Die ersten Amerikaner waren erfahrene Jäger. Copyright: ZDF/Stefan Zengerle
Die ersten Amerikaner waren erfahrene Jäger. Copyright: ZDF/Stefan Zengerle

Terra X: Sensationsfund in Brasilien

Die ersten Amerikaner

Die Besiedelungsgeschichte Amerikas muss neu geschrieben werden. Sensationelle Funde in Brasilien zeigen, dass auf dem Doppelkontinent viel früher Menschen lebten als bisher angenommen. Lange ging die Forschung davon aus, dass vor 12.000 Jahren eiszeitliche Jäger aus Asien über eine Landbrücke zu Fuß auf den amerikanischen Kontinent eingewandert waren. In der brasilianischen Serra da Capivara lebten allerdings schon vor 30.000 Jahren Menschen.

  • ZDF, Sonntag, 19. Februar 2017, 19.30 Uhr

Texte

Sendedatum, Stab

Sonntag, 19. Februar 2017, 19.30 Uhr

Terra X: Sensationsfund in Brasilien
Die ersten Amerikaner

Buch: Gisela Graichen, Peter Prestel
Regie: Peter Prestel, Saskia Weisheit
Kamera: Klaus Hernitschek, Torbjörn Karvag
Flugkamera: Tobias Oberberger, Florian Schlamminger
Schnitt: Klaus Hernitschek
VFX: Arnold Sakowski, Thomas Loeder
Musik: Karmaloft
Produktionsfirma: Peter Prestel Filmproduktion
Produktion ZDF: Claudia Comprix
Redaktion: Ruth Omphalius
Länge: ca. 43’

Inhalt

Brasilianische, französische und deutsche Archäologen erforschen gemeinsam die weit verstreut liegenden Fundstellen in den heute fast menschenleeren geheimnisvollen Weiten Ostbrasiliens und versuchen, mehr über die ersten Amerikaner herauszufinden. Der Hauptfundort Pedra Furada liegt in der Serra da Capivara im brasilianischen Bundesstaat Piaui. Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut ist begeistert: "Das ist eine der bedeutendsten, ältesten und prächtigsten archäologischen Fundstellen des amerikanischen Kontinents." Niède Guidon war die Erste, die sich mit der Erforschung der mit über 50 000 Felszeichnungen einzigartigen Fundstellenkonzentration beschäftigte und ihre Bedeutung erkannte. Die verlässliche Datierung der Malereien und der im Umfeld gefundenen Siedlungsreste stellte ein großes Problem dar.

Schließlich bekam Guidon Unterstützung von Wissenschaftlern aus Europa. Der Franzose Eric Boëda gräbt hier seit 15 Jahren. Zum ersten Mal setzte er 2016 auch die sogenannte „Thermolumineszenz-Analyse“ zur Datierung ein. Bei diesem Verfahren werden Proben bei völliger Dunkelheit aus einer Schicht entnommen, und später wird im Labor die Strahlung gemessen. Daraus lässt sich das Alter einer Fundschicht genau bestimmen und damit auch das Alter der Funde, die aus dieser Schicht geborgen wurden.

Die gesamte Wissenschaftsgemeinde wartete gespannt auf die Resultate von Eric Boëda, denn vor allem US-amerikanische Forscher hofften, dass Niède Guidon dadurch widerlegt werden könnte. Doch es kam anders. Die ältesten Fundschichten sind mindestens 30 000 Jahre alt, also 18 000 Jahre älter als die Funde in Clovis/USA, auf die sich die bisher favorisierte Besiedelungstheorie stützte. Südamerika ist also nicht von Nordamerika aus besiedelt worden. „Ein großer Erfolg für die Brasilianer und ihre jahrelange wissenschaftliche Arbeit“, meint Markus Reindel.

Im Sommer 2016 begann Markus Reindel seine eigenen Forschungen in der Serra da Capivara. Er will die Umweltbedingungen in der Gegend untersuchen, um zu erfahren, warum die ersten Amerikaner sich gerade hier niedergelassen hatten. Und vor allem: Warum sie offenbar ohne Nachkommen wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Die Vielzahl der Felsbilder und Bodenfunde deutet auf eine große Bevölkerung hin, die über einen relativ langen Zeitraum im Norden und Osten Brasiliens lebte. 800 Kilometer von der Serra da Capivara entfernt liegt ein weiterer Fundort, die Chapada Diamantina. Die Größe des einst besiedelten Raumes ist noch lange nicht abschließend erforscht.

Doch auch andere Fragen drängen sich auf: Woher kamen die ersten Amerikaner? Wie und warum haben sie sich auf den Weg gemacht? Und warum sind sie fast spurlos wieder verschwunden?

Man verliebt sich immer wieder neu
Archäologin Niède Guidon über ihre Arbeit in der Serra da Capivara

Es gibt hier in der Serra da Capivara auffallend viele Fundorte. Was machte diese Gegend zu einem Hotspot der ersten Besiedelung Amerikas?

Wichtig ist hier natürlich die Siedlungskontinuität. Hier haben Menschen über einen sehr langen Zeitraum gelebt. Noch bis vor 9000 Jahren hatten wir hier ein eher feuchtes, tropisches Klima wie am Amazonas. In den Wäldern gab es Nahrung im Überfluss und das hat dazu geführt, dass hier über lange Zeiträume Menschen leben konnten. Wir haben Felszeichnungen, die 28.000 Jahre alt sind. Das ist genau die Zeit, zu der auch auf anderen Kontinenten gemalt wurde. Auch in Europa, Afrika und Australien hat man zu dieser Zeit mit Höhlenmalerei begonnen.

Was sagen uns die Felsbilder über das Leben der ersten Amerikaner?

Die Leistung dieser Menschen ist unglaublich. Die Bilder zeigen einen unheimlichen Reichtum an verschiedenen Alltagsaspekten: zwischenmenschliche Beziehungen, Jagdszenen, Rituale und Sexualität. Probleme haben wir mit dem Verständnis der religiösen Szenen. Wir müssten die Religion kennen, um sie zu begreifen. Man kann ja auch keinen Führerschien machen, wenn man die Bedeutung der Verkehrszeichen nicht kennt. Manche kann man sich vielleicht erklären, andere nicht. Und genau so ist es auch mit den Felszeichnungen: Wir können diese Bilder nicht wirklich verstehen, weil wir keinen Zugang zu der Religion oder dem Alltag dieser Menschen haben.

Haben sie unter den vielen tausend Bildern ein Lieblingsmotiv?

Nein. Manchmal finde ich eines ganz toll und einzigartig. Aber dann sehe ich Tage später ein anderes und dann gefällt mir das für eine Weile am besten. Und so geht es immer weiter. Es ist ein bisschen so wie in der Liebe. Man verliebt sich in seinem Leben ja auch immer wieder neu.

Viele Kritiker bezweifeln ja, dass die ersten Amerikaner über das offene Meer gekommen sind. Wie könnten die Menschen das damals geschafft haben?

Vielleicht war es gar nicht ihre Intention. Sie könnten zum Fischen hinausgefahren sein und dann hat eine Strömung sie aufgenommen und bis nach Südamerika getragen. Wir haben heute das Beispiel der Flüchtlinge aus Afrika. Nicht alle Boote kommen in Europa an. Wir hatten schon gelegentlich den Fall, dass hier an der Küste im Nordosten Brasiliens Flüchtlingsboote angelandet sind. Es gab sogar mal einen Schwimmer, der bis hier an die Küste geschwemmt wurde und überlebt hat. Schon diese aktuellen Beispiele zeigen, dass es nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist.

Welche Indizien gibt es sonst noch dafür, dass die ersten Amerikaner aus Afrika stammten?

Die technologischen Möglichkeiten, die wir heute haben – zum Beispiel die DNA-Analyse – zeigen ganz klar, dass es in Brasilien und anderswo schon früh afrikanische Einflüsse gibt. Wir haben auch australische, asiatische und orientalische Einflüsse. In diesem Sinne ist die Clovis First-Theorie schon lange völlig überholt. Ich denke, der Mensch ist mehrfach nach Amerika gekommen und eben schon viel früher als wir dachten. Für einen Ursprung in Afrika spricht auch, dass wir Koprolithen gefunden haben, also Ausscheidungen von Menschen. In ihnen wurden  Parasiten nachgewiesen, die eindeutig aus Afrika stammen. Früher hatte man angenommen, dass diese Koprolithen von den afrikanischen Sklaven stammten, die hierher verschleppt worden waren. Aber dann konnten die Überreste auf achteinhalb Tausend Jahre datiert werden, also viel älter als die ersten afrikanischen Sklaven. Bis heute gibt es in Brasilien vereinzelt indigene Gruppen, deren Mitglieder eher afrikanische Züge tragen als asiatische. Abweichend von der überwiegenden Mehrheit der indigenen Bevölkerung in Brasilien, der man das asiatische Erbe bis in die Gegenwart ansieht, zeigen sie deutlich afrikanische Merkmale. Hier wäre es wichtig, neue Technologien breiter einzusetzen. Es gibt immer noch indigene Gruppen hier, deren DNA noch nicht untersucht wurde. Hier ist noch viel zu tun.

Für Ihre Theorie, die von einer sehr frühen Besiedlung aus Afrika ausgeht, werden in jüngster Zeit immer mehr archäologische Beweise gefunden. Warum halten viele Wissenschaftler, vor allem aus Nordamerika, trotzdem an Clovis-First fest?

Es geht um die Technik, um die Art und Weise, wie man gräbt. Während die Amerikaner sich nicht für die älteren Schichten interessieren und deshalb lange Zeit nicht so tief gegraben haben, geht zum Beispiel das französische Team von Prof. Boëda immer wirklich bis auf den anstehenden Felsen runter. Die gesamte Stratigrafie wird erfasst. 15 Jahre macht er das jetzt und hat dadurch eine genaue und klare Vorstellung von dem erarbeitet, was damals wirklich passiert ist.

Könnten auch politische oder nationale Intentionen eine Rolle bei der Favorisierung von Clovis First spielen?

Ich denke nicht, dass es politische oder nationale Gründe für das Festhalten an Clovis gibt, sondern eher eine fachliche. Heute gibt es Ergebnisse am Golf von Mexiko, in den Vereinigten Staaten, in Uruguay, Chile und an anderen Orten, die deutlich unsere frühere Datierung stützen. Es kommt auf die Art an, wie man gräbt. Man findet ein Stück weit immer das, was man sucht.

Empfinden Sie so etwas wie Genugtuung, nachdem ihre Theorie immer mehr Bestätigung auch aus dem Ausland erhält?

Nein, ich bin da ganz emotionslos. Ich wusste ja immer, dass meine Annahmen auf stabilen Fakten basieren. Mir lagen ja die ganzen Daten vor. Wir hatten die Ergebnisse von Biologen, von Geologen, von Klimaforschern und anderen Wissenschaftlern. Die neue Theorie zur Besiedlung Amerikas war immer das Ergebnis einer Zusammenarbeit von einer ganzen Gruppe von Wissenschaftlern. Und weil mir all diese Ergebnisse vorlagen, hatte ich nie Zweifel.

Das Interview führte Peter Prestel

Clovis First

Die lange Zeit favorisierte Hypothese zur Erstbesiedelung Amerikas wurde nach dem Fundort Clovis in Texas benannt. Dort hatte man in den 1930er Jahren Steinwerkzeuge entdeckt, die auf ein Alter von 12.000 Jahren datiert wurden. Durch die Vereisung während der sogenannten Wisconsin-Eiszeit war so viel Meerwasser im Eis gebunden, dass der Meeresspiegel damals um 15 bis 20 Meter niedriger war als heute. Forscher nehmen an, dass Jägergemeinschaften während dieser Eiszeit aus Ostasien zunächst über die trockengefallene Beringstraße nach Nordwest-Alaska einwanderten. Ein weiteres Vordringen auf den amerikanischen Doppelkontinent wurde allerdings zunächst durch den massiven nordamerikanischen Eisschild verhindert. Erst als sich vor 12.000 Jahren die Wisconsin-Eiszeit ihrem Ende näherte, zog sich der Eisschild zurück und gab eine Passage für die Einwanderer frei. Sie drangen aus Alaska in das Gebiet der heutigen USA vor und breiteten sich bis Südamerika aus. Neuere Theorien bezweifeln nicht, dass diese Wanderbewegung stattgefunden hat. Allerdings wird durch neue Funde und neue Datierungsmethoden immer mehr in Frage gestellt, ob die Migranten aus Asien tatsächlich die ersten waren, die auf amerikanischem Boden siedelten.

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