V. l.: Heino Ferch, Werner Rast, Kevin Rast, Karsten Weisgut, Horst Seehofer, Dr. Norbert Himmler, Georg Köttner, Amy Mußul, Matthias Matschke, Rudi Cerne.
V. l.: Heino Ferch, Werner Rast, Kevin Rast, Karsten Weisgut, Horst Seehofer, Dr. Norbert Himmler, Georg Köttner, Amy Mußul, Matthias Matschke, Rudi Cerne.

XY-Preis 2019

Gemeinsam gegen das Verbrechen

Auszeichnung für mutiges und vorbildliches Handeln: Im ZDF-Hauptstadtstudio hat Bundesinnenminister Horst Seehofer am Mittwoch, 20. November 2019, als Schirmherr den "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" verliehen. Der mit jeweils 10.000 Euro dotierte Preis geht an Menschen, die sich auf besonders couragierte Weise für ihre Mitmenschen eingesetzt haben. Als prominente Paten hielten die Schauspieler Amy Mußul, Heino Ferch und Matthias Matschke die Laudationes auf die Alltagshelden.

    Texte

    Statement des Schirmherrn Bundesinnenminister Horst Seehofer

    "Keine Gesellschaft kommt aus ohne diese Kultur des Zusammenhalts. Und Zusammenhalt zwischen Menschen drückt sich ja nicht nur dann aus, wenn man schöne Dinge miteinander feiert, sondern auch, wenn man anderen Menschen, die in Schwierigkeiten sind, die in Not sind, hilft."

    Bundesinnenminister Horst Seehofer, 2018

    Die 18. Verleihung

    Seit 2002 wird der "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" an besonders couragierte Menschen verliehen. An Helden des Alltags, die sich mutig aber wohlüberlegt im Kampf gegen das Verbrechen für ihre Mitmenschen eingesetzt haben. Die diesjährigen Preisträger Werner und Kevin Rast, Karsten Weisgut und Georg Köttner konnten durch ihr mutiges und besonnenes Eingreifen Polizeibeamten in Not helfen, das Leben einer 77-jährigen Frau retten und den Missbrauch an einem zehnjährigen Kind beenden. Sie haben vorbildlich gehandelt und in besonderem Maße Zivilcourage gezeigt.

    Opferschutz ist seit Beginn der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" eng mit den Kernzielen des Formats verwoben. So riefen das ZDF und die "Aktenzeichen XY… ungelöst"-Produktionsfirma Securitel den "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" ins Leben, mit dem Ziel, vorbildliches Verhalten von Mitbürgern öffentlich zu machen und zu fördern. Die Auszeichnung steht unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers und ehrt jährlich drei Personen oder Gruppen. Als fester Bestandteil von "Aktenzeichen XY… ungelöst" leistet die Auszeichnung auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Kriminalprävention.

    Bundesinnenminister Horst Seehofer zeichnet die Preisträger im Berliner Zollernhof aus. Diese wurden von einer elfköpfigen Fachjury ausgewählt. Der Preis ist mit jeweils 10.000 Euro dotiert. Als prominente Paten halten die Schauspieler Amy Mußul, Heino Ferch und Matthias Matschke die Laudationes auf die Alltagshelden. In ihren jeweiligen Rollen in den ZDF-Formaten "SOKO Leipzig", "Spuren des Bösen" und "Professor T." setzen sie sich für die Verbrechensbekämpfung ein.

    Am Mittwoch, 11. Dezember 2019, 20.15 Uhr, sind die Preisträger in der Live-Sendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" zu Gast und sprechen mit Moderator Rudi Cerne über ihr vorbildliches Handeln.

    Die Jurymitglieder

    Martin Groß (Juryvorsitzender)
    Geschäftsführer der XY-Produktionsfirma Securitel

    Ina-Maria Reize-Wildemann
    Redaktionsleiterin Redaktion Eduard Zimmermann –
    DKF Deutsche Kriminalfachredaktion GmbH

    Nadja Grünewald-Kalkofen
    ZDF-Redakteurin "Aktenzeichen XY… ungelöst"

    Jörg Langner
    BKA Wiesbaden

    Walter Thurner
    Bund Deutscher Kriminalbeamter

    Rainer Pechtold
    Gewerkschaft der Polizei, München

    Sabine Schumann
    Deutsche Polizeigewerkschaft

    Andreas Mayer
    Deutscher Präventionstag

    Eva-Maria Eschbach
    Weißer Ring e.V.

    Harald Schmidt
    ProPK Baden-Württemberg

    Horst W. Bichl
    International Police Association (IPA)

    Preisträger 2019: Werner Rast (52) und Kevin Rast (27) aus Drochtersen

    Der Fall

    Werner Rast, Chef einer Gartenbaufirma, und sein Sohn Kevin sind gegen Mittag mit dem Lkw unterwegs zu ihrem Betrieb. An einer Schule sehen sie einen Streifenwagen stehen. "Im Näherkommen haben wir erkannt, dass da gerade zwei Männer wie verrückt auf zwei Polizeibeamte einprügeln", berichtet Kevin Rast. Die beiden massiv unter Drogen und Alkoholeinfluss stehenden, aggressiven Männer hatten an der Schule einen Kampfhund zwischen den Schülern herumlaufen lassen. Den Hund brachten sie zwischenzeitlich nach Hause, dann pöbeln sie jedoch weiter. Als zwei Polizeibeamte vor Ort erscheinen und den Männern einen Platzverweis erteilen, zieht einer der Männer ein Messer. Auf Anweisung steckt er es wieder weg, doch von einer auf die andere Sekunde rasten die Männer aus und greifen die Polizisten an. Die Polizeibeamten werden getreten, zu Boden gebracht und immer wieder mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Einer der Angreifer versucht, einem Polizeibeamten die Finger in die Augen zu rammen. Auch der Einsatz von Pfefferspray kann die Rasenden nicht stoppen. Werner und Kevin Rast erkennen, dass es den Polizisten ohne Hilfe nicht gelingen wird, sich zu befreien. "Wir sind sofort raus aus dem Lkw. Eigentlich hatte ich nur Angst, dass meinem Sohn was passieren könnte", erinnert sich Werner Rast. Kevin Rast sorgt sich vor allem darum, dass es den Tätern gelingen könnte, an die Pistolen der Polizisten zu gelangen: "Da standen überall Kinder – wer weiß, was alles hätte passieren können!". Werner und Kevin Rast teilen sich auf, jeder von ihnen nimmt sich einen der Angreifer vor. Es gelingt ihnen, die Schläger zu packen und mit massivem Körpereinsatz zu überwältigen. Sie fixieren die schreienden Täter am Boden und helfen den Polizeibeamten, sie mit Handschellen zu fesseln. Nach langen Minuten treffen weitere Streifenwagen ein, die Täter können nun festgenommen werden. Die angegriffenen Polizeibeamten sind schwer verletzt, beide fallen für mehrere Wochen aus. Die Polizei bedankt sich bei Werner und Kevin Rast für ihren außergewöhnlichen Einsatz. Einer der Täter (27) ist bereits polizeibekannt. Er wird zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt. Der zweite Angreifer (44) kommt zunächst mit einer Bewährungsstrafe davon. Doch nach weiteren Gewalttätigkeiten landet auch er im Gefängnis.   

    Begründung der Jury:

    Werner und Kevin Rast sind mit Mut und außerordentlicher Zivilcourage zwei Polizeibeamten zu Hilfe geeilt, als diese sich in einer besonderen Notsituation befanden. Vater und Sohn waren mit einem Lkw auf dem Weg zu ihrer Firma, als sie sahen, dass vor einer Schule zwei Polizeibeamte von zwei Männern massiv attackiert wurden. Die unter Drogen und Alkoholeinfluss stehenden Angreifer waren im Begriff, die Oberhand zu gewinnen. Es bestand Gefahr, dass sie den bereits verletzten Beamten ihre Schusswaffen entreißen könnten. Werner und Kevin Rast erfassten die Situation sofort und zögerten keine Sekunde. Sie halfen dabei, den Angriff zu beenden und die aggressiven Männer zu überwältigen, bevor diese weitere Personen, darunter zahlreiche Schulkinder, die das Geschehen beobachteten, in Gefahr bringen konnten. Gerade in Zeiten, in denen Ordnungskräfte immer öfter mit verbaler und körperlicher Gewalt gegen ihre eigene Person zu kämpfen haben, vollzogen Werner und Kevin Rast den Schulterschluss mit den Polizeibeamten und setzten somit ein Zeichen von höchster Bedeutung. Die Jury hält Werner und Kevin Rast für vorbildhafte und mutige Menschen.

    "Alle haben zugeguckt"

    Interview mit Kevin Rast

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen?

    Erst haben wir das Geschehen gar nicht wahrgenommen, von weitem sah die Situation nicht gefährlich aus. Erst als wir näher kamen, haben wir gesehen, dass zwei Männer so brutal auf Polizisten eingeschlagen haben, dass wir Angst hatten, sie würden sie umbringen. Außerdem war der Schulhof voller Kinder und Lehrer. Die Täter standen mit Sicherheit auch unter Drogen. Wir haben es letztendlich geschafft, sie niederzuringen und, als Verstärkung von der Polizei kam, ihnen Handschellen anzulegen.

    Hatten Sie keine Angst um Ihr eigenes Leben?

    Nein. Wir wussten, dass wir dazwischen gehen mussten. Wir hatten Respekt vor den Angreifern, aber keine Angst.

    Was haben Sie gefühlt, als sich die Situation etwas beruhigt hatte? Wie ging es dann weiter?

    Es hat ziemlich lange gedauert, bis Verstärkung kam. Danach haben wir unseren Weg fortgesetzt und sind zu unserer nahegelegenen Arbeit gefahren. Werner wurde leicht an der Schläfe verletzt, aber wir haben normal weitergearbeitet.

    Hat sich in Ihrem Leben seit dem Vorfall etwas verändert?

    Eigentlich nicht. Der Vorfall hat gezeigt, dass Polizisten nicht respektiert werden, das finde ich erschreckend. Im ersten Moment hatten wir ein wenig Sorge, die Täter würden uns auflauern, da sie ja noch auf freiem Fuß waren.

    Waren in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

    Ja, viele. Der Schulhof war voller Schüler und Lehrer, auch auf dem Parkplatz eines nahegelegenen Supermarktes hielten sich viele Menschen auf. Alle haben zugeguckt, aber niemand hat eingegriffen. Teilweise waren die Leute sogar auf der Seite der Angreifer und haben sie angefeuert. Ich bin der Meinung, dass jeder Zivilcourage zeigen kann. Man hätte sich auch zusammenschließen und geschlossen gegen die Täter vorgehen können.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu den Polizeibeamten?

    Ja, wir wurden in die Polizeistation eingeladen und man hat sich bei uns bedankt.

    Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Ich würde es wieder so machen, doch vielleicht vorher mehr überlegen und nicht so schnell in die Situation stürmen. Aber ich habe ein großes Verantwortungsbewusstsein und würde niemals jemanden zurücklassen.

    Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Eingreifen reagiert?

    Die konnten gar nicht glauben, dass ich zu sowas in der Lage bin. Meine Frau war auch nicht sehr begeistert, da ich zu dem Zeitpunkt grade Vater geworden bin. Generell konnten viele Leute aus unserem Umfeld nicht verstehen, dass wir eingegriffen haben.

    Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

    Wir konnten es erstmal gar nicht glauben. Dann haben wir uns natürlich sehr gefreut.

    Preisträger 2019: Georg Köttner (51) aus Erding

    Der Fall

    Georg Köttner ist Angestellter einer Bundeswehr-Universität, früher hatte er einen eigenen Kfz-Betrieb. Da ihn ein Freund gebeten hatte, dessen Auto abzuholen und in seiner Werkstatt unter die Lupe zu nehmen, ist er am 19. Dezember 2017 am späten Nachmittag mehrfach zwischen den kleinen Ortschaften Paunzhausen und Johanneck unterwegs. Dabei fällt ihm immer wieder ein weißer Kleinbus auf, der an einer Straße geparkt steht, auf der nur selten Fahrzeuge unterwegs sind. "Beim ersten Mal stand er in der Nähe einer Kreuzung und ich dachte, dass der Fahrer vielleicht ein Kurier ist, der auf dem Handy seine Route sucht", so Georg Köttner. Gut 90 Minuten später sieht Köttner das Fahrzeug wieder, diesmal etwa 80 Meter weiter, bei einem Silo geparkt. Noch immer kann er nicht erkennen, wer sich in dem Kleinbus befindet. Nachdem Köttner das inzwischen reparierte Auto wieder bei seinem Freund abgeliefert hat, fährt er kurz darauf die Strecke ein drittes Mal entlang – diesmal mit seinem eigenen Wagen. "Inzwischen war es bereits dunkel geworden, und ich konnte sehen, dass in der Fahrerkabine Licht brannte. Plötzlich hat aus der Beifahrerseite ein junges Mädchen rausgeschaut, mit einem gequälten Blick, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde!" Georg Köttner fährt nun langsamer, und jetzt fällt ihm am Heck des Kleinbusses ein "Schulbus"-Emblem auf. Bei dem 51-Jährigen schrillen alle Alarmglocken. "Ich musste unbedingt nachsehen, was da vor sich ging, hielt es aber für sinnvoll, mir Unterstützung zu holen." Georg Köttner fährt schnell zu einem Freund, der nicht weit entfernt wohnt und pensionierter Polizist ist. Gemeinsam kehren sie zu dem Kleinbus zurück und öffnen die Türen. Am Steuer sitzt ein 71 Jahre alter Mann, der im Begriff ist, ein zehnjähriges Mädchen sexuell zu missbrauchen und intime Fotos von dem Kind zu machen. Die beiden Männer kümmern sich um die völlig verstörte Schülerin und rufen die Polizei, die den Mann festnimmt. Wie sich herausstellt, hatte der Täter als Schulbusfahrer eine enge Beziehung zur Familie des Mädchens aufgebaut und das Kind seit gut einem Jahr immer wieder missbraucht. Der 71-Jährige legt ein Geständnis ab und wird vom Landgericht Landshut zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Das ehrte Georg Köttner öffentlich und lobte ihn für sein selbstloses und couragiertes Verhalten.

    Begründung der Jury:

    Georg Köttner hat dank seiner besonderen Aufmerksamkeit und Umsicht den wiederholten Missbrauch an einem zehnjährigen Mädchen aufgedeckt und beendet. In einer zunächst alltäglich wirkenden Situation war ihm ein Kleinbus aufgefallen, der außerhalb der Ortschaft geparkt stand. Später gegen Abend fiel ihm das Fahrzeug erneut auf. Als Georg Köttner beobachtete, dass auf dem Beifahrersitz ein kleines Mädchen saß, das sich schutzsuchend nach Hilfe umsah, und dass es sich bei dem Wagen um einen Schulbus handelte, wurde er misstrauisch und zog die richtigen Schlüsse. Statt sich allein in eine unabwägbare Situation zu begeben, reflektierte Georg Köttner seine Handlungsoptionen und beschloss, Unterstützung hinzuzuziehen. Gemeinsam mit einem ehemaligen Polizeibeamten befreite er das Mädchen und übergab den Täter, der gerade im Begriff gewesen war, das Kind ein weiteres Mal zu missbrauchen, der Polizei. So konnte die seit einem Jahr andauernde seelische und körperliche Tortur des Mädchens beendet und der Täter seiner Strafe zugeführt werden. Die Jury spricht Georg Köttner ihren größten Respekt aus.

    "Den entsetzten Blick werde ich nie vergessen"

    Interview mit Georg Köttner

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen?

    Als ich das erste Mal an dem Kleinbus vorbeigefahren bin, stand er am Straßenrand. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und es für ein Paketfahrzeug gehalten. Zwei Stunden später fuhr ich wieder daran vorbei, dieses Mal stand es etwas weiter weg und abseits der Straße. Ich konnte es nur von hinten sehen und den Fahrer nicht erkennen. Als ich das dritte Mal an dem Fahrzeug vorbeifuhr, konnte ich hineinschauen. Auf dem Beifahrersitz saß ein Mädchen, das mich mit einem entsetzen Blick angeschaut hat. Den werde ich nie vergessen. Ich bin dann sofort zu einem befreundeten Polizisten im Ruhestand gefahren, um Verstärkung zu holen.

    Hatten Sie keine Angst vor dem Täter?

    Nein, wir waren dann ja auch zu zweit. Der Täter, ein älterer Mann, war gerade im Begriff, das Mädchen sexuell zu missbrauchen und intime Fotos von ihr zu machen. Ich habe die Beifahrertür geöffnet und behutsam das Mädchen aus dem Auto geholt. Dann haben wir gemeinsam auch den Täter herausgeholt und die Polizei gerufen, die ihn dann festgenommen hat.

    Haben Sie nach dem Vorfall erfahren, wie es dem Mädchen heute geht?

    Nein, ich habe keinen Kontakt zu dem Mädchen oder ihren Eltern.

    Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Auf jeden Fall. Zivilcourage ist sehr wichtig, solche Fälle wie dieser würden sonst vielleicht nie aufgedeckt werden. Ich finde, mehr Menschen sollten Zivilcourage zeigen.

    Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Eingreifen reagiert?

    Sehr positiv, ich werde häufig darauf angesprochen.

    Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

    Ich freue mich sehr auf die Preisverleihung. Das ist ein besonderes Erlebnis, und es ist toll, dass ich dabei sein darf.

    Preisträger 2019: Karsten Weisgut (38) aus Dortmund

    Der Fall

    Karsten Weisgut ist Bezirksleiter mehrerer Kindertagesstätten. Am Freitag, 5. Oktober 2018, kommt er mittags von einer Fortbildung und wartet an der Station Dortmund-West auf die S-Bahn. Am Bahnsteig fällt ihm ein 35-Jähriger auf, der mit apathischem Blick unruhig auf und ab geht und sich dann wieder hinsetzt. "Mein Eindruck war: Entweder der Mann hat was eingenommen, oder er ist psychisch krank." Als eine 77 Jahre alte Frau auf das Bahngleis kommt, steht der 35-Jährige plötzlich auf, geht in ihre Richtung und schlägt der Frau mit voller Wucht gegen den Oberkörper. Sie schreit entsetzt auf und stürzt zu Boden. "Der Mann hat sofort angefangen, auf die Frau einzutreten – so schnell wie möglich, und so viele Tritte wie möglich, war wohl sein Ziel. Ich habe nur gedacht: Du musst der Frau helfen, sonst tritt der Mann sie tot", erinnert sich Karsten Weisgut. Der Kita-Leiter schreit den Täter an und rennt auf ihn zu. Dabei ruft er anderen Wartenden auf dem gegenüberliegenden Gleis zu, dass sie die Polizei alarmieren sollen. Schon hat er den aggressiven Mann erreicht und stößt ihn mit Wucht von der Frau weg. Karsten Weisgut hilft dem völlig geschockten Opfer auf die Beine und stellt sich schützend vor die Frau. Als der Angreifer mit stierem Blick erneut auf sie zu-kommt, brüllt Karsten Weisgut den Mann an, dass er ihn nicht mehr in die Nähe der Frau lasse. Noch einmal stößt er den 35-Jährigen weg. Der Angreifer setzt sich nun wieder, zündet sich eine Zigarette an und verhält sich so, als sei nichts passiert. Karsten Weisgut führt das Opfer vom Bahnsteig weg, um es in Sicherheit zu bringen. Eine junge Frau, die vom anderen Bahnsteig aus die Polizei angerufen hat, kommt hinzu. Gemeinsam begleiten sie das Opfer ein Stück von der S-Bahnstation weg. Karsten Weisgut redet beruhigend auf die Seniorin ein. Dann lässt er sie in der Obhut der jungen Frau und läuft zur S-Bahn zurück, um weitere Fahrgäste vor dem gefährlichen Mann zu warnen. "Einige Leute, unter anderem mehrere Schüler, wollten auf diesen Bahnsteig, und ich habe ihnen erklärt, dass sie nicht hochgehen sollen, zu ihrem eigenen Schutz", so Karsten Weisgut. Schließlich kommt die Polizei, und mehrere Beamte nehmen den Täter am Bahnsteig fest. Sein Opfer steht unter schwerem Schock und hat Hämatome am ganzen Körper. Der Täter kommt ein Jahr später vor Gericht. Er wird freigesprochen, jedoch in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen.

    Begründung der Jury:

    Karsten Weisgut hat auf vorbildliche Weise reagiert, als er unvermittelt Zeuge einer brutalen Gewalttat wurde. Am helllichten Tag griff ein psychisch kranker Mann eine ihm unbekannte 77-jährige Frau auf einem Bahnsteig an. Der Täter schlug sie nieder und traktierte sein auf dem Boden liegendes Opfer mit Tritten. Karsten Weisgut, der in der Nähe stand, realisierte sofort, dass das Opfer in akuter Lebensgefahr schwebte. Durch lautes Rufen machte er weitere Personen auf die Situation aufmerksam und sorgte dafür, dass eine Zeugin die Polizei alarmierte. Zeitgleich stieß er den Täter mit aller Kraft von seinem Opfer weg und stellte sich schützend vor die hilflose Frau. Als der Täter von ihr abließ, brachte Karsten Weisgut die verletzte und geschockte Frau in Sicherheit und warnte zudem weitere Personen davor, den Bahnsteig zu betreten. Der Täter konnte kurze Zeit später festgenommen werden. Dank des sofortigen und umsichtigen Eingreifens von Karsten Weisgut konnten weitaus schlimmere Verletzungen von dem Opfer abgewendet werden. Die Jury ist der Meinung, dass Karsten Weisgut im Sinne des XY-Preises vorbildlich gehandelt hat.

    "Zeit zu denken, blieb mir nicht"

    Interview mit Karsten Weisgut

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen?

    Ich wartete auf dem Bahnsteig auf die S-Bahn. Etwa acht Meter entfernt von mir wartete eine ältere Frau ebenfalls. Der Täter ging an der Frau vorbei und schlug sie ohne jeden Grund oder Anzeichen plötzlich nieder und trat völlig unkontrolliert auf die am Boden liegende Frau ein. Dies beobachtete ich aus dem Augenwinkel und durch die Schreie der Frau reagierte ich auf die Situation. Zeit zu denken, blieb mir nicht, sondern ich musste sofort reagieren und den Mann von der Frau abhalten. Ich spurtete also direkt los und rammte den Mann mit aller Kraft von der Frau weg, weil ich den Eindruck hatte, dass er sie tottreten wollte.

    Hatten Sie keine Angst um Ihr eigenes Leben?

    Ich hatte in diesem Moment so einen Adrenalinschub und Angst um die Frau, dass ich persönlich keine Angst um mein Leben hatte. Der Gedanke, dass dieser Mann so schnell wie möglich aufhören musste, auf die Frau einzutreten, war so stark, dass ich in dem Augenblick gar nicht über meine Situation nachgedacht habe.

    Was haben Sie gefühlt, als sich die Situation etwas beruhigt hatte? Wie ging es dann weiter?

    Als erstes habe ich Erleichterung empfunden, dass die Frau und ich in Sicherheit waren, und keiner von uns schwere Verletzungen davongetragen hatte. Das Gefühl der Erleichterung wurde noch verstärkt, weil eine dazukommende junge Frau die Polizei alarmiert hatte. Diese Frau hatte alles vom gegenüberliegenden Bahnsteig beobachtet. Anschließend kam bei uns allen das Gefühl der Fassungslosigkeit auf und wir versuchten, gemeinsam die ältere Frau zu beruhigen und selbst ein wenig klar zu denken. Ich beobachtete aus der Ferne, wie Schülerinnen und Schüler in Richtung S-Bahn-Haltestelle gingen. Da der Täter eventuell noch auf dem Bahnsteig sein konnte, hatte ich das Opfer und die junge Frau aufgefordert, an der Stelle zu bleiben, an der sie waren, und habe dann alle Leute davon abgehalten, auf den Bahnsteig zu gehen. Dann kam kurze Zeit später die Polizei.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Frau?

    Ich habe die Frau vor dem Amtsgericht und Landesgericht getroffen. Hier erzählte sie mir, dass es ihr gut gehen würde, was mich sehr gefreut hat. Außerdem hat die Frau mich noch einmal angerufen und sich sehr herzlich bei mir bedankt.

    Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Ich denke heute, dass es entscheidend in dieser Situation war, nicht zu denken, weil alles so schnell passieren musste. Ich denke manchmal daran, wenn ich nicht geholfen hätte und der Frau etwas Schlimmes passiert wäre, dann könnte ich nicht mehr ruhig schlafen. Und deshalb würde ich immer wieder helfen.

    Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Eingreifen reagiert?

    Im ersten Moment waren meine Angehörigen, Freunde und Arbeitskollegen besorgt und erschrocken, aber insgesamt sind alle froh, dass der Frau und mir nichts passiert ist. Viele Leute sagten zu mir, dass sie nicht wüssten, ob sie auch so gehandelt hätten, und wenn sie sich vorstellten, dass es ihre Mutter oder Oma gewesen wäre, dann wünschten sie sich auch jemanden der eingreift.

    Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

    Es ist für mich eine aufregende Sache und damit gerechnet habe ich nicht. Für mich ist es so, dass ich für eine Selbstverständlichkeit ausgezeichnet werde, die leider anscheinend heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Das macht mich nachdenklich, aber ich freue mich sehr über die Anerkennung.

    Statements der Paten 2019: Amy Mußul, Heino Ferch, Matthias Matschke

    Amy Mußul:
    Es ist vergleichsweise einfach, demokratische und humanistische Prinzipien und Überzeugungen in Gesprächen und Diskussionen zu vertreten. Konsequent danach zu leben, macht die Sache schon schwieriger. Unser demokratisches Gemeinwesen ist aber nur wehrhaft, wenn Menschen auch dann humanistisch und empathisch handeln, wenn dieses Handeln mit vermeintlichen Nachteilen oder potentiellen Gefahren verbunden ist. Leider ducken sich in solchen Situationen immer noch viele weg und verschließen die Augen. Sie haben Angst, was ja durchaus auch ein Stück weit nachvollziehbar ist. Aber es gibt auch Menschen, die in selbstloser Weise ihre Angst überwinden, die auch dann für ihre humanistischen Überzeugungen und Ideale einstehen, wenn dies mit Unannehmlichkeiten oder sogar Gefahren für das eigene Leben verbunden ist. Sie sind ein wahres Vorbild für unsere Gesellschaft, und ich finde es toll, dass der XY-Preis ins Leben gerufen wurde, um diese Menschen und ihre Taten zu würdigen und zu ehren. Der XY- Preis schafft Aufmerksamkeit, die wichtig ist, um all den anderen, die noch wegschauen, Mut zu machen.

    Heino Ferch:
    Die Beispiele besonnener Zivilcourage, die mit dem XY-Preis geehrt werden, verdienen unseren Respekt und unsere Anerkennung. Wir alle sind uns bewusst, wie unglaublich wichtig Zivilcourage gerade heute ist, aber zugleich fürchten wir uns alle davor, tatsächlich in einer Extremsituation Zivilcourage zeigen zu sollen. Und dies aus guten Gründen: Zahlreiche Anschläge, Amokläufe und Gewalttaten haben überdeutlich gezeigt, wie lebensgefährlich es sein kann, sich "einzumischen" oder auch nur "zur falschen Zeit am falschen Ort" zu sein. Und genau diese Unsicherheit, dieses Zögern, dieses Klima der Angst, dieses Zurückweichen vor der Gewalt, dieses Nichtstun ist das Schlimmste. Denn natürlich muss und soll man offensichtlicher Gewalt, Verletzungen der Menschenrechte oder brutalen Übergriffen entgegentreten – die Frage ist nur, in welcher Form. Nicht jeder ist in der Lage, sich dem Unrecht und der Gewalt direkt entgegenzustellen, mit Worten oder Taten beruhigend einzugreifen, sich dadurch aber womöglich selbst in Gefahr zu bringen. Und doch kann jeder von uns etwas tun, kann versuchen, sich selbst und andere zu schützen, Hilfe zu holen, andere um Hilfe zu bitten, einen Notruf abzusetzen, die Notbremse zu ziehen oder sich schon in der Prävention zu engagieren – und vor allem schon bei vermeintlich kleinen Dingen eindeutig gegen Gewalt und Unrecht Stellung zu beziehen. Zivilcourage hat viele Gesichter. Geben wir ihr eine Chance.

    Matthias Matschke:
    Der XY-Preis ist deshalb so wichtig, weil er eine Einstellung zum Leben ins Rampenlicht stellt. Zivilcourage ist keine spontane Einzeltat. Zivilcourage ist ja zumeist in den Lebenslagen gefordert, wenn Entscheidungen nicht rational abgewogen werden können, sondern vielmehr abgerufen werden müssen. Das heißt, dass all das, was die Person für ein entschiedenes Eingreifen braucht, schon vorher in ihr entstanden sein muss. Der XY-Preis nimmt als Auszeichnung also nicht nur die eine gute Tat wahr, sondern vielmehr eine lang gewachsene, nicht mehr hinterfragte Bereitschaft, für andere selbstlos einzustehen. Wirklich agieren und schnell genug sein kann nur der, der in seinem Leben eine feste Liebe zum Nächsten gefunden und verinnerlicht hat. Das ist nicht selbstverständlich, sondern verdient die Würdigung durch die Öffentlichkeit.

    Impressum

    Fotos über ZDF Presse und Information
    Telefon: (06131) 70-16100 oder über
    https://presseportal.zdf.de/presse/xypreis

    ZDF Hauptabteilung Kommunikation
    Presse und Information
    Verantwortlich: Alexander Stock
    E-Mail: pressedesk@zdf.de
    © 2019 ZDF

    Ansprechpartner

    Name: Elisa Schultz
    E-Mail: presse.muenchen@zdf.de
    Telefon: 089 99551349