Copyright: ZDF / Christoph Kuchinke
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Alles auf eine Karte - Der Wettlauf um den Impfstoff

ZDF-zeit-Dokumentation

Zu Beginn der Corona-Pandemie schätzten Experten, dass der Weg zu einem erfolgreichen Impfstoff selbst mit Notfallzulassungen mindestens drei Jahre erfordert. Der Mediziner und Unternehmer Uğur Şahin und seine Frau Özlem Türeci brauchten dafür nicht einmal ein Jahr. Der Film von Christina Gantner widmet sich dem rasanten Wettlauf zwischen BioNTech und CureVac um ein Vakzin gegen COVID-19.

  • ZDF, Dienstag, 2. November, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Montag, 1. November 2021, 10.00 Uhr bis Sonntag, 1. Novemver 2026

    Texte

    Stab und Inhalt

    Dienstag, 2. November, 20.15 Uhr
    ZDFmediathek: Montag, 1. November 2021, 10.00 Uhr bis Sonntag, 1. Novemver 2026
    Alles auf eine Karte - Der Wettlauf um den Impfstoff
    ZDFzeit-Dokumentation

    Buch und Regie_____Christina Gantner
    Kamera_____Markus Müller, Christian Trieloff, Nikolai Trawinski
    Schnitt_____ Franziska Menz
    Grafik_____John-Christian Kultzscher
    Produktion_____ZDF: Carola Ulrich, Philipp Müller; ndf Entertainment: Benjamin Frank, Julia Brahmst
    Producerin_____Annette von Donop
    Produzent_____René Carl
    Redaktion_____Stefan Mausbach
    Leitung_____Stefan Brauburger
    Sendelänge___circa 44 Minuten

    ZDF-Auftragsproduktion der ndf Entertainment

    Inhalt
    Meist dauert die Entwicklung eines Impfstoffs länger als zehn Jahre. Dass der Mediziner und Unternehmer Uğur Şahin und seine Frau Özlem Türeci dafür nicht mal ein Jahr benötigen, hat die ganze Welt verblüfft . Das Ehepaar mit türkischen Wurzeln und ihr Mainzer Unternehmen BioNTech haben damit einer erfolgversprechenden Bekämpfung der Pandemie den Weg geebnet.

    Doch nicht allein, es gibt auch Konkurrenz wie Moderna oder AstraZeneca - und nicht nur im Ausland. Nur etwa 250 Kilometer südlich von Mainz befindet sich in Tübingen die Zentrale von CureVac. Das Pharmaunternehmen setzt ebenso wie BioNTech auf die mRNA-Technologie. Alles beginnt am 24. Januar 2020. Es ist ein Schicksalstag, jener Moment, in dem gleich zwei deutsche Biotechnologie-Pioniere die Gefährlichkeit des neuen Coronavirus erkennen. Ingmar Hoerr hat CureVac mit anderen Forschern im Jahr 2000 gegründet, nachdem er während seiner Doktorarbeit als einer der ersten feststellte: mRNA lässt sich als Impfstoff-Basis verwenden. Wie Türeci und Şahin von BioNTech setzt nun auch er alle Hebel in Bewegung, um mit seinem Team noch 2020 einen Impfstoff auf dieser Grundlage zu entwickeln. Dann kam alles anders.
    Wie sich die dramatische Story der schnellsten Impfstoff-Entwicklung in der Geschichte und der Wettlauf der beiden Konkurrenten abspielte, wird in dem Film von den Impfstoff-Entwicklern selbst erzählt – von Özlem Türeci, Uğur Şahin und Ingmar Hoerr. Eingeordnet werden die Schilderungen von Wegbegleitern wie der berühmten mRNA-Forscherin Katalin Karikó, dem BioNTech-Vorstand Sean Marett sowie dem ehemaligen CureVac-Finanzvorstand Wolfgang Klein. Zudem kommen Experten aus Medizin, Politik und Wirtschaft zu Wort, darunter Forschungsministerin Anja Karliczek, Wirtschaftswissenschaftler Daniel Gros, der Mediziner Clemens Wendtner und der Psychologe Stephan Grünewald. Der Film blickt auf entscheidende Momente auf dem Weg zum Durchbruch. Was verschaffte am Ende den Vorteil im Rennen um den ersten COVID-19-Impfstoff? Die wichtigsten Etappen werden anhand von Reenactments rekonstruiert, das wissenschaftliche Vorgehen mithilfe von grafischen Darstellungen verdeutlicht.

    Zitate aus dem Film von Uğur Şahin, Özlem Türeci und Ingmar Hoerr

    Ende Januar 2020 erkennen die Gründer von BioNTech, Özlem Türeci und Uğur Şahin, welche Gefahr vom neuartigen Virus ausgeht.

    Uğur Şahin: "Es war klar, je mehr Daten, je mehr Information man zusammengeholt hat, das wird auf eine Pandemie hinauslaufen und dass es wahrscheinlich bereits im März, April in Europa so weit sein wird, dass man die Schulen schließen muss. Ich bin davon ausgegangen, dass die Maßnahmen nicht geeignet sein werden, um die Pandemie einzudämmen, weil diese Komponente, dass Patienten ohne Symptome reisen können und diese Erkrankung global verteilen können, ein ganz wichtiges Kriterium ist für die Problematik."

    Özlem Türeci: "Ugur hat gesehen, dass wir mit unserer mRNA-Technologie, die zu dem Zeitpunkt ja schon ausgereift war, ein Immunantwort-Muster erwirken könnten, dass sie gerade bei diesem Virus unter Umständen protektiv gegen die Erkrankungen, vielleicht auch gegen die Infektion sein wird. Wir hatten die Technologie ja schon in hunderten von Krebspatienten in klinischen Studien gehabt."

    BioNTech ist nicht die einzige deutsche Firma, die an mRNA-Impfstoffen forscht. Ingmar Hoerr, der Gründer der Firma CureVac mit Sitz in Tübingen entdeckte schon 1999, welches Potential in der mRNA steckt:

    Ingmar Hoerr:"Wir hatten ja lange Zeit Erfahrungen im Bereich der Impfstoffentwicklung, auch über Polio. Mir war klar, dass wir wirklich die Sache entwickeln können und da was machen können. (…)
    Ich weiß noch, dass wir alle unter einer Riesenanspannung standen und dass wir wirklich gesagt haben: Wir müssen jetzt unbedingt alles umsetzen. Wir müssen Programme einstampfen. Wir haben auch Krebstherapien gemacht. Das muss alles in den Hintergrund. Wir müssen jetzt voll und ganz auf Corona gehen."

    Uğur Şahin und sein Team haben in nur wenigen Wochen unterschiedliche Kandidaten für einen potentiellen Impfstoff gegen Covid 19 entwickelt. Doch um sie am Menschen zu testen, brauchen sie die Genehmigung des Bundesinstituts für Impfstoffe in Deutschland, des Paul-Ehrlich-Instituts.

    Uğur Şahin: "Üblicherweise ist es so, wenn man ein neues Projekt anfängt, fragt man beim Paul-Ehrlich-Institut nach einem Termin und dann kriegt man nach circa drei bis vier Monaten einen, bei dem man das Projekt vorstellen kann und vorstellen kann, wie man es umsetzen möchte."

    Özlem Türeci: "Das Zusammenstellen der Daten, das normalerweise dauert, wurde ad hoc gemacht. Die Leute haben dann nachts gearbeitet und haben ihre Tabellen zusammengestellt oder am Wochenende. Jedes Mal, wenn wir Daten hatten, haben wir die geliefert."

    Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts: "Unser Part ist zu gewährleisten, dass die Impfstoffe sicher und wirksam sind und dass der Nutzen weit gegenüber den Risiken überwiegt. Wir beginnen ganz früh und wir begleiten die ganze Phase der Impfstoff-Entwicklung."

    Am 8. November 2020 erreicht die erlösende Nachricht vom Ergebnis der großen Wirksamkeitsstudie mit über 40.000 Probanden Uğur Şahin.

    Uğur Şahin: "Wenn die Daten gesagt hätten, dass die Studie negativ ist, dann wäre im Prinzip die gesamte Investition, diese 10 Monate, die wir in das Projekt gesetzt haben, alles umsonst gewesen. (…) Der Chef von Pfizer, Herr Albert Bourla hat mich dann am Abend angerufen, in dem Augenblick, wo er die Daten erfahren hat. (…) Wir hatten 95 Prozent Impfwirkung! In diesem Datensatz. Und das war natürlich ein Ergebnis, welches nicht nur uns, sondern die ganze Welt bewegt hat."

    Ingmar Hoerr: "Unheimlich toll. Also obwohl es ja jetzt Konkurrenz von uns war, habe ich mich trotzdem wahnsinnig gefreut, weil es ging echt um die Technologie."

    Ein halbes Jahr später, im Juni 2021, erfährt die ganze Welt: Der Impfstoff von CureVac liegt mit nur 47% Wirksamkeit weit hinter der von BioNTech.

    Wolfgang Klein, ehemaliger Finanzchef von CureVac: "Für alle Beteiligten ärgerlich. Aber auch zu erwarten, dass es passiert. Medikamentenentwicklung, das ist nicht Straßenbau. Man entscheidet nicht, wir machen jetzt eine Straße von A nach B. Man kennt den geologischen Untergrund. Weiß, das müsste klappen, dann kann man planen. Das ist Forschung und Entwicklung – da werden eben genau Dinge gemacht, die man nicht vorher weiß. Passiert zum ersten Mal – das ist ergebnisoffen."

    Ist das Erfolgsrezept auf andere Medikamenten-Entwicklungen übertragbar?

    Uğur Şahin: "Wenn alle mitmachen, wenn alle zusammenarbeiten, können Dinge sehr viel schneller erfolgen. Medikamente sehr viel schneller entwickelt werden. Das ist sicherlich eine Erkenntnis, die ganz, ganz wichtig ist und wo wir uns heute die Frage stellen müssen: Gibt es andere Medikamentenentwicklungen, die wir schneller machen können. Warum dauert Krebsmedikamentenentwicklung, fünf, sechs, sieben, acht Jahre? Können wir das vielleicht in zwei, drei Jahren machen. Da würde ich mir eine Diskussion wünschen."

    Ein Impfstoff-Wunder?
    Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

    Mit Wundern ist das so eine Sache. Gerne nimmt man den Begriff in Anspruch, wenn sich große Dinge ereignen, die sich der menschlichen Vorstellungskraft entziehen – wenn auch bisweilen nur vorübergehend. Da gelingt es einem vergleichsweise kleinen Pharma-Unternehmen während einer der schlimmsten Pandemien seit hundert Jahren innerhalb von knapp einem Jahr einen Wirkstoff zu entwickeln, für dessen Herstellung ansonsten weit mehr als zehn Jahre benötigt werden. Wer dann genauer hinter die Kulissen blickt, die Akteure, die kurze Entstehungsgeschichte, die zentralen Entscheidungen in Augenschein nimmt, bleibt dann zwar immer noch maximal erstaunt, aber das Wundersame erscheint zumindest erklärlicher, die Zutaten für die Zauberformel zum schnellen Impfstoff erkennbarer: Wissenschaftliches Know-how, bestens qualifizierte Woman- und Manpower, hohes Tempo und Entschlossenheit, große Risikobereitschaft, internationale Vernetzung und Zugang zu Milliarden-Summen, sicher aber auch eine gute Portion Fortune. All das spielte beim Sieg von BioNTech im Wettlauf um das rettende Vakzin eine entscheidende Rolle. Und dennoch schwebte Monate lang das Damoklesschwert des Scheiterns über dem Covid 19-Impfstoff-Projekt, bis ein Telefonanruf aus Amerika beim Gründer-Ehepaar im November 2020 die Erlösung brachte: Der Impfstoff wirkt zu über 90 Prozent.

    Dass es auch ganz anders kommen kann, zeigt das Beispiel CureVac, der zweite deutschen Teilnehmer im Rennen. Auch hier gab es im Grunde Rahmenbedingungen, die zum Erfolg hätten führen können, aber ein persönlicher Schicksalsschlag auf der Führungsebene, anfängliche Finanzprobleme, letztlich aber auch die Zusammensetzung des Impfstoffs warfen den Mitbewerber immer wieder zurück. Es zeigt sich hier besonders deutlich, wie schmal der Grat zwischen Gewinnen und Verlieren in einem solchen Wettlauf sein kann.

    Dass nun weltweit gleich mehrere Impfstoffe verfügbar sind, ist Glück im Unglück. Und die Staaten, aber auch internationale Organisationen und Gemeinschaften wie die EU müssen sich fragen lassen, welche Rolle sie denn dabei gespielt haben, den Weg zum Ziel mit zu ebnen. Wo haben sie die Initiative ergriffen, Risiken übernommen, großzügig gefördert? Da gibt es einige positive Momente aber auch viele Fehlanzeigen.

    Und als sich der Erfolg einstellte, die mRNA Impfstoffe die Zulassung erhielten, kam bald schon die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit auf. Wo liegt die angemessene Balance zwischen den legitimen Gewinninteressen von Pharma-Unternehmen, die enorme finanzielle Vorleistungen zu erbringen haben und auch weiter in die Forschung investieren wollen, und den Bedürftigen in aller Welt, die so schnell wie möglich eine Impfungbrauchen?

    Hier Gerechtigkeit herzustellen, ist in erster Linie eine politische und weniger eine unternehmerische Aufgabe. Vor allem reichere Staaten und einflussreiche internationale Organisationen haben die Chance, nicht nur Ziele zu setzen, sondern auch selbst finanzielle Mittel und Möglichkeiten zu mobilisieren, um hier mehr Ausgleich zu schaffen. Die Impfstofferzeuger sind dennoch gefordert, sich selbst zu prüfen, welcher Preis in welcher Weltregion wirklich der angemessene ist und wie sie die Menschheit an ihrem Erfolg beteiligen können.

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    Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
    E-Mail: krebs.b@zdf.de
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