Copyright: ZDF / Samson Goetze
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Wir Trümmerkinder - Zeit der Hoffnung

ZDFzeit Dokumentation

75 Jahre nach Kriegsende erzählen prominente Schauspieler, die damals Kinder waren, wie es ihnen trotz aller Schrecken und Entbehrungen gelang, erfolgreich ihren Weg zu gehen. Anhand der Erinnerungen von Mario Adorf, Ingrid van Bergen, Michael Degen, Winfried Glatzeder, Eva-Maria Hagen, Vera von Lehndorff sowie Elmar und Fritz Wepper zeichnet der Film "Wir Trümmerkinder – Zeit der Hoffnung" ein persönliches Bild der deutschen Nachkriegsjahre in Ost und West.

  • ZDF, Dienstag, 20. Oktober 2020, 20.15 Uhr

    Texte

    Stab und Inhalt

    Dienstag, 20. Oktober 2020, 20.15 Uhr
    Wir Trümmerkinder – Zeit der Hoffnung
    ZDFzeit-Dokumentation

    Buch und Regie_____Annette Koehler
    Kamera_____Anthony R. Miller, Christian Baumann, Thomas Gutberlet, Michael Habermehl, Jan Prillwitz, Ralph Zeilinger,
    Schnitt_____Christoph Schuhmacher
    Animation_____Jan Schulz, Zornshot
    Illustration_____Mona Eing, Samson Götze, Michael Meißner
    Produktion_____Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
    Redaktion_____Stefan Mausbach
    Leitung_____Stefan Brauburger

    Wie wir wurden, was wir sind: Am Beispiel prominenter Lebensläufe zeichnet die Dokumentation "Wir Trümmerkinder – Zeit der Hoffnung" ein persönliches Bild der deutschen Nachkriegszeit.
    Mario Adorf, Ingrid van Bergen, Michael Degen, Winfried Glatzeder, Eva-Maria Hagen, Vera von Lehndorf sowie Elmar und Fritz Wepper: Sie gehören einer Generation an, die Deutschland bis heute prägt. Als Kinder haben sie den Krieg überstanden, an der Seite ihrer Mütter Bombennächte, Flucht und Vertreibung, die Befreiung der NS-Lager erlebt. Sie fanden sich 1945 wieder in einem Trümmerland, das den Anschein erweckte, als würde es noch Jahrzehnte am Boden zerstört bleiben. Doch schon Mitte der 50er Jahre erfuhr Westdeutschland eine unerwartet rasche Blüte und jenseits des "Eisernen Vorhangs" entwickelte sich die DDR zu einem sozialistischen Musterstaat. Hüben wie drüben richteten die Menschen den Blick nach vorn – und selten zurück. Es galt, sich neu einzurichten und dabei allzu oft die Schatten der Vergangenheit auszublenden.

    Viele Kinder und Jugendliche der Zeitenwende hatten Traumatisches erlebt, über das sie Jahrzehnte nicht sprechen durften oder konnten. Welchen Preis zahlten sie für den raschen Weg in einen bescheidenen Wohlstand oder eine angeblich klassenlose Gesellschaft? Viele von ihnen hatten im Krieg den Vater verloren, einige auch noch durch Flucht ihre Heimat. Sie mussten von klein auf lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst ums Alltägliche zu kümmern.

    Mario Adorf, der das Kriegsende als Hitlerjunge erlebte, wuchs allein mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf. Doch er boxte sich, im wahrsten Sinne des Wortes, durch. Die späteren Filmstars Ingrid van Bergen und Eva-Maria Hagen verbrachten einen Teil ihrer Kindheit als Halbwaisen in Flüchtlingsquartieren. Michael Degens Vater fiel dem Massenmord an den Juden zum Opfer. Auch Elmar und Fritz Wepper mussten ohne ihren im Krieg vermissten Vater heranwachsen. Doch die Nachkriegszeit bot ihnen auch Chancen: So wurden die "Trümmerkinder" in den 50er Jahren erwachsen und machten Karriere, wurden zu deutschen Idolen. Heute erinnern sich die meisten von ihnen gern an die Zeit, geprägt von Zuversicht, Improvisationsgeist und der Überwindung überkommener Moralvorstellungen. Es sind Zeugnisse einer Generation, die möglichst nur nach vorne schauen sollte. Illustriert werden die Lebensberichte mit authentischen Filmbildern aus jenen Jahren und animierten Zeichnungen im Stil der Graphic Novel.

    Zitate der Schauspieler

    Mario Adorf…
    beobachtete den Vormarsch der US-Truppen auf Mayen im März 1945:
    "Wir hatten einen Unteroffizier, der sagte: 'Jungs. Waffen vorsichtig in die Büsche legen, und dann ab nach Hause zur Mutti. Zieht die Uniformen aus.'
    Und das habe ich dann auch getan. Ich bin nach Hause gegangen, habe die Uniform ausgezogen, in den Stadtbach geschmissen, zusammen mit meinem Dolch, dem Fahrtenmesser, und einem Buch 'Mein Kampf'."

    erinnert sich an die Zeit nach dem Kriegsende:
    "Ich erinnere mich, dass ich eigentlich immer Hunger hatte. Das Hungergefühl bin ich lange nicht losgeworden. Ich habe nicht an den Wiederaufbau geglaubt. Ich habe gedacht, Deutschland wird zerstört bleiben."

     

    Ingrid van Bergen…
    wuchs in Ostpreußen auf:
    "Ich sage immer, ich bin ein entwurzelter Baum und schleife meine Wurzeln hinter mir her. Und so fühle ich mich auch. Ich habe es nie geschafft, meine Wurzeln wieder irgendwo in die Erde zu senken. Deswegen bin ich auch rastlos. Ich habe keine wirkliche Heimat. Die ist einfach für immer verschwunden."

    wurde auf der Flucht von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt:
    "Wenn ich heute höre, dass Leute Traumabewältigung machen, dass Psychiater ihnen zur Seite stehen und ihnen helfen – das gab es damals nicht. Es gab nur eiserne Disziplin und, dass man sich, wie man damals so schön sagte, zusammenreißen musste."

    besuchte nach Kriegsende eine Schule auf der Insel Fünen:
    "Mein Bruder und ich, wir hatten schon recht gut Klavier gespielt, und wir setzten uns in der Aula dieser Schule an den Flügel – und wir konnten nicht mehr spielen. Wir waren traumatisierte Kinder. Und dann kam der erste Unterricht und wir konnten auch kein Wort Englisch mehr. Wir hatten wirklich schwere Schäden. Das haben wir selbst so gar nicht empfunden, aber es war so."

    zog 1948 mit ihrer Familie nach Baden-Württemberg:
    "Wir hatten gar nichts. Überhaupt nichts. Nun kommt noch hinzu, dass die Leute den Flüchtlingen gegenüber außerordentlich misstrauisch waren. So als ob man im Dorf herumrennt und irgendetwas klaut. Als meine Mutter beschlossen hat, uns in Reutlingen zur Schule gehen zu lassen, haben sie gesagt: 'Die blöden Flüchtlinge, die sollen gefälligst arbeiten gehen'."

     

    Michael Degen…

    erlebte das Kriegsende in Berlin als Befreiung:
    "Wir sind in die Stadt hinein. Dort war alles kaputt. Gegenden, die wir kannten, in denen wir gewohnt haben, waren platt. In der Nähe vom Alexanderplatz sahen wir Rotarmisten tanzen. Sie tanzten wie die Verrückten. Das war wirklich reine Freude: Der Krieg war zu Ende. Da habe ich erst verstanden, dass wir befreit waren. Meine Mutter sagte: 'Jetzt fangen wir an zu leben. Wir sind neu geboren'."

     

    Eva-Maria Hagen…
    landete nach ihrer Flucht aus Pommern bei Kriegsende in Brandenburg:
    "Da waren die Russen. Und dann hat man in deren Mülltonnen geschaut, was die an hartem Brot weggeschmissen haben, und dann hat man daraus eine Brotsuppe gemacht. Ja, das war eine richtige Hungerzeit."

     

    Vera von Lehndorff…
    ihr Vater, Heinrich Graf von Lehndorff, war am Attentat auf Hitler beteiligt:
    "Es gab überall noch Nazis in hohen Positionen. Eine Lehrerin von mir sagte: 'Wir haben in der Klasse ein Mädchen, die ist die Tochter eines Mörders.'
    Und ich habe dann auch geguckt, wie alle, wo ist dieses Mädchen, wie sieht die aus, wie sieht die Tochter eines Mörders aus, da ist man doch neugierig. Und dann sagte sie: 'Nee, du bist das'."

     

    Elmar Wepper…
    wuchs zusammen mit seinem Bruder nach Kriegsende ohne Vater auf:
    "Wir haben unter der Tatsache gelitten, dass mein Vater im Krieg vermisst war. Meine Mutter konnte das nur sehr schwer verarbeiten. Sie hat uns beiden sehr viel Liebe geschenkt, aber der Vati war halt nicht da."

     

    Fritz Wepper…
    spielte als 18-jähriger in einem Anti-Kriegsfilm von Bernhard Wicki mit:
    "Als wir 1959 'Die Brücke' gedreht haben, das war schon sehr emotional und sehr bewegend. Und da haben wir geheult wie die Schlosshunde. Wir haben da eine Zeit nachempfunden, die ja wirklich passiert ist."

    erinnert sich an Wiederaufbau und Wirtschaftswunder:
    "Das war eine Zeit, die im Aufbruch war, die nicht von Tränen bestimmt war, sondern von dem Willen, alles wiederaufzubauen, was da zerstört ist."

    Hybrid aus Graphic-Novel und Film
    Statements des Kreativdirektors Jan Schulz, Zornshot

    Vorteil gegenüber szenischer Darstellung
    Mit den animierten Illustrationen stellen wir die Erinnerungen der Protagonisten dar. Wir versuchen mit dieser Art der Visualisierung die vage Anmutung solcher Rückblicke zu treffen und für das Publikum nacherlebbar zu machen. Dabei wird durch das Stilmittel der Graphic-Novel klar, dass es sich um Interpretation handelt.
    Durch die Kombination mit realen Bewegungen verstärken wir die Emotionalität der Illustrationen. Würde man eine möglichst realitätsgetreue szenische Darstellung wählen, könnte das davon ablenken, dass es sich um subjektive Eindrücke und Erlebnisse der Betroffenen handelt.

    Vorgehensweise
    Die in den Interviews geschilderten Erlebnisse haben wir erst illustriert und dann durch Greenscreen-Aufnahmen mit Komparsen ergänzt, um die Motive so zum Leben zu erwecken. Anschließend wurden die realen Aufnahmen der Akteure wieder grafisch umgewandelt, sodass sich am Ende die nun wieder gezeichneten Figuren natürlich bewegen. Das Ergebnis ist ein Hybrid aus Graphic-Novel und filmischem Material. Man könnte die Bilder auch lebendige Gemälde nennen.

    Stilfragen
    Wir haben uns für einen sehr malerischen Stil entschieden, dies gab die grundsätzliche Anmutung für alle Szenen vor. Dann kam es darauf an, die szenischen Sequenzen so aufzulösen, dass sie für unsere Art der Darstellung funktionieren.
    Es gab eine Reihe von Erfahrungswerten, die wir uns erst erarbeiten mussten. Ein grober Pinselstrich erzählt eine Erinnerung viel besser als ein ganz feiner. Er wirkt impulsiv, ungefiltert und führt zwangsläufig dazu, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert. Wie weit kann man das Gesicht beim Nachzeichnen noch anpassen? Wie komplex darf die Bewegung in der Szene sein, bevor die Illusion zerfällt? Das war ein Entwicklungsprozess, der am Ende auch zum Ziel geführt hat, weil alle Beteiligten mit Herzblut bei der Sache waren und sich mit Hingabe auf diese neue Art der erzählerischen Darstellung einließen.

    Weitere Informationen

    Fotos über (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/zdfzeit

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