist persönlich berührt und angegriffen und fällt sozusagen "aus der Rolle". Es war sehr reizvoll für mich, das zu spielen – ich habe es als Herausforderung gerne angenommen.

Der Autor Thomas Kirchner schrieb alle Spreewaldgeschichten. Was schätzen Sie an dieser Zusammenarbeit?

Mit Thomas Kirchner haben wir einfach nur Glück gehabt. Er schafft es immer wieder, neue seltsam-wundersamen Spreewald-Geschichten zu erfinden, sie mit überraschenden Wendungen und mehreren Ebenen auszustatten und sie aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu erzählen. Er weiß inzwischen schon beim Schreiben genau, wie ich als Schauspieler den Text von Kommissar Krüger sprechen werde und ich bin immer wieder überrascht, wie nah mir die Figur mit seiner Hilfe im Laufe der Jahre gekommen ist.

Worin liegt für Sie der Reiz, dass nahezu jede Spreewaldfolge von einem anderen Regisseur – in diesem Fall einer Regisseurin – inszeniert wird?

Es war ein großen Vergnügen und immer wieder auch sehr spannend, die unterschiedlichen Filme mit unterschiedlichen Regisseuren gedreht zu haben. Sherry Hormann war die erste Regisseurin, mit der ich es in diesem Format zu tun hatte. Wir kannten uns nicht, und ich kann sagen: Die Arbeit mit ihr war eine meiner schönsten beruflichen Erfahrungen überhaupt. Sie hat ein überaus feines Gespür für das Wesentliche, sie beobachtet und beurteilt sehr genau und ich fühlte mich bei ihr in den besten Händen.

Wie würden Sie Krügers Beziehung zu der Pathologin, seiner Ex-Freundin, charakterisieren?

Die Pathologin war die Frau, wegen der Krüger wie ein Fremdkörper im Spreewald gelandet ist. Wegen ihr hat er sich aus Dortmund versetzen lassen. Kaum war er ihr nachgereist, war die Beziehung auch schon wieder am Ende. Für ihn als den Verlassenen war das am Anfang sehr schmerzhaft. Inzwischen ist er darüber hinweg und Marlene ist zu einer Frau für ihn geworden, der er sich auf einer freundschaftlichen Ebene anvertrauen kann.

Interview: Gitta Deutz

Drei Fragen an Anna Maria Mühe ("Selbstmörderin" Carola Cubitz)

Was schätzen Sie an den Spreewaldkrimis?

Ich finde, die Spreewaldkrimis heben sich durch die besonderen Geschichten und Fälle von anderen Krimireihen ab. Sie bieten Raum, um ruhige Momente zuzulassen, und dadurch die Möglichkeit, tiefer in die Abgründe des Menschen zu schauen.

Sie spielen eine junge Frau, die sich schuldig fühlt am Tod ihres Babys und sich aufgrund einer Psychose selbst ertränkt. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Es gibt Situationen im Leben, in denen man eine Vorahnung hat, oder, nachdem etwas scheinbar Unvorhergesehenes passiert ist, man sich sagen hört "ich hatte es geahnt". Die Vorstellung, dass man während einer Schwangerschaft die Ahnung und dadurch auch die Angst hat, dass dem Baby etwas passieren könnte, hat mich in psychologischer Hinsicht gereizt. Im Laufe der Zeit wird die junge Frau krank vor Angst. Dass sie sich dann die Schuld am Tod ihres Kindes gibt, ist die logische Konsequenz. Das Thema Schuldgefühle ist ein sehr komplexes Thema und umso spannender für mich als Schauspielerin, eine Figur zu spielen, die sich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen muss.

Inwiefern hat die mystische Spreewaldlandschaft Ihr Spiel als Schauspielerin inspiriert?

Der Spreewald ist eine ganz eigene Welt, man kann sich geborgen fühlen und im selben Moment völlig verloren und klein. Diese Ambivalenz konnte ich für meine Figur gut benutzen.

Interview: Gitta Deutz

Ein Gespräch mit Birge Schade (Psychologin Jenny Trumascheck)

Was ist für Sie das Interessante an der Reihe der Spreewaldkrimis?

Ich finde die Reihe klasse, vor allem das Prinzip der Zeitsprünge – das hat eine interessante, ungewöhnliche Dramaturgie zur Folge, da die Geschichte nicht so straight erzählt wird. Die besondere Herausforderung ist, immer genau zu wissen, in welcher Zeitebene man sich gerade befindet.

Sie spielen die Psychologin Jenny Trumaschek. Wie würden Sie sie charakterisieren?

Jenny ist wie der Kern der Geschichte: Bei ihr laufen alle Fäden zusammen, da alle Figuren im Laufe des Films irgendwann einmal in ihrer Praxis auftauchen. Jenny ist eine Figur, die es außerhalb dieses Raums nicht gibt. Deshalb steht dieser Ort für mich als Metapher für den seelischen Innenraum der handelnden Personen. Selbst Kommissar Krüger wird auf eine bestimmte Art und Weise von der Therapeutin berührt, indem er sich öffnet und das erste Mal etwas Persönliches von sich preisgibt. Warum ausgerechnet sie das schafft, bleibt das Geheimnis dieser Figur. Jenny ist eine sehr gute Therapeutin, aber nicht nur, weil sie eine gute Ausbildung genossen hat, sondern weil sie die Gabe hat, anderen Menschen das Gefühl von Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln und sie dadurch zu öffnen. Das ist nicht allen Therapeuten gegeben und aus meiner Sicht auch nicht etwas, was man wirklich lernen kann. Bestimmte Menschen besitzen einfach diese Art von Intuition, die in das Mystische dieser Krimireihe passt.

Was genau hat Sie an Ihrer Figur interessiert?

Ich mag diese Art von Geheimnis, das Jenny umgibt. Ich finde es spannend, Rollen zu spielen, die eine Art Institution oder Autorität sind, deren eigene Geschichte aber nicht erzählt wird. Das ist sehr herausfordernd, da die Figur einfach nur ist und nicht erklärt wird, sondern nur aus sich selbst heraus funktionieren muss. Man muss die Figur mit dem füllen, was man selbst ist und mitbringt. Es ist leichter, wenn sich der Charakter einer Figur an ihrer Geschichte entlang hangelt. Jenny ist wie eine Art Katalysator und bringt eine bestimmte Kraft für den Film mit. Um diese Figur spielen zu können, braucht es ein bestimmtes Standing und eine besondere Ausstrahlung – das hat mir sehr gut gefallen.

Finden Sie das Verhalten der Psychologin moralisch vertretbar?

In meinen Augen ist das Verhalten der Therapeutin nachvollziehbar. Menschen sind sehr unterschiedlich und handeln nicht immer nach einer allgemeingültigen Moralvorstellung. Außerdem kennt Jenny am Anfang auch nicht die Wahrheit. Was auch immer sie ahnen mag, genaues weiß sie nicht. Und das, was sie weiß, spricht sie nicht richtig aus. Das entspricht ihrer Art: Sie überlässt es Krüger, was er mit ihren vagen Andeutungen macht. Jennys Verhalten ist auch ein bisschen der Atmosphäre des Films geschuldet: Eine eindeutige Verhaltensweise würde gar nicht zu der nicht linearen Erzählstruktur dieser Krimis passen.

Was haben Sie sich bei der Erarbeitung ihrer komplexen Figur als Legende überlegt?

Das ist bei jeder Rolle ganz unterschiedlich, da arbeite ich nicht nach einem einheitlichen System. Und natürlich kommt es auch auf die Geschichte an. Die Regisseurin Sherry Hormann hat uns sehr gut vorbereitet und hatte für diese Thematik ein wunderbares Händchen. Wir haben sehr lange über die einzelnen Szenen gesprochen und auch über verschiedene Therapieformen und den Beruf des Therapeuten allgemein. Das war sehr aufschlussreich, denn Therapeuten haben ja in der Regel auch kein glattes Seelenleben, sondern sind auch oft Menschen, die vom Leben gebeutelt wurden. Mit diesen Fragen haben wir uns viel beschäftigt, auch damit, warum Jenny im Spreewald ist und nicht irgendwo in Berlin ihre Praxis hat. Bis zum Schluss umweht sie ja immer das Geheimnis um ihre Person. Diese persönlichen Gedanken und Gespräche schwingen dann später im Spiel mit.

Und allgemein gefragt: Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

Irgendetwas muss eine Rolle in mir auslösen, wenn ich das Drehbuch lese. Ich muss irgendwo andocken können – die Figur muss dabei nicht sympathisch sein oder mir ähneln. Sie muss nur etwas haben, was mich interessiert, etwas Menschliches, das mich berührt.

Interview: Gitta Deutz

Drei Fragen an Thomas Loibl (Kommunalpolitiker Charlie Matzke)

Was hat Sie gereizt die Rolle des Lokalpolitikers Matzke anzunehmen?

Mich hatte die Geschichte schon beim ersten Lesen sehr beeindruckt. In meinem Kopf ging direkt eine Kette von Bildern und Assoziationen los, ich spürte die ganz eigene Atmosphäre, in der diese Geschichte spielt. Das ist der hohen Qualität des Autors Thomas Kirchner zu verdanken, der sehr eindrucksvoll schreibt und die Figuren so plastisch, so nachvollziehbar in ihrem Denken und Handeln erzählt. Außerdem mag ich diese Reihe auch wegen Christian Redl, der seinen Kommissar Krüger mit einer unglaublichen Präsenz ausfüllt. Und dann hat mich natürlich die Provinzpolitikerfigur, die ich spiele, gereizt. Ein Mann, der zunächst glatt, oberflächlich, fast arrogant daherkommt, der sich nach außen hin strahlend, dynamisch und überzeugt von sich selbst gibt, in dessen Tiefe es jedoch brodelt. Ein Mann mit Abgründen. Einer, der zerrissen ist und eine Therapie macht, weil die Schuldgefühle derart an ihm nagen, dass er nicht schlafen kann und ihn sein Versagen,  seine Tat, in seinen Tag- und Nachtträumen einholt. Eine solch facettenreiche Figur zu spielen, war ein Geschenk.

Es war nach dem Spielfilm über das Schicksal von Natascha Kampusch Ihre zweite Zusammenarbeit mit Sherry Hormann …

Ja, ich habe mich sehr gefreut, dass sie mich in "Die Tote im Weiher" für die Rolle dieses Kommunalpolitikers besetzt hat. Ich schätze die Arbeit mit Sherry Hormann sehr, weil sie die Figuren lesen kann, weil sie nicht aufgibt, alles aus den Figuren herauszuholen und ich ihr dabei bedingungslos vertraue. Dieser Film war für mich vom Drehbuch, vom Cast und vom Team her eine große Freude und Bereicherung – ein absolutes Highlight: TV at the best!

Charakteristisch für die ‚Spreewaldkrimis‘ ist auch die magisch-märchenhafte Wasserlandschaft. Sie selbst hatten kaum Szenen, die dort spielten. Konnten Sie sich dennoch in diese Atmosphäre einfühlen?

Wenn wir morgens zum Set fuhren, konnte ich die Luft und die Landschaft ein wenig einatmen. In meiner Freizeit bin ich oft draußen herumgelaufen, weil mich die Gegend an meine frühere Heimat erinnert, in der es auch oft neblig und mitunter ein wenig düster ist. Ich bin am Niederrhein Nahe der holländischen Grenze aufgewachsen. – Dass eine Landschaft, in diesem Fall der Spreewald, Hauptakteur für Erzählungen über Menschen und ihre Dramen ist, finde ich eine tolle Idee.

Interview: Gitta Deutz

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