Copyright: ZDF / Stefan Erhard
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Angst - Der Feind in meinem Haus

Psychothriller nach dem Roman "Angst" von Dirk Kurbjuweit

Im "Fernsehfilm der Woche" nach dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Autor und Journalist Dirk Kurbjuweit führt die stetig wachsende Bedrohung durch einen Stalker eine Familie, die eigentlich an den Rechtsstaat glaubt, beinahe in den Wahnsinn. Das Perfide: Der Stalker wohnt im selben Haus und hört alles mit. Familienvater Randolph Tiefenthaler spielt Heino Ferch, seine Frau Rebecca Anja Kling.

  • ZDF, Montag, 16. Oktober 2017, 20.15 Uhr

Texte

Stab, Besetzung, Inhalt

Montag, 16. Oktober 2017, 20.15 Uhr
Der Fernsehfilm der Woche
Angst – Der Feind in meinem Haus
Psychothriller nach dem Roman "Angst" von Dirk Kurbjuweit

Drehbuch_____Dirk Kurbjuweit
Regie_____Thomas Berger
Kamera            _____Frank Küpper
Szenenbild_____Benedikt Herforth
Kostüm_____Natascha Curtius-Noss
Musik_____Christoph Zirngibl
Casting_____Rebecca Gerling
Montage_____Lucas Seeberger
Produktionsleitung_____Andrea Bockelmann
Herstellungsleitung_____Roger Daute
Produzenten_____Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge
Produktion_____Network Movie, Hamburg
Redaktion_____Daniel Blum
Länge_____ca. 90 Min.

Die Rollen und ihre Darsteller
Randolph Tiefenthaler_____Heino Ferch
Rebecca Tiefenthaler_____Anja Kling
Dieter Tiberius_____Udo Samel
Hermann Tiefenthaler_____Dietrich Hollinderbäumer
Sebastian_____Hary Prinz
Anwältin_____Sandra Borgmann
Richterin_____Lena Stolze
Klaus Tiberius_____Gustav Peter Wöhler
u.a.

 

Inhalt

Randolph Tiefenthaler (Heino Ferch) und seine Frau Rebecca (Anja Kling) ziehen mit ihren beiden Kindern in eine schöne Stadtvilla aus der Gründerzeit. Bedingung für den Kauf des Hauses war, dass Herr Tiberius (Udo Samel), der Bruder des ehemaligen Besitzers, weiterhin im Souterrain wohnt. Aus anfänglich netten Aufmerksamkeiten des älteren Herrn wird schnell übergriffiges Verhalten. Tiberius belästigt erst Rebecca und stalkt schließlich die ganze Familie. Er behauptet sogar gegenüber der Polizei, die Kinder würden von den Eltern sexuell missbraucht.
"My Home is my Castle" heißt es, aber diese Familie hat keinen Raum mehr, in den sie sich zurückziehen kann. Das Schreckliche für die Eltern ist ihre eigene Hilflosigkeit, denn sie wissen sich nicht wirklich zu wehren gegen den Nachbarn im Souterrain. Bei den Tiefenthalers liegen die Nerven blank, statt Alltag herrscht nur noch Angst. Doch weder von der Polizei noch von einer Anwältin ist Unterstützung zu erwarten. Da bietet Hermann Tiefenthaler (Dietrich Hollinderbäumer), Polizist in Pension, seinem Sohn Hilfe an.

Wie hätte ich gehandelt?
Statement von Regisseur Thomas Berger

Die Geschichte klingt alltäglich. Eine Familie findet ihre Wunschimmobilie, richtet sich liebevoll im neuen Zuhause ein. Ihrem Glück steht nichts mehr im Wege. Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Der Nachbar, mit dem sie dieses Zuhause teilen müssen, wird zu einer existentiellen Bedrohung. Am Ende lebt die Familie in unserer Geschichte in Angst – Tag und Nacht. Sucht verzweifelt nach einem Ausweg. Niemand will helfen. Kann helfen. Auch der Rechtsstaat nicht. Weil die eigenen Gesetze ihn fesseln. Bleibt jetzt nur noch der eine Ausweg: Das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen?

Dirk Kurbjuweit hat diese Geschichte am eigenen Leib erlebt. Er hat in seinem gleichnamigen Roman die Angstspirale minutiös nachgezeichnet. Er stellt die moralischen und ethischen Vorstellungen seiner Hautfiguren auf eine harte Probe und lässt uns an deren Verfall teilhaben. -  Wie hättest Du gehandelt? Diese Frage steht unsichtbar unter jeder Seite, die Kurbjuweit geschrieben hat.

Dieser literarischen Reise in dem Abgrund ein filmisches Gesicht zu geben, alltägliche Geschehnisse zu einer fühlbaren Bedrohung heranreifen zu lassen, den Zuschauer so nah an die Hauptfiguren heranzuführen, dass er ihr Ängste und Verzweiflung teilen muss, das war die besondere Herausforderung dieser Verfilmung.

Wie hätte ich gehandelt? Das haben sich alle Beteiligten gefragt. Vor und hinter der Kamera. Ich denke, der Zuschauer wird das auch tun.

Interview mit Roman- und Drehbuchautor Dirk Kurbjuweit

Herr Kurbjuweit, Sie haben die Geschichte, die Sie im Roman schildern, selbst erlebt. Das Buch, wie auch das Drehbuch, tragen zu Teilen autobiographische Züge. Wie war es für Sie am Set, Heino Ferch zu treffen und später den fertigen Film zu sehen?

Ich habe Heino Ferch gefragt, wie es sich anfühlt, Randolph Tiefenthaler zu sein. Er sagte, es würde ihn schon auch bedrängen. Das erinnerte mich an mein Gefühl von damals: Die Angst, die Sorge um meine Familie, hat mich jede Sekunde meines Lebens begleitet. Es ist ein großes Wort, aber wir haben es damals als Hölle erlebt: Ja, wir sind ein paar Monate durch die Hölle gegangen. Es ist lang her. Es ist gut jetzt.

Die Figur Tiefenthaler hadert mit ihrem Männerbild. Wie dünn ist der Firnis, der die Zivilisation schützt?

Die Rollenverteilung wird sofort archaisch: Die Erwartung an mich selbst, aber auch die meiner Umgebung war, dass der Mann das Problem löst. Der Mann ist dann sofort in der Rolle des Kriegers, soll den Krieg annehmen, den Krieg führen und eben auch gewinnen. Eine Demokratie sollte aber postheroisch sein. So dass wir Männer gefälligst keine Krieger zu sein haben, auch wenn es vielleicht immer noch in uns steckt. Das war für mich persönlich ein schwer auszuhaltender Konflikt. Ich habe immer weiter versucht, es zivil zu lösen, und dem Rechtsstaat zu vertrauen, obwohl er mich lange enttäuscht hat. Aber es hat dann doch geklappt: Ich musste nicht Krieger werden, worüber ich heute wahnsinnig froh bin. Selbstjustiz ist keine Möglichkeit für mich.

Das Gewaltmonopol, schreiben Sie auch in ihrem Roman, überlassen wir im Normalfall den Behörden. Dafür werden wir beschützt, das ist eigentlich der Deal. In "Angst" wird dieser Deal gebrochen. Was wollen Sie beim Zuschauer bewirken? Wollen Sie ihn auf die Probe stellen?

Den Leser des Romans, aber jetzt auch den Zuschauer des Films, möchte ich natürlich schon reizen. Er soll sich Fragen stellen. Der erste Impuls im Fall einer Bedrohung ist ja oft: "So, jetzt schlag ich zurück oder wehre mich mit heftigen Worten." Bei einer ernsten Bedrohung ist man eben auch versucht, ernst zu reagieren, eventuell zur Selbstjustiz zu greifen. Gerade im Zustand der Hilflosigkeit, wenn der Deal mit dem Staat nicht funktioniert und er einen nicht schützt, kommt man leicht in die Versuchung, zu sagen: "Okay, dann schütze ich mich eben selbst. Dann helfe ich mir selbst, eventuell auch mit einer Waffe". Das leuchtet einem einerseits ein: Wenn jemand so bedroht ist – das kennen wir ja auch von Filmen – dass man selbst den Impuls hat: "Jetzt schieß doch, tu doch was, bring ihn um." Das ist aber natürlich genau der Reflex, den wir in der Zivilisation unterdrücken müssen. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass der Rechtsstaat uns hilft. Aber manchmal – und das ist gerade beim Stalking leider der Fall – sind die Gesetze auch unzureichend und der Staat kann uns vielleicht nicht richtig schützen. Dann wird es natürlich wirklich interessant.

Wie können wir denn damit umgehen, wenn die Gesellschaft uns in Notlagen nicht hilft?

Ich finde, dass Zurückhaltung, Selbstzügelung letzten Endes, auch im Fall einer Bedrohung erst einmal der richtige Impuls ist. Ich würde sagen, dass es vielleicht drei Stufen gibt in der Reaktion. Die erste ist natürlich der Selbstschutz, auch die Aggression. Wir werden bedrängt, wir wollen uns wehren. Aber als zivilisierte Menschen sollten wir sagen: Nein. Wir gehen dem nicht nach, wir beherrschen uns. Beherrschung ist sozusagen eine der Grundlagen der Zivilisation. Wir beherrschen uns und hoffen darauf, dass andere uns helfen, die dafür zuständig sind, sprich der Staat mit der Polizei und der Justiz. Das ist die zweite Stufe. Wenn das nicht möglich ist, wäre die dritte Stufe nochmal neu zu überlegen: "Muss ich mir vielleicht doch selbst helfen?". Aber das sind Notfälle, bei denen man direkt entscheiden muss, ob ich mich jetzt wehre oder nicht, weil kein Polizist an der Ecke steht.

Sie schreiben in Ihrem Buch, die Demokratie sieht oft nicht gut aus und trotzdem ist sie das Beste, was wir haben?

Das Problem der Demokratie ist, dass sie nicht schnell ist, weil es so viele Gremien gibt, so viele Beratungen bis sich Parteien geeinigt haben, bis sich eine Gesellschaft über etwas verständigt hat, bis eine Regierung einen Entschluss fasst. Da ist eine Diktatur im Vorteil, sie kann sehr schnell entscheiden. Dadurch wirkt eine Demokratie natürlich erst mal ein bisschen lahm und nicht zupackend. Und eine Demokratie ist immer auch der Menschlichkeit verpflichtet. Das gehört einfach dazu. Am Ende des 18. Jahrhunderts kamen mit der Demokratie in Frankreich und Amerika die Menschenrechte. Das gehört zusammen. Es führt dazu, dass ein demokratischer Staat fast immer maßvoll zurückhaltend ist. Der schlägt nicht sofort zu, sondern berücksichtigt ganz viele Faktoren und vor allem immer auch die Menschlichkeit und die bezieht sich auch auf den Aggressor. Auch mit dem Täter wird menschlich umgegangen. Das macht viele Leute unzufrieden, weil der Reflex ist, zu sagen: "Da greift einer an, sofort in den Knast, Kopf ab!" Aber die Demokratie sagt: "Nein, eben nicht. Wir sind keine Barbarei. Wir halten uns zurück." Am Ende ist das natürlich das bessere Verfahren und sorgt für stabilere Verhältnisse. Diktaturen sind langfristig immer instabil. Nur Demokratien können sich sehr lange halten und deshalb, würde ich sagen, müssen wir das hinnehmen und uns darauf verlassen, dass die Demokratie mittel- und langfristig für alle Fragen auch gute Lösungen findet.

Das Interview führte Claudia Maxelon

Statements von den Schauspielern Heino Ferch, Anja Kling, Dietrich Hollinderbäumer und Udo Samel

Heino Ferch: "Es hilft einem als Schauspieler nicht immer, auch die Romanvorlage zu lesen. In diesem Fall habe ich aber Buch und Drehbuch parallel gelesen. Das Buch ist reines Kopfkino und Kurbjuweit hat dann im Drehbuch nochmal das Thema Stalking konzentriert und die konkreten Reaktionen der Figuren addiert. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie schlicht und einfach Verleumdung funktioniert. Die schiere Behauptung ist in Minutenschnelle in die Welt gebracht. Die Korrektur dieser falschen Behauptung ist ungleich viel schwerer, der Aufwand um ein vielfaches größer. Ist der Vorwurf im Raum, muss man ihn erstmal wieder entfernt bekommen. Dieser Verleumdungsmechanismus – so würde ich das mal nennen – wird häufig gehandhabt.

Der Film stellt ja die Frage: Wie kann ich damit umgehen, wenn jemand mein Leben zerstören will und die Polizei bzw. Judikative mir nicht hilft, ich also den Staatsorganen nicht mehr vertrauen kann. Ich habe dann mehrere Möglichkeiten: Bin ich in den USA, kann ich mir legal eine Waffe besorgen und auf meinem Grundstück in den Busch schießen, in dem der Täter sitzt. Diese Selbstjustiz ist straffrei und der Staat öffnet dafür Tür und Tor. In Europa haben wir jahrhundertelang daran gearbeitet, ein anderes System zu installieren. Das verlangt uns in der unmittelbaren Bedrohung allerdings ein hohes Maß an Geduld ab und ist für die Opfer sehr schwer auszuhalten in der Situation. Letztlich schützt es uns aber alle vor vorschnellen, falschen Verurteilungen."

 

Anja Kling: "Das Perfide an Stalking ist, dass man sich so wenig wehren kann. Man steht mit dem Rücken an der Wand und muss trotzdem erst einmal beweisen, dass man das Opfer ist. Zu sagen "Der Mann stalkt mich" reicht nicht. Rebecca Tiefenthaler und ihr Mann haben alles versucht, was man bei einer solchen Gefahr versuchen kann und haben es dennoch nicht geschafft. Der Rechtsstaat ist nicht so schnell auf der Seite des Opfers, wie er es vielleicht manchmal sein müsste. Man kann sich immer wieder sagen "hab keine Angst", aber das ist gar nicht so einfach. Und perfide ist ja auch, dass man durch die Anschuldigungen des Täters plötzlich anfängt, tatsächlich Dinge im Zusammenleben der Familie zu hinterfragen, die bis dahin immer selbstverständlich waren. Die Angst vor dem, was schreckliches passieren könnte, ist manchmal allein schon schrecklich genug: Das Kopfkino reicht."

 

Dietrich Hollinderbäumer: "Der Ehrgeiz des Schauspielers sollte sein, seine Figur bis in den letzten Winkel auszuleuchten, um sie begreifbar zu machen. Die Frage aber, was dieser Vater seinem Sohn schreckliches angetan haben muss, um ein so großes Opfer zu rechtfertigen, mag der Zuschauer sich selbst beantworten."

 

Udo Samel: "Auch ein Mensch in Not gebiert Ungeheuer. Die Ambivalenz dieser Feststellung, wie sie im Drehbuch und Buch von Dirk Kurbjuweit beschrieben wird, interessierte mich sehr. Da wohnt ein Mann, Dieter Tiberius, im Souterrain eines Hauses, in dem er im Grunde nie leben durfte. Es zieht eine nette Familie in das Obergeschoss der Villa. Und von Anfang an gibt es Misstrauen und Missgunst. Eine Begegnung überstürzt die andere und alle geraten in eine Spirale des Ungeheuerlichen. Dieter fühlte in seinem Leben nie Liebe, nie die der Mutter, noch die des Vaters. Er kam ins Heim und wurde auch da missachtet, ja sogar missbraucht. Eine gequälte Existenz. Nur der Bruder bringt ihm Achtung entgegen. Er kann sich nur kurz aus dieser schwierigen Herkunft befreien, findet nach verspätetem Abitur als Informatiker in das Berufsleben. Aber nur kurz ruhen seine Dämonen. Seine Bemühungen um Freundlichkeit, gute Nachbarschaft, Freundschaft wirken von Anfang an wie gelähmt."

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