ZDFzeit: Tödliche Grenze - Der Schütze und sein Opfer

Dokumentation

Im Dezember 1979 endet die Flucht von zwei fünfzehnjährigen Schülern aus der DDR zwischen den Grenzzäunen bei Sorge im Harz. Heiko Runge stirbt durch einen Schuss in den Rücken, Uwe Fleischhauer wird festgenommen. Die Stasi vertuscht den Zwischenfall. - Erstmals brechen ehemalige Grenzsoldaten ihr Schweigen und auch Uwe Fleischhauer hat sich entschlossen über die damaligen Ereignisse zu reden.

 

Foto: Uwe Fleischhauer (Leon Virgenz) und Heiko Runge (Aaron Köbsch) wollen aus der DDR fliehen.

  • ZDF, Dienstag, 15. September 2015, 20.15 Uhr

Texte

Vorbemerkung von Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte

Wir feiern in diesem Jahr 25 Jahre deutsche Einheit. Eine ganze Generation hat die Zeit nicht mehr erlebt, in der Deutschland geteilt war, und auf welche Weise: durch Stacheldraht und Todesstreifen. Auch daran gilt es zu erinnern, an die gemeinsame, aber auch die gespaltene Geschichte, die in Einzelschicksalen besonders spürbar zum Ausdruck kommt.

Stab und Besetzung

Dienstag, 15. September 2015, 20.15 Uhr
ZDFzeit: Tödliche Grenze – Der Schütze und sein Opfer
Dokumentation

Buch                                  Thomas Gaevert, Volker Schmidt-Sondermann
Regie                                 Volker Schmidt-Sondermann
Wissenschaftliche
Fachberatung                     Dr. Jochen Maurer
Kamera                              Alexander Hein, Stefan Urlaß
Schnitt                               Olaf Frackmann
Kostüm                              Alexandra Ulrich
Maske                                Juliane Brummund
Ausstattung                        Claudia Ulrich
Musik                                  Mathias Rehfeldt
Sprecher                            Thomas Arnold
Producer                            Christine Haupt, IFAGE
Produzent                          Andrea Haas-Blenske, IFAGE
Produktion                         Caroline Marinoff
Redaktion                          Stefan Mausbach
Leitung                              Stefan Brauburger

Die Rollen und ihre Darsteller:
Heiko Runge                      Aaron Köbsch
Uwe Fleischhauer                Leon Virgenz
Karsten Wolf                      Brian Völkner
Jürgen Albrecht                   Paul Simon
Major Helmut Piotrowski     Frank Sieckel

Inhalt

Am 8. Dezember 1979 beschließen zwei fünfzehnjährige Schüler aus Halle die Flucht aus der DDR. Heimlich verschwinden Heiko Runge und Uwe Fleischhauer von zu Hause, um sich in den Harz durchzuschlagen. Dort wollen sie über die innerdeutsche Grenze flüchten. Doch anstatt die Bundesrepublik zu erreichen, endet ihre Flucht zwischen den Grenzzäunen. Zwei Soldaten nehmen die Jungen unter gezieltes Feuer, so wie es von ihrem Kompaniechef, einem berüchtigten Scharfmacher, immer wieder befohlen wurde. Heiko Runge stirbt durch einen Schuss in den Rücken, Uwe Fleischhauer überlebt unverletzt und wird festgenommen.

Als die vorgesetzten Offiziere am Tatort eintreffen, um die "Grenzverletzer" persönlich in Augenschein zu nehmen, wird ihnen sofort die Brisanz dieses Vorfalls klar: Nur um die Unverletzlichkeit der Grenze zu garantieren, hat man auf zwei Jugendliche geschossen. Um einen öffentlichen Skandal, der das internationale Ansehen der DDR weiter beschädigen würde, zu verhindern, übernimmt die Stasi die Regie. Ihr Auftrag lautet, die wahren Umstände von Heiko Runges tragischem Tod zu verschleiern. Doch dazu müssen nicht nur die beiden Grenzschützen zum Schweigen gebracht werden. Es folgt ein ganzer Maßnahmenplan, der von der Stasi akribisch vorbereitet worden ist: Urkunden werden gefälscht, Akten manipuliert und Zeugenaussagen frisiert. Auch die Mutter des erschossenen Jungen wird eingeschüchtert und selbst Heikos Beerdigung muss geheim gehalten werden, um Mitschüler und Freunde auszuschließen.

Bis zum Ende der DDR kamen mindestens 13 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren bei Fluchtversuchen an der innerdeutschen Grenze ums Leben. Heiko Runges Geschichte steht exemplarisch für diese Fälle. Doch wie war es möglich, dass aus unbescholtenen jungen DDR-Bürgern, die ihren Grundwehrdienst an der Grenze verrichten mussten, Todesschützen wurden?

Neben der Rekonstruktion der damaligen Vorgänge erkundet der Film die psychologisch-menschliche Dimension, die hinter den tragischen Ereignissen an der Grenze im Harz steht. Dabei wird deutlich: Der "Schießbefehl" allein erklärt nicht, weshalb Heiko Runge sterben musste. Viele der ehemaligen DDR-Grenzsoldaten haben den Konflikt, in dem sie sich damals als zwanzigjährige junge Männer befanden, bis heute nicht auflösen können. Die Angst, selbst schießen zu müssen, begleitete sie ständig und wurde dennoch jeden Tag aufs Neue verdrängt. Doch was ging in ihnen vor, wenn sie tatsächlich auf Flüchtlinge trafen, die im Sprachjargon der DDR als gefährliche "Grenzverletzer" galten? Was passierte, wenn die ohnehin schon angespannte Situation in den einzelnen Grenzabschnitten durch verantwortungslose Vorgesetzte und politische Scharfmacher noch zusätzlich angeheizt wurde?

Erstmals brechen ehemalige Soldaten und Offiziere der 7. Grenzkompanie Sorge das Schweigen und berichten nicht nur über ihre eigene Dienstzeit, sondern auch über die Umstände, die aus ihrer Sicht zum Tod von Heiko Runge führten. Zu den im Film zu Wort kommenden Zeitzeugen gehört auch ein Hauptfeldwebel, der – um die Flucht eines russischen Soldaten zu stoppen – wenig später selber zum Todesschützen wurde.

Auch Uwe Fleischhauer, der damals überlebende Jugendliche, hat sich entschlossen, noch einmal über die damaligen Ereignisse zu reden. Das Trauma um den tragisch gescheiterten Fluchtversuch prägt ihn bis heute. Für den Film besuchte er erstmals wieder jenen Ort, an dem sein Freund Heiko vor über drei Jahrzehnten starb.

Zitate von Zeitzeugen

Uwe Fleischhauer, damals 15jähriger Schüler aus Halle-Neustadt
Über sein Fluchtmotiv:
"Die Lehrerin hat gesagt, du schaffst die Prüfung sowieso nicht, wenn du so weitermachst. Und irgendwann habe ich dann gesagt: Leckt mich doch am Arsch, dann hau ich eben ab."

Über den Harz:
"Ich war irgendwann in der Kindheit mit meinen Eltern im Harz im Urlaub. Und wir sind da auch mit dieser Harzquerbahn gefahren. An der Grenze entlang. Stellenweise sah man ja auch die Grenze direkt."

Über die Flucht mit seinem Freund Heiko Runge
"Da kam irgendwann ein Schild: Sperrgebiet, betreten verboten. Da mussten wir rein und sind relativ locker weiter gen Westen gegangen. (…)
Irgendwann standen wir vor dem ersten Zaun. Und ich war der Meinung, wenn wir diesen Zaun durchqueren können, hätten wir das Schlimmste geschafft.(…)
Da waren Plaste-Ösen befestigt an den Pfosten. Die konnte man losdrücken und sich einen Durchgang verschaffen."

 

Andreas Schlick, ehemaliger DDR-Grenzsoldat:
"Manchmal war in der Nacht bis zu 15mal Alarm. Wir sind nicht zum Schlafen gekommen. Gerade in den Herbsttagen oder kurz vor Winter, haben die Hirsche und die Rehe verrückt gespielt. Die sind mühelos über so einen Signalzaun, der ja fast drei Meter hoch ist, hinweggesprungen. (…)
Der Gedanke immer im Hinterkopf: Wie lange hältst du den Stress in dieser Kompanie aus? Lässt dich demütigen, hast eine scharfe Waffe, hast die Grenze vor der Hand. Was hindert dich eigentlich daran, 20 Meter weiter zu laufen und ein freies Leben zu beginnen?"

 

Uwe Fleischhauer, damals auf der Flucht mit seinem Freund Heiko Runge
Über den Todesschuss:
"Es hieß ja immer, dass irgendwo Minen sind. Davor hatten wir Angst, denn Minen sind im Boden, die siehst du nicht: Trittst du drauf, bist du tot. (…)
Und dann hörte ich dieses Durchladen einer Waffe. (…)
Ich lag ja. Heiko muss wohl auf dem Absatz kehrt gemacht haben und zurückgerannt sein. Denn kurz bevor es geschah, war er noch knapp einen Meter neben mir. Er wurde aber ein ganzes Stück hinter mir gefunden. Also muss er schon ein Stück zurückgelegt haben, bevor er getroffen wurde."

 

Inge Runge, Heikos Mutter
"Ich fragte: 'Wie ist es denn passiert?' Und da sagten sie nur zu mir: 'Ihr Junge ist in die Nähe einer militärischen Anlage gekommen und hat dabei einen Unfall erlitten.' Das war alles. Ich sage: 'Wie ist das möglich? Wenn sie mehr wissen, sagen sie es mir doch.' – 'Mehr kann ich Ihnen nicht sagen und außerdem', und damit brachen sie das Gespräch ab, 'hören Sie auf zu heulen. Sie haben vielleicht einen Vaterlandsverräter geboren.'"

 

Eberhardt Otto, ehemaliger DDR-Grenzsoldat
Über die Kameraden, die auf Heiko Runge schossen:
"Nach dem Vorfall ist der eine total zusammengebrochen. Der hat am ganzen Körper gezittert, war total fertig, nervlich ein Wrack. (…) Der andere war ruhig, in sich gekehrt. Aber er hat darüber geredet, obwohl verboten war, darüber zu reden. Aber irgendwo mussten sie ja ein Ventil lösen.

Über das Grenzsystem und den Druck auf die Soldaten
"Wenn ich danebengeschossen und man mir das nachgewiesen hätte, wäre ich weg gewesen – erst ins Bataillon, Regiment, und dann ab in den Knast. (…)
Das ganze System, wurde aufgebaut, um die Leute hier zu behalten und nicht, wie gesagt wurde, als Schutz, damit die vom Westen nicht hierher kamen. Das war totaler Irrsinn. Das war Fanatismus von Generälen, von Offizieren."

 

Harald Quart, ehemaliger DDR-Grenzsoldat
"Dass sie neunzehnjährige Bengels einziehen, ihnen die Knarre in die Hand drücken, das war in meinen Augen das größte Verbrechen. Wir haben doch mit 19 Jahren noch keine Lebenserfahrung gehabt. Wir haben doch teilweise nicht gewusst, was wir machen."

 

Uwe Fleischhauer, dessen Freund Heiko Runge bei der Flucht gestorben ist
Über seine Schuldgefühle:
"Klar habe ich Schuldgefühle gehabt. Habe ich heute noch. (…)
Ohne mich wäre er nie auf die Idee gekommen. Vielleicht hätte er irgendwelchen andern Mist gebaut, aber nicht mit der Konsequenz. (…)
"Man vergisst es nicht. Man versucht es zu vergessen, aber man vergisst es nicht."

Über die DDR
"Es war alles so sinnlos, dieses ganze Regime hier. Dieser ganze Wahnsinn, den sie hier aufgebaut haben, war so sinnlos. Wofür? Kinder zu erschießen? Menschen, die einfach bloß raus wollen? Wofür?"

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