V.l.: Rudi Cerne, Johanna Polley, Christian Rothe, Ludwig Blochberger, Jörg Neubauer, Ugur Altun, Bundesinnenminister Horst Seehofer, Marie Deutsch, Norbert Himmler, Katrin Jähne, Michael Bräuer. Copyright: ZDF/Uwe Koch
V.l.: Rudi Cerne, Johanna Polley, Christian Rothe, Ludwig Blochberger, Jörg Neubauer, Ugur Altun, Bundesinnenminister Horst Seehofer, Marie Deutsch, Norbert Himmler, Katrin Jähne, Michael Bräuer. Copyright: ZDF/Uwe Koch

XY-Preis - Gemeinsam gegen das Verbrechen

17. Verleihung im ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin

Im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin hat Bundesinnenminister Horst Seehofer am Dienstag, 30. Oktober 2018, als Schirmherr den "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" für mutiges und vorbildliches Handeln verliehen.

Texte

Statement des Schirmherrn Bundesinnenminister Horst Seehofer

"Das Schönste ist die Begegnung mit besonderen Menschen, die in einer besonderen Lebenssituation Besonderes gemacht oder geleistet haben. Das ist immer interessant und man vergisst das in aller Regel auch nicht mehr in seinem weiteren Leben. Das brennt sich ein. Ich möchte durch die Schirmherrschaft diesen Menschen zu allererst den Dank ausdrücken für unser Land, aber auch andere Menschen motivieren, dass sie sich ein Beispiel nehmen, nicht für eine Kultur des Wegschauens, sondern für eine des Helfens und des Zusammenhalts."

Die Verleihung

Bereits zum 17. Mal wird am 30. Oktober 2018 die Auszeichnung für couragiertes und vorbildliches Verhalten in der Kriminalitätsbekämpfung verliehen. Zivilcourage ist eine wertvolle Tugend, die auch den diesjährigen XY-Preisträgern Marie Deutsch, Jörg Neubauer und Ugur Altun zugeschrieben wird. Sie sind Helden des Alltags, die sich mutig und wohlüberlegt im Kampf gegen Kriminalität für ihre Mitmenschen einsetzen. Dank ihres verantwortungsbewussten und besonnenen Verhaltens konnte eine Vergewaltigung verhindert, und das Leben zweier Frauen gerettet werden.

Opferschutz ist seit Beginn der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" eng mit den Kernzielen des Formats verwoben. So riefen das ZDF und die "Aktenzeichen XY… ungelöst"-Produktionsfirma Securitel im Jahr 2002 den "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" ins Leben, mit dem Ziel, vorbildliches Verhalten von Mitbürgern öffentlich zu machen und zu fördern. Die Auszeichnung steht unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers und ehrt jährlich drei Personen oder Gruppen. Als fester Bestandteil von "Aktenzeichen XY… ungelöst" leistet die Auszeichnung auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Kriminalprävention.

Im Berliner Zollernhof zeichnet Bundesinnenminister Horst Seehofer die Preisträger aus. Diese wurden von einer zwölfköpfigen Fachjury ausgewählt. Der Preis ist mit jeweils 10.000 dotiert. Unterstützt wird der Preis von ABUS Security-Tech Germany. Als prominente Paten halten die Schauspieler Johanna Polley, Katrin Jaehne und Ludwig Blochberger die Laudationes auf die Alltagshelden. In ihren jeweiligen Rollen in den ZDF-Formaten "Der Kriminalist", "SOKO Potsdam" und "Der Alte" setzen sie sich vorbildlich für die Verbrechensbekämpfung ein.

Am Mittwoch, 14. November 2018, werden die Preisträger in der Live-Sendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" zu Gast sein und mit Moderator Rudi Cerne über ihr couragiertes Eingreifen sprechen.

Die Jurymitglieder

Martin Groß (Juryvorsitzender)
Geschäftsführer der XY-Produktionsfirma Securitel

Ina-Maria Reize-Wildemann
Redaktionsleiterin Redaktion Eduard Zimmermann –
DKF Deutsche Kriminalfachredaktion GmbH

Nadja Grünewald-Kalkofen
ZDF-Redakteurin "Aktenzeichen XY… ungelöst"

Jörg Langner
BKA Wiesbaden

Walter Thurner
Bundesvorsitzender Bund Deutscher Kriminalbeamter

Rainer Pechtold
Gewerkschaft der Polizei, München

Rainer Wendt
Bundesvorsitzender Deutsche Polizeigewerkschaft

Andreas Mayer
Vertreter des Deutschen Präventionstags

Eva-Maria Eschbach
Weißer Ring e.V.

Harald Schmidt
ProPK Baden-Württemberg

Günter Lambrecht
International Police Association (IPA)

Michael Bräuer
Leiter Öffentlichkeitsarbeit ABUS

Preisträger 2018: Ugur Altun (36) aus Kirchheim unter Teck

Ugur Altun (36) aus Kirchheim unter Teck

Der Fall

Gegen 7.00 Uhr morgens stehen bereits einige Menschen am Bahnhof Wendlingen. Als plötzlich ein 23-Jähriger auftaucht und mehrere junge Frauen anpöbelt, reagiert jedoch niemand. Lediglich eine 27-jährige Frau mischt sich ein, als sich der aggressive Mann vor einer weiteren Frau aufbaut und diese zu schubsen beginnt. Die 27-Jährige versucht, ihn zu beruhigen. Doch er schlägt sie zu Boden und verpasst ihr mehrere Fußtritte. Dann packt der Täter die schreiende Frau an den Haaren und zerrt sie in Richtung Gleise – alles unter den Augen der anwesenden Passanten. Die Schreie hört auch Busfahrer Ugur Altun an den Haltestellen vor dem Bahnhof. Der 36-Jährige hat gerade Pause und unterhält sich mit seinem Kollegen. Ohne zu zögern, läuft er los. Seinen Kollegen fordert er noch auf, ihm nachzukommen. Als Altun am Bahnsteig ankommt, ist die 27-Jährige bereits in größter Gefahr. Obwohl sie sich heftig wehrt, hat der Täter sie schon fast zur Bahnsteigkante geschleift. Doch bevor er die junge Frau auf die Gleise werfen kann, greift Ugur Altun ein. Blitzschnell und geistesgegenwärtig stößt er den Täter von ihr weg. Der lässt überrascht von seinem Opfer ab. Zehn Sekunden darauf fährt eine S-Bahn in den Bahnhof ein. Sein Kollege ist inzwischen ebenfalls am Bahnsteig angelangt. Der Täter will nun auf diesen losgehen, Altun wirft sich dazwischen. Daraufhin wendet sich der Angreifer Altun zu. Er will ihn ins Gesicht schlagen. Doch der Busfahrer weicht aus. Dabei wird seine Schulter getroffen. Beide Männer schaffen es schließlich, den Täter zu überwältigen. Kurz darauf trifft die Polizei ein. Fünf Polizisten sind nötig, um den aggressiven Mann zu bändigen. Vor Gericht wird später seine Schuldunfähigkeit attestiert: Er gilt als schizophren und kommt in die geschlossene Psychiatrie.

Begründung der Jury

Ugur Altun hat mit Aufmerksamkeit, Mut und besonderer Courage ein Leben gerettet. Der Busfahrer hielt sich in der Nähe eines S-Bahnhofs auf, als er plötzlich Schreie vernahm. Auf dem Bahnsteig wurde eine Frau angegriffen und an den Haaren in Richtung Gleise geschleift. Ugur Altun erkannte sofort den Ernst der Lage und eilte ohne zu zögern dem Opfer zu Hilfe. Er verschaffte sich Unterstützung, indem er einen Kollegen aufforderte, ihn zu begleiten. Ugur Altun handelte spontan, ohne Rücksicht auf seine eigene körperliche Unversehrtheit. Nur so konnte er den Täter von seinem Opfer abdrängen und zudem seinem Kollegen beistehen, der nun in das Visier des Angreifers geraten war. Trotz einer Verletzung, die ihm der Täter zugefügt hatte, gelang es Ugur Altun, den äußerst aggressiven Mann zu überwältigen und bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten. Während zahlreiche andere Zeugen tatenlos zusahen, hat Ugur Altun durch sein Handeln den Tod eines Menschen verhindert. Die Jury hält Ugur Altun für einen vorbildhaften, mutigen Menschen.

 

"Dass niemand eingegriffen hat, macht mich traurig"
Interview mit Ugur Altun

Hatten Sie keine Angst um Ihr eigenes Leben?

Angst hatte ich nicht unbedingt. Ich hatte natürlich den Gedanken im Hinterkopf, was passieren würde, wenn er mich jetzt packt und auf die Gleise zerrt. Immerhin war er sehr stark. In der Situation wollte ich aber einfach nur, dass die Frau befreit wird. Das war mir wichtig. Die Angst war deshalb nicht vorrangig.

Wenn Sie nicht eingegriffen hätten, wäre die Frau vermutlich gestorben. Wie geht es Ihnen damit?

Ich bin sehr froh, dass ihr nichts passiert ist, und ich ihr Leben retten konnte. Es war wirklich eine Sache von Sekunden. Es fühlt sich gut an, dass ich in einer so schrecklichen Situation helfen konnte.

Was haben Sie gefühlt, als sich die Situation etwas beruhigt hatte?

Nachdem der Täter abgeführt wurde, habe ich meine Aussage gemacht. Ich war sehr erleichtert, dass er in Gewahrsam genommen wurde und es der Frau den Umständen entsprechend gut ging. Danach bin ich wie gewohnt meine Runde mit dem Bus gefahren. Ich hatte bis dahin gar nicht gemerkt, dass ich mich verletzt hatte.

Sie haben sich selbst in Gefahr gebracht und wurden verletzt. Wie geht es Ihnen jetzt?

Der Täter ist ja auch auf mich losgegangen. Ich konnte ihm zwar ausweichen, dabei hat er aber meine Schulter erwischt. Letztendlich war es dann doch so schlimm, dass ich operiert werden musste und einige Monate arbeitsunfähig war. Ich hatte starke Schmerzen und spüre das heute auch immer noch. Ich kann meinen Arm nicht mehr so wie früher belasten.

Warum, denken Sie, hat außer Ihnen niemand eingegriffen?

Dass niemand außer mir eingegriffen hat, macht mich wirklich traurig. Ich würde diejenigen, die nur zugeschaut haben, wahrscheinlich fragen, warum sie nicht eingegriffen haben. Immerhin war ein Menschenleben in Gefahr, und die Frau hätte genauso gut deren Freundin, Schwester oder Tochter sein können. Man sollte immer helfen und eingreifen, wenn man sieht, dass jemand in Not ist.

Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu dem Opfer?

Die Frau hat sich nach dem Vorfall bei mir gemeldet und bedankt, dass ich ihr geholfen habe. Sie stand aber immer noch unter Schock. Bei der Gerichtsverhandlung habe ich sie und ihre Angehörigen noch mal gesehen. Ihre Familie war sehr froh und dankbar.

Hat sich in Ihrem Leben seitdem etwas verändert?

Als Busfahrer muss man immer aufmerksam sein. Gerade am Hautbahnhof ist immer was los. Ich bleibe also aufmerksam.

Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

Ich würde immer wieder eingreifen. Egal ob Frau, Mann oder Kind. Es liegt mir so im Blut. Wenn ich sehe, dass Schwächere in Not sind und Hilfe benötigen, kann ich einfach nicht zuschauen.

Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

Ich bin natürlich ein bisschen aufgeregt, aber freue mich auch. Ich habe überhaupt nicht erwartet, dass diese Geschichte so groß raus kommt. Es ist ein Mischmasch von Gefühlen.

Preisträger 2018: Marie Deutsch (19) aus Magdeburg

Marie Deutsch (19) aus Magdeburg

Der Fall

Die damals 17-jährige Marie Deutsch sitzt in der Tram, sie ist auf dem Nachhauseweg. Die 14-jährige Lara sitzt ganz in ihrer Nähe. Als die Tram an einer Station hält, steigt ein unauffällig wirkender Mann ein, der sich schließlich für den Platz neben Lara entscheidet. Von da an beobachtet er die 14-Jährige neben sich immer wieder. Als er telefoniert wird deutlich, dass er plant, sich zu verspäten. Als Lara schließlich aussteigt, steht der 30-jährige Mann ebenfalls auf. Auch Marie muss die Tram an dieser Haltestelle verlassen. An einer Ampel versucht der Unbekannte mit Lara ins Gespräch zu kommen. Marie glaubt zunächst, dass die beiden sich kennen. Marie biegt nach links zu ihrem Fahrrad ab, Lara und der Mann gehen nach rechts. Plötzlich hört Marie Schreie und Hilferufe. Sie rennt los und erkennt zwischen einigen Büschen den Mann auf Lara liegen. Er versucht, sie zu vergewaltigen. Marie schreit den Täter sofort an und stürmt zu einem Taxifahrer, um Hilfe zu holen. Direkt im Anschluss ruft sie die Polizei, während sie zum Tatort zurückkehrt. Der Täter flüchtet, woraufhin sich Marie um das aufgelöste Mädchen kümmert und gleichzeitig der Polizei am Telefon die Situation erklärt. Da die 17-Jährige eine zufällig vorbeikommende Passantin bittet, nach Lara zu sehen, kann sie dem Täter mit der Polizei am Telefon hinterhergehen. Auch der Taxifahrer folgt dem Mann. Als der Täter die Straße überqueren will, trifft die Polizei ein und kann den Mann festnehmen. Es stellt sich heraus, dass er bereits mehrfach wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft ist. Schließlich fährt Marie mit der geschockten Lara und deren Mutter zur Polizei, um eine Aussage zu machen. Der Täter wird wegen versuchter Vergewaltigung zu sieben Jahren und elf Monaten verurteilt.

Begründung der Jury

Marie Deutsch hat in einer Ausnahmesituation über die Maßen aufmerksam und mit besonderer Umsicht reagiert. Auf dem Nachhauseweg vernahm sie Schreie eines Mädchens und schloss sofort, dass sich jemand in Gefahr befand. Als sie erkannte, dass ein Mann im Begriff war, das Mädchen zu vergewaltigen, eilte sie dem Opfer ohne Zögern zu Hilfe und sprach den Täter lautstark an, während sie zeitgleich ihre Handlungsoptionen reflektierte. Es gelang ihr, vor Ort Hilfe für das verängstigte Opfer zu organisieren und die Polizei zu alarmieren. Als der Täter die Flucht antrat, folgte ihm Marie Deutsch in Begleitung und gebührendem Sicherheitsabstand, wobei sie die Polizei stets über die Position des Flüchtenden auf dem Laufenden hielt. Am Ende standen die Festnahme und die Verurteilung des Schuldigen. Mit hohem persönlichem Einsatz konnte Marie Deutsch die Vergewaltigung eines 14 Jahre alten Mädchens unterbinden. Der seelische und körperliche Schaden, der von dem Opfer abgewendet werden konnte, ist nicht abzuschätzen. Die Jury ist der Meinung, dass Marie Deutsch im Sinne des XY-Preises vorbildlich gehandelt hat.

 

"Man darf nicht wegschauen"
Interview mit Marie Deutsch

Als Sie die Schreie von dem Mädchen gehört haben, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich dachte erst, dass es wahrscheinlich einfach nur eine Gruppe Jugendlicher ist, die sich gegenseitig ein bisschen ärgern oder Spaß machen. Als weitere Schreie folgten, hörte ich aber ganz deutlich die Angst darin und bin losgerannt. Mir war auch sofort klar, dass ich etwas unternehmen muss.

Hatten Sie keine Angst, dass der Täter Ihnen etwas antun würde?

In dem Moment hatte ich keine Angst. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, dass der Täter auch mich angreifen oder vielleicht ein Messer zücken könnte. Ich habe nur an das Mädchen gedacht und wollte ihr helfen. Als ich dem Täter gefolgt bin, habe ich richtig das Adrenalin in meinem Körper gespürt. Ich wollte ihn einfach nicht entwischen lassen und wollte, dass man ihn wegsperrt, damit er so etwas nie wieder versuchen kann.

Wie ging es Ihnen, als sich die Situation etwas beruhigt hatte?

Als der Mann abgeführt wurde, war ich unglaublich erleichtert, dass die Polizei ihn gefasst hatte. Danach hat mich die ganze Situation dann überwältigt, und ich musste erst einmal weinen. Die Polizistin vor Ort hat mich beruhigt, und wir haben gemeinsam auf meine Eltern und die Eltern des Mädchens gewartet.

Wie ging es dann weiter, als alles vorbei war?

Zwar hatte ich dem Taxifahrer Bescheid gegeben, aber mir ist dann bewusst geworden, dass mich der Täter auch hätte angreifen können. Ich war froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist und dass ich Schlimmeres verhindern konnte.

Hat sich in Ihrem Leben seitdem etwas verändert?

Es hat sich insofern etwas verändert, als dass ich jetzt aufmerksamer bin und genauer hinhöre, wenn ich irgendwo Schreie höre. Außerdem habe ich einen etwas anderen Blick auf Dinge und Situationen. Ich bin wachsamer. Vor allem in Situationen, in denen ich Erwachsene mit jüngeren Kindern sehe.

Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu dem Mädchen?

Ja, wir haben uns noch ab und zu in der Stadt getroffen, und mit ihrer Mutter hatte ich auch das ein oder andere Mal noch zu tun.

Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

Ich glaube schon. Von meinen Eltern habe ich beigebracht bekommen, dass man nicht wegschauen darf und dass man anderen in Not hilft. Ich würde eventuell beim nächsten Mal verstärkt um Hilfe bitten und auf mich aufmerksam machen.

Wie haben die Leute in Ihrem Umfeld auf Ihren mutigen Einsatz reagiert?

Meine Familie war sehr stolz auf mich, und ein paar Leute waren auch überrascht, dass ich so mutig gehandelt habe.

Wie haben Sie von Ihrer Nominierung für den XY-Preis erfahren?

Ich war mit meinem Fall bei "Stern TV" und die Redaktion hat sich dann bei mir gemeldet und mich mit der Redaktion von "Aktenzeichen XY… ungelöst" verbunden. Ich wusste, dass ich vorgeschlagen wurde, aber ich dachte nicht, dass damit so eine große Aufmerksamkeit verbunden ist.

Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

Ich bin jetzt schon ziemlich aufgeregt. Meine Eltern und meine Großmutter werden mich nach Berlin begleiten.

Preisträger 2018: Jörg Neubauer (49) aus Heilbronn

Jörg Neubauer (49) aus Heilbronn

Der Fall

Der gelernte Elektroinstallateur Jörg Neubauer bricht morgens immer pünktlich um 7.00 Uhr zur Arbeit auf. Doch an diesem Morgen verzögert sich seine Abfahrt um ein paar Minuten, da er noch einmal in den Keller muss. Zeitgleich tritt eine 35-jährige Frau aus dem benachbarten Hauseingang auf die Straße. Sie geht auf ihr Auto zu und steigt ein. Dabei bemerkt sie nicht, dass sie von einem Mann in einem PKW beobachtet wird. Es ist ihr Ex-Freund, der sich ihr laut eines Gerichtsurteils nicht nähern darf. Er hat ein Messer bei sich. Kurz darauf kommt auch Neubauer aus der Haustür, er geht ebenfalls zu seinem Wagen. Plötzlich hört er einen lauten Knall hinter sich. Als der Mann seinen Wagen schließlich ein Stück zurücksetzt, aussteigt und auf das jetzt ziemlich eingedellte Auto zugeht, glaubt Neubauer, dass er sich den Schaden ansehen will. Doch der Mann rüttelt an der Fahrertür. Durch den Aufprall klemmt die Tür, sie lässt sich nicht öffnen. Die Beifahrerseite des Autos der 35-Jährigen ist an ein nebenstehendes Auto gedrückt worden. Im Inneren des Wagens sitzt das verängstigte Opfer. Es ist auf den Beifahrersitz geflüchtet. Hier kommt der Täter nicht ran. Neubauer beobachtet, wie der Täter zurück zu seinem Wagen geht und schließlich mit einem faustgroßen Stein die Scheibe der Fahrertür am Auto der Frau einschlägt. Sie schreit panisch um Hilfe. Noch bevor Neubauer reagieren kann, hängt der Täter bereits mit dem Oberkörper im Wageninneren und sticht auf die Frau ein. Neubauer reagiert ohne zu zögern: Er brüllt los, sprintet auf den Täter zu, packt ihn von hinten und kann ihn aus dem Wagen zerren. Neubauer ruft um Hilfe. Glücklicherweise ist seine Familie aufmerksam geworden und ruft die Polizei und Rettungskräfte. Der Täter leistet keinen Widerstand mehr und Neubauer wird von drei herbeistürmenden Anwohnern unterstützt. Feuerwehrleuten gelingt es, die blutüberströmte Frau aus ihrem Auto zu befreien, die dank des couragierten Auftretens von Jörg Neubauer schwerverletzt überlebt. Durch die Einstichverletzungen verliert sie eine Niere und muss sich etlichen Notoperationen unterziehen. Bis heute ist sie in stationärer Behandlung und leidet stark unter den Folgen dieses Angriffes. Der Täter wurde Anfang 2018 am Heilbronner Landgericht zu 13 Jahren Haft verurteilt und in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Begründung der Jury

Jörg Neubauer hat auf vorbildliche Weise reagiert, als er unvermittelt zum Zeugen einer brutalen Gewalttat wurde. Am helllichten Tag und mitten auf der Straße versuchte ein Mann, seine Ex-Partnerin zu töten. Nach einem Moment der Irritation wurde Jörg Neubauer bewusst, dass das Opfer in akuter Lebensgefahr schwebte und dass keine Zeit mehr blieb, um Hilfe zu holen. Spontan und selbstlos zog er den mit einem Messer bewaffneten Angreifer von seinem bereits lebensgefährlich verletzten Opfer weg. Durch lautes Rufen machte Jörg Neubauer auf sich aufmerksam, er konnte sich somit Unterstützung verschaffen und dafür sorgen, dass die Polizei benachrichtigt wurde. Dank Jörg Neubauer konnte der Täter festgenommen und verurteilt werden. Das Opfer überlebte trotz schwerster Verletzungen. Die Jury spricht Jörg Neubauer ihren größten Respekt aus.

 

"Außer mir hätte niemand eingreifen können"
Interview mit Jörg Neubauer

Hatten Sie keine Angst um Ihr eigenes Leben?

Ich hatte keine Angst. Ich habe das Messer, das er in der Hand hatte, gar nicht registriert. Das habe ich erst später gesehen. Ich wusste, dass ich im Vorteil war, weil ich ihn überraschen konnte, und er hat mich auch tatsächlich nicht kommen gehört. Groß darüber nachgedacht habe ich nicht. Wenn ich das Messer gesehen hätte, hätte ich vielleicht meine Tasche mitgenommen, um mich verteidigen und schützen zu können.

Was haben Sie gefühlt, als sich die Situation etwas beruhigt hatte? Wie ging es dann weiter?

Nachdem sich alles etwas beruhigt hatte, bin ich von der Polizei vernommen worden und danach bin ich wie gewohnt zur Arbeit gegangen. Ich dachte, dass mir Ablenkung nach so einem ereignisreichen Morgen sicherlich gut tut. Das Opfer wurde dann auch direkt notoperiert und lag anschließend zweieinhalb Wochen im Koma.

Hat sich in Ihrem Leben seit dem Vorfall etwas verändert?

Nicht wirklich. Vielleicht bin ich etwas aufmerksamer geworden.

Waren in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

Außer mir war sonst niemand in der Umgebung, der hätte eingreifen können. Ein 80-jähriger Nachbar vom Nachbareingang stand im Vorgarten. Er hätte den Täter aber sicherlich nicht überwältigen können.

Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Frau?

Sie hat sich über ihre Anwältin bei mir vorab bedankt. Sie wollte sich auch nochmal persönlich bei mir melden, aber sie ist immer noch in Behandlung.

Wie denken Sie im Nachhinein über ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

Ich würde wieder genauso handeln. Je nachdem, wie ich die Situation einschätzen kann, würde ich die Polizei rufen oder selber eingreifen. Es kommt natürlich auf die Situation an, aber dass ich etwas tun würde, steht fest.

Wie hat Ihr Umfeld auf ihr Eingreifen reagiert?

Alle waren erstaunt über meine Reaktion und haben mir auch ihren Respekt ausgesprochen.

Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

Ich freue mich auf die Preisverleihung, meine Frau wird mich begleiten. Ich bin aber allgemein eher der ruhigere Typ und lasse das alles auf mich zukommen.

Statements der Paten 2018: Johanna Polley, Katrin Jaehne und Ludwig Blochberger

Johanna Polley:
Wenn jemand in eine schlimme Situation geraten ist, bleibt oft nicht viel übrig, als auf die Hilfsbereitschaft anderer zu hoffen. Die Menschen, die mit dem XY-Preis ausgezeichnet werden, haben bewiesen, dass ihnen das Wohl anderer Menschen ebenso wichtig ist wie das eigene. Sie haben sich für andere eingesetzt, sie gerettet, manche haben sich dafür in Gefahr begeben. Das ist und war nie selbstverständlich, bewundernswert ist es umso mehr. Es gibt diesen Moment, in dem man sich entscheiden muss: Gehe ich vorbei, schaue ich zu oder helfe ich. Die Preisträgerinnen und Preisträger haben sich für das Helfen entschieden. Das ehrt sie, macht uns Hoffnung und ist obendrein ein wichtiger Beitrag, unsere Gesellschaft solidarischer zu machen. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihnen.

Katrin Jaehne:
Gerade in der heutigen Zeit wird es immer wichtiger füreinander einzustehen. Und zwar unabhängig von politischer Gesinnung, ethnischer Herkunft, Glauben oder Geschlecht. Zivilcourage fängt schon im Kleinen an, indem man sich mittels Worten für jemanden einsetzt, der in der jeweiligen Situation schwächer ist. Heute werden Menschen geehrt, die sich aus ihrem Kosmos, ihrer Komfortzone, ihrem World Wide Web hinausbegeben und ihre Aufmerksamkeit nach außen lenken, um genau hinzuschauen und damit zu verhindern, dass andere zu Opfern werden.

Ludwig Blochberger:
Eine Gesellschaft braucht couragierte und engagierte Menschen. Menschen, die füreinander einstehen, Rücksicht nehmen, teilen können. Die Zivilcourage ist daher ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie und unseres Zusammenlebens. Das Wort Courage steht für Mut und Beherztheit. Der XY-Preis zeichnet Persönlichkeiten aus, die Mut aufgebracht und Zivilcourage bewiesen haben, indem sie in Not geratenen Menschen zur Seite standen und sich gegen das Unrecht einsetzten. In Zeiten, in denen viele lieber wegschauen und sich nur um ihr eigenes Wohlergehen kümmern, ist der XY-Preis somit ein Mut-Macher, Mahner und Ansporn für uns alle, denn: "Ein Mensch mit Courage ist so gut wie eine Mehrheit." (A. Jackson).

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