Karl Hidde (Alexander Held) und Nina Petersen (Katharina Wackernagel), Copyright: ZDF/Gordon Timpen
Karl Hidde (Alexander Held) und Nina Petersen (Katharina Wackernagel), Copyright: ZDF/Gordon Timpen

Stralsund - Das Manifest (1. Teil) / Stralsund - Medusas Tod (2. Teil)

Der Samstagskrimi / Zweiteiler

Der gewaltsame Tod eines Wirtschaftsanwalts konfrontiert Nina Petersen und ihre Kollegen mit einem komplexen Fall, der bis in die Nachwendezeit zurückreicht.

Der zweite Teil, "Stralsund - Medusas Tod", wird am Mittwoch, 1. September 2021, um 20.15 Uhr ausgestrahlt.

  • ZDF, Samstag, 28. August 2021 und Mittwoch, 1. September 2021, jeweils 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, 21. August 2021 bis 20. August 2022 (beide Folgen)

Texte

Stab und Besetzung 

Buch   Andreas Kanonenberg ("Das Manifest"), Olaf Kraemer ("Medusas Tod")
RegieAlexander Dierbach
BildgestaltungIan Blumers
TonChristian Wegner, Felix Siewert
MusikOliver Kranz
SzenenbildClaus Kottmann, Benjamin Speiswinkel
KostümbildFrank Bohn
MaskeChristiane Greve, Jörg Dreydoppel
MontageNina Meister, Natalie Pürzer
CastingSandra Köppe
ProduktionNetwork Movie, Film- und Fernsehproduktion GmbH, Köln
ProduzentWolfgang Cimera
ProducerFlorian Strebin
HerstellungsleitungAndreas Breyer
ProduktionsleitungRalph Retzlaff
RedaktionMartin R. Neumann, Florian Weber
Länge

2 x 90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller*innen
Nina Petersen  Katharina Wackernagel
Karl Hidde  Alexander Held
Karim UthmanKarim Günes
Thomas Jung Johannes Zirner
Dominik Euler  Leonard Carow
Isabell Euler Kyra Kahre
Lutz Hagner   Rainer Furch
Dieter Wolf Peter Schneider
Manfred Wolf   Axel Werner
Barbara WolfChristina Geiße  
Charlotte SchiererHildegard Schmahl
Vera Hidde Lena Stolze
Techniker SteinAndreas Schröders
Jens Roberts  Ronald Kukulies
Uwe KlawitterTill Wonka
Peter GruberDenis Schmidt
Hanne BeckmannSamia Chancrin
Lotte Brunner   Gabi Herz
Birgit Hagner Jule Gartzke
Johannes Kellermann  Neithardt Riedel
Andrea KellermannEsther Roling
Bernd Glöckner   Lars Nagel   
und andere

Inhalte

Teil 1: "Stralsund – Das Manifest"

Der Wirtschaftsanwalt Johannes Kellermann wird erschossen in seiner Villa aufgefunden. Erste Ermittlungen deuten auf einen Raubmord hin. Doch als ein Manifest auftaucht, in dem sich eine Gruppe zu dem Mord bekennt und den "Tod der Medusa" ankündigt, nimmt der Fall eine brisante Wendung.

Um dem Medusa-Rätsel auf die Spur zu kommen, beleuchten Nina Petersen, Karl Hidde und Karim Uthman, die Vergangenheit von Kellermann, der in den 90er Jahren mit der Abwicklung einer Stralsunder Werft beauftragt war. War Kellermanns Tod eine Rache am System? Welche Rolle spielt der Automechaniker Jens Roberts, der offenbar eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Opfer hatte?

Die Ermittlungen führen bald auch zu dem jungen Familienvater Dominik Euler. Ein auf ihn gemeldetes Handy war zur Tatzeit in der Funkzelle am Tatort eingeloggt. Ist Euler in den Mordfall verstrickt und deshalb nun auf der Flucht? Und was haben der Werftmitarbeiter Manfred Wolf und seine Kinder Dieter und Barbara mit dem Fall zu tun? Nina Petersen und das Team um Thomas Jung stehen vor einer schwierigen Aufgabe.

 

Teil 2: "Stralsund – Medusas Tod"

Die Ermordung eines Mannes in den Wäldern Stralsunds und das Verschwinden eines kleinen Mädchens beschäftigen Thomas Jung und sein Ermittlerteam. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen? Die Ermittlungen führen zu einem nur scheinbar abgeschlossenen Fall. Es geht um brisante Akten der Wendezeit. Als Nina und ihre Kollegen von höherer Stelle ausgebremst werden, liegt die Vermutung nahe, dass Informationen unter Verschluss gehalten werden sollen. Weiß Jungs Vorgesetzter Lutz Hagner mehr als er zugibt? Und wie ist die Stiftungsleiterin Charlotte Schierer in den Fall verstrickt? Die Ermittlungen ergeben, dass der Tote aus dem Wald zu einem Bio-Bauernhof gehörte, doch die Hofbewohner Hanne Beckmann und Peter Gruber zeigen sich gegenüber den Ermittlern wenig kooperativ. Welches Geheimnis verbindet den Hof mit Dieter Wolf? Und was hat dieser wiederum mit dem Vater des verschwundenen Mädchens zu schaffen? Nina Petersen und Karl Hidde müssen sich bei ihren Ermittlungen ordentlich ins Zeug legen, um die vielen offenen Fragen zu beantworten.

 "Eine politische Geschichte und ihre Auswirkungen von 'unten'" - Fragen an die Autoren

Die Geburtsstunde der Treuhand jährte sich 2020 zum 30. Mal. Hat das Jubiläum eine Rolle bei der Wahl dieses Stoffes für die Reihe "Stralsund" gespielt?

Olaf Kraemer: Uns hat das Thema Treuhand vor dem Hintergrund der jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert – dem scheinbaren Rechtsruck in der Gesellschaft und der zunehmend schamlosen Korruption und dem Lobbyismus in Politik und Wirtschaft, die sich immer noch an den gleichen psychologischen Mustern orientieren. Wenn man solche Vorgänge im Nachhinein nicht transparent macht, sondern hinter verschlossen Türen vertuscht, um Verantwortliche und Schuldige zu schützen, kann sich der Populismus, wie in unserem Zweiteiler, leicht auf "fühlbaren" Fakten installieren. Es gab ja schon Filme über die Treuhand und eine Serie über Rohwedder, aber in unserem Zweiteiler hatten Andreas und ich die Chance, eine politische Geschichte und ihre Auswirkungen einmal von "unten" zu erzählen – ohne die Anzüge und Glastürme in der Hauptstadt, in denen sonst getagt wird, sondern aus der Sicht derer, die die Last trugen. Arbeitnehmer und ihre Familien.

Die Wende, die Abwicklung der DDR und die entsprechenden Folgen für Land und Menschen sind ein komplexes Thema, die Folgen heute noch spürbar. Wie nähert man sich so einem "Geschichtsmonolithen" stofflich an?

Andreas Kanonenberg: Es stimmt, das ist ein weites Feld. Da wir keine trockene Geschichtsstunde machen wollten, mussten wir einen Weg finden, die Story in die Gegenwart zu holen. Sie musste erlebbar sein im Hier und Jetzt, durch Personen und Emotionen. Und das geht am besten, wenn man die Geschichte von Familien erzählt – in diesem Fall die der Eltern- und Kindergeneration. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, war noch ein Junge in den 70er Jahren. Aber ich kann mich erinnern, dass es auch im Freundes- und Familienkreis meiner Eltern brutal war, als das große Zechensterben begann. Erst viel später habe ich verstanden, welche Gefühle von Ohnmacht und Wut das in den Menschen ausgelöst hat. Und diese Ohnmacht und Wut hat sich auch in den Jahren und Jahrzehnten nach der Wende 1989 im Osten Deutschlands entwickelt – dieses Gefühl, dass alles, was die Menschen mit der Kraft ihrer Hände aufgebaut hatten, auf einmal nicht mehr zählte.

Olaf Kraemer: Ich stamme aus Cuxhaven, einer kleinen, einstmals blühenden Hafenstadt in Norddeutschland, die einen nachhaltigen Niedergang erlebt hat, vor allem, weil alles, was den Hafen, das Herz der Stadt, ausmachte, nun über Containerschiffe aus China abgewickelt wird. Mit minimalem Personal. Auf Lesereisen durch die neuen Bundesländer habe ich in Gesprächen festgestellt, dass die Gewinner und Verlierer aus solchen Situationen, Ost wie West, oft vor ähnlichen Situationen stehen.

Gibt es Anknüpfungspunkte oder Erfahrungen, die die Wendethematik auch persönlich machen?

Andreas Kanonenberg: Ich wollte von Anfang an die Geschichte der Abwicklung der ostdeutschen Werftenindustrie erzählen. Ich habe als Fernsehreporter direkt nach der Wende Zeit in Stralsund, Rostock und Wismar verbracht, die dort ansässigen Werften besucht und darüber berichtet – über deren Ausverkauf, über die Menschen, die ihre Jobs verloren haben. Was dort damals passiert ist, war brutal und hat viele Menschen dort den Glauben an die Gerechtigkeit verlieren lassen. Ich bin froh, dass ich mich mit "Das Manifest" mit diesem Thema nach über 30 Jahren nochmal beschäftigen konnte.

Olaf Kraemer: Andreas war der Geschichtsexperte bei diesem Zweiteiler. Ich war während des Mauerfalls und danach in Ost-Berlin und habe damals viele Freunde aus der ehemaligen DDR gefunden. Ich werde ihre Euphorie und Aufbruchsstimmung nie vergessen. Heute weiß ich, dass diese Mentalität nach und nach verloren gegangen ist, weil das westliche System die Menschen in vielerlei Hinsicht betrogen und enttäuscht hat, ohne sich um die positiven Aspekte der ostdeutschen Gesellschaft zu kümmern. Die Biografien einer ganzen Generation sind so, scheinbar zumindest erst einmal, auf dem Müll der Geschichte gelandet, weil sie im Westen keine Relevanz zu haben schienen. Das spiegelt sich in unserem Film besonders in der Vater-Sohn-Beziehung.

Die Arbeit der Treuhand hat tiefe und nach wie vor sichtbare Gräben in der Beziehung zwischen Ost und West hinterlassen. Welche Relevanz hat in diesem Zusammenhang die fiktive Geschichte des Zweiteilers?

Andreas Kanonenberg: Es geht um die ganz persönlichen Folgeschäden der Abwicklung eines ganzen Landes. Natürlich kann man sagen: "Das musste in gewisser Weise so gemacht werden, weil die DDR eben pleite war und, unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten, etwas geschehen musste." Das ist zum Teil richtig. Es wurde aber versäumt, die Menschen aufzufangen und nicht für dumm zu verkaufen – die Menschen, deren Lebensleistungen auf einmal nichts mehr zählten, nicht einfach nur ihrem Schicksal zu überlassen.

Olaf Kraemer: Unsere beiden "Stralsund"-Folgen handeln sehr viel von Vertrauen – vor allem von enttäuschtem Vertrauen, sowohl bei unseren Ermittlern als auch bei den Episodenfiguren in unserer Geschichte. Und wenn Vertrauen einmal zerstört ist, ist es oft unmöglich, es wiederzubekommen ohne dass sich Grundlegendes ändert.

Gab es eine Aufteilung des kreativen Prozesses: Einer plottet die Handlung und einer entwirft die Figuren?

Andreas Kanonenberg: Alle Episoden-Figuren haben Olaf und ich gemeinsam entworfen, aus ihnen formten wir die Geschichte. Wir haben beide Folgen gemeinsam geplottet, aber ich sage aufrichtig und bewundernd: Olaf ist ein Meister-Plotter; seine Wendungen und Krimi-Problemlösungen sind die besten! Als es aber ans Schreiben der Folgen ging, haben wir dann jeder unser eigenes Buch geschrieben – aber das natürlich in enger Abstimmung, was gegen Ende zu täglichen Telefon-Konferenzen geführt hat.

Olaf Kraemer: Wir haben uns im Writers-Room zur Neuausrichtung der Charaktere der "Stralsund"-Reihe in Köln kennengelernt und sofort gemerkt, wo unsere jeweiligen Schwerpunkte liegen und dass wir gut zusammenarbeiten können. Ich kann das Kompliment nur zurückgeben, vor allem was Andreas‘ Improvisationstalent und sein Gespür für Menschen und ihre Sorgen angeht. Uns beiden war vor allem wichtig, keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Menschen zu betreiben – auch bei den "Bösen" gibt es nachvollziehbare Motive, und dieser Tanz mit dem Teufel führt unvorhersehbar, aber zwangsläufig zur nächsten Tat, bis sich das Verhängnis nicht mehr aufhalten lässt.

Die Fragen stellten Susanne Becker und Florian Strebin.

"Ein Thema, das mit der Geschichte von Stralsund zu tun hat" - Fragen an Katharina Wackernagel

Was ist für Sie das Besondere an der Geschichte der aktuellen "Stralsund"-Filme "Das Manifest" und "Medusas Tod"?

Es ist ungewöhnlich, dass wir einen Fall über zwei Filme erzählen können, aber ich finde, es wird dem Thema gerecht. So gibt es die Möglichkeit, etwas tiefer in die Geschichten der Menschen hinter dem Kriminalfall einzutauchen.  

Die Autoren greifen ein brisantes Thema aus der neueren deutschen Geschichte auf. Ist ein Krimiformat wie "Stralsund" geeignet, den Zuschauern ein solches Thema nahezubringen?

Inzwischen werden viele politische und gesellschaftliche Themen in Krimis verarbeitet, und die Zuschauer nehmen das auch an. Es ist ein Thema, das mit der Geschichte von Stralsund zu tun hat und ich denke schon, dass wir das Publikum damit erreichen können.  

Hatten Sie im Vorfeld Gelegenheit, sich mit der Treuhand und der Nachwende-Zeit intensiver zu beschäftigen?

Natürlich habe ich mich mit der Treuhand vor dem Dreh beschäftigt, und die Nachwende-Zeit spielt bei "Stralsund" immer wieder eine Rolle. Für mich ist es eine Chance, über die Arbeit in Themen einzutauchen, die mich in meinem Leben sonst nicht direkt berühren würden.

Wenn man eine Rolle über viele Jahre spielt, so wie Sie die Kommissarin Nina Petersen, welche Kriterien müssen erfüllt werden, damit Ihre Spielfreude und Neugierde ungebrochen bleibt?

Wichtig für mich ist, dass meine Figur Nina Petersen emotional in einen Fall involviert ist. Die meisten unserer Fälle schaffen eine Fallhöhe für die Ermittler. Ich setze mich sehr dafür ein, dass sich meine Figur auch entwickeln darf, Fehler macht und nicht immer den einfachsten Weg geht. Meistens funktioniert das ganz gut. 

Nina und Thomas sind ein Paar. Wie entwickelt sich die Beziehung zwischen der Kommissarin und ihrem Chef?

Die Beziehung zwischen Petersen und Jung ist sehr angespannt und wird in diesem Fall erneut auf die Probe gestellt. Vertrauen spielt eine große Rolle – beide wollen vertrauen, können es aber auf der beruflichen Ebene nicht, und das belastet die Beziehung. 

Und Hidde? Wie steht er zu Ninas Beziehung mit Thomas?

Hidde wird in diesem Fall mit seiner Vergangenheit konfrontiert, die ihn stark belastet. Er steht hinter Nina, ist aber skeptisch, was die Beziehung zu Jung angeht. 

Die Dreharbeiten zu den beiden Filmen hatten im März 2020 gerade angefangen, als Sie aufgrund der Corona-Pandemie unterbrochen wurden. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken, wie war es für Sie? Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem letzten Jahr für sich persönlich mitgenommen?

Der Drehabbruch und der erste Lockdown waren eine Zeit großer Verunsicherung. Sowohl beruflich als auch familiär habe ich mir in der Zeit große Sorgen gemacht. Ich war froh, als wir Ende Mai die Dreharbeiten wieder aufgenommen haben, auch wenn die Bedingungen nicht einfach waren. Ich weiß nicht, ob ich schon soweit bin, Erkenntnisse aus dem letzten Jahr zu ziehen. Momentan lockert sich alles, aber wir sind noch mittendrin. Keiner weiß, wie der Herbst und der Winter aussehen, und ich empfinde das nach wie vor als sehr bedrückend. 

Die Fragen stellte Ellen Wirth.

"Es wird sehr lange dauern, bis die Wunden verheilt sind" - Fragen an Peter Schneider

Was gab den Ausschlag für Sie, die Rolle des Dieter Wolf zu übernehmen?

Zum einen fand ich die Grundthematik der Bücher sehr überzeugend – zur teilweise sehr undurchschaubaren und fast kriminellen Arbeit der Treuhand ist bisher wenig erzählt worden. Zum anderen arbeite ich einfach sehr, sehr gerne mit dem Regisseur Alexander Dierbach zusammen. Und ich fand die Figur in ihrer Entwicklung sehr interessant. 

Finden Sie es gut und wichtig, dass auch fiktional erzählte Filme politische Themen aufgreifen? Sind Sie ein politischer Mensch?

Auf jeden Fall. Beides. Filme sollten im besten Fall immer politisch sein. Egal auf welcher Ebene.

Als die Treuhand 1990 ihre Arbeit aufnahm, gingen Sie noch zur Schule. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit?

Ich ging zu der Zeit zur Schule und war parallel externer Schüler an der "Spezialschule für Musik" in Halle. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind sehr intensiv und ambivalent. Alles löste sich irgendwie auf, ein neues politisches wie wirtschaftliches System wurde dem Osten von einem Tag auf den anderen übergestülpt. Vieles, was vorher als falsch galt, war nun richtig. Der ehemals politische Feind hatte nun gefühlt das Sagen. Sehr vieles galt nicht mehr und musste neu erlernt werden. 

Gerade in der Generation meiner Eltern gab es große existentielle Ängste vor Arbeitslosigkeit, die sich dann für viele leider auch einlösten. In Städten wie Zeitz oder auch Halle betrugen die Arbeitslosenquoten in den 90ern teilweise weit über 20 Prozent. Alle großen und kleinen Betriebe, gerade im Chemiedreieck oder aber auch die gesamte Maschinenbauindustrie in Zeitz, wurden von der Treuhand verscherbelt und oft dann auch abgewickelt. Die Produkte aus dem Osten hatten auf einmal keinen Wert mehr, niemand wollte sie angeblich kaufen. Die Produktivität und Effektivität ganzer Wirtschaftszweige, gemessen an der harten D-Mark, waren plötzlich eine Katastrophe und auf dem harten Markt nicht zu halten, die Produktionsmittel veraltet und kaputt. Ganze Lebensarbeitsleistungen von Menschen im Osten entwerteten sich unvermittelt. Und viele Menschen wurden auf dem Arbeitsmarkt einfach nicht mehr gebraucht. Das macht etwas mit den Menschen. Und an dieser Entwicklung hatte das zum Teil katastrophale, manchmal kriminelle Handeln der Treuhandanstalt bei der Privatisierung der gesamten DDR-Volkswirtschaft einen großen Anteil. 

Es war aber für mich persönlich auch eine wahnsinnig schöne Zeit des Aufbruchs und vor allem der Freiheit. Gefühlt war nun alles möglich. Die Zukunft konnte neu gestaltet werden, und die Welt stand mir offen. Ich schnappte mir mein Moped und erkundete Europa, beschloss irgendwann, Schauspieler zu werden und und und. Das war sehr schön, und ich bin bis heute froh, dass ich das alles so machen und genießen konnte.

Die von Ihnen gespielte Figur Dieter Wolf versucht, für späte Gerechtigkeit zu sorgen. Ist sein Handeln für Sie nachvollziehbar?

Teile seines Denkens sind für mich nachvollziehbar. Allerdings kann ich weder sein Handeln noch den Weg, den er versucht zu gehen, nachvollziehen. Radikalisierung kann nie gut sein. Und ob es möglich ist, nach so vielen Jahren für Gerechtigkeit zu sorgen, ist für mich auch sehr fraglich. Da ist einfach zu viel passiert, und es wird sehr lange dauern, bis diese Wunden verheilt sind. Gerade wenn man mal recherchiert, wem der Osten eigentlich heute gehört. Auch in Bezug auf politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche oder kulturelle Führungspositionen gibt es da nach wie vor ein unfassbares Missverhältnis. Das tut vielen Menschen hier auch bis heute weh. 

Die beiden Filme wurde von Anfang März bis Ende Juni 2020 unter Corona-Bedingungen gedreht. In welcher Weise haben die – zu der Zeit noch neuen – Drehbedingungen Ihre schauspielerische Arbeit beeinflusst?

Wir mussten ja von ca. Mitte März bis Anfang Mai 2020 unterbrechen. Als es dann mit entsprechenden Hygienekonzepten wieder losging, habe ich mich schon gefragt, wie man in nächster Zeit Geschichten erzählen will, wenn man nur auf Abstand spielen darf. Das war schon sehr befremdlich, und man agiert dann irgendwie ständig mit einer Schere im Kopf. Gott sei Dank wurden dann im weiteren Verlauf Hygienekonzepte entwickelt (mit Anstieg der PCR-Testkapazitäten), die es uns ermöglichten, wieder normal miteinander zu spielen.

Die Fragen stellte Ellen Wirth.

 

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