Aschenberg

Doku-Mehrteiler für die ZDFmediathek

"Wodka-Berg", "Netto-Ghetto": Das Plateau des Fuldaer Aschenberg genießt einen zweifelhaften Ruf – doch es steht auch für sozialen Zusammenhalt. Zehn Monate lang begleitete ein Kamerateam einzelne Bewohner des Aschenbergs bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Herausforderungen. Der Doku-Mehrteiler "Aschenberg" ist die Langzeitbeobachtung eines Mikrokosmos mitten in Deutschland. Die Reihe mit fünf Folgen à ca. 30 Minuten wurde für die ZDFmediathek entwickelt und ist seit Mittwoch, 2. September 2020, 10.00 Uhr, online abrufbar.

  • ZDF Mediathek, ab Mittwoch, 2. September 2020, 10.00 Uhr

    Texte

    "Aschenberg" in der ZDFmediathek

    Ab Mittwoch, 2. September 2020, 10.00 Uhr, in der ZDFmediathek

    Aschenberg

    Doku mit fünf Folgen von Svaantje Schröder und Christoph Piening

    Kamera: Henrik Eichmann, Leonard Bendix
    Produktion: Bewegte Zeiten
    Redaktion: Nina Behlendorf, Marion Böhm, Andrea Schreiber
    Leitung der Sendung: Markus Wenniges
    Länge: 5 x ca. 30 Minuten

    Aschenberg – eine Langzeitbeobachtung

    "Wodka-Berg", "Netto-Ghetto": Das Plateau des Fuldaer Aschenberg genießt einen zweifelhaften Ruf  doch es steht auch für sozialen Zusammenhalt. Der gesamte Bezirk Aschenberg ist Heimat für mehr als 8500 Menschen. Zehn Monate lang begleitete ein Kamerateam einzelne Bewohner des Aschenbergs bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Herausforderungen. Der Doku-Mehrteiler ist als Hochglanzprojekt für die ZDFmediathek produziert worden.

    Der Aschenberg versteckt sich nicht. Seine Hochhäuser thronen hoch über Fulda. Und doch schauen viele in der Stadt auf ihn herab. Im Bezirk leben fast 20 Prozent der Menschen von Hartz IV, und die AfD hat dort bei der zurückliegenden Landtagswahl ein hohes Ergebnis erzielt. Der Aschenberg hat viele Gesichter, Hautfarben und Kulturen von Menschen aus mehr als 70 unterschiedlichen Nationen. Die Autoren nehmen an ihrem Leben teil, erzählen von Träumen, Hoffnungen oder Sorgen der Aschenberg-Bewohner. Jeder von ihnen versucht, sein persönliches Ziel zu erreichen. So wie die zehnjährige Lisa. Die Viertklässlerin ist in Kasachstan geboren. Sie spricht am besten Deutsch in ihrer Familie und will auf keinen Fall auf die Hauptschule gehen, wie es auf dem Aschenberg üblich ist. Wird sie ihr Ziel erreichen? Auch Fawad kam als Kind mit seinen Eltern auf den Aschenberg – aus Pakistan. Als Teenager ist er lieber mit seinen Jungs um die Blocks auf dem Aschenberg gezogen als in die Schule zu gehen, hat viel "Scheiße gebaut", wie er sagt. Jetzt möchte er endlich seine "verschwendete Jugend" hinter sich lassen und seine Eltern stolz machen. Daher hofft er auf einen guten Job und eine lebenswerte Zukunft, denn "von nix kommt nix, und bestimmt kein Benz", so das Motto des 22-Jährigen.  

    Vor 20 Jahren war das Plateau des Aschenbergs ein sozialer Brennpunkt. Verschiedene Kulturen prallten aufeinander und es kam immer wieder zu Spannungen – bis die Stadt reagierte. Der soziale Zusammenhalt unter den Bewohnern wurde gefördert, ein Bürgerzentrum entstand. Heute engagieren sich hier viele, so wie Nezam Kiniki und Christoph Eisermann. Beide sind Streetworker auf dem Aschenberg und doch viel mehr als "nur" Sozialarbeiter: Sie helfen Jugendlichen bei Bewerbungen und sind immer da, wenn sie gebraucht werden. Vor fünf Jahren gründeten die zwei Freunde gemeinsam mit anderen Engagierten auf dem Aschenberg den Fußballverein SV Aschenberg United, der in der Kreisliga B spielt. Er soll vor allem jungen Migranten eine Heimat geben, die von anderen Vereinen abgelehnt wurden. Doch der SV Aschenberg United ist selbst "ohne Heimat". Seit langem kämpfen die beiden Streetworker um einen eigenen Fußballplatz, um ihre Heimspiele dort austragen zu können. Werden Nezam Kiniki und Christoph Eisermann den Bürgermeister von Fulda überzeugen können, ihnen zu helfen?

    Auch die 73-jährige Katharina Hilkevic, von vielen nur Babuschka genannt, setzt sich für die Gemeinschaft ein: die Spätaussiedlerin aus Kasachstan kämpft gegen Schimmel und Müll im Treppenhaus ihres Hochhauses und gegen die stetig steigenden Nebenkosten. Dabei war die helle und renovierte Wohnung, als sie vor zwanzig Jahren hier herzog, für sie und ihren Mann ein Volltreffer. Und das, obwohl der Aschenberg so berüchtigt war: "Aschenberg hat sich früher nicht gut angehört, da ist doch die Mafia", so Katharina Hilkevic.

    Die Corona-Krise zwingt den sonst so lebendigen Aschenberg zum Stillstand. Wie überall im Land sind Schulen, Kitas und Spielplätze geschlossen. Auch die Dreharbeiten für die Doku-Serie mussten unterbrochen werden. In dieser Zeit dokumentierten die Protagonisten ihren Alltag mit selbstgedrehten Homevideos.

    "Aschenberg" ist die Langzeitbeobachtung eines Mikrokosmos mitten in Deutschland. Die Doku bietet Platz und Raum, um ungeschminkt das Leben der Menschen hier zu zeigen, mit all seinen Zwischentönen.

    Die Doku-Reihe – fünf Folgen à ca. 30 Minuten – wurde für die ZDFmediathek entwickelt und ist ab dem 2. September 2020 online abrufbar.

    "Früher 'Little Chicago', jetzt 'Wodka-Berg'"
    Zitate von Protagonisten aus "Aschenberg"

    "Früher hieß es 'Little Chicago', jetzt heißt es 'der Wodka-Berg'."
    Lisa Mistretta (49) über den Aschenberg, auf dem sie aufgewachsen ist

    "Mein Bruder musste auf die Hauptschule. Ich wünsche mir, dass ich auf die Realschule komme."
    Lisa Koschewnikow, 10 Jahre und während der Dreharbeiten in der 4. Klasse 

    "Wir sind immer füreinander da. Alleingelassen wird hier keiner!"
    Fawad Ahmad, 22 Jahre, wohnt mit seinen Eltern auf dem Aschenberg 

    "Aschenberg hat sich früher nicht gut angehört. Dort ist doch die ganze Mafia."
    Katharina Hilkevic, 73 Jahre alt, wohnt im höchsten Haus auf dem Aschenberg

    "Von nix kommt nix – und bestimmt kein Benz"
    Fawad Ahmad, 22 Jahre, will seinen Realschulabschluss nachholen und seine Eltern stolz machen

    "Mit der Zeit hat es immer mehr Spaß gemacht" 
    Fragen an Protagonisten aus "Aschenberg" zu den Dreharbeiten

    Drei Fragen an Fawad Ahmad (22)

    Was ist das Besondere am Aschenberg?

    Über den Aschenberg kursieren viele Gerüchte. Das wirklich Besondere hier sind der Zusammenhalt, die Ruhe und die schöne Aussicht auf Fulda. Am Aschenberg wirst du keinen Menschen finden, der sich alleine fühlt – wir halten hier alle zusammen.

    Wie war es für Sie, über einen so langen Zeitraum von der Kamera begleitet zu werden?

    Das war schon etwas ganz Neues und Anderes, zehn Monate lang mit der Kamera begleitet zu werden. So etwas kannte ich vorher nicht. Doch mit der Zeit hat es immer mehr Spaß gemacht. Für mich ist es ein tolles Gefühl, dass ich zu einem Hauptprotagonisten des Aschenbergs geworden bin. Am Anfang dachten die Leute, dass ich ein Musikvideo produziere, weil ich immer von Kameras umringt war.

    Was war für Sie der bewegendste Moment während der Dreharbeiten?

    Der bewegendste Moment war der Dreh auf dem Dach der Adenauerstraße 7, dem höchsten Haus in Fulda. Ich war ganz alleine oben auf dem Dach, während um mich eine Drohne flog. Das werde ich nicht vergessen, und die Bilder sind echt stabil geworden.

     

    Drei Fragen an Nezam Kiniki (39)

    Was macht den Stadtteil Aschenberg besonders?

    Am Aschenberg spiegeln sich die gesellschaftlichen Zusammenhänge Deutschlands wider. Das ist einfach ein kleiner Mikrokosmos, an dem man alle Gesellschaftsformen treffen kann. Das ist das Spannende daran.

    Haben die Dreharbeiten Ihren Blick auf den Aschenberg verändert?

    Ich habe durch die Dreharbeiten viele neue Menschen kennen und schätzen gelernt. Auf der anderen Seite hat man auch die Möglichkeit zu reflektieren: Das, was man in Interviews gesagt hat, wird ja festgehalten – und dann kann man Monate später nachschauen, was man gesagt hat.

    Und was war der spannendste Moment während der Dreharbeiten?

    Ich war so kontrolliert – da gab es keine Spannung (lacht). Nein, im Ernst: Das Spannendste war für mich, dass ich meine Scheu vor der Kamera verloren habe. Am Anfang war ich noch unsicher, gucke ich so oder lieber so, aber am Schluss war es einfach ganz normal, dass das Filmteam um mich herum war.

    "Das Leben auf dem Aschenberg gleicht dem Leben in einem Dorf"
    Fragen an Filmautorin Svaantje Schröder

    Welche Eindrücke haben Sie vom Leben auf dem Aschenberg?

    Diesen Ort muss man erst einmal kennenlernen, um ihn ansatzweise zu begreifen: die Hochhäuser, der große laute Netto-Parkplatz, die vielen Halbstarken, die mit lauter Musik über den Aschenbergplatz ziehen – all das sieht auf den ersten Blick erst mal sehr nach Milieu aus. Schnell wird man als Neuling, als Nicht-Aschenberger, erkannt und angequatscht – immer neugierig, immer freundlich, oft in gebrochenem Deutsch, meist ist die Frage nach einer Zigarette der Einstieg.

    Das Leben auf dem Aschenberg – so haben wir als Filmteam schnell realisiert – gleicht dem Leben in einem Dorf. Statt Traktoren fährt man dort auf BMX-Rädern herum, statt zur Freiwilligen Feuerwehr gehen die Jugendlichen ins Bürgerzentrum oder in den Jugendladen und statt auf Lebensmittel frisch vom Bauern schwören die Aschenberger auf den Döner vom "Bosporus".

    Der Boden ist gepflastert mit Schalen von Sonnenblumenkernen, die man günstig im russischen Supermarkt "Partner" erstehen kann. Und wenn die Schule vorbei ist und das Wetter nicht zu trüb ist (denn das ist es oft auf dem Aschenberg), hängt man bei einer Spezi (und ja, auch mal bei einer Flasche Wodka) auf dem Aschenbergplatz ab.

    Allein auf dem Aschenbergplateau leben etwa 4000 Menschen. Sie alle haben Sorgen und Probleme, die sie nicht offen nach außen tragen. Jeder trägt hier sein Päckchen, das spürt man. Unser Team wurde zunächst skeptisch beäugt, keiner der Menschen hier will die Herausforderungen, die das Leben auf dem Aschenberg mit sich bringt, laut und offen in eine Kamera brüllen.

    Was haben Sie getan, um Vertrauen und Nähe aufzubauen?

    Es hat Monate gedauert, das Wohlwollen der Aschenberger zu gewinnen. Wir waren kontinuierlich "aufm Berg", haben beim "Bosporus" gegessen, sind im Bürgerzentrum aufs Klo gegangen, haben uns beim Bäcker "Papperts" eine Kundenkarte geholt und dort den morgendlichen Kaffee getrunken. Wir waren immer wieder da, haben immer wieder aufs Neue das Gespräch gesucht und konnten unsere Protagonisten langsam davon überzeugen, dass wir nicht für "eine schnelle Story" über das Problemviertel Fuldas da sind, sondern tatsächlich an den Menschen hier und ihrem Leben interessiert sind. Wir haben nicht nur Fragen gestellt, sondern mindestens genauso oft Fragen beantwortet. Wenn ich auf den Aschenberg komme, kann ich sicher sein, dass Lisa Mistretta und Thomas Gilbert nach meinem Hund fragen, unser Ton-Mann wird von Nezam Kiniki mit einem freundlichen Schlag auf die Schulter begrüßt und der Frage, ob er auch alle Kabel dabei hat (bei einem unserer ersten Drehs ist eine Funkstrecke in Wiesbaden liegen geblieben) und unser Kameramann Henrik Eichmann wird von den Streetworkern ironisch als "Sonnenschein" betitelt, weil er wirklich sehr oft schlechtes Wetter mit auf den Aschenberg gebracht hat – kaum läuft die Kamera, fängt es an zu regnen.

    Und wie haben Sie die Protagonisten für die Doku gefunden?

    Die meisten Protagonisten haben wir während unserer ersten "Schnupper-Wochen" auf dem Aschenberg kennengelernt, ohne Kamera. Unseren heimlichen Lieblingsprotagonisten, Fawad Ahmad, konnten wir nicht finden – er hat uns gefunden. An einem (mal wieder verregneten) Abend hat unser Kameramann Henrik Eichmann Aufnahmen auf dem Plateau gemacht, Redakteur Christoph Piening stand ihm mit einem schützenden Regenschirm zur Seite. Ein Auto kam mit quietschenden Reifen über den Aschenbergplatz gefahren und hielt direkt vor den beiden. Fawad ließ das Fenster herunter: "Was macht ihr hier?" Als die beiden ihm von unserem Doku-Projekt erzählten, hatte Fawad nur eine Antwort: "Die Doku könnt ihr wohl schlecht ohne mich drehen, ich leb‘ hier seit 20 Jahren, ich zeig euch, wie’s hier läuft." Und das tat er.

    Welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise auf die Dreharbeiten?

    Wie viele Menschen waren auch wir zu Beginn der Corona-Krise verunsichert, wie wir uns korrekt verhalten – gerade unseren Protagonisten gegenüber. Menschen mit Vorerkrankungen oder älteren Protagonisten wie "Babuschka" wollten wir auf keinen Fall zu nahe kommen.  Das Glück im Unglück war für uns, dass die Corona-Krise relativ spät in unserem Drehzeitraum lag, so dass wir schon einen guten persönlichen Draht zu den Menschen auf dem Aschenberg aufgebaut hatten und sie so bitten konnten, uns anhand von Videotagebüchern an ihrem Alltag in Zeiten von Corona teilhaben zu lassen.

    Fotohinweis

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/aschenberg

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